Rundum ansehnlich: Adler „Favorit“ als 3D-Puzzle

Heute befassen wir uns auf diesem Vorkriegs-Oldtimerblog mit einem „alten Bekannten“ – dem Adler Favorit.

Das hat nichts mit einem Mangel an „neuen“ Fotos zu tun. Tatsächlich hat der Fundus des Verfassers an historischen Originalaufnahmen trotz fast täglicher Veröffentlichungen eine stabile bis wachsende Reichweite…

Es finden sich aber immer wieder reizvolle Aufnahmen von bereits präsentierten Fahrzeugen, die einen neuen Blogeintrag rechtfertigen – siehe das gestrige DKW-Potpourri.

Adler Favorit – wie war der noch einmal einzuordnen? Hier das Wichtigste: Die international angesehene Frankfurter Marke sah sich ab Mitte der 1920er Jahre einer wachsenden Konkurrenz amerikanischer Importwagen gegenüber.

Gegen die gut motorisierten, zuverlässigen, in Großserie gebauten US-Autos war kaum ein Kraut (haha) gewachsen – auch weil sie eine modernere Linienführung aufwiesen als die noch der Vorkriegsmode huldigenden deutschen Wagen.

Das Naheliegendste war, einfach Stil und Bauweise der amerikanischen Herstellern zu kopieren. Den Anfang machte Adler 1927 mit dem Sechszylindertyp „Standard 6“, gefolgt 1928 vom „Favorit“ mit Vierzylinder.

Hier eine sehr seltene Aufnahme, die beide Modelle zeigt:

Adler_Standard_6_und_Favorit_Galerie

Adler „Standard 6“ und Adler „Favorit“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Adler-Wagen trafen den Nerv der Zeit. Sie imitierten den amerikanischen Stil perfekt und waren mit hydraulischen Bremsen sowie Ganzstahlkarosserie auch technisch auf der Höhe der Zeit.

Der Adler Standard 6 wirkt auf dem Foto weit größer als der Favorit dahinter. In der sechssitzigen Version war der „Standard 6“ immerhin 20 cm länger und 4 cm breiter, laut Literatur aber niedriger – letzteres scheint nicht zu stimmen.

Prinzipiell trugen beide denselben Aufbau, der von Ambi-Budd in Berlin geliefert wurde. Die unterschiedlichen Kühlerpartien weichen baujahrbedingt voneinander ab.

Eindeutig unterscheiden lässt sich der Standard 6 vom Favorit durch die in einer Raute eingefasste „6“ an der Mittelstrebe zwischen den Scheinwerfern. Beim Vierzylindermodell wäre ein entsprechender Hinweis etwas albern.

Zudem sind die sieben Radbolzen stets ein Indiz für einen großen Adler – neben dem „Standard 6“ gab es auch ein 8-Zylinder-Modell – beim Favorit mit 4-Zylindermotor mussten jedenfalls fünf Radbolzen genügen.

Im Folgenden beschränken wir uns auf den Adler „Favorit“, dessen 1,9 Liter-Motor 35 PS leistete. Klingt nicht sonderlich eindrucksvoll, aber in dieser Hubraumklasse wurde hierzulande sonst nicht viel angeboten.

Beginnen wir unser 3D-Puzzle des Adler Favorit mit einem Foto von 1932:

Adler_Favorit_08-1932_Ausschnitt

Adler „Favorit“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Erhaltung des Abzugs ist mäßig – das wird aber durch die gekonnte Perspektive wettgemacht. Sehr eindrucksvoll wirkt er hier für sich betrachtet, der Adler Favorit – die schemenhaft erkennbaren fünf Radbolzen verraten den Typ.

Man präge sich übrigens das Erscheinungsbild der Scheibenfelge mit der zylindrischen Nabenkappe ein – es gab sie so wohl nur bis 1930. Dasselbe gilt für das ins Kühlernetz hineinragende dreieckige Adler-Emblem. 

Wenden wir uns der Seitenpartie zu:

Adler_Favorit_Ostern_1932_Galerie

Adler „Favorit“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto (wiederum aus dem Jahr 1932) lässt keine Wünsche offen – kontrastreich und mit präzise dosierter Schärfentiefe. Außerdem bekommen wir den Wagentyp auf dem Reserverad gleich mitgeliefert – ein schönes Detail.

Hier sieht man auch die Scheibenräder mit den fünf Radbolzen und der Nabenkappe besser. Ebenso zu beachten sind die in zwei Gruppen angeordneten waagerechten Luftschlitze in der Motorhaube. Auch sie fanden sich nur bis 1930.

Mit der nächsten Aufnahme unternehmen wir nun einen Zeitsprung:

Adler_Favorit_1932_1_Galerie

Adler „Favorit“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick könnte das alles Mögliche sein. Wer ganz genau hinsieht, kann oberhalb des Kühlers die Silhouette eines stilisierten Adlers erkennen, wie ihn die Adler-Modelle um 1930 trugen.

Auch sehen wir hier wieder fünf Radbolzen, doch der schlichte Nabendeckel ist um eine Chromradkappe ergänzt worden. Außerdem sind die horizontalen Luftschlitze in der Haube einem aufgenieteten Blech mit vertikalen Schlitzen gewichen.

Diese Details weisen auf einen Adler „Favorit“ hin, wie er ab Jahreswechsel 1930/31 gebaut wurde.

Technisch war alles beim alten geblieben, doch ein PS mehr hatte man aus dem Motor bei gleichem Hubraum gequetscht. Damit waren nun 80 km/h Spitze drin.

Kurioserweise ist auch dieses dritte Foto auf das Jahr 1932 datiert. Hier haben wir noch eine weitere Aufnahme desselben Wagens:

Adler_Favorit_1932_2_Galerie

Adler „Favorit“ aus Sammlung Michael Schlenger

Die vier schmucken Herren mit (sicherlich alkoholfreiem) Bier haben sich so platziert, dass man zumindest die erwähnte Radkappe genau studieren kann.

Man sieht hier ein Zwischenstadium auf dem Weg zu einer auch die Radbolzen verdeckenden Radkappe – eine weitere Anleihe bei US-Vorbildern.

Leider ist von den beiden weiblichen Insassen nicht viel zu erkennen – offenbar hat es sich ein Mädchen am Lenkrad bequem gemacht. Übrigens: Der Adler „Favorit“ war in der geschlossenen Ausführung stets ein Sechssitzer.

Nun folgt das seltenste Puzzlestück bei unserem Rundgang um den Adler Favorit, eine Aufnahme der Heckpartie:

Adler_Favorit_bis_1930_Ostern_1932_Galerie

Adler „Favorit“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So kurios es klingt: Auch dieses ungewöhnliche Foto entstand 1932, zeigt aber wiederum ein anderes Exemplar eines Adler „Favorit“.

Der aufmerksame Leser wird an den schlichteren Rädern und den waagerechten Haubenschlitzen erkennen, dass dieses Auto noch aus der ersten Serie stammen muss, die von 1928-30 gebaut wurde.

Auf eine frühe Entstehung, wohl noch vor 1930, weist die weit unterhalb der Gürtellinie verlaufende zweite Zierleiste hin, die am Heck elegant dem Aufwärtsschwung der oberen Leiste folgt.

Nur sehr selten zu sehen sind auf historischen Aufnahmen vom Adler „Favorit“ am Heck montierte Reserveräder. Meist waren sie auf den Trittbrettern neben der Haube angebracht oder man verzichtete ganz darauf.

Der junge Mann, der hier etwas verkrampft in die Kamera schaut, hat uns den Gefallen getan, die ersten beiden Buchstaben des Markennamens auf dem Ersatzrad freizulassen. Als exklusiv darf auch die Gelegenheit betrachtet werden, einmal ein originales Auspuffrohr eines Adler „Favorit“ zu sehen.

Wem das zu profan ist, der kann auf diesem Foto sehr schön nachvollziehen, dass die Karosserie zum Schweller hin schlanker wird. Tatsächlich ist der ganze Aufbau bei aller Schlichtheit voller Spannung – ebene Bleche findet man kaum.

Gleichzeitig wird deutlich, wie organisch die Karosserien damals aufgebaut waren: jedes funktionale Element ist ein eigenständiges Bauteil. Diese völlig andersartige Architektur trägt viel zum Reiz der Vorkriegsautos bei – mit der Pontonkarosserie begann eine neue Epoche in der Gestaltung.

Doch damit ist unser Rundgang um den Adler „Favorit“ und die Betrachtung der Details der unterschiedlichen Ausführungen noch nicht zuende.

Kehren wir nochmals zur Frontpartie zurück, nun anhand dieses Exemplars:

Adler_Favorit_Tourenwagen_Galerie

Adler „Favorit“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diesmal haben wir es mit der Tourenwagenausführung des Adler „Favorit“ zu tun. Die Kühlerpartie und die Haube mit den horizontalen Schlitzen sehen aus wie bei der frühen Variante vor 1931. Doch die Felgen tragen die eindrucksvollen Radkappen, wie sie sonst nur an späteren Modellen zu finden sind.

Waren diese Radkappen schon bei den frühen Modellen als Zubehör verfügbar? Oder hat hier ein stilbewusster Besitzer seinen „alten“ Adler nachgerüstet?

Noch verwirrender wird die Sache, wenn man sich den Adler „Favorit“ auf unserer ersten Aufnahme nochmals betrachtet:

Adler_Standard_6_und_Favorit_Ausschnitt

Der Wagen verfügt über den laut Literatur erst ab 1931 verbauten Kühler, bei dem das Adler-Emblem ganz nach oben in die Kühlerumrandung gewandert ist. Auch die senkrechten Luftschlitze verweisen auf eine späte Entstehung.

Doch die simplen Scheibenräder der ersten Serie ohne Radkappe, nur mit Nabenkappe, wollen so gar nicht zu diesem Wagen passen…

Kann ein Adler-Spezialist dieses Mysterium auflösen?

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

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