Unbekannte Größen: Presto Typ F und G von 1927

Wer heute überhaupt noch die Wagen der Presto-Werke kennt, die von 1909-27 in Chemnitz gebaut wurden, wird vor allem an den schnittigen Typ D 9/30 PS denken, von dem zwischen 1921 und 1926 einige tausend Exemplare entstanden.

Hier haben wir eine schöne Aufnahme dieses hochwertigen Wagens, die wir bereits bei anderer Gelegenheit gezeigt haben:

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Presto Typ „D“ 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der scharfgeschnittene Spitzkühler mit dem tropfenartigen oberen Abschluss und die sechs nach hinten versetzten Haubenschlitze machen den D-Typ unverwechselbar.

1927 war jedenfalls die Epoche der Spitzkühlermodelle auch bei Protos vorbei.

Die neuen Flachkühlermodelle von Presto waren mit zwei Radständen verfügbar – der Typ F mit 3,00 Meter Radstand und der Typ G mit 3,30 Meter Radstand. Unabhängig davon waren beide Modelle mit 10/50 oder mit 12/55 PS-Motorisierung erhältlich.

Da sich die beiden parallel gebauten Typen äußerlich sonst nicht zu unterscheiden schienen, ist es fast unmöglich, sie auf alten Fotos auseinanderzuhalten. Erschwert wird die Identifikation dadurch, dass die dem Verfasser zugängliche Literatur nur alte Katalogaufnahmen des Presto Typ F bzw. G. enthält.

In diesem Blog können wir uns dafür heute gleich an drei Aufnahmen dieser mächtigen Sechszylindertypen erfreuen, die die letzten Presto-Entwicklungen sein sollten. Erst die drei Fotos zusammen zeichnen dabei ein aussagefähiges Bild.

Beginnen wir mit diesem auf den ersten Blick beliebig wirkenden Tourenwagen:

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Presto Typ G; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So sahen in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre viele deutsche Tourenwagen aus – sie alle versuchten, den damals höchst erfolgreichen 6-Zylinderwagen aus US-Produktion nachzueifern – auch äußerlich.

Der Wagen mit der geschmackvollen Zweifarblackierung kam den „Amerikanerwagen“ sehr nahe – bloß handelte es sich hier um ein Manufakturprodukt, während in den USA solche aufwendig gestalteten Autos in Großserie vom Band liefen.

Leider lässt sich das Markenemblem auf dem Kühler nur schemenhaft erkennen:

Presto_F_oder_G-Typ_Frontpartie Das runde Emblem scheint in der oberen Hälfte ein geschwungenes weißes Feld aufzuweisen, was prinzipiell zu Presto passen würde.

Außerdem scheinen die letzten beiden Buchstaben des sonst leider vom Scheinwerfer verdeckten Schriftzugs auf dem Kühler „to“ zu lauten.

Indizien immerhin, aber noch kein Beweis. Etwas weiter bringt uns das zweite Puzzlestück, diesmal eine Limousine eines ähnlichen Typs:

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Presto Typ F oder G; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar besitzt dieser 1929 aufgenommene Wagen kegel- statt trommelförmige Scheinwerfer, aber das will nicht viel heißen. Zumindest bis zur Schottwand gleichen sich die beiden Wagen weitgehend.

Das Zweifarbschema ist hier anders ausgeführt, was mit dem Limousinenaufbau zu tun hat. Weitere Unterschiede sind die vorne bzw. hinten angeschlagenen Türen und die Trittschutzbleche am Schweller.

Doch auch hier gilt: Bei Manufakturwagen jener Zeit waren solche Unterschiede normal. Entscheidend ist wie so oft die Kühlerpartie:

Presto_F_oder_G-Typ_Nähe_Nordhausen_04-1929_Frontpartie

Hier haben wir dieselbe schlichte Kühlermaske mit dem runden Markenemblem, dessen obere Hälfte von einem geschwungenen weißen Feld eingenommen wird.

Außerdem sehen wir diesmal einen auf der anderen Seite des Kühlergrills angebrachten Schriftzug, der mit „P“ zu beginnen scheint, gefolgt von mindestens drei Kleinbuchstaben.

Damit wären wir fast am Ziel, doch ein letztes Puzzlestück brauchen wir noch, um diese Wagen allesamt als Presto der Typen F oder G von 1927 ansprechen zu können.

Zum Glück hat der Zufall das folgende kuriose Foto an die Gestade unserer Zeit gespült:

Presto_F_oder_G-Typ_Galerie

Presto Typ F; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass dieser Schnappschuss im Alpenraum entstanden sein muss, ist klar. Doch wenn jemand anhand der Reklame- und Hinweisschilder den genauen Ort zumindest eingrenzen könnte, wäre das Glück perfekt.

Hier haben wir eines der eher seltenen Beispiele eines Tourenwagens mit niedergelegtem Verdeck, aber montierten seitlichen Steckscheiben.

Vergleicht man die Länge der Schwellerpartie und der Türen mit den Verhältnissen auf dem ersten Foto, scheinen wir es hier mit einer kürzeren Version zu tun haben, die nur eine statt zwei rückwärtige Sitzbänke bot.

Betrachten wir auch bei diesem Wagen die Frontpartie näher:

Presto_F_oder_G-Typ_Frontpartie2

Dass der Fotograf auf den Wagen statt auf die beiden Burschen im Vordergrund fokussiert hat, mag Zufall sein, kommt uns aber sehr entgegen.

Alle Details – seien es die profilierten Schutzbleche, der Flachkühler oder die Halter der Scheinwerfer – entsprechen denen auf den beiden vorherigen Fotos.

Das Beste aber ist, dass wir hier das Markenemblem lesen können:

Presto_F_oder_G-Typ_Frontpartie3

Dort, wo bei den beiden anderen Aufnahmen nur ein gewölbtes weißes Band zu erkennen war, kann man hier mit einem Mal „PRESTO“ entziffern.

Spektakulär, denn dieser Ausschnitt entspricht weniger als einem 20stel des rund 90 Jahre alten Originalabzugs, der überdies eingescannt und damit nochmals drastisch in seiner Auflösung reduziert wurde.

Aber genau so sah das Presto-Emblem der 1920er Jahre aus. Zum Vergleich hier eine ähnlich heftige Ausschnittsvergößerung aus einem Foto, das einen Presto des Typs P8 8/25 PS zeigt, der bis 1919 gebaut wurde:

Presto_Tourenwagen_Bayern_2 Somit können wir alle drei Wagen als Presto der Typen F oder G ansprechen, wobei der Tourer mit dem langen Radstand ein Typ G und der mit dem kurzen Radstand ein Typ F war. Bei der Limousine müssen wir diesbezüglich passen.

Mit welchen Motoren diese eindrucksvollen letzten Presto-Wagen einst ausgestattet waren, dieses Geheimnis muss ungeklärt bleiben, denn – wie gesagt – waren bei beiden Radständen beide Motorisierungen verfügbar. 

Vermutlich hatte man gemerkt, dass mit den 50 PS des 2,6 Liter Aggregats bereits beim 1,5 Tonnen schweren Tourer kein Staat zu machen war. Der alternativ verfügbare 3,1 Liter Motor mit 5 PS mehr bot aber letztlich auch keinen spürbaren Mehrwert.

Man wollte oder konnte die Motoren wohl nicht stärker belasten – amerikanische Großserienwagen von Buick oder Chevrolet kamen damals bei vergleichbarer Leistung übrigens mit deutlich größerem Hubraum daher.

So scheiterte dieser Versuch von Presto, sich eine ordentliche Scheibe aus dem florierenden Geschäft mit 6-Zylinderwagen Ende der 1920er Jahre herauszuschneiden.

Nach der Übernahme durch NAG aus Berlin wurden die Presto Typen F und G bis 1928 noch als NAG-Presto abverkauft, dann endete die Geschichte des Automobilbaus bei Presto nach weniger als 20 Jahren…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

Vor 100 Jahren: Neues Spitzkühlermodell von Presto

Der heutige Blogeintrag macht zwei Dinge deutlich: Erstens gibt es selbst nach 100 Jahren immer noch Neuigkeiten von längst verblichenen Vorkriegsautomarken.

Zweitens erweist sich das Internet als ideales Medium nicht nur zur Präsentation historischer Automobilfotos, sondern auch zum globalen Austausch von Informationen dazu.

Denn das Bild, das wir heute präsentieren, zeigt erstens ein deutsches Automodell, das nach Kenntnisstand des Verfassers nirgends in der Literatur zu finden ist. Zweitens verdanken wir es der Sammlerleidenschaft eines Enthusiasten aus Australien.

Jason Palmer „from down under“, wie die Briten sagen, hat uns schon den Fund des Monats Mai spendiert, eine rare Aufnahme eines Komnick Tourenwagens.

Nun hat er ein weiteres Foto aus seiner Sammlung eingesandt. Eigentlich wollte er nur wissen, worum es sich bei dem Wagen auf einem malträtierten Abzug handelt.

Das ließ sich schnell herausfinden – es ist ein Presto, doch der genaue Typ ist so interessant, dass er angemessen präsentiert sein will. Beginnen wir also in der Frühzeit des Automobilbaus bei den Presto-Werken in Chemnitz.

Nach einer Phase des Lizenznachbaus von französischen Delahaye-Wagen begann man 1910 mit selbstkonstruierten 8/22 PS-Serienwagen.

Eines dieser bis 1912 gebauten Modelle mit zuletzt 28 PS aus nach wie vor 2,3 Litern Hubraum sehen wir wahrscheinlich auf folgender Aufnahme:

Presto_Tourenwagen_Bayern_1

Presto-Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme ist deshalb interessant, weil sich in der Literatur keine weitere findet, die einen frühen Presto-Wagen aus derartig günstiger Perspektive zeigt.

Selbst wenn es sich um eines der ab 1913 gebauten Modelle 8/25 PS oder 10/35 PS handeln sollte – ganz genau lässt sich das ohne Blick unter die Haube nicht sagen – , ist hier ein Detail zu erkennen, das andernorts kaum zu finden ist.

Hier sehen wir nämlich die frühe Ausführung der Markenplakette von Presto:

Presto_Tourenwagen_Bayern_1_Ausschnitt

Auf dem Originalabzug ist auf der runden Kühlerplakette ganz klar „Prestowerke AG Chemnitz i. Sa.“ zu lesen.

In der Mitte ist ein geflügeltes Rad in einem Kreis platziert, der vertikal in zwei Hälften in den sächsischen Landesfarben Grün und Weiß unterteilt ist.

Dieses Element findet sich auch beim anschließend verwendeten Presto-Emblem, bei dem Firmenname und Ortsangabe einem schlichten „PRESTO-Schriftzug gewichen sind:

Presto_Tourenwagen_Bayern_2

Presto-Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was diese Ansicht zum Kuriosum macht, sind keinesfalls die fehlenden Reifen, sondern die Tatsache, dass der Wagen einst direkt neben dem zuvor gezeigten Vorgänger abgelichtet wurde.

So lassen sich die Veränderungen von Kühlerform und Markenplakette, aber auch des Übergangs von Motorhaube zur Frontscheibe sowie der Vorderschutzbleche  vergleichen, die sich damals in lediglich zwei, drei Jahren vollzogen:

Presto_Tourer_Bayern_1_und_2_Galerie

Dass die Originalaufnahme noch zwei weitere Fahrzeuge anderer Marken zeigt, sei der Vollständigkeit angemerkt – obige Vergrößerungen der Kühlerpartien stellen winzige Ausschnitte des Abzugs dar, was für die Qualität des damaligen Fotomaterials spricht.

Nach dieser umständlichen, doch notwendigen Einleitung kommen wir zum eigentlichen Hauptdarsteller des heutigen Blog-Eintrags – quasi dem australischen Stargast:

Presto_Spitzkühler_Jason_Palmer_Galerie

Presto-Spitzkühlermodell; Originalfoto aus Sammlung von Jason Palmer (Australien)

Wer meint, dass dieses Bild kaum etwas erkennen lässt, hat das Original noch nicht abgesehen – einen vielfach beschädigten und geknickten Abzug.

Der Verfasser hat die schlimmsten Defekte beseitigt, doch sind noch genügend Spuren der Zeit geblieben – man darf einem solchen Zeugnis ruhig sein Alter ansehen.

Wer weiß, welche Odyssee dieses Zeitdokument hinter sich hatte, bevor es nach rund 100 Jahren in den Händen des heutigen Besitzers im fernen Australien landete.

Bevor wir ins Detail gehen, halten wir folgendes fest:

  • Der Wagen verfügt über einen Spitzkühler nach Vorbild von Mercedes und Benz (damals unabhängig), der ab 1914 bei vielen deutschen Herstellern Mode wurde.
  • Montiert sind elektrische Scheinwerfer, wie sie vor dem 1. Weltkrieg meist nur als Option verfügbar, aber ab 1918 Standard waren.
  • Die Insassen sind deutsche Soldaten – ob im 1. Weltkrieg oder danach bei der Reichswehr, ist schwer zu sagen.
  • Das Kennzeichen aus römisch „II“ und „A“ verweist auf eine Zulassung in der bayrischen Hauptstadt München. Bei der fortlaufenden Nummer könnte vor der „0“ eine Ziffer fehlen, vielleicht weil das Kennzeichen dort einen Knick aufweist.

Nun aber zum interessantesten Detail des Wagens:

Presto_Spitzkühler_Jason_Palmer_Ausschnitt

Hier haben wir beidseitig des Spitzkühlers die typische Markenplakette von Presto in der Ausführung unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg.

Wie eingangs bemerkt, ist dem Verfasser keine weitere Aufnahme eines Presto mit einem derartigen Spitzkühler bekannt – und doch hat es das einst gegeben!

Ganz gleich, ob dieser Presto nun kurz vor dem 1. Weltkrieg oder direkt danach entstand, haben wir hier ein bisher fehlendes Bindeglied zu den einst in Deutschland recht verbreiteten Presto D-Typen mit 9/30 PS-Vierzylindermotor.

Auch diese besaßen nämlich einen Spitzkühler, wenngleich einen mit stärker abgerundeter Oberseite des Kühlergehäuses:

Presto_D-Typ_10-30_PS_Galerie

Presto D-Typ 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Leistungsmäßig hatte sich zwar gegenüber der Vorkriegszeit nicht viel getan – der nunmehr 2,4 Liter große Vierzylinder war für maximal 30 PS gut – doch die schnittige Optik mit nach unten vorragendem Spitzkühler machte einiges her.

In der Presto-Galerie dieses Blogs sind etliche Originalaufnahmen des reizvollen Presto-D-Typs zu finden  – danach zu urteilen, handelte es sich um ein gehobenes Automobil für stilbewusste Leute.

Dass Autos der 1927 von NAG aus Berlin übernommenen Chemnitzer Marke auch nach rund 100 Jahre bei Sammlern für Begeisterung sorgen, das hätten sich die Männer, die diese Wagen einst konstruierten und bauten, nicht träumen lassen.

Statten wir ihnen auf diese Weise unseren Dank für ihren Beitrag zur Entwicklung und Verbreitung des Automobils im Deutschland der Zwischenkriegszeit ab…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Jetzt auch mit Vierradbremsen: Presto Typ E 9/40 PS

Nicht schon wieder ein Presto – den hatten wir doch kürzlich erst (und das nicht zum ersten Mal).

Stimmt, der nach dem 1. Weltkrieg verbreitete Typ D 9/30 PS der Chemnitzer Marke ist in diesem Blog ziemlich lebendig – vermutlich gibt es in der Presto-Galerie bereits mehr historische Aufnahmen davon als überlebende Fahrzeuge…

Heute können wir aber tatsächlich etwas „Neues“ in Sachen Presto bringen, den ab 1925 gebauten Nachfolgetyp E 9/40 PS.

Er besaß noch den schnittigen Spitzkühler des Vorgängers – der den Presto-Wagen ein unverwechselbares Gesicht gab.  Aber in technischer Hinsicht war man nicht untätig geblieben.

Aus dem nach wie vor 2,4 Liter großen Vierzylinder – ein klassischer Seitenventiler – hatte man nunmehr 40 statt 30 PS herausgeholt. Solchermaßen beflügelt stieg die Höchstgeschwindigkeit des Presto von 70 auf 80 km/h.

Passend zum gestiegenen Leistungsvermögen hatte man dem E-Typ auch Vierradbremsen verpasst – wie damals üblich noch mechanisch betätigt.

Dieses Detail ist das Hauptunterscheidungsmerkmal des Presto Typ E 9/40 PS gegenüber dem Typ D 9/30 PS. Das war dem Verfasser lange nicht bewusst, weshalb er bei früherer Gelegenheit folgenden Wagen ebenfalls als Typ 9/30 PS angesprochen hatte:

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Presto Typ E 9/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die trotz starken Lichteinfalls von links reizvolle Aufnahme mit dem doppelt belichteten Paar lässt die vorderen Bremstrommeln gut erkennen, weshalb es sich um einen Typ E 9/40 PS handeln muss.

Wie es scheint, besaß der Nachfolger des D-Typs statt ausgestanzter breiter Luftschlitze ein aufgenietes Blech mit schmaleren und zahlreicheren Luftschlitzen in der Haube.

Oder war dies erst bei späten Modellen des bis 1927 gebauten E-Typs der Fall?

Auf einer anderen Aufnahme eines Presto E 9/40 PS sehen wir zwar ebenfalls die vorderen Bremstrommeln, aber die Ausführung der Luftschlitze scheint noch wie beim Vorgänger zu sein, sofern dies auf dieser mäßigen Aufnahme überhaupt zu erkennen ist:

Presto_Typ_E_10-40_PS_1_Galerie

Presto Typ E 9/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei Presto in Chemnitz entstanden zwischen 1921 und 1927 keine zehntausend Exemplare der Typen D und E, sodass man noch von einer Manufakturproduktion ausgehen kann.

Da ist es gut möglich, das man entweder bei den letzten D-Typen schon Vierradbremsen verbaute – vielleicht als Zubehör – oder dass bei den ersten E-Typen noch Bestände an Motorhauben des Vorgängers verbaut wurden.

Wer hierzu Näheres weiß, kann dazu die Kommentarfunktion nutzen – ergänzende Informationen werden im Blog-Eintrag berücksichtigt.

Viel mehr lässt sich angesichts der dürftigen Literatur zur Marke Presto zum Typ E 10/40 PS vorerst nicht sagen.

Sollte jemand über einen zugehörigen Originalprospekt verfügen, wäre es natürlich schön, diesen der Leserschaft zugänglich zu machen, die sich aus monatlich über 1.500 Vorkriegsenthusiasten zusammensetzt.

Nicht vorenthalten möchte der Verfasser dem geschätzten Publikum zwei weitere Originalfotos von Presto-Wagen des Typs E 9/40 PS aus seinem Fundus.

Da hätten wir zunächst diesen außergewöhnlichen Schnappschuss:

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Presto Typ E 9/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses tolle Foto lässt das beeindruckende Platzangebot in einem sechssitzigen Tourenwagen der 1920er Jahre aus der Vogelperspektive erkennen.

Die Aufnahme wurde vermutlich von einem Balkon im ersten Stock eines Hauses in Leipzig geschossen – jedenfalls entstand der Abzug laut umseitigem Stempel in einem Fotoatelier in der sächsischen Großstadt.

Möglicherweise zeigt das Foto den Presto bei einer Veranstaltung in der Nachkriegszeit, für die sich die Insassen „fein“ gemacht hatten. So ganz zusammenpassen wollen die Kostümierungen jedenfalls nicht.

Wenn dies zutrifft, könnte dieser Presto heute noch existieren. Denn auch unter den Sachzwängen des Sozialismus bestand in Ostdeutschland eine lebendige Vorkriegsautoszene, der wir das Überleben zahlreicher Wagen verdanken.

Und weil es so schön ist, haben wir hier eine weitere Aufnahme eines Presto Typs E  9/40 PS aus Zeiten der „DDR“:

Presto_Typ_E_10-40_PS_Tourenwagen_DDR_Galerie

Presto Typ E 9/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Spitzkühler mit tropfenfömigem oberem Abschluss, Vierradbremsen, gerade geschnittene und spitz auslaufende Vorderkotflügel, aufgesetztes Blech mit Luftschlitzen – das ist ganz klar ein Presto Typ E 9/40 PS.

Am in Fahrtrichtung linken Rahmenausleger erkennt man das spezielle Oldtimer-Kennzeichen, das von den „DDR“-Behörden ausgegeben wurde. Es handelt sich somit eindeutig um ein Nachkriegsfoto.

Der Zustand des Presto scheint ausgezeichnet gewesen zu sein – eventuell war das Verdeck erneuert worden, es sieht zu gut aus, um als mindestens 30-jähriges Original durchzugehen.

Bei diesem Wagen dürfen wir erst recht davon ausgehen, dass er das sozialistische Menschenexperiment im Osten unseres Landes unbeschadet überstanden hat. Vielleicht erkennt ja jemand den Presto wieder und weiß, wer der heutige Besitzer ist.

Den Freunden der Marke Presto sei übrigens an dieser Stelle versprochen, dass inzwischen auch Originalfotos der noch selteneren Nachfolgetypen F 10/50 PS bzw.  G 12/55 PS aufgetaucht sind – sie werden hier ebenfalls zu ihrem Recht kommen…

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Spitzkühler mit eigenem Profil: Presto D-Typ 9/30 PS

Nach dem 1. Weltkrieg führte eine ganze Reihe deutscher Autohersteller die 1913/14 aufgekommene Spitzkühlermode mit bemerkenswerter Beharrlichkeit fort.

Adler aus Frankfurt baute bis 1924 den Typ 9/24 bzw. 9/30 PS mit markanter Frontpartie wie im Fall des hier abgelichten Taxis:

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Adler Typ 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Leider ist bei dem Foto trotz günstiger Perspektive etwas schiefgelaufen – vermutlich ist bei der Aufnahme von einer Seite unbeabsichtigt Licht in das Kameragehäuse eingetreten.

Während Adler erst ab 1925 konsequent Flachkühlermodelle fabrizierte, fiel das Erscheinungsbild in der frühen Nachkriegszeit bei Benz differenzierter aus. Wie bereits vor dem Krieg boten die Mannheimer ihren Kunden parallel beide Versionen an.

Ein Kuriosum in dieser Hinsicht fand sich auf der folgenden Aufnahme:

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Benz Typ 8/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An der Front ist eindeutig ein Benz-Spitzkühler montiert, man kann auf dem Original den Markenschriftzug einwandfrei lesen. Doch will der Kühler nicht so recht zur daran anschließenden Motorhaube passen.

Da der übrige Wagen Vorkriegsmodellen von Benz des Kompakttyps 8/20 PS gleicht, darf man annehmen, dass hier jemand nach dem 1. Weltkrieg seinen schon älteren Wagen auf diese Weise modernisiert hat.

Dazu wurde die Motorhaube auf rustikale Weise dem abweichenden Profil des Spitzkühlers „angepasst“. Man sieht deutlich den nachträglich angebrachten Falz oberhalb des ursprünglichen Knicks zwischen Ober- und Seitenteil der Haube.

Für konservative Kunden wurden bei Benz aber auch bei Nachkriegsmodellen weiterhin Flachkühler angeboten – womit sie ihrer Zeit letztlich voraus waren, denn der Spitzkühler verschwand später zumindest bei den Volumenmodellen.

Eine eigene Spitzkühlervariante zeichnete die Nachkriegsmodelle der Berliner Firma NAG aus. Dort verwandelte man den markentypischen Ovalkühler in einen Spitzkühler, ohne dass der Wiedererkennungswert verlorenging:

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NAG Typ C4 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir den Typ C4 10/30 PS, den NAG bis 1924 als einziges Modell anbot, in einer aufwendigen Spezialversion anlässlich des Besuchs von Reichspräsident Paul von Hindenburg in Leer Ende der 1920er Jahre (Bildbericht).

Noch eigenständiger war der Spitzkühler, den das Nachkriegsmodell C 10/30 PS der ebenfalls in Berlin ansässigen Firma Protos bis 1924 trug.

Formal lebte darin etwas vom gestalterischen Reichtum der Vorkriegszeit fort, ein Unikum in den sonst meist sehr sachlich daherkommenden 1920er Jahren:

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Protos Typ C 10/30PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ornamentale Element auf der Oberseite des Kühlers erinnert an die ausgebreiteten Schwingen des altägyptischen Horus-Falken – tatsächlich war es ein Überbleibsel des Jugendstils, der sich aus vielen Quellen speiste.

Noch beim Nachfolgertyp C1 10/45 PS, der bis 1927 gebaut wurde, stößt man auf das exotisch anmutende Ornament – ein Foto zeigen wir davon gelegentlich.

Bevor wir uns dem Spitzkühlertyp zuwenden, um den es heute eigentlich geht, noch ein weiteres Beispiel für einen Vertreter dieses Trends – ein Stoewer des Typ D3 8/24 PS:

Stoewer_D3_Tourenwagen_Galerie

Stoewer D3 8/24 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Typisch für den Spitzkühler der Stoewer D-Typen war, dass die Vorderkante leicht nach hinten geneigt war, was die Stettiner Wagen etwas dynamischer wirken ließ. Man nimmt dies auf obigem Foto kaum war, was mit dem Aufnahmewinkel zu tun hat.

Dieselbe Idee – jedoch in Verbindung mit einem oben tropfenförmig auslaufenden Kühlerabschluss und bis zu den vorderen Rahmenauslegern reichenden Schutzblechen – findet man bei diesem eindrucksvollen Tourenwagen:

Presto_D-Typ_mit_Dame_Galerie

Presto Typ D 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir nun ein Prachtexemplar des Typs D 9/30 PS des einstigen Herstellers Presto aus Chemnitz vor uns.

Diese großzügigen Qualitätswagen wurden mit nur geringen Änderungen bis 1925 gebaut und waren damals recht verbreitet. Entsprechend viele davon sind in der Presto-Galerie in diesem Blog dokumentiert.

Technisch blieben die Presto-Wagen stets unauffällig – ein konventioneller Vierzylinder mit knapp 2,4 Liter Hubraum und seitengesteuerten Ventilen musste wie im Fall vieler einheimischer Konkurrenten genügen.

Vom Nachfolgetyp E 9/40 PS unterschied sich der D-Typ außer durch die geringere Leistung durch das Fehlen von Vorderradbremsen.

Presto_D-Typ_mit_Dame_Frontpartie

Auch wenn die Kühlerpartie teilweise verdeckt ist, erkennt man die leichte Neigung der Vorderkante. Hier wird auch der Unterschied zu den Kühlern der zeitgleichen Stoewer D-Typen deutlich:

Der Kühlerausschnitt ist annähernd eckig, nicht abgerundet und das Oberteil ist tropfenfömig, fast fühlt man sich an die Schnabelkühler der Vorkriegszeit erinnert – eine wenig ansprechende Lösung, die zeitweilig selbst bei Horch zu finden war.

Für die Identifikation wichtig sind außerdem die sechs kiemenartigen Luftschlitze in der hinteren Haubenhälfte. Bei einigen Presto-Wagen dieses Typs scheinen sie jedoch eher mittig angebracht zu sein – weiß jemand etwas dazu?

Zumindest ahnen kann man die vorn dreieckig, nicht abgerundet auslaufenden Schutzbleche – auch dies ein eigenwilliges Detail, das sich bei manchem deutschen Wagen der Zeit nach dem 1. Weltkrieg findet.

Man sieht: Kein einzelnes dieser grundsätzlichen Elemente war typspezifisch, erst eine bestimmte Kombination und Anordnung erlaubt eine sichere Identifikation.

Nur wenig hilft dagegen in aller Regel die Partie ab der Windschutzscheibe:

Presto_D-Typ_mit_Dame_Seitenpartie

Viel klarer kann die Linienführung eines Tourenwagens der 1920er Jahre kaum sein. Dennoch wirkten diese Aufbauten in der Realität nicht langweilig.

Was auf dem Foto schwer nachzuvollziehen ist, ist die tatsächlich spannungsreiche Gestaltung des Karosseriekörpers oberhalb der Schwellerpartie.

So erreicht der Aufbau seine größte Breite zwischen der ersten und zweiten Tür – dort ist die Seitenlinie annähernd vertikal. Nach hinten wird die Karosserie im unteren Bereich immer schlanker, während die Seitenneigung stark zunimmt. 

Wir raffiniert so etwas aus einem etwas anderen Blickwinkel wirkt, demonstrieren wir bei Gelegenheit anhand eines großartigen Adler-Fotos.

Übrigens findet sich dieselbe Gestaltung der Schwellerpartie mit einem großen Fach und zwei Knebelverschlüssen auf einem anderen Foto eines Presto D-Typs, das wir vor längerem einmal gezeigt haben:

Presto_D-Typ_Ausschnitt

Presto Typ D 9/30 PS

Doch findet sich auch hier ein deutlicher Unterschied – die Kühlermaske ist lackiert und nicht verchromt bzw. vernickelt. Könnte das ein Hinweis auf eine frühe Entstehung sein?

Da diese großzügigen Wagen trotz guten Absatzes in Manufaktur gefertigt wurden, wird es während der mehrjährigen Bauzeit des Typs immer wieder Abweichungen in solchen Details gegeben haben.

Leider scheint es bislang keine genaue Chronologie der Presto-Wagen zu geben, die auf solche Unterschiede eingeht – ein bedauerlicher Zustand wie bei etlichen untergegangenen deutschen Herstellern der Zwischenkriegszeit…

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Hurra, endlich eine Limousine! Presto Typ D 9/30 PS

Was haben die folgenden Namen gemeinsam? AGA, Apollo, Austro-Daimler, Brennabor, Dürkopp, Hansa, Ley, NAG, Phänomen, Protos, Presto, Simson, Steiger, Steyr

Der Konsument durchschnittlicher Klassikermagazine im deutschsprachigen Raum wird damit bestenfalls untergegangene heimische Automobilhersteller verbinden, über die er selten bis nie etwas zu lesen bekommt.

Das ist ein bedauerlicher Befund. Denn nimmt man die heute noch vorhandenen historischen Fotografien von Vorkriegsautos als Maßstab, finden sich dort jede Menge dieser vermeintlichen Raritäten wieder.

So muss man sich nicht besonders anstrengen, um etwa zeitgenössische Aufnahmen von Wagen der Chemnitzer Marke Presto zu finden. Entsprechend gut bestückt ist die Presto-Bildergalerie auf diesem Blog.

Mangel herrschte bislang nur in einer Hinsicht: Die meisten auf alten Fotos dokumentierten Presto-Wagen sind Tourer, also offene Vier- bis Sechssitzer wie dieser hier:

Presto_D-Typ_Tourer_Magdeburg_G_Hess

Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto von Manfred Hess

Dieses interessante Foto – entstanden bei einer Veranstaltung eines Automobilclubs in der Region Magdeburg – verdanken wir Leser Manfred Hess.

Der hier zu sehende Presto des verbreiteten Typs D 9/30 PS aus den frühen 1920er Jahren wurde einst als Taxi eingesetzt.

Da würde man eher eine geschlossene Variante erwarten, doch diese scheint beim Presto Typ D generell die Ausnahme gewesen zu sein.

Offiziell, das heißt: ab Werk, gab es so etwas gar nicht, wenn man der spärlichen Literatur glauben mag, die den Presto D-Typ nur als Tourenwagen kennt.

Doch natürlich konnte sich der Käufer eines Presto Typ D auch eine Karosserie nach Wunsch schneidern lassen, wenn er beim Hersteller das Chassis mit dem 30 PS-Vierzylindermotor und dem markanten Spitzkühler orderte.

Inzwischen sind tatsächlich einige Aufnahmen des D-Typs von Presto aufgetaucht, die geschlossene Aufbauten zeigen:

Presto_2_Galerie

Presto Typ D 9/30 PS  Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben: Viel von dem Wagen sieht man hier nicht – doch ein paar Details können wir festhalten: Spitzkühler, Drahtspeichenräder und vorn spitz auslaufende Kotflügel, ansonsten sechs mutmaßliche „Angehörige“ des Wagens.

Vermutlich am selben Tag und mit Sicherheit am selben Ort, an dem diese Aufnahme entstand, wurde außerdem dieses Foto geschossen:

Presto_1_Galerie

Presto Typ D 9/30 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir auf einmal den Spitzkühler in der für Presto typischen Form ohne „störendes Beiwerk“.

Unter der Vorderstoßstange – einem Zubehörteil – ist auch das Nummernschild zu erkennen, das auf eine Zulassung im Raum Berlin verweist (Kennung: „IA“).

Die markante Kühlerfigur ist leider nicht zu identifizieren, sie wurde aber mit Sicherheit nachträglich angebracht –  ein Presto besaß so etwas serienmäßig nicht.

Bemerkenswert ist außerdem, das an der Vorderachse zwei Reifen mit ganz unterschiedlichem Profil montiert sind. Auch scheint der Reifen in Fahrtrichtung rechts etwas breiter zu sein (vgl. auch die beiden Ersatzreifen).

Die beiden vorderen Herren mit Einstecktuch kennen wir bereits von der ersten Aufnahme. Doch hinter ihnen ist ein weiterer abgelichtet, der der Kleidung nach zu urteilen der Fahrer des Presto gewesen sein dürfte.

Typisch für die Montur eines Chauffeurs war seinerzeit die zweireihige Jacke, die einen gewissen Schutz vor Kälte bot, gerade bei den frühen offenen Wagen. Auch die hohen Schnürstiefel sieht man häufig auf Bildern angestellter Fahrer.

Solche an praktischen Erfordernissen ausgerichtete Details unterschieden den Angestellten, der gegebenfalls bei Wind und Wetter einen Reifen wechseln können musste, von den Besitzern, die im Wageninnern komfortabler untergebracht waren.

Aus heutiger Sicht mag die Position eines Chauffeurs wenig eindrucksvoll erscheinen, doch vor bald 100 Jahren war man damit hierzulande etwas Besonderes.

Denn mit der Befähigung ein Automobil zu steuern, hatte man den allermeisten Zeitgenossen etwas voraus, die in der Landwirtschaft, in Handwerksbetrieben oder in der Industrie weit anstrengenderen Tätigkeiten nachgingen.

Oft gehörte der Chauffeur gewissermaßen zur Familie und wurde natürlich auch mit „seinem“ Auto abgelichtet, so auch im Fall des hier gezeigten Presto:

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Presto Typ D 9/30 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist die dritte Aufnahme, die wir von dem Presto mit dem raren Limousinenaufbau besitzen, nun aber allein mit dem Fahrer.

Hier trägt er übrigens eine andere Jacke, die perfekt auf den Leib geschneidert ist. Zusammen mit Krawatte, Reithosen und Schnürstiefeln ergibt das ein „gentleman-mäßiges Outfit“, das auch einem ostelbischen Gutsbesitzer gut gestanden hätte.

Vielleicht für den ein oder anderen Besitzer von Vorkriegswagen eine Anregung, in punkto Originalität auch an das eigene Erscheinungsbild zu denken – mit kurzen Hosen, bleichem Gebein und Baseballkappe wird man diesen ehrwürdigen Gefährten nun einmal nicht gerecht.

Zurück zum Presto D-Typ  9/30 PS: Kann jemand sagen, wer einst den klassischen Aufbau als 6-Fenster-Limousine gefertigt hat, der formal noch auffallend stark an die Kutschenepoche erinnert?

Speziell der nach vorne geschwungene untere Abschluss der A-Säule ist ein Element, das nicht so recht in die 1920er Jahre passen will. Deutsche Wagen waren nach dem 1. Weltkrieg generell sehr konservativ gehalten, so als ob man den Untergang der alten Welt des Kaiserreichs nicht wahrhaben wollte.

Übrigens sind die Drahtspeichenfelgen auf historischen Fotos des Presto Typ D 9/30 PS nur sehr selten zu sehen. Die meisten Käufer hierzulande scheinen sich für die weniger eleganten, aber robusteren Stahlspeichenräder entschieden zu haben.

Das Fehlen von vorderen Bremstrommeln verweist auf eine Entstehung des Wagens zwischen der Einführung 1921 und dem Jahr 1924. Erst im letzten Produktionsjahr 1925 erhielten diese einige tausendmal gebauten Wagen Vierradbremsen.

Ganz „fertig“ sind wir aber noch nicht mit den schnittigen Presto-Wagen aus  Chemnitz, über die es leider keine spezielle Literatur gibt.

Leser Manfred Hess hat uns nämlich eine weitere Aufnahme eines Presto D-Typs aus Magdeburg zur Verfügung gestellt  – wiederum ein Taxi wie auf der ersten Aufnahme, nun aber mit geschlossenem Aufbau:

Presto_D-Typ_Taxi_Magdeburg_G_Hess

Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto von Manfred Hess

Wenn nicht alles täuscht, haben wir hier eine 8-Fenster-Limousine vor uns, auf jeden Fall ein Wagen mit bemerkenswert großzügiger Karosserie – sicher ein Einzelstück.

Dass es sich einst rentierte, einen solchen Manufakturwagen als Taxi einzusetzen, ist ein Indiz dafür, wie anders Präferenzen und Preisgefüge in der Vorkriegszeit waren.

Übrigens handelt es sich bei dem Buben auf dem Trittbrett um den Vater von Manfred Hess, dem wir diese schöne Aufnahme aus dem Familienalbum verdanken.

Der Abzug hat über die Jahrzehnte etwas gelitten, doch die perfekte Perspektive, die uns ein genaues Studium der Frontpartie erlaubt, macht das allemal wett.

Und wie immer haben alte Automobilfotos mit den einstigen Besitzern darauf ihre ganz eigene Magie…

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Doppelt hält besser: Presto „D-Typ“ Tourenwagen

Oldtimerblogs gibt es jede Menge – vor allem in der englischsprachigen Welt, in der gerade die Automobile der Frühzeit eine größere Wertschätzung genießen als im deutschsprachigen Raum, wo der „Mainstream“ meist der Moderne huldigt.

Da fällt es nicht schwer, einen eigenen Akzent zu setzen, indem man sich auf Vorkriegsautos beschränkt und diese in historischen Originalfotos präsentiert.

Wie anders das Ergebnis dieses Ansatzes ist, davon geben die Bildervorschau und die Schlagwortwolke auf diesem Blog eine Vorstellung:

„Von Adler bis Zetka“ heißt es da und unter den am häufigsten besprochenen Marken finden sich auch Hersteller der zweiten Reihe wie Stoewer und Wanderer.

Heute widmen wir uns hier einem alten Bekannten, von dem man kaum genug bekommen kann. Die Rede ist vom Tourenwagen des Typs D vom Chemnitzer Hersteller Presto, den wir in gleich zwei Exemplaren zeigen:

Presto_D-Typ_Galerie

Presto Typ D 9/30 PS, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn der Wagen von einer 12-köpfigen Gesellschaft belagert wird – man versuche das mal mit einem modernen Auto – hat ein guter Geist (der Fotograf?) dafür gesorgt, dass das Modell klar zu erkennen ist.

Für diejenigen, die mit dem Presto D-Typ noch nichts verbinden, an dieser Stelle im Schnelldurchgang erst einmal alles Wissenswerte:

Dem seit der Jahrhundertwende im PKW-Bau tätigen Hersteller aus Chemnitz gelang nach überschaubarem Erfolg vor dem 1. Weltkrieg mit dem D-Typ ab 1921 ein echter Treffer.

Mit dem 9/30 PS-Modell (2,4 Liter-Vierzylinder) besetzte Presto eine Nische, in der es in der ersten Hälfte der 1920er Jahre am deutschen Markt kaum Konkurrenz gab.

Adler, Brennabor, Dixi und Opel konzentrierten sich seinerzeit auf 24 bzw. 25-PS-Modelle. Der Protos C-Typ mit 10/30 PS war steuerlich ungünstiger.

Der D-Typ von Presto erreichte ein Spitzentempo von 70 km/h, so ziemlich das Maximum, das auf den unbefestigten damaligen Straßen vertretbar war.

Von Anfang an wurde ein Vierganggetriebe verbaut und die Elektrik war auf 12 Volt ausgelegt. Ab 1925 gab es Vierradbremsen, damit ließe sich das Modell auch heute noch auf dem Land entspannt bewegen.

Typisch für den Presto-D-Typ war der leicht schrägstehende Spitzkühler mit ausgeprägter umlaufender Sicke und schräg aufgesetztem Markenemblem:

Presto_D-Typ_Ausschnitt1

Die sechs Luftschlitze in der hinteren Hälfte der Motorhaube sind ein weiteres Erkennungsmerkmal des Presto D-Typs – zumindest in den ersten Jahren.

Man beachte an dieser Stelle auch die schlichte Ausführung der Nabenkappe und die im Bedarfsfall demontierbaren Felgen. Diese Details sollten sich während der Produktionsdauer ändern, wie wir noch sehen werden.

Vorher würdigen wir aber noch die Gesellschaft, die einst mit diesem Presto abgelichtet wurde. Wer meint, dass die damalige Mode unsere Vorfahren zu einem uniformen Erscheinungsbild zwang, wird hier eines Besseren belehrt:

Presto_D-Typ_Ausschnitt2

Das sind auch ohne bizarre Tätowierungen auf bleichem Gebein Individuen von Kopf bis Fuß. Wer Anregungen für den Auftritt beim nächsten Vorkriegsautotreffen sucht, wird hier fündig.

Möglicherweise sprach ein Presto mit seiner unverwechselbaren Optik einst eine Käuferschicht an, die auf ein individuelles Erscheinungsbild Wert legte.

Wie auch immer – bis Mitte der 1920er Jahre stieß der Presto D-Typ auf genügend Interesse. Dabei fand äußerlich eine gewisse Modellpflege statt.

Nachvollziehen ist das auf folgender Aufnahme eines späten Presto D-Typs:

Presto_D-Typ_spät_Galerie

Presto Typ D 9/30 PS, Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick hat dieser Tourenwagen wenig gemeinsam mit dem zuvor gezeigten Fahrzeug.

Das wäre ein schwerer Fall wie viele andere noch nicht identifizierte Fahrzeuge auf Fotos aus der Sammlung des Verfassers. Doch hier hilft uns das gute alte Oldtimer-Buch weiter.

So ist in Werner Oswald Standardwerk „Deutsche Autos – 1920-1945“ auf Seite 338 ein ganz ähnlicher Presto von 1924 abgebildet.

Der Wagen trägt denselben markanten Kühler wie die frühen Exemplare, weist aber eine lange Reihe hoher Luftschlitze in der Motorhaube auf –  ganz wie das Auto auf unserem Foto.

Des Weiteren läuft das Vorderschutzblech schnurgerade auf das Trittbrett zu, die Nabenkappe ist nun verchromt und umfasst sechs Radmuttern:

Presto_D-Typ_spät_Ausschnitt1

Dieses Fahrzeug hatte nicht nur Bremsen an den Vorderrädern, sondern war auch darauf ausgelegt, dass bei einer Reifenpanne das ganze Rad – und nicht nur die Felge mitsamt Reifen – ausgetauscht wurde.

Diese Details lassen vermuten, dass wir es hier mit einem der letzten Wagen des D-Typs von Presto zu tun haben. Bis 1925 entstanden nicht ganz 10.000 Exemplare.

Auf ein Kuriosum sei an dieser Stelle hingewiesen:

Das junge Paar, das sich mit seinem Presto-Tourenwagen des Typs D hat ablichten lassen, ist hier doppelt sichtbar, wie man der veränderten Beinstellung sieht.

Presto_D-Typ_spät_Ausschnitt2

Vielleicht hat es sich mit Selbstauslöser bei langer Belichtungszeit fotografiert und während der Blendenöffnung seinen Standpunkt leicht geändert.

Oder es kam zu einer Doppelbelichtung, da der Film vor der zweiten Aufnahme nicht weitertransportiert wurde.

„Doppelt hält besser“ scheint jedenfalls die Devise gewesen zu sein und diesem Motto folgend haben wir hier gleich zwei Presto D-Typen präsentieren können. Da Fotos dieser schnittigen Wagen nicht besonders selten sind, kann man sich diesen verschwenderischen Umgang mit dem Archivmaterial leisten.

Wirklich seltene Sachen zeigen wir hier in der Rubrik Fund des Monats. In letzter Zeit hat sich dafür genug interessantes Material eingefunden, für das es teilweise keine Entsprechung in der Literatur gibt.

Also am besten öfters mal vorbeischauen, liebe Vorkriegsfreunde. Und bitte auch an Gleichgesinnte denken, für die das Netz sonst keine solche Anlaufstelle bietet…

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Veteranentreffen der Nachkriegszeit: Presto 8/22 PS

Dieser Oldtimerblog ist den Vorkriegsautomobilen gewidmet – dabei gilt den vernachlässigten deutschen Marken der zweiten Reihe besondere Aufmerksamkeit.

Doch werden hier auch gern Ausflüge in die Nachkriegszeit unternommen, nämlich dann, wenn sich Originalfotos überlebender Veteranen finden.

Heute haben wir wieder so einen Fall – mit dem besonderen Charme, dass wir in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurückreisen, als es irgendwo in Bayern zu diesem reizvollen Veteranentreffen kam:

Presto_8-22_und_8-25_PS_Benz_und_unbek_Galerie

Vorkriegs-Tourenwagen um 1920; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Wann und wo genau diese außergewöhnliche Aufnahme entstand, wissen wir nicht. Die Kennzeichen mit den Kürzeln „II A“ für München, „II B“ für Oberbayern und „II C“ für Niederbayern erlauben aber zumindest eine regionale Eingrenzung.

Bei allen vier Wagen handelt es sich um Typen, die kurz vor dem 1. Weltkrieg auf den Markt kamen. Sie alle tragen noch gasbetriebene Hauptscheinwerfer.

Mindestens einer davon wurde aber auch nach dem Krieg gebaut und dieses Modell haben wir vor einiger Zeit bereits anhand eines anderen Fotos vorgestellt. Auf folgendem Bildausschnitt sehen wir ihn rechts stehen:

Presto_8-22_und 8-25_PS_Vor- und_Nachkrieg_Galerie

Auch ohne Vergrößerung lässt sich der Name des Herstellers auf der Kühlermaske lesen: „Presto„, die für ihre Fahr- und Motorräder bekannte Marke aus Chemnitz.

Der Wagentyp ist anhand der typischen Kühlerform als Typ P 8 8/25 PS zu identifizieren. Das größere Modell P 10 10/35 PS unterscheidet sich in formalen Details wie etwa der Form der Vorderschutzbleche.

Da wir den Presto P8 8/25 PS bereits anhand eines schönen Fotos der Nachkriegszeit (Bildbericht) besprochen haben, wenden wir uns nun seinem Nachbarn zu.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es sich um ein Fahrzeug eines anderen Herstellers handelt. Das ist aber nicht der Fall. Tatsächlich haben wir es hier mit dem direkten Vorgänger zu tun, dem Presto Typ 8/22 PS:

Presto_8-22_PS_1910-12

Bei gleichen Proportionen und ähnlicher Formgebung unterscheidet sich dieses Auto vor allem in der Kühlerpartie vom Nachfolger.

Hier wurde noch das alte Markenemblem montiert, auf dem oben „Prestowerke AG“ und unten „Chemnitz i. Sa.“ steht. Des weiteren ist der Ausschnitt des Kühlers oben waagerecht und nicht bogenförmig wie beim Presto P8 8/25 PS.

Die Schutzbleche sind einfacher gehalten und weisen eine der Stabilisierung dienende Sicke auf. Auf eine frühe Entstehung verweist zudem der noch nicht so harmonisch die Motorhaube fortsetzende Windlauf vor der Frontscheibe.

Dieses Fahrzeug war der erste serienmäßig gebaute Presto-Wagen überhaupt, der von 1910 bis 1912 in kleinen Stückzahlen auf den Markt kam.

Er verfügte über einen 2,3 Liter großen Vierzylinder-Motor, dessen Nockenwelle über Stirnräder angetrieben wurde. Eine Besonderheit war die äußere Lagerung der Kurbelwelle in Kugellagern.

Interessanterweise wird in der äußerst spärlichen Literatur zu Presto für das Modell 8/22 PS eine Höchstleistung von 28 PS angegeben.

Entweder hat hier Halwart Schrader in seinem Standardwerk „Deutsche Autos 1885-1920“ einen Fehler von Altmeister Hans-Heinrich von Fersen („Autos in Deutschland 1885-1920“) übernommen, oder es gibt eine andere Erklärung.

Der als Nachfolger von 1913-1919 gebaute Presto P8 8/25 PS besaß jedenfalls einen kleineren Motor (2,1 Liter Hubraum), der sich auch konstruktiv unterschied. So wurde die Nockenwelle nunmehr über eine Kette angetrieben und die Kurbelwelle komplett in Gleitlagern geführt.

Das Vorgängermodell neben dem Nachfolger zu sehen, das allein ist schon ein Glücksfall. Es kommt aber noch besser: Ein Originalfoto dieses Typs ist dem Verfasser bislang noch nirgends begegnet.

Tatsächlich können wir nur anhand des stilistischen Vergleichs und weniger Informationen aus der Literatur auf das Modell schließen. Möglicherweise ist dies das erste in der jüngeren Zeit publizierte Bild eines Presto 8/22 PS überhaupt. 

Kenner der einstigen Chemnitzer Marke sind daher aufgerufen, mögliche ergänzende oder auch korrigierende Informationen beizutragen.

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In Krieg und Frieden: Presto Typ P8 8/25 PS

Wenn man sich schwerpunktmäßig mit deutschen Autos aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befasst – und das auch noch anhand zeitgenössischer Originalfotos –  kommt man an deren militärischem Einsatz nicht vorbei.

Von der Jahrhundertwende bis 1945 herrschte in Europa über ein Viertel der Zeit Krieg. Dabei sind nicht nur die beiden Weltkriege eingerechnet, sondern auch die Einsätze deutscher Freikorps von 1918 bis 1921 bei gewalttätigen Auseinandersetzungen im Baltikum und in Schlesien.

In diesen Zeiten musste sich das Automobil, das hierzulande zuvor vielfach noch als Spielzeug Reicher angesehen worden war, erstmals im Alltag bewähren – oft unter Bedingungen, für die es kaum ausgelegt war.

Aus automobilhistorischer Sicht ist der Einsatz von Autos im 1. Weltkrieg besonders interessant. Fotos dieser noch raren Vehikel besaßen großen Aufmerksamkeitswert und fanden entsprechende Verbreitung in Zeitungen und Magazinen:

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Abbildung aus einer Zeitschrift (1914-18) aus Sammlung Michael Schlenger

Während originale Autofotos aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg eine Rarität darstellen, ist das Angebot von Bildern aus dem Militäreinsatz um ein Vielfaches größer.

Dazu trug auch bei, dass die etablierten Hersteller nach Kriegsausbruch 1914 zivile Modelle in großer Zahl für militärische Zwecke weiterbauten.

So begegnen einem auf vielen Kriegsfotos jener Zeit Wagen von Benz, Horch, NSU und Stoewer, die als Stabsfahrzeuge eingesetzt wurden.

Daneben waren leichte und wendige Typen wie der Adler KL-Typ oder der Wanderer 5/12 PS als Aufklärungs- und Verbindungswagen verbreitet.

Auch zuvor noch nicht etablierte Marken wie Presto aus Chemnitz lieferten in steigendem Umfang Personenwagen an das Militär:

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Presto Typ P8 8/25 PS, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von Presto haben wir hier bisher nur den häufig gebauten Nachkriegstyp D 9/30 PS in einigen Exemplaren vorgestellt. Nun können wir erstmals ein Modell aus der Zeit vor Ausbruch des 1. Weltkriegs studieren.

Presto hatte – wie zahlreiche Hersteller – mit der Produktion von Fahrrädern begonnen. Über die Fertigung von Motorrädern kam man dann ab 1907 zum Automobilbau.

Kurzzeitig produzierte man in Lizenz einen Wagen der französischen Firma Delahaye, versuchte sich aber schon ab 1908 an eigenen Konstruktionen. Eine Serienfertigung lief bei Presto aber erst 1910 an.

Der Wagen auf unserem Foto ist ein Modell der 2. Generation, der Typ P8 8/25 PS, der ab 1913 produziert wurde. Dass unser Wagen ein Presto ist, verrät der folgende Bildausschnitt:

Presto_P8_8-25PS_Wk1_Frontpartie

Auf dem Kühleremblem kann man den in weiß gehaltenen, leicht geschwungenen „PRESTO“-Schriftzug ahnen. Dazu passt der oben ovale, unten abgeflachte Kühlerausschnitt.

Markant ist auch die scharfe Abwärtsbiegung der Rahmenausleger. Alle diese Details finden sich auf einer Aufnahme eines Presto Typ P 8/25 PS in Halwarts Schraders Standardwerk „Deutsche Autos 1885-1920“ (1. Auflage, 2002) auf Seite 317 wieder.

Dort lassen sich auch dieselben Scheinwerferhalterungen erkennen, wenn auch die Form der Lampen abweicht. Dies will aber nichts bedeuten, da die Scheinwerferausstattung damals stark variierte.

Zur Technik des Presto Typ P8 8/25 PS: Der Vierzylindermotor mit 2,1 Liter Hubraum erreichte seine Höchstleistung schon bei 2.000 U/min. Er war mit einem noch unsynchronisierten 4-Gang-Getriebe verbunden.

Gebremst wurde über eine Kombination aus Getriebe- und Hinterradbremse. Vorne gebremste Räder kamen erst nach dem 1. Weltkrieg allmählich auf.

Die beiden Herren, die mit diesem bis zu 75 km/h schnellen Tourenwagen unterwegs waren, gehörten ausweislich des Wappens auf der Seitentür zur königlich-bayrischen Armee:

Presto_P8_8-25PS_Wk1_Seitenpartie

Sonst wissen wir nichts über die beiden Männer, die uns über einen Abstand von über 100 Jahren ins Auge schauen.

Möglich, dass der Schnauzbartträger mit der hohen Schirmmütze ein Offizier war. Der junge Fahrer neben ihm war wohl ein einfacher Wehrpflichtiger.

In seiner Funktion hatte er immerhin deutlich bessere Überlebenschancen als die meisten übrigen Männer seiner Generation.

Die Erinnerung an den 1. Weltkrieg ist hierzulande längst verblasst – doch auf den oft gestochen scharfen Fotos aus jener Zeit sind zumindest Momente daraus fixiert.

Diese alten Aufnahmen transportieren einen förmlich in die Vergangenheit zurück – so wie noch existierende Autos von damals ebenfalls eindrucksvolle Zeitzeugen sind.

Genug von Krieg und Verderben, kommen wir nun zum friedlichen Fortleben des Presto P8 8/25 PS nach der Katastrophe des 1. Weltkriegs:

Presto_P8_8-25_PS_um_1920_Galerie

Presto P8 8/25 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto kommt einer perfekten Inszenierung sehr nahe:

Vor einer majestätischen Berglandschaft, die sich in einem ruhig daliegenden See spiegelt, steht ideal platziert ein Presto 8/25 PS Tourenwagen mitsamt gutgelaunter und lässig posierender Besatzung.

Man fragt sich, ob das nur ein Schnappschuss eines Fotografen mit einem guten Auge und Instinkt für den richtigen Moment war.

Alle Beteiligten scheinen miteinander im Dialog zu stehen, keiner blickt in die Kamera und sie sind überdies harmonisch an und im Wagen verteilt – das macht es schwer, an einen bloßen Zufall zu glauben.

Presto_P8_8-25_PS_um_1920_Ausschnitt

Auf diesem Ausschnitt erkennt man auch klarer das Presto-Emblem und die typische Kühlerform. Die nach unten abknickenden Rahmenausleger sind ebenfalls zu sehen.

Tatsächlich wurde der Presto P8 8/25 PS nach dem 1. Weltkrieg noch bis 1919 kaum verändert weitergebaut. Er erhielt auch keinen modischen Spitzkühler, wie das bei Vorkriegsmodellen anderer deutscher Hersteller oft der Fall war.

So lässt sich nicht genau sagen, ob dieser Presto vor oder erst kurz nach dem 1. Weltkrieg entstand. Letzlich ist das auch unwichtig.

Stattdessen erfreuen wir uns noch einmal an dem herrlichen Panorama, das sich dem Fotografen unseres Bildes irgendwann Anfang der 1920er Jahre bot:

Presto_P8_8-25_PS_um_1920_Panorama

Hier wehen uns die Schönheit und das Leben einer untergegangenen Welt an wie auf einem alten Gemälde…

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Studentenbewegung in den 20er Jahren: Presto D-Typ

Zu den relativ häufigen „Gästen“ auf diesem Oldtimerblog gehören die schnittigen Tourenwagen mit Spitzkühler, die eine Spezialität von Herstellern aus dem deutschsprachigen Raum von etwa 1912 bis Mitte der 1920er Jahre waren.

Renommierte Hersteller wie Adler, Dürkopp und Opel, NAG, Steyr und Stoewer bauten mit Erfolg solche oft sechssitzigen „Schiffe“, deren Optik an Schnellboote der Vorkriegszeit erinnert.

Hier ein Vertreter von Adler aus der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg (Bericht):

Adler_Spitzkühler_Tourenwagen_Anfang_1920er_Galerie

Adler Spitzkühler-Modell um 1920; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Motorisierung solcher Tourenwagen war moderat – mehr als 40-50 PS aus vier Zylindern wurden kaum geboten – meist waren es 25 bis 30 Pferdestärken. Doch ein Tourenwagen war auch nicht zum schnellen Fahren gedacht.

Man wusste ja, dass es bei einem offenen Wagen hinter der Frontscheibe zu Luftverwirbelungen kommt. Die früheste dem Verfasser bekannte Abbildung des ungünstigen Strömungsverlaufs bei Tourenwagen stammt aus einem Buch von 1919.

Für die Passagiere im Heck war daher ein Tempo von rund 70 km/h bereits „das höchste der Gefühle“, wichtiger war eine elastische Motorcharakteristik, die wenig Schaltaufwand mit sich brachte und auch Steigungen gewachsen war.

Deutsche Hersteller hielten recht lang am Konzept des Tourenwagens fest, während sich in den Nachbarländern geschlossene Aufbauten durchsetzten.

Das mag mit den beschränkten finanziellen Möglichkeiten hierzulande nach dem 1. Weltkrieg zu tun haben – Tourenwagen war nun einmal die preisgünstigste Ausführung bei praktisch allen Herstellern.

Dabei ist „preisgünstig“ relativ zu sehen – ein Automobil konnten sich in Deutschland überhaupt nur Betuchtere leisten. Das trifft auch auf die unternehmungslustigen jungen Herren auf der folgenden Aufnahme zu:

Presto_D-Typ_Studenten_2_Galerie.jpg

Presto D-Typ 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man liegt wohl nicht verkehrt, wenn man hier Studenten auf einem Ausflug mit einem geliehenen Wagen erkennt.

Leider ist die Frontpartie auf dem Abzug recht unscharf abgebildet, sodass hier eine eindeutige Identifikation schwerfällt. Auf der Spitze der Kühlermaske scheint sich jedoch eine schräg nach oben zeigende Plakette abzuzeichnen.

Das würde für einen der Presto-Tourenwagen der Typen D 9/30 PS oder E 9/40 PS sprechen, die der Chemnitzer Hersteller zwischen 1921 und 1927 ohne große äußerliche Änderungen fertigte.

Nicht ganz ausschließen möchte man jedoch zeitgenössische Wagen von Audi und Horch, die nach dem 1. Weltkrieg für kurze Zeit ähnliche Kühler besaßen.

Zum Glück haben wir aber ein weiteres, technisch besseres Foto desselben Wagens, das wohl am gleichen Tag entstand:

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Presto D-Typ 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar sitzt nun ein anderer Bursche am Steuer, doch finden sich alle Insassen des ersten Fotos wieder. Sie scheinen mit dieser traditionellen Form der Studentenbewegung durchaus zufrieden zu sein…

Auch wenn die Kühlerpartie nicht schärfer ist, sehen wir genug, um die Ansprache als Presto zu rechtfertigen. Die sechs Luftschlitze in der Haube sind typisch für die Tourenwagen der Marke.

Dass wir es nicht mit dem späten – und raren – Presto E-Typ zu tun haben, verrät das Fehlen von Vorderradbremsen. Mit 4-Gang-Getriebe und 12-Volt-Elektrik war der Presto D-Typ aber damals durchaus ein erwachsener Wagen.

Weder Adler noch Opel hatten in dieser PS-Klasse damals etwas Vergleichbares zu bieten. Lediglich NAG war mit dem Typ C4 in derselben Liga vertreten. Kein Wunder, dass wir die Tourenwagen von Presto und NAG recht oft auf alten Fotos finden – wobei auch das relativ ist.

Mangels aktueller Literatur zu den Presto-Wagen – eigentlich eine Schande, dass es hierzu bislang kein Standardwerk gibt – müssen wir davon ausgehen, dass von den Presto-Tourenwagen der 1920er Jahre weniger als 10.000 Stück gebaut wurden.

So vermutete jedenfalls Werner Oswald in seinem 2001 herausgegebenen Standardwerk „Deutsche Autos 1920-45“. Vielleicht wird es ja eines schöne Tages dazu mehr Gewissheit in Form eines Buchs speziell zur Marke Presto geben…

Kein Cabriowetter? Denkste! Unterwegs im Presto Tourer

Wir haben Mitte Dezember und die einzigen Vorkriegsautos, die man jetzt noch zu Gesicht bekommt, sind solche auf alten Fotos, wie sie dieser Oldtimerblog zeigt. Immerhin: Noch vor vier Wochen brauste ein offener Morgan durch den Wohnort des Verfasser, am Steuer ein zufrieden dreinschauender junger Besitzer – well done!

Vor 90 Jahren, als man noch nicht wusste, dass man Vorkriegsautos fuhr, war auch der Begriff des Cabriowetters unbekannt. Ein offener Wagen war damals kein Spielzeug für Wochenendausflüge bei Sonnenschein, sondern der Normalfall.

Für’s Offenfahren entschied man sich meist deshalb, weil die geschlossenen Varianten weit teurer und auch schwerer waren. Zudem war das Autofahren hierzulande auch noch eine Sensation – da wollte man sehen und gesehen werden.

Deshalb sind Bilder aus der kalten Jahreszeit wie das folgende keine Seltenheit:

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© Presto D-Typ Tourenwagen, aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben: die Insassen dieses klassischen Tourenwagens machen den Eindruck, als wollten sie schnell wieder nach Hause. Offenbar pfiff der Wind mächtig über die Chaussee und für kalte Temperaturen war man nicht gewappnet.

Auch der Fotograf muss klamme Finger gehabt haben, denn viel Sorgfalt hat er nicht auf die Aufnahme verwendet: Bildaufbau, nun ja – Schärfentiefe unzureichend – und das Ganze auch noch verwackelt. Wenigstens die Belichtung passt einigermaßen.

Das bekommen allerdings heutzutage auch noch Leute hin, die meinen, ein 0815-Telefon ersetze eine anständige Kamera. Daher wollen wir gnädig sein und wenden uns der Frage zu, was das für ein Wagen ist.

Auch wenn man nicht allzuviel erkennt, ist die Sache klar: Das ist ein Presto D-Typ, das Erfolgsmodell des Chemnitzer Herstellers, der seit 1901 Autos baute. Die Frontpartie ist charakteristisch für den 30 PS leistenden 2,4 Liter Vierzylinder.

Dass es nicht der sehr ähnliche, ab 1925 gebaute Nachfolgetyp E mit 40 PS ist, verrät das Fehlen von Vorderradbremsen. Wer hinsichtlich der Identifikation skeptisch ist, sei auf einen älteren Blogeintrag verwiesen oder auf dieses Foto:

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© Presto D-Typ Tourenwagen, aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir einen Presto D-Typ in wünschenswerter Qualität, übrigens auf einer Ausschnittsvergrößerung aus einem viermal so großen Foto mit weiteren Wagen.

Die Kombination aus Spitzkühler mit frontal angebrachtem Markenemblem, bis zu den Vorderenden der Rahmenausleger reichenden Schutzblechen und sechs nach hinten versetzten Luftschlitzen in der Motorhaube sind typisch für das Modell.

Warum der Kühler hier nicht verchromt bzw. vernickelt ist, muss offen bleiben. Möglicherweise war die glänzende Galvanisierung ein aufpreispflichtiges Extra.

Die sechs Herren scheinen dennoch mit dem Gefährt nicht unglücklich gewesen zu sein – abgesehen vom Beifahrer ab, der vielleicht Zahnschmerzen hatte…