Einst „ein Standard“: Chevrolet Six von 1934 im Schnee

Bei der Beschäftigung mit Vorkriegsautos begegnen einem viele Bezeichnungen, deren Bedeutung in Vergessenheit geraten ist.

Nehmen wir als Beispiel folgendes Gefährt:

Oryx_Doppel-Phaeton_Motor_01-1914_Galerie

Oryx Doppel-Phaeton, Abbildung aus „Motor“, Ausgabe 01-1914

Ein Doppel-Phaeton der einstigen deutschen Marke Oryx. Klingt gleich doppelt geheimnisvoll, nicht wahr?

Originalfotos von Oryx-Wagen sind eine Rarität; wir werden aber gelegentlich welche zeigen können – insofern noch etwas Geduld. Was hat es unterdessen mit dem „Doppel-Phaeton“ auf sich?

Die Bezeichnung Phaeton für einen offenen, ursprünglich zweisitzigen Wagen (daher anfänglich „Doppel-Phaeton“ für offene Viersitzer) leitet sich von der griechischen Sagengestalt Phaeton ab.

Der war der Sohn des Sonnengottes Helios, welcher nach antiker Vorstellung mit seinem von vier Rossen gezogenen Wagen die Sonne über den Himmel fährt. Phaeton lieh sich der Sage nach das Gefährt für eine Spritztour aus, die im Desaster endete.

Nach dem 1. Weltkrieg kam die Bezeichnung Phaeton für einen offenen Viersitzer mit seitlichen Steckscheiben aus der Mode und wurde durch den „Tourenwagen“ verdrängt – hier in „fortschrittlicher“ Schreibweise:

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NSU-Reklame um 1920; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Jüngere Zeitgenossen verbinden heute mit „Tourenwagen“ etwas ganz anderes – ein Beispiel dafür, wie Sprache und damit einhergehende Assoziationen im Fluss sind.

Besonders schillernd ist der Begriff „Standard“, der uns in der Automobilgeschichte an vielen Stellen begegnet.

Während man damit heute meist das Gegenteil von etwas Besonderem meint – nämlich „soliden Standard“ – war die ursprüngliche Bedeutung eine ganz andere.

Standard – das leitet sich aus dem germanischen Wort „standort“ ab. Der „standort“ war der Ort, wo sich Zelt und Feldzeichen eines Heerführers – oder in Friedenszeiten Quartier und Fahne eines Herrschers auf Reisen – befanden.

Die Bezeichnung „standort“ übertrug sich auf das dort aufgepflanzte Zeichen militärischer und politischer Macht – die „Standarte“.

Ein Standard verweist also ursprünglich auf eine Führungsrolle und Machtposition bzw. auf ein Orientierungszeichen, nach dem sich sich alle richten.

So setzten die römischen Legionen mit ihrer Adler-Standarte im Wortsinne über Jahrhunderte die Standards in Sachen Organisation, Disziplin und Kampfkraft.

Vor diesem klassischen Hintergrund wird verständlich, wie selbstbewusst die Bezeichnung der Typen „Standard 6“ und „Standard 8“ der Adlerwerke war.

Diese mächtigen Wagen standen am deutschen Markt einst für Vorbildlichkeit – also gerade nicht für Durchschnitt. Hier haben wir einen der wenigen Überlebenden des schon zur Entstehungszeit seltenen Adler „Standard 8“:

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Adler „Standard 8“ in der Central-Garage Bad Homburg; Bildrechte: Michael Schlenger

So sind wir auf verschlungenen Pfaden zum eigentlichen Gegenstand des heutigen Blog-Eintrags gekommen.

Es geht darum zu verstehen, warum Mitte der 1930er Jahre ein Hersteller ein Modell mit 3-Liter großem, 60 PS starken Sechszylinder als „Standard“ anbot.

Die Rede ist hier nicht von einem deutschen Wagen, sondern von einem aus den USA. Die Bezeichnung „standard“ hat übrigens aus dem Germanischen über das Französische ins Englische Einzug gehalten.

So begegnet uns auch bei Wagen aus England und den USA immer wieder der Namenszusatz „Standard“ – bei den Briten gab es sogar eine Marke namens „Standard„.

Interessant ist zu sehen, dass zumindest bei den US-Wagen „Standard“ eher das bezeichnete, was wir heute darunter verstehen, nämlich ein Modell, das marktgängige Qualitäten bot, aber nicht die Spitze markierte.

Ein Beispiel dafür ist der Chevrolet Standard Six von 1934, den wir hier bei einem winterlichen Ausflug im Februar 1935 in Deutschland sehen:

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Chevrolet Standard Series DC Six; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wenn man sich den automobilen „Standard“ auf deutschen Straßen in den 1930er Jahren vergegenwärtigt, möchte man kaum glauben, dass dieser großzügige und gut motorisierte Wagen aus Sicht des Herstellers ebenfalls nur „Standard“ darstellte.

Beworben wurde das Modell als billigster Sechszylinder am US-Markt – eine Argumentation über den Preis ist nicht gerade das, was man bei Spitzenerzeugnissen tut.

Chevrolet konnte sich das leisten, denn neben dem „Standard Six“ hatte man noch einen „Master Six“ im Programm, der mit 80 PS aus 3,4 Liter Hubraum und innovativer Vorderradaufhängung deutlich darüber angesiedelt war.

Kurioserweise entstanden vom Chevrolet „Standard Six“ des Modelljahrs 1934 „nur“ 99.500 Exemplare, vom „Master Six“ dagegen mehr als viermal so viele.

Das illustriert den Reifegrad, den der US-Automarkt damals erreicht hatte. Der Markt für „Standard“-Lösungen war mittlerweile kleiner als der für leistungsfähigere und fortschrittlichere Modelle.

Die Bedeutungsverschiebung des Begriffs „Standard“ wird übrigens zur gleichen Zeit auch in Deutschland erkennbar.

Denn ab 1934 bietet Adler sein weiterentwickeltes 6-Zylindermodell mit 60 PS nicht länger als „Standard 6“ an, sondern als „Diplomat“. Eines dieser trotz „Standard“-Karosserie von Ambi-Budd eindrucksvollen Fahrzeuge haben wir hier vorgestellt.

Das war in formaler wie technischer Hinsicht ein Wagen ganz auf der Höhe der Zeit:

Adler_Diplomat_1934_Galerie

Adler „Diplomat“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Als „Standard“ wollten ihn die Adlerwerke nicht mehr anpreisen – wie so vieles hatte sich das Verständnis des einstigen Synonyms für „richtungsweisend“ gewandelt.

Solche Umwertungen von Werten kennzeichnen auch die Gegenwart – man denke an den Begriffswandel, den Attribute wie „bürgerlich“ oder „konservativ“ durchlaufen haben – sie werden heute oft im Sinne von „rückständig“ bis „reaktionär“ verwendet.

Man sieht: Jede Zeit setzt ihre eigenen Standards – ob immer zum Guten, weiß man erst im Nachhinein…

 

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

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