Fahrfreude vor über 100 Jahren: Adler K 7/17 PS 2-Sitzer

Dieser Oldtimerblog ist keiner speziellen Marke gewidmet so wie auch die historischen Fahrzeuge des Verfassers von einem halben Dutzend Hersteller stammen. Monotone Aufreihungen der immer gleichen Typen wirken fad, selbst wenn es Jaguar E-Types auf dem Besucherparkplatz des Goodwood-Revivals sind:

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© Jaguar E-Types beim Goodwood Revival Meeting 2016; Bildrechte: Michael Schlenger

Die Idee hinter diesem Blog ist eine andere: Hier soll die vielfältige und spannende Welt der Vorkriegsautos anhand historischer Fotografien präsentiert werden.

Das bedeutet, dass hier die Marken und Modelle aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in dem Verhältnis auftauchen, in dem sie einst im deutschsprachigen Raum anzutreffen waren und in zeitgenössischen Aufnahmen festgehalten wurden.

So findet auf diesem Blog eine der einst bedeutendsten deutschen Marken eine angemessene Würdigung: Adler aus Frankfurt am Main. Dabei sind nicht nur relativ bekannte Modelle der 1920/30er Jahren anzutreffen wie der Standard 6 oder der Trumpf.

Zu bestaunen gibt es hier auch Fotoraritäten, die Adler-Modelle aus der Zeit kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg zeigen. Die einschlägige Literatur liefert zu wenige aussagefähige Bilder, um die Frühzeit der Marke angemessen zu dokumentieren.

In der Adler-Fotogalerie auf diesem Blog sind etliche frühe Typen vertreten, die bislang kaum oder gar nicht in der Literatur abgebildet waren. Heute kommt ein weiteres Modell dazu, wieder in Form einer außergewöhnlichen Originalaufnahme:

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© Adler Typ K 7 PS, 1910-13; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Abzug hat in den letzten 100 Jahren ein wenig gelitten, doch mit einigen Retuschen ließ sich die hervorragende ursprüngliche Qualität näherungsweise wieder herstellen. Die damaligen großformatigen Plattenkameras oder auch Mittelformatkameras lieferten prinzipiell sehr gute Ergebnisse, wenn Blende und Belichtung richtig gewählt wurden.

Dass wir es mit einem Adler aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg zu tun haben, verrät dem Kenner die typische Gestaltung der Frontpartie:

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Vor allem die Proportionen der Kühlermaske und die Ausführung des Kühlwasserstutzens sind typisch für frühe Adler. Die sanft abfallende Motorhaube in Kombination mit den waagerecht verlaufenden Zierlinien um die seitlichen Luftschlitze herum sprechen für eine Entstehung ab etwa 1910.

Ab Mitte 1913 zeigen Reklameabbildungen von Adler dagegen horizontal verlaufende Motorhauben. Hier ein Beispiel aus der Kunstzeitschrift „Die Jugend“, die übrigens namengebend für den Jugendstil war:

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© Adler-Reklame aus „Die Jugend“, Nr. 38/1913 aus Sammlung Michael Schlenger

Wer den rechts abgebildeten Zweisitzer betrachtet, wird dennoch gewisse Ähnlichkeiten mit dem Wagen auf unserem Foto erkennen.

Es scheint sich in der Anzeige um den weiterentwickelten Typ KL zu handeln, bei dem die Proportionen erhalten blieben, speziell die lange Partie zwischen Motorhaube und Schottwand, außerdem das kurze Heck mit überhängendem Verdeck.

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„Unser“ Adler wirkt demgegenüber zwar etwas antiquierter, doch die formale Idee eines kompakten Zweisitzers ist ähnlich.

Tatsächlich bot Adler ab 1910 mit dem K-Modell genau so einen Wagen an, der einen für damalige Verhältnisse kleinen Motor besaß, wie er in obiger Anzeige beworben wurde.

Für einen Typ K 7/17 PS mit 1,8 Liter Hubraum spricht die Zahl der Luftschlitze (13) in der Motorhaube, da der Typ K 5/11 PS mit 1,3 Liter Hubraum nur 11 aufweist – so die Aussage von Adler-Veteranenkenner Thorsten Flick.

Jedenfalls war schon damals bei Adler neben den üblichen Hubraumkolosssen (bis zu 6,5 Liter) „Downsizing“ angesagt. Die K-Modelle erwiesen sich als ausgesprochen langlebig und sie werden uns hier noch in weiteren Variationen begegnen.

Den beiden Insassen muss der Adler K-Typ trotz seiner nominell bescheidenen Leistung Freude gemacht haben, wie ihr glücklicher Gesichtsausdruck beweist:

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Dem Erscheinungsbild nach würde man die beiden glattrasierten jungen Männer eher in die Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg einsortieren. Doch auch vor 1914 trug nicht jeder Mann im Deutschen Reich einen Schnauzer nach Vorbild von Kaiser Wilhelm.

Jedenfalls hat man den Eindruck, dass die beiden Insassen im Adler einen Heidenspaß in dem Wagen haben – vermutlich ist es ihr erstes Auto überhaupt…

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