Makkaroni machten’s möglich: NAG Typ D 10/45 PS

Italienische Nudeln und ein deutscher Vorkriegswagen – wie soll das zusammengehen? Nun ganz ausgezeichnet, denn als die Berliner NAG 1924 den Nachfolger des verbreiteten Typs C4 10/30 PS vorstellte – das Modell D 10/45 PS – waren Makkaroni fester Bestandteil der deutschen Küche, jedenfalls in großbürgerlichen Kreisen.

So machte ich meine erste Bekanntschaft mit Makkaroni anhand eines Rezepts, das meine aus Schlesien gebürtige Mutter dem Kochbuch meiner Oma entnommen hatte: Dünne Röhrennudeln mit Hackfleisch, Olivenöl, Knoblauch, Nelke, Lorbeerblättern und Oliven, dazu geriebener Parmesankäse.

Besagtes Kochbuch stammte aus den 1920/30er Jahren und ging im Januar 1945 mit auf die Flucht vor der näherrückenden Roten Armee. Meine Mutter war damals 13 Jahre alt und erzählte später, dass sie sich an die Einkäufe in einem Liegnitzer Geschäft erinnern konnte, in dem es bis Kriegsausbruch die Zutaten für solche „exotischen“ Gerichte gab.

In meiner Kindheit waren Makkaroni nach dem Rezept meiner Großmutter mein absoluter Favorit und wohl nicht zufällig gilt meine kulinarische Leidenschaft der italienischen Pasta in allen ihren Erscheinungsformen. Kartoffeln kommen mir nur als Gnocchi ins Haus…

Die perfekte Illustration zur steilen Karriere der Makkaroni im Deutschland der Vorkriegszeit kann ich heute zusammen mit dieser Aufnahme eines NAG Typ D 10/45 PS liefern :

NAG Typ D 10/45 PS Tourer; Originalfoto aus Besitz der Familie Dankelmann (heute: Sammlung Johannes Gruß, Gerolstein), bereitgestellt von Erik Dünnebier

Dieser eindrucksvolle Tourenwagen verdient seine Wirkung nicht nur der schieren Größe, sondern auch dem prächtigen Spitzkühler, den die traditionsreiche NAG bei diesem Typ zum letzten Mal einsetzte.

Vom Vorgängermodell C 10/30 PS ist der NAG Typ D äußerlich vor allem durch die vorderen Trommelbremsen zu unterscheiden. Unter der Haube hatte man dem Vierzylindermotor ein wenig mehr Hubraum (2,6 Liter) gegönnt und die Ventile von „seitlich stehend“ auf „oben hängend“ geändert – das kam der Drehfreude und der Spitzenleistung deutlich zugute.

Gleichwohl scheint sich dieser letzte Spitzkühler-NAG nicht mehr so gut verkauft zu haben wie der Vorgänger, was sich auch in meiner NAG-Galerie widerspiegelt. Wer einen ausgereiften und robusten Tourenwagen mit solider Leistung wünschte und die traditionelle Optik schätzte, war gleichwohl mit dem Typ 10/45 PS ganz auf der sicheren Seite.

Im vorliegenden Fall waren die Besitzer und Insassen Angehörige der Familie Dankelmann. Dieser gehörte im sächsischen Niedersedlitz eine florierende Fabrik für Makkaroni und andere Nudelspezialitäten:

Briefkopf der A. Dankelmann GmbH; Original aus Besitz der Familie Dankelmann (via Erik Dünnebier)

Die eindrucksvollen Fabrikgebäude auf diesem Briefkopf der A. Dankelmann GmbH lassen den unternehmerischen Erfolg ahnen, den man mit der großangelegten Produktion von Weizennudeln am deutschen Markt hatte.

Den NAG der Familie Dankelmann machten letztlich Makkaroni möglich – was im Titel auf den ersten Blick irritieren mochte, wird hier vollkommen plausibel.

Erik Dünnebier, der mir das Foto des NAG als digitale Kopie zusandte, versicherte mir, dass alle darauf abgebildeten Personen bekannt seien – auch der Chauffeur, der in der Familie als „der Urban“ bekannt war.

Wie so oft steht der Fahrer nicht abseits, sondern posiert ebenso selbstbewusst wie lässig wie die Mitglieder der Familie, bei der er angestellt war und die ihn zweifellos schätzte.

Er war der Garant dafür, dass der NAG stets einsatzbereit und auch auf Reisen zuverlässig war – eine enorme Verantwortung, denn einen Pannendienst gab es damals noch nicht.

Übrigens sehen wir den NAG hier um 1926 bei einer Ausfahrt ins Erzgebirge und weil es der Situation noch mehr Leben einhaucht, habe ich eine kolorierte Variante erstellt, die ein plausibles Gesamtbild ergibt, wenngleich sich einige Farben nicht genau definieren lassen:

Näher können wir diesem Augenblick im Leben der Angehörigen der Nudeldynastie Dankelmann in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre kaum kommen.

Wenn Sie das nächste Mal Makkaroni auf dem Teller haben, haben sie vielleicht einen anderen Blick darauf und mögen denken: „Damit ließ sich auch im Vorkriegsdeutschland ein hübsches Vermögen machen.“

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Die Schönen und das Biest: Renault Reinastella

„Jetzt wiederholt er sich aber“ – mag angesichts des Titels einer meiner rund 4.000 Leser denken, die monatlich Beiträge oder Dokumente in meinen Blog aufrufen.

„Nicht ganz“, sage ich da – wobei die meisten Freunde von Vorkriegsautos Wiederholungen durchaus schätzen, speziell wenn es um „ihre“ Marke oder „ihren“ Wagen geht.

Tatsächlich habe ich unter ganz ähnlichem Titel „Die Schöne und das Biest“ vor einiger Zeit einen Delahaye vorgestellt. Es ist kein Zufall, dass heute wieder ein französisches Fabrikat unter diesem Motto an der Reihe ist – bloß in der Mehrzahl.

Nach Durchsicht einiger tausend Fotos von Vorkriegsautos erlaube ich mir das Urteil, dass solche Aufnahmen öfters durch weibliche Schönheit geadelt werden, wenn sie in Frankreich aufgenommen wurden – auch auf zeitgenössichen Autoreklamen machen die Französinnen oft bessere Figur als ihre Geschlechtsgenossinnen im weniger kultivierten Germanien.

Ausnahmen bestätigen natürlich diese von mir aufgestellte Behauptung, die immerhin durch die Tatsache gestützt wird, dass Paris damals die Welthauptstadt der Mode war.

Was aber hat es diesmal mit dem „Biest“ auf sich? Hatte ich nicht erst vor kurzem hier einen Renault „Reinastella“ gefeiert“? Der kann doch nicht gemeint sein, oder?

Nun, als extravagant gepriesen hatte ich dessen Karosserie schon, die von Kellner (Paris) geschaffen worden war. Als Schönheit würde ich das Modell aber auch mit konventionellem Aufbau nach wie vor nicht durchgehen lassen – eher im Gegenteil:

Renault Reinastella „Berline Décapotable“; Originalfoto aus Sammlung Raoul Rainer

Das ist erst einmal ein grandioses Foto – aufgenommen irgendwo an der französischen Küste. Zu verdanken habe ich dieses schöne Dokument Leser und Sammlerkollege Raoul Rainer aus Stuttgart.

Er pflegt im Netz eine erlesene Galerie mit historischen Fotos, die klassische Automobile und Porträts von Menschen zeigen, oft zusammen – Motto: „Vintage Cars & People“. Reich vertreten sind dort auch Nachkriegsfahrzeuge in allen Lebenslagen.

Die Qualität der von Raoul Rainer ausgewählten Aufnahmen ist durchweg ausgezeichnet, nicht nur in technischer Hinsicht, auch die Situationen sind von großem Reiz. In gewisser Weise ist seine Sammlung eine Dokumentation der Sehnsüchte unserer Vorfahren.

Obiges Foto sandte Raoul Rainer mir zu, nachdem er meinen Blogeintrag zum Renault Reinastella mit „Scaphandrier“-Aufbau von Kellner (Paris) gelesen hatte. Während hier „nur“ eine Werkskarosserie zu sehen ist, erlaubt die fotografische Güte ein besseres Studium der Details des Aufbaus:

Unter dieser mächtigen Haube verbirgt sich zwar ein 7,1 Liter messender Achtzylindermotor mit weit über 100 PS Leistung, aber Hand auf’s Herz: Die Gestaltung mit den grob ausgestanzten Luftschlitzen vor dem Kühler ist doch arg ernüchternd.

Das Auge sucht auch vergeblich Halt auf der riesigen Haubenseite. In merkwürdigem Spannungsverhältnis zu dieser ungeschlachten Frontpartie stehen filigrane Details wie die Positionsleuchten und die Halterung der Sonnenblende über der Windschutzscheibe.

Der Renault „Reinastella“ war der erste, der nicht mehr den bis dato markentypischen hinter dem Motor stehenden Kühler besaß. Doch die Haubenform, die an eine umgedrehte Kohlenschaufel (ich weiß: heute tabu!) erinnert, behielt man vorerst noch bei.

Dieser ästhetische Fehlgriff ist es, auf den das „Biest“ im Titel anspielt. Doch keine Sorge, das Thema wird nicht weiter vertieft (die Front wurde auch von Renault bald verworfen).

Wenden wir uns stattdessen nun den „Schönen“ zu, die sich einst diesem Monstrum zugesellten, um die Erinnerung an einen Ausflug ans Meer festzuhalten.

Ob sie dabei an die Nachwelt im 21. Jahrhundert gedacht haben, darf man bezweifeln. Jedenfalls haben sie uns mit dieser Momentaufnahme aus ihrem längst vergangenen Dasein eine große Freude gemacht:

Nana, meine Herren, denken Sie nicht einen Moment daran, die beste aller Ehefrauen gegen eine dieser Damen einzutauschen. Sie waren schließlich in festen Händen…

Und an die weiblichen Leser gewandt: Machen Sie nicht den Fehler, die beiden gut gebräunten Herren mit Brille für spannende Intellektuelle zu halten, die ihnen bei einigen Flaschen Wein die Welt erklären können und dabei tadellose Manieren wahren…

Nein, hier haben sich zwei großstädtische Schönheiten zielsicher entweder Pariser Beamte in Spitzenposition oder erfolgreiche Unternehmer geangelt – jedenfalls Vertreter von Berufen, die dank ausgiebigen Studiums von Akten und Bilanzen an Kurzsichtigkeit leiden.

Die souveräne Pose vor der Kamera, das perfekte Makeup, die figurbetonende Kleidung und vorteilhafte Haltung weisen diese prächtigen Frauenzimmer als Angehörige der Bourgeoisie aus, welche von den Verfechtern materieller Gleichheit von jeher nur deshalb verachtet wird, weil sie selbst nicht so privilegiert sind (aber es gern wären).

Den Arbeitern, die einst diesen Renault bauten, hat übrigens Robert Doisneau ein fotografisches Denkmal gesetzt – meine Empfehlung an dieser Stelle für diejenigen, die sich für Industrieästhetik und für die „humanistische Fotografie“ interessieren.

Wir lassen es für heute bei der schönen Aufnahme von Raoul Rainer bewenden, die vor rund 90 Jahren in einem französischen Badeort entstand, und versuchen, ihr noch ein wenig mehr Leben abzugewinnen, soweit die Technik dies erlaubt:

Eines noch der Vollständigkeit halber: Der Aufbau dieses Renault „Reinastella“ trug die Bezeichnung „berline décapotable“ – was der Cabriolimousine im deutschen Sprachraum entspricht.

Im Unterschied zum Cabriolet blieben hier beim Niederlegen des Verdecks massive seitliche Fensterrahmen stehen, sodass man den Himmel über sich und die Landluft genießen konnte, aber sich nicht die Frisur ruinierte oder eine zugbedingte Erkältung riskierte.

Das volle Freilufterlebnis überließ man in den 1930er Jahren mehr oder weniger echten Sportfahrern oder großstädtischen Autoposierern, die es auch damals schon gab…

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Ein ganzer Kerl, dank DEROP: Buick von 1929

„Schon wieder ein Ami, und dann bloß ein Buick – dabei hat der Juni doch so grandios begonnen – mit Sonne satt nach einem unterkühlten und feuchten Frühjahr!“

Wer so denkt, dem sei gesagt: „Das muss so sein, denn auch das war Alltag auf deutschen Straßen vor gut 90 Jahren. Und ein Buick vom Fließband war damals große Klasse.“

Tatsächlich begegnete man damals den eindrucksvollen Buick-Sechszylindertypen des Modelljahrs 1929 mit 75 oder 95 PS hierzulande weit öfter, als das bei einschlägigen Klassikerveranstaltungen im 21. Jahrhundert der Fall ist.

Hier haben wir ein solches Exemplar, das einst im Raum Magdeburg zugelassen war:

Buick Modelljahr 1929, Zulassung: Magdeburg; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Da der Wagen ohne die aufpreispflichtigen Stoßstangen auskam, kann man hier die Kühlerpartie so gut studieren wie nur selten. So sieht man das auch als Schmutzabweiser dienende Abschlussblech am Unterteil des Kühlergehäuses, das sonst verborgen war.

Die Anbringung des Markenlogos auf dem Kühlergrill ist typisch für das Modelljahr 1929. Unter dem Blech hatte sich mehr getan, als die moderate optische Überarbeitung ahnen lässt. Das Chassis war komplett überarbeitet worden, Stoßdämpfer und elektrische Scheibenwischer wurden verbaut und die Motoren weiter vergrößert.

Das „kleinere“ Modell verfügte über knapp 4 Liter Hubraum, das größere brachte es auf gut 5 Liter. 75 bzw. 95 PS Spitzenleistung waren damit drin, in dieser Größenordnung bewegten sich damals die weit teureren, wenn auch raffinierteren Achtzylindertypen von Horch.

So verwundert es nicht, dass man einst auch in der Münchener „Schickeria“ sich für solch einen „Amerikanerwagen“ aus Massenproduktion nicht zu schade war – denn der Buick von 1929 war unübersehbar ein ganzer Kerl:

Buick Modelljahr 1929, Zulassung: München; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ich glaube zu wissen, was jetzt in den Köpfen von Leser abläuft, die wie ich in der guten alten Bundesrepublik sozialisiert wurden:

„Ein ganzer Kerl – dank Chappi“ – dieser Werbespruch für eine übrigens ebenfalls aus der Vorkriegszeit stammende Hundefuttermarke ist in den Gehirnen einer ganzen Generation fest einzementiert und dürfte noch die eine oder andere Demenzattacke überstehen.

Mit dem prächtigen Schäferhund, der hier stolz mit Frauchen vor „seinem“ Wagen posiert, hätte man man schon damals erfolgreich werben können. Doch Autos brauchen nun einmal „raffiniertere“ Nahrung, daher die Abwandlung „Ein ganzer Kerl – dank Derop“.

DEROP war der Markenname, unter dem die Deutsche Vertriebsgesellschaft für Russische Oel-Produkte AG ab 1929 Kraftstoffe in Deutschland vertrieb. Passenderweise sehen wir im Hintergrund der Aufnahme eine entsprechende Tankstelle, sodass wir davon ausgehen dürfen, dass dieser Buick sich gerade seine Portion Benzin einverleibt hat.

Und weil das so ein schönes Motiv ist – Hunde mit historischen Automobilen könnten glatt das Thema für eine eigene Publikation abgeben – bringe ich es hier nochmals in Farbe:

Der so überaus lebendig wiedergegebene Hund bringt mich auf eine weitere Analogie:

So wie das aus den USA stammende Hundefutter Chappi wegen des großen Erfolgs auch in Deutschland hergestellt wurde, baute Buick seine in Deutschland stark gefragten Wagen ab 1927 ebenfalls dort -und zwar in einem Montagewerk in Berlin-Borsigwalde.

Kenner der ungeheuer reichen Berliner Vorkriegsautowelt wissen das natürlich, aber für alle anderen kann ich mit einer Detailaufnahme aufwarten, die genau das belegt und zwar anhand eines der wenigen überlebenden hierzulande gebauten Buick von 1929:

Diese Detailaufnahme verdanke ich einem Leser, der das noch unrestaurierte, aber gut erhaltene Auto vor einigen Jahren erworben hat. Der Herstellungsort ist hier auf dem Typenschild angegeben, außerdem der gegenüber dem US-Original leicht verringerte Hubraum des 75 PS-Modells von 1929.

Ich hoffe, dass dieses eindrucksvolle Fahrzeug – eine Limousine, soweit ich mich erinnere – nach einer technischen Überholung und sorgfältigen Konservierung des Originalzustands mittlerweile wieder einsatzfähig oder zumindest in einer Ausstellung zugänglich ist.

„Ein ganzer Kerl – dank Aral“ – so müsste der Titel der modernen Fassung eines solchen Fotos wohl lauten, wenn der Buick heute stilgerecht beim DEROP-Nachfolger tanken würde, am besten in ebenso charmanter und liebenswerter Begleitung wie einst vor 90 Jahren…

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Glanzvoll in den Untergang: Gräf & Stift 18/32 PS

Für die Kenner österreichischer Vorkriegsautomobile, von denen es in Deutschland leider nur wenige zu geben scheint, geht nichts über die Kreationen der Wiener Manufaktur Gräf & Stift, deren Tradition bis ins späte 19. Jh. zurückreicht.

Nach ersten Gehversuchen mit konventionellen Modellen, die wie bei so vielen Herstellern in deutschsprachigen Raum anfänglich noch französischen Vorbildern folgten, beschritt man ab 1907 eigene Wege und widmete sich ganz der Fertigung von Oberklasse-Automobilen.

Bald wurde Gräf & Stift die bevorzugte Marke des österreichischen Kaisers, der zugleich König von Ungarn war – man kennt die Doppelmonarchie auch unter dem Kürzel „KuK“.

Der Vielvölkerstaat verband übergreifende gesamtstaatliche Elemente mit Respekt vor lokaler Identität und war damit das genaue Gegenteil des auf rücksichtslose Gleichschaltung fixierten Technokraten-Regimes der sogenannten Europäischen Union.

Das faszinierende kuk-Gebilde fiel bekanntlich dem 1. Weltkrieg zum Opfer, welcher sich aus einem unbedeutenden Lokalkonflikt Österreich-Ungarns mit Serbien ergab und an dem die späteren Sieger mindestens ebensoviel Schuld tragen wie die unterlegenen Parteien.

Die folgende Aufnahme transportiert uns mitten hinein in das damalige Geschehen:

Gräf & Stift Spitzkühlermodell im 1. Weltkrieg; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf diesem technischen hervorragenden Foto sehen wir noch einmal die Opulenz von KuK kurz vor ihrem Untergang: Die Männer in dem Wagen sind Soldaten der kuk-Armee, sie könnten aus unterschiedlichen Ländern des Riesenreichs stammen.

Das Automobil ist unübersehbar österreichischer Herkunft – ein Gräf & Stift mit Spitzkühler, wie er 1914 eingeführt wurde.

Für den Hund, der hier mit von der Partie ist, kommen ebenfalls alle Länder des Österreichisch-Ungarischen Reichs als Heimat in Betracht, darunter Böhmen, die Slowakei, Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina sowie Teile der heutigen Territorien Polens, Rumäniens, Italiens und der Ukraine.

Etwas genauer bestimmen lässt sich immerhin der Wagentyp, wenngleich mir ein vergleichbares Foto eines solchen Spitzkühlermodells von Gräf & Stift aus dem 1. Weltkrieg noch nicht untergekommen ist.

Bis zum 1. Weltkrieg waren die Automobile der Marke bei äußerlich sehr ähnlichem Erscheinungsbild mit Vierzylinder-Motoren erhältlich, deren Leistung von 22 bis 65 PS reichte. Damit korrespondierte eine Hubraum-Bandbreite von gut 4 Litern bis 10 Litern.

So konnte ich es zumindest Heinrich von Fersens Standardwerk „Autos in Deutschlad 1885-1920 entnehmen, welches auch einige österreichische Fabrikate abhandelt. Das Opus ist zwar mittlerweile bald 60 Jahre alt, aber es bietet trotz mancher Schwächen immer noch Informationen, die man andernorts so komprimiert kaum findet.

Vielleicht kennt ja ein Leser eine Gesamtdarstellung aller Gräf & Stift-Typen bis 1918 mit vollständigen technischen Daten – das muss es doch mittlerweile irgendwo geben.

Unterdessen bleibt uns nur, über die Motorisierung des prachtvollen Exemplars zu sinnieren, das sich auf diesem außergewöhnlichen Foto erhalten hat, welches von einer nachträglichen Kolorierung nochmals profitiert:

Was für ein Aggregat verbarg sich unter dieser im Original feldgrau lackierten Motorhaube? Nun, die kleinste Version mit 22 PS darf man ausschließen, sie scheint nur bis 1913 gebaut worden zu sein, der Spitzkühler taucht bei Gräf & Stift aber erst ab 1914 auf.

Den gigantischen10-Liter-Motor der 65 PS-Ausführung darf man wohl als zu exotisch ausschließen, auch dürfte der Vorderwagen dafür zu klein gewesen sein.

Bedenkt man, dass der österreichische Kaiser (und König von Ungarn) seinerzeit einen Gräf & Stift mit dem 45 PS starken 7,3-Liter-Motor besaß, was für ein gewisse Exklusivität spricht, kommt aus meiner Sicht der etwa schwächer Typ 18/32 PS am ehesten in Betracht.

Ganz ausschließen können wir die stärkeren Modelle aber nicht, wissen wir doch nicht, welcher Persönlichkeit dieser Wagen zur Verfügung stand.

Am Ende gilt es, auch den Insassen nach über 100 Jahren die letzte Ehre zu erweisen. Das große Rad der Zeit ist über sie ebenso hinweggegangen wie wahrscheinlich über den Wagen, der bereits erste „Kampfspuren“ aufweist und gegen Kriegsende vermutlich einen zunehmend rücksichtslosen Einsatz erfuhr.

Was mag den Männern in dem Wagen zum Aufnahmezeitpunkt wohl durch den Kopf gegangen sein? Sie scheinen von der Situation entweder überrascht worden zu sein oder diese gar nicht bemerkt zu haben:

Die beiden Herren vorn waren übrigens Mannschaftsdienstgrade, während wir es hinten mit einem Fähnrich (und am Heck des Wagens) mit einem Leutnant zu tun haben (Hinweis von Leser Klaas Dierks).

Ebenfalls Leserhinweisen verdanke ich die Identifikation des Truppenteils, dem diese Männer angehörte – es war die Fliegertruppe (zu erkennen am Ballon auf den Kragenspiegeln des Fähnrichs und des Leutnants).

Viel näher an das schicksalhafte Geschehen vor über 100 Jahren und an einen solchen frühen Gräf & Stift-Wagen mit Spitzkühler kommen wir im 21. Jahrhundert nicht mehr heran.

Dokumente wie dieses sind unübersehbar weit mehr als nur Momentaufnahmen irgendwelcher alter Autos. Sie erzählen zugleich von Glanz und Elend einer Welt, die untergegangen zu sein scheint, die im Fall der einstigen kuk-Gebiete aber in Teilen noch erstaunlich lebendig ist und vom alten Europa weit mehr bewahrt hat, als man denkt…

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Ganz groß in Mode: Ein Apollo 10 PS-Typ

Die Automobile der Apollo-Werke aus dem thüringischen Apolda spielten in der Anfangszeit meines Blogs kaum eine Rolle – zu selten fanden sich zeitgenössische Fotos und zu wenig geschult war mein Blick für diese oft technisch interessanten und markant gestalteten Wagen.

Doch seit einiger Zeit könnten meine Leser den Eindruck gewinnen, als käme die Marke bei mir groß in Mode – erst vor kurzem habe ich den trotz seiner Kompaktheit konstruktiv bemerkenswerten 4-PS-Typ vorgestellt.

Mittlerweile liegen mir etliche weitere originale Aufnahmen diverser Apollo-Typen vor, die nach und nach in die Markengalerie aufgenommen und im Blog besprochen werden.

Heute geht es um ein Modell, das vermutlich die meisten unter Ihnen noch nie gesehen haben – kein Wunder, da die mir bekannte Literatur nur ein einziges Foto davon enthält. Dabei war der Typ einst ganz groß in Mode, und das gleich in mehrfacher Hinsicht:

Apollo Typ 10/30 oder 10/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Groß war dieser klassische Tourenwagen der frühen 1920er Jahre ganz zweifellos. Und in Mode war zumindest der an der Unterseite fast wie ein Rammsporn auslaufende Spitzkühler – zumindest im deutschsprachigen Raum.

Dieser war mir zuerst bei einem weiteren Tourer aufgefallen, den ich gelegentlich ebenfalls vorstellen möchte, und der mir lange Zeit Kopfzerbrechen bereitete.

Erst die Beschäftigung mit den sportlich angehauchten kleinen Apollo-Typen schärfte meinen Blick für die Kühlergestaltung der Marke in der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg.

Bei der Literaturdurchsicht stieß ich dann ausgerechnet im lange vergriffenen Standardwerk „Autos in Deutschland 1920-1945“ von Heinrich v. Fersen auf das bisher einzige mir bekannte Foto, das einen großen Tourenwagen mit genau einer solchen Kühlerpartie zeigt:

Im Werk von v. Fersen wird der Wagen als Typ 10/40 PS angesprochen (das dort abgedruckte Foto findet sich auch online auf der Website von Wolfgang H. Spitzbarth).

Dieses 2,6 Liter-Modell mit konventionellem seitlichen Ventilantrieb wurde bereits vor dem 1. Weltkrieg eingeführt. 1911 erschien es als 10/24 PS-Typ, ab 1912 wurde es in der Motorisierung 10/30 PS angeboten.

Schon 1918 wurde die Produktion des Apollo 10/30 PS (Typ R) wieder aufgenommen. Später (die Angaben variieren) wurde die Leistung auf 40 PS gesteigert.

Nicht herausfinden konnte ich, wann genau der Übergang zum modischen Spitzkühler erfolgte. Die Exemplare des Typs vor Beginn des 1. Weltkriegs scheinen noch einen Flachkühler besessen zu haben.

Anfang der 1920er Jahre jedenfalls wurde der Apollo Typ R 10/30 PS bzw. 10/40 PS mit besagtem Spitzkühler gebaut, der hier natürlich noch eindrucksvoller ausfiel als beim kleinen Sporttyp 4/14 bzw. 4/16 PS.

Die perfekte Ergänzung dieses modischen Akzents an diesem großen Apollo ist zweifellos die junge Dame im hellen und leichten Sommer-Outfit:

Der weite Kragen und der schlichte Schnitt des Oberteils stehen in starkem Kontrast zur Mode der Vorkriegszeit, die einerseits mehr Haut bedeckte, andererseits oft mit verspieltem Dekor aufwartete. Die Kopfbedeckung scheint statt eines Huts eher eine voluminöse Mütze zu sein, welche die Frisur vor dem Fahrtwind schützen sollte.

Die Beinlänge des Rocks bzw. Kleids (ganz lässt sich das nicht erkennen) deutet darauf hin, dass wir uns hier wohl erst kurz nach dem 1. Weltkrieg befinden – die Zeit der großen Beinfreiheit bei den Damen sollte erst später einsetzen.

Bemerkenswert ist, dass diese junge Frau, die uns hier verhalten lächelnd nach fast 100 Jahren anblickt, außer vielleicht ein, zwei Ringen gar keinen Schmuck zu tragen scheint. Sie scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass sie keinen weiteren Dekor nötig hat.

Dieser schlichte, neue Look mit einem Hauch Sportlichkeit war damals groß in Mode und stand einer Automobilistin gut zu Gesicht, auch wenn sie selbst sehr wahrscheinlich „nur“ Passagierin war – im Nachkriegsdeutschland war das tatsächlich ein unerhörtes Privileg.

Sie hatte es offenbar in materieller Hinsicht sehr gut getroffen – man wünscht ihr nachträglich, dass das Schicksal auch sonst wohlwollend mit ihr verfahren ist, was in den damaligen Zeiten auch in gutsituierten Kreisen nicht selbstverständlich war.

Vielleicht kommt irgendwann ja dieser schöne Stil wieder groß in Mode – wenngleich es dazu einer renaissancehaften Besinnung auf die Traditionen des alten Europa bedurfte, die ich mir auf Generationen hin nicht vorstellen kann.

Doch immerhin können wir die stilvolle junge Dame und den eindrucksvollen Apollo mit den Mitteln der modernen Technik (so ziemlich das Einzige, wo ich einen zivilisatorischen Fortschritt sehe) zu uns in die Gegenwart holen – und das ist doch immerhin etwas…

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Zwei unzertrennliche Typen: Dixi G1 und G2

Die Marke „Dixi“ lässt die meisten Freunde deutscher Vorkriegswagen an das letzte Modell denken, das die Eisenacher Fahrzeugfabrik fertigte – den Lizenznachbau des britischen Kleinwagens Austin Seven.

Von diesem Typ DA1 3/15 PS haben mit Abstand die meisten Dixi-Exemplare überlebt.

Bevor 1928 die neue Mutter – BMW aus München – die Fertigung in Eisenach mit anfänglich nur geringen Änderungen übernahm, trugen die Dixis des Typs 3/15 PS wie ihre Vorgänger seit Anfang der 1920er Jahre einen Kentauren auf dem Kühler.

Dieser war mal als Figur auf dem Kühlerdeckel ausgeführt, mal nur als Plakette wie bei diesem Exemplar:

Dixi Typ DA 1 3/15 PS; Originalfoto via Wolf-Dieter Ternedde (Seesen)

Diese hübsche Aufnahme hat den seltenen Vorzug, dass wir genau wissen, wo sie entstand und wer in dem Dixi abgelichtet wurde: Der vergnügte Fahrer hieß Herbert Wadsack und stammte aus Seesen im Harz – dort lebt auch Wolf-Dieter Ternedde, über den ich die digitale Kopie des Fotos erhielt.

Der Erfolg des kleinen Dixi 3/15 PS hat später die Erinnerung an die früheren und meist wesentlich größeren Modelle der Eisenacher Fahrzeugfabrik verblassen lassen. Dort hatte man bereits 1899 mit dem Automobilbau begonnen – zunächst unter der Marke „Wartburg“.

Von den frühen Dixi-Wagen, die vor dem 1. Weltkrieg entstanden, konnte ich bereits einige Exemplare auf alten Fotografien dingfest machen (siehe meine Dixi-Galerie).

Doch in größerer Anzahl finden sich erst Aufnahmen der Nachkriegsmodelle G1 und G2, um die es heute geht. Dabei handelte es sich ganz im Sinne des Titels meines heutigen Blog-Eintrags um Typen, die eine enge Verbindung miteinander aufweisen.

Den nach dem 1. Weltkrieg neu entwickelte Dixi Typ G1 6/18 PS hatte ich schon wiederholt zu Gast. Die Freunde der Marke wird es aber sicher freuen, dass in der Zwischenzeit ein „neues“ Foto davon aufgetaucht ist:

Dixi Typ G1 6/18 PS; Originalfoto bereitgestellt von Jürgen Ulloth

Diese trotz technischer Unzulänglichkeiten sehr wirkungsvolle Aufnahme verdanke ich Leser Jürgen Ulloth.

Man sieht hier alle wesentlichen Identifikationsmerkmale des Typs G1: Auf den hinteren Teil der Motorhaube beschränkte schrägstehende Luftschlitze, serienmäßig Drahtspeichenräder (bei deutschen Herstellern damals die Ausnahme), eine leicht geneigte, mittig unterteilte Windschutzscheibe und den typischen Spitzkühler, gekrönt vom vorwärtsstürmenden Kentauren – einem Fabelwesen halb Pferd, halb Mensch:

In dieser Form wurde der Dixi Typ G1 von 1921-23 gebaut – weitgehend unverändert mit dem kompakten 1,6 Liter-Vierzylinder, dessen 18 PS immerhin Spitze 70 km/h ermöglichten.

Eine Änderung betraf die Lage des Schalthebels – dieser wanderte im letzten Produktionsjahr von rechts außen in den Innenraum des Wagens (Quelle: Halwart Schrader: BMW Automobile, 1978).

Im selben Jahr wurden dem prinzipiell baugleichen Motor durch Feinarbeit sechs weitere Pferdestärken entlockt, die den Kentauren auf dem Kühler nun mit Maximaltempo 75 km/h dahingaloppieren ließen.

Dies rechtfertigte die neue Typbezeichnung G2 6/24 PS, doch ansonsten kann man von zwei Typen sprechen, zwischen denen eine denkbar enge Verbindung bestand. Äußerlich scheint nur die größere Zahl an Luftschlitzen den Dixi G2 ausgezeichnet zu haben:

Dixi Typ G2 6/24 PS Landaulet; Originalfoto aus Sammlung René Förschner

Der Dixi 6/24 PS auf diesem Foto aus Sammlung von René Förschner muss zwar ohne die Kühlerfigur auskommen, an seiner Identität besteht aber kein Zweifel – kein anderer deutscher Wagen wies nach dem 1. Weltkrieg diese Kombination von Spitzkühler, Drahtspeichenrädern und breiten Luftschlitzen in der Haube auf.

Zum Vergleich sei auf einen Dixi desselben Typs verwiesen, den ich hier vor längerem vorgestellt habe. Eine Besonderheit weist der Dixi dem Foto von René Förschner auf – er besitzt einen repräsentativen Aufbau als Landaulet, wie er sich öfters bei Taxis fand.

Die Dixi-Freunde werden nichts dagegen haben, nun noch eine dritte Aufnahme eines G-Typs vorgestellt zu bekommen, gibt es doch außer der Website von Helmut Kasimirowicz zum Dixi DA 3/15 PS und seinen Verwandten im Netz kaum etwas über die Marke.

Einmal mehr zahlt sich dabei die Zusammenarbeit mit anderen Sammlern aus, ohne deren Bildbeiträge ich nicht imstande wäre, ein derart umfassendes und facettenreiches Bild der Vorkriegs-Automobilität in deutschen Landen zu zeichnen.

So hat im vorliegenden Fall Klaas Dierks eine Aufnahme eines Dixi G-Typs beigesteuert, die an technischer und gestalterischer Qualität nicht leicht zu übertreffen ist:

Dixi G-Typ; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hier stimmen Blickwinkel, Schärfe und Kontrast – aber auch die Situation, die dem technischen Gegenstand Automobil das benötigte Quentchen Leben einhaucht.

Nur einen Gefallen hat uns der Fotograf dieses einst im Raum Ulm zugelassenen Prachtexemplars nicht getan: Wieviele Luftschlitze sich in der Haubenseite befinden, ist nicht zu erkennen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich die Frage aufwerfen, ob es überhaupt einen festen Zusammenhang zwischen der Zahl der Luftschlitze und der Zugehörigeit zu einem der beiden Dixi-Typen G1 und G2 gab.

In der Literatur werden nämlich bisweilen auch Dixi-Wagen der ersten Hälfte der 1920er Jahre als der stärkere Typ G2 angesprochen, die nur vier Schlitze im hinteren Teil der Motorhaube besitzen.

Dies kann auf eine Übergangsphase zwischen den beiden „unzertrennlichen Typen“ hinweisen, aber auch schlicht einer der Ungenauigkeiten sein, die sich vor allem durch die ältere deutsche Automobilliteratur ziehen.

Wie dem auch sei – am Ende faszinieren auf dem Foto von Klaas Dierks mehr die beiden offenbar unzertrennlichen Typen, von denen der eine dem anderen gerade Feuer gibt:

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Stets für eine Überraschung gut: Chevrolet 1929

Ich weiß zwar nicht, ob meine Leser es schätzen, aber ich lege bei der Besprechung von Vorkriegsautos, die einst in deutschen Landen unterwegs waren, auch Wert darauf, der zeitweilig enormen Präsenz von US-Fabrikaten Rechnung zu tragen.

So weit ich weiß, kommen in sonst keinem deutschsprachigen Medium amerikanische Vorkriegsmodelle so häufig zu ihrem Recht. Das ist keineswegs Reflex einer speziellen Vorliebe, es hat sich einfach so ergeben.

Denn ich versuche, in meinem Blog-Projekt möglichst die ganze Bandbreite an Automobilen zu berücksichtigen, die einst die Straßen Deutschlands belebt haben. Leiten lasse ich mich dabei von dem Angebot an erhaltenen zeitgenössischen Fotos, das heute ein weit repräsentativeres Bild der Markenvielfalt zeichnet als jede Klassikerveranstaltung.

Insofern sind selbst Aufnahmen einst sehr weit verbreiteter US-Wagen stets für eine Überraschung gut, weil abgesehen von den bekannten Ford-Modellen keiner davon mehr in größerer Zahl hierzulande existiert.

Dass dies speziell Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre ganz anders aussah, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Nachbarländern, lässt sich am Chevrolet des Modelljahrs 1929 illustrieren.

Über 1,3 Millionen Exemplare wurden davon gebaut und trugen nicht zufällig die Bezeichnung „International“ – kein Wunder, dass sie einem auch in der Alten Welt auf Schritt und Tritt begegnen:

Chevrolet International AC von 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir die gängige Ausführung als zweitürige Limousine („2-door coach“) vor uns – mit dänischer Zulassung, wenn ich es richtig sehe. Typisch für das Modelljahr 1929 sind die Kühlermaske, die mittig etwas in das Kühlergitter hineinragt, sowie die auf die hintere Haubenhälfte beschränkten Luftschlitze.

Von den aufpreispflichtigen Stoßstangen abgesehen, entspricht dieses Exemplar ziemlich genau der Basisausstattung. Optional waren unter anderem seitlich montierte Ersatzräder, Drahtspeichenräder und Trittschutzbleche am Schweller.

Solches Zubehör fand sich an 1929er Chevrolets, die in Europa verkauft wurden, nur selten. Diese Wagen, die in den Staaten praktisch für jedermann erschwinglich waren, stellten bei uns Luxusgegenstände dar, die sich nur eine gutbetuchte Schicht leisten konnte.

Selbst im gehobenen Bürgertum war oft genug nur die Basisausführung erschwinglich, was sich in den seinerzeit abgelichteten Fahrzeugen widerspiegelt:

Chevrolet International AC von 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Herren beispielsweise hatten sogar auf die Stoßstange verzichtet und sich für die billigste Karosserievariante entschieden – den Tourenwagen mit ungefüttertem Verdeck. In den USA galt der Tourer dagegen längst als von gestern.

Doch ein vergleichbar simpel ausgestattetes Auto aus heimischer Produktion wäre nochmals deutlich teurer gewesen. Im Unterschied zu den amerikanischen Fabrikaten schenkte man hierzulande betriebswirtschaftlichen Aspekten bei Konzeption und Konstruktion nicht dieselbe Aufmerksamkeit; allzuoft verschwendete man die Energie auf technische Detaillösungen und vernachlässigte die Produktionseffizienz.

Ausgerechnet Fiat aus dem weit ärmeren Italien machte bereits damals vor, dass sich Massenfabrikation – richtig umgesetzt – auch in Europa auszahlen kann. So gehörten die Turiner neben den US-Großserienherstellern zu den ausländischen Anbietern, die Ende der 1920er Jahre insgesamt rund 30 % des deutschen Marktes auf sich vereinten.

Ihre Modelle waren dabei in technischer Hinsicht weder besonders fortschrittlich noch raffiniert, sie waren aber problemlos in den Zahlen verfügbar, die deutsche Käufer nachfragten, jedoch von den in Sachen Produktionsökonomie rückständigen inländischen Herstellern nicht zu wettbewerbsfähigen Preisen geliefert werden konnten.

Der damals haushoch überlegenen Managementkompetenz in der amerikanischen Autoindustrie darf man gerade mit Blick auf die Massenfabrikation bei Ford und Chevrolet auch aus heutiger Sicht größte Anerkennung zollen.

Dabei waren stets zahlreiche Karosserie- und Ausstattungsvarianten erhältlich, wobei teilweise auch erst am Absatzmarkt abschließend Hand angelegt wurde. So stößt man auch beim Chevrolet „International“ immer wieder auf überraschende Funde wie diesen:

Chevrolet International AC von 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser im sächsischen Kreis Rochlitz zugelassene Chevrolet war nämlich weder eine konventionelle Limousine noch ein spartanischer Tourenwagen.

Vielmehr deutet die massive Ausführung des Frontscheibenrahmens auf einen Aufbau als zweitüriges Cabriolet mit Kurbelscheiben und gefüttertem Verdeck hin. Dieses Fahrzeug bot damit geschlossen ein ähnliches Erscheinungsbild und vergleichbaren Komfort wie eine Limousine.

Gut möglich, dass für den hinteren Aufbau sogar eine deutsche Karosseriemanufaktur in Anspruch genommen wurde – einem US-Käufer eines solchen „Billigheimers“ wäre dieser Aufwand abwegig vorgekommen.

Das Foto ist aber noch in anderer Hinsicht für Überraschungen gut. So findet sich auf dem Kühler des im Raum Rochlitz zugelassenen Wagens ein Emblem mit zwei gekreuzten Schwerter – auf den ersten Blick ein Hinweis auf die berühmte Porzellanmanufaktur in Meißen, das rund 70 km entfernt gelegen ist, aber auch auf das historische Kurfürstentum Sachsen:

Wie mir Leser Reinhard Barthel mitgeteilt hat, verweist dieses Kühlemblem jedoch auf das im Oktober 1936 gegründete „Heimatwerk Sachsen“ – ein Verband zur Förderung der sächsischen Regionalkultur, freilich unter nationalsozialistischem Vorzeichen.

Des weiteren sehen wir bei dem halbstark posierenden jungen Mann ganz links ein Hemd mit kurzen Ärmeln – ein der Welt des Sports entlehntes Kleidungsstück, das man auf Alltagsfotos aus den frühen 1930er Jahre nur selten findet.

Nicht so lässig, aber keineswegs übermäßig konservativ ist dagegen das Erscheinungsbild der Damen. Der kleine Bub auf dem Fahrersitz, der nichts von der Kamera bemerkt, könnte hochbetagt noch unter uns weilen, vielleicht sogar die uns schelmisch zuzwinkernde Schwester – das Foto ist ja frühestens 1937 entstanden.

Damit auch ganz am Ende das Motto „Stets für eine Überraschung gut“ zutrifft, hier noch eine kolorierte und nachbearbeitete Version des letzten Fotos. Mit diesem Chevrolet-Cabriolet von 1929 musste man sich nicht verstecken…

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Frühjahrsputz nach Männerart: Austro-Daimler 9/25 PS

Dass Männer immer wieder Opfer struktureller Diskriminierung werden, ist bekannt – ihnen werden nicht nur im Berufsleben systematisch niedere bzw. gefährliche Tätigkeiten zugemutet: auf Autobahnbaustellen, bei Müllabfuhr und Feuerwehr, aber auch auf Seenotrettungskreuzern und bei der Katastrophenhilfe.

Aber auch im privaten Bereich mutet man ihnen einiges zu: So werden viele Männer noch heute absichtlich ausgegrenzt, was die Möglichkeit angeht, sich bei Hausarbeiten zu entfalten. In der Not bleibt ihnen oft nur ein Weg, ihrem Putzdrang nachzugeben:

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das gründliche Reinigen und Aufpolieren von Automobilen zu den Tätigkeiten gehört, für die Männer eine angeborene Motivation und Ausdauer besitzen – zugleich überlassen ihnen die Damen hier auffallend gern das Feld.

Die Beschäftigung mit der Pflege des vierrädrigen Familienmitglieds hat etwas Therapeutisches, sofern es sich um ein klassisches Automobil handelt. Wer regelmäßig einigen Quadratmetern Lack und Chrom zu neuem Glanz verhilft, braucht keinen Psychiater.

Einen wunderbaren Beleg dafür, welchen Grad an Hingabe und Versenkung Männer beim Frühjahrsputz erreichen können, wenn der Gegenstand der richtige ist, verdanke ich Leser Matthias Schmidt (Dresden):

Austro-Daimler 25 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dieses herrliche Dokument passt nicht nur perfekt zu meiner These, dass auch Männer dem Konzept des Frühjahrsputz viel abgewinnen können – es zeigt zugleich ein Fahrzeug, das ich in dieser Form bislang noch nicht vorstellen konnte.

Dass wir hier eine in Deutschland zugelassene Limousine auf Basis eines Austro-Daimler aus der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg vor uns haben, ist schnell ausgemacht. Ein Blick auf den Kühler mit dem noch aus Vorkriegszeiten stammenden Dekor genügt:

Eine Frontansicht dieses Emblems findet sich in meinem Blog beispielsweise hier. Doch ist es auf der Aufnahme von Matthias Schmidt nicht an einem der großen Sechszylinderwagen montiert, mit denen Austro-Daimler in den 1920er Jahre Furore machte.

Nein, die kompakten Abmessungen der Motorhaube und das Größenverhältnis zwischen dem Wagen und seinem hingebungsvollen „Pfleger“ verraten, dass wir eines der Vierzylindermodelle der Marke vor uns haben, die noch auf Vorkriegstypen basierten.

Zwei Motorisierungen waren dabei erhältlich – ein 9/25 PS Typ mit 2,3 Litern Hubraum und ein 15/35 PS-Typ mit 3,3 Liter Hubraum. Sie unterschieden sich äußerlich durch den deutlich abweichenden Radstand.

Im vorliegenden Fall dürfte es sich um einen Austro-Daimler 9/25 PS handeln, dessen Radstand nur knapp 2,90 Meter betrug. Das stärkere Modell 15/35 PS verfügte über einen Radstand von gut 3,10 Meter – was mir hier zuviel vorkommt.

Ein Wagen mit fast identischem Aufbau ist in Franz Pinczolits Standardwerk über Austro-Daimler auf S. 128 abgebildet. Die keilförmig ausgeführte Frontscheibe findet sich bei Limousinen aus dem deutschsprachigen Raum nach dem 1. Weltkrieg öfters (bspw. hier).

Von 1920 bis 1922 wurde dieser Vierzylindertyp von Austro-Daimler gefertigt – wieviele Exemplare davon entstanden, ist mir nicht bekannt. „Sie verkauften sich recht gut„, schreibt Werner Oswald (Deutsche Autos 1920-1945, Ausgabe 2001) – er wusste es also auch nicht.

Das Beste an diesem Foto ist aus meiner Sicht aber ohnehin der junge Mann, der hier in die Reinigung der Sitzpolster vertieft ist – mit seiner gepflegten Frisur, der tadellosen Haltung und dem zünftigen Outfit würde er heute noch gute Figur machen – ihm scheint sogar der meist zurecht verpönte Schnauzer zu stehen:

Ich vermute, dass dieser tiefenentspannte Mann vor rund 100 Jahren der Chauffeur des Austro-Daimler war – jedenfalls würde sein Erscheinungsbild dazu passen.

Die militärisch anmutende Optik ergibt sich aus der damals beliebten Kombination aus normalen Halbschuhen und die Unterschenkel umschließenden ledernen Gamaschen – auf den ersten Blick wirkt das wie Reitstiefel, wozu auch die weitgeschnittene Hose passt.

Nun, meine Damen, was würden Sie zu einem adretten Burschen sagen, der sich so ausgezeichnet beim Frühjahrsputz anstellt, während der Gatte auf Dienstreise weilt? – „Kommen Sie doch nachher auf einen Kaffee rein, Felix…“

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Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! Simson Bo 6/22 PS

Für eine passende Überschrift bin ich bereit, gegebenenfalls auch den Anfang eines Lieds aus der Zeit des versuchten kommunistischen Umsturzes zum Ende des 1. Weltkriegs zu missbrauchen: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, zum Lichte empor“ – so dichtete 1918 Hermann Scherchen zur Melodie eines Vorbilds aus dem Russland der Revolutionszeit.

Die Zeilen entbehren nicht der Aktualität – passen sie doch zum zunehmenden Drang vieler Menschen, im zweiten Jahr oft irrationaler Reaktionen auf eine in den meisten Fällen harmlose Atemwegserkrankung die Kontrolle über ihr Leben zurückzuerlangen.

Das Bedürfnis nach unbeschwertem Genuss von Sonne und Freiheit wird wohl im Sommer so übermächtig werden, dass sich undifferenzierte und zunehmend zerstörerisch wirkende Zwangsmaßnahmen immer weniger werden durchsetzen lassen.

Verlassen wir dieses verminte Gelände und gehen rund 100 Jahre zurück, als man hierzulande ganz andere Sorgen hatte. Die verheerenden Folgen des 1. Weltkriegs waren allgegenwärtig und angesichts der britischen Hungerblockade und der obszönen Auflagen des Versailler „Vertrags“ war für Millionen das blanke Überleben oberste Priorität.

Doch wie immer gab es auch damals die „happy few“, die ihren Lebensstandard hatten wahren oder gar als Zulieferer des Militärapparats hatten heben können. Diese hauchdünne Schicht sicherte damals das Auskommen der deutschen Autohersteller, die in den meisten Fällen zunächst wieder Vorkriegsmodelle anboten.

Doch einige Marken zauberten bereits kurz nach Kriegsende neue Typen aus dem Hut, häufig basierend auf Entwicklungen, die noch während des Kriegs begonnen worden waren.

Dieses Umfeld, in dem sich Betuchte scheinbar unberührt wieder der Sonne und Freiheit auf vier Rädern zuwenden konnten, illustriert das folgende Foto (aus Sammlung Matthias Schmidt, Dresden) nahezu vollkommen:

Simson Typ Bo 6/22 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Hier sehen wir – wenn nicht alles täuscht – gleich mehrere Brüder, die Sonne und Freiheit bei niedergelegtem Verdeck ziemlich ausgiebig genossen haben müssen.

Sie haben sich für diese schöne Aufnahme sorgfältig in bzw. auf dem Wagen in Szene gesetzt, der mit seinem Spitzkühler typisch für etliche deutsche Automobile der Zeit von 1914 bis Mitte der 1920er Jahre war.

Das Fehlen eines Kühleremblems erlaubt es, übliche Verdächtige wie Benz, Daimler und Dürkopp auszuschließen, auch Brennabor, Ley und Phänomen scheiden bei näherer Betrachtung der Kühlerpartie aus.

Auch wenn es nicht sehr viele Vergleichsfotos gibt, kommt hier aus meiner Sicht am ehesten der Typ Bo 6/22 PS von Simson in Betracht. Der traditionsreiche Waffenhersteller aus dem thüringischen Suhl bot dieses Einstiegsmodell von 1919 bis 1924 an.

In diesem Zeitraum dürfte auch das Foto entstanden sein, wobei das Kennzeichen darauf hindeutet, dass man irgendwo in der Umgebung von Stuttgart auf dem Land haltgemacht hatte. Die schlichte Fachwerkarchitektur im Hintergrund wirkt dörflich, während die massive Quadermauer der Machart zu einem repräsentativen Bau des späten 19. Jh. gehören dürfte, eventuell zu einem der vielen „Bismarck-Türme“ die damals entstanden.

Vielleicht erkennt jemand anhand dieses Ausschnitts das Bauwerk und den Aufnahmeort. Möglich, dass der junge Mann auf dem Kotflügel dieses Foto mit Stativ und zeitversetztem Selbstauslöser angefertigt hat – er scheint nämlich eine Kamerahülle in der Hand zu halten.

Bemerkenswert ist neben dem Simson, von dem nur einige hundert Exemplare in Manufaktur entstanden, die enorme Präsenz der Herren auf dieser Aufnahme. Sie scheinen es gewohnt zu sein, für Fotos zu posieren und stammen erkennbar aus „gutem Hause“ – und, wie ich glaube, überwiegend aus dem gleichen „Stall“.

Wieviele Brüder meinen Sie hier zu erkennen, liebe Leser? Und was hat es mit der vergnügten jungen Dame im Heck auf sich, die von ihrem Sitznachbarn angeschmachtet wird? Gehörte sie ebenfalls zur Familie oder war sie eine Freundin, die man mit auf eine Landpartie im Tourenwagen genommen hatte?

Mit diesem kolorierten Ausschnitt überlasse ich Sie nun ihrem eigenen Kopfkino und wünsche uns allen, dass wir alsbald wieder ganz ideologiefrei ausrufen können: „Brüder (und Schwestern), zur Sonne, zur Freiheit!“

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Hier ist (fast) alles 1A! Ein Audi Typ „Zwickau“

„Alles 1A“ – das werden die meisten Besitzer moderner Audis mit Fug und Recht von ihren vierrädigen Kameraden behaupten. Wer sich noch an die 1970er Jahre erinnern kann, weiß: Das war nicht immer so – der Ruf als Premium-Hersteller musste erst erarbeitet werden.

Dabei war Audi vor dem Zweiten Weltkrieg der Sprung in die Spitzenklasse schon einmal gelungen. Allerdings haben die Audi-Werke von einst mit der nach dem Krieg neu gegründeten Firma außer dem Namen nichts gemeinsam.

Dennoch fühlt sich Audi heute in vorbildlicher Weise verantwortlich für die Historie der Vorgängermarke – wie auch der übrigen später unter dem Dach der Auto-Union vereinigten Hersteller DKW, Horch und Wanderer.

In den 1920er Jahren war Audi mit Sitz im sächsischen Zwickau zunächst noch eigenständig. Selbstbewusst hatte man sich 1923 eine „Eins“ als Kühlerfigur gegönnt, die den Anspruch der Marke sichtbar machen sollte:

Audi-Reklame aus der Zeitschrift „Motor“ von 1924; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Audi wandte sich damals an eine vermögende Klientel, für die es eine Selbstverständlichkeit war, eine teure Manufakturkarosserie für ihr Automobil schneidern zu lassen – konsequenterweise bot Audi ab Werk selbst gar keine Aufbauten an, sondern verkaufte nur das fahrfähige Chassis mit der markentypischen Kühlerfront.

Mit diesem Ansatz geriet Audi wie viele andere deutsche Hersteller jedoch ab Mitte der 1920er Jahre in Schwierigkeiten, da preisgünstigere und besser ausgestattete US-Serienfabrikate mit moderner Linienführung den deutschen Markt zu dominieren begannen.

In einem früheren Blog-Eintrag habe ich dargestellt, wie Audi schließlich vom DKW-Konzern geschluckt wurde und die Audi-Modelle dann als Plattform für US-Achtzylindermotoren vorgesehen wurden, für die DKW die Fertigungsmaschinen erworben hatte.

Der erste Audi, der mit einem dieser 5,1 Liter großen und 100 PS starken „Rickenbacker“-Aggregate angeboten wurde, war das Modell SS „Zwickau“. Seinerzeit hatte ich folgendes Postkartemotiv gezeigt, das den auch äußerlich ganz nach US-Vorbild gestalteten Typ zeigt:

Audi Typ „Zwickau“; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Man ahnt hier die „1“ auf dem Kühler, darunter das Zwickauer Stadtwappen, das exklusiv an diesem Modell montiert wurde.

Doch für die Note „1A“ reicht es hier noch nicht – zum einen lässt die Wiedergabequalität zu wünschen übrig, zum anderen „passt“ das Kennzeichen nicht. Denn das Kürzel „IK“ ist aus der römischen Eins und dem Buchstaben K zusammengesetzt – knapp daneben, also.

„IK“ war die Kennung der Provinz Schlesien und die Ziffernfolge lässt auf eine Zulassung im Raum Görlitz schließen – nach 1945 übrigens eine durch den „Eisernen Vorhang“ geteilte Stadt, halb auf deutschem, halb auf polnischem Boden befindlich.

Doch Leser Marcus Bengsch konnte eine weitere Aufnahme eines Audi Typ „Zwickau“ beisteuern, die nun wirklich das Prädikat 1A verdient – und das nicht nur wegen der entsprechenden Kennzeichens, das für den Großraum Berlin stand:

Audi Typ „Zwickau“; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Hier finden wir weitere Voraussetzungen für die Erteilung der Note „1A“ – zu denen für mich bei historischen Automobilfotos regelmäßig die Anwesenheit der einstigen Besitzer und Insassen gehört.

In diesem Fall ist zwar einer der Passagiere eher als „aufsässig“ zu bezeichnen, aber genau das trägt zum großen Reiz dieses im März 1932 entstandenen Dokuments bei.

Der Bub (wie ich vermute) der hier wie selbstverständlich auf dem Kühler thront, hat gleich die Qualitäten des Wagens erkannt und die „1“ dem Kühler mit den Händchen umfasst – „Die Eins ist meins“, das scheint die besitzergreifende Geste zu sagen:

„1A“ ist hier außerdem, dass man das Zwickauer Stadtwappen nun wesentlich besser erkennen kann.

Zum Vergleich sei auf das auf der Website von Claus Wulff (Berlin) verwiesen, die ganz dem Sammel- und Forschungsgebiet Kühlerembleme gewidmet ist und eine hervorragende Online-Quelle darstellt, wie man sie sich im deutschen Sprachraum auch für einige andere Facetten von Vorkriegsfahrzeugen wünschen würde.

Wie gesagt, war das Zwickauer Stadtwappen exklusiv dem Audi Typ SS „Zwickau“ vorbehalten, von dem zwischen 1929 und 1932 gut 450 Exemplare entstanden. Nur eine handvoll davon hat überlebt. Umso wertvoller sind zeitgenössische Aufnahmen dieses mächtigen Wagens, die dessen „1A“-Anspruch eindrucksvoll illustrieren.

Nur ein kleines Detail wäre aus heutiger Sicht in der Premiumklasse undenkbar – zwei unterschiedliche Reifenprofile an derselben Achse. Aber das wird durch die lebendige Wiedergabe in dieser leicht kolorierten Fassung des Fotos sicher wieder wettgemacht…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.