Das erste Auto im Dorf! Ein Adler von 1910

Der August 2021 nähert sich seinem Ende – allmählich wird es Zeit für den Fund des Monats. Doch vorher will ich noch eine kleine Sensation präsentieren.

„Klein“ trifft es genau und „Sensation“ an sich auch, wenngleich wir 111 Jahre in die Vergangenheit zurückreisen müssen, um die richtige Perspektive dafür zu gewinnen.

Dass wir heute auf diese Zeitreise gehen können, das verdanke ich Martina Müllender aus Montabaur, die übrigens feine Street Photography betreibt. Sie fand bei der Sichtung von Fotos aus Besitz ihrer Familie dieses wunderbare Dokument:

Adler Kleinauto von 1910; Originalfoto aus Familienbesitz (Martina Müllender)

Das Schöne an diesem Foto ist nicht nur der Adler, der uns hier entgegenkommt, sondern die Tatsache, dass sich noch genau sagen lässt, wann und wo die Aufnahme entstand, sogar wer den Wagen besaß.

Die Aufnahme angefertigt hat ein Urgroßonkel von Martina Müllender – die mit ihrem Beruf offensichtlich eine alte Familientradition fortsetzt. Als Aufnahmedatum wurde damals „1910“ auf dem Abzug vermerkt.

Das passt perfekt zu dem abgelichteten Auto – denn 1910 markiert das Jahr, in dem die Wagen des Frankfurter Herstellers erstmals einen „Windlauf“ erhielten, also ein Blech, das für einen strömungsgünstigen Übergang von der Motorhaube zur Frontscheibe sorgt.

Vor Einführung dieses Elements stieß die Motohaube abrupt auf die senkrechte Schottwand, auf der die Windschutzscheibe montiert ist.

Der Windlauf resultierte dagegen erstmals in den fließenden Linien vom Kühler bis zum Passagierabteil, die bis heute das Erscheinungsbild des Autos bestimmen. Die leicht schräggestellte Frontscheibe passt perfekt zu diesem modernen Gestaltungselement:

Wenn wir den zum Aufnahmezeitpunkt praktisch fabrikneuen Adler zeitlich so genau einordnen können, stellt sich die Frage, ob man auch den Typ näher bestimmen kann.

Nun, das wird schwierig, weil sich bei den frühen Adler-Automobilen gleichzeitig gebaute Typen bestenfalls in den Proportionen unterschieden. Selbst bei weitgehend identischen Abmessungen waren mit ein und derselben Karosserie oft mehrere Motorisierungen verfügbar, auf die äußerlich selten etwas hinwies.

Hinzu kommt, dass die Motorisierung in der laufenden Produktion wiederholt verbessert wurde, ohne dass damit sichtbare Änderungen einhergingen.

In historischen Dokumenten – also zeitgenössischen Broschüren und Reklamen – erwähnte Motorisierungen stehen somit oft nicht für eigenständige Typen, sondern stellen eher Momentaufnahmen dar.

Im vorliegenden Fall bestätigt sich das: Dieser Adler von 1910 ist von der Größe her als ein Wagen der Kleinwagenlinie dieser Marke einzuordnen. Damit kommen gleich mehrere Ausführungen in Frage, die gleichzeitig bzw. in kurzer Abfolge gebaut wurden.

Die Palette reicht von 5 bis 7 Steuer-PS, womit Hubräume von 1,3 bis 1,8 Liter einhergingen. Die verfügbare Spitzenleistung dieser kompakten Vierzylinderaggregate reichte von 11 bis 17 PS.

Konstruktive Unterschiede gab es dabei so gut wie keine, lediglich die Spur (1,25 Meter bzw. 1,30 Meter) und der Radstand (2,40, 2,50 bzw. 2,70 Meter) unterschieden sich. Es liegt auf der Hand, dass wir die Motorisierung dieses Adlers unmöglich bestimmen können.

Wir können uns dem Wagen dennoch auf andere Weise nähern, im ersten Schritt dadurch, dass wir den Adler und sein Umfeld mit etwas Farbe in die Gegenwart holen:

Im zweiten Schritt machen wir uns mit dem Umfeld vertraut. Überliefert ist, dass die Aufnahme außerhalb von Litterscheid (Gemeinde Ruppichteroth) entstand und den Wagen zeigt, als er auf das Dorf zufuhr.

Nach Sichtung der heutigen Topographie vermute ich, dass der Adler aus Nordnordost-Richtung hangaufwärts kam und kurz davor war, den Ortsrand zu erreichen.

Wer war das nun, der anno 1910 mit seinem Adler Kleinauto gen Litterscheid unterwegs war? Auch das wissen wir glücklicherweise.

So ist überliefert, dass der Besitzer ein gewisser Dr. Eschweiler war, der damals das erste Automobil in das Dorf lenkte. Das war die kleine Sensation, von der ich eingangs sprach.

Auch wenn das Auto selbst nichts Ungewöhnliches darstellt, ist es bemerkenswert, dass wir nach so langer Zeit immer noch Zeugen dieses Ereignisses sein können…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Saubere Arbeit: Adler 9/24 und 9/30 PS

Die letzten Tage war ich keineswegs untätig, wie vielleicht der eine oder andere Leser glauben könnte. So habe ich eine Reihe von Fotos abgestaubt, die schon länger in meinem Fundus schlummern und den darauf verewigten alten Wagen zu neuem Glanz verholfen.

Zufällig zeigen alle Aufnahmen wahrscheinlich denselben Wagentyp, wenn auch nicht dasselbe Auto – bestenfalls das gleiche…Auf geht’s!

Im März 1926 entstand irgendwo in Bayern diese Aufnahme – erkennt jemand den Ort?

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Typisch deutsch, dieser Spitzkühlerwagen mit schlichtem Tourenwagenaufbau, soviel ist klar. Eindeutig auch die Zulassung in Schwabmünchen (heute Landkreis Augsburg).

Doch der Hersteller des Autos ist schwer zu ermitteln. Benz und Mercedes lassen sich ausschließen, Phänomen und Opel ebenfalls. Könnte es sich um einen Dux handeln? Dazu würde passen, dass kein Kühleremblem zu erkennen ist.

Doch vielleicht ist das auch nur der Fall, weil die Aufnahme ein wenig Staub angesetzt hat. Versuchen wir es einmal mit einer kleinen Auffrischung:

Hmh, viel gebracht zu haben scheint diese „Säuberungsaktion“ hier nicht. Ein wenig Leben ließ sich dem alten Dokument aber immerhin einhauchen.

Wir behalten die Kühlergestaltung im Hinterkopf, ebenso vermerken wir 14 Luftschlitze in der Motorhaube, Drahtspeichenräder, schrägstehende Windschutzscheibe und eine nur wenig ausgebildete Schwellerpartie.

Den nächsten Fotokandidaten verdanke ich Leser Klaas Dierks – seine Aufnahme scheint einen ganz ähnlichen Wagen zu zeigen:

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Der Kühler ist praktisch identisch gestaltet, nur ist hier ansatzweise eine dreieckige Emaill-Plakette zu erkennen.

Die Zahl der Luftschlitze ist leider nicht eindeutig festzustellen, dafür werden wir durch das seltene Detail einer zusätzlichen Windschutzscheibe vor den Passagieren im Fond entschädigt – vermutlich ein markenunabhängiges Zubehörteil.

Davon abgesehen, sind keine wesentlichen Unterschiede zu sehen – das mitgeführte Ersatzrad konnte ein Extra sein und war zudem von der anderen Fahrzeugseite nicht sichtbar. Räder und Frontscheibe stimmen überein.

Der Versuch, auch hier den Staub der Jahrzehnte wegzupusten, zeitigt leider keine neuen Erkenntnisse – der Chauffeur gibt sich weiterhin abweisend und das (mutmaßliche) Farbschema des Schals, den der junge Mann auf dem Trittbrett trägt, bringt uns nicht weiter:

Doch einen kleinen Schritt sind wir mit dieser Aufnahme vorwärtsgekommen – denn von nun an gilt es, vor allem das Kühleremblem im Blick zu behalten.

Den nächsten Schritt repräsentiert eine Aufnahme, die 1925 auf der „Fahrt nach Schönberg“ entstand – woran sicher nicht nur dieser Wagen beteiligt war. Sechs bis sieben Insassen ließen sich in einem Tourenwagen schon unterbringen, aber keine zehn wie in diesem Fall:

Adler 9/24 PS oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer gerne Physiognomien studiert, hat hier reichliches Anschauungsmaterial. Neben dem bieder wirkenden Chauffeur sind hier einige prächtige „Verbrecher“gesichter versammelt. Den Wagen würde ich jedenfalls keinem dieser Herren abkaufen wollen…

Doch zurück zum Thema – dieses Exemplar sieht den beiden zuvor gezeigten verdammt ähnlich, von der senkrecht stehenden Frontscheibe einmal abgesehen. Tatsächlich finden sich auch hier ein lackierter Spitzkühler mit emailliertem Emblem, 14 Haubenschlitze, und Drahtspeichenräder (bei deutschen Wagen eher die Ausnahme).

Nun ist auch die Schwellerpartie besser zu erkennen: Hier ist noch der Chassisrahmen sichtbar und der Zwischenraum zum Trittbrett scheint mit einem gerundeten Element aus Blech oder Kunstleder geschlossen zu sein – eine Lösung, die man eher vor dem 1. Weltkrieg erwarten würde, nicht aber Anfang der 1920er Jahre, als dieser Wagen entstand.

Aufmerksame Betrachter werden spätestens hier erkannt haben, dass es sich um einen Wagen des Frankfurter Herstellers Adler handelt, das ist auch auf der Verschlussmutter des Vorderrads zu lesen.

In dieser Hinsicht hilft das Säubern des alten Originals sogar ein wenig, wenngleich die Insassen mit frischer Tünche versehen kein Deut „sauberer“ wirken:

Auch wie sich der Wagen darbietet, vermag auf dieser Aufnahme noch nicht zu überzeugen.

Den Adler-Enthusiasten gelüstet es verständlicherweise danach, dieses offenbar gar nicht so seltene Spitzkühlermodell endlich einmal aus vorteilhafter Perspektive zu sehen.

Da hilft nur eine herzhafte Behandlung mit anderen Mitteln, in diesem Fall mit einem tüchtigen Schwall Wasser, der den Wagentyp auf einmal frisch und fast neu vor unseren Augen erstrahlen lässt:

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hand auf’s Herz, liebe Vorkriegsfreunde: Wann hat man zuletzt ein Autofoto der 1920er Jahre gesehen, das einen derartig gelungenen Bildaufbau zeigt?

Diese Aufnahme (von Leser Klaas Dierks) ist nicht nur vom Blickwinkel und der Tiefenstaffelung perfekt, sie enthält auch ein dynamisches Element, das uns buchstäblich an der Szene teilhaben lässt.

Der Fotograf hat nämlich in dem Moment auf den Auslöser gedrückt, in dem der junge Mann links in die Hocke gegangen ist und mit dem Wasserschlauch von schräg unten auf den Wagen hält.

Besonders gut gefällt mir die Lässigkeit der Haltung, die durch Weste und Oberhemd in keiner Weise beeinträchtigt wird – im Gegenteil. So wie eine verrutschte Krawatte eine reizvolle Mischung aus Korrektheit und Gleichgültigkeit darstellen kann, sind es hier die hochgekrempelten Hemdsärmel, die für einen gelungenen stilistischen Balanceakt sorgen.

Heute würde man denselben Vorgang in Jeans und T-Shirt absolvieren – einst ein Ausdruck von Nonkonformität, heute vollkommen beliebig. Wirklich cool wäre es, mit genau so einem Outfit dem Vorkriegsklassiker zu Leibe zu rücken, wie das der Bursche auf dem Foto tat.

Das würde in Farbe dann annähernd so aussehen:

Vor lauter Begeisterung über dieses großartige Dokument, auf dem uns der Adler auf einmal blitzsauber begegnet, soll nicht unerwähnt bleiben, dass wir es hier (und wahrscheinlich auf allen zuvor gezeigten Fotos) mit dem Adler-Vierzylindermodell 9/24 PS bzw. 9/30 PS zu tun haben, welches von 1921-24 gebaut wurde.

Ob sich die frühe 24-PS-Ausführung äußerlich von der späteren Version mit 30 Pferdestärken unterschied, vermag ich nicht zu sagen.

Mir ist keine allgemein zugängliche Adler-Publikation – sei es in Buchform oder im Netz – bekannt, die sich mit den Modellen der Marke vor Einführung des „Standard 6“ und „Favorit“ gegen Ende der 1920er Jahre wirklich ausführlich befasst – für eine der einst bedeutendsten und auch international bekanntesten deutschen Automarken ein Armutszeugnis.

So bleibt meine stetig wachsende Adler-Fotogalerie zwar die größte allgemein zugängliche Quelle von Dokumenten früher Adler-PKW-Modelle, doch ist sie in Teilen notgedrungen spekulativ. Vielleicht erbarmt sich ja einmal einer der Markenspezialisten – Material in Form der Originalprospekte ist ohne Ende vorhanden, das ist mir bekannt.

Nach dieser notwendigen Feststellung wird vielleicht der eine oder andere weniger mit Adler-Wagen der frühen 1920er Jahre vertrauten Leser das Markenemblem doch noch ein wenig detailreicher sehen wollen.

Dazu bietet sich eine weitere Aufnahme an, die zwar auf den ersten Blick nicht gerade perfekt ist, aber das entscheidende Detail auf den Punkt bringt:

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der stilisierte Adler – kaum überraschend bei der Marke – zeichnet sich hier deutlicher auf dem Kühleremblem ab als bei allen bislang gezeigten Aufnahmen dieses Typs.

Nebenbei sind die zahlreichen Verwandlungen des Emblems eine Wissenschaft für sich. Wer glaubt, dass es wenigstens im Netz eine vollständige Übersicht davon gäbe, wird auch hier enttäuscht (sofern ich nicht etwas übersehen habe).

Auch diese Herren aus alter Zeit scheinen erwartungsvoll dreinzuschauen – werden die Nachgeborenen noch denselben Enthusiasmus für die einst so verbreiteten und geschätzten Produkte der Marke aus Frankfurt am Main an den Tag legen?

Dazu kann ich nur sagen: An die Arbeit, liebe Adler-Markenspezialisten, wenn man dem selbstgesetzten Anspruch gerecht werden will.

An Wissen mangelt es nicht, soviel ist klar, aber eine aussagefähig bebilderte Typenhistorie erarbeiten und allgemein verfügbar zu machen, das sollte gut 75 Jahre nach dem Ende der Adler-PKW-Produktion irgendwann einmal drin sein.

Und sollte es vereinzelt an dem hervorragendem Bildmaterial mangeln, das die Marke Adler verdient, dann lässt sich da etwas machen.

So ist mir beim Abstauben und Aufpolieren der heute vorgestellten Fotos eine weitere Aufnahme eines Adler-Spitzkühlermodells des Typs 9/24 bzw. 9/30 PS aus meiner Sammlung wiederbegegnet, die garantiert keine Wünsche mehr offenlässt.

Hier hat nämlich bereits der Fotograf in jeder Hinsicht „saubere Arbeit“ abgeliefert:

Adler 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nichts weniger als den Qualitätsanspruch eines solchen Dokuments darf man doch auch von der heutigen Dokumentation in Sachen Adler-PKW erwarten, oder ist da zwischenzeitlich etwas an Arbeitsethos verlorengegangen?

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Was vom Tage übrigblieb: Adler „Diplomat“

„Was vom Tage übrigblieb“ – das ist der Titel eines britischen Films, auf den ich am Ende zurückkomme. Er ist zugleich Beschreibung dessen, was ich in meinem Blog zu später Stunde tue – einer mehr oder weniger heimlichen Liebe nachgehen.

Beim Schein der Schreibtischlampe tauche ich in alte Fotos ein, die ich – nicht sonderlich zielgerichtet – am Wegesrande aufgelesen habe oder die mir von anderen Enthusiasten zugespielt wurden und welche vordergründig Automobile der Vorkriegszeit zeigen.

In den besten Fällen handelt es sich um Momentaufnahmen, deren zeitlose Botschaft über das Studium technischer Besonderheiten und Karosseriedetails oder Anmerkungen zum Hersteller und zu den Zeitumständen hinausgeht.

Heute kann ich wieder mit einem Beispiel dafür aufwarten, bei dem man sich zwar mit dem Wagen beschäftigt, das einen aber letztlich mit dem Gedanken konfrontiert, was von einem Tag übrigbleibt – vor allem, wenn man nach langer Zeit darauf zurückblickt.

Was von einem Tag im September 1935 übrigblieb, ist zunächst dieser Ausschnitt eines Fotos, das im bayrischen Bad Tölz entstand und welches als Postkarte zu einem Adressaten ins nahegelegene Benediktbeuern gelangte:

Auf den ersten Blick ist hier wenig zu sehen außer einer massigen Limousine mit gegenläufig öffnenden Türen, angesetztem großen Kofferraum mit zwei Ersatzrädern und auffallendem Dachabschluss.

Doch wird sich das Bild ganz anders darstellen, wenn man einmal ein klareres Foto desselben Wagentyps gesehen hat. Ein solches muss man freilich erst einmal auftreiben. Und dazu muss man erst einmal wissen, was man hier eigentlich vor sich hat.

Ein erster Schlüssel zur Identifikation sind die profilierten Scheibenräder mit großer schmuckloser Radkappe. Diese finden sich identisch bei diesem Adler „Trumpf Junior“:

Adler „Trumpf Junior“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese charmante Aufnahme des erfolgreichen Frontantriebswagens der Frankfurter Adlerwerke entstand 1934 im Raum Berchtesgaden. Im selben Jahr baute Adler die mächtige 6-Zylinder-Limousine, die wir auf dem eingangs gezeigten Foto sehen.

Sie wurde mit ähnlicher Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd (Berlin) ausgeliefert wie der Hanomag „Sturm“ – der ebenfalls einen Sechszylindermotor unter der Haube besaß, welche sich durch fünf seitliche Luftklappen auszeichnete. Selbige verraten sich auf dem Foto durch kleine waagerechte Chromleisten.

Auf folgender Aufnahme sehen wir nun dieses Adler-Modell mit der standesgemäßen Bezeichnung „Diplomat“ in derselben repräsentativen Ausführung.

Adler „Diplomat“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im hinteren Drittel des Dachs wäre Platz für ein weiteres Fenster gewesen wie beim Hanomag „Sturm“. Doch verzichtete man darauf, sodass die Passagiere im Heck dem Blick von außen verborgen blieben.

Das gibt dem Wagen eine aristokratische Würde, die man bei britischen Automobilen jener Zeit findet. Mir ist kein anderer deutscher Hersteller bekannt, der sich für diesen langgestreckten Dachabschluss entschied, der Vorbilder aus der Kutschenzeit zitiert.

Mit diesem Prachtexemplar, das so nur 1934 gebaut wurde, verabschiedete sich Adler aus der Liga klassisch gestalteter Oberklassefahrzeuge. Die ab 1935 gefertigte Version des „Diplomat“ besaß eine weit modernere Karosserie, die nicht dieselbe Noblesse ausstrahlt.

Mit solchem Wissen ausgestattet und mit dem majestätischen Erscheinungsbild des Wagens vor Augen kehren wir zum Gegenstand der heutigen Betrachtung zurück:

Adler „Diplomat“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sieht man das Fahrzeug mit anderen Augen, was auch mit den beiden jungen Damen zu tun hat, die vom Fotografen gekonnt als lebendiger Kontrapunkt zu der dunklen Masse Blech platziert wurden.

Dass der Abzug, der einst als Postkarte lief, nach so langer Zeit nur mäßig erhalten ist, tut seiner Wirkung keinen Abbruch.

Immer wieder geht der Blick von dem eindrucksvollen Wagen zu den trotz gleicher Kleidung vom Typ her völlig unterschiedlichen Frauen und dann in den Hintergrund, der auch mit Strom- oder Telegrafenleitung idyllische Wirkung entfaltet.

Da diese Postkarte aus dem Heilkurort Bad Tölz verschickt wurde, könnte ich mir vorstellen, dass die beiden Damen zum Personal eines örtlichen Hotels gehörten. Wie es wohl zu der Aufnahme mit dem Adler kam, der vielleicht einem Gast gehörte?

Liefert die Beschriftung der Rückseite einen Hinweis darauf?

Leider ist der Text stark verblasst, mehr konnte ich aus dem Original nicht herausholen. Leser und Sammlerkollege Klaas Dierks lieferte folgende Transkription:

Lieber Hansi,
wie geht es Dir jetzt? Hoffentlich besser. Ist auch zu Haus alles gesund? […] einige Wochen dann ist mit der Sesong Schluß. Aber dann spanne ich aus, bis sich daß …..

Vermutlich wissen wir am Ende nicht mehr als diese kurze Botschaft, die wohl eine der beiden Damen auf dem Foto verfasste, den Tag, an dem das Foto 1935 als Postkarte auf die Reise ging, die Empfängeradresse in Benediktbeuren und den Typ des Adler-Automobils, das darauf abgebildet ist.

Was vom Tage übrigblieb, an dem dieses Dokument entstand, ist somit am Ende ein verblassendes Stück Papier. Damit verbindet sich die zeitlose Frage, was vom Tag übrigbleibt, der bedeutend erscheint, während wir ihn erleben, der aber im Dunkel entschwindet, wenn er einmal zum Gestern und Früher geworden ist.

Dieselbe Frage – auf das gesamte Dasein angewendet – behandelt der britische Film „The remains of the day“ von 1993. Er ist Reflektion des Daseins eines Butlers in der britischen Aristokratie, der in seinen späteren Jahren mit den verpassten – oder vermiedenen – Pfaden konfrontiert wird, die sein Dasein hätte nehmen können.

Großartig ist folgende Sequenz, in der Miss Kenton, die Haushälterin des Adelssitzes Darlington Hall, gespielt von Emma Thompson, den von Anthony Hopkins verkörperten Butler bedrängt, ihr zu verraten, was er in der Zeit liest, die von seinem Tag übrigbleibt.

„Lesen Sie ein verwegenes Buch“?„Glauben Sie, dass es verwegene Bücher im Regal seiner Lordschaft gibt?“

„Woher soll ich das wissen? Was ist das für ein Buch? Lassen Sie es mich sehen!“ – „Bitte lassen Sie mich alleine, Miss Kenton.“

„Warum zeigen Sie mir nicht Ihr Buch?“ – „Jetzt ist die Zeit, die ich für mich habe. Sie stören mich darin.“

„Wirklich? … Was steht denn in dem Buch? Bitte, lassen Sie es mich sehen.… Wollen Sie mich vielleicht vor etwas schützen? Würde es mich schockieren? …Lassen Sie es mich sehen! …Oh, es ist ja gar nichts Skandalöses. Das ist ja bloß ein sentimentaler alter Liebesroman“

Filmquelle: YouTube.com; hochgeladen von Movieclips

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Kleyers Kleinster: Adler 5/13 PS von 1912

Für den Kalauer im Titel meines heutigen Blog-Eintrags habe ich mir einige historische Freiheiten genommen:

Zwar war der Gründer der Firma Heinrich Kleyer aus Frankfurt/Main, die sich ab 1881 mit Fahrrädern am Markt etabliert hatte, einst die treibende Kraft hinter der Entstehung der Automarke Adler – doch für die Konstruktion der Adler-Wagen ab 1900 zeichnete er selbst nicht verantwortlich – dafür griff man auf erfahrene Ingenieure zurück.

Zudem war der Name Kleyer bereits mit der Gründung der Adlerwerke AG 1895 eigentlich Vergangenheit – nur der Zusatz „vormals Heinrich Kleyer“ erinnerte noch eine Weile im Firmennamen an ihn – wie in dieser Reklame von 1913:

Reklame für den Adler 5/13 PS-Modell; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die Anzeige erschien 1913 in der Zeitschrift „Jugend“ – die übrigens Ende des 19. Jh. erstmals den Kunststil ins Rampenlicht gerückt hatte, der nach ihr im deutschsprachigen Raum als „Jugendstil“ bezeichnet wurde.

Richtig ist auf jeden Fall, dass diese Reklame für das seinerzeit kleinste Adler-Modell warb – den Typ 5/13 PS mit 1,3 Liter-Vierzylinder. Im Wesentlichen handelte es sich um eine leistungsgesteigerte Ausführung des seit 1910 gebauten Typs 5/11 PS.

Etwas moderner fielen die Aufbauten aus, bei denen die Linie der Motorhaube harmonisch in die dahinterliegende Blechpartie überging, die zur Windschutzscheibe hin anstieg – als Windlauf, Windkappe oder auch Torpedo bezeichnet.

Zudem besaß der Adler 5/13 PS serienmäßig filigrane Drahtspeichenräder, anhand derer man ihn vom Vorgängertyp 5/11 PS, aber auch vom etwas stärkeren Modell 7/15 bzw. 7/17 PS unterscheiden kann, die beide mit klobigeren Holzspeichenräder daherkamen.

Ein weiteres Detail des Adler 5/13 PS zeichnete sich dadurch aus, dass man es von außen nicht sah – dazu später mehr. Hier erst einmal ein Foto, das höchstwahrscheinlich einen Typ 5/13 PS zeigt, wie er ab 1912 angeboten wurde:

Adler Typ 5/13 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Adler-Wagen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg ähneln sich zwar in der Formgebung stark und unterschieden sich äußerlich praktisch nur in den Proportionen.

Doch hier haben wir den glücklichen Fall, dass man anhand der Größe der Insassen und der Fenster im Hintergrund ermessen kann, dass man es mit einem sehr kompakten Modell zu tun hat. Die Drahtspeichenräder bestätigen dann die Vermutung, dass dieses Auto tatsächlich „Kleyers Kleinster“ war – dessen Radstand ganze 2,40 m betrug.

An der Ansprache als Adler kann ohnehin kein Zweifel bestehen, der typische Kühler mit rasterförmigem Netz, der kursive Adler-Schriftzug und die Kühlerfigur sagen alles:

Die mit Karbidgas betriebenen Scheinwerfer unterstützen die Annahme, dass dieses Foto noch vor Beginn des 1. Weltkriegs entstanden ist – der Adler war damals also bestenfalls zwei Jahre alt.

Das Erscheinungsbild der Insassen wäre allerdings sowohl mit einer frühen Datierung als auch mit einer Entstehung in die Zeit kurz nach 1918 vereinbar.

Zwar brachten die 1920er Jahre vor allem bei den Damen einen radikalen Wandel in der Mode mit sich, aber die weiblichen Passagiere könnte man wie die Herren in der Vor- und in der (frühen) Nachkriegszeit verorten:

Dieser Ausschnitt bietet sich nun dazu an, auf das Detail zurückzukommen, das den Adler Typ 5/13 vom Vorgänger 5/11 PS unterscheidet, weil es nicht sichtbar ist.

Was könnte das sein? Nun, schauen wir, was sich in Griffweite des Fahrers befindet: Neben dem Lenkrad natürlich wäre das der Gummiball zur Bedienung der Hupe. Aber fehlt hier nicht noch etwas anderes?

Tatsächlich: Man sieht keinen Handbrems- und Schalthebel – die doch bei so frühen Automobilen fast immer rechts außen an der Karosserie angebracht waren. Ein Blick in die Literatur bestätigt, dass ausgerechnet „Kleyers Kleinster“ mit innenliegenden Brems- und Schalthebeln ausgestattet war.

Bleibt die Preisfrage: Besaß dieser Adler 5/13 PS aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg bereits Brems- und Schalthebel in Wagenmitte – oder waren diese rechts an der Innenseite der Karosserie angebracht?

Die letztgenannte Variante erscheint mir wenig wahrscheinlich – weiß es ein Kenner früher Adler-Modelle dieses Typs genau?

Festzuhalten bleibt so oder so, dass auch „Kleyers Kleinster“ ein interessantes und markentypisch vollwertiges Automobil in bester Verarbeitung war – kein Wunder dass man einst ziemlich stolz darauf war.

Für mich zeigt sich hier wieder einmal, wie ein auf den ersten Blick unscheinbares (und im Original schlecht erhaltenes) privates Autofoto bei näherer Betrachtung einiges Interessantes preisgibt – ganz abgesehen davon, dass historische Aufnahmen dieses Typs sehr selten sind, weshalb jedes Puzzlestück zählt – und sei es auch das kleinste…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ungleiche Brüder: Adler „Primus“ und „Trumpf“

Die Freunde der Marke „Adler“ aus Frankfurt/Main werden sich vielleicht schon gefragt haben, weshalb ich bisher die in den 1930er Jahren so erfolgreichen Modelle „Trumpf“ und „Trumpf Junior“ gemieden haben.

Nun könnte ich anführen, dass ich erst noch haufenweise Fotos früherer Typen der Marke abzuhandeln habe, darunter einige frühe Modelle vor dem 1. Weltkrieg und jede Menge Exemplare der 1920er Jahre – einschließlich „Favorit“ und „Standard 6 bzw. 8“.

Doch in dieser Kategorie haben sich inzwischen derartig zahlreiche Originalaufnahmen aus meinem eigenen Fundus und von Sammlerkollegen eingefunden, dass die populären Typen „Trumpf“ und „Trumpf-Junior“ wohl nie in Reichweite kommen.

Das wäre schade, denn auch von diesen gut dokumentierten Typen gibt es jede Menge reizvolle Aufnahmen, darunter auch einige, die nicht ganz alltägliche Aufbauten zeigen.

Wie aber beginnen? Nun, am besten ganz vorn, nämlich mit der Einführung des Adler „Trumpf“ im Jahr 1932. Mit seinem Frontantrieb, der dem neu angeworbenen Konstrukteurs-Team um Hans-Gustav Röhr zu verdanken war, war das Modell für Adler ein kühner Schritt.

Zwar hatten Stoewer und DKW bereits zuvor Fronttriebler vorgestellt, doch das Antriebskonzept polarisierte – und tut es in gewissem Rahmen heute noch. Daher bot man parallel ein Modell mit traditionellem Heckantrieb an – den Adler „Primus“.

Dieser besaß denselben Motor und wurde anfänglich mit demselben Aufbau angeboten – ein bemerkenswertes Beispiel für eine Art Plattformstrategie. Optisch unterschieden sich die beiden Modelle im Erscheinungsjahr dennoch stark.

So kam der technisch konventionelle „Primus“ mit einem Flachkühler und Rädern daher, wie man sie von den Modellen „Favorit“ und „Standard 6“ kannte, die noch aus den 1920er Jahren stammten und Anfang der 30er ausliefen:

Adler „Primus“ Limousine von 1932; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese technisch zwar nicht ideale, aber dennoch reizvolle Aufnahme eines Adler „Primus“ von 1932 hat mir Leser Marcus Bengsch vor einiger Zeit zugesandt.

Zumindest die erwähnte Kühlerpartie kann man hier gut erkennen. Sie zeichnete sich durch verchromte Lamellen im Kühler, das Adler-Emblem nach Entwurf von Bauhaus-Architekt Walter Gropius und eine geschwungene Scheinwerferstange aus, die der Front etwas die Strenge nimmt.

Die erwähnte Gestaltung der Räder lässt sich hier zwar nicht erkennen, dafür entschädigen aber die neben dem Wagen stehenden Damen, bei denen ich den Wagen entsprechend ganz unterschiedliche Charaktere vermute.

Technisch noch schlechter, aber kaum weniger sehenswert ist die folgende Aufnahme eines „Primus“, auf der man nun immerhin auch die Räder studieren kann:

Adler „Primus“ Limousine“ von 1932; Originafoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto stammt aus meinem eigenen Bestand und ist auf Juli 1932 datiert. „Fahrt nach Cottbus“ steht außerdem noch auf der Rückseite des Abzugs.

Das ist vermutlich alles, was von dem Ausflug dieser Adler-Freunde aus dem Raum Berlin übriggeblieben ist. Sicher hätten sie nicht gedacht, dass die sommerliche Stimmung dieser Situation noch nach fast 90 Jahren ansteckend wirkt.

Wer sich von dem hinreißenden Lächeln der Dame neben der Fahrertür losreißen kann, wird bemerken, dass die Räder des „Primus“ keine die Radbolzen abdeckenden Radkappen besaß, sondern eine voluminös ausgeprägte Nabenkappe, die verchromt war.

Schon besser zur aktuellen Jahreszeit (zumindest in meiner Region gab es kürzlich die ersten Nachtfröste) passt vielleicht eine letzte „Primus“-Aufnahme, die ich Frank-Alexander Krämer verdanke, der als Archäologe und Geschäftsführer einer Grabungsfirma auch ein Faible für Vorkriegsfahrzeuge hat:

Adler „Primus“ Limousine“ von 1932; Originalfoto aus Sammlung Frank-Alexander Krämer

Das ist in mancherlei Hinsicht eine sehr interessante Aufnahme: Zunächst fällt das Logo des Chemie und -Pharmakonzerns Bayer ins Auge – der Primus dürfte somit ein Firmenwagen gewesen sein. So etwas sieht man nicht alle Tage.

Dann haben wir eine Kühlermanschette zur Regulierung des Luftdurchsatzes in der kalten Jahreszeit (Thermostate waren noch unüblich). Diese gab es maßgeschneidert für jedes in nennenswerter Stückzahl am deutschen Markt vertretene Automobil.

Der Hersteller der Manschette lieferte wohl schon länger solche Kühlermanschetten für Adler-Wagen, denn wie selbstverständlich applizierte er das traditionelle Adler-Emblem darauf, das jedoch 1932 in dieser Form nicht mehr aktuell war.

Wie das Adler-Emblem auf dem Kühler des „Primus“ tatsächlich aussah, ist gar nicht so leicht herauszufinden, da es recht klein war und Fotos des Typs nicht gerade häufig sind.

In einem älterem Blog-Eintrag zum Adler „Primus“ wird man aber fündig:

Adler Primus Limousine von 1932; Foto der 1960er Jahre aus Sammlung Michael Schlenger

Neben diesen Aufnahmen finden sich in meiner Adler-Galerie nur zwei weitere Fotos des „Primus“ mit Flachkühler. Er wurde in dieser Ausführung nur 1932 gebaut und wie es scheint, wurde er weit seltener abgesetzt als der zeitgleiche „Trumpf“ mit Frontantrieb.

Auffallend ist auch, dass alle mir bisher vorliegenden historischen Originalfotos von Exemplaren des Adler „Primus“ Limousinen zeigen. Beim parallel erhältlichen „Trumpf“ scheinen dagegen deutlich mehr Käufer eine offene Version bevorzugt zu haben.

Entsprechend schwer fiel es mir, eine Vorkriegsaufnahme eines Adler „Trumpf“ mit geschlossenem Aufbau zu finden, der nebenbei identisch mit dem des „Primus“ war. Zugeliefert wurde die Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd (Berlin).

Nur die Haubenpartie fiel beim Fronttriebler „Trumpf“ länger aus, da der Motor nicht wie bei heutigen Wagen dieses Konzepts quer sondern, um 180 Grad gedreht längs eingebaut wurde, sodass sich das Getriebe vor dem Motor befand.

Dank Leser Marcus Bengsch kann ich heute einen solchen Adler „Trumpf“ mit geschlossenem Aufbau anhand eines zeitgenössischen Originalfotos zeigen:

Adler „Trumpf“ Limousine von 1932/33; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Wie man sieht, hatten die Gestalter von Adler dem technisch moderneren Modell „Trumpf“ eine etwas progressiver wirkende Frontpartie verpasst.

Der Kühler stand leicht schräg im Wind und war etwas v-förmig ausgeführt, sodass auch der Adler auf dem Grill seine Schwingen etwas nach hinten strecken musste. Die Radbolzen waren beim „Trumpf“ hinter Radkappen versteckt und auf das traditionelle Trittbrett, das der Primus besaß, verzichtete man ganz.

In dieser Form wurde der Adler „Trumpf“ zwei Jahre lange gebaut, bis er 1934 ebenfalls eine schrägstehende Windschutzscheibe erhielt.

Beim Modell „Primus“ begnügte man sich damit, ab 1933 die Kühlermaske des „Trumpf“ zu verbauen, behielt aber Trittbretter und Radgestaltung bei. Auch die Einführung seitlicher „Schürzen“ an den Vorderkotflügeln 1935 ersparte man dem Traditionsmodell.

So blieb es bis zur Produktionseinstellung des „Primus“ im selben Jahr beim Eindruck ziemlich „ungleicher Brüder“. Adler setzte danach hauptsächlich auf Fronttriebler, was sich als der richtige Ansatz erwies. Der Primus steht bis heute im Schatten des progressiven Verwandten und scheint weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein.

Wer mit originalen Fotos offener Versionen des Adler „Primus“ aufwarten kann, würde mir und meinen Leser damit eine große Freude machen. An Cabrio-Versionen des „Trumpf“ und „Trumpf Junior“ dagegen herrscht bei mir kein Mangel und ich habe einiges damit vor…

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6 Zylinder, 13 Linden: Ein Adler in Corvey

Leser meines Blogs sind ihm schon oft begegnet – dem Adler „Standard 6“ der späten 1920er Jahre, der mit 6-Zylindermotor, Hydraulikbremsen und Karosserie nach US-Vorbild den damals in Deutschland dominanten Amerikanerwagen Paroli bieten sollte.

Sein Erfolg blieb zwar begrenzt, die Mehrzahl potentieller Käufer bevorzugte nach wie vor US-Fabrikate, doch hat er zumindest in Form alter Fotos reichlich Spuren hinterlassen.

Mehr als zwei Dutzend Exemplare davon sind in meiner Adler-Galerie versammelt, und es finden sich immer noch neue – auch dank Lesern und Sammlerkollegen. Da kann man schon ein wenig verschwenderisch vorgehen und ein Spitzenfoto des Standard 6 quasi als Einleitung für die Geschichte nehmen, die ich heute erzählen will:

Adler „Standard 6“ Limousine, aufgenommen 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese sicher von Profihand angefertigte Aufnahme entstand im April 1928 und zeigt einen Adler „Standard 6“ in der frühen Ausführung aus idealer Perspektive.

Hauptmerkmal der ab 1927 gebauten Erstversion des Modells war die Kühlereinfassung mit weit in das Kühlernetz hineinragendem Adler-Emblem. Dieses wanderte bei späteren Ausführungen (ab etwa 1930) ganz nach oben. Daneben vollzogen sich weitere Änderungen (aber nicht alle zeitgleich), die hier nicht thematisiert werden sollen.

Vergleiche mit Abbbildungen in der Literatur (vor allem: W. Oswald; Adler Automobile 1900-1945, S. 47) sprechen dafür, dass dieser Aufbau als Sechsfenster-Limousine vom Berliner Presswerk Ambi-Budd in Ganzstahlausführung zugeliefert wurde.

Das Kennzeichen verweist auf eine Zulassung im Raum Plauen (Vogtland, Sachsen), Näheres zum Aufnahmeort ist nicht bekannt und lässt sich wohl auch nicht mehr ermitteln.

Ganz anders sieht das aus bei dem Foto, das heute eigentlich im Mittelpunkt steht, obwohl es von weit schlechterer Qualität ist. Doch ist es nicht das erste Mal, dass sich ein auf den ersten Blick unscheinbareres Bild am Ende als das interessantere herausstellt:

Adler „Standard 6“ vor dem Hotel Dreizehnlinden in Corvey; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses Foto stammt aus dem Fundus von Matthias Schmidt (Dresden) und zeigt offenbar einen nahezu identischen Adler Standard 6 in der frühen Ausführung mit Ambi-Budd-Aufbau; nur ist hier ein seitliches Ersatzrad montiert.

Das Nummernschild verrät, dass diese Limousine einst im westfälischen Landkreis Soest zugelassen war. Wie sich zeigen wird, befand sich der Ort der Aufnahme gut 100 km weiter östlich von Soest.

Wo dieser Adler geparkt worden war, das lässt sich anhand der Aufschrift auf dem dreistöckigen Gebäude genau ermitteln: „Dreizehnlinden“. So lässt sich der Schriftzug ergänzen, außerdem ist er nochmals auf dem Türsturz über dem Eingang eingemeißelt.

Dort erfährt man auch, dass man es mit einem Hotel zu tun hat, was einen nach kurzer Recherche zum „Hotel Dreizehnlinden“ beim einst hochbedeutenden Kloster Corvey führt.

Das 1794 erbaute Hotel befindet sich westlich des Tors zu Kloster- und Schlossanlage. Auf der folgenden historischen Ansichtskarte sehen wir es aus ähnlicher Perspektive, aber aus größerer Entfernung als auf dem Foto mit dem Adler:

Hotel Dreizehnlinden beim Kloster Corvey, Ansichtskarte um 1910; Quelle: https://picclick.de

Der Ruf des Hotels Dreizehnlinden scheint ausgezeichnet gewesen zu sein, wenn man den Quellen im Netz glauben darf. Dazu würde es gut passen, dass eine Gesellschaft mit nicht ganz billigem Adler „Standard 6“ einst dort haltmachte.

Übrigens hatte das Hotel seinen eigentümlichen Namen erst 1907 in Anlehnung an ein fiktives Kloster „Dreizehnlinden“ erhalten, das im gleichnamigen Epos von Friedrich Wilhelm Weber eine zentrale Rolle spielt.

Der Verfasser des Werks, den man nicht zu den großen seiner Zeit zählen muss, hatte darin einige Bezüge aus seiner Heimatregion einbezogen – auch der Name „Dreizehnlinden“ ist in der Gegend um Corvey belegt.

So kommt man anhand einer auf den ersten Blick mittelprächtigen Aufnahme eines Adler mit 6 Zylindern auf einen idyllischen Ort namens Dreizehnlinden (das sehr original erhaltene, aber baufällige Hotel steht übrigens seit Jahrzehnten leer) und könnte sich nun im Studium der Geschichte von Corvey beispielsweise verlieren.

Doch trotz solcher reizvoller Ausflüge in die Regionalgeschichte sind es aber letztlich die alten Automobile, die uns in ihren Bann ziehen. Und so steht am Ende des heutigen Blogeintrags nochmals ein Adler Standard 6, diesmal aus ungewöhnlicher Perspektive und in offener Ausführung:

Adler „Standard 6“ und Opel 4/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Bei den großen Adler-Wagen der späten 1920er und frühen 1930er Jahre findet sich immer wieder reizvolles Bildmaterial. Hinter dem mächtigen Adler hat übrigens ein braver Opel 4/20PS haltgemacht.

Doch nicht nur unterschiedliche Orte und Gelegenheiten machen den Charme dieser amerikanisch inspirierten Adler-Modelle aus. Auch unter der Haube ist noch einiges Potential vorhanden – denn eine Variante habe ich bislang ausgeblendet – den Standard 8!

Auf das rare Prachtstück freut sich bestimmt nicht nur dieser einzelne Herr…

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In den 30ern schon eine Rarität: Adler „Favorit“ Tourer

In den 1920er Jahren waren Tourenwagen gewissermaßen ein Branchenstandard im deutschsprachigen Raum. Die offenen Versionen mit Platz für bis zu sieben Personen wurden jedoch nicht wegen ihrer Freiluftqualitäten bevorzugt, sondern weil sie die günstigste Möglichkeit darstellten, überhaupt ein Auto zu fahren.

Das begann sich ab Mitte der 1920er Jahre zu ändern, als zunehmend Limousinen gefragt waren. Das erklärt, weshalb beispielsweise Adler aus Frankfurt das 1928 eingeführte Vierzylindermodell „Favorit“ meist mit geschlossenem Aufbau lieferte.

Hier ein typisches Beispiel mit Ganzstahl-Standardkarosserie von Ambi-Budd:

Adler „Favorit“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser 1930 fotografierte Wagen entspricht vollkommen vergleichbaren Exemplaren in der Literatur. Das Adler-Emblem ragt noch in das Kühlernetz hinein, was in Verbindung mit den fünf Radmuttern ein klarer Hinweis auf einen „Favorit“ von 1928-30 ist.

Der parallel erhältliche Sechszylindertyp „Standard“ 6 wäre davon nur durch die größere Reifendimension und sechs Radmuttern zu unterscheiden gewesen.

Bereits bei diesen ersten Ausführungen des Adler „Favorit“ und des „Standard 6″ waren klassische Tourenwagenaufbauten selten. Meine Adler-Fotogalerie enthält zwar mittlerweile Dutzende Fotos dieser Typen – doch Tourenwagen sind die Ausnahme.

Hier haben wir ein rares Beispiel für den Tourer in der Ausführung bis 1930:

Adler „Favorit“ Tourenwagen, Bauzeit: 1928-30; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Langjährige Leser meines Blogs werden diese schöne Aufnahme bereits kennen, die auch insoweit außergewöhnlich ist, als sie die seitlichen Steckscheiben zeigt, die normalerweise nur bei geschlossenem Verdeck angebracht wurden.

Das Oberteil der Windschutzscheibe ist hier waagerecht ausgestellt und gibt den Blick frei nicht nur auf den jungen Mann am Lenkrad, sondern auch auf ein Schild im Hintergrund mit der Aufschrift „SHELL AUTOOELE“, das heute Sammlerwert hätte.

Zur Jahreswende 1930/31 wurden Adler „Favorit“ und „Standard 6“ optisch modernisiert. Das dreieckige Adler-Emblem wanderte nach oben und war nun ganz in die Kühlermaske integriert. Gleichzeitig wurden die in zwei Gruppen angeordneten horizontalen Luftschlitze in der Motorhaube durch senkrechte abgelöst.

Das sah bei der Limousine dann so aus wie auf dieser Aufnahme:

Adler „Favorit“ ab 1930, aufgenommen in der „DDR“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass wir keinen „Standard 6“ vor uns haben, sagt uns das Fehlen des entsprechenden Hinweises auf der Scheinwerferstange. Nach der Modellpflege Ende 1930 besaßen nämlich „Standard 6“ und der Vierzylindertyp „Favorit“ nur noch fünf Radmuttern.

Nebenbei ist dieses Foto ein schönes Beispiel für das Überleben von Vorkriegswagen als Alltagsauto in der einstigen „Deutschen Demokratischen Republik“, die ich wie die „Demokratische Volksrepublik Nordkorea“ bewusst in Anführungszeichen schreibe.

Ab 1930 wurden Tourenwagen außer für staatliche Abnehmer wie Polizei und Militär kaum noch gebaut. Wer als Privatmann eine offene Ausführung wünschte, kaufte meist ein Cabriolet, das mit Kurbelscheiben und gefüttertem Verdeck weit komfortabler war.

Umso spannender ist es, auch bei den späten Adler-Wagen der Typen „Favorit“ bzw. „Standard 6“ doch noch vereinzelt auf Tourenwagenversionen zu stoßen:

Adler „Favorit“ Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses aus vorteilhafter Perspektive geschossene Privatfoto verdanke ich einmal der Großzügigkeit von Matthias Schmidt aus Dresden, der ein bemerkenswertes Archiv an Autofotos aus dem Deutschland der Vorkriegszeit besitzt.

Auch hier vermute ich aufgrund des Fehlens der Ziffer „6“ auf der Scheinwerferstange, dass es sich um den Vierzylindertyp „Favorit“ und nicht einen „Standard 6“ handelt. Bemerkenswert ist, dass sich der Käufer für einen Tourenwagenaufbau entschied, der inzwischen so selten war, dass er in der heutigen Literatur nicht mehr abgebildet ist.

Wer Zweifel an dem Befund hat, da das Verdeck des oben abgebildeten Wagens durch den stolz posierenden Besitzer abgedeckt ist, sei auf eine zweite Aufnahme desselben Autos verwiesen, die jeden Zweifel zerstreut:

Adler „Favorit“ Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese Seitenansicht mit geschlossenem Verdeck ist nach meiner Einschätzung eine Rarität – mir ist jedenfalls bislang keine vergleichbare Abbildung begegnet, die einen Adler „Favorit/Standard 6“ ab 1930/31 in solcher Tourenwagenausführung zeigt.

Überraschenderweise wirkt der Adler mit geschlossenem Verdeck und die Länge betonender hell abgesetzter Seitenleiste geradezu sportlich. Das waren zwar weder „Favorit“ noch „Standard 6“ tatsächlich, doch der Stil ist absolut überzeugend.

Der spezielle Geschmack dieses Adler-Besitzers, der sich hier lässig mit Zigarre und in die Ferne gehendem Blick inszeniert, gefällt mir ausgesprochen gut, nicht zuletzt weil er offenbar auf modische Strömungen nichts gab.

Seine Partnerin mit Hund scheint mit der Situation eines stilistisch aus der Zeit gefallenen Automobils durchaus glücklich gewesen zu sein – war sie am Ende eine frühe Nostalgikerin?

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„Neues“ 2-Sitzer-Cabrio auf Basis Adler Standard 6

Selbst von gut dokumentierten Vorkriegstypen wie dem Sechszylindertyp „Standard 6“ der Frankfurter Adler-Werke finden sich auch nach rund 90 Jahren immer noch „neue“ Versionen.

Etwas mehr als 20.000 Exemplare des Adler „Standard 6“ entstanden zwischen 1927 und 1934 – gemessen an der erdrückenden Konkurrenz aus den USA war das nicht viel, dennoch begegnet einem das Modell auf alten Fotos auf Schritt und Tritt.

Einige Dutzend unterschiedlicher Wagen des Typs sind mittlerweile in meiner Adler-Fotogalerie versammelt. Am häufigsten ist die Limousine vertreten, deren Ganzmetallaufbau von Ambi-Budd in Berlin geliefert wurde.

Etliche Fotos dieser Ausführung sind mir in letzter Zeit zugelaufen, darunter diese hier:

Adler „Standard 6“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Viel einfacher als auf dieser auf dem Land entstandenen Aufnahme könnte die Identifikation des Wagens kaum sein:

– die Reserveradabdeckung liefert den Herstellernamen „ADLER“ mitsamt Markenemblem,

– die Kühlerfigur zeigt einen stilisierten Adler, wie er typisch für die Modelle der Marke in den späten 1920ern war – grafisch übrigens ähnlich dem Kranich der Deutschen Luft-Hansa und der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft jener Zeit

– die sieben Radbolzen verweisen auf das Modell „Standard 6“, während der parallel mit fast identischer Karosserie erhältliche Vierzylindertyp „Favorit“ nur deren fünf besaß

– die horizontalen Luftschlitze in der Haube verraten, dass wir es mit einem spätestens 1930 entstandenen Modell zu tun haben.

Soweit, so konventionell. Doch neben der Limousine mit Ganzstahlaufbau entstand eine erstaunliche Vielzahl an offenen Versionen in traditioneller Gemischtbauweise, also mit einem auf Holzrahmen montierten Blechkleid.

Offenbar war die Klientel, die sich einen Adler „Standard 6“ leisten konnte, dermaßen solvent, dass es häufig auch für einen individuellen Aufbau reichte wie den, den ich heute anhand eines Fotos von Leser Matthias Schmidt (Dresden) vorstelle:

Adler „Standard 6“, 2-Sitzer-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Hier haben wir eine Ausführung als zweisitziges Cabriolet vor uns – eine im wahrsten Sinne des Wortes exklusive Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass der Adler „Standard 6“ als Limousine oder auch in der eher seltenen Tourenwagenausführung sechs bis sieben Personen Platz bot.

Für den Luxus eines solchen Spezialaufbaus mit Platz für zwei Insassen war zudem ein saftiger Preisaufschlag gegenüber dem Serienmodell zu zahlen. Dass dies gar nicht einmal so selten vorkam, unterstreicht nur, dass Automobile im Deutschland der späten 1930er Jahre nach wie vor sehr begüterten Zeitgenossen vorbehalten waren.

Dieses Exemplar, das Ähnlichkeit mit einem Zweisitzer-Cabriolet von Papler hat, aber von einem anderen Hersteller zu stammen scheint, war einst in Berlin zugelassen:

Erkennt jemand die Plakette der Karosseriebaufirma an der Flanke oberhalb des Schwellers wieder? Und was bedeuten die beiden Embleme an der Scheinwerferstange?

Das in Fahrtrichtung links befindliche scheint die verschlungenen Buchstaben „b“, „A“ und „C“ zu zeigen – könnte das auf den „Berliner Automobil Club“ verweisen?

Markant ist der nach oben geschwungene Übergang der seitlichen Zierleiste auf Höhe des Fensterholms zu dem breiten Zierband entlang der Gürtellinie des Adler. Dieses Detail unterscheidet den Wagen von mir bekannten Fotos anderer Zweisitzer-Cabrios dieses Typs.

Vielleicht liefert ja der übrige Aufbau einen Hinweis auf den Hersteller des Aufbaus. Nebenbei kann man hier anhand der Wölbung der Tür erahnen, welcher Meisterschaft der Bau einer solchen Karosserie von Hand bedurfte:

Wenn ich es richtig sehe, entstanden solche offenen Aufbauten mit zwei Sitzen nur auf der Basis des kurzen Fahrgestells mit 2,84 Metern Radstand statt 3,14 Metern bei der langen Ausführung.

Den traditionellen Tourenwagenaufbau dagegen gab es offenbar mit kurzem und langem Radstand, er wurde jedoch kaum gekauft. In der Literatur taucht er jedenfalls nur am Rande auf. Ein Foto, das einen Adler „Standard 6“ als Tourer zeigt, ist einer von gleich mehreren Exemplaren dieses Typs, der sich als Kandidat für einen zukünftigen Blog-Eintrag qualifiziert.

Doch zuvor müssen wir uns der Abwechslung halber einmal wieder mit ganz frühen Adler-Typen beschäftigen, die uns in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurückführen…

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Sechs Fenster, sechs Zylinder: Adler 10/50 PS

Fast auf den Tag zwei Jahre ist es her, dass ich erstmals ein historisches Foto des Adler-Modells besprechen konnte, um das es in diesem Blog-Eintrag geht. Dass es so lange dauerte, bis sich wieder eine Gelegenheit dazu ergab, hat mit der Seltenheit dieses Typs zu tun, von dem ab 1925 nur wenige hundert Exemplare entstanden.

Zur Erinnerung nochmals das Foto, das ich seinerzeit präsentieren konnte und das ich nach einigen Mühen als Adler Typ 10/50 PS identifiziert habe:

Adler Typ 10/45 oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Eines der Elemente, die letztlich die Ansprache als Adler dieses Typs ermöglichten, war das verchromte (oder vernickelte) Schutzblech am Schweller unterhalb der vorderen Tür.

Ins Bild passten dann auch Details wie die senkrecht stehenden Türklinken, die Drahtspeichenräder und die Bremstrommeln an den Vorderrädern, die eine Entstehung ab 1925 wahrscheinlich machten.

Der Abgleich mit dem Auto auf folgender Aufnahme von Adler-Sammler Rolf Ackermann brachte mich dann auf den Adler des Typs 10/50 PS:

Von diesem Typ findet sich in der mir bekannten Literatur genau ein Foto, das einen überlebenden Tourenwagen zeigt. Umso erfreulicher, dass ich heute mit einem weiteren Dokument aufwarten kann, das wahrscheinlich eine Limousine desselben Typs zeigt.

Der Adler 10/50 PS war ein Sechszylindertyp, der 1925 zunächst mit 10/45 PS-Spezifikation das Licht der Welt erblickt hatte.

Ganz ähnlich wie beim Nachfolgetyp Standard 6 wurde ihm ein Vierzylindertyp zur Seite gestellt, der nur geringfügig kleiner war. Ich gehe aber aufgrund des repräsentativen Erscheinungsbilds davon aus, das mein heute präsentierter Fotofund die sechszylindrige Variante zeigt:

Adler Typ 10/45 PS oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir das gute Stück mit damals seltenem (weil enorm teuren) Aufbau als Sechsfenster-Limousine. Die schwere Karosserie wird auch der Grund dafür gewesen sein, dass man statt der filigranen Drahtspeichenräder stabilere Stahlspeichenräder montierte.

Die Literatur nennt für das Modell beeindruckende Abmessungen, die die des Nachfolgetyps Standard 6 und sogar die des mächtigen Standard 8 übertreffen:

  • Radstand: 3,35 m
  • Länge: 4,65 m
  • Höhe: 1,93 m

Das erklärt, weshalb der Fahrer hier relativ klein wirkt. Tatsächlich dürfte er mindestens 1,70m groß gewesen sein, und zwar auch ohne die typische Chauffeursmütze. Leider ist der Abzug nicht scharf genug, um das Emblem auf der Mütze erkennen zu lassen.

Eine nähere Betrachtung verdient auf jeden Fall die Frontpartie des raren Wagens:

Allein schon die Höhe der Haubenlinie vermittelt einen Eindruck davon, was für eine kolossale Erscheinung dieser Wagen einst gewesen sein muss.

Dank der feinen Gestaltung der Entlüftungsschlitze in der Motorhaube wirkt die Masse des Vorderwagens dennoch nicht brachial. Auch der feine Schwung der Kühlermaske lässt die Frontpartie durchaus gefällig erscheinen.

Für Auflockerung sorgt außerdem die Kühlerfigur, die einen sich in die Luft schwingenden Adler zeigt. Adler-Kenner werden dieses von wiederholten Änderungen betroffene Detail sicher genau datieren können.

Leider ist mir weder in der Literatur noch im Netz bisher eine Chronologie der Adler-Embleme und Kühlerfiguren begegnet. Das sollte sich doch eigentlich machen lassen und wäre eine große Hilfe bei der Ansprache früher Adler-Modelle.

Zum Entstehungsort des Fotos kann ich leider nichts sagen. Das Kennzeichen verweist zwar auf Berlin als Zulassungsbezirk, aber das muss nichts heißen. Erkennt vielleicht jemand das Gebäude mit der Hausnummer 112 im Hintergrund?

Das Portal verweist auf eine Entstehung um die Jahrhundertwende und dürfte den Dimensionen nach zu einem öffentlichen Bau gehört haben. Könnte es zu einem Forschungsinstitut gehört haben, das einen Vorlesungssaal mit hohen Fenstern besaß?

Auch wenn die Architektur nichts Regionaltypisches aufweist, ist sie doch wie viele Bauten jener Zeit hinreichend individuell, um wiedererkannt zu werden. Von daher bin ich zuversichtlich, dass sich die Frage des Entstehungsorts noch klären lässt.

Vielleicht können auch die Spezialisten für Adler-Modelle der 1920er Jahre etwas zu dem Wagentyp auf meinem Foto sagen. Kann man an bestimmten Details erkennen, ob es nun ein Typ 10/45 PS von 1925/26 oder ein Typ 10/50PS von 1927 ist?

Oder kommt gar der stärkere und noch größere Sechszylindertyp 18/80 PS in Frage, der parallel erhältlich war? Dann ließe sich in meiner laufend wachsenden Adler-Galerie ein weiteres Puzzlestück einfügen…

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Start in die 20er Jahre: Adler-Spitzkühlertypen

Anfang Januar 2020 – nun beginnen die 20er Jahre, „unsere“ 20er Jahre.

Was mögen sie bringen? Golden werden sie vielleicht ebensowenig sein wie es die 1920er – der Nostalgie zum Trotz – im Alltag für die meisten unserer Vorfahren waren.

Leider scheinen unsere 20er Jahre erneut vom Kampf zwischen bürgerlichem Individualismus und dem Kollektivwahn der Sozialisten beherrscht zu sein. Der Konflikt erlebte 1989 nur einen Waffenstillstand – gerade beginnt eine neue Runde, fürchte ich.

Blenden wir 100 Jahre zurück – unter welchen Vorzeichen stand damals der Auftakt der 20er Jahre? Nun, zumindest in punkto Automobil entsprachen die Verhältnisse im wesentlichen denen von 1914.

Das will ich heute anhand von Dokumenten und Fotos der Frankfurter Marke Adler zeigen. Den Beginn macht die folgende Reklame von 1914:

Adler-Reklame von 1914; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser Annonce sehen wir einen Adler mit dem gerade neu eingeführten Spitzkühler – der Zahl der Luftschlitze nach zu urteilen hat man sich an einem großen Modell orientiert.

In Frage kommen die Typen 28/55, 30/70 und 35/80 PS. Während des Ersten Weltkriegs wurden diese Giganten mit 6,5 bis 9 Liter Hubraum weiterproduziert, wenn man der folgenden Reklame von 1917 glauben darf:

Adler Reklame von 1917; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Vermutlich hat der Grafiker der Adlerwerke einfach die Verhältnisse von 1914 fortgeschrieben.

Doch das Erscheinungsbild der Adler-Wagen sollte noch nach Kriegsende bis in die 1920er Jahre so bleiben, wie diese ab 1920 entstandene Aufnahme illustriert:

Adler-Tourenwagen um 1920: Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob es nun ein Fahrzeug aus der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg oder aus der Zeit danach ist, lässt sich kaum feststellen. Elektrisch betriebene Scheinwerfer wurden schon 1914 angeboten und nach 1918 baute Adler eine ganze Weile alte Modelle weiter.

Mittlerweile konnte ich etliche Fotos solcher Wagen dingfest machen – bloß lassen sie sich mangels aussagefähiger Literatur zu den Adler-Modellen um 1920 keinem bestimmten Typ zuordnen – eigentlich unglaublich, bedenkt man die einstige Bedeutung der Marke.

Hier haben wir gleich den nächsten Kandidaten, wiederum einen mächtigen Tourenwagen, vermutlich mit einer Motorisierung zwischen 40 und 60 PS:

Adler Tourenwagen um 1920; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Normalerweise wäre jedes dieser Prachtexemplare, die nach dem 1. Weltkrieg unvorstellbare Luxusobjekte darstellten, eine ausführliche Besprechung wert, doch – wie gesagt – gibt es praktisch keine publizierten Dokumente dazu.

Allerdings glaube ich, dass sich in Sammlerhand genügend Prospekte, Zeitungsberichte und Reklamen befinden, die näheren Aufschluss über diese Typen geben könnten. Wer etwas in dieser Richtung beisteuern kann, würde damit zum Schließen eaklatanter Lücken in der Adler-Automobilhistorie beitragen.

Neben obigen Aufnahmen desselben Typs hat Leser Matthias Schmidt aus Dresden ein weiteres Spitzenfoto beigesteuert. Es zeigt wohl keinen Vorkriegswagen mehr , sondern eine darauf basierende, äußerlich modernisierte Version:

Adler Tourenwagen, frühe 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

An diesem Exemplar, das mit seiner schrägstehenden und mittig unterteilten Frontscheibe eine beinahe sportliche Anmutung hat, ist das typische Adler-Emblem weit besser zu erkennen als an den bisherigen Fotos.

Wie man sieht, war das dreieckige Emblem im Lauf der Zeit an unterschiedlichen Stellen angebracht. Hier ist es in der Mitte des Kühlergrills montiert; bei den vorherigen Aufnahmen war es ansatzweise am oberen Ende des Kühlernetzes zu erkennen.

Weitere Unterschiede, die auf ein gehobenes Modell schließen lassen, sind die größere Zahl an Radspeichen (ein Hinweis auf ein schwereres Chassis) und die Blechverkleidung an den vorderen Rahmenauslegern.

Den Adler-Freunden sollte bei solchen Zeitzeugen eigentlich das Herz aufgehen – gleiches hoffe ich von den sicher existierenden privaten Archiven.

Zufällig bin ich zum 1. Januar 2020 Mitglied des Adler Motor Veteranen Clubs (AMVC) geworden, sodass ich zuversichtlich bin, in Zukunft endlich auch sachkundig über die großartigen Adler-Spitzkühlermodelle der frühen 1920er berichten zu können.

Zumindest insofern hoffe ich auf ein goldenes Jahrzehnt, das vor mir und meinen geschätzten Lesern liegt, denen ich Anregungen und Bildmaterial, Ergänzungen und Korrekturen sowie nicht zuletzt Zuspruch für dieses Blog-Projekt verdanke!

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