Rätselhafte Versionen des Horch „8“: Typ 350 oder 375?

Für Automobilhistoriker bieten deutsche Wagen der Vorkriegszeit nach wie vor ein reiches Betätigungsfeld – leider passiert auf dem Sektor wenig Wahrnehmbares, sieht man von brillianten Nischenpublikationen zu AGA und Steiger ab.

Einst bedeutende Marken wie Adler, Apollo, Brennabor, Dürkopp, Hansa, Ley, NAG, Presto und Protos harren dagegen nach wie vor einer wirklich umfassenden Aufarbeitung, vor allem im Hinblick auf die frühen Modelle.

Doch selbst bei einem Premiumhersteller wie Horch, zu dem es eine hervorragende Gesamtdarstellung gibt (Kirchberg/Pönisch: Horch – Typen, Technik, Modelle; Verlag Delius-Klasing), tun sich immer noch Lücken auf.

Eine ganze Reihe von Originalfotos, die wir heute vorstellen, werfen jedenfalls Fragen auf, die sich mit der bisherigen Literatur nicht beantworten lassen.

Eigentlich wollte der Verfasser an dieser Stelle bloß den Horch 375 vorstellen, der eine Sonderausführung des bereits ausgiebig präsentierten Achtzylindertyps Horch 350 war.

Die wichtigsten in der Literatur genannten Merkmale des Horch 375 sind auf folgender schönen Aufnahme aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks zu sehen:

Horch_375_Dierks_Galerie

Horch 375; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Sieben sommerlich gekleidete Grazien sind hier um den Horch versammelt. Einige davon scheinen miteinander verwandt zu sein, wenn nicht alles täuscht.

Leider wissen wir nichts Genaues über die Damen aus unzweifelhaft gutem Hause, die sich hier so ansehnlich auf „Horch-Posten“ präsentieren.

Immerhin haben sie an uns Nachgeborene gedacht und den Blick auf wesentliche Fahrzeugdetails unverstellt gelassen:

Horch_375_Dierks_Frontpartie

Am auffälligsten ist wohl die dreigeteilte Stoßstange – der Horch 350 besaß offiziell nur eine zweiteilige. Die großen Radkappen mit gekröntem „H“, die erstmals auch die Radbolzen abdecken, gelten ebenfalls als Merkmal des Horch 375.

Ein weiteres Detail ist nicht zu sehen, was aber ebenfalls für den 1929 vorgestellten Horch 375 spricht – die auf die hinteren zwei Drittel der Haube beschränkten Luftschlitze. Beim Horch 350 dagegen reichten die Luftschlitze weiter nach vorn und wären aus dieser Perspektive sichtbar gewesen.

An dieser Stelle beginnen die bislang ungelösten Probleme. Auf der folgenden Aufnahme aus der Sammlung des Verfassers finden sich nämlich die Luftschlitze und Radkappen des Typs 350 kombiniert mit der dreiteiligen Stoßstange des Typs 375:

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Horch 350 oder 375; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Übrigens ist auf der Originalaufnahme tatsächlich nicht mehr zu sehen – der Verfasser kaufte dieses Bild für kleines Geld vor allem aufgrund der reizvollen Inszenierung.

Das im August 1932 entstandene Foto zeigt wahrscheinlich einen Aufbau als Sedan-Cabriolet des Karosseriebauers Alexis Kellner (vgl. S. 244 des Horch-Buchs von Kirchberg/Pönisch).

Abgesehen von der Stoßstange spricht alles auf dem Foto für einen Horch 350, sodass man der Meinung sein könnte, dass hier jemand seinen Wagen „nachgerüstet“ hat.

Doch gibt es weitere Fotos, die solche Zwittertypen zeigen, die es ab Werk eigentlich gar nicht gab. Hier haben wir einen Horch mit den Luftschlitzen des Typs 350, der außer den dreiteiligen Stoßstangen auch die Radkappen des Typs 375 besitzt:

Horch_375_a_Galerie

Horch 350 oder 375; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun mag einer sagen: Die dreiteilige Stoßstange und die großen Radkappen sind eindeutig Merkmale des Horch 375, also muss das mit den Luftschlitzen in der Haube eine optische Täuschung sein – der Abzug weist ja auch sonst einige Mängel auf.

So weit, so gut – allerdings findet sich im Fundus des Verfassers eine weitere Aufnahme des Wagens mit der Berliner Zulassung „IA-17980“, auf der klar zu sehen ist, dass der vermeintliche Horch 375 noch die Luftschlitze des Basismodells 350 besitzt:

Horch_375_c_Galerie

Horch Typ 350 oder 375; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn das Nummernschild unvollständig wiedergegeben ist und die Personen teilweise von denen auf der vorherigen Aufnahme abweichen, stammt das Foto aus derselben Quelle und zeigt dasselbe Auto.

Unabhängig davon weist die Kombination aus dreiteiliger Stoßstange und großer Radkappe sowie bis nach vorn reichenden Luftschlitzen darauf hin, dass Elemente des Horch 350 und der Sonderausführung 375 irgendwann parallel verbaut wurden.

Das wäre plausibel, denn laut Literatur wurde die Sonderausführung Horch 375 nur bis 1931 gebaut, während sich der Horch 350 bis 1932 verkaufen ließ.

Eine Erklärung für die Abweichungen der Horch-Wagen auf unseren Fotos und den Darlegungen in der Literatur könnte sein, dass man Elemente des Typs 375 wie die Stoßstange und die Radkappen später auch am weitergefertigten Typ 350 verbaute.

Davon ist aber in keiner der dem Verfasser zugänglichen Quellen etwas zu lesen. Bei einer Restaurierung eines solchen Horch des Typs 350 bzw. 375 besteht somit die Gefahr, dass originale Bauteile entfernt und vermeintlich richtige nachgefertigt werden.

Durch diesen Blogeintrag sollen die Verdienste von Kirchberg/Pönisch um die Dokumentation der Wagentypen von Horch keineswegs in Zweifel gezogen werden – man wäre heilfroh, gäbe es solche Ausarbeitungen für andere Marken.

Es scheint bloß, dass die Realität vor rund 90 Jahren in automobiler Hinsicht noch komplexer war, als wir sie bislang erfassen konnten. Das wiederum ist eine ermutigende Erkenntnis – es gibt also noch immer einiges zu erforschen!

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

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