Franzosenchic & Sachsenstolz: Citroen B14 Landaulet

In der Vorkriegszeit war Sachsen eines der Zentren der deutschen Autoindustrie. Wenn ich mich nicht täusche, gab es außer in Berlin nirgends im deutschsprachigen Raum eine derartige Konzentration von Automobilherstellern, Karosseriebauern und Zulieferern.

Dennoch waren die zahlreichen lokalen Produzenten nicht imstande, die ab Mitte der 1920er Jahre hierzulande rapide steigende Nachfrage zu stillen. In die Lücke stießen vor allem amerikanische Automarken.

Die US-Fabrikate waren längst von Konstruktion und Logistik her konsequent auf Großserie getrimmt und so lag der Versuch nahe, auch auf dem brachliegenden deutschen Markt zu expandieren.

Dazu bedurfte es keiner besonderen Anstrengungen, bereits ein einfach gestrickter Chevrolet wie dieser aus dem Modelljahr 1927 war mehr als konkurrenzfähig:

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Chevrolet von 1927 mit Zulassung in Sachsen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie konnte ein solches simples Gefährt mit 30 PS-Vierzylinder dem Kennzeichen nach zu urteilen selbst im stolzen Autoland Sachsen an den Mann gebracht werden?

Die Antwort ist schlicht die, dass dieser Wagen verfügbar war – und das zum absolut konkurrenzfähigen Preis. Die einheimischen Modelle dagegen konnten von keinem Hersteller in den Stückzahlen gefertigt werden, die der Markt seinerzeit verlangte.

Dass Chevrolet quasi nebenher den Bedarf deutscher Käufer stillen konnte, wird an den auch heute noch unfassbaren Stückzahlen deutlich: Von dem oben gezeigten Modell entstanden 1927 mehr als eine Million Exemplare!

Da kam es auf einige tausend Stück mehr oder weniger kaum an. Zudem gab es weitere ausländische Produzenten, die zusammen mit den US-Herstellern Ende der 1920er Jahre im Deutschen Reich auf einen Marktanteil von bis zu 40 % kamen.

Möglicherweise der erfolgreichste Mitbewerber der Amerikaner war Citroen. Die Franzosen waren direkt nach dem 1. Weltkrieg in die Massenfabrikation eingestiegen und lieferten Opel ungewollt die Blaupause für das spätere 4 PS-Modell „Laubfrosch“.

Doch als Opel begann, dank des französischen „Vorbilds“ erstmals nennenswerte Stückzahlen in der Einsteigerklasse zu fertigen, hatte Citroen bereits seinen Schwerpunkt auf die Mittelklasse verlegt.

Ganz billig waren diese Wagen hierzulande nicht – vermutlich erreichte die 1927 eingerichtete Citroen-Fertigung in Köln nicht die Produktivität des Mutterhauses. Doch verkaufte sich das neue Mittelklassemodell B14 mit 25 PS aus 1,5 Litern am deutschen Markt auf Anhieb ausgezeichnet.

Als Beispiel mag dieser Citroen B14 in der Limousinenausführung dienen:

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Citroen B14 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen machte 1928 am Klausenpass in der Schweiz halt – wohl um eine Überhitzung des Kühlwassers auf dem mehr als 20 km langen Anstieg zu vermeiden.

Das Kennzeichen verweist auf eine Zulassung in Deutschland und tatsächlich war dieser Wagen auf deutschen Straßen damals keine Seltenheit – fast 9.000 Stück davon entstanden 1927/28 im Kölner Citroen-Zweigwerk, das entsprach fast 5 % der Neuzulassungen im Deutschen Reich.

Trotz ähnlich einfacher Bauart wies der Citroen B14 gegenüber „Amerikaner“wagen vom Schlag eines Chevrolet eine diskrete Eleganz auf, die vor allem der recht schmalen Spur geschuldet war.

Während der oben gezeigte Chevrolet den stämmigen Auftritt eines breitbeinig daherkommenden Cowboys hatte, waren die Proportionen des Citroen grundlegend anders: der Wagen war mit 1,83 m deutlich höher als breit (Spur: 1,23 m):

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Citroen B14 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme unterstreicht nicht nur, dass der Citroen B14 mit seinen typischen Scheibenrädern und acht nach hinten versetzten Luftschlitzen in der Motorhaube deutlich filigraner wirkt.

Man erkennt zudem am Nummernschild, dass die Qualitäten des äußerst robust geltenden Wagens auch im Herzen Sachsens geschätzt wurden – das Auto war nämlich im Verwaltungsbezirk Dresden zugelassen.

Bemerkenswert ist an diesem Fahrzeug die dreiteilige Stoßstange nach amerikanischem Vorbild, die hier bei gleicher Ausführung höher angebracht war als bei dem Citroen am Klausenpass. Wer hat eine Idee zu den Beweggründen?

Der Wagen macht – einmal von den Reifen abgesehen – einen kaum gebrauchten Eindruck und die Aufnahme wirkt nicht wie ein zufälliger Schnappschuss. Hier wurde vielleicht kurz nach Anlieferung ein bewusst inszeniertes Foto gemacht.

Ich vermute, dass dabei das Firmenschild an der Hauswand im Hintergrund bewusst in die Bildgestaltung einbezogen wurde:

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Bei der überdurchschnittlichen Qualität dieser Aufnahme darf man davon ausgehen, dass der Fotograf das Firmenschild nicht in den Tiefenschärfebereich einbezogen hätte, wenn sie irrelevant gewesen wäre.

So ist denkbar, dass der auf der Hauswand erwähnte Schmiede- und Autoreparaturbetrieb Max Franke etwas mit diesem Citroen zu tun hatte.

Für unternehmerische Tüchtigkeit spricht auch, das Werbeschild für Benzin der Marke Dapolin, die zur seit 1890 bestehenden Deutsch-Amerikanischen Petroleum Gesellschaft gehörte und Kraftstoffe von Standard Oil vertrieb.

Aus einer ursprünglichen Schmiede war wohl inzwischen eine Autowerkstatt mit Tankstelle entstanden. Wie passt aber nun der Citroen dazu? Nun, obiger Bildausschnitt liefert ein Indiz.

Denn am in Fahrtrichtung linken Scheibenrahmen sieht man einen Taxameter mit darüber angebrachtem Schild „FREI“. Besagter Max Franke könnte demnach auch in das Taxigeschäft eingestiegen sein.

Dieses Metier war damals noch stärker von Einzelunternehmern geprägt und die Verdienstmöglichkeiten waren besser als heute, da kein Überangebot an Fahrzeugen herrschte.

Auf diese Weise konnte sich ein Taxifahrer offenbar sein eigenes Auto finanzieren. Näheres dazu kann vielleicht ein sachkundiger Leser beitragen.

Wenn meine Vermutung zutrifft, haben wir hier vielleicht besagten umtriebigen Max Franke höchstselbst mit der frisch angeschafften Citroen-Droschke vor uns – ansonsten einen als Fahrer fungierenden Angestellten.

Jedenfalls ist dem jungen Sachsen, der hier zuversichtlich in die Ferne zu schauen scheint, ein gewisser Stolz auf den feinen Citroen anzusehen.

Citroen_B14_Max Franke_Bezirk_Dresden_Ausschnitt1

Hier lohnt sich das genaue Hinschauen:

Interessant ist zum einen die einreihige Jacke aus Wolltuch, deren Schnitt und Ausführung mit aufgesetzten Taschen nur noch entfernt an die schweren ledernen Fahrerjacken anlehnt, wie sie Kraftfahrer vor dem 1. Weltkrieg und bis weit in die 1920er Jahre trugen.

Seitdem der Fahrer nicht mehr im Freien saß, war die Notwendigkeit eines Wetterschutzes nicht mehr in der Weise gegeben wie zuvor – entsprechend feiner wirkt hier die Chauffeurskleidung. Geblieben war die für Fahrer typische Schirmmütze.

Leider ist auch auf dem Originalabzug das Emblem auf der Mütze nicht genau erkennbar – es hätte möglicherweise einen interessanten Hinweis geliefert.

Dafür erkennt der Betrachter am Heck des Wagens etwas, das Aufmerksamkeit verdient. Denn dort sieht man, dass der rückwärtige Teil der Dachpartie nach hinten geklappt ist, sodass die Passagiere auf der hinteren Rückbank bei schönem Wetter unter freiem Himmel sitzen konnte.

Es handelt sich bei dem Aufbau des Citroen also um die besonders elegante Karosserieversion eines Landaulet, die noch aus der Kutschenära stammte.

Am Ende des hier senkrecht stehenden Dachabschnitts sind zwei Klappverschlüsse zu sehen, mit denen bei wieder hochgeklapptem Verdeck die Verbindung zum Dach hergestellt wurde.

Dieses Detail habe ich bislang so deutlich auf noch keinem historischen Originalfoto gesehen und man kann den Handwerkern, die diese technische Lösung klappersicher und wasserdicht umzusetzen hatten, nur großen Respekt zollen.

Nebenbei: Landauletversionen des Citroen B14 scheinen gerade bei Droschken nicht ungewöhlich gewesen zu sein. Bloß: Eine Ausführung wie die auf dem Foto – also mit starrer Hecksäule – konnte ich bislang nicht finden.

Kann es sein, dass sich hier französischer Chic mit sächsischem Stolz vermischten? Dann hätte sich der Taxi-Betrieb zwar für einen schlank gebauten Citroen B14 entschieden, aber den Aufbau von einem lokalen Karosserieschneider fertigen lassen.

Für Ideen zu diesem für mich spannenden Fahrzeug und der reizvollen Situation bin ich wie immer dankbar (bitte Kommentarfunktion nutzen).

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Ideal in jeder Kurve: NAG Typ C4 10/30 PS

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ – wer kennt nicht dieses Zitat? Man nutzt es gern, um sein Geschmacksurteil als ebenso legitim wie jedes andere zu rechtfertigen.

Ich meine: Wer Zitate irgendwelcher Geistesgrößen bemüht, hat eine schwache Position, da es ihm offenbar an eigenen Argumenten und damit an Urteilskraft mangelt.

Kurios wird es dann, wenn sich der vermeintliche Urheber universeller Weisheiten wie der genannten bei näherer Betrachtung verflüchtigt.

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ wird im deutschen Sprachraum gern Goethe zugeschrieben, der aber als Klassizist sehr resolute Vorstellungen davon hatte, was als schön gelten darf und was nicht.

In Großbritannien nennt man als Urheber wahlweise den schottischen Philosophen David Hume oder einen der zuverlässigsten Zitatelieferanten überhaupt: William Shakespeare (z.B. in „Love’s Labour’s Lost)“.

Wiederum andere schreiben die Sentenz den alten Griechen zu und verweisen auf sinngemäße Feststellungen von Platon oder Thukydides.

Gemeinsam ist ihnen: Keiner hat je ein Automobil erblickt und so fehlten ihnen die Maßstäbe, ein ästhetisches Urteil über eine Schöpfung wie zum Beispiel diese zu fällen.

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unbekanntes Cabriolet der 1930er Jahre, aufgenommen in Dortmund

Ich wage die Behauptung, dass sich kaum jemand finden wird, der die Linien dieses bislang unidentifizierten Wagens als „nicht schön“ – also ausdrücklich als „hässlich“ –  bezeichnen würde.

Das hat meiner Überzeugung nach damit zu tun, dass die meisten Menschen organische, geschwungene Formen als angenehm empfinden. In der Natur, aus der wir stammen, gibt es nun einmal kaum gerade Linien, sondern fast nur Kurven.

Wer der Natur nicht völlig entfremdet ist, empfindet spontan Vertrautheit mit sanften Bögen, opulenten Rundungen und spannungsreichen Linien. Das ist ein uraltes Erbe, dass durch ein paar Jahrtausende Sesshaftigkeit nicht zunichtegemacht wurde.

Es mag ja mancher intellektuellen Zugang zum Diktat des rechten Winkels und der geraden Linie der Bauhaus-Ideologie gefunden haben. Mir ist diese in Deutschland besonders verbreitete Leidenschaft für unorganische Formen unheimlich.

Für mich entfaltet sich Meisterschaft in der Formgebung eines Industrieprodukts eher in Beispielen wie diesem:

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Hanomag 1,3 Liter; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es fällt schwer, an diesem Hanomag auch nur eine gerade Linie zu finden und dennoch kommt seine von der Stromlinie beeinflusste Karosserie ganz ohne Zierrat aus.

Als schön würde ich den Wagen zwar nicht bezeichnen, dafür fehlt ihm schlicht die Länge, die es braucht, damit sich solche Formen voll entfalten können und am Ende schlüssig zueinanderfinden.

Doch ist dieser letzte Hanomag für mich ein gutes Beispiel für den plastischen Reiz, den organische Formen ausüben können. Eine derartige Dreidimensionalität und Dynamik kann nun einmal nicht von einem Ziegelstein auf Rädern ausgehen

Damit wäre ich beim eigentlichen Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags:

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NAG Typ C4 10/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Tourenwagen, der hier aus außergewöhnlicher Perspektive abgelichtet wurde, verkörpert für mich idealtypisch das Konzept der von Bögen und Kurvaturen geprägten Karosserie, das in deutschen Landen bis in die 1920er Jahre fortlebte.

Der Wagen als solcher – ein NAG Typ C4 10/30 PS aus Berlin – stellt keineswegs eine Besonderheit dar. Er wurde in der ersten Hälfte der 1920er Jahre mit den unterschiedlichsten Karosserien gebaut.

Allein in meiner NAG-Galerie finden sich mehr als ein Dutzend Originalfotos dieses Typs und ich habe meine Zweifel, dass von diesem Modell wirklich nur „höchstens ca. 5.000 Exemplare“ entstanden, wie es in der älteren Literatur heißt (vgl. W. Oswald: Deutsche Autos 1920-1945).

Sicher bezieht dieses Modell einen Großteil seiner Wirkung aus der raffinierten Verwandlung des NAG-typischen Ovalkühlers in einen Spitzkühler, wie er seit 1913/14 Mode im deutschsprachigen Raum war.

Folgende Ausschnittsvergrößerung lässt ungewöhnlich gut erkennen, wie sich ausgehend von der ovalen Kontur des Kühlers die Karosseriesilhouette entlang der Motorhaube bis zum Fahrgastraum weiterentwickelt:

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Hier wird unmittelbar erkennbar, woher die Bezeichnung „Tulpenkarosserie“ für einen derartigen Aufbau herrührt – wie die Blüte einer Blume öffnet sich der Wagenkörper nach hinten immer weiter.

Aus dieser Perspektive mag deutlich werden, dass es der Kunst von Bildhauern bedurfte, um, eine derartige sich in drei Dimensionen kontinuierlich entfaltende Form aus Holz und Stahl zu schaffen.

Natürlich fielen auch die Vorderschutzbleche dieses NAG nicht aus einer seelenlosen Stanze – sie wurden von Hand über Holzformen aus dem Blech getrieben und man sieht ihnen an, dass sie keine exakten Spiegelbilder voneinander waren.

Wie bei einem schönen Gesicht die eine Hälfte nicht völlig der anderen entspricht, waren es kleine Abweichungen von der Symmetrie, die die Spannung und Persönlichkeit eines derartigen Fahrzeugs ausmachten.

Ein letztes Mal entfaltete sich solche Meisterschaft und organische Formgebung in den italienischen Manufakturkarosserien der 1960er Jahren. Auch dort kam außer spannungsreichen Bögen und schwellenden Formen fast kein Dekor zum Einsatz.

Wer je ein Auto jener Zeit mit individueller Karosserie restauriert hat, weiß um die Herausforderungen, die schon mit dem Einpassen des Kotflügels oder der Tür eines Spenderfahrzeugs verbunden sind.

Eigentlich passt nichts zusammen, weil jedes dieser Fahrzeuge eine eigene Linie, eine Persönlichkeit hatte. Das ist es – unter anderem – was seit damals verlorengangen ist.

Und das ist zugleich das Geheimnis der Magie früher Vorkriegsfahrzeuge wie zum Beispiel dieses Benz-Wagens von 1910, dessen Gestaltungslogik sich im NAG Typ C4 der frühen 1920er Jahre ein letztes Mal widerspiegelt:

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Benz von 1910; Bildrechte: Michael Schlenger

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Pionier des Fortschritts: Panhard & Levassor von 1908

Heute geht es in meinem Blog für Vorkriegsautos auf historischen Fotos 111 Jahre zurück in die Vergangenheit – ins Jahr 1908.

Dabei haben wir den seltenen Fall, dass sich nicht nur die Aufnahme datieren lässt – sie entstand im Oktober 1908 irgendwo in Frankreich – auch das Baujahr des darauf abgebildeten Wagens lässt sich auf das Jahr genau bestimmen – ebenfalls 1908.

Hier haben wir das Prachtstück:

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Panhard & Levassor von 1908; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Hersteller ist anhand des markanten Kühlergehäuses ebenfalls eindeutig zu bestimmen: Es handelt sich um ein Fahrzeug von Panhard & Levassor, dem ersten Hersteller eines Serienwagens mit Benzinmotor in Frankreich.

Kenner der Pionierära wissen, dass Panhard & Levassor zusammen mit De Dion-Bouton das in Deutschland von Daimler und Benz erfundene Auto so weit verbesserten, dass es anschließend seinen internationalen Siegeszug antreten konnte.

So wie Bertha Benz 1888 mit ihrer legendären Langstreckenfahrt im Auto ihres Mannes Carl den entscheidenen Impuls zur Marktreife der neuen Erfindung gegeben hatte, war es auch im Fall von Panhard & Levassor eine Frau, die im entscheidenden Moment das Richtige tat, und das ging so:

Emile Levassor, eine der beiden Inhaber des auf das Jahr 1846 zurückgehenden und seit 1886 als Panhard & Levassor fimierenden Maschinenbauunternehmens war mit einem belgischen Ingenieur namens Edouard Sarazin befreundet.

Sarazin verfügte über Kontakte zum deutschen Motorenhersteller Deutz, wo bis 1882 Gottlieb Daimler beschäftigt war. Nachdem Daimler sich selbständig gemacht hatte,  wurde Sarazin sein Vertreter bei der Sicherung seiner Patente in Frankreich.

Als Edouard Sarazin 1887 unvermittelt starb, trat seine Witwe Louise auf den Plan. Sie überzeugte Emile Levassor, den Kontakt ihres verstorbenen Mannes zu Daimler für die Zwecke von Panhard &  Levassor zu nutzen. 

Zusammen mit Levassor reiste Louise Sarazin 1888 zu Daimler nach Bad Cannstadt.  stieß Levassor nicht nur auf den ihm bereits bekannten Einzylindermotor, sondern auch auf eine interessante neue Zweizylinderkonstruktion.

Panhard & Levassor erwarben eine Lizenz zum Nachbau dieses Zweizylinders und statteten damit ihren ersten Wagen aus – den Typ P2D 2 CV, der Ende 1890 fertig wurde.

Maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung von Panhard & Levassor, selbst Automobile zu bauen, hatte einmal mehr Louise Sarazin, die noch 1890 Levassor heiratete – ein weiteres Beispiel dafür, wie kluge Frauen vor über 100 Jahren subtil Macht ausübten.

Keine 20 Jahre später, als das oben präsentierte Foto von 1908 entstand, gehörte Panhard & Levassor zu den international bedeutendsten Automobilherstellern und hatte die deutsche Konkurrenz längst überflügelt.

Das Jahr 1908 war in zweifacher Hinsicht bedeutsam für die Automobile von Panhard: Zum einen setzte sich eine formale Lösung durch, die eine schrittweise weitere Verschmelzung bis dato unabhängiger Elemente des Aufbaus ankündigte.

So wurde ab dann das Vorderschutzblech, das zuvor vor dem Trittbrett weiter nach unten reichte, nun in den meisten Fällen so ausgeführt, dass es in elegantem Bogen an die Horizontale des Trittbretts anschloss.

Folgender Bildausschnitt lässt dies erkennen:

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Zu sehen sind in dieser Ausschnittsvergrößerung weitere reizvolle Details:

  • die facettierte Ausgestaltung der Kühlergehäuses, die durch feine, von Hand gezogene Zierlinien zusätzliche Plastizität erhält,
  • der markante Verschluss des Kühlwassereinfüllstutzens, dessen Gestaltung sich an klassischen Gefäßformen orientiert
  • die niedergelegte Windschutzscheibe mit poliertem Messingrahmen
  • die prachtvollen Positionsleuchten, die mit Petroleum betrieben wurden
  • die Halter der gasbetriebenen Frontscheinwerfer, die damals oft nur bei Nachtfahrten montiert wurden, um sie vor Steinschlag zu schützen.

Wer genau hinsieht, kann am in Fahrtrichtung linken Scheinwerferhalter ein herabhängendes Lederband erkennen. Dieses diente während der Fahrt der Fixierung der Anlasserkurbel.

Dass das Band auf dem Foto abgenommen ist, lässt erkennen, dass der Wagen im Anschluss an das Foto in Betrieb genommen werden sollte – sofern nicht vergessen worden war, es anlässlich der letzten Fahrt wieder zu fixieren.

Die andere bedeutende Veränderung neben der erwähnten Weiterentwicklung der Karosserieelemente betraf die Kraftübertragung auf die Hinterachse.

Nachdem gegen Ende 1907 erstmals ein Panhard & Levassor mit Kardan- statt Kettenantrieb vorgestellt worden war – das Modell 15 PS – kamen 1908 zwei weitere Kardanmodelle mit 10 und 18 PS hinzu.

Nur die beiden großen Modelle 24 PS und 35 PS wurden noch in nennenswerten Stückzahlen ausschließlich mit Kettenantrieb hergestellt.

Welche der insgesamt gut ein Dutzend gängigen Motorisierungen mit Hubräumen von 1,8 bis über 7 Liter „unser“ Panhard & Levassor aufwies, muss wohl offen bleiben.

Vermutlich wird es sich den Proportionen nach zu urteilen um eines der mittelgroßen Modelle 15 bis 24 PS gehandelt haben (3,5 bis 5,3 Liter Hubraum). Annähernd 700 solcher Fahrzeuge baute Panhard & Levassor 1908.

Der Wagen auf dem Foto dürfte frisch angeliefert worden sein und das Besitzerpaar posiert für das damals übliche Foto mit dem stolzen Ehemann am Steuer:

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Recht gut zu erkennen sind an der Schottwand vor der Lenksäule die senkrechten Druckknöpfe, über die wichtige Schmierstellen mit Öl versorgt wurden.

Übrigens verkörpert die Beifahrerin einen selbstbewussten und durchsetzungsfähigen Frauentyp, der im damaligen Großbürgertum nicht selten gewesen zu scheint.

Der junge Mann mit der Schirmmütze und dem fein geschnittenen Gesicht auf dem Rücksitz ist mit Sicherheit der Chauffeur und damit der eigentliche Herr dieses prachtvollen Panhard & Levassor.

Mit der Verantwortung für den zuverlässigen Betrieb dieses teuren Luxuswagens und die sichere Beförderung seiner Insassen genoss ein Fahrer damals eine außerordentliche Vertrauensposition. 

Die Beherrschung und Instandhaltung einer dieser neuartigen Fahrzeuge verlieh ihnen eine herausgehobene Stellung. Hinzu kam, dass in den exklusiven Kreisen der damaligen Automobilisten perfekte Manieren erwartet wurden.

Wie so oft bei Betrachtung dieser Bilder aus längst vergangene Zeit fragt man sich, wie wohl der weitere Lebensweg der Menschen ausgefallen sein mag, die uns über den Abstand von weit mehr als 100 Jahren in die Augen schauen.

Leider werden wir nichts mehr darüber in Erfahrung bringen – es sei denn, man hat mit einem der seltenen Fälle zu tun, dass sich auf diesen Dokumenten einer untergegangenen Welt prominente Personen identifizieren lassen.

Sicher nicht prominent war die junge, schlicht gekleidete Dame, die mit Hund neben dem Panhard & Levassor posiert:

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Aufgrund der langen Belichtungszeit der damaligen Plattenkameras findet sich auf Aufnahmen jener Zeit selten ein spontanes Lächeln. Doch meine ich, dass um die Lippen dieser Unbekannten durchaus etwas Freundliches spielt.

Welche Rolle mag sie in dem Haushalt der Besitzer des eindrucksvollen Panhard & Levassor gespielt haben, dass sie ebenfalls auf dem Foto mitposieren durfte?

Wie immer sind Ideen und Anmerkungen dazu und auch zu anderen Details willkommen und finden gegebenfalls Eingang in diesen Blogeintrag.

Einige weitere Fotos von Wagen der Marke Panhard & Levassor schlummern in meinem Fundus, doch erfordert eine genaue Ansprache noch einige Recherchen.

Unterdessen empfehle ich allen, die sich für die Markengeschichte interessieren, ein Buch, das für mich einen einzigartigen Rang einnimmt, da es jedes einzelne Baujahr umfassend abhandelt und dabei eine Fülle von Originalfotos (nicht nur Prospektabbildungen) zeigt wie kaum ein Buch zu deutschen Vorkriegsmarken:

Bernhard Vermeylen: Panhard & Levassor – Entre Tradition et Modernité, Verlag ETAI, 2005, ISBN: 2-7268-9406-2

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Noch einmal ganz große Klasse: Der Adler „Diplomat“

Autos von Adler aus Frankfurt am Main sind seit 1945 Geschichte. Doch wer mit der Eisenbahn in die heutige Bankenmetropole reist, kann die Silhouette der grandiosen Adlerwerke nordwestlich des Hauptbahnhofs kaum übersehen.

Zwar ignoriert die Frankfurter Kulturpolitik von jeher das technikgeschichtliche Erbe der Geburtsstadt Goethes, doch halten Enthusiasten hierzulande und weltweit die Erinnerung an die große Zeit der Adler-PKW am Leben.

Naturgemäß stehen dabei die überlebenden Exemplare des über 100.000mal gebauten Frontantriebswagens „Trumpf Junior“ im Mittelpunkt. Nebenbei war ein Wagen dieses Typs der letzte zivile Adler-PKW, der 1941 in Frankfurt vom Band lief.

Zusammen mit den DKW-Fronttrieblern, dem englischen Austin Seven und dem Ford Model T ermöglicht der Trumpf Junior von Adler nach wie vor einen preisgünstigen Einstieg in die Wunderwelt der Vorkriegsautos.

Hier haben wir ein besonders reizvolles Exemplar dieses Typs, aufgenommen nach Kriegsausbruch 1939, wie die Tarnüberzüge auf den Scheinwerfern verraten:

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Adler Trumpf Junior Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man kann über hinten angeschlagene Türen denken was man will, aber ihre Vorzüge sind hier auch für den modernen Betrachter ganz offensichtlich.

Die Kunst des eleganten Aussteigens ist mit den Karosserien der Gegenwart ebenso  verlorengegangen wie der mühelose und würdevolle Einstieg ins Heckabteil.

Bevor die PKW-Herstellung bei Adler endete, lief man in Frankfurt am Main noch einmal zu großer Form auf – zum einen mit dem Stromlinienmodell 2,5 Liter, das ich gelegentlich vorstellen werde, zum anderen mit dem ebenfalls sechszylindrigen konventionellen „Diplomat“, der die Nachfolge des „Standard 6“ antrat.

Eine mächtige Limousinenausführung dieses Typs hatte ich vor längerem vorgestellt:

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Adler „Diplomat“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor ich heute zwei weitere Aufnahmen desselben Typs zeige, möchte ich kurz in die Geschichte der ganz großen Adler-Modelle zurückblenden, die auch Freunden der Frankfurter Marke oft kaum noch gegenwärtig ist.

Tatsächlich hatte Adler – wie auch Opel aus dem nahen Rüsselsheim am Main – bereits vor dem 1. Weltkrieg mit Hubraumriesen erhebliches Renommee gewonnen.

Aus Volumina von 8 bis 9 Liter gewannen die Spitzenmodelle von Adler vor 1914 eindrucksvolle 70 bis 80 PS, die theoretisch Höchstgeschwindigkeiten von deutlich über 100 km/h erlaubten.

Für die damaligen Käufer dieser unerhört teuren Wagen zählte aber vielmehr die anstrengungslose Leistungsentfaltung, die einen Gangwechsel außer bei Steigungen fast völlig überflüssig machte.

Hier haben wir einen dieser Giganten aus der Zeit ab etwa 1912:

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Adler Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass dieser offenbar im Frühjahr abgelichtete Adler zu den Oberklassemodellen mit einer Leistung von 60 PS aufwärts gehörte, ist aus der Größe des Kühlergrills abzuleiten.

Schwächere Adler-Typen sahen damals zwar ähnlich aus, waren aber von den Proportionen deutlich kompakter und besaßen Räder mit weniger Speichen.

Ein schönes Detail an diesem Wagen sind die aus Messing gefertigten Kappen auf den Frontscheinwerfern, die die empfindlichen Gläser der Gasleuchten schützten.

Entstanden sein wird dieses Foto im 1. Weltkrieg anlässlich des Fronturlaubs des hochdekorierten Soldaten auf dem Beifahrersitz. Noch 1914 setzte sich übrigens bei den neuen Adler-Modellen der allgemein in Mode gekommene Spitzkühler durch.

Dieses markante Detail kennzeichnet auch die Adler-Wagen der frühen Nachkriegszeit, zu denen abermals großvolumige Typen mit an die 60 (später auch 80 PS) gehörten. Historische Abbildungen dieser Wagen sind ausgesprochen selten.

Folgendes Foto dürfte einen dieser großen Adler zeigen, die nach dem 1. Weltkrieg in kaum veränderter Form – von den Lampen abgesehen – weitergebaut wurden:

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Adler Tourenwagen der frühen 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die genaue Datierung und typmäßige Einordnung dieses Adler bereitet bislang noch Schwierigkeiten, da kein ausreichendes Vergleichsmaterial vorliegt. Das wird sich aber im Lauf der Zeit sicher ändern, wie das bei anderen in der Literatur schlecht oder gar nicht dokumentierten Modellen anderer Hersteller schon der Fall war.

Der nächste „große“ Adler war dann das Modell „Standard 6“ bzw. der rare „Standard 8“ vom Ende der 1920er Jahre. Hier stellvertretend für diese im US-Stil gestalteten Spitzenmodelle aus Frankfurt eine bereits gezeigte Aufnahme:

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Adler „Standard 6“, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es ist faszinierend zu sehen, wie diese perfekten Repräsentanten des 20er-Jahre-Stils ab 1933 von Nachfolgern abgelöst wurden, die eine neue Linie verkörperten – und das wiederum in geradezu idealer Hinsicht.

Die Rede ist vom erwähnten „Diplomat“, der abgesehen vom Hubraum (2,9 Liter, Leistung auf 60 PS erhöht) kaum noch etwas mit dem Vorgänger gemeinsam hatte.

Man sieht an der Linienführung, dass sich Adler mittlerweile vom Vorbild amerikanischer Hersteller weitgehend gelöst hatte. Faktisch verfolgte man dieselbe formale Logik wie bei den erfolgreichen kleinen Modellen Trumpf und Primus.

Das ist auch kaum verwunderlich, wurde doch die Ganzstahl-Karosserie des 1934 aufgelegten Diplomat ebenso von Ambi-Budd aus Berlin gefertigt wie die der kompakteren Modelle, zumindest in der geschlossenen Version.

Dennoch ist eine Adler „Diplomat“-Limousine von 1934 auf den ersten Blick gar nicht so einfach zu identifzieren, wie das folgende Beispiel zeigt:

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Adler „Diplomat“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser Aufnahme ist auf Anhieb wenig zu erkennen, was an Adler erinnert, abgesehen von den schlichten Radkappen auf den profilierten Scheibenrädern.

Die primitive Ausführung des Flachdachbaus im Hintergrund lässt zunächst an eine Aufnahme aus den USA denken, wo solche barackenähnlichen, später als „Bungalow“ geadelten Bauten bereits vor dem 2. Weltkrieg aufkamen.

Doch die solide ausgeführten mehrstöckigen Häuser mit steilem Dach auf der linken Seite verraten letztlich eine Entstehung des Fotos in Mitteleuropa. Zudem spricht der Wimpel neben der Haube eine eindeutige Sprache.

Das offenbar während des national-sozialistischen Regimes entstandene Foto zeigt jedenfalls einen Adler „Diplomat“ in der nur 1934 gebauten Ausführung, die unter anderem an den fünf hohen Luftklappen in der Motorhaube zu erkennen ist.

Die Harmonie der geschlossenen Karosserie von Ambi-Budd wird erst auf einer zweiten Aufnahme desselben Wagens deutlich, die ich zusammen mit der ersten erwerben konnte:

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Adler „Diplomat“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Ansicht erinnert an zeitgenössische elegante Aufbauten aus England, jedenfalls würde man nicht mehr auf die Idee kommen, eine Herkunft aus den USA zu vermuten.

Die deutschen Hersteller hatten sich mittlerweile von den lange überlegenen amerikanischen Konkurrenten emanzipiert und verfolgten technische wie formal  zunehmend eigenständige Wege.

Bemerkenswert ist an dieser makellosen Karosserie des Adler „Diplomat“ nicht nur die schiere Größe, die zugleich jede Übertreibung meidet.

Festzuhalten ist auch, dass dieser Wagen der letzte von den Frankfurter Adlerwerken vorgestellte Typ war, der noch der traditionellen Gestaltungslogik folgte, die ihren Ursprung in der Kutschbauära hatte.

Deutlich wird dies insbesondere anhand des Dachaufbaus, der vom Wagenkörper abgesetzten, opulent geschwungenen Schutzbleche, den freistehenden Frontleuchten und dem am Heck angesetzten Koffer.

Die letzten von Adler vor Kriegsausbruch vorgestellten PKW-Modelle – der Typ 2 Liter (ab 1938) und vor allem der Typ 2,5 Liter (ab 1937) – hatten nur noch wenig mit den klassischen Linienführung des Adler „Diplomat“ gemeinsam.

Sie fielen auch deutlich kompakter aus als der letzte „große“ Adler, was letztlich den „Diplomat“ zum letzten Vertreter des Oberklasseautomobils der Frankfurter Traditionsmarke macht.

In natura ist mir übrigens noch kein Adler „Diplomat“ in der hier gezeigten klassischen Ausführung  von 1934 begegnet. Dasselbe gilt für den bis 1940 gebauten, optisch abweichenden Nachfolger, den ich ebenfalls noch besprechen werde.

Vielleicht weiß ja ein Leser von einem überlebenden Exemplar des eindrucksvollen Adler „Diplomat“ von anno 1934 – solche Hinweise sind mir ebenso willkommen wir ergänzende Informationen oder auch Korrekturen von berufener Seite.

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Hanomag-Historie: vom 3/16 PS zum 4/20 PS-Modell

Mein heutiger Blogeintrag bietet an sich nichts Spektakuläres – umso eindrucksvoller wird dafür der demnächst anstehende Fund des Monats ausfallen.

Dennoch findet der eine oder andere Leser vielleicht Gefallen an dem Bilderreigen aus der Historie der neuentwickelten Hanomag-PKWs, die ab 1929 auf das eigenwillige 2/10 PS Modell „Kommissbrot“ folgten.

Die konventionellen Typen 3/16 PS bis 4/20 PS, die der Maschinenbaukonzern aus Hannover bis 1931 baute, bergen nämlich im Detail einige Geheimnisse.

Das erschließt sich einem erst nach und nach bei der Betrachtung zeitgenössischer Dokumente und dem Abgleich mit der – leider auch hier – lückenhaften Literatur. 

Auf einigermaßen sicherem Boden bewegt man sich noch bei der Beschäftigung mit der ersten Version des Ende 1928 als Nachfolger des „Kommissbrot“ vorgestellten Modells 3/16 PS mit seitengesteuertem 750ccm-Reihenvierzylinder:

Hanomag_3-16_PS_Cabrio_Reklame_Galerie

Hanomag 3/16 PS Cabriolet; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Werbeanzeige zeigt die geschönte erste Ausführung des Hanomag 3/16 PS ab 1929, die nur als 2-sitziges Cabriolet mit außenliegendem Notsitz erhältlich war.

Auch wenn das Auto hier weit größer und eleganter wirkt, als es tatsächlich war, gibt die Zeichnung doch alle wesentlichen Details getreu wieder:

  • Flachkühler mit Hanomag-Markenemblem und dem niedersächsischen Wappentier als Kühlerfigur
  • auf zwei Gruppen verteilte senkrecht stehende Luftschlitze in der Motorhaube,
  • trommelförmige Scheinwerfer mit horizontaler Verbindungsstange
  • flache Scheibenräder mit vier Radbolzen ohne Radkappe,
  • Frontscheibe mit waagerechtem, nicht der Haubenkontur folgendem unteren Abschluss,
  • beim Kühler beginnende, entlang der gesamten Gürtellinie laufende Zierleiste,
  • Cabrioletverdeck mit seitlicher Sturmstange.

Die Realität sah dann wie folgt aus:

Hanomag_3-16_oder_4-20_PS_Galerie

Hanomag 3/16 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man findet zwar alle erwähnten Details wieder, doch wirkt der Hanomag in natura etwas kastiger. Der Wagen war deutlich schmaler und der Dachaufbau fiel höher aus.

Das ändert aber nichts am Reiz dieser Privataufnahme, auf der ein junges Paar gekonnt posiert – offenbar hatte man Vorbilder aus der Filmwelt studiert. Fast kommen einem die beiden wie eine deutsche Version des Bankräuber-Gespanns Bonnie & Clyde vor.

Deutlich bürgerlicher geht es auf folgender Aufnahme zu, die mir Leser Klaas Dierks zur Verfügung gestellt hat:

Hanomag_3-16_PS_Cabrio_Dierks_Galerie

Hanomag 3/16 PS Cabriolet; Originalaufnahme aus Sammlung Klaas Dierks

Diese Bilderbuchansicht zeigt wiederum einen Hanomag 3/16 PS in der Cabriolet-Ausführung, hier mit Lübecker Zulassung und gutgelaunten Urlaubern.

Aus dieser Perspektive ist das damalige Hanomag-Emblem mit der stilisierten Seitenansicht eines „Kommissbrot“ gut zu erkennen. Von der Idee, den nicht weiterverfolgten Vorgängertypen als Markenlogo zu wählen, kam man bald wieder ab.

Rechts unten auf dem Kühlernetz erkennt man schemenhaft eine Eichel, die sich die deutsche Automobilindustrie auserkoren hatte, um heimische Produkte von populären ausländischen „abzugrenzen“ – als ob deutsche Käufer das nicht so erkannt hätten…

Interessanter als dieser klägliche Versuch, am deutschen Markt nur verhalten aufgenommene Fahrzeuge mit patriotischer Symbolik aufzuwerten, ist aber das Emblem eines weiteren Hanomag 3/16 PS Cabriolets:

Hanomag_3-16_3-18_oder_4-20_PS_neues_Logo_Galerie

Hanomag 3/16 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne, vielleicht an einem Spätsommerabend entstandene Aufnahme des im Raum Chemnitz zugelassenen Wagens zeigt alle bereits vertrauten Elemente wieder.

Nur das Kühleremblem gibt Rätsel auf: Die dreieckige Grundform ist noch vorhanden, doch fehlt die Silhouette des „Kommissbrot“. Stattdessen ist mittig ein „H“ zu erkennen, wenn nicht alles täuscht.

Kann es sein, dass sich der Besitzer dieses Wagens ein Logo angefertigt hat, das ohne die Erinnerung an das nicht zukunftsweisende 2/10 PS-Modell auskam?

So war Hanomag erst mit dem 3/16 PS technisch wie formal – wenn auch verspätet – der Anschluss an international erfolgreiche Konzepte wie den Austin 7 (bzw. Lizenznachbau Dixi DA1) und Opel 4 PS („Laubfrosch“ in Citroen-Tradition) gelungen.

Wer Ideen zu diesem eigenständigen Emblem hat, nutze bitte die Kommentarfunktion.

Bei dieser Gelegenheit festzuhalten ist, dass alle bisherigen Abbildungen von Cabrio-Versionen des Hanomag 3/16 PS vorn annähernd gerade abgeschnittene Schutzbleche aufweisen.

Anders sehen die Kotflügel durchweg bei den ab 1930 angebotenen Limousinen aus:

Hanomag_3-16_oder4-20_PS_Limousine_Tank_Galerie

Hanomag 3/16 oder 4/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von den vorne rund auslaufenden Schutzblechen und der nun verchromten Kühlermaske abgesehen entspricht die Frontpartie der Limousine derjenigen des parallel weiterhin angebotenen Cabriolets.

Unklar ist, ob das Cabriolet analog zur neu eingeführten Limousine ebenfalls veränderte Vorderkotfügel erhielt. Die bisherigen Fotos und die dürftige Literatur zu diesem Hamonag-Modell erlauben aus meiner Sicht bislang keine eindeutige Aussage.

Sicher ist nur, dass obige Limousine eine des ab 1930 gebauten Typs 4/20 PS ist, denn der auf 1,1 Liter vergrößerte Motor war den geschlossenen Versionen vorbehalten. 

Übrigens konnte ich kürzlich einen Reservetank genau des Typs nach Patent „Krauss“ erwerben, der auf dem Trittbrett der Hanomag-Lmousine zu sehen ist:

Ersatztank_Krauss

Reservetank Patent „Krauss“; Originalstück aus Sammlung Michael Schlenger

Bislang bewegen wir uns noch im Bereich, den auch die mir zugängliche Literatur zu diesem Hanomag-Modell umreißt.

Doch nun beginnen sich einige Rätsel aufzutun. So wird das Hanomag 3/16 PS Modell im Standardwerk „Deutsche Autos von 1920-45“ von Werner Oswald (Ausgabe: 2001) als Typ P Serie I bezeichnet.

Von einer Serie II ist jedoch nirgends mehr die Rede. Stattdessen werden zwei größere Typen 53 bzw. 63 genannt, die statt 750ccm einen Hubraum von 800 bzw. 1100cm aufweisen – letzterer bezeichnet das erwähnte 4/20 PSModell (evtl. mit Bezug auf den Durchmesser der Zylinderbohrung von 63 mm).

Nun ist mir die Bezeichnung Hanomag Typ P Serie I aber in Verbindung mit einer dritten Motorisierungsvariante – 3/18 PS – begegnet, und zwar bei einer Ausstellung in der Central-Garage in Bad Homburg:

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Hanomag 3/18 PS Cabriolet; Bilddrechte: Michael Schlenger

Die Motorisierung 3/18 PS taucht laut Literatur erst beim größeren Nachfolgemodell ab 1931 auf, das einen längeren Radstand aufwies und nur als vierfenstrige Limousine bzw. Cabrio-Limousine verfügbar war.

Mein obiges Foto zeigt aber denselben zweifenstrigen Cabriolet-Typ wie die bisherigen Dokumente des 3/16 PS Modells. Zudem wurde als Baujahr dieses 3/18 PS-Modells 1930 angegeben:

Hanomag_3-18_PS_Central-Garage_2_Galerie

Meiner Ansicht nach sind diese Angaben mit Vorsicht zu genießen.

So liegt der hier genannte Preis von 3.300 Reichsmark deutlich über dem für das Cabriolet 3/16 PS (1929-31) angegebenen Preis von 2.800 Mark  sowie über dem der Limousine und der Nachfolgemodelle einschließlich des größeren 4/23 PS-Modells.

Denkbar ist, dass das in der Central-Garage gezeigte Auto nachträglich den 900ccm-Motor mit 18 PS erhielt, der eigentlich dem Nachfolger ab 1932 vorbehalten war. Übrigens verweisen auch die Chrom-Radkappen auf eine nachträgliche „Aufwertung“ des im übrigen in sehr mäßigem Zustand befindlichen Wagens.

Dieses Beispiel mag veranschaulichen, dass erhaltene „restaurierte“ Exemplare oft nicht den Originalzustand repräsentieren. Dies ist an sich kein Problem, da auch zeitgenössische Modifikationen bzw. Patina als historisch anzusehen sind.

Wer allerdings wissen will, wie die Fahrzeuge bei Auslieferung aussahen, ist mit dem Studium möglichst vieler Aufnahmen neuwertiger Fahrzeuge der Vorkriegszeit besser beraten.

Der Reiz solcher frühen Fotos liegt nicht zuletzt darin, wie diese Wagen einst von ihren Besitzern gesehen und inszeniert wurden. Das konnte beispielsweise so aussehen:

Hanomag_3-16_oder_4-20_PS_Reklame_Galerie

Hanomag 3/16 oder 4/20 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was es mit diesem herausgeputzten Wagen und seinem Besitzer (vermutlich) auf sich hat, damit habe ich mich bereits vor längerer Zeit hier befasst.

Nebenbei trägt auch dieser Hanomag den bereits erwähnten Reservetank nach Patent „Krauss“ auf dem Trittbrett. An anderen Fahrzeugen ist mir dieses markante Stück noch nicht aufgefallen – könnte es sich um einen speziell von Hanomag genutzten Zulieferer gehandelt haben?

Zum Abschluss noch eine Aufnahme einer Hanomag-Limousine des Typs 3/16 oder 4/20 PS, die ein weiteres Rätsel aufgibt:

Hanomag_3-16_oder_4-20PS_am_Rhein_bei_Kaub_Ausschnitt

Hanomag 3/16 oder 4/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen auf dieser am Rhein bei Kaub entstandenen Aufnahme unterscheidet sich in einem kleinen Detail von den bisher gezeigten Hanomag-Typen:

Der untere Abschluss der Kühlermaske ist schwarz lackiert und weist ein vertikal ausgerichtetes „Riffel“muster auf.

Dieses Detail findet sich eigentlich erst am Nachfolger Hanomag 4/23 PS ab 1931 wie dem folgenden Wagen – und dann in Verbindung mit einem korrespondierendem Element an der Oberseite der Kühlermaske sowie neuem Markenemblem:

Hanomag_4-23_PS_1932-1_Galerie

Hanomag 4/23 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Anhand dieser Aufnahmen aus meiner Sammlung dürfte deutlich geworden sein, wie wenig zu den Details der direkten Nachfolgetypen von Hanomags „Kommissbrot“ bekannt bzw. publiziert ist.

Meine Fotos sollen auf der einen Seite helfen, den Blick für Unterschiede zwischen den einzelnen Versionen zu schärfen, auf der anderen Seite sollen sie im Idealfall zur Klärung entsprechender Fragen beitragen, die sich bislang nicht beantworten lassen.

Alle Hinweise oder auch Korrekturen von sachkundiger Seite sind wie immer hochwillkommen – das Schöne am Blog-Format ist ja, dass man jederzeit Änderungen und Verbesserungen einarbeiten kann.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Unendliche Geschichte: Ein Presto D-Typ 9/30 PS

Zu den häufigeren „Gästen“ in meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos gehört der D-Typ der einstigen Marke „Presto“ aus Chemnitz.

Einige tausend Stück (die genaue Zahl ist unbekannt) des Vierzylindermodells mit dem schnittigen Bug wurden in der ersten Hälfte der 1920er Jahre gefertigt.

Bislang 15 davon sind in meiner Presto-Galerie dokumentiert – mehr als an irgendeinem anderen Ort, sei es in der Literatur oder im Netz.

Den Schwerpunkt stellen die offenen Versionen dar, für die dieser prächtige Tourenwagen steht:

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Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Kurz zur Erinnerung: Typisch für den Presto Typ D 9/30 PS sind folgende Elemente:

  • Spitzkühler mit schnabelartig ausgeführter Oberseite der Kühlermaske
  • sechs hohe, senkrecht stehende Luftschlitze in der Motorhaube
  • bis ans Ende der vorderen Rahmenausleger reichende Frontschutzbleche

Alles übrige am Aufbau unterlag mehr oder minder starken Variationen.

So finden sich am Tourenwagen sowohl die mittig unterteilte, schrägstehende Windschutzscheibe wie bei obigem Foto als auch eine senkrecht stehende mit horizontaler Unterteilung:

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Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Neben den verbreiteten offenen Versionen, die am erschwinglichsten waren, scheint es nur relativ wenige Presto-Wagen des Typs D 9/30 PS mit geschlossenem Aufbau gegeben zu haben.

Mein Fundus beherbergte jedenfalls bislang nur drei entsprechende Dokumente. Folgende Aufnahme aus Besitz von Leser Gottfried Hess stellt eine interessante Ergänzung dar:

Presto_D-Typ_Taxi_Magdeburg_G_Hess

Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Gottfried Hess

Möglicherweise handelt es sich hier um eine Aufsatz-Limousine – d.h. der Aufbau oberhalb der Gürtellinie konnte abgenommen werden.

Jedenfalls erkennt man entlang des Rahmens der hinteren beiden Seitenfenster eine horizontale Unterteilung, unterhalb derer sich die Linie eines Tourenwagen mit nach innen eingezogenem Karosserieabschluss abzeichnet.

Bei einem „echten“ Limousinenaufbau war dagegen die Karosserie oberhalb des Schwellers aus einem Guss wie auf der folgenden Aufnahme, die ebenfalls einen Presto-Typ D 9/30 PS zeigt:

Presto_3_Galerie

Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn dieser Wagen über Drahtspeichenräder verfügt (als Extra erhältlich) handelt es sich dabei jedoch höchstwahrscheinlich ebenfalls um einen Presto D-Typ – die Chemnitzer Traditionsfirma stellte von 1921-25 nur diesen einen Typ her.

Die vier bisher gezeigten Aufnahmen lassen bereits ahnen, dass kaum ein Presto des D-Typs aussah wie der andere.

Details wie die Ausführung der Frontscheibe mögen baujahrabhängig variiert haben – ich vermute, dass nur ganz frühe Modelle die vertikal unterteilte Scheibe besaßen – leider sind dazu nirgends verlässliche Aussagen zu finden.

Speziell die geschlossenen Versionen unterschieden sich stark, da sie von unabhängigen Karosseriefabrikanten hergestellt werden.

Auch von daher darf man annehmen, dass bei einer Produktionszahl von einigen tausend Stück die realisierten Aufbauten zahllose Variationen aufwiesen.

Dass wir es im Fall des Presto Typ D 9/30 PS tatsächlich mit einer „unendlichen Geschichte“ zu tun haben, belegt mein jüngster Fund:

Presto_D_9-30_PS_Chauffeur-Limousine_Galerie

Presto Typ D 9/30PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sieht man von der Unschärfe der Frontpartie (und dem banalen Hintergrund) ab, gehört diese Aufnahme zu den besten, die mir bislang vom Presto D-Typ begegnet sind.

Aus dieser Perspektive kommen der schnittige Bug, die vorn spitz zulaufenden Schutzbleche und die schlanke, leicht taillierte Karosserie gut zur Geltung.

Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass der Presto hier einen geräumigen Aufbau als Chauffeur-Limousine besitzt. Charakteristisch für diese Karosserievariante ist, dass nur das Passagierabteil über Seitenscheiben verfügt. 

Der Fahrer scheint hier für das Foto eigens auf den Beifahrerseitz gerückt zu sein. Dass er so ebenfalls wirkungsvoll abgelichtet wurde, ist durchaus typisch für derartige Aufnahmen – der Chauffeur war in der Regel eine geschätzte Vertrauensperson.

Auf diesem Ausschnitt erkennt man aber noch mehr:

Presto_D_9-30_PS_Chauffeur-Limousine_Ausschnitt

Zwei Dinge fallen hier ins Auge:

  • Oberhalb des ausstellbaren Teils der Windschutzscheibe befindet sich eine weitere Fensterpartie, die eine höhere Dachpartie ermöglicht
  • Unterhalb des Rahmens der hinteren Seitenscheiben ist eine horizontale Unterteilung zu erkennen, die genau auf Höhe des oberen Karosserieabschlusses im Fahrerabteil liegt.

Diese Indizien sprechen stark für eine weitere Aufsatz-Limousine. Denkt man sich den Aufbau weg, hat man einen typischen Presto-Tourenwagen mit senkrechter Windschutzscheibe vor sich.

Wie so oft fragt man sich bei der Betrachtung solcher aufwendigen Schöpfungen, die im Deutschland der 1920er Jahre einen heute kaum vorstellbaren Luxus verkörperten: Wie kann ein solches großartiges Produkt menschlichen Erfindungsgeistes und praktischen Können so einfach verschwinden?

Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass irgendwo noch ein Exemplar eines Presto Typs D 9/30 PS in der enorm aufwendigen Ausführung als Chauffeur-Limousine mit Aufsatz-Karosserie existiert.

Doch dank alter Fotos wie der hier gezeigten bleibt die Beschäftigung mit Prestos D-Typ 9/30 PS auch im 21. Jahrhundert eine unendliche Geschichte

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Winter adé – Zwei „Grahams“ von 1930/31

Wir schreiben den 17. März 2019 – nur noch wenige Tage, um den Winter zum Teufel zu jagen und dem Frühling frohgemut entgegenzusehen. Dazu passen perfekt die zwei Autofotos aus der Vorkriegszeit, die ich heute vorstellen will.

Beide zeigen Wagen einer amerikanischen Marke, die einst auch in Deutschland einiges Ansehen genoss, doch heute hierzulande weitgehend vergessen ist – Graham.

Die Firma wurde zwar erst 1927 von den Gebrüdern Graham gegründet, doch geschah dies im Zuge der Übernahme der bereits seit 1908 bestehenden Marke Paige. Dementsprechend firmierte man anfänglich unter Graham-Paige, ab 1930 beschränkte man sich auf den Namen Graham.

Damit wären wir im Baujahr des ersten Wagens, um den es heute geht:

Graham_Cabriolet_1930_Ausschnitt

Graham Roadster von 1930; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Graham, der hier neben einer Schneewand auf einer freigeräumten Straße aufgenommen wurde, lässt sich unter anderem anhand der Ausführung der Kühlermaske datieren.

Typisch ist die speziell im oberen Bereich filigrane Kühlereinfassung mit den verchromten Stäben sowie die stark geschwungene Stange zwischen den beiden Scheinwerfern.

Beim Vorgänger von 1928/29 sah das noch ganz anders. Ein entsprechendes Exemplar mit Berliner Zulassung habe ich hier bereits beschrieben:

Graham-Paige_1928_Umbau_Frontpartie

Graham-Paige von 1928/29; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Allzuviel lässt sich zu dem Graham auf dem ersten Foto sonst nicht sagen. Es gab ihn wie bei amerikanischen Mittelklassewagen üblich mit sechs und acht Zylindern.

Bemerkenswert ist vielleicht, dass er ab Werk mit fünf Radständen und in einem Dutzend Karosserievarianten erhältlich war – in Großserienfertigung, wohlgemerkt!

Bedeutende Unterschiede der Graham-Modelle der Jahr 1930 und 1931 konnte ich nicht ausmachen. Der nächste große Sprung sollte erst 1932 erfolgen – mit dem radikal neuen Typ „Blue Streak“.

Nur ein paar Kleinigkeiten unterschieden den Graham des Jahrgangs 1931 von dem des Vorjahrs – die einteilige Stoßstange, die nunmehr gerade Scheinwerferstange und die Positionsleuchten auf den Kotflügeln:

Graham_1931_deutsch beschriftet_Galerie

Graham Limousine von 1931; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sehr gut zu erkennen ist aus dieser Perspektive der stämmige Auftritt des Grahamtypisch für viele US-Wagen, die mit breiter Spur den oft noch unbefestigten Wegen in der Fläche der Vereinigten Staaten Rechnung trugen.

Möglicherweise lag auch der Aufnahmeort – laut Kennzeichen im Umland von New York – in einer nur wenig erschlossenen Gegend, wo große Bodenfreiheit und „breitbeinige“ Statur von Vorteil waren.

Immerhin scheint auf diesem schönen Foto, das einst deutsche Auswanderer an die Verwandten in der alten Heimat schickten, der Winter auf dem Rückzug zu sein.

Die Sonne muss hier bereits einige Wärme verströmt haben, sonst hätte die junge Dame kaum ohne Mantel, Hut und Handschuhe im Freien posiert. Nur einer der Hunde ist mit dem Nahen des Frühlings unzufrieden – kein Wunder bei dem Pelz:

Graham_1931_deutsch beschriftet_Ausschnitt

Ich werde den Verdacht nicht los, dass diese als Postkarte verschickte Aufnahme einen professionellen Hintergrund hat. Handelt es sich bei der adretten jungen Dame, die hier so kokett in die Kamera lächelt, vielleicht um eine Prominente jener Zeit?

Wie immer bin ich für Ideen und Sachinformationen dankbar, die einem Bild wie diesem möglicherweise sein Geheimnis zu entlocken vermögen.

So oder so bleibt der Eindruck eines in jeder Hinsicht gelungenen Fotos einer ansehnlichen Graham-Limousine von 1931, das Hoffnung auf ein Weichen des Winters und das Nahen des Frühlings weckt…

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Verschwunden und vergessen? Nicht ganz: Dürkopp P8

Im fünften Jahr schreibe ich nun an diesem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos. Rund 2.500 Leser nehmen daran im Monatsschnitt Anteil.

Nebenher sind viele wertvolle, oft freundschaftliche Kontakte mit Gleichgesinnten im gesamten deutschsprachigen Raum entstanden, die ohne das Internet kaum – oder zumindest nicht so schnell – zustandegekommen wären.

So erfreulich und ermutigend das ist, so bedauerlich finde ich, dass sich für einige deutsche Marken niemand mehr zuständig fühlt. Natürlich gibt es Kenner für untergegangene Hersteller wie Adler, AGA, Brennabor und Dixi, für Ley, MAF, Steiger und Stoewer – doch schon bei DUX, NAG, Phänomen, Presto und Protos wird es dünn.

Zu den kaum begreiflichen Leerstellen in dieser Hinsicht gehört die Automobilproduktion eines weiteren Herstellers: Dürkopp.

Zwar sind die Hauptprodukte der Traditionsfirma aus Bielefeld – Nähmaschinen und Zweiräder – gut dokumentiert. Doch Dürkopp hat 30 Jahre lang auch Autos gebaut (bis 1927) – in der Literatur ist dennoch fast kein Foto davon zu finden.

Im Netz herrscht ebenfalls weitgehend Fehlanzeige. Verschwunden und vergessen scheint die Automarke Dürkopp zu sein. Doch nicht ganz – in meinem Blog findet sich mittlerweile eine eigene Fotogalerie dazu – die langsam, aber stetig wächst.

Zuletzt hatte ich dieses Prachtexemplar vorgestellt – eine Dürkopp-Limousine Typ P10:

Dürkopp_P10_Spitzkühler_und_Opel_Galerie

Dürkopp Typ P10 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ausführliche Porträt dieses mächtigen Wagens ist hier zu finden.

Heute möchte ich gleich zwei Neuzugänge in der Dürkopp-Galerie vorstellen. Der eine mag auf den ersten Blick etwas unscheinbar wirken, was der mäßigen Qualität des Abzugs geschuldet ist. Der zweite wird umso eindrucksvoller ausfallen.

Ihren Reiz als Zeitdokumente haben aber beide Fotos – hier das erste davon:

Dürkopp_Typ_P8A_8-32_PS_Zul_Schwaben_und_Neuburg_Galerie

Dürkopp 8/32 PS Typ P8A; Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Unabhängig davon, was hier für ein Auto zu sehen ist und wo die Aufnahme entstanden ist: Solche Bilder macht heute niemand mehr.

Sich mit Familie und Freunden um das Automobil zu versammeln, sich in Pose zu werfen und sich für die Nachwelt ablichten zu lassen – das ist heutigen Autobesitzern vermutlich so fremd wie die korrekte Einstellung des Zündzeitpunkts.

Fotos wie dieses erzählen davon, welche enorme Errungenschaft das Aufkommen des Automobils für unsere Vorfahren einst bedeutete. Besonders gern hielt man still, wenn man in einem so ausgezeichneten Wagen aufgenommen wurde:

Dürkopp_Typ_P8A_8-32_PS_Zul_Schwaben_und_Neuburg_Frontpartie

Der Wagen mit der sportlich geneigten, mittig unterteilten Windschutzscheibe und der langen, leicht abfallenden Motorhaube ist eindeutig als Dürkopp zu identifizieren.

Auf beiden Seiten des moderaten Spitzkühlers ist ein verspieltes „D“ zu erahnen, wie es typisch für die Wagen der Bielefelder Dürkopp-Werke war.

Dieses Detail und die 15 Luftschlitze in der Motorhaube finden sich an einem anderen Dürkopp wieder, dessen Konterfei ich vor längerer Zeit hier besprochen habe:

Dürkopp_P8_Galerie

Dürkopp 8/32 PS Typ P8A; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier ist das erwähnte Dürkopp-„D“ schon besser zu erkennen. Die Zahl der Luftschlitze lässt sich ohne weiteres auf 15 ergänzen.

Allerdings steht die zweigeteilte Frontscheibe hier noch fast senkrecht – die Drahtspeichenräder scheinen ein nachgerüstetes Zubehör zu sein, zumindest werden sie in der Standardliteratur (Werner Oswald: Deutsche Autos 1920-1945) nicht erwähnt.

Schaut man genau hin, erkennt man hinter dem Ersatzrad genau dieselbe glänzende Lochblende, die auf dem vorherigen Foto vor der A-Säule zu sehen ist. Die meisten übrigen Details stimmen ebenfalls überein.

Wenn wir schon bei der erwähnten Lochblende sind, die der Belüftung des vom Motor aufgeheizten Fußraums diente – auf folgender Aufnahme findet sie sich wieder:

Dürkopp_P8A_8-32_PS_Hochzeit_Galerie

Dürkopp 8/32 PS Typ P8A; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Über den Anlass der Aufnahme – eine Hochzeit – müssen wir nicht viel spekulieren. Leider konnte ich den Aufnahmeort bislang nicht identifizieren.

Offenbar steht der Dürkopp vor dem Seitenportal einer mächtigen gotischen Kirche. Merkwürdig ist die geneigte, schmucklose Mauer aus hellen Kalksteinquadern daneben, die man eher als Teil einer Stadtumwehrung einordnen würde.

Oder stützt sie einen erhalten gebliebenen Teil eines romanischen Vorgängerbaus der Kirche ab? Wer dazu eine Idee hat, nutze bitte die Kommentarfunktion.

Zurück zum Dürkopp:

Dürkopp_P8A_8-32_PS_Hochzeit_Frontpartie

Auch hier haben wir wieder Drahtspeichenräder, diesmal aber in Kombination mit einer markanten Zentralverschlussmutter, deren Form mir in der Vorkriegszeit bislang andernorts noch nicht begegnet ist – weiß jemand etwas dazu?

Auffallend ist auch der Ersatzreifen, der noch wie ein Überbleibsel aus der automobilen Frühzeit wirkt, als dem Reifengummi noch kein Ruß beigemischt wurde, weshalb die Reifen hellbeige statt schwarz war.

Allerdings kann auch das Reflektionsverhalten des Ersatzreifens ein anderes gewesen sein als das der im Einsatz befindlichen Reifen. Bei einem Schwarz-Weiß-Foto kann dies erhebliche Auswirkungen auf den realisierten Grauwert haben.

Auch hier haben wir übrigens eine Version mit senkrecht stehender Frontscheibe. Ob das ein Kennzeichen früher Ausführungen des ab 1924 gebauten Dürkopp Typ 8/32 PS war oder nicht, muss vorerst offenbleiben.

Und noch etwas ist nicht gesichert: Dass es sich überhaupt um einen Typ P8 8/32 PS von Dürkopp handelt. Die Ausführung mit den (rund) 15 Luftschlitzen ist nämlich in der mir zugänglichen Literatur nirgends abgebildet.

Nur der Vorgänger Dürkopp Typ P 8/24 PS mit vier Luftschlitzen ist dort dokumentiert. Ein mutmaßliches Exemplar davon konnte ich vor längerer Zeit hier unter Vorbehalt dingfest machen.

Zwar heißt es, nur der Typ P8 habe „zahlenmäßig eine gewisse Bedeutung“ erlangt, was die Annahme erlaubt, dass die meisten erhaltenen Fotos von Dürkopp-Wagen der 1920er Jahre dieses Modell zeigen.

Doch gab es daneben bis 1926 auch einen großen Typ P12 mit 12/45 PS-Sechsyzlinder. Davon konnte ich bisher keine Spuren finden, sodass es an Vergleichsmaterial fehlt. Das kann sich aber ändern, wie mich meine Erfahrung lehrt.

Ein abschließendes Urteil „verschwunden und vergessen“ ist jedenfalls unangebracht, das zeigen schon die bisher unpublizierten Fotos, die ich bislang von den einst so wirkungsvollen Dürkopp-Wagen zusammentragen konnte.

Was aber mag vor über 90 Jahren die junge Braut so nachdenklich oder missmutig gestimmt haben, dass sie nicht einmal in die Kamera schauen mochte?

Dürkopp_P8A_8-32_PS_Hochzeit-Seitenpartie

Auch die übrigen Herrschaften zeigen sich eher ernst – nur der Chauffeur lächelt pflichtschuldig ins Objektiv. Ihm konnte ja auch egal sein, was die Atmosphäre auf der Rückbank möglicherweise verdüsterte.

Hauptsache, der Dürkopp verrichtet unauffällig seinen Dienst, mag er sich gedacht haben.

Dafür werden die Techniker und Arbeiter des Bielefelder Maschinenbauers schon gesorgt haben. Vielleicht erfährt deren Leistung im Automobilbau ja irgendwann doch noch eine angemessene Gesamtwürdigung…

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Exklusives Arbeitsumfeld: Ein Opel Landaulet von 1909

Es gibt Zeitgenossen, die die 5-Tage-Arbeitswoche, 6 Wochen bezahlten Urlaub und x Feiertage pro Jahr ernsthaft für einen Anschlag auf die „Work-Life-Balance“ halten.

Interessanterweise hört man solches kaum von Arbeitern bei der Müllabfuhr, im Garten- und Landschaftsbau oder im Baugewerbe. Gejammert wird vorzugsweise von Insassen beheizter und klimatisierter Büros mit einer EDV-Ausstattung, deren Leistungsfähigkeit den effektiven Arbeitsaufwand auf ein Minimum reduziert.

Ich gehöre selbst zur Fraktion dieser Schreibtischtäter und weiß, dass auch konzentrierte Kopfarbeit und der Umgang mit einer großen Informationsfülle unter Zeitdruck Kraft kosten und einen am Ende eines Tages ausgelaugt zurücklassen kann.

Aber zu behaupten, das „Leben“ komme beim heutigen Umfang an Freizeit zu kurz, erscheint kühn, abgesehen davon, dass die Arbeit Teil unseres Daseins ist. Heilsam ist da die Konfrontation mit den Lebensverhältnissen unserer Vorfahren in der Frühzeit des Automobils.

Ein Beispiel dafür ist Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags und man mag daran ermessen, wie exklusive Arbeitsplätze vor 110 Jahren aussahen, nämlich wie auf folgendem Originalfoto aus meiner Sammlung:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Galerie

Opel Landaulet von ca. 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den meisten Freunden von Vorkriegsautos ist zwar klar, dass es sich hierbei um ein frühes Automobil handeln muss. Doch wie es einzuordnen ist oder wie Hersteller und Baujahr herauszufinden sind, das ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln.

In der Tat ist die Akribie eines Archäologen gefragt, der kleinsten Details Beachtung schenkt und eine Vorstellung von der Chronologie bestimmter Merkmale hat.

Auch im heutigen Fall ist es entscheidend, alle mit dem Foto verknüpften Informationen auszuwerten und Vergleichsstücke in die Betrachtung einzubeziehen.

Wertvolle Hinweise, wo wir mit der Suche beginnen sollten, geben Absender, Adressat und Datum der Postkarte, auf der dieser Wagen einst abgebildet war. So lief diese Karte im August 1909 vom hessischen Darmstadt ins knapp 60 Kilometer entfernte Städtchen Langenselbold bei Hanau.

Damit haben wir ein starkes Indiz – wenn auch keinen Beweis – dafür, dass der abgebildete Wagen von einem deutschen Hersteller stammt. Des weiteren besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass das Fahrzeug in der Region hergestellt wurde – auch wenn das natürlich nicht zwingend der Fall sein muss.

Vielversprechend erscheint daher eine nähere Betrachtung zeitgenössischer Wagen von Adler aus Frankfurt am Main und Opel aus Rüsselsheim.

Beginnen wir zu Vergleichszwecken mit folgendem vom Aufbau fast identischen Adler, der 1908 in Wandlitz aufgenommen wurde:

Adler_30_bis_40PS_ca._1907_1_aufgenommen_in_Wandlitz_1908_Galerie

Adler Landaulet von ca. 1907; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vorgestellt habe ich dieses Fahrzeug zwar noch nicht, aber das wird bei Gelegenheit nachgeholt – im Fundus schlummert noch einiges an Originalmaterial in dieser Hinsicht.

Zwei Dinge springen sofort als abweichend ins Auge: Das für Adler typische Kühlergehäuse mit oben waagerechtem Abschlusss des Kühlernetzes und die senkrecht stehenden Luftschlitze in der Seite der Motorhaube.

Bei näherem Hinsehen unterscheiden sich außerdem die Ausführung des Kühlwasseinfüllstutzens und der Gestaltung der Nabenkappe an den Vorderrädern.

Speziell die schrägstehenden Haubenschlitze sind ein recht zuverlässiger Indikator für zeitgenössische Opel-Wagen, was bereits zur Identfikation des folgenden Typs von 1907 beitrug (Bildbericht):

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Opel 24/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier stoßen Motorhaube und die Schottwand zum „Innen“raum genau rechtwinklig aufeinander – bei Fahrzeugen aus dem deutschsprachigen Raum ein recht zuverlässiger Hinweis auf eine Entstehung vor 1910.

Aber: Die Vorderschutzbleche folgen hier – wie übrigens beim Adler auch – noch der Radform und ihr unterer Abschluss reicht deutlich unter das Niveau des Trittbretts.

Genau dieses Detail stellt sich beim heute vorgestellten Opel anders dar:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Frontpartie.jpg

Während die Ausführung der Radnabe bis ins Detail derjenigen beim Opel 24/40 PS von 1907 entspricht, löst sich die Linie des Vorderkotflügel hier mit einem Mal von der Radform und strebt im unteren Abschnitt auf die Horizontale des Trittbretts zu.

Diese Detaillösung, bei der bislang aneinandergesetzte Elemente der Karosserie miteinander eine organische Verbindung einzugehen beginnen, ist stilistisch etwas später anzusetzen.

Laut datierten Abbildungen in der Literatur ist diese Entwicklungsstufe bei Opel auf 1908/09 zu datieren. 1910/11 folgte der nächste, weit größere Schritt, als nämlich der Übergang von der Motorhaube zur Schottwand mit einem „Windlauf“ kaschiert wurde wie bei diesem Opel-Taxi, das ich hier ausführlich besprochen habe:

Opel_Taxi_um_1911_Galerie

Opel von ca. 1911; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nach der Lage der Dinge lässt sich der majestätisch wirkende Opel auf der eingangs gezeigten Postkarte recht genau auf 1908/09 datieren – für ein derartig frühes Automobil mit dünner Evidenz in der gedruckten Literatur ein achtbares Ergebnis.

Lässt sich aber auch die Motorisierung ähnlich genau ermitteln? Leider nein, aber eine zufriedenstellende Annäherung erscheint möglich. Welcher Motor sich unter der Haube verbarg, ist bei diesen frühen Automobilen nur selten genau zu bestimmen.

Zum einen war ein und derselbe Aufbau oft mit mehreren Motorisierungen erhältlich, die sich äußerlich kaum bemerkbar machten. Zum anderen fällt es bisweilen schwer, die Dimensionen abzuschätzen, die bei der Einengung auf wenige Motorenvarianten helfen.

Betrachten wir zunächst die 1909 von Opel in Verbindung mit Landaulet-Aufbau verfügbaren Motorisierungen mit den jeweils überlieferten Radständen:

  • Am unteren Ende rangierte der „Doktorwagen“4/8 PS mit 1,0 Liter-Zweizylinder, der über einen Radstand von nur 2,13 m verfügte.
  • Das obere Ende der Palette markierte der Opel 35/60 PS mit 8,9 Liter-Vierzylinder und Radstand von 3,54 m.
  • Dazwischen gab es mehr als ein halbes Dutzend weitere Motorisierungen von 6/12 PS bis 30/50 PS.

Anhand der Proportionen der langgestreckten Haube mit ihren mindestens 15 Luftschlitzen lassen sich alle kleinen und mittleren Typen ausschließen. Gegen die ganz großen Modelle spricht der noch moderate Radstand des abgebildeten Wagens.

Unterstellt man bei dem Diener, der neben dem Opel steht, eine Körpergröße von 1,65 bis 1,70 m, lässt sich ein Radstand von gut 3 Meter ansetzen, aber nicht wesentlich mehr:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Seitenpartie

Die Spitzenmodelle mit Radständen von 3,24 bzw. 3,54 Meter kann man demnach ausschließen. Sie verfügten zudem über zwei Seitenfenster, nicht nur eines wie hier.

In Frage kommen am ehesten die Modelle 15/24 PS, 18/32 PS und 21/45 PS, die alle einen Radstand von rund 3,15 Metern aufwiesen. Genauer lässt sich die Motorisierung vermutlich nicht mehr angeben.

Letztlich ist das auch zweitrangig, da sich alle in Frage kommende Typen in einer Preisregion von weit über 10.000 Goldmark bewegten, wofür man damals auch ein Eigenheim kaufen konnte.

Damit ist auch klar, in welch‘ exklusiven Kreisen die beiden Männer auf den Vordersitzen sowie der erwähnte Diener angestellt waren – Haushalten sehr vermögender großbügerlicher oder auch adliger Familien.

Obwohl man aus heutiger Warte schnell dazu neigt, das Schicksal solcher „Bediensteten“ zu bedauern, muss man sich vergegenwärtigen, dass sie auf der sozialen Stufenleiter der damaligen Gesellschaft deutlich höher angesiedelt waren als die weit überwiegende Mehrheit ihrer Mitbürger, die in der Landwirtschaft, im Handwerk oder der Industrie harten und oft gefährlichen Tätigkeiten nachgingen – 10-12 Stunden täglich von Montag bis Samstag und oft ohne nennenswerte Urlaubsansprüche.

Die Männer, die sich hier stolz und würdevoll der Kamera präsentieren, wussten gewiss um ihre exklusiv zu nennenden Arbeitsplätze, die ihnen neben Fachwissen nicht zuletzt sichere Umgangsformen abverlangten, die die Oberschicht erwartete.

Von dieser Position war mit Fleiß und Bildungswillen ein weiterer gesellschaftlicher Aufstieg möglich, der der Masse der Bevölkerung speziell in der (heute zu Unrecht  romantisch verklärten) kaum maschinisierten Landwirtschaft verschlossen blieb…

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Original? Nicht ganz, aber authentisch: Horch 10/50 PS

Was bei historischen Fahrzeugen als original gelten kann und was nicht, darum tobt ein wohl nie endender Streit zwischen mehreren Fraktionen:

  • Extremisten lassen nur ein Fahrzeug in unberührtem, aber quasi fabrikneuem Zustand als original durchgehen, was es von wenigen Ausnahmen kaum gibt – schon gar nicht bei Vorkriegswagen.
  • Dann gibt es die Verfechter des über Jahrzehnte der Nutzung (oder auch Vernachlässigung) entstandenen Zustands mit viel Patina auf Lack, Chrom und Leder. Diese Auffassung hat in England und Frankreich viele Anhänger.
  • Die Mehrheit der „Oldtimer“freunde hierzulande (und in den USA) hängt einer dritten Philosophie an: Original ist demnach ein restaurierter Zustand, der der Situation bei Auslieferung nahekommt oder diesen sogar übertrifft.

Wie beim Thema Tempolimit scheint mir eine pragmatische Sichtweise angebracht zu sein – will heißen: es kommt auf die jeweilige Situation an. 

Dass man je nach vorgefundenem Zustand des Wagens zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, will ich heute anhand dreier historischer Originalfotos zeigen, die jeweils einen Horch Typ 10/50 PS zeigen.

Wer normalerweise reflexartig zu wissen meint, was an einem Vorkriegswagen „original“ ist und was nicht, wird hier erst einmal kleinlaut.

Denn während auf nahezu jeder hochkarätigen Klassikerveranstaltung einer der herrlichen Horchs der Achtzylinder-Ära zu bestaunen ist, sagt die Bezeichnung 10/50 PS mit Sicherheit nur den wenigsten etwas.

Das hat zwei Gründe: Zum einen handelt es sich „nur“ um ein Vierzylindermodell – die Anführungszeichen sind bewusst gesetzt, ich komme noch darauf zurück. Zum anderen war der Wagen speziell als Tourenwagen formal von ernüchternder Sachlichkeit:

Horch_10-50_PS_Classic_Days_2018_1

Horch 10/50 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier haben wir ein ganz seltenes Beispiel für einen erhaltenen Horch des von 1924-26 gebauten Typs 10/50 PS – ausgestellt auf den Classic Days auf Schloss Dyck 2018.

Dass die Leute von Audi Tradition diesen auf den ersten Blick so unscheinbaren Wagen mitgebracht haben, unterstreicht die Ernsthaftigkeit und zugleich die Leidenschaft, mit der man in Ingolstadt und in Zwickau Traditionspflege in Bezug auf die Marken der einstigen Auto-Union betreibt.

Tatsächlich war der Horch Typ 10/50 PS der bis dato erfolgreichste Wagen der seit 1900 aktiven sächsischen Marke überhaupt: Mehr als 2.300 Exemplare entstanden von Dezember 1924 bis Dezember 1926.

Das war gemessen an den unfassbaren Produktionszahlen der damals tonangebenden US-Hersteller verschwindend wenig, doch Horch bot mit dem 10/50 PS etwas Besonderes.

Paul Daimler konstruierte den 2,6 Liter Vierzylindermotor des Wagens, dessen im Kopf hängende Ventile über eine Königswelle gesteuert wurden. Der Motorblock bestand aus einer Aluminiumlegierung, die Kolben waren aus Vollaluminium, die Oberflächen aller bewegten Teile wurden nach neusten Methoden gehärtet.

Diese feine Aggregat soll laut Literatur imstande gewesen sein, den je nach Aufbau um die 2 Tonnen schweren Horch auf 100 km/h zu beschleunigen. Das war zwar in der Praxis auf damaligen Straßen kaum erreichbar, verrät aber etwas von den Kraftreserven, die der Motor bot – wichtig vor allem an Steigungen.

Bei Horch war man zurecht stolz auf dieses Modell, das dementsprechend auch das erste war, das das neue Marken-Emblem auf der Front des Kühlergehäuses trug:

Horch_10-50_PS_Schloss_Dyck_2018_Kühler

Das vom Gestalter Prof. Ernst Böhm geschaffene Emblem zeigt den Horch-Schriftzug wie die Zacken einer Krone auf dem H thronend – schlicht und doch visionär, was den künftigen auf die Oberklasse abzielenden Anspruch des Hauses anging.

Nun mag ein Vertreter der „Echt ist nur fabrikneu“-Auffassung sagen, dass dieser wohl in Zwickau restaurierte Horch 10/50 PS doch am ehesten als „original“ anzusehen sei. Gewiss wird Audi-Tradition bei diesem Wagen keine Mühe gescheut haben und nur beste Handwerker das stolze Stück wiederherrichten haben lassen.

Aber: Sie haben sicher die Blinker an der Vorderkante der Kotflügel gesehen – nicht original. Dasselbe gilt natürlich für die Gummimischung der Reifen, die Ausführung der Birnen in den Scheinwerfern, die Struktur und Gerbung des Leders, die Zusammensetzung des Lacks usw.

Damit wir uns nicht falsch verstehen – all‘ das lässt sich kaum umgehen und das Ergebnis kommt dem einstigen Original sicher sehr nahe. Wer aber schon einmal die an Emaille erinnernde Glätte und Tiefe eines gut erhaltenen Nitrolacks studiert hat, weiß um die Grenzen, die einer modernen Restauration auferlegt sind.

Auf den ersten Blick vollkommen original dürfte dagegen der Horch 10/50 PS auf folgender Aufnahme sein:

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Horch Typ 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier schimmert der Lack tiefschwarz (vermutlich), als sei der Wagen gerade erst ausgeliefert worden. Zwar erzählen die abgefahrenen Reifen eine andere Geschichte – ihr Profil ist dennoch originaler als das auf dem restaurierten Horch, oder?

Blinker sind nirgends zu sehen, auch keine Winker (die wurden erst später Vorschrift). Könnte dieser Horch 10/50 PS, dessen Konterfei im August 1926 auf einer Postkarte von Reutlingen nach Aalen reiste, die maximale Annäherung an das Original sein?

Sicher, das ist ein Horch sehr nahe am Auslieferungszustand – aber wie sahen andere Exemplare desselben Typs in den späten 1920er Jahren aus? Beispielsweise so:

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Horch Typ 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser prachtvollen Aufnahme, die laut Leser Ansgar Czilwik vor dem Trusetaler Wasserfall im Thüringer Wald entstand, wird noch deutlicher, wie wenig charakteristisch der Horch 10/50 PS in der Tourenwagenausführung aussah.

Hier hatte die Ideologie der radikalen Sachlichkeit ganze Arbeit geleistet – doch fand diese Phase ihr baldiges Ende, sonst wären die grandiosen Karosserieschöpfungen der 1930er Jahre nicht möglich gewesen.

Dieser Wagen wäre kaum zu identifizieren gewesen, wäre da nicht ein kleines Detail, das überhaupt nicht original scheint. Dazu werfen wir einen Blick auf die Kühlerfigur des Wagens auf folgendem Bildausschnitt:

Horch_10-50_PS_Rs_Daniela Schmidt_Eisenach_evtl_1929_Galerie

Dort ist mit etwas gutem Willen ein geflügelter Pfeil auf einer vertikalen Stütze zu erkennen.

Das ist der in Fachkreisen so bezeichnete „Hadank-Pfeil“ – benannt nach Prof. Oskar Hadank, der ab 1927 für die Gestaltung der Horch-Modelle verantwortlich war.

Tatsächlich war die Produktion des Horch 10/50 PS bereits 1926 ausgelaufen. Offenbar hatte der Besitzer dieses Wagens die markante Kühlerfigur nachträglich montiert. Nur sie ist es, die dem Horch in dieser Ansicht Charakter verleiht.

Was ist dazu unter Originalitätsaspekten zu sagen? Nun, für die Verfechter des Neuzustands geht diese Figur am Horch 10/50 PS natürlich gar nicht – also weg damit!

Darf aber ein nachgerüstetes Zubehör an einem zum Aufnahmezeitpunkt gerade einmal zwei oder drei Jahre alten Vorkriegsauto nicht auch als „original“ gelten?

Ich tendiere dazu, zeitgenössisches Zubehör oder zeitgenössische Modifikationen ebenfalls als original anzusehen, bevorzuge aber die Bezeichnung „authentisch“, um fruchtlose Diskussionen mit Anhängern des – aus meiner Sicht unerreichbaren – „Neuzustands“ zu vermeiden.

So gesehen liefern historische Fotos wie das des Horch 10/50 PS mit nachträglich montiertem „Hadank-Pfeil“ auf dem Kühler wertvolle Informationen, was den Umgang mit Restaurierungsobjekten angeht.

Dokumentierte zeitgenössische Modifikationen sollten meines Erachtens bei der Konservierung oder auch beim ggf. erforderlichen Neuaufbau beibehalten werden, sie verleihen dem Fahrzeug authentischen Charakter, der sie von anderen abgrenzt.

Schwieriger ist die Entscheidung, wenn es um die Frage geht, ob man starke Spuren des Gebrauchs oder gar deutliche Beschädigungen erhalten oder beheben soll. Diese müssen übrigens keineswegs erst Folge der Kriegs- und Nachkriegszeit sein.

Hier haben wir ein Beispiel für so einen Fall – wiederum einen Horch 10/50 PS, diesmal jedoch als mächtige 6-Fenster-Limousine:

Horch_10-50_PS_Pk_Vaters_Geb_03-1933_Galerie

Horch 10/50 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zunächst ist das trotz der Knickspuren im Abzug eine ganz wunderbare Aufnahme, wie sie heute unwiederholbar wäre.

Hier hat sich eine aus jungen Burschen bestehende Blasmusikkappelle vor einem schon ziemlich angejahrten Horch 10/50 PS versammelt – Anlass war laut umseitiger Beschriftung „Vaters Geburtstag, März 1933“.

Die Aufschrift auf dem Backsteingebäude lässt sich zu „BADEANSTALT“ ergänzen – ein kurioser Ort für eine Geburtstagsfeier. Doch uns interessiert der Wagen mehr:

Horch_10-50_PS_Pk_Vaters_Geb_03-1933_Frontpartie

Beeindruckend, welche Präsenz der Horch in der geschlossenen Version entfaltet, dabei handelt es sich eindeutig ebenfalls „nur“ um den Vierzylindertyp 10/50 PS.

Der erste 8-Zylinder-Horch (Typ 303 ab 1927) wies bei ähnlicher Kühlerpartie anders gestaltete Luftschlitze in der Motorhaube auf.

Ins Auge fällt hier neben dem reichlichen Straßenschmutz an der Frontpartie die Decke, die über der Verbindungsstange zwischen den Scheinwerfern hängt. Es muss damals ein recht kalter Märztag gewesen sein und vermutlich sollte die Decke vor dem Kühler dafür sorgen, dass der Motor schneller seine Betriebstemperatur erreichte.

Der versonnen in die Ferne schauende Herr hinter dem Horch dürfte der Fahrer dieses noch rechtsgelenkten Wagens gewesen sein. Erst im letzten Quartal 1926 stellte Horch beim Typ 10/50 PS kurz vor Produktionsende auf Linkslenkung um.

Könnte am Ende der Fahrer das Geburtstagskind gewesen sein? So ergäbe die Aufnahme in Verbindung mit der Beschriftung des Abzugs einen Sinn.

Es ist aber ein anderes Detail, dem wir zum Abschluss unsere Aufmerksamkeit widmen sollten: Der in Fahrtrichtung linke Vorderkotflügel hat infolge von „Feinberührung“ einen Riss und ist an der entsprechenden Stelle verbogen.

Dies ist nicht das einzige Foto aus meiner Sammlung, auf dem ein hochkarätiges Auto in solch einem Gebrauchtzustand zu sehen ist. Offenbar störte sich einst niemand daran, man fuhr den Wagen einfach weiter.

Würde man heute einen solchen Horch genau in dem Zustand vorfinden wie auf dem Foto und wäre er in allen Teilen vollständig, was würde man damit machen?

Ich würde ihn nur technisch überholen, behutsam reinigen und Korrosionsansätze stoppen. Alles übrige würde ich so lassen, einschließlich des Risses im Schutzblech – sofern dieser sich nicht durch Vibrationen beim Fahren erweitert.

Denn genau so hätte der Horch in unserem Gedankenexperiment die längste Zeit seines Lebens existiert, also über 85 Jahre. Das ist aus meiner Sicht ein Beispiel für einen authentischen Zustand, der erhalten zu werden verdient.

Jetzt fehlt „nur“ noch das Glück, einen solchen Horch zu finden…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.