Zahlenmagie mit 8 Zylindern: Horch 500B Cabriolet

Kann etwas so Prosaisches wie ein Automobil – letztlich eine selbstfahrende Maschine auf vier Rädern – etwas mit Zahlenmagie zu tun haben?

Natürlich, denn wer an magische Zahlen glaubt, findet solche immer und überall. Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, wieviele es davon angeblich gibt?

Eine spontane Aufzählung: Heilige Einfalt, Aller guten Dinge sind zwei, Heilige Drei Könige, Vier Fäuste für ein Halleluja, Sechs Zylinder für Laufkultur, Sieben gegen Theben, Acht Richtungen der Windrose, Neun Musen der griechischen Mythologie, Zehn Gebote usw.

Man sieht: Fast jede Zahl kann bei Bedarf mit Bedeutung aufgeladen sein, man muss nur wollen. Dass sich dies bis in unsere Tage hält so wie der Glaube an Horoskope oder den Amtseid von Politikern zeigt nur: die Aufklärung ist überwiegend Theorie geblieben.

So ist man auch als einigermaßen nüchtern veranlagter Automobilist geneigt, mit bestimmten Zahlen Großes zu verbinden: Ein Achtzylinder-Horch 500 – das muss ein Wagen mit 5 Liter-Motor sein! Dummerweise trifft das hier sogar zu.

Ist das aber wirklich mehr als nur Zufall? Betrachten wir die ab 1927 gebauten Horch-Achtzylinderwagen einmal unter diesem Aspekt:

Der erste seiner Art trug die Typbezeichnung 303 – sein Hubraum betrug 3,1 Liter, Zufall? So sachlich sah er übrigens aus, von Magie hier noch keine Spur:

Horch 303 Pullman-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der auf 65 PS erstarkte Nachfolger wurde als Typ 305 bezeichnet, der Hubraum war auf 3,4 Liter gewachsen. Aber die „3“ passt doch noch immer irgendwie, oder?

Stimmt, aber schon bei der nächsten Ausbaustufe – dem nunmehr 80 PS leistenden Typ 350 – wird es grenzwertig. Dessen Hubraum betrug 3.949 ccm, passt das noch in die 3-Liter-Kategorie oder wäre hier nicht eine „4“ naheliegender?

Zahlenmystiker werden hier folgendes anführen: Zum einen sind bei diesem Horch 350 von der Seite drei Räder zu sehen, außerdem sitzen zweimal drei Personen darin:

Horch 350 Sedan-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Sollte doch etwas dran sein an der Zahlenmagie?

Auch der parallel erhältliche Horch 375 passt noch ins Schema: Er besitzt denselben Motor mit 3,9 Litern Hubraum, ist aber länger und besitzt ein verbessertes Fahrwerk.

Doch die Zahl 3 ist so oder so immer noch ein Leitmotiv – das sieht man ja schon an der dreifachen Vorderstoßstange:

Horch 375-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Prachtexemplar aus dem Raum Leipzig vermittelt übrigens eindrucksvoll, wie sehr sich die Horch-Achtzylinder in nur zwei Jahren seit ihrer Einführung auch gestalterisch gemausert haben – das war erkennbar ein Luxuswagen der Spitzenklasse.

So, liebe Magiegläubige, ab nun wird’s ernüchternd: Denn spätestens mit dem Horch 400 bricht das schöngezimmerte Gebäude zusammen. Der Wagen besaß nämlich immer noch denselben Motor wie die Vorgängertypen 350 und 375 mit 3,9 Litern.

Bloß hieß er jetzt eben 400 und die längere Ausführung 405. Eine Verbindung zur magischen Zahl drei ist hier beim besten Willen nicht mehr herzustellen:

Horch 400 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Allerdings sind hier jetzt aber auch vier Räder zu sehen – könnte das der Grund für die Typbezeichnung 400 sein?

Diese nicht ganz ernst gemeinte Frage lässt sich vielleicht mit der folgende Aufnahme beantworten, die den Nachfolgetyp 420 zeigt, der nun einen 4,5 Liter-Motor besitzt:

Horch 420 Pullman-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Wiederum vier Räder, aber nun ganz klar ein Wagen mit über 4 Litern Hubraum. Die Typbezeichnung 420 passt also schon irgendwie, oder?

Verflixt, diese Zahlenmagie verfolgt einen hartnäckiger, als man meinen möchte. Dieser Unsinn muss sich doch irgendwie entkräften lassen.

Doch auch der vor allem äußerlich modernisierte Horch 470 hilft hier nicht weiter, besitzt er doch noch immer den 4,5 Liter großen Achtzylinder mit 90 PS – außerdem posieren auf folgendem Foto vier Personen, also muss ein Zusammenhang bestehen!

Horch 470 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie schaut es aber im Fall des Horch 480 aus, der parallel mit vergrößertem Motor angeboten wurde? Dieses Aggregat besaß nun einen Hubraum von 4.944 ccm und leistete satte 100 PS.

Für den Zahlenmystiker ist der Fall klar: Da der Hubraum mit einer 4 beginnt, muss selbstverständlich auch die Typbezeichnung entsprechend anfangen.

Es ist zum Verzweifeln: Offenbar scheinen die Typbezeichnungen der Horch-Achtzylinder auf geheimnisvolle Weise in irgendeiner Verbindung mit dem Hubraum zu stehen.

Da hilft es am Ende auch nicht, wenn der weiter verbesserte Paralleltyp Horch 500 denselben Motor mit 4,9 Litern besaß, denn der Hubraum lässt sich ja bei Bedarf auf 5 Liter aufrunden, das passt also ebenfalls wieder.

Zu erkennen ist diese Ausführung unter anderem an den seitlichen Kotflügelschürzen. Der geschwungene vordere Ansatz des hinteren Kotflügels und die bis zur Frontscheibe reichend Motorhaube finden sich dagegen auch beim Horch Typ 480.

Hier haben wir ein neu aufgetauchtes Foto des Horch 500B in der luxuriösen Ausführung als Pullman-Cabriolet, zu erkennen an den feststehenden B- und C-Fenstersäulen:

Horch 500B Pullman-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das war ein weiter Weg vom brav anmutenden ersten Horch-Achtzylindertyp 303 mit moderaten 60 PS bis zum 100 PS-starken repräsentativen Modell 500B, das wir hier sehen.

Doch liegen gerade einmal vier Jahre dazwischen. In der heutigen Autowelt wäre in so kurzer Zeit außer einer oberflächlichen Modellpflege nicht viel passiert, doch in den 1930er Jahren vollzog sich die Entwicklung weit rasanter.

Sollte am Ende doch Magie im Spiel gewesen sein bei der für Horch so glücklichen Entwicklung in Zeiten, die alles andere als einfach waren?

Die Zahlen lügen eben doch nicht, werden jetzt die Gläubigen sagen: Horch hat sich bei seinen Typbezeichnungen ganz klar vom guten Stern des Hubraums leiten lassen!

Nun, Hubraum ist natürlich immer gut, das wissen die Zeitgenossen, die noch die lässige Kraftentfaltung eines großvolumigen Wagens mit acht Zylindern kennen. Aber hat Horch sich bei seinen Typbezeichnungen wirklich davon leiten lassen?

Nüchtern betrachtet lautet die Antwort: ja und nein. Bis zum 1932 erschienenen Zwölfzylindertyp 600 mit – Sie ahnen es – 6 Litern Hubraum standen die Modellbezeichnungen zumindest in einem losen Zusammenhang mit der Größe des verbauten Aggregats.

Doch in dem Augenblick, als der Horch 710 auf den Markt kam, verflüchtigte sich die Magie der Zahlen. Ab dann wurden die Typbezeichnungen immer höher, ohne dass dies noch (tendenziell) mit einer Hubraumvergrößerung einherging.

So hatte auch der legendäre Horch 853 ab 1938 immer noch „nur“ 5 Liter Hubraum bei nunmehr 120 PS Leistung. Seine Magie bezog der Wagen dafür ganz aus seiner umwerfenden Gestaltung – bei Gelegenheit werden wir überprüfen, ob er immer noch seinen Zauber ausübt, der so gar nichts mit Zahlen zu tun hat…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Einer wie sonst keiner: Horch 350 Cabriolet

Was kann an einem Cabriolet des hervorragend dokumentierten Achtzylindertyps 350 der sächsischen Luxusschmiede Horch schon einzigartig sein?

Von den fast 3.000 Exemplaren des Modells, die zwischen Ende 1928 und Sommer 1932 entstanden, gab es natürlich eine Reihe offener Versionen, vor allem die Ausführung als Sedan-Cabriolet findet sich öfters.

Hier haben wir ein Exemplar, das ich früher schon einmal vorgestellt habe:

Horch 350 Sedan-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist ein ziemlicher Brocken und ich tue mich schwer damit, diesen Aufbau als gelungen zu bezeichnen. Die Gürtellinie ist einfach zu hoch, da helfen auch die Versuche nicht, mit allerlei Zierrat die schiere Höhe der Türen zu kaschieren.

Diese teutonische Unbeholfenheit findet sich auch bei anderen offenen Versionen auf Basis des Horch 350, selbst das serienmäßige Zweisitzer-Sportcabriolet lässt sich kaum als elegant bezeichnen.

Vermutlich mochte es die Kundschaft aber meist so, denn dass es anders ging – wenn das jemand wollte – das kann ich heute an einem Exemplar zeigen, das mich restlos begeistert.

Dieser Horch 350 ist so unerhört anders und dermaßen raffiniert, dass ich die Behauptung wage, dass dies „einer wie keiner“ war.

Die Fotos dieses Wagens verdanke ich Heiner Goedecke aus Leipzig, der uns kürzlich schon mit Familienfotos zum Fafnir 376 und zum Adler 6/25 PS beglückt hat.

Diesmal ist der Horch 350 an der Reihe, den einst sein Großvater besaß. Der war Generaldirektor bei einem bedeutenden sächsischen Stromversorger (ESAG) und ließ sich als solcher morgens von Chauffeur Henke zur Arbeit bringen.

Seine Tätigkeit war eine veranwortungsvolle – und eine konstruktive noch dazu. Unter seiner Leitung wurde das Kohlekraftwerk Kulkwitz der Landkraftwerke Leipzig AG gebaut. Grundlastfähigkeit und Regelbarkeit, das erscheint einem heute wie aus einer anderen Zeit.

Wie aus einer anderen Zeit kommt einem auch die Heckansicht des Wagens vor, um den es geht. Um die Sache spannender zu machen, zäume ich das Pferd heute von hinten auf:

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Wüsste ich es nicht besser, würde ich hier schwören, dass es sich um einen amerikanischen „Rumble-Seat“-Roadster mit besonders niedriger Dachlinie handelt.

Vielleicht würde mich auf den zweiten Blick die Eleganz des hinteren Dachabschlusses stutzig machen, die man so an den in Großserie gebauten US-Wagen dieses Karosserietyps eher selten findet.

Dass es sich tatsächlich um eine Ausführung mit „Schwiegermuttersitz“ handelt, belegt die folgende Aufnahme:

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Auch hier fällt wieder die außerordentlich niedrige Dachlinie ins Auge – ansonsten Fehlanzeige, was irgendwelche Hinweise auf den Hersteller angeht.

Auf der nächsten Aufnahme aus dem Familienalbum von Heiner Goedecke erscheint der Wagen ebenfalls nicht gerade wie ein typischer Horch 350.

Meine Vermutung wäre hier gewesen: „Amerikanerwagen mit deutscher Manufakturkarosserie“ – Ende der 1920er Jahre durchaus verbreitet.

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Erst das nächste Foto bringt uns dem Hersteller näher.

Darauf sehen wir auch das erwähnte Kraftwerk Kulkwitz – wo der Großvater von Heiner Goedecke einst die Leitung innehatte, nachdem es unter seiner Aufsicht gebaut worden war – nebenbei zu einer Zeit, als Funktionsbauten noch ästhetische Qualitäten haben durften:

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Anhand dieser Abbildung würde man vermutlich darauf kommen, dass es sich um einen Horch 350 handeln könnte – der Kühler mit schemenhaft wiedergegebener Figur und das Format der Scheinwerfer würden das jedenfalls nahelegen.

Aber diese vertraut erscheinende Frontpartie würde man doch nie mit einer dermaßen eleganten Seitenlinie in Verbindung bringen, oder?

Jedenfalls ist mir noch nie ein Horch des Typs 350 begegnet, dessen Aufbau so leicht und schwungvoll daherkommt.

Zum einen bewirkt die dunkel abgesetzte „Schulter“partie, dass die Tür weit niedriger erscheint, als sie es tatsächlich ist. Zum anderen hat die damit ansteigende Schwellerpartie zur Folge, dass die enorme Länge des Radstands optisch verkürzt wird.

Sonst wären hier bloß endlose Geraden zu sehen, die nicht nur langweilig wirken, sondern auch zu einem umharmonischen Verhältnis zwischen der Dachpartie und der Länge des Aufbaus führten.

Genug der Worte, dieser aus meiner Sicht meisterlich gestaltete Wagen vermag durch seine Präsenz ganz von alleine seine Wirkung zu entfalten:

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Für mich ist dies eine der hervorragendsten Kreationen deutschen Karosseriebaus um 1930, und wenn die Überlieferung zutrifft, wurde sie von Zschau in Leipzig gefertigt.

Vielleicht kann ein Leser dies verifizieren oder eventuell auch eine andere dafür in Frage kommende Manufaktur benennen.

So oder so muss dieser Aufbau eine Rarität darstellen, wie sie sich am deutschen Markt jener Zeit sonst kaum findet (von Kellner aus Berlin abgesehen).

Das Beste aus diesem Bilderreigen habe ich aber bis zum Schluss aufgehoben. Denn eine Aufnahme zeigt den Horch 350 von Heiner Goedeckes Großvater auch aus der Idealperspektive schräg von vorne.

Dieser Wagen war wirklich „einer wie sonst keiner“…

Horch 350 Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (Heiner Goedecke, Leipzig)

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Nicht so leicht zu finden: Horch 8 Typ 350 Tourer

Wer sich ein wenig mit den ab 1927 gebauten frühen 8-Zylindertypen von Horch auskennt, wird dem 1928 auf 80 PS erstarkten Modell 350 keine besondere Seltenheit zubilligen.

Mehr als 2.800 Exemplare entstanden davon – nur vom Typ 830 aus den 1930er Jahren baute die sächsische Premiummarke mehr Fahrzeuge.

Wenn ich mich heute dennoch auf die Suche nach einer raren Ausführung davon begebe – dem Tourer – dann mutet das merkwürdig an. Waren nicht Tourenwagen am deutschen Markt bis weit in die 1920er Jahre hinein überhaupt die am häufigsten anzutreffen Karosserievariante?

Sicher, denn auch wenn das folgende Exemplar von einem mir bisher unbekannten Autohersteller ein ziemlicher Brocken war, war diese offene Ausführung mit ungefüttertem Verdeck immer noch drastisch „billiger“ als eine geschlossene Version:

unbekannter Tourenwagen, Mitte der 1920er Jahre

Auch für die „happy few“, die sich nach dem 1. Weltkrieg ein Automobil leisten konnten, war lange Jahre nur in Ausnahmefällen eine geschlossene Ausführung drin.

Da deutsche Hersteller (von Opel und Brennabor) abgesehen noch durchweg reine Manufaktur betrieben – und das auch noch kühn als Vorteil anpriesen – waren Limousinen wegen des großen Mehraufwands außen wie innen astronomisch teuer.

So begegnete einem auf deutschen Straßen jener Zeit auch ein gehobenes Automobil häufiger in der zugigen Tourenwagenvariante, deren dünnes Verdeck und aufgesteckte Scheiben nur notdürftigen Wetterschutz boten.

Zu ändern begann sich das ab Mitte der 1920er Jahre. Vor allem im Luxuswagensegment, in dem Horch zuhause war, bevorzugte man zunehmend entweder geschlossene Karosserien oder zumindest offene Ausführungen mit mehr Komfort.

Beispiele dafür finden sich im Fall des Horch 350 zuhauf und wirklich selten blieb nur der Tourer, wie wir heute anhand einer Reihe zeitgenössischer Fotos sehen werden.

Den Anfang macht die Pullman-Limousine, hier als Brautwagen, den sich betuchte Leute einst in Berlin bei Paul Thiem (Raumerstraße 11) mieten konnten:

Horch 8 Typ 350 Limousine; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Zu erkennen sind die Positionslichter am Ende der Motorhaube, die man so beim Horch 350 (wenn auch nicht immer) antrifft. Den geflügelten Pfeil auf dem Kühler gab es dagegen auch bei späten Fahrzeugen des nur 60 PS leistenden, äußerlich fast identischen Typs 305.

Ansonsten gibt es wenig Auffälliges an diesem Exemplar, sodass es sich zur Dokumentation der Pullman-Limousine ausgezeichnet eignet. Diese wurde übrigens laut Literatur (P. Kirchberg/J. Pönisch: Horch -Typen, Technik, Modelle, Delius-Klasing, S. 354) von einem weniger bekannten Karosseriebauer geliefert: Seehausen & Staar im schlesischen Liegnitz.

Wer es bei Bedarf etwas luftiger haben wollte, aber nur die rückwärtigen Passagiere in den exklusiven Genuss des Offenfahrens kommen lassen wollte, der konnte sich für die Ausführung als Landaulet entscheiden:

Horch 8 Typ 350 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese Version, die dem Grundaufbau nach der Pullman-Limousine entspricht, aber mit einem zu öffnenden Verdeck über der hinteren Sitzbank endet, findet sich nach meinem Eindruck eher selten beim Horch des Typs 350.

Jedenfalls liefert die mir vorliegende Literatur kaum entsprechende Beispiele (lediglich eines auf Basis des Horch 305).

Generell gehörten Landaulets zu einer eher raren Spezies – bloß bei Taxis findet man diesen speziellen Aufbau des öfteren. Ob so ein teurer Horch 350 jedoch in diesem Gewerbe zum Einsatz kam, ist mir nicht bekannt. Ausschließen sollte man das in Großstädten wie Berlin oder Hamburg mit sehr anspruchsvoller Oberschicht freilich nicht.

Mehr Freiluftvergnügen, jedoch in Verbindung mit winddichten Kurbelscheiben und einem gut gefütterten Verdeck, gab es bei den Cabriolet-Versionen, deren Aufbauten teils von Horch in Zwickau selbst, teils von einer Vielzahl unabhängiger Hersteller gefertigt wurden.

Die folgende Aufnahme (aus Sammlung Matthias Schmidt, Dresden) zeigt ein Beispiel dafür, das anlässlich einer Landpartie einiger Herren abgelichtet wurde – vielleicht haben wir es mit einer Jagdgesellschaft zu tun:

Horch 350 viertüriges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Da hier die Ausführung der Positionslampen nicht zu erkennen ist, will ich nicht ausschließen, dass wir hier den parallel zum Horch 350 angebotenen schwächeren (aber gleichgroßen) Typ 305 vor uns haben.

Dafür könnte das Fehlen des 1928 eingeführten geflügelten Pfeils auf dem Kühler sprechen. Es gibt allerdings auch Beispiele dafür, dass Besitzer eines Typs 350 die bisherige Kühlerfigur vom 305 bevorzugten und umgekehrt.

Zur Illustration der Variante des viertürigen Cabriolets eignet sich dieses Fahrzeug auf jeden Fall. Daneben gab es ab Werk – aber wiederum auch von diversen anderen Firmen – Sport-Cabriolets, die sich durch nur zwei Türen und elegantere Linien auszeichneten.

Ein besonders schickes Exemplar sehen wir auf folgender Aufnahme, die anlässlich eines Concours d’Elegance in Wiesbaden im Jahr 1928 entstand:

Horch 350 Sport-Cabriolet; Abbildung aus unbekannter Publikation

Dieses Prachtexemplar, das einer Baronin Günderode gehörte, wurde von Gläser aus Dresden gefertigt – in meinen Augen der geschmackssicherste deutsche Karosseriebaubetrieb im Deutschland der Vorkriegszeit.

Es gab von anderen Herstellern immer wieder auch hervorragende Entwürfe, von einigen Firmen auch sehr exzentrische Aufbauten von großem Reiz. Doch bei Gläser findet man eine seltene Beständigkeit der ästhetischen Qualität, die stets das Elegante sucht und zugleich den Exzess meidet.

Neben solchen sportlich erscheinenden offenen Versionen konnte man für den Horch 350 auch eine eigentümliche Karosserie erhalten, die Elemente der Limousine und des Cabriolets kombiniert – das Sedan-Cabriolet (oder Pullman-Cabriolet):

Horch 350 Sedan-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Im Unterschied zum „normalen“ viertürigen Cabriolet verfügt dieser Wagen über massive B-Säulen, die auch bei niedergelegtem Verdeck stehenblieben. In manchen Fällen konnte dort eine zweite Windschutzscheibe angebracht werden.

Interessant sind hier die für den Horch 350 typischen Positionslichter am hinteren Ende der Motorhaube in Verbindung mit der alten Kühlerfigur – einer geflügelten Weltkugel.

Sofern es sich nicht um einen Horch 305 mit Positionslampen nach Vorbild des stärkeren 350 handelt, könnten wir hier ein Beispiel dafür haben, dass der Besitzer eines Horch 350 nicht glücklich mit der neuen Kühlerfigur (dem geflügelten Pfeil) war.

Es gibt auch Abbildungen von Horch-Wagen dieses Typs, die gar keine Kühlerfigur tragen, also war auch das gängig. Übrigens bin ich stets für Korrekturen meiner Typbestimmungen von kundiger Seite dankbar, denn ich bin kein Horch-Kenner und die erwähnte Literatur kann bei allen Qualitäten auch nicht jedes Detail enthalten.

Man könnte jetzt noch eine Weile mit Cabriolet-Ausführungen des Horch 350 weitermachen, doch eigentlich sind wir ja auf der Jagd nach der raren Tourenwagenversion.

Auch diesbezüglich scheint Leser Matthias Schmidt aus Dresden etwas in petto zu haben:

Horch 305 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Doch hier dürften wir es eher mit einem Horch 305 vor dem Facelift analog zum 350 zu tun zu haben. Darauf deutet neben dem Fehlen der Positionslampen und der neuen Kühlerfigur vor allem die noch unverchromte Doppelstoßstange hin.

Aber immerhin bekommen wir hier eine Vorstellung davon, dass auch ein Achtzylinder-Horch mit dem einfachen Tourenwagenaufbau nicht annähernd über die repräsentative Erscheinung verfügt wie die bisher vorgestellten aufwendigeren Varianten.

Das muss aber nicht bedeuten, dass diese einfachste und preisgünstigste Karosserieversion nicht ebenfalls ihren Reiz entfalten konnte.

Ein hübsches Beispiel dafür versteckte sich auf einer Ansichtskarte, die ein majestätisches Motiv ganz anderer Dimensionen zum Gegenstand hat – ich komme zum Schluss darauf zurück.

Hier erst einmal das Fundstück, das sich im Schatten eines prachtvollen Baumes ausruht:

Horch 350 Tourenwagen; Ausschnitt aus Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie den geflügelten Pfeil auf dem Kühler und die erwähnten Positionslampen am Ende der Motorhaube oberhalb des Ersatzrads – das sollte ein Horch 350 sein!

Das dünne Verdeck und die aufgesteckten Scheiben – aus nur mäßig durchsichtigem Zelluloid in kunstlederbespannten Holzrahmen – sind ein untrügliches Zeichen für einen Tourer.

Nebenbei bin ich der Ansicht, dass Tourenwagen mit geschlossenem Verdeck fast immer besser aussehen als offen. Die schlichte gerade Gürtellinie bekommt durch die Spannung und die abfallende Linie des Verdecks einen abwechslungsreichen Gegenpart.

Damit könnte ich schließen, doch will ich Ihnen nicht vorenthalten, wo dieser Horch 350 Tourer einst geparkt war.

Angesichts der Tristesse der kalten Jahreszeit und endlosen, an der Lage gemessen überzogenen Einschränkungen unseres Alltags (hier in Deutschland) können wir alle Aufmunterung gebrauchen.

Es gab und gibt soviel Großartiges zu sehen, zu tun und zu erleben…

Ansichtskarte aus Garmisch-Partenkirchen mit Blick auf das Zugspitzmassiv; Original aus Sammlung Michael Schlenger

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Historie aus erster Hand: Ein Horch „8“ Typ 306

Die besten Dinge im Leben verdankt man nicht akribischer Planung, sondern dem Zufall – das ist eine meiner persönlichen Erfahrungen. Man kann dem Zufall allerdings auch ein wenig entgegenkommen, so findet er einen leichter.

Das tue ich, indem ich über diesen Blog gewissermaßen die Angel in ein Meer auswerfe, in dem unzählige Zeugnisse aus alter Zeit umhertreiben. Damit hat der Zufall eine größere Chance, seine oftmals beglückende Wirkung zu entfalten.

So hat der ausgelegte Köder in Form von aberhunderten Blogeinträgen und tausenden von historischen Aufnahmen von Vorkriegsautos schon manche zufällige Beute angelockt, von der man nicht wusste, dass sie überhaupt existiert.

Vor einigen Wochen erhielt ich Post von einem älteren Herrn aus Sachsen, der mir eine schöne Geschichte quasi „aus erster Hand“ berichten konnte – und das anhand von drei Aufnahmen, die das gleiche Auto über eine Zeitspanne von über 90 Jahren zeigen.

Der Wagen, um den es geht, ist ein Horch 306 von 1927. Wer meine zahlreichen Blog-Einträge zu den frühen Achtzylinderwagen von Horch verfolgt hat, dem mag das Auto auf den ersten Blick bekannt vorkommen:

Horch „8“ Typ 306 (1927/28), aufgenommen 1927; Originalfoto aus Privatbesitz

Die Frontpartie dieser im Jahr 1927 aufgenommenen Sechsfenster-Limousine findet sich identisch beim Horch 303 – dem ersten Wagen der Marke mit dem legendär aufwendigen Achtzylindermotor, der alles in den Schatten stellte, was es Ende der 1920er Jahre in Deutschland in dieser Hinsicht zu kaufen gab.

Drei Jahre hatte kein geringerer als Paul Daimler mit seinem Team in Zwickau mit der Entwicklung dieses Meisterstücks an Laufkultur zugebracht.

Dabei zog man alle Register : Zwei obenliegende Nockenwellen betätigten die Ventile ohne Umweg über klappernde und unpräzise Stoßstangen. Der Nockenwellenantrieb wiederum erfolgte über eine Königswelle – ebenfalls eine an Laufruhe nicht zu übertreffende Lösung.

Bei der Vorstellung des Horch-Achtzylinders im Herbst 1926 sah die einheimische Konkurrenz mit einem Mal alt aus. Für viele Jahre sollte Horch der dominierende deutsche Hersteller in der Achtzylinderklass bleiben.

Dabei sahen diese mechanisch so raffinierten Spitzenklassewagen zu Beginn erstaunlich dezent aus. Hier haben wir die Frontpartie eines frühen Horch-Achtzylinders:

Horch Typ 303, 304, 305 oder 306; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Frontpartie besaßen die frühen Horch-Wagen der Typen 303 bis 306 von 1927/28, welche sich nur im Radstand bzw. der Motorisierung unterschieden.

Dabei waren der Horch 303 und 304 die 60 PS-Versionen mit langem bzw. kurzem Radstand, während die Modelle 305 und 306 die 65 PS leistenden Nachfolger wiederum mit langem bzw. kurzem Radstand darstellten.

Von vorn waren diese nicht zu unterscheiden, wohl aber von der Seite. So erzwingt der kürzere Radstand der Typen 304 bzw. 306 beim Limousinenaufbau deutlich kleinere Türen – genau das ist bei der eingangs gezeigten Limousine der Fall:

Dem knapp 30 cm geringeren Radstand entsprechend sind hier nicht nur die Türen kürzer als bei den Modellen 303 bzw. 305, es liegen auch die beiden Trittschutzbleche am Schweller viel näher beieinander.

Bei der Gelegenheit präge man sich zweierlei ein:

Zum einen die Ausführung der seitlichen Zierleiste unterhalb der Seitenscheibe – ein schmales Band, welches das dunkel gehaltene Oberteil von der helleren Flanke abgrenzt. Zum anderen das Kennzeichen (vom Ausgangsfoto): „III 4203“ – für Leipzig stehend.

Das Nummernschild begegnet uns gleich wieder, und zwar auf einem zweiten Foto des gleichen Horch 306:

Horch „8“ Typ 306 (1927/28), aufgenommen 1928; Originalfoto aus Privatbesitz

Dies zweite Aufnahme ist nur ein Jahr nach der ersten entstanden, nämlich im Jahr 1928, so ist es überliefert.

Doch bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass der Aufbau ab der Frontscheibe ein anderer ist. Statt der schmalen Leiste entlang der Gürtellinie ist nun ein deutlich breitere zu sehen, die direkt unterhalb des unteren Abschlusses der Seitenscheiben angebracht ist.

Ins Auge fällt außerdem der Reserveradüberzug mit dem Schriftzug „8-Zylinder“ unterhalb des gekrönten „H“ – dem Emblem von Horch seit 1924.

Tatsächlich handelt es sich um das gleiche Auto, aber nicht mehr dasselbe – denn der Besitzer hatte nach nur einem Jahr den schweren Werksaufbau aus Blech gegen eine leichtere kunstlederbespannte Konstruktion nach „Weymann“-Patent tauschen lassen.

Damit mag er vor allem die Hoffnung verbunden haben, dass der 65 PS-Motor nun etwas leichteres Spiel mit dem zuvor rund 1,9 Tonnen wiegenden Horch hatte.

Jedenfalls muss der Besitzer dieses Horch mit seinem – auch bei „kurzem“ Radstand – eindrucksvollen Automobil sehr zufrieden gewesen sein. Er behielt ihn nämlich bis an sein Lebensende im Jahr 1972!

Danach wechselt der Horch nur noch einmal den Besitzer – zum Glück landete der Wagen nicht wie viele andere deutsche Luxusautomobile der Vorkriegszeit bei einem Sammler in Übersee, sondern er blieb bis zum heutigen Tag in Leipzig.

Dort ist er immer noch zugelassen – auf besagten älteren Herrn, der ihn nun selbst schon länger besitzt als der erste Eigner, nämlich bald 50 Jahre!

Er hat den in die Jahre gekommenen Wagen aufwendig wiederhergestellt, einschließlich der Weymann-Karosserie. Damit entspricht er nun wieder weitgehend dem Zustand von 1928 – lediglich das Kühlernetz ist nicht mehr da originale:

Horch „8“ Typ 306 (1927/28); Originalfoto aus Privatbesitz

Vom Besitzer dieses schönen Überlebenden habe ich die obigen Informationen zur Historie dieses Horch 306 – und er hat sie quasi noch aus erster Hand, nämlich von der Familie des Erstbesitzers.

Das ist etwas ganz Außergewöhnliches und so hat mir der Zufall wieder einmal ein prachtvolles Stück Geschichte zugespielt.

„Zur Zeit trage ich mit dem Gedanken, den Wagen zu veräußern, was nach fast 50 Jahren nicht so leicht fällt…“

Das schrieb mir der Besitzer des Horchs, der nicht namentlich genannt werden möchte. Für ernsthafte Interessenten hat er eine E-Mail-Adresse eingerichtet, unter der man ihn erreichen kann: horchfreund@kabelmail.de

Ich meine, mehr Historie beinahe noch aus erster Hand kann man bei einem bald 100 Jahren alten Wagen kaum bekommen…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Luxusproblem: Familienzuwachs beim Horch 470/480 Sport-Cabriolet

Heute widme ich mich dem Luxusproblem, in welchem Umfang die in meiner Horch-Galerie versammelte Familie von Sport-Cabriolets des Typs 470/480 aus den Jahren 1931/32 Zuwachs verzeichnen kann.

Insgesamt knapp 350 Stück von dem edlen 2-Fenster-Cabriolet mit Achtzylindermotor (wahlweise 90 PS oder 100 PS) entstanden, laut Literatur die meisten im Werk selbst.

Für einen Wagen dieses Kalibers sind das beinahe orientalische Familienverhältnisse und dementsprechend konnte ich etliche Vertreter davon auf alten Fotos dingfest machen.

Doch keine Sorge: Im Unterschied zu den zehntausenden „Ortskräften“, die dem überschaubaren einstigen Bundeswehr-Kontingent in Afghanistan angeblich zuarbeiteten (wohl als Dolmetscher, Fahrer, Stiefelputzer, Mundschenk, Masseur und Privatkoch), wird sich der Familienzuwachs im vorliegenden Fall in engen Grenzen halten.

Beginnen wir mit dem Exemplar in meinem Fundus, das ich vor einigen Jahren als erstes identifizieren konnte:

Horch 470 oder 480; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es gibt natürlich bessere Aufnahmen des Typs als diese, doch alle wesentlichen Details sind selbst auf diesem mittelmäßigen Schnappschuss zu sehen:

Zwei Reihen Haubenschlitze in Verbindung mit Drahtspeichenrädern und einem Steinschlaggitter vor dem Kühler sind ein zuverlässiger Hinweis auf den Horch 470 bzw. 480. Das Sport-Cabriolet besaß – wie hier zu sehen – vorn angeschlagene Türen. Beim viertürigen Sedan-Cabrilolet galt das nur für die hinteren Türen.

Man merke sich bei dieser Gelegenheit den reichlichen Abstand zwischen dem Türende und dem hinteren Türabschluss – auf dieses Detail komme ich am Ende zurück.

Zwar ist davon auf folgender Aufnahme nichts zu sehen, doch dafür haben wir einen besseren Blick auf das erwähnte Steinschlaggitter, welches nur beim Horch 470/480 serienmäßig verbaut wurde:

Horch 470 oder 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Als weiteres wichtiges Merkmal dieses Typs ist hier die einteilige Stoßstange zu sehen.

Während sich die zwei Reihen Haubenschlitze und die Drahtspeichenräder auch an den parallel erhältlichen Sport-Cabriolets der Modelle 410, 420 und 430 finden, sind die einteilige Stoßstange und erwähntes Steinschlagitter spezifisch für den Horch 470/480.

So ließ sich auch der prächtige Horch auf folgender Aufnahme eindeutig identifizieren:

Horch Typ 470 oder 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz via Dr. Andreas Rosado

Zwar scheint hier das Steinschlaggitter ebenso wie die Kühlerfigur entfernt worden zu sein, auch fallen die drei (statt zwei) Türscharniere ins Auge, doch meines Erachtens kommt für dieses Sport-Cabriolet kein anderes Horch-Modell in Betracht als der 470/480.

Kommen wir nun zum angekündigten Familienzuwachs.

Diesen verdanke ich John Rouse aus den Vereinigten Staaten, der im Fotoalbum seiner (deutschstämmigen) Schwiegermutter eine Aufnahme fand, die eine ihrer Cousinen in den 1930er Jahren zeigt:

Horch Typ 470 oder 480 Sport-Cabriolet, Originalfoto aus Familienbesitz via John Rouse (USA)

Die vermutlich im Raum Gera (Thüringen) entstandene Aufnahme zeigt eindeutig ein Sport-Cabriolet auf Basis des Horch 470/480.

Gehen wir die dafür typischen Details von vorn nach hinten durch: einteilige Stoßstange, Steinschlaggitter vor dem Kühler (schemenhaft zu erkennen), Drahtspeichenräder, zweireihige Haubenschlitze und vorn angeschlagene Türen.

Auch der Abstand des Türendes zum hinteren Kotflügel „passt“. Hier ist der Fall klar, eindeutig ein Mitglied der Familie!

Doch wie steht es um dieses Exemplar, das nach einigen Elementen zu urteilen ebenfalls Anspruch auf „Familienzugehörigkeit“ erheben könnte:

Horch 8, vermutlich 470/480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zunächst einmal ist das eine sehr seltene Aufnahme – zeigt sie doch recht deutlich den Innenraum mit Armaturenbrett sowie die Details der Türverkleidung. Nebenbei scheint diese wie die Sitzbezüge in schlichtem Stoff ausgeführt zu sein, nicht in Leder.

Dass wir es mit einem Sport-Cabriolet von Horch zu tun haben, steht außer Zweifel. Das gekrönte „H“ auf der hinteren Radkappe und die Kühlerfigur verraten uns das.

Leider ist die Ausführung der Luftschlitze in der Motorhaube nicht zu erkennen. Könnte das nicht auch ein etwas späterer Horch der Typen 500, 710, 720 oder 750 sein, der eine Sonderkarosserie als Sport-Cabriolet erhalten hat?

Nach bisherigem Stand der Recherchen würde ich das vorerst ausschließen. Dafür scheint mir der Radstand dieses Exemplars schlicht zu kurz zu sein. Und genau hier beginnt mein „Luxusproblem“.

Die Tür endet nämlich viel weiter hinten als bei den zuvor gezeigten Wagen des Typs 470/480, sie besitzt sogar einen Ausschnitt, welcher der Kotflügelrundung folgt:

Das bedeutet, dass dieses Sport-Cabriolet einen geringeren Radstand als die gängigen Exemplare des Typs 470/480 aufwies, welcher 3,45 Meter betrug. Spätere Horch-Modelle waren entweder gleichlang oder besaßen noch großzügigere Dimensionen.

Zwar gab es parallel zum Horch 470/480 auch den Typ 420 mit nur 3,16 Meter Radstand, und es gab ihn auch mit einem Aufbau als Sport-Cabriolet. Doch die Abbildungen in der Literatur zeigen dieses kürzere Modell durchweg mit doppelter Stoßstange.

Kann jemand dieses Luxusproblem lösen? Wurde hier vielleicht ein „kurzer“ Horch 420 nachträglich mit der moderneren einteiligen Stoßstange ausgestattet? Oder haben wir es doch mit einem nur sehr entfernten Verwandten des Typs 470/480 zu tun?

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Tag der offenen Tür: Horch 853 Sport-Cabriolet

Heute zeige ich einen Bilderreigen eines der wohl ikonischsten Vorkriegswagen überhaupt. Warum heute? Zum einen, weil ich erst im letzten Blog-Eintrag ein Foto davon eingeflochten habe, das Appetit auf mehr macht. Zum anderen, weil das Leben zu kurz ist, um die schönsten Dinge ewig aufzuschieben.

Gut vorbereitet soll die Sache aber schon sein, wenn sie bleibenden Eindruck hinterlassen und dem Gegenstand gerecht werden soll. Stellen Sie sich einfach vor, Sie seien Mitte der 1930er Jahre zu einem Tag der offenen Tür bei Horch in Zwickau eingeladen.

Auf dem Weg dorthin haben Sie in der Goethe-Stadt Weimar übernachtet und nehmen dort zur Erinnerung eine Ansichtskarte mit. Unten rechts bemerken Sie darauf natürlich sofort einen Horch 853 in der Ausführung als Sport-Cabriolet:

Ansichtskarte aus Weimar (Ausschnitt); Original aus Sammlung Michael Schlenger

„Das fängt ja gut an“, werden Sie denken. „Soviel Glück kann kaum anhalten“, wurden doch vom Horch 853 zwischen 1935 und 1937 keine 700 Exemplare gebaut.

Halten Sie sich fest, Ihre Glückssträhne setzt sich fort!

Denn unterwegs nach Zwickau überholen Sie einen Wagen desselben Typs. Dessen Fahrerin traut sich offenbar nicht, die 100 PS voll auszuschöpfen und Sie ziehen mit Ihrem fabrikneuen Fiat 1500 (soviel Spaß muss sein) lässig grinsend vorbei:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Erst nach der Entwicklung der Aufnahme stellen Sie mit Schrecken fest, dass die Fahrertür des Horch nicht ganz geschlossen war – das hätte leicht danebengehen können.

So nähern wir uns aber zumindest dem Thema „Tag der offenen Tür“ ein wenig.

In Zwickau, wo sich die Zentrale der Auto-Union befindet, zu der neben Horch auch die sächsischen Marken Audi, DKW und Wanderer gehören, gehen Ihnen dann die Augen über.

Denn schon auf dem Besucherparkplatz bietet sich Ihnen dieser Anblick:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Ist ja nicht auszuhalten, dieser Tag der offenen Tür“, denken Sie. „Und schon wieder: Frau am Steuer. Immerhin steht der Wagen diesmal.“

Bei der Gelegenheit eine Frage an die Horch-Kenner: Was ist von den Scheibenrädern dieses Typs 853 zu halten? Waren diese optional neben den serienmäßigen Drahtspeichenrädern erhältlich oder weisen sie auf eine bestimmte Evolutionsstufe des Modells hin (bitte Kommentarfunktion nutzen)?

Im Horch-Werk angelangt, erwartet Sie anlässlich des Tages der offenen Tür ein etwas überraschender Fachvortrag: „Das Elektroauto – alter Hut oder Vision für das 21. Jh.?“

Sie denken sich – „Elektroautos sind doch kaum noch verkäuflich, seitdem es die günstigeren und reichweitenstärkeren Verbrenner gibt. Das kauft keiner freiwillig, der darauf angewiesen ist – es sei denn, man legt ihm ein paar tausend Reichsmark aus Steuergeldern drauf – aber so etwas Unsoziales wird doch keiner machen.“

Sie schnappen nach Luft und suchen das Weite. „Bloß raus hier, so habe ich mir den Tag der offenen Tür in Zwickau nicht vorgestellt.“

An der nächsten Tankstelle bunkern Sie noch einmal Kraftstoff – in wenigen Minuten ist genug Benzin für 500 km Fahrtstrecke aufgenommen. Selbst beim extrem durstigen Horch 853 würde eine Tankfüllung für fast 450 km reichen – das nur nebenbei.

Unterwegs stellt sich dann bald tiefe Zufriedenheit ein. Sie fahren von der Landstraße ab, um etwas abseits eine Pause einzulegen. Just in dem Moment rollt ein weiteres Exemplar des Horch 853 Sport-Cabriolet vorbei – jetzt mit einem Fahrer:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

„So muss ein klassischer Wagen aussehen“, denken Sie vielleicht. Lange Haube, ein 5-Liter großer Reihenachtzylinder darunter und ein luxuriös ausgestatteter Innenraum hinter der gepfeilten Frontscheibe. Und so eine Zweifarblackierung steht doch jedem Auto gut.

Das Thema der offenen Tür hat Sie unterdessen noch nicht losgelassen. „Das schüchterne Mädel am Lenkrad dieses Riesenwagens auf dem Parkplatz, das hatte etwas. Schade, dass sie nicht allein unterwegs war, ein paar Details hätten mich schon interessiert.“

Interessante Details gibt es allerdings auch außerhalb eines Horch 853 Sport-Cabriolet zu erkunden, wenn man in einem solchen unterwegs ist. So könnten Sie auf dem weiteren Weg diesem offenbar einfarbig lackierten Exemplar begegnen:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Hier sieht man übrigens neben dem sinnlich gestalteten Wagenkörper die mächtigen Scheinwerfer, deren Gehäuse vollverchromt sind – ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem ab 1938 gebauten Nachfolger 853A.

Während Sie ziellos über Land fahren – Reichweitenangst kennt man nicht bei einem Benziner – widerfährt Ihnen ein Zufall, der dem Thema „Tag der offenen Tür“ doch noch zu einem glücklichen Abschluss verhilft.

Unterwegs begegnen Sie nämlich diesem Wagen mit Hamburger Zulassung:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dem einen oder anderen Leser wird dieses Exemplar eines Horch 853 bekannt vorkommen – ich hatte es anlässlich eines Blog-Eintrags zum Steyr 530 Cabriolet schon einmal gestreift.

Diesmal steht das Traumstück ganz im Vordergrund – was soll man sagen? Nie wieder danach sind solche Kunstwerke auf vier Rädern in deutschen Landen entstanden. Der 2. Weltkrieg sollte sich auch in dieser Hinsicht als ultimativer Kulturbruch erweisen.

Doch haben Sie etwas auf obigem Foto bemerkt? Der Horch aus Hamburg lädt mit offener Tür zur eingehenden Besichtigung ein. Diese Gelegenheit lässt man sich nicht entgehen.

Die Insassen des begleitenden Steyr 530 werden wegkomplimentiert „Fahrt schon einmal vor, wir holen Euch dann auf der Autobahn ein und in Hamburg kommen wir als Erste an“.

Steyr 530 und Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sodann geht es mit dem Horch 853 Sport-Cabriolet und der Blondine zum exklusiven Besichtigungstermin nebst Picknick irgendwo ins Gelände.

Das ist zumindest etwas, was manchen Herren in der Leserschaft rein theoretisch hätte durch den Kopf gehen können, wären sie damals auf Reisen gewesen.

Dabei hätte sich dann – rein theoretisch – die Gelegenheit ergeben, einen besonderen Tag der offenen Tür mit einem Horch 853 Sport-Cabriolet zu genießen, etwa hier im Grünen:

Horch 853 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Keine Sorge, der Wagen war robust genug, um auch längere Zeit mit offener Tür herumzustehen, während seine Insassen vielleicht anderweitig beschäftigt waren.

Wo dieser Horch 853 aus Hamburg einst unterwegs war, was seine Insassen abseits der Chaussee trieben und was aus ihnen geworden ist, dass wissen die Götter.

Doch dass dieser Tag der offenen Tür mit einem Horch 853 Sport-Cabriolet göttlich gewesen sein muss, das dürfen wir Nachgeborenen wohl annehmen…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

An der Maske zu erkennen: Horch 6/18 und 8/24 PS

Gerade lese ich, dass unsere niederländischen Nachbarn dem Mummenschanz ein Ende gemacht haben: Die Pflicht zum Tragen von Gesichtsmasken in Geschäften und in der Innengastronomie ist aufgehoben (launiger Kommentar dazu hier).

Schon im Sommer 2020 verriet die Datenlage, dass „Corona“ – was Infektiosität und Letalität angeht – mit gängigen Atemwegserkrankungen vergleichbar ist. Ja, es gibt Fälle schwerwiegender und hartnäckiger Verläufe – ein Grund mehr die bekannten Hochrisikogruppen zu schützen, aber mehr auch nicht.

Doch ganze Völker gezielt in Panik zu versetzen, flächendeckend Grundrechte vorzuenthalten, ohne Risikoabwägung Milliardenschäden in Kauf zu nehmen, keine systematischen Obduktionen bei „Coronatoten“ vorzunehmen, das ist Politikversagen in großem Stil – wobei es durchaus Ausnahmen wie beispielsweise Schweden gab.

Die von überforderten Politikern nach anfänglichem Herunterspielen verordnete Maskerade (wohl nachdem man das Geschäftspotential erkannte…) hatte aus meiner Sicht zumindest ein Gutes: Nie war es so einfach zu erkennen, ob jemand bei Verstand ist oder nicht.

Mit Maske allein auf dem Fahrrad, mit Maske allein beim Laufen, mit Maske zu zweit im offenen Cabriolet, mit zwei Masken übereinander beim Einkaufen – nie gaben in so kurzer Zeit soviele Mitbürger Anlass zu Ausruf: „Herr, wirf Hirn vom Himmel!“

„An der Maske sollt Ihr sie erkennen“, das gilt in positiver Hinsicht indessen auch für viele Fahrzeuge der Vorkriegszeit – speziell für frühe Exemplare, deren Aufbau gängigen Mustern aus dem Kutschbau folgte und oft nur ein individuelles Merkmal aufwies: die Kühlermaske:

Horch Tourenwagen, Baujahr: 1913/14, Aufnahme aus dem 1. Weltkrieg; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Beispiel illustriert die Bedeutung der Kühlermaske – also des Bauteils, welches das eigentliche Kühlernetz bzw. bei ganz frühen Exemplaren die Kühlerschlangen – einrahmt, anhand eines Horch, der im 1. Weltkrieg eingesetzt wurde.

Hier ist die Kühlermaske von vorn betrachtet eiförmig gestaltet. Das findet sich bei mehreren Wagen aus dem deutschsprachigen Raum in der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg. Doch haben wir das Glück, dass der Schriftzug auf dem Kühler gleich die Marke verrät: Horch.

Bei Horch taucht die eifömige Kühlermaske 1912 erstmals auf und scheint bis kurz nach dem 1. Weltkrieg verwendet worden zu sein – daneben gab es ab 1914 auch Spitzkühler.

Eine Besonderheit, die recht zuverlässig auf einen Horch verweist, war dabei das vorkragende Oberteil, an dessen nach innen geneigter Vorderseite das Horch-Emblem angebracht war – hier schemenhaft zu erkennen:

Horch Tourenwagen 6/18 PS oder 8/24 PS, Baujahr: ab1912; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese schöne Aufnahme, die kurz nach dem 1. Weltkrieg in Wien entstand, verdanke ich Sammlerkollege Matthias Schmidt aus Dresden.

Das kompakte Format des Wagens ließ nicht unbedingt an den Oberklassehersteller Horch denke, doch tatsächlich unternahm die Zwickauer Luxussschmiede einst auch einen Ausflug in die „Niederungen“ der unteren Mittelklasse.

So wurden 1911 die Modelle 6/18 PS und 8/24 PS vorgestellt, die ab 1912 mit dem typischen eiförmigen Kühler weitergebaut wurden – bis Anfang der 1920er Jahre übrigens. Größere Verbreitung erlangte nur der Typ 8/24 PS mit etwas mehr als 900 Exemplaren.

Hier scheinen wir es mit einer Taxi-Ausführung zu tun zu haben – jedenfalls deutet die Tarifangabe auf dem Schild hinter der Windschutzscheibe darauf hin:

Vermutlich ist das der kleinste Horch, dem Sie je begegnen werden – sieht man einmal von den ganz frühen Typen vom Beginn des 20. Jahrhunderts ab.

Da man bei Horch gewohnheitsmäßig etwas Außergewöhnliches erwarten darf, erfüllt diese Aufnahme eines „Baby-Horch“ zweifellos das Kriterium – doch letztlich gilt auch hier, dass selbst ein Horch außerhalb des üblichen Schemas „an der Maske zu erkennen“ ist.

Eines noch: Wohl recht ähnlich war die Kühlermaske der Beckmann-Wagen aus dem schlesischen Breslau – doch davon konnte ich bislang noch keine Originalaufnahme an Land ziehen. Vielleicht kann ein Leser aushelfen?

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Fund des Monats – Ein Horch 930V Roadster

Unter Horch-Kennern weckt der ab 1937 gebaute Typ 930V mit seinem „kurzen“ Radstand von 3,10 Meter und Leistung von „nur“ 80-90 PS nicht gerade die größte Leidenschaft.

Mit etwas mehr als 2.000 Exemplare gehörte der Horch 930V zu den meistgebauten Typen der sächsischen Manufaktur überhaupt. Man erkennt ihn von vorn anhand der beiden ovalen Zierblenden an der Frontpartie:

Horch 930 V Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme, die einst bei einer Automobilausstellung entstand, ist eines der ältesten Vorkriegsautofotos in meiner Sammlung – sie hing schon in meiner Studienzeit am Schwarzen Brett in der Küche meiner WG und war Zeuge vieler unterhaltsamer Abende…

Heute dient sie mir als Ausgangspunkt einer nicht minder abwechslungsreichen Reise durch die Geschichte des Horch 930V, an deren Ende ein spektakuläres Exemplar auf uns wartet.

Ein Detail auf obigem Foto sei noch erwähnt – die geteilte und leicht v-förmige Windschutzscheibe, ein weiteres typisches Element jedes Horch 930V. Doch das „V“ in der Bezeichnung hatte nicht unmittelbar damit zu tun.

Die v-förmige Frontscheibe hatte es bei Horch ja bereits ab 1935 gegeben, zumindest beim exklusiven Modell 853 mit mächtigem 5-Liter-Reihenachtzylinder. Hier haben wir zum Vergleich ein überlebendes Exemplar dieses Typs:

Horch 853 Cabriolet; aufgenommen 2017 bei den Classic Days auf Schloss Dyck; Bildrechte: Michael Schlenger

Tatsächlich verwies das „V“ in der Bezeichnung des 930V auf den kompakteren V8-Motor, der in dem zwei Jahre nach dem Horch 853 vorgestellten, weit kleineren Wagen zum Einsatz kam.

Das Aggregat war bereits 1932 entwickelt worden. Ab 1933 wurde es beim Horch 830 verbaut, mit anfangs nur 60 PS aus 3 Litern. Für den 1937 eingeführten Typ 930V hatte man Hubraum und Leistung jedoch deutlich gesteigert, zuletzt auf 3,8 Liter und 92 PS.

Soviel an dieser Stelle zu Technik – viel interessanter sind die Aufbauten. Hier haben wir eine frühe Limousine, erkennbar am vorderen Ausstellfenster:

Horch 930V Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das Ausstellfenster besaßen auch die frühen Cabrioausführungen wie die auf dem ersten Foto. Dort war zudem zu sehen, dass sich die Luftschlitze in der Motorhaube auf zwei übereinanderliegende Reihen verteilten, eingerahmt von einer Chromleiste.

Auf der Abbildung der Limousine sehen wir zwar nur eine Reihe davon, aber dafür lässt sich hier besagte Chromleiste besser erkennen. Aus stilistischer Sicht sei angemerkt, dass die ineinanderfließenden Elemente des Hecks die Formen der späten 1940er und frühen 1950er Jahre vorwegnehmen.

Selbst beim winzigen, mit Heckmotor ausgestattenen Renault 4V der Nachkriegszeit lebte genau diese Gestaltung fort:

Renault 4CV, aufgenommen 2012 bei Butzbach (Hessen): Bildrechte: Michael Schlenger

Nach diesem für Horch-Freunde vermutlich verstörenden Vergleich geht es nun weiter mit dem Typ 930V und zwar wiederum in der Ausführung als Limousine.

Diesmal haben wir es mit der späteren Version zu tun, die ohne vordere Ausstellfenster auskommen musste – ob schon 1938 oder erst 1939, das kann vielleicht ein sachkundiger Leser sagen (bitte dazu Kommentarfunktion nutzen).

Im Gegenzug bekam die spätere Variante der Limousine Stoßstangenhörner spendiert, die dem dichter werdenden Straßenverkehr in den Städten mit immer mehr Wagengrößen Rechnung trugen.

Einen solchen Horch 930V sehen wir – passend zur aktuellen Jahreszeit – hier:

Horch 930V Limousine; Originalfoto aus Sammlung Frank-Alexander Krämer

Diese Aufnahme aus der Zeit des 2. Weltkriegs zeigt einen Horch 930V als Kommandeurswagen der Wehrmacht, der noch das Kennzeichen des zivilen Vorbesitzers aus dem Nürnberger Raum trägt.

Wann und wo das Foto entstanden ist, konnte mir der Besitzer des Fotos – Frank Alexander Krämer aus Landau – leider nicht sagen. Nur, dass darauf ein Unteroffizier namens Foesel posiert, ist überliefert.

Hier haben wir ein Beispiel dafür, dass es oft kleine Details sind, die auf alten Autofotos die Identifikation des Wagens erlauben. Im vorliegenden Fall verraten uns die überlackierten ovalen Chromblenden an der Front, dass wir einen Horch 930V vor uns haben.

Die an diesem Wagen montierten Positionsleuchten sind übrigens nicht serienmäßig bei dem Modell – sie wurden nachgerüstet.

Wir setzen unsere Reise fort, kommen aber an der Tatsache nicht vorbei, dass viele Fotos solcher Horch-Wagen im Zweiten Weltkrieg entstanden, als sie als Offizierswagen beschlagnahmt wurden. Hier haben wir ein von der Wehrmacht eingesetztes Horch 930V-Cabriolet, das bei einer Marschpause in einem Waldstück abgestellt wurde:

Horch 930V Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz der Vegetation im Vordergrund hat der Fotograf das Kunststück vollbracht, alle wesentlichen Details auf das Negativ zu bannen: die ovalen Ziergitter an der Front, die Radkappen mit gekröntem „H“, die geflügelte Weltkugel auf dem Kühler, die geknickte Frontscheibe und das vordere Ausstellfenster, das auf ein frühes Modell hindeutet.

Was verrät uns aber, dass dies ein Militärfahrzeug war? Der Notek-Tarnscheinwerfer am in Fahrtrichtung links befindlichen vorderen Kotflügel war im Krieg ja bisweilen auch an PKW zu finden, die weiterhin privat genutzt werden durften. Zudem wirkt der Lack nicht wie der eines Armeefahrzeugs und die Chromteile besitzen noch Glanz.

Nun, letzteres kann täuschen, doch der entscheidende Hinweis auf die militärische Nutzung ist der helle Streifen, der entlang des vorderen unteren Endes des Kotflügels aufgemalt worden ist. Dieser diente bei nächtlicher Kolonnenfahrt hinter einem fahrenden oder entgegenkommenden Fahrzeugen als Orientierung bei eingeschaltetem Tarnlicht.

Ich habe dies bisher nur bei Wehrmachts-PKW auf Fotos der ersten beiden Kriegsjahre gesehen, sodass Polen- oder Frankreichfeldzug als Situation in Frage kommen. Bei nicht an der Front eingesetzten Wagen scheint man damals oft noch auf Militärlackierung und Umkennzeichnung verzichtet zu haben (dieser Horch trägt noch sein Zivilkennzeichen).

Das nächste Exemplar des Horch 930V ist wieder ein Cabriolet, doch der Krieg ist nun zuende, und noch (oder wieder) in privater Hand befindliche Fahrzeuge des Typs wurden am Laufe gehalten – wie dieses hier:

Horch 930V Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer nach dem Krieg in Deutschland so einen Wagen bewegen konnte, durfte sich glücklich schätzen. Der enorme Benzinverbrauch von fast 20 Litern auf 100 km/h machte den Unterhalt zu einem ziemlich luxuriösen Vergnügen.

Doch hier konnte sich das offenbar jemand leisten und der Besitzer des Horch schaut versonnen lächelnd in die Kamera. Sein Haarschnitt ist ein Indiz für die frühe Nachkriegszeit, während der breit gestreifte Anzug und das geschlossene Hemd mit spitzem Kragen noch wie der Horch aus Vorkriegsproduktion stammen könnten.

Gewissheit verschafft uns der ramponierte Vorderkotflügel mit dem herabhängenden Keder zwischen vorderem Trittbrettende und Kotflügel. Ein solcher Horch, der erst ab 1937 gebaut wurde, wäre vor dem Krieg auf keinen Fall in diesem Zustand gewesen.

Ein weiteres Detail unterstützt die Einordnung in die frühe Nachkriegszeit: Die Sturmstange am Verdeck war stets vollverchromt, während sie hier von den Gelenken abgesehen in Wagenfarbe lackiert ist. Hier hat man sich also später ein paar Freiheiten genommen.

Das Baumaterial im Hintergrund spricht für die Wiederaufbauphase, wobei für meinen Geschmack das traditionelle schnörkellose, aber wohlproportionierte Haus mit Sprossenfenstern ein Ideal darstellt, auf das fast nur Minderwertiges folgte.

Vielleicht zur gleichen Zeit – wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – entstand im Osten Deutschlands eine Bilderreihe, in der für einen Moment noch einmal die mondäne Welt aufscheint, in der Horch-Automobile vor dem Krieg zuhause waren.

Jetzt mag einer die Nase rümpfen und denken: „Was war am 930V denn mondän? Das war doch bloß das kleine Einstiegsmodell von Horch, zudem in großer Zahl produziert.“ Und hatte ich nicht selbst gesagt, dass sich am Heck der Limousine schon die biederen Formen der Nachkriegszeit abzeichnen?

Alles richtig. Doch gab es auf Basis des Horch 930V noch etwas, was zu den elegantesten und zugleich seltensten deutschen Autos der unmittelbaren Vorkriegszeit zählte – und das war der Roadster mit Karosserie von Gläser (Dresden).

Angeblich sollen nur 30 Stück davon gebaut worden sein, nach manchen Quellen noch weniger. Mir war noch nie ein originales Foto dieser Rarität begegnet, als ich wieder einmal elektronische Post von Leser Matthias Schmidt erhielt, zufällig ebenfalls aus Dresden.

Auf dem ersten Bild, das er mir übersandte, ahnte ich noch nicht, was ich da vor mir hatte:

Horch 930V Roadster (Karosserie Gläser); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Natürlich ist schon das begeisternd: Ein Horch-Cabriolet mit perfekten Proportionen und mit genau der richtigen Menge an Zierrat, direkt von vorn aufgenommen. Eine im Auto tänzerisch posierende junge Frau mit einem Lächeln, in das man gern alles Mögliche hineininterpretieren möchte. Der Hund daneben weiß um die Exklusivität seiner Situation.

Aber basiert dieses im Raum Annaberg (Sachsen) zugelassene Schmuckstück von Automobil tatsächlich auf dem Horch 930V? Wo sind denn die ovalen Zierbleche abgeblieben, die oben als typisch für das Modell hervorgehoben wurden? Immerhin: vermissen tut man sie hier nicht.

Tatsächlich kam der von Gläser auf dem Chassis des Horch 930V gebaute Roadster ohne dieses Detail aus. Er hatte andere Reize zu bieten:

Horch 930V Roadster (Karosserie Gläser); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Hier können wir nun die Flanke dieses Wagens genießen, die auf willkommene Weise von einem Paar schlanker Frauenbeine unterbrochen wird, das jedem Fotomodell Ehre machen würde.

Für mich ein Beispiel für die These, dass das klassische Automobil daran zu erkennen ist, dass es zu allen Zeiten vollkommen mit weiblicher Schönheit harmoniert. Kein Wunder, dass in einer Zeit, in der fanatische Ideologen die natürlichen Geschlechter verschwinden lassen wollen, auch keine vergleichbaren automobilen Schöpfungen mehr entstehen.

Wer die Linien dieses Roadsters dennoch „ungestört“ studieren möchte, hat auf der nächsten Aufnahme Gelegenheit dazu – unser schönes Fräulein hat Verständnis für das Ansinnen und gibt sich hier vergleichsweise zurückhaltend:

Horch 930V Roadster (Karosserie Gläser); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Man mag beanstanden, dass der Bildausschnitt nicht ideal ist, auch dass die Schwellerpartie mit der „Gläser“-Plakette am Ende lädiert erscheint und schon einmal (nicht perfekt) überarbeitet wurde.

Doch ändert das nichts an dem bei deutschen Autos der direkten Vorkriegszeit seltenen, beinahe sinnlichen Schwung der Gürtellinie – ich wüsste auf Anhieb wenig Vergleichbares.

Raffiniert auch, dass die Gläser-Leute die Ausführung der Luftschlitze beim Horch 930V ebenso verworfen haben wie die Zierblenden an der Front. Die hier gewählte Ausführung vermeidet parallele Linien in der Horizontalen und unterstreicht das Dynamische an der Karosserie – man sieht förmlich die Luftströmung daran entlangstreichen.

Genug dieser Karosserie-Poesie, denn auch der Innenraum will gewürdigt werden – dort werden wir bereits erwartet:

Horch 930V Roadster (Karosserie Gläser); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Was soll man sagen? Diesem vorbildlich posierenden Hund ist anzusehen, dass auch er es gewohnt war, in einer Welt „bella figura“ zu machen, die damals von der Lebenswirklichkeit fast aller Deutschen so weit entfernt war wie die Rückseite des Mondes.

Dass es das dennoch gab, auch das macht diese Fotos der Nachkriegszeit so berührend – ganz abgesehen von der Seltenheit des herrlichen Horch 930V Roadsters. Offenbar hatten es damals die in Berlin von Moskaus Gnaden regierenden Kommunisten noch nicht geschafft, im Osten unseres Landes die Reste großbürgerlicher Tradition auszurotten.

Dies gelang erst ab den 1970er Jahren mit der weitgehenden Beseitigung des verbliebenen Unternehmertums und dem Ausplündern derer, die über Krieg und sowjetische Besatzung Kunstgegenstände und Luxusobjekte wie diesen Horch hatten retten können.

Möglicherweise ist auch dieser wundervolle Wagen im Zuge der verbrecherischen Umtriebe des SED-Regimes zur Devisenbeschaffung im Westen gelandet. Es würde mich jedenfalls sehr wundern, wenn dieses Traumstück nicht noch irgendwo existiert.

Etwas fehlt aber noch. Zwar verdanke ich es der Findigkeit und Großzügigkeit von Matthias Schmidt, dass ich diese Bilderreihe des Horch 930V Roadster zeigen darf. Doch eine Heckansicht war nicht dabei.

Hier konnte ich selbst Abhilfe schaffen, indem ich einen neuzeitlichen Abzug vom originalen Negativ des einstigen Auto Union-Werksfotografen Friedrich Meiche erworben habe:

Horch 930V Roadster (Gläser); Abzug vom Originalnegativ des Auto Union-Werksfotografen Friedrich Meiche

Auf diesem Foto lassen sich die makellosen Linien des Horch 930V Roadsters mit Gläser-Karosserie studieren – sie passen perfekt zu den Proportionen dieses „kompakten“ Modells.

Was mich an dem Blechkleid aus dieser Perspektive besonders begeistert: Man sieht keine einzige gerade Linie, keinen rechten Winkel – genau wie in der Natur, aus der wir stammen. Hier fehlt nur noch: eine charmante Beifahrerin, leichtes Reisegepäck und Futter für den Hund, ein voller Tank, freie Fahrt für freie Bürger und das Glück wäre vollkommen…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Fuhr einst auch der Mufti: Horch „Salonlimousine“

Heute machen wir Bekanntschaft mit einer illustren Persönlichkeit – und das in zweierlei Hinsicht. Dazu drehen wir das Rad der Zeit über 100 Jahre zurück und finden uns mitten im Ersten Weltkrieg wieder.

Dort sind wir bei früherer Gelegenheit bereits eindrucksvollen Fahrzeugen im Dienst des Deutschen Reichs (oder auch Österreich-Ungarns) begegnet wie diesem:

Horch Tourenwagen, Baujahr: 1913/14, Aufnahme aus dem 1. Weltkrieg; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der trotz des wenig erbaulichen Umfelds beeindruckende Wagen war seinerzeit leicht als Horch von 1913/14 zu identifizieren – weniger wegen des Markenschriftzugs auf dem Kühler als wegen des neu eingeführten „Schnabelkühlers“ mit birnenfömigem Querschnitt.

Die drei schrägstehenden Luftschlitze in der Motorhaube sind ebenfalls typisch für die Wagen der sächsischen Luxusmarke jener Zeit. Dummerweise finden sich genau diese Merkmale in so unterschiedlichen Motorisierungen wie 8/24 PS, 10/30 PS, 14/40 PS, 18/50 PS und 25/60 PS – nur anhand der Proportionen konnte man die Modelle auseinanderhalten.

Speziell in der Ansicht von vorn ist es praktisch unmöglich, sich auf eine der Varianten festzulegen, insbesondere wenn es sich um einen Tourer handelt.

Das Bild ändert sich, wenn man eine der luxuriösen Versionen mit geschlossenem Aufbau vor sich hat – idealerweise auf einer Abbildung, die den Wagen eher von der Seite zeigt:

Horch „Salonwagen“ Typ 14/40 PS oder darüber, Baujahr ab 1914: Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Das Foto dieses mächtigen Wagens verdanken wir einmal mehr dem Spürsinn von Leser und Sammlerkollege Klaas Dierks, der das Auto auch gleich als Horch einordnete.

Soviel Treffsicherheit ist alles andere als selbstverständlich, besitzt dieses Exemplar doch nicht den zeittypischen Schnabelkühler, mit dem Horchs ab 1913 meist daherkamen.

Dennoch besteht an der Identifikation kein Zweifel. So finden sich ab 1914 auch Abbildungen von Horch-Exemplaren mit genau solch einem Spitzkühler, den man damals eher von Benz, Daimler und Opel gewohnt war.

Leider ist hier nicht zu erkennen, ob die Spitzkühlerversion eine „Horch“-Plakette (bzw. zwei davon) trug, wie das nach dem 1. Weltkrieg eine Weile üblich sein sollte.

Dasselbe gilt auch für die wenigen Fotos in der Literatur, die solche frühen Spitzkühler-Horchs zeigen.

Stellt sich die Frage, ob man aus dieser Perspektive eher eine Aussage zur Motorisierung treffen kann. Nun, mit der gebotenen Vorsicht meine ich, dass das tendenziell möglich ist.

Gegen die kleinen Typen 8/24 PS und 10/30 PS (beide seit 1911 im Programm) spricht zum einen die enorme Länge der Haube – darunter befand sich wohl kaum nur ein Aggregat mit 2,1 oder 2,6 Litern Hubraum.

Zum anderen verlangte auch der schwere Aufbau als Chauffeur-Limousine eher nach einem stärkeren Antrieb als bei den meist als Tourenwagen verkauften Horch-Einstiegsmodellen.

Trotz einiger Defekte auf dem Abzug kann man hier einige hübsche Details studieren.

Der Fahrer, der uns hier etwas müde anschaut, hat die Frontscheibe nach vorn umgelegt – frische Luft hilft auch nach einer eher durchgefahrenen als durchgefeierten Nacht den Lebensgeistern auf die Sprünge.

Hinter ihm an der Karosseriesäule, die das weit auskragende und freischwebende Dach trägt, sieht man einen Schalltrichter, über den Anweisungen aus dem Innenraum übertragen wurden.

Wie damals üblich haben wir außerdem in Griffweite die Ballhupe sowie die Betätigungshebel für Handbremse und Gangschaltung.

Mit Riemen an den Felgen der beiden Ersatzräder befestigt sind eine Flasche mit Wasser für den Kühler und ein rechteckiger Kanister, der Motorenöl enthielt. In einem der typischen Dreieckskanister dahinter wurde Reservekraftstoff mitgeführt. Dahinter verbergen sich wohl Schaufel und Hacke für den Fall, dass man sich festfuhr.

Der Adler auf der Tür zum Passagierabteil verrät, dass dieser Horch bei einer Einheit der preußischen Armee eingesetzt war, deren genaue Bezeichnung sich hinter den Kürzeln am hinteren Seitenteil verbirgt (kann jemand die Bedeutung entschlüsseln?).

Genau dieser Aufbau findet sich in der Standardliteratur zu Horch (P. Kirchberg/J. Pönisch, Verlag Delius Klasing) auf Seite 126 der 2. Auflage als sogenannte „Salonlimousine“ wieder.

Der Zufall will es, dass der dort abgebildete Horch auch einen Spitzkühler besitzt. Dieser Wagen war ein mittelgroßer Typ 14/40 PS, der 1916 an einen illustren Besitzer ausgeliefert wurde – den damaligen türkischen Scheich ül-Islam.

Dazu muss man zweierlei wissen: Zum einen war das Osmanische Reich damals ein wichtiger Handelspartner und Verbündeter Deutschlands, zum anderen war der Scheich ül-Islam einer der ranghöchsten Würdenträger.

Hinter der Bezeichnung verbirgt sich das Amt des Mufti, der Fragen des Zusammenlebens aus religiöser Perspektive mit quasi rechtsverbindlichen Auskünften (Fatwa) beantwortete – eine sehr archaische und für Anhänger der europäischen Aufklärung völlig inakzeptable Tradition.

Vermutlich war der für den 1916 amtierenden Scheich ül-Islam angefertigte Horch 14/40 PS ein Geschenk des Deutschen Reichs an die verbündete Türkei. Möglicherweise ist ja etwas über den Verbleib des Wagens bekannt (Hinweise via Kommentarfunktion).

Jedenfalls diente genau solch ein Horch „Salonwagen“ gleichzeitig irgendwo im 1. Weltkrieg auf deutscher Seite einem hohen Militärangehörigen.

Gut möglich, dass es sich ebenfalls um einen Typ 14/40 PS mit 3,6 Litern Hubraum handelte, ich würde aber auch das 18/50 PS Modell nicht ausschließen, für dessen 4,7 Liter-Aggregat reichlich Platz unter der Haube war. Darüber gab es nur noch den 25/60 PS-Typ mit 6,4 Liter Hubraum, der aber weit seltener blieb als die schwächeren Modelle.

Da alle großen Horchs einen ähnlichen Radstand von rund 3,5 Meter aufwiesen und ansonsten im wesentlichen gleich gestaltet waren, wird sich dieses Detail nicht mehr klären lassen. Der Fahrer des heute vorgestellten Wagens konnte aber seinen Kameraden und Angehörigen stolz vermelden: „In so etwas fuhr auch der Mufti!“

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein wundersamer Doppelgänger: Horch 470 & 480

Heute gibt es in meinem Vorkriegsauto-Blog ein Wiedersehen mit alten Bekannten – und das in doppelter Hinsicht. Ermöglicht hat das Dr. Andreas Rosado aus München, der mir zwei schöne Fotos aus dem Familienalbum seiner Gattin zugesandt hat.

Darauf begegnen wir nicht nur einem mondänen Vorkriegsautomobil wieder, das ich hier bereits vorstellen durfte, sondern können uns auch dem Thema „Doppelgänger“ widmen – auf mehreren Ebenen, die die Sphäre des Automobils hinter sich lassen.

Dabei ist der Wagen selbst ein Prachtexemplar, von dem man sich nur schwer losreißen kann – er war schon zu „Lebzeiten“ ein seltener und erhebender Anblick. Rund 350 Exemplare wurden davon 1931/32 in Manufakturarbeit gefertigt.

Die Rede ist vom Horch Typ 470 und seinem Doppelgänger 480 – beide sind meines Erachtens äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden. Hier haben wir die wohl gängigste Ausführung als Sport-Cabriolet:

Horch 470 bzw. 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (via Andreas Rosado, München)

Dass wir einen Horch vor uns haben, das verrät bei etwaigen Zweifeln das gekrönte „H“ auf den Radkappen. Diese finden sich in vollverchromter Ausführung nur bei den Sport-Cabriolets der Horch T-Typen 420, 470 und 480, die 1931 eingeführt wurden.

Die bis zur Windschutzscheibe reichende Motorhaube ist ein weiterer Hinweis auf diese eng miteinander verwandten Achtzylinder-Modelle (90 PS bzw. 100 PS beim Typ 480). Ebenfalls typisch sind die in zwei Reihen übereinander angeordneten Luftschlitze.

Exakt 5 Meter betrug die Gesamtlänge dieser großartigen Geschöpfe Zwickauer Automobilbaukunst, kaum weniger eindrucksvoll ist der Radstand von 3,45 Metern. Kein Wunder, dass der elegant gekleidete Herr daneben recht klein wirkt.

Dass er mit über 1,75 m Körpergröße dennoch fast Gardemaß besaß, zeigt sich beim Anlegen des Lineals anhand des Vergleichs mit dem bekannten Radstand – eine Technik, die nur dann funktioniert, wenn der Wagen möglichst genau von der Seite aufgenommen ist und kein die Proportionen verzerrendes Objektiv verwendet wurde.

Curt Soldan lautete der Name des Horch-Besitzers, er stammte aus Nürnberg und war unübersehbar ein Mensch, der den stilvollen Auftritt beherrschte. Zweifellos wusste er, dass die lässige Pose mit Hand in der Hosentasche nach Filmschauspieler-Vorbild nur solange erlaubt war, wie keine Dame in der Nähe war.

Das bekam ich bereits als 14-jähriger Jüngling von meinem stets mit Anzug und Krawatte gekleideten Großonkel aus Paderborn beigebracht.

Nach dieser persönlichen Abschweifung zurück zum Horch von Curt Soldan, nun aber aus anderer Perspektive – nämlich mit seiner Ehefrau Ilse Soldan-Pfaller, die uns hier im figurbetonenden Kostüm begegnet, das bis in die 1950er Jahre en vogue bleiben sollte:

Horch 470 oder 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz (via Andreas Rosado, München)

Diese Aufnahme gefällt mir noch besser als die vorherige, aus mehreren Gründen:

Zunächst ist ein Foto eines solchen Horch aus dieser Perspektive außergewöhnlich, dazu muss der Fotograf im Straßengraben in die Hocke gegangen sein. Dafür war sich der eben noch so auf’s Äußere bedachte Curt Soldan keineswegs zu fein.

Doch auch damit hat er Geschmack bewiesen, denn das Spiel von Licht und Schatten auf dem Horch und seiner Gattin ist ganz wunderbar. Dieselbe schaut etwas besorgt, aber auch in diesem Moment wirkt sie ausgesprochen fotogen.

Erst auf den zweiten Blick bemerkt man weitere reizvolle Details, die etwas Aufschluss darüber geben, bei welcher Gelegenheit dieses schöne Foto entstanden ist. So sind rechts am Wagen Skier angebracht, wenn nicht alles täuscht.

Zu einer Fahrt in einen Wintersportort würden die grobstolligen Reifen an der Hinterachse passen, die eventuell Schneeketten überflüssig machten. Da der Horch recht verschmutzt erscheint, könnte das Foto eher bei der Rückfahrt aus dem Skiurlaub entstanden sein – eventuell gegen Ostern, als im Flachland der Frühling Einzug hielt.

Was aber hat es mit dem Doppelgänger auf sich, der eingangs in mehrfacher Hinsicht in Aussicht gestellt wurde? Nun, dass die Horch-Typen 470 und 480 rein äußerlich Doppelgänger voneinander waren, das habe ich bereits erwähnt.

Tatsächlich hat das Thema weitere Facetten. Die beiden Fotos, die ein Horch 470 bzw. 480 Sport-Cabriolet mit Curt und Ilse Soldan zeigen, erinnerten mich nämlich an eine Aufnahme aus meinem eigenen Fundus.

Darauf ist nicht nur ein ganz ähnlicher Horch zu sehen, sondern auch ein Paar, das ebenfalls Curt und Ilse Soldan zeigen könnte – neben einem weiteren Paar:

Horch 470 bzw. 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Beim Vergleich unterscheidet sich dieser Horch etwas in der Farbgebung, auch trägt er das bei den Typen 470/480 serienmäßige Steinschlaggitter vor dem Kühler, das an dem Wagen von Curt Soldan fehlt. Die letzte Ziffer des Kennzeichens unterscheidet sich ebenfalls.

Doch die Ähnlichkeit des modisch gekleideten, gut aufgelegten Paares links mit den zuvor getrennt neben ihrem Horch posierenden Eheleuten Soldan ist unübersehbar.

Sollten das wirklich nur Doppelgänger gewesen sein so wie auch das Auto? Das konnte auch die Gattin von Andreas Rosado, aus deren Familie die Fotos des Horch von Curt und Ilse Soldan stammen, nicht mit Gewissheit sagen.

Möglich, dass die Aufnahme aus meiner Sammlung tatsächlich die beiden mit einem Horch desselben Typs zeigt – entweder ihren eigenen mit anderer Zulassung und Detailänderungen am Aufbau oder einen Wagen von Bekannten.

Denn eines ist klar: Wer ein solches enorm kostspieliges Horch-Sportcabriolet fuhr, bewegte sich in einem sehr engen Milieu, in dem die allermeisten der rund 350 Exemplare der beiden Typen 470 bzw. 480 Käufer fanden.

Da ist es am Ende gleichgültig, inwieweit man es mit Doppelgängern zu tun hat oder nicht. Faszinierend sind die wenigen Dokumente dieser herrlichen Luxus-Automobile und ihrer einstigen Besitzer allemal.

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.