Kleyers Kleinster: Adler 5/13 PS von 1912

Für den Kalauer im Titel meines heutigen Blog-Eintrags habe ich mir einige historische Freiheiten genommen:

Zwar war der Gründer der Firma Heinrich Kleyer aus Frankfurt/Main, die sich ab 1881 mit Fahrrädern am Markt etabliert hatte, einst die treibende Kraft hinter der Entstehung der Automarke Adler – doch für die Konstruktion der Adler-Wagen ab 1900 zeichnete er selbst nicht verantwortlich – dafür griff man auf erfahrene Ingenieure zurück.

Zudem war der Name Kleyer bereits mit der Gründung der Adlerwerke AG 1895 eigentlich Vergangenheit – nur der Zusatz „vormals Heinrich Kleyer“ erinnerte noch eine Weile im Firmennamen an ihn – wie in dieser Reklame von 1913:

Reklame für den Adler 5/13 PS-Modell; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die Anzeige erschien 1913 in der Zeitschrift „Jugend“ – die übrigens Ende des 19. Jh. erstmals den Kunststil ins Rampenlicht gerückt hatte, der nach ihr im deutschsprachigen Raum als „Jugendstil“ bezeichnet wurde.

Richtig ist auf jeden Fall, dass diese Reklame für das seinerzeit kleinste Adler-Modell warb – den Typ 5/13 PS mit 1,3 Liter-Vierzylinder. Im Wesentlichen handelte es sich um eine leistungsgesteigerte Ausführung des seit 1910 gebauten Typs 5/11 PS.

Etwas moderner fielen die Aufbauten aus, bei denen die Linie der Motorhaube harmonisch in die dahinterliegende Blechpartie überging, die zur Windschutzscheibe hin anstieg – als Windlauf, Windkappe oder auch Torpedo bezeichnet.

Zudem besaß der Adler 5/13 PS serienmäßig filigrane Drahtspeichenräder, anhand derer man ihn vom Vorgängertyp 5/11 PS, aber auch vom etwas stärkeren Modell 7/15 bzw. 7/17 PS unterscheiden kann, die beide mit klobigeren Holzspeichenräder daherkamen.

Ein weiteres Detail des Adler 5/13 PS zeichnete sich dadurch aus, dass man es von außen nicht sah – dazu später mehr. Hier erst einmal ein Foto, das höchstwahrscheinlich einen Typ 5/13 PS zeigt, wie er ab 1912 angeboten wurde:

Adler Typ 5/13 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Adler-Wagen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg ähneln sich zwar in der Formgebung stark und unterschieden sich äußerlich praktisch nur in den Proportionen.

Doch hier haben wir den glücklichen Fall, dass man anhand der Größe der Insassen und der Fenster im Hintergrund ermessen kann, dass man es mit einem sehr kompakten Modell zu tun hat. Die Drahtspeichenräder bestätigen dann die Vermutung, dass dieses Auto tatsächlich „Kleyers Kleinster“ war – dessen Radstand ganze 2,40 m betrug.

An der Ansprache als Adler kann ohnehin kein Zweifel bestehen, der typische Kühler mit rasterförmigem Netz, der kursive Adler-Schriftzug und die Kühlerfigur sagen alles:

Die mit Karbidgas betriebenen Scheinwerfer unterstützen die Annahme, dass dieses Foto noch vor Beginn des 1. Weltkriegs entstanden ist – der Adler war damals also bestenfalls zwei Jahre alt.

Das Erscheinungsbild der Insassen wäre allerdings sowohl mit einer frühen Datierung als auch mit einer Entstehung in die Zeit kurz nach 1918 vereinbar.

Zwar brachten die 1920er Jahre vor allem bei den Damen einen radikalen Wandel in der Mode mit sich, aber die weiblichen Passagiere könnte man wie die Herren in der Vor- und in der (frühen) Nachkriegszeit verorten:

Dieser Ausschnitt bietet sich nun dazu an, auf das Detail zurückzukommen, das den Adler Typ 5/13 vom Vorgänger 5/11 PS unterscheidet, weil es nicht sichtbar ist.

Was könnte das sein? Nun, schauen wir, was sich in Griffweite des Fahrers befindet: Neben dem Lenkrad natürlich wäre das der Gummiball zur Bedienung der Hupe. Aber fehlt hier nicht noch etwas anderes?

Tatsächlich: Man sieht keinen Handbrems- und Schalthebel – die doch bei so frühen Automobilen fast immer rechts außen an der Karosserie angebracht waren. Ein Blick in die Literatur bestätigt, dass ausgerechnet „Kleyers Kleinster“ mit innenliegenden Brems- und Schalthebeln ausgestattet war.

Bleibt die Preisfrage: Besaß dieser Adler 5/13 PS aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg bereits Brems- und Schalthebel in Wagenmitte – oder waren diese rechts an der Innenseite der Karosserie angebracht?

Die letztgenannte Variante erscheint mir wenig wahrscheinlich – weiß es ein Kenner früher Adler-Modelle dieses Typs genau?

Festzuhalten bleibt so oder so, dass auch „Kleyers Kleinster“ ein interessantes und markentypisch vollwertiges Automobil in bester Verarbeitung war – kein Wunder dass man einst ziemlich stolz darauf war.

Für mich zeigt sich hier wieder einmal, wie ein auf den ersten Blick unscheinbares (und im Original schlecht erhaltenes) privates Autofoto bei näherer Betrachtung einiges Interessantes preisgibt – ganz abgesehen davon, dass historische Aufnahmen dieses Typs sehr selten sind, weshalb jedes Puzzlestück zählt – und sei es auch das kleinste…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ungleiche Brüder: Adler „Primus“ und „Trumpf“

Die Freunde der Marke „Adler“ aus Frankfurt/Main werden sich vielleicht schon gefragt haben, weshalb ich bisher die in den 1930er Jahren so erfolgreichen Modelle „Trumpf“ und „Trumpf Junior“ gemieden haben.

Nun könnte ich anführen, dass ich erst noch haufenweise Fotos früherer Typen der Marke abzuhandeln habe, darunter einige frühe Modelle vor dem 1. Weltkrieg und jede Menge Exemplare der 1920er Jahre – einschließlich „Favorit“ und „Standard 6 bzw. 8“.

Doch in dieser Kategorie haben sich inzwischen derartig zahlreiche Originalaufnahmen aus meinem eigenen Fundus und von Sammlerkollegen eingefunden, dass die populären Typen „Trumpf“ und „Trumpf-Junior“ wohl nie in Reichweite kommen.

Das wäre schade, denn auch von diesen gut dokumentierten Typen gibt es jede Menge reizvolle Aufnahmen, darunter auch einige, die nicht ganz alltägliche Aufbauten zeigen.

Wie aber beginnen? Nun, am besten ganz vorn, nämlich mit der Einführung des Adler „Trumpf“ im Jahr 1932. Mit seinem Frontantrieb, der dem neu angeworbenen Konstrukteurs-Team um Hans-Gustav Röhr zu verdanken war, war das Modell für Adler ein kühner Schritt.

Zwar hatten Stoewer und DKW bereits zuvor Fronttriebler vorgestellt, doch das Antriebskonzept polarisierte – und tut es in gewissem Rahmen heute noch. Daher bot man parallel ein Modell mit traditionellem Heckantrieb an – den Adler „Primus“.

Dieser besaß denselben Motor und wurde anfänglich mit demselben Aufbau angeboten – ein bemerkenswertes Beispiel für eine Art Plattformstrategie. Optisch unterschieden sich die beiden Modelle im Erscheinungsjahr dennoch stark.

So kam der technisch konventionelle „Primus“ mit einem Flachkühler und Rädern daher, wie man sie von den Modellen „Favorit“ und „Standard 6“ kannte, die noch aus den 1920er Jahren stammten und Anfang der 30er ausliefen:

Adler „Primus“ Limousine von 1932; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese technisch zwar nicht ideale, aber dennoch reizvolle Aufnahme eines Adler „Primus“ von 1932 hat mir Leser Marcus Bengsch vor einiger Zeit zugesandt.

Zumindest die erwähnte Kühlerpartie kann man hier gut erkennen. Sie zeichnete sich durch verchromte Lamellen im Kühler, das Adler-Emblem nach Entwurf von Bauhaus-Architekt Walter Gropius und eine geschwungene Scheinwerferstange aus, die der Front etwas die Strenge nimmt.

Die erwähnte Gestaltung der Räder lässt sich hier zwar nicht erkennen, dafür entschädigen aber die neben dem Wagen stehenden Damen, bei denen ich den Wagen entsprechend ganz unterschiedliche Charaktere vermute.

Technisch noch schlechter, aber kaum weniger sehenswert ist die folgende Aufnahme eines „Primus“, auf der man nun immerhin auch die Räder studieren kann:

Adler „Primus“ Limousine“ von 1932; Originafoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto stammt aus meinem eigenen Bestand und ist auf Juli 1932 datiert. „Fahrt nach Cottbus“ steht außerdem noch auf der Rückseite des Abzugs.

Das ist vermutlich alles, was von dem Ausflug dieser Adler-Freunde aus dem Raum Berlin übriggeblieben ist. Sicher hätten sie nicht gedacht, dass die sommerliche Stimmung dieser Situation noch nach fast 90 Jahren ansteckend wirkt.

Wer sich von dem hinreißenden Lächeln der Dame neben der Fahrertür losreißen kann, wird bemerken, dass die Räder des „Primus“ keine die Radbolzen abdeckenden Radkappen besaß, sondern eine voluminös ausgeprägte Nabenkappe, die verchromt war.

Schon besser zur aktuellen Jahreszeit (zumindest in meiner Region gab es kürzlich die ersten Nachtfröste) passt vielleicht eine letzte „Primus“-Aufnahme, die ich Frank-Alexander Krämer verdanke, der als Archäologe und Geschäftsführer einer Grabungsfirma auch ein Faible für Vorkriegsfahrzeuge hat:

Adler „Primus“ Limousine“ von 1932; Originalfoto aus Sammlung Frank-Alexander Krämer

Das ist in mancherlei Hinsicht eine sehr interessante Aufnahme: Zunächst fällt das Logo des Chemie und -Pharmakonzerns Bayer ins Auge – der Primus dürfte somit ein Firmenwagen gewesen sein. So etwas sieht man nicht alle Tage.

Dann haben wir eine Kühlermanschette zur Regulierung des Luftdurchsatzes in der kalten Jahreszeit (Thermostate waren noch unüblich). Diese gab es maßgeschneidert für jedes in nennenswerter Stückzahl am deutschen Markt vertretene Automobil.

Der Hersteller der Manschette lieferte wohl schon länger solche Kühlermanschetten für Adler-Wagen, denn wie selbstverständlich applizierte er das traditionelle Adler-Emblem darauf, das jedoch 1932 in dieser Form nicht mehr aktuell war.

Wie das Adler-Emblem auf dem Kühler des „Primus“ tatsächlich aussah, ist gar nicht so leicht herauszufinden, da es recht klein war und Fotos des Typs nicht gerade häufig sind.

In einem älterem Blog-Eintrag zum Adler „Primus“ wird man aber fündig:

Adler Primus Limousine von 1932; Foto der 1960er Jahre aus Sammlung Michael Schlenger

Neben diesen Aufnahmen finden sich in meiner Adler-Galerie nur zwei weitere Fotos des „Primus“ mit Flachkühler. Er wurde in dieser Ausführung nur 1932 gebaut und wie es scheint, wurde er weit seltener abgesetzt als der zeitgleiche „Trumpf“ mit Frontantrieb.

Auffallend ist auch, dass alle mir bisher vorliegenden historischen Originalfotos von Exemplaren des Adler „Primus“ Limousinen zeigen. Beim parallel erhältlichen „Trumpf“ scheinen dagegen deutlich mehr Käufer eine offene Version bevorzugt zu haben.

Entsprechend schwer fiel es mir, eine Vorkriegsaufnahme eines Adler „Trumpf“ mit geschlossenem Aufbau zu finden, der nebenbei identisch mit dem des „Primus“ war. Zugeliefert wurde die Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd (Berlin).

Nur die Haubenpartie fiel beim Fronttriebler „Trumpf“ länger aus, da der Motor nicht wie bei heutigen Wagen dieses Konzepts quer sondern, um 180 Grad gedreht längs eingebaut wurde, sodass sich das Getriebe vor dem Motor befand.

Dank Leser Marcus Bengsch kann ich heute einen solchen Adler „Trumpf“ mit geschlossenem Aufbau anhand eines zeitgenössischen Originalfotos zeigen:

Adler „Trumpf“ Limousine von 1932/33; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Wie man sieht, hatten die Gestalter von Adler dem technisch moderneren Modell „Trumpf“ eine etwas progressiver wirkende Frontpartie verpasst.

Der Kühler stand leicht schräg im Wind und war etwas v-förmig ausgeführt, sodass auch der Adler auf dem Grill seine Schwingen etwas nach hinten strecken musste. Die Radbolzen waren beim „Trumpf“ hinter Radkappen versteckt und auf das traditionelle Trittbrett, das der Primus besaß, verzichtete man ganz.

In dieser Form wurde der Adler „Trumpf“ zwei Jahre lange gebaut, bis er 1934 ebenfalls eine schrägstehende Windschutzscheibe erhielt.

Beim Modell „Primus“ begnügte man sich damit, ab 1933 die Kühlermaske des „Trumpf“ zu verbauen, behielt aber Trittbretter und Radgestaltung bei. Auch die Einführung seitlicher „Schürzen“ an den Vorderkotflügeln 1935 ersparte man dem Traditionsmodell.

So blieb es bis zur Produktionseinstellung des „Primus“ im selben Jahr beim Eindruck ziemlich „ungleicher Brüder“. Adler setzte danach hauptsächlich auf Fronttriebler, was sich als der richtige Ansatz erwies. Der Primus steht bis heute im Schatten des progressiven Verwandten und scheint weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein.

Wer mit originalen Fotos offener Versionen des Adler „Primus“ aufwarten kann, würde mir und meinen Leser damit eine große Freude machen. An Cabrio-Versionen des „Trumpf“ und „Trumpf Junior“ dagegen herrscht bei mir kein Mangel und ich habe einiges damit vor…

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6 Zylinder, 13 Linden: Ein Adler in Corvey

Leser meines Blogs sind ihm schon oft begegnet – dem Adler „Standard 6“ der späten 1920er Jahre, der mit 6-Zylindermotor, Hydraulikbremsen und Karosserie nach US-Vorbild den damals in Deutschland dominanten Amerikanerwagen Paroli bieten sollte.

Sein Erfolg blieb zwar begrenzt, die Mehrzahl potentieller Käufer bevorzugte nach wie vor US-Fabrikate, doch hat er zumindest in Form alter Fotos reichlich Spuren hinterlassen.

Mehr als zwei Dutzend Exemplare davon sind in meiner Adler-Galerie versammelt, und es finden sich immer noch neue – auch dank Lesern und Sammlerkollegen. Da kann man schon ein wenig verschwenderisch vorgehen und ein Spitzenfoto des Standard 6 quasi als Einleitung für die Geschichte nehmen, die ich heute erzählen will:

Adler „Standard 6“ Limousine, aufgenommen 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese sicher von Profihand angefertigte Aufnahme entstand im April 1928 und zeigt einen Adler „Standard 6“ in der frühen Ausführung aus idealer Perspektive.

Hauptmerkmal der ab 1927 gebauten Erstversion des Modells war die Kühlereinfassung mit weit in das Kühlernetz hineinragendem Adler-Emblem. Dieses wanderte bei späteren Ausführungen (ab etwa 1930) ganz nach oben. Daneben vollzogen sich weitere Änderungen (aber nicht alle zeitgleich), die hier nicht thematisiert werden sollen.

Vergleiche mit Abbbildungen in der Literatur (vor allem: W. Oswald; Adler Automobile 1900-1945, S. 47) sprechen dafür, dass dieser Aufbau als Sechsfenster-Limousine vom Berliner Presswerk Ambi-Budd in Ganzstahlausführung zugeliefert wurde.

Das Kennzeichen verweist auf eine Zulassung im Raum Plauen (Vogtland, Sachsen), Näheres zum Aufnahmeort ist nicht bekannt und lässt sich wohl auch nicht mehr ermitteln.

Ganz anders sieht das aus bei dem Foto, das heute eigentlich im Mittelpunkt steht, obwohl es von weit schlechterer Qualität ist. Doch ist es nicht das erste Mal, dass sich ein auf den ersten Blick unscheinbareres Bild am Ende als das interessantere herausstellt:

Adler „Standard 6“ vor dem Hotel Dreizehnlinden in Corvey; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses Foto stammt aus dem Fundus von Matthias Schmidt (Dresden) und zeigt offenbar einen nahezu identischen Adler Standard 6 in der frühen Ausführung mit Ambi-Budd-Aufbau; nur ist hier ein seitliches Ersatzrad montiert.

Das Nummernschild verrät, dass diese Limousine einst im westfälischen Landkreis Soest zugelassen war. Wie sich zeigen wird, befand sich der Ort der Aufnahme gut 100 km weiter östlich von Soest.

Wo dieser Adler geparkt worden war, das lässt sich anhand der Aufschrift auf dem dreistöckigen Gebäude genau ermitteln: „Dreizehnlinden“. So lässt sich der Schriftzug ergänzen, außerdem ist er nochmals auf dem Türsturz über dem Eingang eingemeißelt.

Dort erfährt man auch, dass man es mit einem Hotel zu tun hat, was einen nach kurzer Recherche zum „Hotel Dreizehnlinden“ beim einst hochbedeutenden Kloster Corvey führt.

Das 1794 erbaute Hotel befindet sich westlich des Tors zu Kloster- und Schlossanlage. Auf der folgenden historischen Ansichtskarte sehen wir es aus ähnlicher Perspektive, aber aus größerer Entfernung als auf dem Foto mit dem Adler:

Hotel Dreizehnlinden beim Kloster Corvey, Ansichtskarte um 1910; Quelle: https://picclick.de

Der Ruf des Hotels Dreizehnlinden scheint ausgezeichnet gewesen zu sein, wenn man den Quellen im Netz glauben darf. Dazu würde es gut passen, dass eine Gesellschaft mit nicht ganz billigem Adler „Standard 6“ einst dort haltmachte.

Übrigens hatte das Hotel seinen eigentümlichen Namen erst 1907 in Anlehnung an ein fiktives Kloster „Dreizehnlinden“ erhalten, das im gleichnamigen Epos von Friedrich Wilhelm Weber eine zentrale Rolle spielt.

Der Verfasser des Werks, den man nicht zu den großen seiner Zeit zählen muss, hatte darin einige Bezüge aus seiner Heimatregion einbezogen – auch der Name „Dreizehnlinden“ ist in der Gegend um Corvey belegt.

So kommt man anhand einer auf den ersten Blick mittelprächtigen Aufnahme eines Adler mit 6 Zylindern auf einen idyllischen Ort namens Dreizehnlinden (das sehr original erhaltene, aber baufällige Hotel steht übrigens seit Jahrzehnten leer) und könnte sich nun im Studium der Geschichte von Corvey beispielsweise verlieren.

Doch trotz solcher reizvoller Ausflüge in die Regionalgeschichte sind es aber letztlich die alten Automobile, die uns in ihren Bann ziehen. Und so steht am Ende des heutigen Blogeintrags nochmals ein Adler Standard 6, diesmal aus ungewöhnlicher Perspektive und in offener Ausführung:

Adler „Standard 6“ und Opel 4/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Bei den großen Adler-Wagen der späten 1920er und frühen 1930er Jahre findet sich immer wieder reizvolles Bildmaterial. Hinter dem mächtigen Adler hat übrigens ein braver Opel 4/20PS haltgemacht.

Doch nicht nur unterschiedliche Orte und Gelegenheiten machen den Charme dieser amerikanisch inspirierten Adler-Modelle aus. Auch unter der Haube ist noch einiges Potential vorhanden – denn eine Variante habe ich bislang ausgeblendet – den Standard 8!

Auf das rare Prachtstück freut sich bestimmt nicht nur dieser einzelne Herr…

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In den 30ern schon eine Rarität: Adler „Favorit“ Tourer

In den 1920er Jahren waren Tourenwagen gewissermaßen ein Branchenstandard im deutschsprachigen Raum. Die offenen Versionen mit Platz für bis zu sieben Personen wurden jedoch nicht wegen ihrer Freiluftqualitäten bevorzugt, sondern weil sie die günstigste Möglichkeit darstellten, überhaupt ein Auto zu fahren.

Das begann sich ab Mitte der 1920er Jahre zu ändern, als zunehmend Limousinen gefragt waren. Das erklärt, weshalb beispielsweise Adler aus Frankfurt das 1928 eingeführte Vierzylindermodell „Favorit“ meist mit geschlossenem Aufbau lieferte.

Hier ein typisches Beispiel mit Ganzstahl-Standardkarosserie von Ambi-Budd:

Adler „Favorit“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser 1930 fotografierte Wagen entspricht vollkommen vergleichbaren Exemplaren in der Literatur. Das Adler-Emblem ragt noch in das Kühlernetz hinein, was in Verbindung mit den fünf Radmuttern ein klarer Hinweis auf einen „Favorit“ von 1928-30 ist.

Der parallel erhältliche Sechszylindertyp „Standard“ 6 wäre davon nur durch die größere Reifendimension und sechs Radmuttern zu unterscheiden gewesen.

Bereits bei diesen ersten Ausführungen des Adler „Favorit“ und des „Standard 6″ waren klassische Tourenwagenaufbauten selten. Meine Adler-Fotogalerie enthält zwar mittlerweile Dutzende Fotos dieser Typen – doch Tourenwagen sind die Ausnahme.

Hier haben wir ein rares Beispiel für den Tourer in der Ausführung bis 1930:

Adler „Favorit“ Tourenwagen, Bauzeit: 1928-30; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Langjährige Leser meines Blogs werden diese schöne Aufnahme bereits kennen, die auch insoweit außergewöhnlich ist, als sie die seitlichen Steckscheiben zeigt, die normalerweise nur bei geschlossenem Verdeck angebracht wurden.

Das Oberteil der Windschutzscheibe ist hier waagerecht ausgestellt und gibt den Blick frei nicht nur auf den jungen Mann am Lenkrad, sondern auch auf ein Schild im Hintergrund mit der Aufschrift „SHELL AUTOOELE“, das heute Sammlerwert hätte.

Zur Jahreswende 1930/31 wurden Adler „Favorit“ und „Standard 6“ optisch modernisiert. Das dreieckige Adler-Emblem wanderte nach oben und war nun ganz in die Kühlermaske integriert. Gleichzeitig wurden die in zwei Gruppen angeordneten horizontalen Luftschlitze in der Motorhaube durch senkrechte abgelöst.

Das sah bei der Limousine dann so aus wie auf dieser Aufnahme:

Adler „Favorit“ ab 1930, aufgenommen in der „DDR“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass wir keinen „Standard 6“ vor uns haben, sagt uns das Fehlen des entsprechenden Hinweises auf der Scheinwerferstange. Nach der Modellpflege Ende 1930 besaßen nämlich „Standard 6“ und der Vierzylindertyp „Favorit“ nur noch fünf Radmuttern.

Nebenbei ist dieses Foto ein schönes Beispiel für das Überleben von Vorkriegswagen als Alltagsauto in der einstigen „Deutschen Demokratischen Republik“, die ich wie die „Demokratische Volksrepublik Nordkorea“ bewusst in Anführungszeichen schreibe.

Ab 1930 wurden Tourenwagen außer für staatliche Abnehmer wie Polizei und Militär kaum noch gebaut. Wer als Privatmann eine offene Ausführung wünschte, kaufte meist ein Cabriolet, das mit Kurbelscheiben und gefüttertem Verdeck weit komfortabler war.

Umso spannender ist es, auch bei den späten Adler-Wagen der Typen „Favorit“ bzw. „Standard 6“ doch noch vereinzelt auf Tourenwagenversionen zu stoßen:

Adler „Favorit“ Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses aus vorteilhafter Perspektive geschossene Privatfoto verdanke ich einmal der Großzügigkeit von Matthias Schmidt aus Dresden, der ein bemerkenswertes Archiv an Autofotos aus dem Deutschland der Vorkriegszeit besitzt.

Auch hier vermute ich aufgrund des Fehlens der Ziffer „6“ auf der Scheinwerferstange, dass es sich um den Vierzylindertyp „Favorit“ und nicht einen „Standard 6“ handelt. Bemerkenswert ist, dass sich der Käufer für einen Tourenwagenaufbau entschied, der inzwischen so selten war, dass er in der heutigen Literatur nicht mehr abgebildet ist.

Wer Zweifel an dem Befund hat, da das Verdeck des oben abgebildeten Wagens durch den stolz posierenden Besitzer abgedeckt ist, sei auf eine zweite Aufnahme desselben Autos verwiesen, die jeden Zweifel zerstreut:

Adler „Favorit“ Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese Seitenansicht mit geschlossenem Verdeck ist nach meiner Einschätzung eine Rarität – mir ist jedenfalls bislang keine vergleichbare Abbildung begegnet, die einen Adler „Favorit/Standard 6“ ab 1930/31 in solcher Tourenwagenausführung zeigt.

Überraschenderweise wirkt der Adler mit geschlossenem Verdeck und die Länge betonender hell abgesetzter Seitenleiste geradezu sportlich. Das waren zwar weder „Favorit“ noch „Standard 6“ tatsächlich, doch der Stil ist absolut überzeugend.

Der spezielle Geschmack dieses Adler-Besitzers, der sich hier lässig mit Zigarre und in die Ferne gehendem Blick inszeniert, gefällt mir ausgesprochen gut, nicht zuletzt weil er offenbar auf modische Strömungen nichts gab.

Seine Partnerin mit Hund scheint mit der Situation eines stilistisch aus der Zeit gefallenen Automobils durchaus glücklich gewesen zu sein – war sie am Ende eine frühe Nostalgikerin?

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„Neues“ 2-Sitzer-Cabrio auf Basis Adler Standard 6

Selbst von gut dokumentierten Vorkriegstypen wie dem Sechszylindertyp „Standard 6“ der Frankfurter Adler-Werke finden sich auch nach rund 90 Jahren immer noch „neue“ Versionen.

Etwas mehr als 20.000 Exemplare des Adler „Standard 6“ entstanden zwischen 1927 und 1934 – gemessen an der erdrückenden Konkurrenz aus den USA war das nicht viel, dennoch begegnet einem das Modell auf alten Fotos auf Schritt und Tritt.

Einige Dutzend unterschiedlicher Wagen des Typs sind mittlerweile in meiner Adler-Fotogalerie versammelt. Am häufigsten ist die Limousine vertreten, deren Ganzmetallaufbau von Ambi-Budd in Berlin geliefert wurde.

Etliche Fotos dieser Ausführung sind mir in letzter Zeit zugelaufen, darunter diese hier:

Adler „Standard 6“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Viel einfacher als auf dieser auf dem Land entstandenen Aufnahme könnte die Identifikation des Wagens kaum sein:

– die Reserveradabdeckung liefert den Herstellernamen „ADLER“ mitsamt Markenemblem,

– die Kühlerfigur zeigt einen stilisierten Adler, wie er typisch für die Modelle der Marke in den späten 1920ern war – grafisch übrigens ähnlich dem Kranich der Deutschen Luft-Hansa und der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft jener Zeit

– die sieben Radbolzen verweisen auf das Modell „Standard 6“, während der parallel mit fast identischer Karosserie erhältliche Vierzylindertyp „Favorit“ nur deren fünf besaß

– die horizontalen Luftschlitze in der Haube verraten, dass wir es mit einem spätestens 1930 entstandenen Modell zu tun haben.

Soweit, so konventionell. Doch neben der Limousine mit Ganzstahlaufbau entstand eine erstaunliche Vielzahl an offenen Versionen in traditioneller Gemischtbauweise, also mit einem auf Holzrahmen montierten Blechkleid.

Offenbar war die Klientel, die sich einen Adler „Standard 6“ leisten konnte, dermaßen solvent, dass es häufig auch für einen individuellen Aufbau reichte wie den, den ich heute anhand eines Fotos von Leser Matthias Schmidt (Dresden) vorstelle:

Adler „Standard 6“, 2-Sitzer-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Hier haben wir eine Ausführung als zweisitziges Cabriolet vor uns – eine im wahrsten Sinne des Wortes exklusive Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass der Adler „Standard 6“ als Limousine oder auch in der eher seltenen Tourenwagenausführung sechs bis sieben Personen Platz bot.

Für den Luxus eines solchen Spezialaufbaus mit Platz für zwei Insassen war zudem ein saftiger Preisaufschlag gegenüber dem Serienmodell zu zahlen. Dass dies gar nicht einmal so selten vorkam, unterstreicht nur, dass Automobile im Deutschland der späten 1930er Jahre nach wie vor sehr begüterten Zeitgenossen vorbehalten waren.

Dieses Exemplar, das Ähnlichkeit mit einem Zweisitzer-Cabriolet von Papler hat, aber von einem anderen Hersteller zu stammen scheint, war einst in Berlin zugelassen:

Erkennt jemand die Plakette der Karosseriebaufirma an der Flanke oberhalb des Schwellers wieder? Und was bedeuten die beiden Embleme an der Scheinwerferstange?

Das in Fahrtrichtung links befindliche scheint die verschlungenen Buchstaben „b“, „A“ und „C“ zu zeigen – könnte das auf den „Berliner Automobil Club“ verweisen?

Markant ist der nach oben geschwungene Übergang der seitlichen Zierleiste auf Höhe des Fensterholms zu dem breiten Zierband entlang der Gürtellinie des Adler. Dieses Detail unterscheidet den Wagen von mir bekannten Fotos anderer Zweisitzer-Cabrios dieses Typs.

Vielleicht liefert ja der übrige Aufbau einen Hinweis auf den Hersteller des Aufbaus. Nebenbei kann man hier anhand der Wölbung der Tür erahnen, welcher Meisterschaft der Bau einer solchen Karosserie von Hand bedurfte:

Wenn ich es richtig sehe, entstanden solche offenen Aufbauten mit zwei Sitzen nur auf der Basis des kurzen Fahrgestells mit 2,84 Metern Radstand statt 3,14 Metern bei der langen Ausführung.

Den traditionellen Tourenwagenaufbau dagegen gab es offenbar mit kurzem und langem Radstand, er wurde jedoch kaum gekauft. In der Literatur taucht er jedenfalls nur am Rande auf. Ein Foto, das einen Adler „Standard 6“ als Tourer zeigt, ist einer von gleich mehreren Exemplaren dieses Typs, der sich als Kandidat für einen zukünftigen Blog-Eintrag qualifiziert.

Doch zuvor müssen wir uns der Abwechslung halber einmal wieder mit ganz frühen Adler-Typen beschäftigen, die uns in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurückführen…

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Sechs Fenster, sechs Zylinder: Adler 10/50 PS

Fast auf den Tag zwei Jahre ist es her, dass ich erstmals ein historisches Foto des Adler-Modells besprechen konnte, um das es in diesem Blog-Eintrag geht. Dass es so lange dauerte, bis sich wieder eine Gelegenheit dazu ergab, hat mit der Seltenheit dieses Typs zu tun, von dem ab 1925 nur wenige hundert Exemplare entstanden.

Zur Erinnerung nochmals das Foto, das ich seinerzeit präsentieren konnte und das ich nach einigen Mühen als Adler Typ 10/50 PS identifiziert habe:

Adler Typ 10/45 oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Eines der Elemente, die letztlich die Ansprache als Adler dieses Typs ermöglichten, war das verchromte (oder vernickelte) Schutzblech am Schweller unterhalb der vorderen Tür.

Ins Bild passten dann auch Details wie die senkrecht stehenden Türklinken, die Drahtspeichenräder und die Bremstrommeln an den Vorderrädern, die eine Entstehung ab 1925 wahrscheinlich machten.

Der Abgleich mit dem Auto auf folgender Aufnahme von Adler-Sammler Rolf Ackermann brachte mich dann auf den Adler des Typs 10/50 PS:

Von diesem Typ findet sich in der mir bekannten Literatur genau ein Foto, das einen überlebenden Tourenwagen zeigt. Umso erfreulicher, dass ich heute mit einem weiteren Dokument aufwarten kann, das wahrscheinlich eine Limousine desselben Typs zeigt.

Der Adler 10/50 PS war ein Sechszylindertyp, der 1925 zunächst mit 10/45 PS-Spezifikation das Licht der Welt erblickt hatte.

Ganz ähnlich wie beim Nachfolgetyp Standard 6 wurde ihm ein Vierzylindertyp zur Seite gestellt, der nur geringfügig kleiner war. Ich gehe aber aufgrund des repräsentativen Erscheinungsbilds davon aus, das mein heute präsentierter Fotofund die sechszylindrige Variante zeigt:

Adler Typ 10/45 PS oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir das gute Stück mit damals seltenem (weil enorm teuren) Aufbau als Sechsfenster-Limousine. Die schwere Karosserie wird auch der Grund dafür gewesen sein, dass man statt der filigranen Drahtspeichenräder stabilere Stahlspeichenräder montierte.

Die Literatur nennt für das Modell beeindruckende Abmessungen, die die des Nachfolgetyps Standard 6 und sogar die des mächtigen Standard 8 übertreffen:

  • Radstand: 3,35 m
  • Länge: 4,65 m
  • Höhe: 1,93 m

Das erklärt, weshalb der Fahrer hier relativ klein wirkt. Tatsächlich dürfte er mindestens 1,70m groß gewesen sein, und zwar auch ohne die typische Chauffeursmütze. Leider ist der Abzug nicht scharf genug, um das Emblem auf der Mütze erkennen zu lassen.

Eine nähere Betrachtung verdient auf jeden Fall die Frontpartie des raren Wagens:

Allein schon die Höhe der Haubenlinie vermittelt einen Eindruck davon, was für eine kolossale Erscheinung dieser Wagen einst gewesen sein muss.

Dank der feinen Gestaltung der Entlüftungsschlitze in der Motorhaube wirkt die Masse des Vorderwagens dennoch nicht brachial. Auch der feine Schwung der Kühlermaske lässt die Frontpartie durchaus gefällig erscheinen.

Für Auflockerung sorgt außerdem die Kühlerfigur, die einen sich in die Luft schwingenden Adler zeigt. Adler-Kenner werden dieses von wiederholten Änderungen betroffene Detail sicher genau datieren können.

Leider ist mir weder in der Literatur noch im Netz bisher eine Chronologie der Adler-Embleme und Kühlerfiguren begegnet. Das sollte sich doch eigentlich machen lassen und wäre eine große Hilfe bei der Ansprache früher Adler-Modelle.

Zum Entstehungsort des Fotos kann ich leider nichts sagen. Das Kennzeichen verweist zwar auf Berlin als Zulassungsbezirk, aber das muss nichts heißen. Erkennt vielleicht jemand das Gebäude mit der Hausnummer 112 im Hintergrund?

Das Portal verweist auf eine Entstehung um die Jahrhundertwende und dürfte den Dimensionen nach zu einem öffentlichen Bau gehört haben. Könnte es zu einem Forschungsinstitut gehört haben, das einen Vorlesungssaal mit hohen Fenstern besaß?

Auch wenn die Architektur nichts Regionaltypisches aufweist, ist sie doch wie viele Bauten jener Zeit hinreichend individuell, um wiedererkannt zu werden. Von daher bin ich zuversichtlich, dass sich die Frage des Entstehungsorts noch klären lässt.

Vielleicht können auch die Spezialisten für Adler-Modelle der 1920er Jahre etwas zu dem Wagentyp auf meinem Foto sagen. Kann man an bestimmten Details erkennen, ob es nun ein Typ 10/45 PS von 1925/26 oder ein Typ 10/50PS von 1927 ist?

Oder kommt gar der stärkere und noch größere Sechszylindertyp 18/80 PS in Frage, der parallel erhältlich war? Dann ließe sich in meiner laufend wachsenden Adler-Galerie ein weiteres Puzzlestück einfügen…

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Start in die 20er Jahre: Adler-Spitzkühlertypen

Anfang Januar 2020 – nun beginnen die 20er Jahre, „unsere“ 20er Jahre.

Was mögen sie bringen? Golden werden sie vielleicht ebensowenig sein wie es die 1920er – der Nostalgie zum Trotz – im Alltag für die meisten unserer Vorfahren waren.

Leider scheinen unsere 20er Jahre erneut vom Kampf zwischen bürgerlichem Individualismus und dem Kollektivwahn der Sozialisten beherrscht zu sein. Der Konflikt erlebte 1989 nur einen Waffenstillstand – gerade beginnt eine neue Runde, fürchte ich.

Blenden wir 100 Jahre zurück – unter welchen Vorzeichen stand damals der Auftakt der 20er Jahre? Nun, zumindest in punkto Automobil entsprachen die Verhältnisse im wesentlichen denen von 1914.

Das will ich heute anhand von Dokumenten und Fotos der Frankfurter Marke Adler zeigen. Den Beginn macht die folgende Reklame von 1914:

Adler-Reklame von 1914; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser Annonce sehen wir einen Adler mit dem gerade neu eingeführten Spitzkühler – der Zahl der Luftschlitze nach zu urteilen hat man sich an einem großen Modell orientiert.

In Frage kommen die Typen 28/55, 30/70 und 35/80 PS. Während des Ersten Weltkriegs wurden diese Giganten mit 6,5 bis 9 Liter Hubraum weiterproduziert, wenn man der folgenden Reklame von 1917 glauben darf:

Adler Reklame von 1917; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Vermutlich hat der Grafiker der Adlerwerke einfach die Verhältnisse von 1914 fortgeschrieben.

Doch das Erscheinungsbild der Adler-Wagen sollte noch nach Kriegsende bis in die 1920er Jahre so bleiben, wie diese ab 1920 entstandene Aufnahme illustriert:

Adler-Tourenwagen um 1920: Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob es nun ein Fahrzeug aus der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg oder aus der Zeit danach ist, lässt sich kaum feststellen. Elektrisch betriebene Scheinwerfer wurden schon 1914 angeboten und nach 1918 baute Adler eine ganze Weile alte Modelle weiter.

Mittlerweile konnte ich etliche Fotos solcher Wagen dingfest machen – bloß lassen sie sich mangels aussagefähiger Literatur zu den Adler-Modellen um 1920 keinem bestimmten Typ zuordnen – eigentlich unglaublich, bedenkt man die einstige Bedeutung der Marke.

Hier haben wir gleich den nächsten Kandidaten, wiederum einen mächtigen Tourenwagen, vermutlich mit einer Motorisierung zwischen 40 und 60 PS:

Adler Tourenwagen um 1920; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Normalerweise wäre jedes dieser Prachtexemplare, die nach dem 1. Weltkrieg unvorstellbare Luxusobjekte darstellten, eine ausführliche Besprechung wert, doch – wie gesagt – gibt es praktisch keine publizierten Dokumente dazu.

Allerdings glaube ich, dass sich in Sammlerhand genügend Prospekte, Zeitungsberichte und Reklamen befinden, die näheren Aufschluss über diese Typen geben könnten. Wer etwas in dieser Richtung beisteuern kann, würde damit zum Schließen eaklatanter Lücken in der Adler-Automobilhistorie beitragen.

Neben obigen Aufnahmen desselben Typs hat Leser Matthias Schmidt aus Dresden ein weiteres Spitzenfoto beigesteuert. Es zeigt wohl keinen Vorkriegswagen mehr , sondern eine darauf basierende, äußerlich modernisierte Version:

Adler Tourenwagen, frühe 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

An diesem Exemplar, das mit seiner schrägstehenden und mittig unterteilten Frontscheibe eine beinahe sportliche Anmutung hat, ist das typische Adler-Emblem weit besser zu erkennen als an den bisherigen Fotos.

Wie man sieht, war das dreieckige Emblem im Lauf der Zeit an unterschiedlichen Stellen angebracht. Hier ist es in der Mitte des Kühlergrills montiert; bei den vorherigen Aufnahmen war es ansatzweise am oberen Ende des Kühlernetzes zu erkennen.

Weitere Unterschiede, die auf ein gehobenes Modell schließen lassen, sind die größere Zahl an Radspeichen (ein Hinweis auf ein schwereres Chassis) und die Blechverkleidung an den vorderen Rahmenauslegern.

Den Adler-Freunden sollte bei solchen Zeitzeugen eigentlich das Herz aufgehen – gleiches hoffe ich von den sicher existierenden privaten Archiven.

Zufällig bin ich zum 1. Januar 2020 Mitglied des Adler Motor Veteranen Clubs (AMVC) geworden, sodass ich zuversichtlich bin, in Zukunft endlich auch sachkundig über die großartigen Adler-Spitzkühlermodelle der frühen 1920er berichten zu können.

Zumindest insofern hoffe ich auf ein goldenes Jahrzehnt, das vor mir und meinen geschätzten Lesern liegt, denen ich Anregungen und Bildmaterial, Ergänzungen und Korrekturen sowie nicht zuletzt Zuspruch für dieses Blog-Projekt verdanke!

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Nicht alltäglich: Ein Adler „Favorit“ Tourer um 1930

Die renommierten Frankfurter Adler-Werke, die sich nach dem 1. Weltkrieg mit den moderat motorisierten Modellen 9/24 und 6/25 PS über Wasser hielten, schafften in der 2. Hälfte der 1920er Jahre den Anschluss an die führenden US-Automobile.

Mit dem 1927 vorgestellten „Standard 6“ bot man eine von Format und Leistung her wettbewerbsfähige Alternative, wenngleich man nicht zu den Stückzahlen imstande war, mit denen die US-Hersteller damals den deutschen Markt dominierten.

Auf den 45 bis 50 PS leistenden „Standard 6“ folgte 1928 mit fast identischem Erscheinungsbild das Vierzylindermodell „Favorit“, das sich mit 35 PS begnügte.

Leider haben nur sehr wenige dieser wohlgestalteten Wagen überlebt, doch finden sich zahlreiche zeitgenössische Dokumente, die vom einstigen Stolz der Besitzer auf ihren Adler „Favorit“ künden:

Dies ist eine repräsentative Auswahl der Adler „Favorit“-Wagen, die ich bisher in meinem Blog präsentiert habe.

Auffallend ist dabei, dass im Unterschied zu den Adler-Volumenmodellen der ersten Hälfte der 1920er Jahre keine Tourenwagen vertreten sind.

Der Befund ist nicht ungewöhnlich, da ab Mitte der 20er Jahre am deutschen Markt die zwar kostengünstigen, aber auch zugigen Tourer mit ihrem ungefütterten Verdeck und den seitlichen Steckscheiben den Ansprüchen oft nicht mehr genügten.

Kein Wunder, dass sich in meinem ansonsten reichhaltigen Fundus an Adler-Fotos bislang nur ein einziger Tourenwagen des Typs „Favorit“ fand, nämlich dieser:

Adler_Favorit_Tourenwagen_Galerie

Adler „Favorit“ Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An diesem gekonnt inszenierten Prachtstück sind die im offenen Zustand nur selten montierten Steckscheiben zu besichtigen.

Festzuhalten sind außerdem die fünf Radbolzen, eines der wenigen Unterscheidungsmerkmale des Adler „Favorit“ gegenüber dem „Standard 6“, dessen größere Räder mit sieben Radbolzen fixiert waren.

Das zu zwei Dritteln in das Kühlernetz ragende Adler-Emblem verrät, dass dieser Adler „Favorit“ spätestens 1930 entstanden sein muss.

Irgendwann in jenem Jahr rückte das Logo ganz nach oben in der Kühlermaske, außerdem wichen die horizontalen, in der Haube eingestanzten Luftschlitze einem eingenieteten Blech mit vertikalen Schlitzen.

Mit diesem Vorwissen ausgestattet wenden wir uns nun dem Foto eines Adler „Favorit“ zu, das alles andere als alltäglich ist:

Adler_Favorit_Familie_Harth_Galerie

Adler „Favorit“ Tourenwagen um 1931; Quelle des Originalfotos: Familie Harth

Diese schöne Aufnahme zeigt den Vater des Einsenders der Aufnahme am Steuer, dessen Bruder hat sich vor dem Wagen platziert. Die Eltern der beiden sehen wir auf der Hinterbank bzw. am Hinterrad.

Der Hintergrund lässt auf ein Industrieareal schließen, möglicherweise in Frankfurt anm Main, wie der Einsender des Fotos vermutet. Der Adler macht hier noch einen fast neuwertigen Eindruck, was eine näherungsweise Datierung der Aufnahme ermöglicht.

Den ersten Hinweis dazu liefert die Frontpartie mit der gedrungenen Silhouette der Adler-Kühlerfigur, die ab 1929 die zuvor verbaute ersetzte, welche höher aufragte.

Eine genaue Angabe dazu konnte ich bislang ebenso wenig finden wie eine präzise Benennung des Zeitpunkts, ab dem das Adler-Emblem ganz in den Oberteil der Kühlermaske wanderte.

Die Literatur ist diesbezüglich widersprüchlich: Werner Oswalds bis heute ohne Nachfolger gebliebenes Standardwerk „Adler Automobile 1900-1945“ von 1981 nennt an einer Stelle 1931 als das Jahr der Umgestaltung des Kühlers.

Im selben Werk finden sich jedoch zahlreiche Abbildungen von Adler-Wagen mit der geänderten Kühlerpartie, die auf 1929/30 datiert sind, neben solchen mit der alten Kühlerpartie, die angeblich Wagen von 1930 zeigen sollen.

Denkbar ist, dass beide Varianten eine Weile parallel verbaut wurden, da noch Altbestände an Kühlermasken vorhanden waren. Eventuell hat die Umstellung auch zuerst beim „Standard 6“ stattgefunden und erst später beim „Favorit“.

Jedenfalls wird es sich bei dem Favorit auf dem Foto bereits um die modernisierte Variante gehandelt haben, wenn nicht alles täuscht:

Adler_Favorit_Familie_Harth_Frontpartie Auffallend ist hier allerdings, dass man noch nicht die ab 1931 beim Adler „Favorit“ und „Standard 6“ üblichen senkrechten Luftschlitze erkennen kann, die weit genug nach oben ragten, um auch auf diesem Bildausschnitt erkennbar zu sein.

Dies spricht zusammen mit dem Bildbefund im Adler-Buch dafür, dass die Änderung der Kühlerpartie vor der Umstellung auf senkrechte Haubenschlitze erfolgte.

Leider verliert die Literatur kein Wort darüber und eine verlässliche Quelle im Netz ist mir nicht bekannt. Auch der rührige Adler Motor Veteranen Club (AMVC) bietet auf seiner Website keinerlei Informationen zu solchen Details und geizt auch sonst mit gehaltvollen Informationen zu Adler-PKW (eine Bildergalerie sucht man vergebens).

Verständlich ist das nicht, da ausreichend datiertes Prospekt- und Bildmaterial dieser Adler-Typen überlebt haben dürfte. Es nützt bloß nichts, wenn es in privaten Sammlungen schlummert und irgendwann von ignoranten Erben „entsorgt“ wird.

Umso wichtiger sind Fotos wie das heute gezeigte. Tatsächlich konnte ich in der mir zugänglichen Literatur keinen einzigen Adler „Favorit“ mit Tourenwagenaufbau finden, der ab 1930 entstanden ist.

Ende der 20er Jahre lieferte das Ambi-Budd-Presswerk in Berlin sowohl die Limousinen- als auch die Toureraufbauten für Adlers „Standard 6“ und „Favorit“.

Ich vermute, dass man seitens des auf Großserie ausgerichteten Herstellers Ambi-Budd ab 1930 die Tourenwagenkarosserie mangels Nachfrage einstellte.

So besteht bei dem Tourer auf dem vorgestellten Foto die Möglichkeit, dass der Käufer des Wagens einen anderen Karosseriebauer mit der individuellen Anfertigung eines solchen Aufbaus beauftragte.

Damit war dieser wohl um 1930 entstandene Adler „Favorit“ Tourenwagen alles andere als alltäglich. Hier hatte sich wohl jemand bewusst für die klassische Ästhetik offener Wagen der 1920er Jahre entschieden und den Zeitgeist einfach ignoriert…

In solchen Entdeckungen wie dieser liegt oft genug der Reiz alter Automobilfotos.

Nachtrag: Der Einsender des obigen Fotos hat mir noch eine weitere Aufnahme desselben Wagens zur Verfügung gestellt – auch hier ist festzustellen „alles andere als alltäglich“!

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Adler „Favorit“ Tourenwagen; Originalfoto bereitgestellt von Familie Harth

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Überleben im Sozialismus: Adler Standard 6 Landaulet

„Überleben im Sozialismus“ – ist das nicht ein unnötiger Widerspruch? Schließlich geben sich die Vertreter der sozialistischen Ideologie – ob in braunem, rotem oder grünem Gewand – gern als große Menschenfreunde.

In Wahrheit ist es von jeher das Ziel sozialistischer Fanatiker, das Individuum – diesen unbotmäßigen Lümmel – zu vernichten. Dazu äußerte sich ein hierzulande bis 1945 amtierender Reichskanzler: „Was haben wir das nötig, Sozialisierung der Banken und Fabriken?… Wir sozialisieren die Menschen!“ (zitiert nach Sebastian Haffner, 1978).

Die Generation, die zwischen den Weltkriegen großgeworden war, konnte nicht ahnen, was ihr bevorstand – speziell in Ostdeutschland, wo sozialistischer Zwang die Menschen über 1945 hinaus noch Jahrzehnte drangsalierte.

Welch‘ selbstbewusstes Bürgertum begegnet einem auf den Fotos der Vorkriegszeit, vor allem in Kreisen, wo man sich bereits ein Automobil leisten konnte – im Unterschied zu den USA im damaligen Deutschland ein noch exklusives Vergnügen.

Diese Aufnahme eines Adler Standard 6 steht stellvertretend für den Stolz derer, die es geschafft hatten, sich einen der enorm teuren Wagen nach Vorbild amerikanischer Großserienfabrikate zu erarbeiten:

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Adler „Standard 6“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier liefert der 6-Zylinder-Wagen aus den Adlerwerken in Frankfurt am Main freilich bloß die Staffage. Ich habe dieses eindrucksvolle Modell bereits in etlichen weit besseren Dokumenten vorgestellt, die in meiner Adler-Galerie versammelt sind.

Mir geht es diesmal auch mehr um die Funktion des Fahrzeugs bei der Selbstinszenierung seiner einstigen Besitzer und Nutzer als um technische Daten oder stilistische Feinheiten.

Wie der Nimbus der großen Adler-Wagen der Vorkriegszeit auch nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes 1945 fortwirkte – diesmal unter dem international angelegten Sowjet-Sozialismus – ist faszinierend.

Denn die Überlebenden des untergegangenen totalitären Regimes wollten auch unter dem übergangslos installierten neuen Kommando stalinistischer Prägung einfach nicht davon ablassen, ihrem Dasein eine eigene Note zu geben und sich mit den Insignien des Bürgertums zu schmücken – und sei es nur für einen einzigen Tag:

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Adler „Standard 6“ Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dies ist eines von drei zusammengehörigen Fotos von einer Hochzeit irgendwo auf dem Lande im sächsischen Raum – entstanden in den frühen 1950er Jahren.

Das Brautpaar hatte sich für diesen Tag das edelste Fahrzeug gegönnt, das damals in seiner Gegend verfügbar war – das konnte nur ein mondäner Vorkriegswagen sein.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass es sich nicht nur um einen überlebenden Adler Standard 6 aus den frühen 1930er Jahren handelt, sondern um eine Variante mit Spezialaufbau als Landaulet.

Während der Vorderwagen mit senkrechten Luftschlitzen und sieben Radbolzen typisch für den Adler Standard 6 (bzw. den Standard 8) in der Erscheinungsform ab 1931 ist, fällt die schrägstehende Frontscheibe völlig aus dem Rahmen.

Wir bekommen sie gleich noch aus anderer Perspektive zu sehen. Zuvor will ich auf das Brautpaar und die Kinder im Vordergrund eingehen, da sie noch mehr über das Referenzsystem verraten, das damals unverändert maßgeblich war:

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Hier geht es nicht in Arbeiter- und Bauernkluft zum Duz-Genossen auf dem Standesamt, sondern in traditionellem Brautkleid und Anzug zur Kirche. So hätte das bis ins Detail auch bei vermögenden Leuten der Zwischenkriegszeit ausgesehen.

Das Füllhorn, das der Junge in der Mitte in Händen hält, verweist noch auf viel ältere Traditionen. Es handelt sich um das Symbol der Fruchtbarkeit in der klassischen Antike, aus der Bürgertum und Adel jahrhundertelang ihre Vorbilder bezogen.

Doch nicht nur solche Äußerlichkeiten hatten die seit 1933 anhaltenden sozialistischen Einebnungsversuche überlebt, sondern auch der Wunsch nach dem Auftritt im luxuriösen Automobil, den die neuen Herren in Berlin gern für sich reserviert hätten.

Dem gar nicht konformen Abgrenzungsbedürfnis konnte man kaum besser nachkommen als mit diesem beinahe majestätisch anmutenden Spezialaufbau auf Basis eines Adler Standard 6:

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Adler „Standard 6“ Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die schrägstehende Frontscheibe lässt den formal noch den 1920er Jahren zugehörigen Adler weit moderner erscheinen – im „imperialistischen“ Westen hielt Mercedes-Benz noch in der frühen Nachkriegszeit an solchen Formen fest.

Gut zu erkennen ist hier das beim „Facelift“ Ende 1930 nach oben gewanderte Adler-Emblem auf der Kühlermaske.

Daneben fällt das Schild auf der Windschutzscheibe mit der russischen Bezeichnung für „Taxi“ ins Auge – damit wissen wir, womit der Fahrer im Alltag sein Geld verdiente.

In voller Pracht sehen wir diesen überlebenden Adler Standard 6 hier, als die frisch vermählten Genossen (bis 1945: Volksgenossen) ihre Hochzeitsreise antraten:

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Adler“Standard 6″ Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Für mich ist dies eine hochinteressante Aufnahme. Denn noch einmal scheint hier in allen Details die bürgerliche Welt der Vorkriegszeit auf, noch ahnt man nichts von den staatlichen Zwangsvorstellungen vom neuen „sozialistischen“ Menschen.

Offenbar hatten weder das nationalsozialistische Regime noch das von Moskau gesteuerte neuerliche Menschenexperiment sozialistischer Prägung die bürgerlichen Instinkte ausmerzen können – nämlich den Wunsch

  • sich vor anderen auszuzeichnen,
  • auf eigenen Füßen zu stehen,
  • die Früchte des Erreichten selbst zu genießen,

Kurz: kein bloßer Befehlsempfänger und keine vom Staat restlos vereinnahmte Arbeitsameise zu sein.

Nun wüsste man nur noch gern, ob neben dem widerständigen Geist des Bürgertums in Ostdeutschland auch dieser Adler die sozialistische Herrschaft überlebt hat…

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Dezente Eleganz: Ein Adler „Favorit“ Cabriolet

An alten Bekannten schätzt man entweder, dass sie sich nicht groß verändern, oder dass sie immer wieder für eine Überraschung gut sind. Mir persönlich liegt zwar das Beständige mehr als das Veränderliche, doch zumindest wenn es um Vorkriegsautos geht, kann ich mich durchaus für „neue“ Seiten begeistern.

Der Wagen, um den es heute geht, ist ein gutes Beispiel für den Reiz der Variation über ein bekanntes Thema. Die Rede ist vom Vierzylindertyp „Favorit“, den die Frankfurter Adlerwerke ab 1929 dem deutlich stärkeren Modell „Standard 6“ zur Seite stellten.

Während der große Sechszylinder der starken US-Konkurrenz in seiner Klasse Paroli bieten sollte, zielte der äußerlich sehr ähnliche „Favorit“ auf eine Kundschaft ab, die weniger leistungs- und prestigeorientiert war.

Den meisten Käufern genügten nicht nur die Leistung von 35 PS und Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h, sondern auch die konventionelle Linienführung, die sich eng an amerikanischen Großserienfabrikaten orientierte.

Daran gibt es wenig auszusetzen, denn so ein Favorit mit Limousinenaufbau sah genauso aus, wie man sich einen klassischen Wagen der späten 1920er und frühen 1930er Jahre vorstellt:

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Adler „Favorit“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nur das schemenhaft erkennbare Adler-Emblem am oberen Abschluss der Kühlermaske und die markanten Scheibenräder mit fünf Radbolzen geben einen Hinweis auf Marke und Modell.

Da die Luftschlitze in der Haube hier nicht mehr waagerecht, sondern vertikal verlaufen, können wir den Adler auf „ab 1930“ datieren.

Es geht sogar noch genauer, denn die stark profilierten Vorderschutzbleche der Vorgängerausführung des Adler“Favorit“ wurden nur bei einer Serie von rund 100 Exemplaren beibehalten, die 1930/31 entstand.

Danach wurden glattflächigere und stärkere gerundete Kotflügel verbaut. Dies ist nebenbei ein schönes Beispiel dafür, dass auch ein Standardaufbau im Detail interessante Besonderheiten aufweisen kann.

Reizvoll ist natürlich auch die Situation: So haben ein paar Burschen auf dem Lande eine Kette über die Straße gespannt, um den Adler zum Halten zu zwingen. Da der Wagen an den seitlichen und hinteren Fenstern mit Girlanden geschmückt zu sein scheint, vermute ich, dass es sich um ein Hochzeitsauto handelt.

Könnten wir hier Zeuge der Entführung der Braut sein, wie sie einst üblich war? Wie auch immer, auch solche scheinbar unerheblichen Dokumente aus längst vergangener Zeit entfalten bei näherer Betrachtung über das Auto hinaus ihren Reiz.

In der Anfangsphase meines Blogs hätte ich es vielleicht bei der Betrachtung dieser hübschen Szene belassen. Doch meine Leserschaft ist inzwischen recht verwöhnt und will mit dem einen oder anderen Extra bei Laune gehalten werden.

Das lässt sich auch heute einrichten, was ich Sammlerkollege Marcus Bengsch zu verdanken habe, der schon etliche sehr schöne Fotos beigesteuert hat. Heute liefert uns sein Fundus eine willkommene Abwechslung beim Thema „Adler Favorit“:

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Adler „Favorit“, 4-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Wirkung dieses Cabriolets mit vier seitlichen Kurbelscheiben ist eine völlig andere als die der Serienlimousine.

Nicht nur lassen die nunmehr gerundeten Vorderschutzbleche und die leicht geneigte Frontscheibe den Wagen moderner erscheinen. Auch sorgen die bis zur Scheibe reichende Motorhaube und die vom hellen Lack farblich abgesetzte seitliche Zierleiste für eine dezente Eleganz, die den Serienaufbauten weitgehend fehlte.

In der mir zugänglichen Literatur konnte ich bislang kein identisches 4-Fenster-Cabriolet entdecken, sodass ich hier von einem Spezialaufbau eines bisher unbekannten Herstellers ausgehe.

Zwar lieferte Karmann eine Reihe offener Aufbauten für Adlers Standard 6, die aufgrund des identischen Chassis wohl auch für den „Favorit“ verfügbar waren. Doch sie weichen in zu vielen Details ab.

Vielleicht kennt ein Leser eine Abbildung, die Aufschluss über die Manufaktur gibt, die diesen Aufbau lieferte. Auf jeden Fall wurde hier ein ungewöhnlicher Aufwand betrieben, für dessen Gegenwert der Besitzer wohl auch einen „Standard 6“ mit Serienkarosserie hätte haben können.

Doch wie es scheint, war dem Käufer die großzügige offene Ausführung wichtiger, die wohl schon damals dem Kenner ins Auge fiel und noch wichtiger als die Motorisierung war.

Zufrieden waren die damaligen Insassen auf dieser schönen Aufnahme jedenfalls:

Adler_Favorit_4-sitziges_Cabriolet_ab_1930_Bengsch_Galerie3

Ein heutiger Besitzer könnte sicher noch stolzer auf einen Überlebenden dieses Typs sein – ich fürchte jedoch, dass kein einziger Adler „Favorit“ dieser Ausführung es bis in unsere Tage geschafft hat.

Abschließend sei auf die Möglichkeit hingewiesen, dass es sich bei unserem Adler mit der unbekannten Manufakturkarosserie gar nicht um einen „Favorit“ handelt.

Ab 1932 wurden an Adlers „Standard 6A“ (Modell mit kurzem Fahrgestell) nämlich ebenfalls nur noch Scheibenräder mit fünf (statt sieben) Radbolzen verbaut.

Unterscheiden konnte man die beiden Modelle dann nur noch anhand der Frontpartie, da das Sechszylindermodell einen Hinweis auf die Zylinderzahl als Emblem vor dem Kühler trugen –  hier dummerweise nicht sichtbar.

Tatsächlich habe ich vor längerer Zeit einen Adler „Standard 6A“ mit Aufbau als 4-Fenster-Cabriolet anhand eines historischen Originalfotos dokumentiert:

Adler_Standard_6_Cabrio_bei_Remagen_b_Ausschnitt

Adler „Standard 6“; Bauzeit: ; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Jedoch stimmt auch diese – wohl von Karmann stammende – Karosserie in vielen Details nicht mit der heute präsentierten überein.

So bleibt es bei dem Rätsel, wer den Aufbau für das heute vorgestellte Adler-Cabriolet lieferte, ganz gleich, ob es sich um einen „Favorit“ oder „Standard 6“ handelt…

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