Presto D-Typ: Ein Tourenwagen aus Chemnitz

In Zeiten, in denen sich der Automobilbau hierzulande auf etwas mehr als eine handvoll Standorte konzentriert, ist kaum noch präsent, in wievielen Städten einst in Deutschland sonst noch PKWs hergestellt wurden.

Da gab es Adler in Frankfurt, des weiteren Audi, DKW und Horch in Zwickau, Dürkopp in Bielefeld, Hanomag in Hannover, NAG und Protos in Berlin, Röhr in Ober-Ramstadt, Steiger in Burgrieden, Simson in Suhl und Stoewer in Stettin.

Kenner würden auch Wanderer aus Schönau bei Chemnitz erwähnen. Weniger bekannt dürften die direkt in Chemnitz angesiedelten „Presto-Werke“ sein.

Wie so oft war die Keimzelle dieses Autoherstellers eine Fahrradfabrikation. Ab 1907 baute Presto Wagen der französischen Marke Delahaye in Lizenz. 1910 folgte die erste eigene Konstruktion, die in Serie gebaut wurde.

Nennenswerte Stückzahlen erreichte die Produktion erst nach dem 1. Weltkrieg. Einen solchen Presto-Wagen vom Anfang der 1920er Jahre zeigt folgendes Originalfoto:

Presto_D_Tourenwagen_1_Galerie

© Presto D-Typ; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir uns den formalen Details dieses eindrucksvollen Tourenwagens widmen, einige technische Daten. Das abgebildete Auto ist wahrscheinlich ein Presto D-Typ mit 2,4 Liter großem Vierzylindermotor, der 30 PS leistete. 

Der Seitenventiler war mit einem 4-Gang-Getriebe gekoppelt und besaß eine 12-Volt-Elektrik. Die Tourenwagenausführung wog allerdings 1,3 Tonnen, was einer sportlichen Fahrweise entgegenstand.

Nach Ende der Bauzeit des D-Typs (1921-25) wurde bis zur Übernahme von Presto durch NAG im Jahr 1927 der äußerlich ähnliche E-Typ mit Vierradbremsen angeboten, der bei gleichem Hubraum 40 PS leistete. Gemessen an US-Wagen war das jedoch nicht konkurrenzfähig.

Die deutsche Kundschaft schien die Presto-Wagen aber bis Mitte der 1920er Jahre geschätzt zu haben – etliche Originalfotos künden von einstigem Besitzerstolz. Neben der Zuverlässigkeit mag ein Grund die schnittige Optik mit Spitzkühler gewesen sein:

Presto_D_Tourenwagen_1_Frontpartie

Typisch für die Presto-Wagen der 1920er Jahre ist die markante Profilierung der den Grill einrahmenden Kühlermaske. Zeitgleiche Spitzkühlermodelle von Adler, Benz, Audi, NAG, Opel und Horch unterscheiden sich in diesem Detail deutlich.

Ein weiteres Erkennungsmerkmal des Presto D-Typs (und seines Nachfolgers) sind die sechs nach hinten versetzten Luftschlitze in der Motorhaube. Die verchromten Nabendeckel „passen“ ebenfalls – sie deuten auf eine Bauzeit Mitte der 1920er Jahre hin.

Das Nummernschild mit dem Kürzel „IK“ verrät, dass dieser Presto einst in Schlesien (seit 1945 zu Polen gehörig) zugelassen war. Mehr wissen wir über den Wagen leider nicht. Die begüterten Besitzer konnten sich immerhin einen Chauffeur leisten:

Presto_D_Tourenwagen_1_Seitenpartie

Kurioserweise liegt das Besitzerpaar außerhalb des Schärfebereichs. Wer dieses Foto gemacht hat, wählte eine zu kleine Blende mit entsprechend geringer Tiefenschärfe.

Sehr bedauerlich ist dieses kleine Manko nicht. Der selbstbewusst schauende Chauffeur kommt hier deutlich besser weg als seine spießbürgerlich wirkenden Brötchengeber. Zu datieren ist diese Aufnahme auf die Mitte oder allenfalls die zweite Hälfte der 1920er Jahre.

Weitere solcher Originalfotos der in überschaubaren Stückzahlen gebauten Presto D- und E-Typen werden hier gelegentlich vorgestellt. Von den rund 8.000 gefertigten Wagen gibt es heute nur noch ganz wenige – ein Presto dürfte heute seltener als ein Bugatti sein.

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