Wer hütet ihn heute? Adler 6/25 PS (ex ADMV-Nr. 550)

Lange nichts mehr gehört vom einstigen Volumenmodell der Frankfurter Adler-Werke ab Mitte der 1920er Jahre – dem Modell 6/25 PS. Von 1925 bis 1928 entstanden weit über 5000 Exemplare – immerhin bald ein halbes Prozent davon sind in meiner Adler-Galerie vertreten.

Darunter finden sich rare Spezies wie ein Landaulet, aber auch ein schickes 2-sitziges Cabriolet im Stil amerikanischer Rumbleseat-Roadster. Dieses überlebende Exemplar habe ich vor genau zehn Jahren (2012) in meiner Heimatstadt Bad Nauheim fotografiert:

Adler 6/25 PS, Zweisitzer-Cabriolet; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier sieht man die typischen Merkmale des Adler 6/25 PS, nämlich die nur dort verbauten Scheibenräder und den unten gerade abschließenden Kühler mit ins Gitter hineinragendem Adler-Emblem – übernommen vom Vorgängertyp 6/24 PS.

Diese Details finden sich natürlich auch an der meistverkauften Ausführung – dem klassischen Tourer mit fünf bis sechs Sitzen, seitlichen Steckfenstern und ungefüttertem Verdeck.

Ein solches Exemplar steht heute im Mittelpunkt und das Bemerkenswerte daran ist, dass dieses Auto sehr wahrscheinlich irgendwo in deutschen Landen noch existiert.

Dafür gesorgt, dass dieser Adler nach dem Krieg nicht verschrottet wurde, hat Heiner Goedecke aus Leipzig. Er hat mir die Fotos aus der Zeit zur Verfügung gestellt, in der er der Hüter dieses Überlebenden war.

Der Adler trat vor genau 60 Jahren in sein Leben, irgendwann im Jahr 1962. Heiner Goedeckes Vater – Buchhändler in Leipzig – erwarb damals für 500 Ostmark den 6/25 PS-Tourer, welchen ein Landwirt aus Dölzig seit 1939 aufbewahrt hatte.

Nach dem Krieg schien der Bauer kein Interesse mehr an der Reaktivierung des Adler gehabt zu haben. Aber ihm verdanken wir zumindest, dass das Auto die schwierigsten Jahre seines Daseins überdauert hatte.

1962 gab es in der DDR bereits eine vitale Szene für Vorkriegswagen und so kam der Adler 6/25 PS gerade recht, um neues Leben eingehaucht zu bekommen.

Zwar war das Auto keine 10.000 Kilometer gelaufen, aber der Landwirt hatte den Lack mit Öl „konserviert“ und damit im Ergebnis ruiniert.

Nachdem Heiner Goedecke und sein Bruder Ulrich den Adler von ihrem Vater übereignet bekommen hatten, machten sie erst einmal eine Bestandsaufnahme. Dazu gehörten einige Beweisfotos von dem guten Stück – hier noch im Fundzustand mit Vorkriegskennzeichen:

Adler 6/25 PS Tourer; Originalfoto bereitgestellt von Heiner Goedecke (Leipzig)

Wenn einem so ein Schätzchen zuläuft, will sich natürlich jeder als stolzer Besitzer präsentieren.

Als ersten sehen wir Heiner Goedecke höchstpersönlich als jungen Mann hinter dem Lenkrad:

Adler 6/25 PS Tourer; Originalfoto bereitgestellt von Heiner Goedecke (Leipzig)

Während sich Heiner Goedecke mit Autos auskannte, scheint das für seinen Bruder Ulrich eher weniger gegolten zu haben – so jedenfalls die Überlieferung.

Leider liegt kein Bild von ihm mit dem Adler vor. Allerdings sollte er es später zu einiger Professionalität bringen, was den Einsatz des Wagen angeht – darauf komme ich zurück.

Die Überholung des Adlers lag jedenfalls in den Händen von Heiner Goedecke, der einige Malaisen, die durch die lange Standzeit verursacht waren, in den Griff bekam.

Dazu gehörten offenbar auch irgendwelche Arbeiten am Getriebe, wenn ich es richtig sehe. Jedenfalls haben wir Heiner Goedecke hier gut gelaunt auf Tauchstation im Wageninnern:

Die vierstellige, auf dem Getriebegehäuse vorne eingeschlagene Nummer ist nur teilweise lesbar. Ich meine, als letzte Ziffern „38“ zu erkennen, die erste Ziffer könnte ebenfalls eine „8“ sein, eventuell aber auch eine „6“, die zweite Ziffer ist unleserlich.

Nach den Arbeiten am Antrieb sind die Reifen an der Reihe – irgendwo wird man noch passende Exemplare aufgetrieben haben.

Hier sehen wir Heiner Goedecke beim Aufpumpen – in gesellschaftsfähigem Aufzug, wie das Anfang der 1960er Jahre in Ost und West noch selbstverständlich war:

Adler 6/25 PS Tourer; Originalfoto bereitgestellt von Heiner Goedecke (Leipzig)

Am Vorderkotflügel hatte man inzwischen den unvermeidlichen Außenspiegel montiert, offenbar eine „Leihgabe“ eines zeitgenössischen Wagens aus DDR-Produktion.

Nach getaner Arbeit war es dann Zeit für eine weitere Aufnahme der stolzen Besitzer nebst Freunden, bevor es auf Probefahrt gehen konnte:

Adler 6/25 PS Tourer; Originalfoto bereitgestellt von Heiner Goedecke (Leipzig)

In den folgenden Jahren wurde der Adler auf zahlreichen Veranstaltungen des Veteranenverbands der DDR (ADV) vorgeführt. Einmal ging es sogar nach Prag.

Dazu Heiner Goedecke im O-Ton:

„Das war 1966 und eine Traumreise. Mit offenem Verdeck, bei strahlendem Sonnenschein ging es über das Erzgebirge, noch auf kaum befestigten Landstraßen und dann zum Empfang im Prager Rathaus – alles auf eigener Achse.“

Auf den treuen Adler konnte Heiner Goedecke wirklich stolz sein – hier haben wir ihn ein weiteres Mal abgelichtet am Steuer:

Adler 6/25 PS Tourer; Originalfoto bereitgestellt von Heiner Goedecke (Leipzig)

Übrigens hatte Heiner Goedecke dem Wagen zwischenzeitlich eine Neulackierung verpasst – mit „bergseegrünem“ Aufbau und schwarz abgesetzten Kotflügeln und Schwellern.

In diesem Erscheinungsbild übernahm Bruder Ulrich den Wagen in der Folge, nachdem Heiner Goedecke geheiratet hatte und sich nachwuchsbedingt „nur“ noch ein Vorkriegsauto leisten konnte – einen Adler Trumpf Junior.

„Schuld“ daran war diese junge Dame, die hier am Steuer des Adler 6/25 PS sitzt und neckisch an der Zündverstellung in Lenkradmitte herumspielt:

Adler 6/25 PS Tourer; Originalfoto bereitgestellt von Heiner Goedecke (Leipzig)

Jedenfalls machte Bruder Ulrich mit dem Wagen später noch „Karriere“ als Komparse in diversen Filmen wie „Kleiner Mann, was nun?“ oder Das Lied vom kleinen Trompeter“.

Es ist daher möglich, dass Leser aus dem Osten unseres Landes den Adler schon einmal im Fernsehen oder im Kino gesehen haben – dann gibt es hier ein Wiedersehen.

Apropos Wiedersehen: Heiner Goedeckes Bruder verkaufte den Adler Anfang der 1970er Jahre, verriet aber nie, an wen. Die letzten Spuren des Wagens verloren sich im Vogtland.

Da dieser 6/25 PS mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch irgendwo existiert, wäre es doch schön, wenn sich ermitteln ließe, wer ihn heute hütet.

Vielleicht ließe es sich sogar arrangieren, dass Heiner Goedecke „seinen“ Adler, zu dem er so viel zu erzählen weiß und der ihn einige Jahre seines Lebens begleitet hat, noch einmal zu Gesicht bekommt und dem Kameraden seiner Jugend „Mach’s gut“ sagen kann.

Da ihm die Sache selbst keine Ruhe gelassen hat, ist er noch einmal auf die Suche nach Dokumenten gegangen und konnte die Nummer eruieren, unter welcher der Adler im ADMV der DDR registriert war: 550.

Zusammen mit der zumindest fragmentarischen Getriebenummer „8…38“ oder „6…36“ und dem Namen des Verkäufers „Ulrich Goedecke“ in den 1970er Jahren sollte sich doch herausfinden lassen, wer dieses schöne Stück Zeitgeschichte heute unter seinen Fittichen hat und für die Zukunft am Leben erhält wie einst Heiner Goedecke.

Hinweise dazu bitte entweder über die Kommentarfunktion oder meine E-Mail-Adresse (michael.schlenger@freenet.de) oder meine Telefonnummer (0177-4066000). Vertrauliche Behandlung aller Informationen ist garantiert.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Sensation: Adler einst auch Teil der „Auto Union“!

Mit dem reißerischen Titel meines heutigen Blog-Eintrags sichere ich mir die Aufmerksamkeit von gleich zwei Fraktionen deutscher Vorkriegsauto-Freunde:

Die Fans der Frankfurter Traditionsmarke Adler kommen hier ebenso auf ihre Kosten wie diejenigen, deren Liebe den unter dem Dach der Auto-Union zusammengefassten Marken gilt. Dazu zählen nach herkömmlicher Auffassung Audi, DKW, Horch und Wanderer.

Wie soll Adler Teil dieses 1932 Konglomerats gewesen sein, ohne dass es jemand außer mir bemerkt hat? Das geht natürlich nur, wenn man „Auto-Union“ sehr großzügig auslegt.

So wurde bereits 1927 in Hamburg eine Firma mit der Bezeichnung „Selbstfahrer Union Deutschlands“ gegründet. Sie sollte die spätere Auto-Union überleben, denn sie existierte bis 1970.

Dass diese „Selbstfahrer Union“ in gewisser Weise auch eine Art „Auto Union“ war und mit dieser ganz erhebliche Überschneidungen aufwies, diese Erkenntnis hat mir folgender Zufallsfund beschert, der mir im Netz auf der Verkaufsplattform „eBay“ gelang:

Broschüre der Selbstfahrer Union Deutschlands; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Dies ist das Deckblatt einer 1938 erschienenen kleinen Broschüre. Das Aufmacherbild macht noch heute Lust auf eine Landpartie im offenen Wagen, auch wenn man weiß, dass diese Reklame unter dem Regime der Nationalsozialisten entstand.

Über dessen Charakter ist alles bekannt und gesagt. Ich weigere mich aber, reflexartig alles für verwerflich zu erklären, was damals entstand. Beispielsweise wird die fabelhafte Autobahn-Infrastruktur jener Zeit nicht dadurch entwertet, dass der NS-Staat damit ältere Pläne umgesetzt und das vorhandene Können der Ingenieure und Arbeiter genutzt hat.

So muss man auch nicht dieses hervorragend gelungene Reklamefoto zwanghaft als Bekenntnis zu „arischen“ Idealen interpretieren. Die selbstbewusst in die Ferne deutende „Wasserstoff“blondine hätte man auch jenseits des Atlantiks zum Fototermin eingeladen.

Zurück zur Auto-Union – korrigiere: Autofahrer-Union, nein Selbstfahrer-Union. Diese war gewissermaßen ein früherer Vorläufer von „Car Sharing“-Konzepten.

Im Unterschied zu einer klassischen Autovermietung, die es ebenfalls bereits gab, musste man Mitglied sein und einen fixen Jahresbeitrag zahlen, um die verfügbaren Fahrzeuge nach Bedarf nutzen zu können.

Im gesamten Deutschen Reich gab es Stützpunkte, außerdem Niederlassungen in mehreren Nachbarstaaten:

Broschüre der Selbstfahrer Union Deutschlands; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Voraussetzung für die Mitgliedschaft war der „Ariernachweis“ – man sieht: ganz kommt man an der Ideologie jener Zeit nicht vorbei.

Der reguläre Jahresbeitrag betrug 10 Reichsmark, Soldaten der Wehrmacht mussten nur 3 Mark berappen. Einen Sonderrabatt (5 RM) genossen zudem Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen wie SA, SS, NSKK usw.

Je nach dem, welches Auto man auswählte, fielen dann individuelle Nutzungsgebühren an.

Diese staffelten sich nach Entfernung, Nutzung wochen- oder feiertags sowie natürlich nach Wagentyp. Auf jeden Fall war eine Kaution von 100 Reichsmark fällig, die zugleich der Selbstbeteiligung im Rahmen der separat zu zahlenden Versicherung entsprach.

Bemerkenswert ist nun, welche Wagen die Selbstfahrer-Union anbot. Blättern wir doch einfach durch die Broschüre durch und schauen, welche Typen verfügbar waren:

Broschüre der Selbstfahrer Union Deutschlands; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Das Einsteigerangebot stellte kaum überraschend der obige DKW F7 mit Zweitaktmotor und Frontantrieb dar. Günstiger und zuverlässiger konnte man kaum vier Personen einigermaßen kommod und mit ordentlichem Landstraßentempo transportieren.

Sicher gab es noch kompaktere Wagen am deutschen Markt, doch das waren keine vollwertigen Automobile, weshalb sie reine Nischenexistenzen führten.

Den kleinen DKW – der übrigens die vier Ringe der Auto-Union auf dem Kühler trug – konnte man ausweislich der Broschüre als Cabrio-Limousine wie abgebildet oder als ganz geschlossene Ausführung „buchen“.

Ebenfalls aus dem Hause DKW gab es daneben dieses Schmuckstück:

Broschüre der Selbstfahrer Union Deutschlands; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Technisch bot der DKW F7 in der Ausführung als Luxus-Cabriolet gerade einmal 2 PS mehr und eine etwas höhere Spitzengeschwindigkeit (die Literatur nennt 85 km/). Doch ästhetisch wie von der Verarbeitung her repräsentierte dieser Wagen eine Klasse für sich.

Die bei Horch gebaute Karosserie war mit Blech beplankt, nicht mit Kunstleder bespannt, serienmäßig gab es sportlich wirkende Drahtspeichenräder, Zweifarblackierung und reichlich Chrom. Besonders elegant war die wie ein Kometenschweif auslaufende seitliche Zierlinie.

Gestalterisch war der DKW von den großen Horch-Wagen aus dem Auto Union-Verbund inspiriert und mir fällt kein Kleinwagen ein, der jemals wieder diese formale Klasse erreicht hätte.

Bevor wir uns weiteren alten Bekannten aus dem Hause Auto-Union widmen, kommt als nächster tatsächlich ein Adler an die Reihe:

Broschüre der Selbstfahrer Union Deutschlands; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Zumindest in der Selbstfahrer-Union führte der ebenfalls frontgetriebene, aber mit 4-Zylinder-Viertakter souveräner motorisierte Adler eine friedliche Koexistenz mit dem DKW der Auto-Union.

Dabei waren die beiden in der Praxis scharfe Konkurrenten. Solventere Käufer entschieden sich für den solideren und erwachsener wirkenden Frankfurter, an dem es gestalterisch nichts zu mäkeln gab, wenngleich der Verbrauch merklich höher war.

Dass bereits ein kleines Mehr an Spitzengeschwindigkeit damals allgemein mit deutlich höheren Verbräuchen erkauft wurde, zeigt der nächste Kandidat – wiederum ein Adler:

Broschüre der Selbstfahrer Union Deutschlands; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Der ebenfalls frontgetriebene große Bruder des Adler Trumpf Junior kam zwar mit optisch windschnittiger erscheinender Frontpartie daher, doch unter dem Strich brachte das nicht viel.

Der Geschwindigkeitszuwachs war überschaubar – immerhin konnte jetzt die magische Marke von 100 km/h geknackt werden. Ansonsten fiel der weit stärkere Motor (38 statt 25 PS) durch erheblich höheren Verbrauch auf, war allerdings auch elastischer.

Nach diesem Adler-Intermezzo kehren wir wieder zur „echten“ Auto-Union zurück, und zwar in Form des Wanderer W 24:

Broschüre der Selbstfahrer Union Deutschlands; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Man fragt sich in Anbetracht der Leistungsdaten, weshalb die Selbstfahrer-Union neben dem Adler Trumpf auch den in etwa gleichstarken Wanderer W24 im Programm hatte.

Ich kann mir das nur damit erklären, dass man in dieser Kategorie die Wahl zwischen Front- und Heckantrieb sowie zwischen progressiver und konservativer Formgebung bieten wollte.

Dabei bot jedoch ausgerechnet der Wanderer mit seinen traditionellen Trittbrettern zugleich einige Gestaltungsdetails, die vergleichsweise modern wirkten. Das hilt für die Kühlerpartie und die angedeutete Verbindung zwischen Vorderkotflügeln und Motorhaube.

Formal stimmiger kommt mir jedenfalls der Adler vor, wenngleich seiner Linie ein Trittbrett ebenfalls gutgetan hätte.

Nochmals teurer – und wesentlich – durstiger war der Sechszylindertyp Wanderer 40:

Broschüre der Selbstfahrer Union Deutschlands; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Bei allen Qualitäten krankt dieses Modell an derselben formalen Unentschlossenheit, die irgendwo zwischen Tradition und Moderne umherirrt.

Vom größeren Kofferraum und der Laufkultur des Sechszylinders abgesehen bot diese Ausführung eigentlich nur Nachteile: Höhere Mietkosten als beim Adler Trumpf und dem Wanderer W24 sowie drastisch erhöhten Benzinverbrauch.

Nur die wesentlich bessere Elastizität des großen Motors, die schaltfaules Fahren ermöglichte und besondere Reserven im Gebirge bot, sprach für dieses Angebot.

Noch bemerkenswerter ist jedoch das „Spitzenmodell“, das die Mitglieder der Selbstfahrer-Union“ für ihre Zwecke ordern konnten:

Broschüre der Selbstfahrer Union Deutschlands; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Mit diesem Adler stellte man den angebotenen Wagen der Auto-Union etwas zur Seite, was dort nicht zu haben war: ein Fahrzeug in der damals als besonders modern geltenden Stromlinienform.

Die behauptete Zahl der Insassen (bis zu sechs!) lassen wir einmal unkommentiert.

Legt man Hubraum, Leistung, Spitzengeschwindigkeit und Verbrauch zugrunde, scheint die Karosserieform zwar Effizienzgewinne gegenüber dem Wanderer W40 gebracht zu haben. Vergleichbare Leistungsdaten bot aber auch der Sechszylinder-Fiat 1500 bei erheblich kleinerem Hubraum, weniger exotischer Linienführung und geräumigerem Innenraum.

Ausgerechnet an dem scheinbar zukunftsweisenden „Stromlinien“-Adler Typ 2,5 Liter wird deutlich, wo ein Gutteil der Effizienzgewinne verborgen lag, die später erschlossen wurden.

Mein erstes Auto – ein simpler 1200 VW Käfer mit 34 PS-Motor – schaffte 120 km/h Spitze (und zwar als Dauertempo auf der Autobahn) und konnte im günstigsten Fall in der Ebene bei Tempo 100 mit gut 7 Liter Verbrauch gefahren werden, ansonsten mit 8-9 Litern (eigene Erfahrungswerte).

Der Volkswagen war ja ebenfalls eine Konstruktion der 1930er Jahre, weshalb es mir schleierhaft ist, wieso der fast 60 PS leistende Adler trotz „Stromlinien“form so lahm war.

Entweder war die Karosserie in Wahrheit aerodynamisch ungünstiger als sie aussieht, oder man traute dem Motor keine Dauer-Höchstleistung zu und begrenzte über die Übersetzung die Drehzahl im vierten Gang.

Für die Mitglieder der Selbstfahrer-Union Deutschlands dürfte jedenfalls nach der Lage der Dinge der „Stromlinien“-Adler wenig für sich gehabt haben außer der eigenwilligen Form. Vielleicht hatte Adler versucht, das Modell auf diese Weise in den Markt zu drücken.

Doch aus Nutzersicht werden die Modelle der Auto-Union die Nase vorn gehabt haben, wobei zumindest Adler „Trumpf“ und „Trumpf Junior“ diesen ebenbürtig waren.

Im Angebot der Selbstfahrer-Union Deutschlands waren jedenfalls einst Autos von Adler und der Auto-Union für kurze Zeit als Mitglieder eines illustren Clubs vereint. BMW, Hanomag, Opel und Mercedes waren dort dagegen nicht vertreten…

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Welche Farbgebung soll es denn sein? Adler „Favorit“

Heute kommen nicht nur die Freunde der Traditionsmarke Adler aus Frankfurt/Main auf ihre Kosten; ich kann auch zur Abwechslung etwas Farbe in die sonst meist auf Schwarz-Weiß beschränkte Bildwelt der Vorkriegszeit bringen.

Dazu muss ich nicht einmal auf bisweilen fragwürdige Programme zur Nachkolorierung zurückgreifen – nein, diesmal geht es beinahe „live und in Farbe“ zurück in die 1930er Jahre.

Das habe ich einem guten Freund zu verdanken, der zwar selbst anderen antiquarischen Leidenschaften frönt als historischen Automobilen, der aber meine Passion kennt und mir zum Geburtstag ein ganzes Konvolut an einschlägigem Prospektmaterial geschenkt hat, das fein abgeheftet im Ordner eines längst verblichenen Autohauses die Zeiten überdauert hat.

Doch bevor ich die Schatztruhe öffne, muss ich Sie erst mit einigen Aufnahmen auf die Folter spannen, wie man sie schon x-fach gesehen hat (jedenfalls in meinem Blog).

Die Fans des Adler „Favorit“, der ab 1929 als Vierzylinder-Schwestermodell zum 1927 eingeführten „Standard 6“ gebaut wurde, können davon natürlich nicht genug bekommen.

Zum „Anfüttern“ daher erst einmal eine Aufnahme, die das Modell im Stil der erfolgreichen „Amerikanerwagen“ jener Zeit auf eher konventionelle Weise zeigt:

Adler „Favorit“ Limousine; Originalabzug aus Sammlung Klaas Dierks

Zweifellos war das ein ansehnlicher Wagen mit den bekannten „Adler“-Qualitäten, doch ein wenig mehr Raffinesse hätte ihm vielleicht gut zu Gesicht gestanden.

Nun kann man der Meinung sein, dass es bloß an der Wiedergabe in Schwarz-Weiß wirkt, da dieser Wagen in Wirklichkeit gar nicht dunkelgrau daherkam, sondern blau oder weinrot beispielsweise.

Mag sein, dennoch gibt es andere Aufnahmen desselben Typs, die trotz Schwarz-Weiß-Wiedergabe erkennen lassen, dass Adler seinen Käufern auf Wunsch durchaus mehr bot, was die Farbgebung des „Favorit“ angeht.

Man ahnt das ansatzweise bereits auf der folgenden Aufnahme:

Adler „Favorit“ Limousine; Originalabzug aus Sammlung Marcus Bengsch

Zum einen ist die Kombination aus hellem Wagenkörper und davon dunkel abgesetzten Elementen wie Kotflügeln und Schwellerpartie immer attraktiv. Schon wirkt so ein konservativer Limousinenaufbau viel leichter und freundlicher.

Haben Sie aber auch bemerkt, dass dieser Adler mit einem dritten Farbton aufwarten kann?

Der findet sich nämlich auf dem breiten Zierstreifen unterhalb der Seitenfenster, der wiederum von dunklen Linien eingefasst ist. Eine davon läuft vorne weiter entlang des Falzes des Motorhaube bis zum Kühler.

Noch besser studieren lassen sich diese Elemente auf einer weiteren Aufnahme eines Adler „Favorit“:

Adler „Favorit“ Limousine; Originalabzug aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Neben dem hellen Zierstreifen zu erkennen ist hier, dass besagte dunkle Linien auch am Heck eine Fortsetzung finden. Offen gesagt, habe ich das beim Adler „Favorit“ auf diesem Foto zum ersten Mal bewusst genommen.

Das mag daran liegen, dass mein Blick dafür zuvor durch einen prachtvollen Prospekt des Adler „Favorit“ geschärft wurde, den ich heute in aller Ausführlichkeit wiedergeben will.

Dieses Dokument, das nun meine Sammlung ziert, wirft die schwierige Frage auf, welche der ab Werk verfügbaren Farbgebungen man bevorzugen würde, stünde man vor dem entsprechenden Luxusproblem eines Käufers um 1930.

Als Entscheidungshilfe produzierten die Adler-Werke einen kleinen Prospekt, der auf dem Titelblatt mit der Kuriosität zweier „Favorit“-Exemplare aufwartete, welche von einer Skandinavientour eindrucksvolle Rentiergeweihe als Trophäe mitgebracht hatten:

Prospekt zum Adler „Favorit“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Für uns ist aber der ganz oben wiedergebene Wagen interessanter, lässt er doch den bereits erwähnten, hell abgesetzten Zierstreifen erkennen.

In welchen Variationen und in Kombination mit welchen Farbtönen dieser erhältlich war, das erfahren wir auf den folgenden Seiten der Broschüre.

Man muss bei der Farbwiedergabe natürlich berücksichtigen, dass sie durch die damaligen Möglichkeiten der Drucktechnik beeinflusst ist, dennoch vermitteln die Abbildungen zumindest eine ungefähre Vorstellung von den ab Werk verfügbaren Farbschemata.

Beginnen wir mit einem Überblick über Seite 2:

Prospekt zum Adler „Favorit“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Im Unterschied zu Tönen der Nachkriegszeit haben wir es hier mit eher „müden“ Farben zu tun, also solchen mit geringer Farbsättigung und Leuchtkraft.

Man findet Entsprechungen dazu auf den wenigen Fahrzeugen, die noch ihren Originallack tragen, bevorzugt an verborgenen Stellen, an den die Farbe sich weder durch UV-Strahlung noch durch Behandlung mit Polituren verändert hat.

Wenn ich es richtig interpretiere, ist im Prospekt neben der Farbgebung des Zierstreifens, der ihn einrahmenden Linien und der umgebenden Karosseriepartien auch der Ton der Stoffe im Innenraum wiedergegeben.

Besonders gut gefällt mir die erste Farbkombination, die man vielleicht als Variation über den Ton „Tabak“ ansprechen würde – ideal also für den starken Raucher:

Prospekt zum Adler „Favorit“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Dagegen empfiehlt sich für den Kenner opulenter Rotweine eher die Farbgebung in mehreren Abstufungen des allgemein als „bordeaux“ bezeichnenden Tons.

Ich weiß zwar selbst einen schweren Roten zu schätzen, vor allem wenn er aus Italien stammt, doch am (erst recht im) Auto wäre mir das vermutlich des Guten zuviel.

Denn das sieht ein wenig so aus, als habe sich der Wagen zu lange in einem Barrique aufgehalten – dem Auto fehlt im Ergebnis einfach die Leichtigkeit wie beim ersten Beispiel:

Prospekt zum Adler „Favorit“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Offensichtlich ist auch hier die Abstimmung des Innenraums auf die Außenfarbe. Die dunkle Einfassung des hellen Zierstreifens wiederholt sich ebenfalls.

Wem das Ganze zu „süffig“ daherkommt und wer einen dezenteren Auftritt bevorzugt, mag an der Variante über die Farbe „Blau“ Gefallen finden. Diese klassische Kombination wirkt stets geschmackssicher, meidet aber zugleich die abweisende Schwere einer ganz schwarzen Lackierung.

Dass die Motorhaube hier ebenfalls hell abgesetzt scheint, ist eine Täuschung, die lediglich dem Reflektionsverhalten der dem Auge zugewandten gewölbten Partie geschuldet ist:

Prospekt zum Adler „Favorit“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Farbkombination ist wie ein blaues Jackett zu weißem Hemd eine „sichere Bank“ und ich kann den Herren bei der Gelegenheit nur empfehlen, auch im 21. Jahrhundert stets einen feinen, schlank geschnittenen blauen Blazer vorzuhalten.

Die Damen wissen diesen klassisch-sportlichen Stil nach meiner Erfahrung zu schätzen, selbst wenn man Jeans dazu trägt (die Schuhe müssen freilich auch etwas taugen). Dann noch ein solcher Adler „Favorit“ und Sie können damit fast direkt zum Standesamt fahren (um diese fragwürdige Erfahrung bin ich allerdings herumgekommen).

Genug der Abschweifung – einen weiteren Kandidaten haben wir noch, diesmal einen von der „grünen“ Fraktion:

Prospekt zum Adler „Favorit“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Mit diesem Vertreter tue ich mich zugegeben etwas schwer. An sich kann ein dezenter Grünton, mit schwarz kontrastierend eine durchaus glückliche Wahl sein (das ist definitiv nicht politisch gemeint…).

Aber ich meine, so etwas verträgt sich eher mit einem sportlichen oder zumindest eleganten Aufbau. Und beides hat der Adler „Favorit“ bei aller Liebe nun wirklich nicht zu bieten.

Dem Käufer eines solchen Wagens blieb so oder so die Qual der Wahl, und dabei mag dieser Prospekt letztlich nur bedingt geholfen haben.

Am Ende kam man vielleicht sogar auf eine ganz andere Idee – denn so sehr Limousinen Ende der 1920er Jahre im Trend lagen, war doch für manchen Adler-Freund immer noch ein klassischer Tourenwagen der eigentliche Favorit.

Und als ob die Adlerwerke diesen damals zunehmend exotischen Kundenwunsch auch noch berücksichtigen wollten, haben sie genau daran am Ende dieses kleinen Prospekts gedacht.

Damit öffneten sich dann nochmals ganz andere Perspektiven (Forsetzung folgt)…

Prospekt zum Adler „Favorit“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

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Unerwartet sportliche Erscheinung: Adler 6/25 PS

Heute kommen wieder einmal die Freunde der einst hochbedeutenden Frankfurter Marke Adler auf ihre Kosten – und das in einem unerwartet sportlichen Kontext.

Adler gehörte zwar zu den wichtigsten und angesehensten deutschen Vorkriegsherstellern, aber Sportlichkeit verband man mit ihr nur am Rande.

Für teure Werkseinsätze bei sportlichen Prüfungen hatte man selten etwas übrig – das Prestige der Marke ergab sich aus der Qualität und Zuverlässigkeit der Wagen. Ein Adler war selten progressiv, genau das schätzte die Kundschaft bis weit in die 1920er Jahre.

Ein gutes Beispiel dafür war das Mittelklassemodell Adler 6/25 PS, das von 1925 bis 1928 gebaut wurde. Rund ein Dutzend zeitgenössischer Fotos dieses Typs sind inzwischen in meiner Adler-Galerie zu finden – meist in Tourenwagenausführung wie hier:

Adler 6/25 PS Tourer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Seltener findet man auf zeitgenössischen Aufnahmen geschlossene Aufbauten des Adler 6/25 PS mit seinen charakteristischen Scheibenrädern.

Doch neben klassischen Limousinen gab es vereinzelt sogar Landaulets, die wohl am ehesten im Taxibetrieb Verwendung fanden. Solche speziellen Aufbauten dürften von Karosseriebetrieben eigens angefertigt worden sein.

So bot Adler ab Werk auch eine schicke Ausführung des Typs 6/25 PS als offener Zweisitzer an, die es auch mit stärkerer Motorisierung gab:

Adler-Reklame von 1925; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Nun könnte man meinen, dass aus dieser Reklame nicht unbedingt zu schließen ist, dass der sportliche Sport-Zweisitzer auch mit der Motorisierung 6/25 PS verfügbar war und dass man vielleicht bloß mit dem Erscheinungsbild der weit stärkeren Modelle warb.

Das gab es zweifellos auch schon damals, doch im vorliegenden Fall lässt sich nachweisen, dass es auch den eher kompakten Adler 6/25 PS mit einem solchen Aufbau gab.

Hier sehen wir ein entsprechendes Fahrzeug aus fast identischer Perspektive und die Scheibenräder verraten, dass es sich um einen Typ 6/25 PS handelt:

Adler 6/25 PS Sport-Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Typisch für diesen Aufbau ist das Notverdeck, das niedergelegt nicht viel Platz beansprucht, und das flach abfallende Heck.

Besäße nun noch die Tür einen tiefen Ausschnitt, würde man den Wagen als reinrassigen Roadster ansprechen, doch so etwas bot Adler erst in den 1930er Jahren an.

Davon zu unterscheiden ist die Ausführung als zweisitziges Cabriolet. Davon konnte ich zwar leider noch kein Foto aus Vorkriegszeiten dingfest machen, doch hatte ich das Glück, im Jahr 2012 in meiner Heimatstadt Bad Nauheim ein erhaltenes Exemplar abzulichten:

Adler 6/25 PS 2-sitziges Cabriolet; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieser schöne Wagen repräsentiert einen amerikanischen Karosserietyp – ein offener Zweisitzer mit gefüttertem Cabrio-Verdeck und ausklappbarem Notsitz im Heck – dem legendären „Schwiegermuttersitz“.

Man beachte hier die wesentlich höhere Gürtellinie und das aufwendige Verdeckgestänge – beides Elemente, die sich am minimalistischen Sport-Zweisitzer nicht finden.

Ein solches 2-sitziges Cabriolet strahlt auch im moderaten Format eine gewisse Eleganz aus, doch Sportlichkeit hätte man ihm nicht zugesprochen.

Allerdings muss Sportlichkeit nicht unbedingt an ein dynamisches Erscheinungsbild oder gar eine herausragende Motorisierung geknüpft sein. Sie kann auch eine Haltung sein und aus purer Entschlossenheit resultieren.

Perfekt illustriert wird dies durch folgende Aufnahme aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks, die „nur“ einen serienmäßigen Adler 6/25 PS Tourenwagen zeigt – aber wenn das nicht sportlich ist, was die beiden Insassen hier veranstalten, was dann?

Adler 6/25 Tourenwagen; Original-Negativ aus Sammlung Klaas Dierks

Ist dieser Schnappschuss eines unbekannten Amateurs nicht die Wucht? Entstanden sein dürfte er bei einer der zahllosen lokalen Veranstaltungen mit mehr oder minder sportlichem Anspruch, bei denen meist serienmäßige Wagen zum Einsatz kamen.

Mit einem Foto wie diesem hätte Adler glatt Werbung machen können für das wackere 6/25-Modell, das sich eine Weile gut verkaufte. Doch wären typische Adler-Kunden vermutlich nicht davon angetan gewesen.

Sportlichkeit war so ziemlich das Letzte, was man von der Traditionsmarke erwartete, und dieses „Rennfoto“ wäre vermutlich auf Unverständnis gestoßen. Doch gab es ganz offenbar damals auch eine kleine Fraktion, die Spaß an solchen Aktivitäten hatte.

Ob der Adler 6/25 PS mit seinem simplen seitengesteuerten Motor dafür so gut geeignet war wie der mit obenliegender Nockenwelle ausgestattete Fiat 509, der zeitgleich angeboten wurde und auch in Deutschland als Basis für Sportversionen beliebt war?

Vermutlich nicht – doch oft genug zählt die innere Einstellung, die den Unterschied macht.

Technische Unterlegenheit durch kalkuliertes Risiko und Einsatzfreude wettzumachen, das war eines der Kennzeichen des heroischen Zeitalters, das spätestens mit der Etablierung des Fahrradhelms bei Sonntagsradlern und Kleinkindern auf Dreirädern sein Ende fand.

Es gibt aber noch eine andere Dimension von Sportlichkeit – die sich einst aufs Schönste mit dem Automobil verband und dieses regelmäßig zum Statisten degradierte.

Unerwartet sportlich stellt sich in dieser Hinsicht auch dieser Adler des Typs 6/25 PS dar, der auf eine Weise geadelt wird, die in einem neuen Zeitalter des freudlosen Puritanismus und aggressiven Jakobinertums neuerdings als unschicklich gilt:

Adler 6/25 PS; Foto via Karen Starr Venturini (USA)

Diese schwer überbietbare Aufnahme eines einst in Berlin zugelassenen Adler des Typs 6/25 PS wurde mir von einer oldtimerbegeisterten Dame aus den USA zugesandt, die den schönen Namen Karen Starr Venturini trägt.

Auch so etwas, meine Damen und Herren, illustriert die Schönheit des klassischen Sportwagens – ganz gleich, was unter Haube schlummert. Vergleichbares wird schon lange nicht mehr gewagt – die Hüter der politischen Korrektheit ruhen nie.

Doch gibt es noch solche Zeugen einer Zeit, die zwar ihre eigenen Probleme hatte, sich aber einen gesunden Ausgleich zu verschaffen wusste. Etwas ganz Ähnliches praktiziere ich hier als Heilmittel gegen allerlei virulente Neurosen…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Spurenlese der besonderen Art: Vorkriegsautos in Seesen

Nanu, mag jetzt mancher denken – kein Markenname im Titel? Keine Sorge, die automobile Markengeschichte der Vorkriegszeit kommt nicht zu kurz, ganz im Gegenteil.

Es ist bloß so, dass ich heute Anlass zu einer Spurenlese der besonderen Art habe, und das vedanke ich der Unermüdlichkeit eines KfZ-Urgesteins und Lokalhistorikers aus Seesen im Harz – sein Name ist Wolf-Dieter Ternedde.

Wer unter meinen Lesern ein gutes Namensgedächtnis hat, mag sich daran erinnern, dass uns Herr Ternedde schon das eine oder andere reizvolle Dokument aus Vorkriegszeiten „vermittelt“ hat, etwa diesen großartigen Mercedes 15/70/100 PS – hier beim Tankstopp in der frühen Nachkriegszeit:

Mercedes 15/70/100 PS Tourenwagen; Originalfoto via Wolf-Dieter Ternedde (Seesen)

Ansonsten werden wir heute zwar etwas kleinere Brötchen backen, doch ich verspreche Ihnen: Die heutige Spurenlese durch die Welt der Vorkriegsautomobile in Seesen wird sich lohnen – und am Ende deutlich über diesen zeitlichen Horizont hinausweisen.

Doch der Reihe nach.

Wolf-Dieter Ternedde – von Hause aus Karosseriebaumeister und KfZ-Meister (beides zusammen findet man nicht alle Tage) wollte sich nach dem altersbedingten Ausscheiden aus dem traditionsreichen Betrieb der Familie Ternedde in Seesen nicht einem ordinären Ruhestand hingeben.

Nach der liebevollen Dokumentation der „Seifenkistenrennen in Seesen 1951 bis 1955“ in Buchform stand ihm der Sinn nach mehr. Nach guter Handwerksmanier hat er Nägel mit Köpfen gemacht – und als Nächstes auf fast 250 Seiten „Die Geschichte der heimischen KfZ-Werkstätten 1912-2021 und die ersten Automobile in Seesen“ aufgearbeitet.

Was dieses Werk so bemerkens- und lesenswert macht, das will ich am Ende darlegen.

Zuvor unternehmen wir eine Reise durch die Geschichte der Automobile im Seesen der Vorkriegszeit – anhand einer Auswahl von Fotos, die Wolf-Dieter Ternedde in seinem Buch verarbeitet hat. Die abgebildeten Autos habe ich – so gut es eben ging – für ihn bestimmt.

Ziemlich am Anfang steht dieser „Doktorwagen“:

Opel 5/10 PS Doktorwagen von Dr. Schüttrumpf (Seesen); Foto via Wolf-Dieter Ternedde

Dieses frühe Automobil fuhr einst Dr. med August Schüttrumpf aus Seesen.

Im Unterschied zu zahlreichen fragwürdigen „Doktoren“, die es sich heutzutage in der Politik auf Kosten der arbeitenden Allgemeinheit bequem machen wollen, war er ein echter – nämlich ein praktizierender Arzt.

Vertreter seines Berufsstands waren meist die Ersten, die ein Automobil nicht zum bloßen Vergnügen erwarben. Hausärzte und Veterinäre gewannen mit der Benzinkutsche einen oft genug lebensrettenden Geschwindigkeitsvorteil und einen zuvor unerreichten Radius.

Der Wagen von Dr. Schüttrumpf war vermutlich ein Opel des Typs 5/10 PS, der einst als „Doktorwagen“ Karriere machte. Ob er schon 1909 das Licht der Welt in Rüsselsheim erblickte (dann wäre es noch ein Typ 4/8 PS) gewesen, oder erst 1910, ist schwer zu sagen.

Der „Windlauf“ – also die ab 1910 übliche aufwärtsgerichtete Blechpartie zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe – könnte nachgerüstet sein. Interessant ist, dass diese Aufnahme ein winziger Ausschnitt aus einem weit größeren Bild ist, das erst 1919 entstand.

Was mag der „Doktorwagen“ in diesen zehn Jahren bereits alles erlebt haben? Wievielen Menschen konnte Dr. Schüttrumpf inSeesen und Umgebung damit rechtzeitig Hilfe leisten – wie oft mag er trotz des wackeren Wagens zu spät gekommen zu sein?

Bleiben wir in der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg: Hier haben wir eine eindrucksvolle Versammlung von Tourenwagen, die sich anlässlich einer Ausfahrt einst vor dem Hotel Wilhelmsbad in Seesen eingefunden hatten:

Adler 12/34 PS bzw. 12/40 PS (vorne links) vor dem Hotel Wilhelmsbad (Seesen); Originalaufnahme aus Stadtarchiv Seesen

Diese Wagen waren damals reine Luxusgefährte – auch nach dem verlorenen Krieg und trotz der erdrosselnden Tributleistungen infolge des Versailler „Vertrags“ gab es in Deutschland noch ein dünne Schicht Vermögender, die sich so etwas gönnen konnten.

Oft genug war damals der Kauf eines Automobils ein Weg, der sich anbahnenden Aushöhlung der Währung ein Schnippchen zu schlagen, denn auch bei galoppierender Inflation blieb ein Auto werthaltig, war doch sein Nutzen derselbe.

So kam es in der ersten Hälfte der 1920er Jahre zu einem Boom im oberen Segment des deutschen Automarkts. Davon profitierten auch die leistungsfähigeren Modelle der Frankfurter Traditionsmarke „Adler“.

Diese technisch konventionellen, aber mit ihrem Spitzkühler schneidig aussehenden Modelle wie das in der ersten Reihe links zu sehende Fahrzeug finden sich auf Fotos jener Zeit ziemlich häufig.

Während es sich dabei meist um Typen mit 9/24- bzw. 9/30 PS-Motorisierung handelte, könnte der Wagen auf obigem Foto durchaus ein stärkeres Modell gewesen sein, welches parallel mit 12/34 bzw. 12/40 PS-Vierzylinder im selben Stil gebaut wurde.

Während die meisten deutsche Hersteller in der ersten Hälfte der 1920er Jahre wie Adler noch an traditionellen Formen und Manufakturproduktion festhielten, beschritten Brennabor und Opel bald neue Wege – die von der führenden US-Autoindustrie vorgezeichnet waren.

Brennabor verzettelte sich nach vielversprechendem Anfang mit unübersichtlicher Modellpolitik und teils wenig ansprechender Gestaltung. Opel dagegen hatte mit der Orientierung an erfolgreichen Konzepten aus dem Ausland eine glücklichere Hand.

Nach dem von Citroen inspirierten Opel 4-PS-Modell folgten die Rüsselsheimer in der Mittel- und Oberklasse bald ganz amerikanischen Vorbildern – vor der Übernahme durch General Motors wohlgemerkt.

So begegnete man in der Vorkriegszeit auch in Seesen dem Opel Typ 7/34 PS bzw. 8/40 PS, hier in einer Ausführung von 1927/28:

Opel 7/34 oder 8/40 PS, Fahrschule Hoffmann (Seesen); Foto via Wolf-Dieter Ternedde

Dieser Tourenwagen diente noch um die Mitte der 1930er Jahre als Fahrschulauto. Inhaber Paul Hoffmann war zugleich Besitzer einer Tankstelle und einer Opel-Werksvertretung – damit bestand die Aussicht, dass seine Fahrschüler ihm auch später treu blieben.

Wagen dieser Größenklasse blieben freilich die Ausnahme – größere Stückzahlen erreichten im damaligen Deutschland nur Kleinwagen wie das erwähnte Opel 4-PS-Modell.

Bemerkenswert ist, dass kein deutscher Hersteller damals aus eigenen Kräften in der Lage war, ein für eine Massenproduktion taugliches Kompaktmodell zu entwickeln. Entweder man verrannte sich in skurrilen Konzepten wie dem Hanomag „Kommissbrot“ oder man nahm „Anleihen“ an längst erfolgreichen Modellen ausländischer Hersteller.

Nachdem man etliche Jahre nur zugeschaut hatte, wie sich der automobile Globus weiterdrehte und man selbst stillstand, fiel irgendwann der Groschen. Nach Opel war es 1927 dann Dixi aus Eisenach, das sein Heil im Lizenznachbau des Austin Seven sah.

Der bereits seit fünf Jahren erfolgreiche Engländer fand mit einigen Anpassungen als Dixi rasch eine interessierte und oft begeisterte Anhängerschaft – so auch in Seesen:

Dixi 3/15 PS von Herbert Wadsack (Seesen); Foto via Wolf-Dieter Ternedde

Hier lehnt sich als stolzer Besitzer ein gewisser Herbert Wadsack in die (scheinbare) Kurve. Der 15 PS leistende Wagen gehörte anfänglich noch der Cyclecar-Klasse an – zu der sehr leichte Autos mit Reifen im Motorradformat und freistehenden Kotflügeln zählten.

Im Lauf der Zeit entwickelte man auf dieser Basis neben minimalistischen und sportlich wirkenden offenen Versionen wie diesem auch erwachsener erscheinende geschlossene Ausführungen des „Dixi“.

BMW aus München – damals noch ein reiner Motorradhersteller – erkannte das Potential und übernahm kurzerhand die Firma Dixi und ließ die zunächst noch auf dem Austin-Lizenzmodell 3/15 PS basierenden eigenen Modelle bis Kriegsende in Eisenach bauen.

Damit sind wir nun in den 1930er Jahren, als die deutsche Autoindustrie endlich aus der Lethargie erwachte und begann, selbst zunehmend den Fortschritt mitzubestimmen.

Freilich waren die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen denkbar ungünstig und einst stolze Marken wie Audi, DKW, Horch und Wanderer überlebten nur durch Bündelung der Kräfte – die legendäre Auto-Union entstand.

Unter ihrer Führung gelang es, den eigenständigen Charakter der Marken zu wahren und gleichzeitig die Vorteile einer gemeinsamen Organisation zu nutzen. Oft bekam der Käufer gar nicht mit, dass dieselbe Plattform oder auch Motoren bei Wagen unterschiedlicher Marken verwendet wurden.

Vielleicht am wertvollsten war aber das Gestaltungsbüro der Auto-Union, dem es gelang, einerseits den einzelnen Marken ein eigenes Gesicht zu geben und andererseits gewisse ästhetische Gemeinsamkeiten zu entwickeln, die den hohen Anspruch der Auto-Union in gestalterischer Hinsicht repräsentierte.

Ein Beispiel dafür ist der ab 1936 gebaute Wanderer des Typs W51 bzw. 53, wie hier als schickes Vierfenster-Cabriolet zu sehen ist:

Wanderer W51 oder W 53; Wagen der Gießerei Gerhards (Seesen); Foto via Wolf-Dieter Ternedde

Dieses Auto, das vermutlich eine Karosserie von Gläser (Dresden) besaß, gehörte dem Inhaber des Seesener Gießereiunternehmens Gerhards. Abgelichtet wurde es im Juni 1937 anlässlich einer längeren Ausfahrt bei Laboe.

Der Stil dieses Cabriolets mit gepfeilter Windschutzscheibe ähnelt zeitgenössischen Horch-Modellen, doch die Frontpartie war vollkommen eigenständig gestaltet und fand sich so nur bei Wanderer-Automobilen.

Hier sehen wir den Wagen während der gleichen Tour, wie er gerade ein Fähre verlässt:

Wanderer W51 oder W 53; Wagen der Gießerei Gerhards (Seesen); Foto via Wolf-Dieter Ternedde

Das Kennzeichen verweist auf eine Zulassung im einstigen Landkreis Gandersheim, zu dem auch Seesen gehörte.

Mit dieser Aufnahme sind wir schon kurz vor Kriegsbeginn, doch noch nicht ganz am Ende. Wie es der Bedeutung der Marke entspricht, kehren wir ein drittes Mal zu Opel zurück.

Rund ein Vierteljahrhundert nach dem Erscheinen des ersten Opel „Doktorwagens“ in Seesen und etwa zehn Jahre nach der Einführung des Typs 8/34 PS, der als Fahrschulauto diente, finden wir zuletzt einen Vertreter des modernen Typs Olympia bzw. Kadett – des ersten in Großserie gebauten Ganzstahlwagens in Deutschland.

Verewigt ist dieses Modell auf einem Foto, das großen Charme besitzt, doch zugleich an die zeitlichen Umstände erinnert, unter denen es entstanden ist:

Opel Kadett oder Olympia; Foto via Wolf-Dieter Ternedde

Gegen diese junge Dame ist der wackere Opel natürlich chancenlos – aber er war dafür ausgelegt, eine dienende Rolle zu erfüllen und trug seine „Kühlerfigur“ mit Gelassenheit.

Die Tarnblenden auf den Scheinwerfern verraten, dass dieses schöne Dokument nach Kriegsausbruch im September 1939 entstanden sein muss.

Private Automobile wurden für Militärzwecke eingezogen, sofern sie nicht veraltet waren (das rettete viele Autos mit Baujahr vor etwa 1930) oder für die ein aus staatlicher Sicht unabweisbarer Bedarf bestand – wie bei Ärzten, „wichtigen“ Mitgliedern von Parteiorganisationen oder schlicht Leuten mit „Beziehungen“.

Im Fall des obigen Fotos dürften wir es mit einem beschlagnahmten Zivilfahrzeug zu tun haben, das wohl einer Luftwaffeneinheit diente – darauf deutet jedenfalls das auf dem linken Kotflügel angebrachte Abzeichen mit einer fallenden Bombe hin.

Vom späteren Bombenhagel der Alliierten scheint das kleine Seesen verschont worden zu sein, doch wie im übrigen Europa waren die Wunden des Kriegs auch so allgegenwärtig – in den Menschen, die ihn erlebt hatten.

Ein Kriegsteilnehmer dürfte auch dieser junge Mann gewesen sein, der uns auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 1951 ernst anschaut:

Ford Eifel; Aufnahme von 1951 an der Tankstelle/Werkstatt Georg Hoffmann (Seesen); Foto via Wolf-Dieter Ternedde

Er trägt zu seinem Overall eine typische Feldmütze, wie sie millionenfach von deutschen Soldaten getragen worden war und oft zu den wenigen Dingen gehörte, mit denen sie nach Kriegsende heimkehrten.

Wie es scheint, hat der Träger dieser Mütze einen Aufnäher angebracht, möglicherweise einen der Marke Gasolin, auf die auch das Schild im Hintergrund verweist. Das würde ausgezeichnet zusammenpassen, denn das Foto entstand vor der Tankstelle/Werkstatt Georg Hoffmann in Seesen.

Das Auto ist leicht zu bestimmen – es handelt sich um einen Ford „Eifel“ in der von 1937-39 gebauten Ausführung.

Viele dieser robusten Wagen leisteten noch lange nach Kriegsende gute Dienste, bis sie im Zuge des breiten Wirtschaftsaufschwungs der 1950/60er Jahre verschwanden, als sich erstmals die breite Masse Autos leisten konnte – zuimdest im Westen unseres Landes.

An dieser Stelle endet meine automobile Spurenlese in Seesen – doch die von Wolf-Dieter Ternedde ist hier noch lange nicht zuende. Denn er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die ganze Geschichte des Automobils in Seesen zu dokumentieren.

Die heute vorgestellten Fotos sind bloß ein kleiner Ausschnitt aus diesem Vorhaben, für das das Herr Ternedde in jeder Hinsicht berufen war – was die nötige fachliche Kenntnis angeht, die Beziehungen zu seinen Mitbürgern in seinem Heimatort und nicht zuletzt die Gründlichkeit und Hartnäckigkeit alter Schule, mit der er die Sache anging.

So gelang es Wolf-Dieter Ternedde „Die Geschichte der heimischen KfZ-Werkstätten und die ersten Automobile in Seesen“ in seinem soeben erschienen gleichnamigen Buch reich bebildert und mit lebendigen Schilderungen aus erster Hand festzuhalten.

Was mich an dem im Eigenverlag herausgegebenen Werk so begeistert, ist Folgendes: Man könnte meinen, dass einem als Nicht-Seesener dieses Stück Heimatgeschichte nicht viel sagen wird und die Dokumentation örtlicher Werkstätten, Karosseriebetriebe und Tankstellen bestenfalls ein Nischenthema ist – doch das ist nicht der Fall.

So erzählt Wolf-Dieter Ternedde in seinem Buch nicht nur – quasi nebenher – die Geschichte des Automobils bis in die unmittelbare Gegenwart. Er schildert zugleich die Geschichte unseres Landes aus einer ganz speziellen Perspektive, die uns allen etwas sagt.

Während man die Geschicke der teils längst verschwundenen, teils noch existierenden Seesener Firmen über die Jahrzehnte anhand von Fotos und Erzählungen verfolgt, beginnen einem die Menschen, die dort arbeiteten, und die Familien, denen die Betriebe gehörten, auf merkwürdige Weise vertraut zu werden.

Denn wir alle kennen aus eigener Geschichte und Anschauung ganz ähnliche Situationen, Lebenswege und Umbrüche. Die wechselnden Autos über die Jahrzehnte und das sich verändernde Erscheinungsbild der Betriebe und des Stadtbilds sind bloß stellvertretend für unser eigenes Erleben über die Jahrzehnte.

So zieht in diesem einzigartigen Buch, für das Wolf-Dieter Ternedde zum richtigen Zeitpunkt mit großem Fleiß auf die noch vorhandenen Dokumente und Zeitzeugen zurückgegriffen hat, letztlich das Leben mehrerer Generationen unseres Landes vorüber.

Wer ein Herz für das Automobil in allen seinen Facetten hat – von bodenständig bis glamourös – und wer Genuss und Erkenntnis aus dem Studium der Alltagshistorie bezieht, der wird an diesem Buch viel Freude haben.

Mancher wird sich auch einigen nachdenklichen Worten von Wolf-Dieter Ternedde am Ende anschließen wollen, denen ich hier nicht vorgreifen will. Nur soviel: Dieses Buch mit der Schilderung eines stetigen, über lange Zeit aber immer wieder belebenden Strukturwandels ist aktueller, als man vielleicht denken mag.

Bezug für 20 EUR (zzgl. 4 EUR Versandkosten) direkt beim Autor: w-ternedde@t-online.de

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Das erste Auto im Dorf! Ein Adler von 1910

Der August 2021 nähert sich seinem Ende – allmählich wird es Zeit für den Fund des Monats. Doch vorher will ich noch eine kleine Sensation präsentieren.

„Klein“ trifft es genau und „Sensation“ an sich auch, wenngleich wir 111 Jahre in die Vergangenheit zurückreisen müssen, um die richtige Perspektive dafür zu gewinnen.

Dass wir heute auf diese Zeitreise gehen können, das verdanke ich Martina Müllender aus Montabaur, die übrigens feine Street Photography betreibt. Sie fand bei der Sichtung von Fotos aus Besitz ihrer Familie dieses wunderbare Dokument:

Adler Kleinauto von 1910; Originalfoto aus Familienbesitz (Martina Müllender)

Das Schöne an diesem Foto ist nicht nur der Adler, der uns hier entgegenkommt, sondern die Tatsache, dass sich noch genau sagen lässt, wann und wo die Aufnahme entstand, sogar wer den Wagen besaß.

Die Aufnahme angefertigt hat ein Urgroßonkel von Martina Müllender – die mit ihrem Beruf offensichtlich eine alte Familientradition fortsetzt. Als Aufnahmedatum wurde damals „1910“ auf dem Abzug vermerkt.

Das passt perfekt zu dem abgelichteten Auto – denn 1910 markiert das Jahr, in dem die Wagen des Frankfurter Herstellers erstmals einen „Windlauf“ erhielten, also ein Blech, das für einen strömungsgünstigen Übergang von der Motorhaube zur Frontscheibe sorgt.

Vor Einführung dieses Elements stieß die Motohaube abrupt auf die senkrechte Schottwand, auf der die Windschutzscheibe montiert ist.

Der Windlauf resultierte dagegen erstmals in den fließenden Linien vom Kühler bis zum Passagierabteil, die bis heute das Erscheinungsbild des Autos bestimmen. Die leicht schräggestellte Frontscheibe passt perfekt zu diesem modernen Gestaltungselement:

Wenn wir den zum Aufnahmezeitpunkt praktisch fabrikneuen Adler zeitlich so genau einordnen können, stellt sich die Frage, ob man auch den Typ näher bestimmen kann.

Nun, das wird schwierig, weil sich bei den frühen Adler-Automobilen gleichzeitig gebaute Typen bestenfalls in den Proportionen unterschieden. Selbst bei weitgehend identischen Abmessungen waren mit ein und derselben Karosserie oft mehrere Motorisierungen verfügbar, auf die äußerlich selten etwas hinwies.

Hinzu kommt, dass die Motorisierung in der laufenden Produktion wiederholt verbessert wurde, ohne dass damit sichtbare Änderungen einhergingen.

In historischen Dokumenten – also zeitgenössischen Broschüren und Reklamen – erwähnte Motorisierungen stehen somit oft nicht für eigenständige Typen, sondern stellen eher Momentaufnahmen dar.

Im vorliegenden Fall bestätigt sich das: Dieser Adler von 1910 ist von der Größe her als ein Wagen der Kleinwagenlinie dieser Marke einzuordnen. Damit kommen gleich mehrere Ausführungen in Frage, die gleichzeitig bzw. in kurzer Abfolge gebaut wurden.

Die Palette reicht von 5 bis 7 Steuer-PS, womit Hubräume von 1,3 bis 1,8 Liter einhergingen. Die verfügbare Spitzenleistung dieser kompakten Vierzylinderaggregate reichte von 11 bis 17 PS.

Konstruktive Unterschiede gab es dabei so gut wie keine, lediglich die Spur (1,25 Meter bzw. 1,30 Meter) und der Radstand (2,40, 2,50 bzw. 2,70 Meter) unterschieden sich. Es liegt auf der Hand, dass wir die Motorisierung dieses Adlers unmöglich bestimmen können.

Wir können uns dem Wagen dennoch auf andere Weise nähern, im ersten Schritt dadurch, dass wir den Adler und sein Umfeld mit etwas Farbe in die Gegenwart holen:

Im zweiten Schritt machen wir uns mit dem Umfeld vertraut. Überliefert ist, dass die Aufnahme außerhalb von Litterscheid (Gemeinde Ruppichteroth) entstand und den Wagen zeigt, als er auf das Dorf zufuhr.

Nach Sichtung der heutigen Topographie vermute ich, dass der Adler aus Nordnordost-Richtung hangaufwärts kam und kurz davor war, den Ortsrand zu erreichen.

Wer war das nun, der anno 1910 mit seinem Adler Kleinauto gen Litterscheid unterwegs war? Auch das wissen wir glücklicherweise.

So ist überliefert, dass der Besitzer ein gewisser Dr. Eschweiler war, der damals das erste Automobil in das Dorf lenkte. Das war die kleine Sensation, von der ich eingangs sprach.

Auch wenn das Auto selbst nichts Ungewöhnliches darstellt, ist es bemerkenswert, dass wir nach so langer Zeit immer noch Zeugen dieses Ereignisses sein können…

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Saubere Arbeit: Adler 9/24 und 9/30 PS

Die letzten Tage war ich keineswegs untätig, wie vielleicht der eine oder andere Leser glauben könnte. So habe ich eine Reihe von Fotos abgestaubt, die schon länger in meinem Fundus schlummern und den darauf verewigten alten Wagen zu neuem Glanz verholfen.

Zufällig zeigen alle Aufnahmen wahrscheinlich denselben Wagentyp, wenn auch nicht dasselbe Auto – bestenfalls das gleiche…Auf geht’s!

Im März 1926 entstand irgendwo in Bayern diese Aufnahme – erkennt jemand den Ort?

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Typisch deutsch, dieser Spitzkühlerwagen mit schlichtem Tourenwagenaufbau, soviel ist klar. Eindeutig auch die Zulassung in Schwabmünchen (heute Landkreis Augsburg).

Doch der Hersteller des Autos ist schwer zu ermitteln. Benz und Mercedes lassen sich ausschließen, Phänomen und Opel ebenfalls. Könnte es sich um einen Dux handeln? Dazu würde passen, dass kein Kühleremblem zu erkennen ist.

Doch vielleicht ist das auch nur der Fall, weil die Aufnahme ein wenig Staub angesetzt hat. Versuchen wir es einmal mit einer kleinen Auffrischung:

Hmh, viel gebracht zu haben scheint diese „Säuberungsaktion“ hier nicht. Ein wenig Leben ließ sich dem alten Dokument aber immerhin einhauchen.

Wir behalten die Kühlergestaltung im Hinterkopf, ebenso vermerken wir 14 Luftschlitze in der Motorhaube, Drahtspeichenräder, schrägstehende Windschutzscheibe und eine nur wenig ausgebildete Schwellerpartie.

Den nächsten Fotokandidaten verdanke ich Leser Klaas Dierks – seine Aufnahme scheint einen ganz ähnlichen Wagen zu zeigen:

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Der Kühler ist praktisch identisch gestaltet, nur ist hier ansatzweise eine dreieckige Emaill-Plakette zu erkennen.

Die Zahl der Luftschlitze ist leider nicht eindeutig festzustellen, dafür werden wir durch das seltene Detail einer zusätzlichen Windschutzscheibe vor den Passagieren im Fond entschädigt – vermutlich ein markenunabhängiges Zubehörteil.

Davon abgesehen, sind keine wesentlichen Unterschiede zu sehen – das mitgeführte Ersatzrad konnte ein Extra sein und war zudem von der anderen Fahrzeugseite nicht sichtbar. Räder und Frontscheibe stimmen überein.

Der Versuch, auch hier den Staub der Jahrzehnte wegzupusten, zeitigt leider keine neuen Erkenntnisse – der Chauffeur gibt sich weiterhin abweisend und das (mutmaßliche) Farbschema des Schals, den der junge Mann auf dem Trittbrett trägt, bringt uns nicht weiter:

Doch einen kleinen Schritt sind wir mit dieser Aufnahme vorwärtsgekommen – denn von nun an gilt es, vor allem das Kühleremblem im Blick zu behalten.

Den nächsten Schritt repräsentiert eine Aufnahme, die 1925 auf der „Fahrt nach Schönberg“ entstand – woran sicher nicht nur dieser Wagen beteiligt war. Sechs bis sieben Insassen ließen sich in einem Tourenwagen schon unterbringen, aber keine zehn wie in diesem Fall:

Adler 9/24 PS oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer gerne Physiognomien studiert, hat hier reichliches Anschauungsmaterial. Neben dem bieder wirkenden Chauffeur sind hier einige prächtige „Verbrecher“gesichter versammelt. Den Wagen würde ich jedenfalls keinem dieser Herren abkaufen wollen…

Doch zurück zum Thema – dieses Exemplar sieht den beiden zuvor gezeigten verdammt ähnlich, von der senkrecht stehenden Frontscheibe einmal abgesehen. Tatsächlich finden sich auch hier ein lackierter Spitzkühler mit emailliertem Emblem, 14 Haubenschlitze, und Drahtspeichenräder (bei deutschen Wagen eher die Ausnahme).

Nun ist auch die Schwellerpartie besser zu erkennen: Hier ist noch der Chassisrahmen sichtbar und der Zwischenraum zum Trittbrett scheint mit einem gerundeten Element aus Blech oder Kunstleder geschlossen zu sein – eine Lösung, die man eher vor dem 1. Weltkrieg erwarten würde, nicht aber Anfang der 1920er Jahre, als dieser Wagen entstand.

Aufmerksame Betrachter werden spätestens hier erkannt haben, dass es sich um einen Wagen des Frankfurter Herstellers Adler handelt, das ist auch auf der Verschlussmutter des Vorderrads zu lesen.

In dieser Hinsicht hilft das Säubern des alten Originals sogar ein wenig, wenngleich die Insassen mit frischer Tünche versehen kein Deut „sauberer“ wirken:

Auch wie sich der Wagen darbietet, vermag auf dieser Aufnahme noch nicht zu überzeugen.

Den Adler-Enthusiasten gelüstet es verständlicherweise danach, dieses offenbar gar nicht so seltene Spitzkühlermodell endlich einmal aus vorteilhafter Perspektive zu sehen.

Da hilft nur eine herzhafte Behandlung mit anderen Mitteln, in diesem Fall mit einem tüchtigen Schwall Wasser, der den Wagentyp auf einmal frisch und fast neu vor unseren Augen erstrahlen lässt:

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hand auf’s Herz, liebe Vorkriegsfreunde: Wann hat man zuletzt ein Autofoto der 1920er Jahre gesehen, das einen derartig gelungenen Bildaufbau zeigt?

Diese Aufnahme (von Leser Klaas Dierks) ist nicht nur vom Blickwinkel und der Tiefenstaffelung perfekt, sie enthält auch ein dynamisches Element, das uns buchstäblich an der Szene teilhaben lässt.

Der Fotograf hat nämlich in dem Moment auf den Auslöser gedrückt, in dem der junge Mann links in die Hocke gegangen ist und mit dem Wasserschlauch von schräg unten auf den Wagen hält.

Besonders gut gefällt mir die Lässigkeit der Haltung, die durch Weste und Oberhemd in keiner Weise beeinträchtigt wird – im Gegenteil. So wie eine verrutschte Krawatte eine reizvolle Mischung aus Korrektheit und Gleichgültigkeit darstellen kann, sind es hier die hochgekrempelten Hemdsärmel, die für einen gelungenen stilistischen Balanceakt sorgen.

Heute würde man denselben Vorgang in Jeans und T-Shirt absolvieren – einst ein Ausdruck von Nonkonformität, heute vollkommen beliebig. Wirklich cool wäre es, mit genau so einem Outfit dem Vorkriegsklassiker zu Leibe zu rücken, wie das der Bursche auf dem Foto tat.

Das würde in Farbe dann annähernd so aussehen:

Vor lauter Begeisterung über dieses großartige Dokument, auf dem uns der Adler auf einmal blitzsauber begegnet, soll nicht unerwähnt bleiben, dass wir es hier (und wahrscheinlich auf allen zuvor gezeigten Fotos) mit dem Adler-Vierzylindermodell 9/24 PS bzw. 9/30 PS zu tun haben, welches von 1921-24 gebaut wurde.

Ob sich die frühe 24-PS-Ausführung äußerlich von der späteren Version mit 30 Pferdestärken unterschied, vermag ich nicht zu sagen.

Mir ist keine allgemein zugängliche Adler-Publikation – sei es in Buchform oder im Netz – bekannt, die sich mit den Modellen der Marke vor Einführung des „Standard 6“ und „Favorit“ gegen Ende der 1920er Jahre wirklich ausführlich befasst – für eine der einst bedeutendsten und auch international bekanntesten deutschen Automarken ein Armutszeugnis.

So bleibt meine stetig wachsende Adler-Fotogalerie zwar die größte allgemein zugängliche Quelle von Dokumenten früher Adler-PKW-Modelle, doch ist sie in Teilen notgedrungen spekulativ. Vielleicht erbarmt sich ja einmal einer der Markenspezialisten – Material in Form der Originalprospekte ist ohne Ende vorhanden, das ist mir bekannt.

Nach dieser notwendigen Feststellung wird vielleicht der eine oder andere weniger mit Adler-Wagen der frühen 1920er Jahre vertrauten Leser das Markenemblem doch noch ein wenig detailreicher sehen wollen.

Dazu bietet sich eine weitere Aufnahme an, die zwar auf den ersten Blick nicht gerade perfekt ist, aber das entscheidende Detail auf den Punkt bringt:

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der stilisierte Adler – kaum überraschend bei der Marke – zeichnet sich hier deutlicher auf dem Kühleremblem ab als bei allen bislang gezeigten Aufnahmen dieses Typs.

Nebenbei sind die zahlreichen Verwandlungen des Emblems eine Wissenschaft für sich. Wer glaubt, dass es wenigstens im Netz eine vollständige Übersicht davon gäbe, wird auch hier enttäuscht (sofern ich nicht etwas übersehen habe).

Auch diese Herren aus alter Zeit scheinen erwartungsvoll dreinzuschauen – werden die Nachgeborenen noch denselben Enthusiasmus für die einst so verbreiteten und geschätzten Produkte der Marke aus Frankfurt am Main an den Tag legen?

Dazu kann ich nur sagen: An die Arbeit, liebe Adler-Markenspezialisten, wenn man dem selbstgesetzten Anspruch gerecht werden will.

An Wissen mangelt es nicht, soviel ist klar, aber eine aussagefähig bebilderte Typenhistorie erarbeiten und allgemein verfügbar zu machen, das sollte gut 75 Jahre nach dem Ende der Adler-PKW-Produktion irgendwann einmal drin sein.

Und sollte es vereinzelt an dem hervorragendem Bildmaterial mangeln, das die Marke Adler verdient, dann lässt sich da etwas machen.

So ist mir beim Abstauben und Aufpolieren der heute vorgestellten Fotos eine weitere Aufnahme eines Adler-Spitzkühlermodells des Typs 9/24 bzw. 9/30 PS aus meiner Sammlung wiederbegegnet, die garantiert keine Wünsche mehr offenlässt.

Hier hat nämlich bereits der Fotograf in jeder Hinsicht „saubere Arbeit“ abgeliefert:

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nichts weniger als den Qualitätsanspruch eines solchen Dokuments darf man doch auch von der heutigen Dokumentation in Sachen Adler-PKW erwarten, oder ist da zwischenzeitlich etwas an Arbeitsethos verlorengegangen?

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Was vom Tage übrigblieb: Adler „Diplomat“

„Was vom Tage übrigblieb“ – das ist der Titel eines britischen Films, auf den ich am Ende zurückkomme. Er ist zugleich Beschreibung dessen, was ich in meinem Blog zu später Stunde tue – einer mehr oder weniger heimlichen Liebe nachgehen.

Beim Schein der Schreibtischlampe tauche ich in alte Fotos ein, die ich – nicht sonderlich zielgerichtet – am Wegesrande aufgelesen habe oder die mir von anderen Enthusiasten zugespielt wurden und welche vordergründig Automobile der Vorkriegszeit zeigen.

In den besten Fällen handelt es sich um Momentaufnahmen, deren zeitlose Botschaft über das Studium technischer Besonderheiten und Karosseriedetails oder Anmerkungen zum Hersteller und zu den Zeitumständen hinausgeht.

Heute kann ich wieder mit einem Beispiel dafür aufwarten, bei dem man sich zwar mit dem Wagen beschäftigt, das einen aber letztlich mit dem Gedanken konfrontiert, was von einem Tag übrigbleibt – vor allem, wenn man nach langer Zeit darauf zurückblickt.

Was von einem Tag im September 1935 übrigblieb, ist zunächst dieser Ausschnitt eines Fotos, das im bayrischen Bad Tölz entstand und welches als Postkarte zu einem Adressaten ins nahegelegene Benediktbeuern gelangte:

Auf den ersten Blick ist hier wenig zu sehen außer einer massigen Limousine mit gegenläufig öffnenden Türen, angesetztem großen Kofferraum mit zwei Ersatzrädern und auffallendem Dachabschluss.

Doch wird sich das Bild ganz anders darstellen, wenn man einmal ein klareres Foto desselben Wagentyps gesehen hat. Ein solches muss man freilich erst einmal auftreiben. Und dazu muss man erst einmal wissen, was man hier eigentlich vor sich hat.

Ein erster Schlüssel zur Identifikation sind die profilierten Scheibenräder mit großer schmuckloser Radkappe. Diese finden sich identisch bei diesem Adler „Trumpf Junior“:

Adler „Trumpf Junior“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese charmante Aufnahme des erfolgreichen Frontantriebswagens der Frankfurter Adlerwerke entstand 1934 im Raum Berchtesgaden. Im selben Jahr baute Adler die mächtige 6-Zylinder-Limousine, die wir auf dem eingangs gezeigten Foto sehen.

Sie wurde mit ähnlicher Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd (Berlin) ausgeliefert wie der Hanomag „Sturm“ – der ebenfalls einen Sechszylindermotor unter der Haube besaß, welche sich durch fünf seitliche Luftklappen auszeichnete. Selbige verraten sich auf dem Foto durch kleine waagerechte Chromleisten.

Auf folgender Aufnahme sehen wir nun dieses Adler-Modell mit der standesgemäßen Bezeichnung „Diplomat“ in derselben repräsentativen Ausführung.

Adler „Diplomat“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im hinteren Drittel des Dachs wäre Platz für ein weiteres Fenster gewesen wie beim Hanomag „Sturm“. Doch verzichtete man darauf, sodass die Passagiere im Heck dem Blick von außen verborgen blieben.

Das gibt dem Wagen eine aristokratische Würde, die man bei britischen Automobilen jener Zeit findet. Mir ist kein anderer deutscher Hersteller bekannt, der sich für diesen langgestreckten Dachabschluss entschied, der Vorbilder aus der Kutschenzeit zitiert.

Mit diesem Prachtexemplar, das so nur 1934 gebaut wurde, verabschiedete sich Adler aus der Liga klassisch gestalteter Oberklassefahrzeuge. Die ab 1935 gefertigte Version des „Diplomat“ besaß eine weit modernere Karosserie, die nicht dieselbe Noblesse ausstrahlt.

Mit solchem Wissen ausgestattet und mit dem majestätischen Erscheinungsbild des Wagens vor Augen kehren wir zum Gegenstand der heutigen Betrachtung zurück:

Adler „Diplomat“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sieht man das Fahrzeug mit anderen Augen, was auch mit den beiden jungen Damen zu tun hat, die vom Fotografen gekonnt als lebendiger Kontrapunkt zu der dunklen Masse Blech platziert wurden.

Dass der Abzug, der einst als Postkarte lief, nach so langer Zeit nur mäßig erhalten ist, tut seiner Wirkung keinen Abbruch.

Immer wieder geht der Blick von dem eindrucksvollen Wagen zu den trotz gleicher Kleidung vom Typ her völlig unterschiedlichen Frauen und dann in den Hintergrund, der auch mit Strom- oder Telegrafenleitung idyllische Wirkung entfaltet.

Da diese Postkarte aus dem Heilkurort Bad Tölz verschickt wurde, könnte ich mir vorstellen, dass die beiden Damen zum Personal eines örtlichen Hotels gehörten. Wie es wohl zu der Aufnahme mit dem Adler kam, der vielleicht einem Gast gehörte?

Liefert die Beschriftung der Rückseite einen Hinweis darauf?

Leider ist der Text stark verblasst, mehr konnte ich aus dem Original nicht herausholen. Leser und Sammlerkollege Klaas Dierks lieferte folgende Transkription:

Lieber Hansi,
wie geht es Dir jetzt? Hoffentlich besser. Ist auch zu Haus alles gesund? […] einige Wochen dann ist mit der Sesong Schluß. Aber dann spanne ich aus, bis sich daß …..

Vermutlich wissen wir am Ende nicht mehr als diese kurze Botschaft, die wohl eine der beiden Damen auf dem Foto verfasste, den Tag, an dem das Foto 1935 als Postkarte auf die Reise ging, die Empfängeradresse in Benediktbeuren und den Typ des Adler-Automobils, das darauf abgebildet ist.

Was vom Tage übrigblieb, an dem dieses Dokument entstand, ist somit am Ende ein verblassendes Stück Papier. Damit verbindet sich die zeitlose Frage, was vom Tag übrigbleibt, der bedeutend erscheint, während wir ihn erleben, der aber im Dunkel entschwindet, wenn er einmal zum Gestern und Früher geworden ist.

Dieselbe Frage – auf das gesamte Dasein angewendet – behandelt der britische Film „The remains of the day“ von 1993. Er ist Reflektion des Daseins eines Butlers in der britischen Aristokratie, der in seinen späteren Jahren mit den verpassten – oder vermiedenen – Pfaden konfrontiert wird, die sein Dasein hätte nehmen können.

Großartig ist folgende Sequenz, in der Miss Kenton, die Haushälterin des Adelssitzes Darlington Hall, gespielt von Emma Thompson, den von Anthony Hopkins verkörperten Butler bedrängt, ihr zu verraten, was er in der Zeit liest, die von seinem Tag übrigbleibt.

„Lesen Sie ein verwegenes Buch“?„Glauben Sie, dass es verwegene Bücher im Regal seiner Lordschaft gibt?“

„Woher soll ich das wissen? Was ist das für ein Buch? Lassen Sie es mich sehen!“ – „Bitte lassen Sie mich alleine, Miss Kenton.“

„Warum zeigen Sie mir nicht Ihr Buch?“ – „Jetzt ist die Zeit, die ich für mich habe. Sie stören mich darin.“

„Wirklich? … Was steht denn in dem Buch? Bitte, lassen Sie es mich sehen.… Wollen Sie mich vielleicht vor etwas schützen? Würde es mich schockieren? …Lassen Sie es mich sehen! …Oh, es ist ja gar nichts Skandalöses. Das ist ja bloß ein sentimentaler alter Liebesroman“

Filmquelle: YouTube.com; hochgeladen von Movieclips

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Kleyers Kleinster: Adler 5/13 PS von 1912

Für den Kalauer im Titel meines heutigen Blog-Eintrags habe ich mir einige historische Freiheiten genommen:

Zwar war der Gründer der Firma Heinrich Kleyer aus Frankfurt/Main, die sich ab 1881 mit Fahrrädern am Markt etabliert hatte, einst die treibende Kraft hinter der Entstehung der Automarke Adler – doch für die Konstruktion der Adler-Wagen ab 1900 zeichnete er selbst nicht verantwortlich – dafür griff man auf erfahrene Ingenieure zurück.

Zudem war der Name Kleyer bereits mit der Gründung der Adlerwerke AG 1895 eigentlich Vergangenheit – nur der Zusatz „vormals Heinrich Kleyer“ erinnerte noch eine Weile im Firmennamen an ihn – wie in dieser Reklame von 1913:

Reklame für den Adler 5/13 PS-Modell; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die Anzeige erschien 1913 in der Zeitschrift „Jugend“ – die übrigens Ende des 19. Jh. erstmals den Kunststil ins Rampenlicht gerückt hatte, der nach ihr im deutschsprachigen Raum als „Jugendstil“ bezeichnet wurde.

Richtig ist auf jeden Fall, dass diese Reklame für das seinerzeit kleinste Adler-Modell warb – den Typ 5/13 PS mit 1,3 Liter-Vierzylinder. Im Wesentlichen handelte es sich um eine leistungsgesteigerte Ausführung des seit 1910 gebauten Typs 5/11 PS.

Etwas moderner fielen die Aufbauten aus, bei denen die Linie der Motorhaube harmonisch in die dahinterliegende Blechpartie überging, die zur Windschutzscheibe hin anstieg – als Windlauf, Windkappe oder auch Torpedo bezeichnet.

Zudem besaß der Adler 5/13 PS serienmäßig filigrane Drahtspeichenräder, anhand derer man ihn vom Vorgängertyp 5/11 PS, aber auch vom etwas stärkeren Modell 7/15 bzw. 7/17 PS unterscheiden kann, die beide mit klobigeren Holzspeichenräder daherkamen.

Ein weiteres Detail des Adler 5/13 PS zeichnete sich dadurch aus, dass man es von außen nicht sah – dazu später mehr. Hier erst einmal ein Foto, das höchstwahrscheinlich einen Typ 5/13 PS zeigt, wie er ab 1912 angeboten wurde:

Adler Typ 5/13 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Adler-Wagen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg ähneln sich zwar in der Formgebung stark und unterschieden sich äußerlich praktisch nur in den Proportionen.

Doch hier haben wir den glücklichen Fall, dass man anhand der Größe der Insassen und der Fenster im Hintergrund ermessen kann, dass man es mit einem sehr kompakten Modell zu tun hat. Die Drahtspeichenräder bestätigen dann die Vermutung, dass dieses Auto tatsächlich „Kleyers Kleinster“ war – dessen Radstand ganze 2,40 m betrug.

An der Ansprache als Adler kann ohnehin kein Zweifel bestehen, der typische Kühler mit rasterförmigem Netz, der kursive Adler-Schriftzug und die Kühlerfigur sagen alles:

Die mit Karbidgas betriebenen Scheinwerfer unterstützen die Annahme, dass dieses Foto noch vor Beginn des 1. Weltkriegs entstanden ist – der Adler war damals also bestenfalls zwei Jahre alt.

Das Erscheinungsbild der Insassen wäre allerdings sowohl mit einer frühen Datierung als auch mit einer Entstehung in die Zeit kurz nach 1918 vereinbar.

Zwar brachten die 1920er Jahre vor allem bei den Damen einen radikalen Wandel in der Mode mit sich, aber die weiblichen Passagiere könnte man wie die Herren in der Vor- und in der (frühen) Nachkriegszeit verorten:

Dieser Ausschnitt bietet sich nun dazu an, auf das Detail zurückzukommen, das den Adler Typ 5/13 vom Vorgänger 5/11 PS unterscheidet, weil es nicht sichtbar ist.

Was könnte das sein? Nun, schauen wir, was sich in Griffweite des Fahrers befindet: Neben dem Lenkrad natürlich wäre das der Gummiball zur Bedienung der Hupe. Aber fehlt hier nicht noch etwas anderes?

Tatsächlich: Man sieht keinen Handbrems- und Schalthebel – die doch bei so frühen Automobilen fast immer rechts außen an der Karosserie angebracht waren. Ein Blick in die Literatur bestätigt, dass ausgerechnet „Kleyers Kleinster“ mit innenliegenden Brems- und Schalthebeln ausgestattet war.

Bleibt die Preisfrage: Besaß dieser Adler 5/13 PS aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg bereits Brems- und Schalthebel in Wagenmitte – oder waren diese rechts an der Innenseite der Karosserie angebracht?

Die letztgenannte Variante erscheint mir wenig wahrscheinlich – weiß es ein Kenner früher Adler-Modelle dieses Typs genau?

Festzuhalten bleibt so oder so, dass auch „Kleyers Kleinster“ ein interessantes und markentypisch vollwertiges Automobil in bester Verarbeitung war – kein Wunder dass man einst ziemlich stolz darauf war.

Für mich zeigt sich hier wieder einmal, wie ein auf den ersten Blick unscheinbares (und im Original schlecht erhaltenes) privates Autofoto bei näherer Betrachtung einiges Interessantes preisgibt – ganz abgesehen davon, dass historische Aufnahmen dieses Typs sehr selten sind, weshalb jedes Puzzlestück zählt – und sei es auch das kleinste…

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Ungleiche Brüder: Adler „Primus“ und „Trumpf“

Die Freunde der Marke „Adler“ aus Frankfurt/Main werden sich vielleicht schon gefragt haben, weshalb ich bisher die in den 1930er Jahren so erfolgreichen Modelle „Trumpf“ und „Trumpf Junior“ gemieden haben.

Nun könnte ich anführen, dass ich erst noch haufenweise Fotos früherer Typen der Marke abzuhandeln habe, darunter einige frühe Modelle vor dem 1. Weltkrieg und jede Menge Exemplare der 1920er Jahre – einschließlich „Favorit“ und „Standard 6 bzw. 8“.

Doch in dieser Kategorie haben sich inzwischen derartig zahlreiche Originalaufnahmen aus meinem eigenen Fundus und von Sammlerkollegen eingefunden, dass die populären Typen „Trumpf“ und „Trumpf-Junior“ wohl nie in Reichweite kommen.

Das wäre schade, denn auch von diesen gut dokumentierten Typen gibt es jede Menge reizvolle Aufnahmen, darunter auch einige, die nicht ganz alltägliche Aufbauten zeigen.

Wie aber beginnen? Nun, am besten ganz vorn, nämlich mit der Einführung des Adler „Trumpf“ im Jahr 1932. Mit seinem Frontantrieb, der dem neu angeworbenen Konstrukteurs-Team um Hans-Gustav Röhr zu verdanken war, war das Modell für Adler ein kühner Schritt.

Zwar hatten Stoewer und DKW bereits zuvor Fronttriebler vorgestellt, doch das Antriebskonzept polarisierte – und tut es in gewissem Rahmen heute noch. Daher bot man parallel ein Modell mit traditionellem Heckantrieb an – den Adler „Primus“.

Dieser besaß denselben Motor und wurde anfänglich mit demselben Aufbau angeboten – ein bemerkenswertes Beispiel für eine Art Plattformstrategie. Optisch unterschieden sich die beiden Modelle im Erscheinungsjahr dennoch stark.

So kam der technisch konventionelle „Primus“ mit einem Flachkühler und Rädern daher, wie man sie von den Modellen „Favorit“ und „Standard 6“ kannte, die noch aus den 1920er Jahren stammten und Anfang der 30er ausliefen:

Adler „Primus“ Limousine von 1932; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese technisch zwar nicht ideale, aber dennoch reizvolle Aufnahme eines Adler „Primus“ von 1932 hat mir Leser Marcus Bengsch vor einiger Zeit zugesandt.

Zumindest die erwähnte Kühlerpartie kann man hier gut erkennen. Sie zeichnete sich durch verchromte Lamellen im Kühler, das Adler-Emblem nach Entwurf von Bauhaus-Architekt Walter Gropius und eine geschwungene Scheinwerferstange aus, die der Front etwas die Strenge nimmt.

Die erwähnte Gestaltung der Räder lässt sich hier zwar nicht erkennen, dafür entschädigen aber die neben dem Wagen stehenden Damen, bei denen ich den Wagen entsprechend ganz unterschiedliche Charaktere vermute.

Technisch noch schlechter, aber kaum weniger sehenswert ist die folgende Aufnahme eines „Primus“, auf der man nun immerhin auch die Räder studieren kann:

Adler „Primus“ Limousine“ von 1932; Originafoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto stammt aus meinem eigenen Bestand und ist auf Juli 1932 datiert. „Fahrt nach Cottbus“ steht außerdem noch auf der Rückseite des Abzugs.

Das ist vermutlich alles, was von dem Ausflug dieser Adler-Freunde aus dem Raum Berlin übriggeblieben ist. Sicher hätten sie nicht gedacht, dass die sommerliche Stimmung dieser Situation noch nach fast 90 Jahren ansteckend wirkt.

Wer sich von dem hinreißenden Lächeln der Dame neben der Fahrertür losreißen kann, wird bemerken, dass die Räder des „Primus“ keine die Radbolzen abdeckenden Radkappen besaß, sondern eine voluminös ausgeprägte Nabenkappe, die verchromt war.

Schon besser zur aktuellen Jahreszeit (zumindest in meiner Region gab es kürzlich die ersten Nachtfröste) passt vielleicht eine letzte „Primus“-Aufnahme, die ich Frank-Alexander Krämer verdanke, der als Archäologe und Geschäftsführer einer Grabungsfirma auch ein Faible für Vorkriegsfahrzeuge hat:

Adler „Primus“ Limousine“ von 1932; Originalfoto aus Sammlung Frank-Alexander Krämer

Das ist in mancherlei Hinsicht eine sehr interessante Aufnahme: Zunächst fällt das Logo des Chemie und -Pharmakonzerns Bayer ins Auge – der Primus dürfte somit ein Firmenwagen gewesen sein. So etwas sieht man nicht alle Tage.

Dann haben wir eine Kühlermanschette zur Regulierung des Luftdurchsatzes in der kalten Jahreszeit (Thermostate waren noch unüblich). Diese gab es maßgeschneidert für jedes in nennenswerter Stückzahl am deutschen Markt vertretene Automobil.

Der Hersteller der Manschette lieferte wohl schon länger solche Kühlermanschetten für Adler-Wagen, denn wie selbstverständlich applizierte er das traditionelle Adler-Emblem darauf, das jedoch 1932 in dieser Form nicht mehr aktuell war.

Wie das Adler-Emblem auf dem Kühler des „Primus“ tatsächlich aussah, ist gar nicht so leicht herauszufinden, da es recht klein war und Fotos des Typs nicht gerade häufig sind.

In einem älterem Blog-Eintrag zum Adler „Primus“ wird man aber fündig:

Adler Primus Limousine von 1932; Foto der 1960er Jahre aus Sammlung Michael Schlenger

Neben diesen Aufnahmen finden sich in meiner Adler-Galerie nur zwei weitere Fotos des „Primus“ mit Flachkühler. Er wurde in dieser Ausführung nur 1932 gebaut und wie es scheint, wurde er weit seltener abgesetzt als der zeitgleiche „Trumpf“ mit Frontantrieb.

Auffallend ist auch, dass alle mir bisher vorliegenden historischen Originalfotos von Exemplaren des Adler „Primus“ Limousinen zeigen. Beim parallel erhältlichen „Trumpf“ scheinen dagegen deutlich mehr Käufer eine offene Version bevorzugt zu haben.

Entsprechend schwer fiel es mir, eine Vorkriegsaufnahme eines Adler „Trumpf“ mit geschlossenem Aufbau zu finden, der nebenbei identisch mit dem des „Primus“ war. Zugeliefert wurde die Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd (Berlin).

Nur die Haubenpartie fiel beim Fronttriebler „Trumpf“ länger aus, da der Motor nicht wie bei heutigen Wagen dieses Konzepts quer sondern, um 180 Grad gedreht längs eingebaut wurde, sodass sich das Getriebe vor dem Motor befand.

Dank Leser Marcus Bengsch kann ich heute einen solchen Adler „Trumpf“ mit geschlossenem Aufbau anhand eines zeitgenössischen Originalfotos zeigen:

Adler „Trumpf“ Limousine von 1932/33; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Wie man sieht, hatten die Gestalter von Adler dem technisch moderneren Modell „Trumpf“ eine etwas progressiver wirkende Frontpartie verpasst.

Der Kühler stand leicht schräg im Wind und war etwas v-förmig ausgeführt, sodass auch der Adler auf dem Grill seine Schwingen etwas nach hinten strecken musste. Die Radbolzen waren beim „Trumpf“ hinter Radkappen versteckt und auf das traditionelle Trittbrett, das der Primus besaß, verzichtete man ganz.

In dieser Form wurde der Adler „Trumpf“ zwei Jahre lange gebaut, bis er 1934 ebenfalls eine schrägstehende Windschutzscheibe erhielt.

Beim Modell „Primus“ begnügte man sich damit, ab 1933 die Kühlermaske des „Trumpf“ zu verbauen, behielt aber Trittbretter und Radgestaltung bei. Auch die Einführung seitlicher „Schürzen“ an den Vorderkotflügeln 1935 ersparte man dem Traditionsmodell.

So blieb es bis zur Produktionseinstellung des „Primus“ im selben Jahr beim Eindruck ziemlich „ungleicher Brüder“. Adler setzte danach hauptsächlich auf Fronttriebler, was sich als der richtige Ansatz erwies. Der Primus steht bis heute im Schatten des progressiven Verwandten und scheint weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein.

Wer mit originalen Fotos offener Versionen des Adler „Primus“ aufwarten kann, würde mir und meinen Leser damit eine große Freude machen. An Cabrio-Versionen des „Trumpf“ und „Trumpf Junior“ dagegen herrscht bei mir kein Mangel und ich habe einiges damit vor…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.