Wirkt so gleich viel charmanter: Chandler von 1927

Wenn mein seit über 10 Jahren betriebener Blog für irgendetwas gut ist, dann sicher dies: Er rückt die phänomenale Präsenz amerikanischer Automarken im Deutschland der 1920/30er Jahre wieder ins verdiente Licht.

Ich wüsste von keiner anderen Publikation – sei es in gedruckter oder digitaler Form – die der großen Zeit der US-Automobile im Vorkriegsdeutschland in ähnlicher Weise gerecht wird.

Dabei hatte ich es ursprünglich gar nicht darauf angelegt. Ich habe mich einfach nur von der schieren Masse an billigst verfügbaren Originaldokumenten jener Zeit leiten lassen.

So hat es sich fast von selbst ergeben, dass ich inzwischen alle großen US-Automarken (und etliche Nischenhersteller) in meinen einschlägigen Fotogalerien hauptsächlich anhand von Bildern aus deutschen Landen illustrieren kann.

Früher hätte man daraus vielleicht ein Buch gemacht, doch mein Blog-Projekt hat den Vorteil, dass ich die Dokumentation laufend ergänzen kann. Ein besonders hübsches Beispiel dafür kann ich heute präsentieren.

Dabei geht es um ein Fabrikat, das heute kaum noch einer kennt – Chandler aus Cleveland (Ohio). Die 1914 ins Leben gerufene Marke bestand nur bis 1929.

Ausgerechnet aus jenem Jahr stammt diese Reklame aus dem deutschen „Auto-Magazin“, die ich bisher noch nicht vorgestellt hatte:

Chandler-Reklame aus: Auto-Magazin Nr. 12, Januar 1929; Original: Sammlung Michael Schlenger

Hier wird nicht nur die Berliner Vertriebsgesellschaft genannt – es wird auch auf den 4.300 Meter hohen „Pikes-Peak“ im US-Bundesstaat Colorado angespielt, den anno 1925 ein Chandler in Rekordzeit erklommen hatte.

Die 6-Zylinder von Chandler genossen damals einen ausgezeichneten Ruf als leistungsfähige Mittelklassewagen (nach US-Maßstäben). Sie erreichten nicht die Stückzahlen der ganz großen Hersteller, aber immerhin über 20.000 Stück pro Jahr entstanden in den besten Zeiten der Marke – da blieb einiges für den Export übrig.

Ab 1927 brachte Chandler sogar eine Achtzylinderversion heraus, die jedoch in Deutschland kaum Käufer gefunden haben dürfte. Der rund 60 PS-starke „Six“ war für deutsche Verhältnisse bereits ein Luxusgefährt. Daneben gab es eine 80 PS-Variante.

Durchaus bodenständig kommt dieses Exemplar daher, das einst in Rochlitz (Sachsen) zugelassen war und das ich vor bald fünf Jahren hier präsentiert habe:

Chandler von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Der markante Kühler wurde über die Jahre nur wenig verändert, weshalb man bei der Datierung auf subtilere Details angewiesen ist – beispielsweise die Doppelstoßstangen und die trommelförmigen Scheinwerfer.

Nun wird man dem Chandler hier bei aller Seltenheit und Präsenz eines kaum zuschreiben wollen – dass er besonders charmant herüberkam.

Die prosaische Situation mit dem Fahrer bei der Wagenwäsche in einem namenlosen Fachwerkort verhindert zuverlässig das Aufkommen jeder Begeisterung.

Doch das ändert sich heute und zwar ausgerechnet mit zwei weiteren Fotos desselben Wagens am selben Ort, die mir erst kürzlich (nach 5 Jahren) zugelaufen sind.

Das erste zeigt den Chandler wohl nach erfolgter Wäsche – der Fahrer hat am Lenkrad Platz genommen. Das Licht am Aufnahmetag muss trübe gewesen sein – düster wirkt der an sich beeindruckende Wagen auch hier:

Chandler von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Immerhin kommen hier die Proportionen der 6-Fenster-Limousine besser zur Geltung – der Chandler war ziemlich großzügig dimensioniert.

Leider wissen wir nichts über seinen Besitzer und seine wirtschaftlichen Verhältnisse. Es war auf jeden Fall jemand, der sich einen angestellten Fahrer leisten konnte.

Ich vermute, dass der Chauffeur „seinen“ Wagen an seinem eigenen Wohnort gewaschen hatte und von dort aus täglich zum „Chef“ aufbrach.

Immerhin scheint man in diesen bescheidenen, aber soliden Verhältnissen einen Fotoapparat besessen zu haben, mit dem man den eigenen Status durchaus stolz dokumentierte.

Bei dieser Gelegenheit wird auch das dritte Foto entstanden sein, das mir die Inspiration zum heutigen Titel geliefert hat – denn so wirkt der Chandler doch gleich viel charmanter:

Chandler von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Es gibt kein Auto, das nicht durch die Anwesenheit einer hübschen Frau geadelt würde – wie überhaupt die Welt durch die Existenz holder Weiblichkeit ein besserer Ort wird.

Ob die versonnen dreinschauende junge Dame die Flamme des Chandler-Fahrers war, seine Verlobte oder „nur“ die adrette Schwester – das werden wir nicht mehr erfahren.

Jedenfalls hinterlässt der längst vergangene Chandler hier den besten Eindruck.

Künftig werden Sie vielleicht zuerst an dieses schöne Zeugnis denken, wenn Sie den Markennamen wieder einmal lesen oder – das wäre noch charmanter – einem raren überlebenden Original begegnen…

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Grüße von der Meta-Ebene: Chevrolet Six von 1934

Soziologen und andere akademisch geadelte Welterklärer fordern gerne die Rückkehr auf die Metaebene, wenn ihnen einer mit den zeitlos-irdischen Wahrheiten kommt, die sich aus der Anwendung des praktischen Hausverstands ergeben.

Gemeint ist damit, dass ihnen die banale Bühne des Alltagserlebens zu niedrig ist und sie sich lieber mit darüber angesiedelten Sphären befassen wollen, in denen sie höhere Prinzipien vermuten und mit großer Selbstgewissheit wortreich verorten.

Ein Meister dieses Fachs, das sich schon aufgrund möglichst komplizierter Formulierung von Banalitäten dem Normalsterblichen versperrt, war der kürzlich verstorbene deutsche Denker Habermas (RIP).

Schon vor Zeiten allgemeiner Verfügbarkeit von Künstlicher Intelligenz, mit der sich geschwollene Reden binnen Sekunden ihres opulenten Ornats entkleiden lassen, gab es unterhaltsame Versuche, die Habermas’schen Weisheiten auf ihren Kern zu reduzieren.

Wie im Fall von Kant und Marx zeigt sich bei solchen Bemühungen, dass die hinter Wortgirlanden verborgene Botschaft eher schlicht daherkommt, häufig auch reiner Unfug oder bloße Behauptung ist.

Dabei bin ich durchaus für Ausflüge auf die Metabene zu haben – also die Auseinandersetzung mit Strukturen oder Phänomenen, die einem konkreten Geschehen übergeordnet sind, es leiten oder erklären.

Ich bevorzuge dabei jedoch die Klarheit angelsächsischer Denker, deren Darlegungen meist ohne pseudorhetorischen Bombast daherkommen. Man kann ihre Werke auch noch nach 200 Jahren mühelos konsumieren (etwa Mills ‚“On Liberty“), wie die englischsprachige akademische Literatur noch heute meist erfreulich leserfreundlich ist.

So erweist sich auch mein heutiger Ausflug auf die Meta-Ebene als angenehm – geradezu leicht und erbaulich. Dazu begeben wir uns ins Jahr 1934 und auf die andere Seite des Atlantiks:

Chevrolet Six von 1934; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir, was der amerikanische Brot- und Butterhersteller Chevrolet im Jahr 1934 seinen Käufern – ohne über Gebühr abzuheben – ganz bodenständig bot.

Als Einstiegsmodell wurde der preisgünstige Standard 6 angeboten, der mit im Zylinderkopf hängenden Ventilen selbst ohne Hubraum-Höhenflüge sehr solide 60 PS leistete. Daneben war der Master Six erhältlich, der es auf 80 PS brachte.

Die wohl vollverchromten Scheinwerfergehäuse an dem hier gezeigten Exemplar verweisen auf die stärkere Version. Sehr ansprechend ist der Aufbau als „Business Coupe“ – also als Zweitürer mit kurzem Dachaufbau und großem Gepäckabteil, wie das damals von Vertretern in den USA bevorzugt wurde.

Leider wissen wir nichts über die Verhältnisse der Besitzer dieses Fahrzeugs, außer dass sie deutsche Auswanderer waren. Die adrette Dame neben dem Chevrolet trug den uns heute altertümlich vorkommenden Vornamen Meta, wirkt hier aber zeitlos jugendfrisch.

Sie schickte dieses Foto einst an Verwandte in Deutschland und grüßte diese im Juni 1934 als Vertreterin eines höheren Lebensstandards von ihrer ganz persönlichen Meta-Ebene.

Dazu gehörte der offenbar ladenneue Wagen, der in den Staaten ein alltäglicher Anblick war – rund 600.000 Exemplare entstanden binnen eines Jahres.

Er kündet auf dieser Aufnahme davon, wie man es sich auch in den Niederungen des Alltags behaglich einrichten kann, wenn man den Vorzügen des Materiellen nicht ganz abhold ist und sich nicht durch überkompliziertes Denken selbst im Weg steht…

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Hier ist einiges merkwürdig: Mercedes 230 Limousine

Merkwürdig kommt einem ja fast täglich einiges vor – bisweilen denkt man: „Das meinen die jetzt nicht ernst, oder?“ Doch Anlass zu dergleichen Stirnrunzeln gibt heute ausnahmsweise kein aktuelles Tagesgeschehen, sondern ein bald 90 Jahre altes Dokument.

Es zeigt einen Mercedes-Benz 230 – den ich mit Cabriolet-Aufbau durchaus gelungen finde – wie ich überhaupt meine, dass die offenen Wagen der Marke in den 1930er Jahren am harmonischsten gestaltet waren.

Die folgende, bisher unpublizierte Aufnahme ist ein Beispiel dafür:

Mercedes-Benz 230 (?) Cabriolet; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Man muss hier nur über das unnötig hoch aufgetürmte Verdeck hinwegsehen, welches wohl einer nachlässigen Fixierung des Überzugs geschuldet war.

Übrigens bin ich mir gar nicht sicher, dass wir es wirklich mit dem Typ 230 zu tun haben, der 1937 den arg untermotorisierten 200er ablöste. Jedenfalls konnte ich kein exaktes Vergleichsfoto finden.

Ein Detail spricht aber aus meiner Sicht stark für den 230er – und damit wären wir schon bei den angekündigten Merkwürdigkeiten.

Denn alle Werksausführungen dieses Typs scheinen die eigentümlichen seitlichen „Schürzen“ am Vorderkotflügel besessen zu haben, die einen unmotivierten Knick statt einer Rundung aufweisen und auch nicht so weit herunterreichen, wie man das erwarten würde (und bei anderen Typen in aller Regel praktizierte).

Wie unentschlossen und unglücklich das wirkte, wird anhand der Limousinen-Ausführung deutlich, die im Mittelpunkt der heutigen Betrachtung steht:

Mercedes-Benz 230 Limousine um 1938; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir uns weiteren formalen Merkwürdigkeiten zuwenden, noch ein Satz zur Motorisierung des 230er Mercedes. Gegenüber dem nur 40 PS leistenden Vorgänger 200, der nicht einmal Spitze 100 km/h schaffte, war ein spürbarer Fortschritt zu verzeichnen .

Aber auch das nunmehr 55 PS leistende Aggregat war lediglich solide Mittelklasse. Der kreuzbrave Hanomag „Sturm“ war damals identisch motorisiert und auch sonst technisch auf demselben Niveau.

Nur die hintere Pendelachse machte den Mercedes moderner, was die Konstruktion angeht. Die Marke mit dem Stern war damals im Serienbau ausgesprochen konservativ ausgerichtet, um es freundlich auszudrücken.

Immerhin konnte man sich jetzt auch auf die Autobahn trauen, wo man allerdings immer noch vom Fiat 1500 überholt wurde – dem damals effizientesten 6-Zylinder-Serienwagen seiner Hubraumklasse am deutschen Markt (gebaut in Heilbronn).

Zurück zu den formalen Qualitäten des Mercedes. Ob die Fixierung des Reserverads wirklich an so prominenter Stelle angebracht werden musste, wage ich zu bezweifeln. Die riesige Rändelmutter wirkt trotz Verchromung wie die Lösung an einer Landmaschine.

Auch die auffallend gestaltete Aussparung im Trittbrett für den Wagenheber erscheint mir wie von einem bösen Geist inspiriert, der partout die Schönheit der Linie stören will. Immerhin findet man diese Greueltat regelmäßig am 230er, was die Ansprache erleichtert.

Großes Lob verdient unterdessen die elegant nach hinten abfallende Gürtellinie der Limousine, die in einem verspielten Aufwärtsschwung endet. Das lässt den schweren viertürigen Aufbau leichter und raffinierter wirken – sehr schön! Damit kam die schlichte Ganzstahlkarosserie der erwähnten Hanomag „Sturm“-Limousine nicht mit

Allerdings verließen die Geister des guten Geschmacks die Gestalter dann auch wieder.

Denn am Heck wurde ein rucksackartiger Kofferraum angesetzt, der formal so gar nicht zum übrigen Wagen passen will. Merkwürdig auch die zusätzliche seitliche Chromlasche – sollte die Kofferraumhaube nicht durch mittig unten angebrachtes Schloss hinreichend fixiert sein?

Sie sehen nun, warum ich mich zum heutigen Titel genötigt sah. Man kann das alles natürlich auch anders sehen und ganz großartig finden, wie das bei den vom Stern Besessenen oft der Fall ist.

Man kann die Sache aber auch ebenso leidenschaftlich differenzierter angehen, meine ich…

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Eisenacher Alteisen: BMW 321 Limousine

Wenn mir wie heute bei der abendlichen Runde mit unserem türkisfarbenen Fiat 500 – auch als „rollende Eisdiele“ bezeichnet – ein BMW aktueller Produktion begegnet, dann denke ich oft: „Was hätten wohl die Gestalter der Marke von einst zu diesen Montrositäten gesagt?

Heute weiß vermutlich kaum noch einer der verantwortlichen Deformationskünstler, wie klar und unaufgeregt, zugleich aber unverkennbar die klassischen BMWs waren.

Vermutlich ist diesen Herrschaften auch nicht mehr bekannt, dass die BMW-Automobile zumindest in der Vorkriegszeit eine Schöpfung der damals in Deutschland führenden mittteldeutschen Automobilindustrie waren.

Im Eisenacher Werk, in dem bis 1928/29 Dixi-Wagen gebaut wurden, zuletzt in Gestalt eines Lizennachbaus des legendären Austin Seven, entstanden alle BMW-Automobile bis Ende des 2. Weltkriegs.

Noch 1937 hatte man eigene Karosseriepressen angeschafft, um die zeitgemäßen Ganzstahlkarosserien zumindest der BMW-Limousinen nunmehr unabhängig von Lieferungen der Berliner Firma Ambi-Budd herstellen zu können.

Im gleichen Jahr erschien der Typ 320, der optisch die moderne Linie des prestigeträchtigen BMW 326 aufnahm, aber einen auf 45 statt 50 PS gedrosselten 2-Liter-Sechszylinder besaß, außerdem die veraltete Vorderachse des Vorgängeryps 319.

Nur zwei Jahre später, noch vor Kriegsbeginn 1939, folgte der 321 mit der Vorderachse des 326 und einigen Detailverbesserungen.

Optisch ist dieses Modell an der abweichenden Stoßstange, dem Fehlen von Dreiecksfenstern und der Rückkehr zu hinten angeschlagenen (also vorne öffnenden) Türen zu erkennen:

BMW 321 ab 1939; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Diese ungewöhnliche Aufnahme zeigt meines Erachtens ein nach Ende des 2. Weltkriegs in Ostdeutschland (DDR)) zugelassenes Exemplar.

Für eine Nachkriegsversion spricht neben dem Kennzeichen auch die nachträgliche Montage eines Außenspiegels auf dem Vorderkotflügel.

Man könnte es bei der Bewunderung dieses meisterhaft gestalteten Eisenacher Alteisens bewenden lassen, wären da nicht die oberhalb der Windschutzscheibe angebrachten Scheibenwischer.

Das findet sich so nach meiner Recherche am BMW 321 in der Limousinen-Ausführung nicht, auch nicht an den noch in Eisenach nach dem Krieg bis 1950 gebauten Exemplaren dieses Typs.

In der Literatur konnte ich keinen Hinweis darauf finden, und stelle daher dieses Detail erwartungsfroh zur Diskussion.

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Fund des Monats: Ein Kissel „Gold Bug“ Speedster

Wo aber bleibt das Positive, Genosse?“ – diese zeitlos aktuelle Frage in Bezug auf die Segnungen, die den Deutschen (und Nachbarn) seit Jahrzehnten aus dem offiziellen Berlin zuteil werden – diese Frage beantworte ich regelmäßig ausweichend.

Angesichts ebenso zeitloser Risiken der Majestätsbeleidigung meidet man das Feld des Politischen möglichst und begibt sich stattdessen hinaus auf eine ideologisch unbelastete Grünfläche im Berliner Umland.

Dort findet man dann mit etwas Glück das gesuchte Positive bei einer gänzlich unpolitischen Versammlung gleichgesinnter Weggefährten. Gemeinsam haben sie allenfalls die Kennung „IA“, die bis Ende des 2. Weltkriegs auf eine Registrierung im Raum Berlin verwies.

Neben Bekannten in- und ausländischer Provenienz begegnet einem auf alten Dokumenten solcher Autonomen-Treffen bisweilen auch etwas, was einen über den Alltag erhebt und – ganz positiv – in die Luft gehen lässt.

Genau an einem solchen Erlebnis darf ich Sie, liebe Leser, heute teilhaben lassen. Ich war eine Weile sogar geneigt, hier bereits den Fund des Jahres entdeckt zu haben, aber dann dachte ich mir: „Ach was, legen wir die Latte dafür einfach noch höher„.

So präsentiere ich hier und jetzt als Fund des Monats Mai 2026 dieses Gerät:

Kissel „Gold Bug“ Speedster um 1925; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

In kühner Perspektive aufgenommen sehen wir hier einen großdimensionierten Roadster mit typischen tief ausgeschnittenen Türen, sehr niedriger Frontscheibe (mit seitlichen Windabweisern), Doppelstoßstange und Drahtspeichenrädern.

Die schiere Größe des Wagens ließ mich gleich an ein US-Fabrikat denken – dennoch brauchte es einige Zeit, bis ich den Hersteller und das Modell herausgefunden hatte. Als das der Fall war, konnte ich kaum glauben, was ich da an Land gezogen hatte.

Das Auto entpuppte sich als „Kissel“ aus Hartford im US-Bundesstaat Wisconsin. Dort hatte 1909 der deutschstämmige Louis Kissel mit seinen Söhnen begonnen, sehr hochwertige und gut motorisierte Wagen zu bauen, die sich passabel verkauften.

Direkt nach dem 1. Weltkrieg landete man einen großen Wurf – weniger die Stückzahlen, denn das Prestige betreffend. So brachte man einen knallgelb lackierten Roadster mit Sechszylindermotor heraus, der über 60 PS leistete und sich sportlich bewegen ließ.

Das gerundete Heck und die Farbe brachten diesem kostspieligen Spaßmobil den Spitznamen „Gold Bug“ ein – also: Goldkäfer.

Bis 1927 blieb der Kissel „Gold Bug“ im Programm, wobei neben dem hauseigenen 6-Zylindermotor zuletzt auch ein Achtzylinder von Lycoming verfügbar war. Auf Wunsch wurden schon 1924 hydraulische Bremsen verbaut, ab 1925 waren sie Standard.

Die Produktion dieses aufsehenerregenden Fahrzeugs blieb beschränkt. Die Schätzungen zur Gesamtzahl von 1919 bis Ende der 20er Jahre bewegen sich zwischen 1500 und 3000. Die geringe Zahl der überlebenden Exemplare (ca. 50) spricht aus meiner Sicht eher für die niedrigere Schätzung.

So oder so ist es bemerkenswert, dass ein Fahrzeug dieses Typs irgendwann ab 1925 im Raum Berlin einen Käufer gefunden hatte. Für die Datierung sprechen vor allem die Doppelstoßstange und der relativ niedrige Kühlwassereinfüllstutzen.

Frühere Exemplare grenzen sich im Detail davon ab – etwa das Exemplar von 1923 im Forney Museum of Transporation in Denver (Colorado). Es gehörte der legendären Fliegerin Amelia Earhart, die das Auto besonders liebte.

Sie selbst verschwand auf ihrem Flug um die Welt im Jahr 1937 – wahrscheinlich nach einer Notlandung auf dem unbewohnten Atoll Nikumaroro (vormals Gardner Island) im Pazifik.

Während Earharts Flugzeug – eine Lockheed Electra – bis heute verschollen ist, hat ihr Kissel „Gold Bug“ die Zeiten überdauert. Wir sehen ihn im folgenden Video auf einfühlsame Weise zusammengeschnitten mit Aufnahmen von Amelia Earhart…

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Bleibende Eindrücke – nicht alle willkommen: Hansa 1700

Je älter man wird, desto größer wird der Bestand an bleibenden Eindrücken. Nicht alle davon sind jedoch willkommen.

Immerhin kann man gezielt bei denen Zuflucht suchen, die einem helfen, über die Zumutungen des Hier und Jetzt hinwegzukommen – oder sie zumindest für eine Weile in den Hintergrund zu drängen.

Wer etwa in unseren Tagen die Eleganz und Geschmeidigkeit eines 6-Zylinderwagens vermisst, der kann sich beispielsweise einen feinen Jaguar XJ 4.2 Litre der 1980er Jahre zulegen – für einen vierstelligen Betrag.

Damit kann man dann gediegen nach England zum Goodwood Revival fahren und in der Nähe angemessen klassisch residieren:

Jaguar XJ 4.2; aufgenommen 2016 vor Lordington House (Sussex); Bildrechte: Michael Schlenger

Man kann natürlich auch einige Tausender für ein modernes Elektromofa (vulgo: E-Bike) ausgeben und sich mit buntem Plastikfummel angetan den Mitmenschen als überlegene Lebensform präsentieren – jedem Tierchen sein Plaisirchen.

Ich meine, dass die Laufkultur eines Sechszylinders eine zivilisatorische Errungenschaft darstellt, hinter die man auch dann nicht zurückfallen sollte, wenn der Sprit „dank“ diverser staatlicher Interventionen drastisch teurer ist als eigentlich notwendig.

In Relation zur Kaufkraft noch kostspieliger war das Vergnügen freilich in Vorkriegszeiten – auch damals zog der unersättliche Staat für diverse (auto)destruktive Vorhaben den Bürgern das Geld bei jeder Gelegenheit aus der Tasche.

Immerhin machten viele damals noch gute Miene zum bösen Spiel:

Hansa 1700 Cabriolimousine; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Geradezu britisch gestylt zeigt sich hier eines der für mich reizvollsten deutschen Autos der 1930er Jahre – der Sechszylinder-Hansa 1700, der ab 1934 gebaut wurde.

Im Unterschied zum etwas schwachbrüstigen Schwestermodell Hansa 1100 (28 PS) war der 1700er nicht nur adäquat motorisiert (40 PS) – auch kam seine Linie dank des längeren Radstands noch besser zur Geltung.

Notwendig war dies wegen der größeren Baulänge des Reihensechsers und der längere Vorderwagen bot so auch Platz für fünf statt nur vier der markanten Luftklappen.

Hansa hatte beiden Modellen laut Literatur eine zeitgemäße Ganzstahlkarosserie spendiert, zumindest bei der geschlossenen Version. Offene Ausführungen besaßen aber wohl meist noch aufwendige Holz-Stahl-Konstruktionen.

Im Unterschied zum 1100er wurde der Hansa 1700 nur bis 1937 gebaut – dennoch findet man auch von ihm etliche zeitgenössische Fotos, die bleibenden Eindruck machen – hier in Gestalt des Cabriolets:

Hansa 1700 Cabriolimousine; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Leider blieb dem 6-Zylinder-Hansa nicht erspart, ab 1939 für die keine Himmelsrichtung auslassenden Kriege des „Dritten Reichs“ eingezogen zu werden.

Wer keinen unabweisbaren Bedarf nachweisen konnte, den Wagen weiter zu fahren, musste ihn gegen eine keineswegs marktgerechte Entschädigung an das Militär abtreten.

Wie schon im 1. Weltkrieg gab es freilich auch Fälle, in denen die Besitzer das aus Überzeugung freiwillig taten. Ein Beispiel dafür könnte die folgende Aufnahme zeigen, die ich bisher noch nicht präsentiert habe.

Hier könnte die einstige Besitzerin mit einigen Soldaten posieren, die ihr den frisch in Feldgrau lackierten Hansa 1700 noch einmal vorführten, bevor es in den Einsatz ging:

Hansa 1700 Cabriolimousine; Originalfoto: Sammlung Jörg Pielmann

Wer eine andere (bessere) Erklärung für diese bemerkenswerte Aufnahme hat, die ich Leser Jörg Pielmann verdanke, kann sie gerne via Kommentarfunktion darlegen.

So oder so landeten die robust gebauten und mit gut 1 Tonne Gewicht gleichzeitig recht leichten Wagen in den unmöglichsten Situationen, wie es das Schicksal unzähliger deutscher und ausländischer beschlagnahmter Zivil-PKW war.

Folgende Aufnahme zeigt ein Exemplar des Hansa 1700, das von einem hohen deutschen Offizier namens Von der Wrede als Dienstfahrzeug im Winter genutzt wurde:

Hansa 1700; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Man könnte gut auf diese bleibenden Eindrücke aus unserer jüngeren Geschichte verzichten, kommt aber an ihnen nicht vorbei.

Sie mahnen nicht nur zu strikter Zurückhaltung, was den neuerlichen Aufbau militärischer Macht über eine reine Grenz-und Verteidigungstruppen hinaus betrifft.

Diese Zeugnisse veranschaulichen auch etwas, was Vorkriegsautos in vielen Fällen besonders macht – jenseits ihrer speziellen Formgebung: Sie waren Zeugen größter geschichtlicher und gesellschaftlicher Umbrüche und Katastrophen.

Die überlebenden Fahrzeuge sind häufig die letzten greifbaren Relikte des damaligen Geschehens. Das sind Exemplare, welche die „Stunde Null“ überdauerten und nach dem 2. Weltkrieg in einem in vielerlei Hinsicht neuen Deutschland nochmals wertvolle Dienste leisteten.

Diese Cabrio-Limousine wurde – eventuell mit erneuertem Verdeck – nach dem Krieg noch eine Weile im britisch besetzten Rheinland (vermute ich) gefahren:

Hansa 1700 Cabriolimousine; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Das könnte es schon gewesen sein für heute – wenn ich da nicht noch etwas hätte, was das Thema „Bleibender Eindruck“ auf besondere Weise verkörpert.

Tatsächlich war es das gleich folgende Foto, das mir die Idee zur heutigen Zeitreise mit dem Hansa 1700 lieferte – die Story schrieb sich dann wie meist von alleine.

Meine weitgehend instinktive Technik, mit der ich schon als Schüler leichterhand endlose Aufsätze zustandebrachte, entschuldigt auch alle Schnitzer, welche die erste Version enthält, die ich erst nach Publikation am nächsten Tag noch einmal durchzugehen pflege.

Hier aber nun der für heute letzte bleibende Eindruck vom Hansa 1700:

Hansa 1700; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Nett, nicht? Jetzt könnte zwar einer sagen, dass dieser in Leipzig zugelassene Hansa 1700 seinen vermeintlich bleibenden Eindruck auf dem Kotflügel bald wieder korrigiert bekam.

Gewiss, aber haben Sie auch den Fingerabdruck auf der Kühlerpartie gesehen? Diesen bleibenden Eindruck konnte kein Spengler in den letzten 90 Jahren ausbügeln.

Ich hätte das retuschieren können, so wie ich störende Flecke, Streifen oder Fehlstellen in aller Regel möglichst entferne. Doch dieser Fingerabdruck – von wem und wann er auch stammt – war mir willkommen, den wollte ich als bleibendes Sinnbild erhalten…

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Welche Klasse!? Ein Fiat „Tipo 3“ in Ungarn

Heute wird es wieder mal (vordergründig) politisch – denn wir müssen uns mit der Klassenfrage auseinandersetzen.

Meine ostdeutschen Leser werden dabei vielleicht schmunzeln, sofern sie noch das sozialistische Massenexperiment in der DDR erleben „durften“. Dort war es offiziell überaus wichtig, auch Alltagsfragen vom „richtigen“ Klassenstandpunkt aus anzugehen.

Das ist zwar zum Glück Geschichte, wenngleich ähnlich alberne Übungen im Sachen „richtige“ Haltung zu aktuellen Fragestellungen inzwischen gefragt sind. Doch heute nichts davon – die desolaten politischen Verhältnisse und ihre Protagonisten kommentieren sich ohnehin selbst am besten.

Allerdings kommen wir nicht ganz an der Politik vorbei – und zwar an der ganz großen vor weit über 100 Jahren, deren Folgen in einigen Regionen Europas bis heute fortwirken.

Anlass zu dergleichen Betrachtungen gab mir das folgende Foto, das mir Leser Matthias Schmidt aus Dresden in digitaler Kopie übermittelt hat:

Fiat Tipo 3; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

„Welche Klasse!“, möchte der Freund von Veteranenautos auf alten Fotos hier ausrufen. In der Tat – hier stimmt einfach alles: perfekte Perspektive, beste technische Qualität, ausgezeichnete Erhaltung und ein Klassewagen obendrein.

Das Auto lässt sich an dem birnenförmigen Kühler als ein Fiat identifizieren, wie er ab 1914 serienmäßig verbaut wurde, beginnend mit dem Tipo 2B. Von diesem zuletzt rund 30 PS starken Modell entstanden bis 1920 über 20.000 Stück, damals eine enorme Zahl.

Der Fiat auf dem heute vorgestellten Foto dürfte allerdings eher der große Bruder gewesen sein – der Tipo 3 mit rund 50 PS Leistung. Dafür sprechen die weit größeren Bremstrommeln an der Hinterachse in Verbindung mit Drahtspeichenrädern.

Da Italien nach Beginn des 1. Weltkriegs bis 1915 neutral blieb, wurden Fiats mit dem neuen birnenfömigen Kühler noch eine ganze Weile auch an die späteren Gegnerstaaten wie Deutschland, Österreich und Ungarn geliefert.

Auch die österreichische Tochtergesellschaft Austro-Fiat produzierte entsprechende Modelle für den heimischen Markt. Das erklärt aus meiner Sicht, weshalb der Fiat Tipo 3 mit der ab 1914 üblichen Kühlerform offensichtlich auf Seiten des ungarischen Militärs genutzt wurde.

Wieso „offensichtlich„?, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Nun, weil auf dem Gebäude im Hintergrund etwas in Ungarisch geschrieben steht.

Wenn Sie jetzt sagen „Das ist ja Klasse!„, dann haben Sie recht. Doch offen bleibt vorerst, welche Klasse mit „OSZTÁLY“ gemeint ist. Jedenfalls interpretiere ich die Inschrift so, ohne von Ungarisch auch nur die geringste Ahnung zu haben.

Vielleicht vermag es ja ein Leser zu sagen, wie die Klassenfrage hier richtig zu beantworten ist.

Unterdessen habe ich mir erlaubt, mich selbst als Klassenprimus zu inszenieren, indem ich mit dieser selbstgeschaffenen Interpretation des Klasseautos von Fiat in Vorlage gehe:

Fiat Tipo 3; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden); Kolorierung: Michael Schlenger

Was sagen Sie dazu? Ich meine: Es ist eine Klasse für sich, was man mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts aus den Zeugnissen der Vergangenheit zaubern kann, ohne diesen die Würde des Originals zu nehmen.

Im Gegenteil: In Farbe begegnet uns die Welt von gestern so natürlich und lebendig, wie sie einmal war. Das ist keine Spielerei, das ist ein Fortschritt gleich um mehrere Klassen…

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Frühling, frische Farben! Ein Presto 6-Zylinder von 1927

Nur noch wenige Tage, dann ist Mai – und der ersehnte Frühling hat sich endlich eingestellt.

Ich weiß nicht, wer auf die Idee gekommen ist, in Deutschland schon im März das Ende des Winters auszurufen. Nach meiner langjährigen Wahrnehmung gibt es im März vielleicht eine schöne Woche, die einen voreilig auf die Ankunft des Frühlings hoffen lässt.

Nachdem man den Winter wie in einem Film-Noir zugebracht hat (auf der Leinwand durchaus willkommen), registrieren die monatelang arbeitslosen Farbsensoren dankbar jede kleine Blüte.

Aber die Euphorie wird mit (un)schöner Regelmäßigkeit wieder gedämpft, denn der Frühling mit seiner Explosion von Farben hält dann doch erst einige Wochen später Einzug.

In meiner Heimatregion – der hessischen Wetterau – sprießt und leuchtet es nun seit einigen Tagen, frisches Blattwerk entfaltet sich freudig, die Apfelbäume blühen üppig. Die Tulpen und der Flieder sind zwar schon „durch“, doch dafür erfreut zartblaues Vergißmeinnnicht überall das empfängliche Herz.

Noch ein, zwei Wochen milde Temperaturen und auch die Rosen mit ihrem bereits kräftigen Blattwerk beginnen die Augen aufzutun.

Es ist wie ein neues Leben, das auch in einem selbst frische Energien weckt. Die kann ich in meinem aktuellen Gartenprojekt gut gebrauchen: eine Korkenzieher-Haselnuss hat über 50 Jahre einen baumdicken Stamm entwickelt, wirkt aber zuletzt kränklich und muss der jüngeren Generation weichen – so will es es nicht nur das Gesetz des Gärtners.

Gut, dass ich nicht ahnte, worauf ich mich einließ – das Teil mit seinem tiefreichenden Wurzelwerk musste letztlich ganz ausgegraben werden, damit am selben Ort etwas Neues gedeihen kann. Von der Axt bis zur Kettensäge wird alles aufgeboten, über den Winter ermattete Muskelkraft will reaktiviert, die Beweglichkeit wiederhergestellt werden.

Wenn man dann abends jeden Strang im Leib spürt und die Hände rauh vom Arbeitseinsatz sind, dann weiß man: Der Frühling ist da, frisch ans Werk!

Mit solchem neuen Schwung geht es direkt hinein in den Bilderfundus – aber ach: Das ist ja wieder alles „nur“ in Schwarz-Weiß…

Presto Typ F 10/50 PS bzw. Typ G 12/55 PS, Baujahr: 1927; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Natürlich ist das ein Luxusproblem, wenn man es mit so einem schönen Foto einer großen Sechszylinder-Limousine zu tun hat und sich allenfalls über die Absenz von Farbe beschweren kann.

Die Aufnahme hat mir Leser Klaas Dierks in digitaler Form zur Verfügung gestellt und dank meiner inzwischen immer mehr zur Referenz werdenen Bildergalerien hatte er auch bereits herausgefunden, was er da für einen Fang gemacht hatte.

„Presto“ steht vorne auf dem Kühlergrill und auch das Kühleremblem passt perfekt zu dieser deutschen Traditionsmarke aus Chemnitz (Sachsen). Nach dem enorm erfolgreichen Typ Vierzylindertyp D bzw. E versuchte man Ende 1926 mit einem modernen Sechsyzlindermodell erneut aufzutrumpfen.

Doch inzwischen begannen preisgünstigere, moderner anmutende und besser ausgestattete Importwagen aus den Vereinigten Staaten dieses Segment des deutschen Markts zu erobern – einheimische Hersteller zogen hier durchweg den kürzeren.

Wirtschaftlich war der neue Sechszylindertyp F 10/50 bzw. G 12/55 PS offenbar ein Fiasko und Konkurrent NAG übernahm Presto Ende 1927.

So sehen wir auf dem Foto von Klaas Dierks das letzte Presto-Modell überhaupt.

Doch anstatt deswegen in Sack und Asche zu gehen, nehmen wir den Frühlingsanfang zum Anlass, dem Foto mit frischer Farbe zu dem neuen Leben zu verhelfen, das es verdient:

Presto Typ F 10/50 PS bzw. Typ G 12/55 PS, Baujahr: 1927; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks; Kolorierung: Michael Schlenger

Das von mir verwendete KI-Werkzeug hat meine Vorgaben auf Anhieb in allen Details umgesetzt – diese Anwendungen werden in rasantem Tempo immer besser.

Leider findet dieser Fortschritt in Deutschland nicht statt, das nicht nur in Sachen IT so rückständig ist wie einst auf dem Autosektor in den 1920er Jahren.

Immerhin bekam man damals noch einigermaßen die Kurve, auch wenn es bis in die 60er Jahre dauern sollte, bis das Auto auch in deutschen Landen die wahrhaft demokratische Errungenschaft geworden war, die ich so daran schätze.

Ob heute hierzulande nochmals ein solches „Wirtschaftswunder“ möglich ist, das bezweifle ich. Was im Unterschied zu damals fehlt sind: höchste Bildungsstandards, unbedingter Aufstiegswille, ausgeprägter Wettbewerbsgeist, lustvolle Erwerbsorientierung – und das Ganze im weitgefassten Rahmen eines auf’s Notwendige beschränkten Staatswesens.

Immerhin können wir uns den Glanz von anno dazumal heute so auf den Bildschirm zaubern als seien wir dabeigewesen, wenigstens das stimmt doch frühlingshaft…

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Das Mirakel von Altötting: Ein AF1 der ÖAF…

Eines gleich vorab: der mysteriöse Titel mit verstörendem Buchstabensalat stammt von mir – dafür kann Leser Erhard Schmidt nichts, der mir eine hübsche kleine Geschichte nebst selten schönem Autofoto eingeliefert hat.

Eigentlich schuld an der Begriffsverwirrung ist ohnehin jemand anderes und die Sache ist längst verjährt: Dazu müssen wir zurück in die frühen 1920er Jahre, als die Österreichische Automobil-Fabrik AG (ÖAF) die Nachfolge der Österreichischen Fiat-Werke (bzw. Austro-Fiat) antrat, die bis dato Automobile nach Fiat-Patent gebaut hatte.

Nach dem 1. Weltkrieg produzierte man eigenständige Konstruktionen, „vergaß“ aber, diesen einen eingängigen Markennamen zu verpassen. „ÖAF“, das klingt wie der letzte Seufzer eines ans Spritmangel eingehenden Motorvehikels der alten kuk-Welt.

Doch wie so oft in der Automobilgeschichte fand der Volksmund eine Lösung für das Problem. Aus alter Gewohnheit und weil es irgendwie erhebend klingt, nannte man die ÖAF-Kreationen einfach weiterhin „Austro-Fiat“.

Dazu passend hatte ein subversiver Schlauberger bei der ÖAF die interne Typbezeichnung „AF“ für die Nachkriegsmodelle festgelegt – das konnte einfach für „Auto-Fabrik“ stehen, aber jeder mit Traditionsbewusstsein, assoziierte „Austro-Fiat“ damit.

Dass es im Alltag sogar zu einer Rolle rückwärts kommen konnte und so ein „Austro-Fiat“ der ÖAF völlig kontrafaktisch nur noch als „Fiat“ bezeichnet wurde, diese kuriose Erkenntnis verdanken wir (unter anderem) der folgenden Story von Erhard Schmidt:

Beim Stöbern auf der Verkaufs-Plattform ebay fand ich diese rund 100 Jahre alte Aufnahme, die einen offenen Kraftwagen in der einst als Torpedo benannten Karosserieform zeigt – mit zwei Damen und ebensovielen Herren darin bzw. drumherum.

Auf der Rückseite des Abzugs war als Aufnahmeort der Wallfahrtsort „Altötting“ in Oberbayern vermerkt.

Austro-Fiat AF1 in Altötting; Originalfoto: Sammlung Erhard Schmidt

Zunächst erkundete ich den Hintergrund der Aufnahme, welche die uralte Altöttinger Gnadenkapelle sowie dahinter den Kirchturm von St. Magdalena zeigt.

Betrachtet man heute diesen Ort, so ist dieser baulich weitestgehend unverändert; man darf sich bloß vom scheinbar gleich hoch fortgesetzten Giebelverlauf hinter der Gnadenkapelle auf dieser Aufnahme nicht irritieren lassen.

An dieser Stelle erlaube ich mir als Blogwart folgende Ergänzung: Ausgerechnet unter dem simpel wirkenden Spitzturm in Bildmitte ist ein Kleinod der frühen deutschen Architekturgeschichte verborgen – eine als Oktogon gestaltete Taufkapelle nach Vorbildern aus dem Mittelmeeraum – entstanden wohl im 8/9. Jh. im Zusammenhang mit der karolingischen Königspfalz am selben Ort. Dieser Kernbau hat mit dem sich erst im späten Mittelalter entfaltenden Walllfahrtskult in Altötting nichts zu tun.

Nun hat wieder Erhard Schmidt das Wort:

Der beschrifteten Rückseite war außer Altötting als Ortsangabe zu entnehmen, dass hier ein gewisse Annemie in ihrem Fiat zu sehen sei. Erwähnt werden außerdem drei weitere Personen: ein Kommerzienrat Illein und ein Ehepaar Dr. Jacobs.

Austro-Fiat AF1 in Altötting; Originalfoto: Sammlung Erhard Schmidt

Da wohl eine der Damen dieses Fiat Annemie hieß, erschien mir eine alpenländische Herkunft naheliegend und so interpretierte ich den Buchstaben D als Hinweis auf eine Salzburger Zulassung.

Das von Marita Krauss herausgegebene Buch über die bayerischen Kommerzienräte jener Zeit werde ich noch sichten, um den erwähnten Herrn Illein vielleicht noch näher kennenzulernen.

Was für einen Fiat man nun genau hier sieht, das bleibt ebenfalls zu klären. Mit einer Insassin namens Annemie, einem Kommerzienrat und einem Ehepaar mit Doktortitel ist dieses Bilddokument doch gewiß bemerkenswert!?“ 

In der Tat, kann ich als Blogwart feststellen und bedanke mich ausdrücklich nochmals bei Erhard Schmidt, dass er uns an diesem Mirakel von Altötting teilhaben lässt, welches freilich nur vordergründig mit dem Wunder zu tun hat, welches die Volksfrömmigkeit dort seit Jahrhunderten verortet.

Wahrhaft wunderbar sind vielmehr die Wege, auf denen dieser vermeintliche Fiat es bis in unsere Tage geschafft hat und uns eine seltene Gelegenheit gibt, den Kreationen der ÖAF der frühen 1920er Jahre nachzuspüren.

Denn dass wir es hier mit einem weiteren Exemplar des AF1 9/32 PS zu tun haben, der uns bisher nur sporadisch begegnet ist, davon bin ich als Wallfahrer in der Wunderwelt des Vorkriegsautomobils tief überzeugt…

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Wenigstens die Fassade wahren… Ein Vauxhall 14 Light 6

Wenn die Fassade bröckelt, gilt es, zumindest vordergründig den schönen Schein zu wahren.

Diesem Motto folgend nutzte ich das prächtige Wetter heute dazu, der alten Ziegelsteinhalle, in der meine historischen Gefährte wohnen, ein wenig auf den Putz zu rücken. Eigentlich wollte ich nur ein paar lose Stücke entfernen und nach Potemkinscher Manier übermalen, damit der erste Eindruck erhalten bleibt.

Dummerweise kam dabei mehr herunter als erwartet – mehrere Generationen hatten sich in den letzten 120 Jahren an dem Bau vergangen. Auf Ziegelmauerwerk immer wieder neue Putzschichten aufzutragen und zu überpinseln, ist letztlich keine gute Idee.

So machte ich dort Tabula Rasa, wo es leicht von der Hand ging, also an einem Großteil der Fassade. Darunter ein ganz alter dünner Putz mit viel Sand, typisch für die arme Wetterau. Das ganze wird nun stabilisiert, unebene Stellen rustikal aufgefüllt, damit es zur Gesamtoptik passt und dann kommt wieder Farbe drauf.

Das Ganze wird mich eine Weile beschäftigt halten neben allem anderen, was es an einem alten Anwesen zu tun gibt. Gut für Körper und Geist nebenbei – wer historische Immobilien und Mobilien hat, braucht keine (anderen) Therapien.

Passenderweise kann ich mich heute im Blog weiterhin mit dem Thema Fassade beschäftigen, zumindest vordergründig.

Hier sehen wir nämlich vorbildlich, wie man die Haltung weiter wahrt, auch wenn die Fassade grau zu beginnen wird:

Vauxhall 14 Light 6; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Im Englischen sagt man übrigens „to keep up appearances“ für „die Fassade aufrechterhalten“ und dieses Foto illustriert genau das nahezu vollkommen.

Die Aufnahme mit dem älteren Herrn im Nadelstreifenanzug entstand nämlich 1950 in Portsmouth. England hatte den 2. Weltkrieg mit größter Mühe (und mit ein wenig Hilfe der abtrünnigen Kolonie in Übersee…) überstanden.

Deutsche Bombardierungen hatten zwar nur lokal die Fassaden zerstört – in den betroffenen Städten allerdings heftig – doch die (wie in Frankreich) von Lenkungswahn geprägte staatliche Wirtschaftspolitik verhinderte, dass die Marktkräfte in einer Weise wie in Deutschland freigesetzt werden konnten.

Der vermeintliche Kriegssieger hielt bis 1954 an Rationierungen fest, besteuerte „die Reichen“ in enteignungsgleicher Weise und verstaatlichte rund ein Fünftel der Volkswirtschaft.

Unter solchen der Produktivität und Prosperität abträglichen Bedingungen fiel es schwer, die Fassade zu wahren selbst dann, wenn man glimpflich durch den Krieg gekommen war.

Während die amerikanischen GIs nach der Heimkehr Vorkriegsautos nur noch als Basis für heißgemachte Rennvehikel („Hotrods“) ansahen, wurden im verbündeten Großbritannien wie in Deutschland lange Zeit weiter Wagen der 30er Jahre im Alltag gefahren.

In deutschen Landen galt damals ein überlebender Opel 6 als heißbegehrt und geradezu exklusiv. Dasselbe war auf der Insel der Fall – bloß in Gestalt des Schwestermodells Vauxhall 14 Light 6:

Vauxhall 14 Light 6; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Erst diese zweite Aufnahme, die wohl am selben Tag in Portsmouth entstanden war, erlaubte mir die Identifizierung.

Wie Opel auch war die altehrwürdige britische Marke „Vauxhall“ bereits in den 1920er Jahren vom amerikanischen General Motors-Verbund übernommen worden.

Die einst prächtige Fassade von Vauxhall lebte nur noch in Form der markanten Kühlergestaltung mit den beiden seitlichen Einkerbungen fort, deren Profil sich in der Motorhaube fortsetzte – auch auf dem ersten Foto zu sehen.

Der schon etwas mitgenommene Wagen mit repariertem Schaden am rechten Vorderkotflügel lässt sich als das verbreitete 6-Zylindermodell „14“ von Vauxhall identifizieren.

Die Zahl 14 steht für die britischen Steuer-PS – eine komplizierte Bürokraten-Formel, die wie in einigen europäischen Ländern weder der tatsächlichen Leistung noch dem Hubraum entspricht.

Vermutlich wollte man kaschieren, dass man damit eine zusätzliche Vermögenssteuer geschaffen hatte, die nicht an Kaufpreis oder Verbrauch anknüpft. Sie fällt nämlich auch dann, wenn man gar nicht fährt…

Dass es keine schlüssige steuersystematische Begründung für dieses Relikt gibt, fällt dem abgabengeplagten Untertan aber längst nicht mehr auf (die Sektsteuer lässt grüßen).

Jedenfalls kam der britische Vauxhall mit einem 1,8 Liter-Sechszylinder daher, der dank im Zylinderkopf hängender Ventile 43 PS leistete. Das deutsche Pendant Opel 6 kam „dank“ veralteter Technik trotz 1,9 Liter-Motor nur auf 35 PS.

Der Vauxhall war damit zwar deutlich agiler, doch dafür bot der Opel hydraulische Bremsen und war einer geräumigeren Pullman-Version verfügbar, die gern als Taxi gefahren wurde.

So oder so vermochte man im Nachkriegsengland nicht, den „bloody Germans“ in Sachen automobiler Alltag den Rang abzulaufen.

Vordergründig die Haltung und Fassade wahren, das gelang dem Paar ganz gut, das wir heute mit seinem Vauxhall kennengelernt haben. Aber nach strategischem Sieg sieht die Sache nicht gerade aus.

Aber so etwas soll es ja auch in der Gegenwart geben, in der gern mit Getöse darüber hinweggetäuscht wird, dass man hinter der Fassade doch nicht so blendend dasteht…

Nachtrag: Das Kennzeichen wurde ab Juli 1936 im County Lancashire ausgegeben, was zum Erscheinungsbild des Vauxhall (1935/36) passt..

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Davon träumt der Busfahrer… Ein „Bolide“ von 1906

Wer beim letzten Blog-Eintrag aufgepasst hat, konnte bereits ahnen, was ich heute im Programm habe – eine eher seltene Ausnahme übrigens.

Meist weiß ich ja selbst noch nicht, wo ich bei dieser abendlichen Beschäftigung lande, welche übrigens eine meiner Meditationsmethoden ist, neben händischem Rasenmähen, Löwenzahnstechen, Kleinholzmachen, Reinigung von Oldtimerteilen und dergleichen.

Nun aber „muss“ ich mich dem in Aussicht gestellten „Boliden“ widmen, der keineswegs irgendein rasantes Vorkriegsgeschoss war, ich habe heute also keinen Ermessensspielraum. Das schränkt mich aber nicht im geringsten ein, zumal ich selbst fast nichts über den Wagen weiß, also freie Hand habe, was die Story angeht.

Erstmals begegnete mir besagter Bolide auf dieser Aufnahme, die wohl in den 1960er Jahren in der DDR bei einer der dort zahlreichen Veteranenveranstaltungen entstand:

Bolide von 1906; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wer sich unter einem Boliden etwas anderes vorgestellt hat als so ein relativ einfaches Pionierfahrzeug aus der Zeit weit vor dem 1. Weltkrieg, mag jetzt enttäuscht sein.

Das hätten Sie aber bereits dem Titel entnehmen können. Denn Busfahrer sind für gewöhnlich bedächtige Zeitgenossen, die auch privat nicht zu Exzessen neigen, jedenfalls nicht, was die Fahrdynamik der von ihnen bewegten Automobile betrifft.

Wenn ein Buslenker sich für einen Boliden erwärmt, muss das schon etwas sein, was seinem behäbigen Charakter gemäß ist. Nun könnte man einwenden, dass ein Busfahrer doch auch einer sein kann, der bloß im Bus mitfährt, aber ansonsten stark motorisierte Gefährte und einen engagierten Fahrstil schätzt.

Theoretisch möglich, aber zumindest in meinem Heimatort Bad Nauheim scheinen mir doch die Vertreter der gemütlichen Fraktion als Passagier im Bus unterwegs zu sein.

Die Schüler sausen bei passablem Wetter fahrplanunabhängig mit dem Elektroroller oder dem 125er-Krad durch die Gegend und die gerade Volljährigen sind mit dem Auto unterwegs, so früh es geht. Denn beides führt und fährt von Tür zu Tür, schleicht nicht endlos über Land und macht Spaß.

Diese potenziellen Busfahrer fallen schon einmal aus, die wollen mit eigenen PS unterwegs sein – gern auch modifiziert und selbstgewartet, was ich mit Wohlgefallen betrachte.

Bleibt also nur der Buslenker selbst als Kandidat, dessen heimliche Sehnsucht dem Boliden auf dem eingangs gezeigten Foto gilt.

Lange Zeit hatte ich keine Ahnung, worum es sich beidem abgebildeten Fahrzeug handelt – nur dass es wohl ein französisches Fabrikat war, das dachte ich mir. Das lag auch nahe, waren es doch die in die hunderten Firmen in Frankreich, die ab 1900 das Automobil im Alltag richtig zum Laufen brachten.

Dazu zählten auch die 1899 von den Ingenieur Léon Lefebvre bei Paris gegründeten „Etabilissements Cycles & Moteurs Bolide“. Der Markename „Bolide“ weckte die Assoziation „Feuerball“ oder „Meteor“, was bei einigen großvolumigen Sportmodellen auch eingelöst wurde.

Daneben fertigte man Alltagsfahrzeuge mit zugekauften Motoren (Aster, DeDion-Bouton), wobei die Palette von Einzylindern bis zu Sechszylindern reichte. Irgendwann vor 1910 endete die Produktion – so ganz genau ist das im Netz nicht überliefert.

Nur eines ist sicher: Ein solcher „Bolide“ von 1906 hatte irgendwie in Deutschland die Zeiten überdauert und wurde nach dem 2. Weltkrieg vom Dresdner Busunternehmer W. Kaute wieder auf die Straße gebracht.

Das lässt sich kaum trefflicher und schöner illustrieren als durch dieses schöne Foto, das ich über Leser Matthias Schmidt (Dresden) erhalten habe:

Bolide von 1906; Originalfoto via Matthias Schmidt (Dresden)

Ist das nicht wunderbar, wie gekonnt hier das Zusammentreffen zweier Welten inszeniert ist? Der moderne Omnibus mit dem stilisierten Adler auf der Seite und dem Fahrer, der sich nach dem „Boliden“ umschaut, der genau nach seinem Geschmack zu sein scheint.

Vielleicht waren es aber auch Firmenchef W. Kaute nebst Gattin und Tochter, die hier stilvoll gekleidet seine Aufmerksamkeit einfordern.

Davon träumte jedenfalls einst der Busfahrer – irgendwann selbst so einen Wagen aus der Frühzeit des Automobils besitzen zu können und sie den staunenden Mitbürgern als Zeugen einer Zeit präsentieren zu können, deren kreative Kräfte nicht von Planvorgaben beschränkter Politiker und überbordenden Regularien stranguliert wurden.

Das moderne Automobil und damit auch die Boliden unserer Tage würden nicht existieren, hätte es schon damals die Bürokratie, die Gesellschafts“visionen“ und den Enteignungsfuror wie später in (Ost)Berlin oder Brüssel gegeben. Auch der Busfahrer von heute träumt nicht von einem tristen Dasein mit Lastenrad, Reglementierung und Rationierung allerorten…

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Nicht wirklich alt – oder doch? Ein Delage von 1933

Kennen Sie das? Da hat jemand die 80 schon eine Weile hinter sich, vergisst hin und wieder mal etwas und entschuldigt sich dann: „Bin halt halt...“.

Als Experte für die automobile Welt von gestern und Kenner wirklicher Alters-Erscheinungen auf historischen Fotos kann ich das natürlich nicht gelten lassen.

Nicht nur ist mir das Vergessen von allem Möglichen auch schon mit Ende 50 nur zu vertraut – ich fühle mich deshalb kein bisschen alt. Vielmehr muss etwas schon aus der Vorkriegszeit stammen, um bei mir als wirklich alt durchzugehen.

Und wenn es dann auch noch als Warnhinweis gleich zweimal draufsteht, dann könnte man meinen, dass etwas sich das Attribut „alt“ wahrlich verdient hat:

Delage Coupé um 1933; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wie man rein vordergründig mit dem Alter kokettiert, das bekommen wir hier auf bemerkenswerte Weise vorgeführt.

Manchem mag auch der sympathische Aufkleber in Erinnerung kommen, der im letzten Jahrhundert gut abgehangene Gebrauchtwagen zierte: „Alt, aber bezahlt“.

Man darf auch hier sicher sein, dass der schmucke Wagen auf diesem Foto längst abbezahlt war, als er irgendwo im frühen Nachkriegsengland abgelichtet wurde.

Ich habe indessen meine Zweifel, dass unter meinen Leser einer darauf kommt, mit was für einem enorm sportlichen Coupé wir es hier zu tun haben.

Zwar kann ich auch mit einem Foto aufwarten, welches dasselbe Auto am identischen Ort zeigt, aber ich muss zugeben, dass ich mich lange Zeit schwertat, diesem Gerät den richtigen Namen zuzuordnen:

Delage Coupé um 1933; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Mein Fehler bestand darin, dass ich mich von der britischen Kennzeichnung als ALT in die Irre führen ließ und mutmaßte dass es sich auch um einen rüstigen Rentner aus Britannien handeln dürfte.

Die niedrige Silhouette ließ mich jedenfalls meinen, dass dies ein angelsächsisches Fabrikat sein dürfte. Doch wollte mir auf Grundlage dieser These keine Identifikation gelingen – der Vorkriegswagen ließ vielmehr mich alt aussehen.

Erst auf Umwegen kam ich darauf, dass wir hier einen Wagen aus Frankreich sehen, der auf der Insel den Krieg dank seines Exotenstatus überstanden hatte.

Das Großartige ist, dass genau dieses Fahrzeug noch heute existiert und ich es deshalb so genau identifizieren konnte, weil es halt den Hinweis „ALT“ so deutlich trägt.

Mit der Kennung ALT 753 wurde nämlich im September 1933 im Raum London ein Delage des 8-Zylindertyps D8S zugelasse. Dabei handelte es sich um die 120 PS leistende Sportversion des klassischen Delage D8 mit 4,1 Liter-Reihenachtzylinder, der noch aus den späten 20er Jahren stammte.

Diese Sportversion mit verkürztem Radstand und niedriger Silhouette wurde seinerzeit mit Spitze 150 km/h gestoppt und war damals eines der schnellsten Serienautos in Europa.

Das mit der Serie ist freilich sehr relativ zu verstehen – denn von der Sportversion des Delage entstanden damals über mehrere Jahre keine hundert Exemplare, die von äußerst wohlhabenden Käufern erworben wurden.

Dieser spezielle Wagen weist überdies die Besonderheit auf, dass er mit einer britischen Karosserie ausgeliefert wurde – sein Maßanzug stammte von Freestone & Webb (London), was die britische Anmutung erklärt, die mich zunächst in die Irre führte.

Sie sehen, so gesehen ist das mit dem „alt“ sein doch durchaus erbaulich und das Attribut steht einem sportlichen Vertreter der Generation über 90 gut zu Gesicht. Im England der frühen Nachkriegszeit war so ein Wagen in der Oberklasse formal wie leistungsbezogen durchaus noch zeitgemäß.

Fazit: Wenn es nach mir geht, muss man in unseren Tagen schon über 100 sein, um heute wirklich alt auszusehen. Schauen wir mal, ob sich nicht vielleicht demnächst ein Bolide findet, der dieses Kriterium erfülllt…

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Immer dieser Leistungsdruck: Stoewer „Gigant“ Cabrio

Nachdem der Fund des Monats März dem Besuch eines alten Freunds „zum Opfer gefallen“ war – wir diskutierten die Weltlage noch weit nach Mitternacht draußen in der Kälte – muss ich nun an schon gewohnheitsmäßig erwartete Standards anknüpfen.

Als Freund des Leistungsprinzips als Leitstern für alle, die nicht objektiv gehandicapt sind – sonst wird das nämlich nichts mit dem Wahren der Standards im Wettbewerb – will ich den Ausfall wieder gutmachen, indem ich mich heute ganz nach oben orientiere.

Zu den Sternen geht es dabei zwar nicht ganz – die Mercedes-Freunde müssen sich gedulden – aber ein spektakuläres Erlebnis wird es trotzdem werden.

Seit Erfindung von allerlei Fahr- und Flugmaschinen kommt dem Menschen als Bezwinger von Zeit und Raum die gnadenlose Anwendung des Leistungsprinzip entgegen – die verkürzte Formel lautet von jeher: viel hilft viel.

Bei den Automobilen war das lange Zeit der Hubraum, der durch nichts zu ersetzen war, wenn es darum ging, ein Maximum an Leistung auf die Straße zu bringen.

Zwar gab es schon früh im Rennsport auch raffiniertere Methoden des PS-Zuwachses – mehr Ventile, direkte Steuerung derselben, optimierte Strömung im Einlass und Auslass.

Doch lange überwog die einfache, aber effektive Methode amerikanischer Großserienwagen: Mehr Hubraum liefert zuverlässig mehr Schub, auch wenn die Spritrechnung dann höher ausfällt.

Den Grundsatz machte sich auch der Stettiner Nischenhersteller Stoewer Ende der 1920er Jahre zunutze. Nachdem man 1928 mit einem 2 Liter-Aggregat in die exklusive Welt der 8-Zylinder-Wagen aufgestiegen war, baute man binnen eines Jahres immer größere Varianten: 2,5 Liter (10/50 PS), 3,6 Liter (14/70 PS) und dann 4 Liter (15/80 PS).

Die letztgenannte Variante wurde unter anderem mit spektakulärem Aufbau als Sport-Cabriolet angeboten. Das ist mir zuerst in Form eines Zigaretten-Sammelbilds der frühen 1930er Jahre begegnet:

Stoewer G15 15/80 PS „Gigant“ Sport-Cabriolet; zeitgenössisches Zigaretten-Sammelbild (Sammlung Michael Schlenger)

Der bärenstarke Wagen wurde bemerkenswert häufig gebaut – jedenfalls für ein Manufakturauto der absoluten Luxuskategorie – nämlich laut Literatur in rund 650 Exemplaren.

Man möchte das kaum glauben, denn überlebt haben dürfte davon kaum einer, oder?

Bei der nächsten Gelegenheit, die ich Leser Wolfgang Spitzbarth verdanke, wirkte der Wagen noch beeindruckender und vor allem wirklichkeitsnäher.

Stoewer G15 15/80 PS „Gigant“ Sport-Cabriolet; Foto via Wolfgang Spitzbarth

Dieses Exemplar wurde offensichtlich bei einer der zeittypischen Concours-Veranstaltungen fotografiert, bei denen Privatbesitzer ihre Wagen einem anspruchsvollen Publikum präsentierten.

Dabei musste es sich nicht notwendigerweise um einen Spezialaufbau handeln, aber auf jeden Fall um ein exklusives Modell. Tatsächlich war die Ausführung als Sport-Cabriolet ein „Standard“ im Stoewer-Programm, wenn man davon bei einem Luxusgerät reden kann.

Heute habe ich das Vergnügen, ein fast identisches Exemplar in „freier Wildbahn“ präsentieren zu können – nur die Zahl der horizontalen Luftschlitze in der Motorhaube unterscheidet sich geringfügig (sieben statt sechs).

Die Gelegenheit dazu verdanke ich Leser Klaas Dierks, der uns dieses Prachtstück aus seiner Sammlung in digitaler Form zur Verfügung gestellt hat:

Stoewer G15 15/80 PS „Gigant“ Sport-Cabriolet; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Hier wird vielleicht noch verständlicher, warum Stoewer sein damaliges Spitzenmodell unter der Bezeichnung „Gigant“ auf den Markt brachte.

Man erkennt auch besser den Effekt der geschwungenen Schwellerpartie unterhalb der Tür, die dem 5,15 Meter langen Wagen die nötige optische Spannung gibt.

Die Leistung, die Stoewer mit diesem enormen offenen Zweitüer ablieferte – ästhetisch und technisch – lohnte sich vermutlich nicht besonders in betriebswirtschaftlicher Hinsicht.

Der Stettiner Traditionshersteller bewegte sich oft am Rande des Zusammenbruchs und überlebte nur dank des phänomenalen Talents der Gebrüder Stoewer entgegen alle Wahrscheinlichkeit bis in die 1930er Jahre.

Dabei brachte man stets die am Markt gefragte Leistung – sei es in der Mittelklasse, in der Spitzenklasse und später auch in der Einsteigerklasse verbunden mit Frontantrieb.

Diese Überlebensqualitäten und die Fähigkeit, sich mit wenigen, aber offenbar hervorragenden Mitarbeitern immer wieder neu zu erfinden – speziell im extrem anspruchsvollen 8-Zylinder-Segment – das begeistert mich, seitdem ich Stoewer (auch dank Markenspezialist Manfried Bauer) entdeckt habe.

Leistungsdenken, Leistungsvermögen, Leistungswille – das ist auch das zugrundeliegende Prinzip eines ganz anderen Geräts, das mich gerade beschäftigt: 98 Meter Länge, 2 Booster-Triebwerke mit zusammen 3.300 Tonnen Schub, 4 weitere Triebwerke mit 900 Tonnen Schub, Höchstgeschwindigkeit: knapp 40.000 km/h.

Die Rede ist von der SLS-Rakete der NASA für die Artemis-II-Mondmission, deren Startfenster nur noch wenige Minuten entfernt ist.

Gerade war ich vor der Tür – der Himmel hier ist sternenklar. Frau Luna (ein Stück Erde übrigens) schaut strahlendweiß und neugierig vom Himmel herunter. Wird alles gutgehen, wird es endlich wieder etwas geben, wo der Mensch seinen Genius in positiver Weise zeigt?

Wir werden es heute nacht und in den nächsten 10 Tagen erfahren…

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Sauber – schon wieder Winter! Chrysler von 1926/27

Im letzten Blog-Eintrag hatte ich es angekündigt – ich bin von meinem Italien-Aufenthalt wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Nun könnte man Ende März davon ausgehen, dass man dabei vom Hauch des Frühlings begleitet wird. Nachdem es in Umbrien die Tage zuvor ziemlich kalt gewesen war und es in höheren Lagen wiederholt geschneit hatte, stellte sich die Situation am Morgen der Abfahrt noch ganz vielversprechend dar:

Blick aus Spello (Umbrien) Ende März 2026; Bildrechte: Michael Schlenger

Kurz bevor es auf die Schnellstraße Richtung Norden ging, „musste“ ich noch kurz anhalten und diesen prächtigen Blick festhalten. Vorne die abfallenden Hänge des Monte Subasio, im Mittelgrund das 2500-jährige Spello und auf den schon an die Toscana grenzenden Gipfeln in der Ferne der letzte Schnee – so dachte ich.

Sauber – so lässt es sich gepflegt dem Frühling entgegenfahren„, könnte man hier meinen.

In Umbrien mit seinem eigenständigen Mikroklima blieb mir der Wettergott (m/w/d) noch hold. Doch kaum gelangte ich in das nördlich angrenzende Bergland, das kurzzeitig zur Toscana, dann zur Emilia-Romagna gehört, änderte sich das Bild.

Zwar blieb es sonnig, doch plötzlich war alles tief verschneit. Über Nacht waren 20cm Neuschnee gefallen. Bis zum Morgen hatten die Schneepflüge ganze Arbeit geleistet, sodass sich gut fahren ließ, wengleich stellenweise nur eine der zwei Spuren frei war.

Sauber – schon wieder Winter“ – mein im letzten Blog-Eintrag erwähnter treuer Weggefährte Dacia „Duster“ präsentierte sich trotz allem so, als wäre nichts gewesen:

Dacia Duster, Emilia Romagna, Ende März 2026; Bildrechte: Michael Schlenger

Der unheimlich saubere Auftritt ist einer Wachsschicht zu verdanken, die ich vor langen Touren aufzutragen pflege – da perlt schlicht alles ab, was von der nassen Straße auf die Karosserie gelangt.

Übrigens sind es Verhältnisse wie hier geschildert, die seinerzeit meine Entscheidung begründet hatten, die Allradoption zu wählen. In Italien kann es immer mal wieder solche Überraschungen geben, auch dort, wo nicht gleich ein Schneepflug aktiv wird.

Nicht zufällig sind in Mitteltalien alle möglichen 4×4-Varianten verbreitet, am häufigsten sind japanische Vertreter dieser Art, der Fiat „Panda“ und natürlich Dacias „Duster“. Es verhält sich mit dem Allradantrieb wie mit den Grundrechten – im Alltag braucht man sie nicht, sie sind auf Extremsituationen ausgelegt (so jedenfalls die Theorie…).

Nachdem ich hier Tank und Reservekanister zum „Super“-Preis aufgefüllt hatte, ging es dann ohne weitere Neubetankung bis nach Hause.

ENI-Tankstelle; Emilia Romagna, Ende März 2026; Bildrechte: Michael Schlenger

Normalerweise habe ich es auf der Heimfahrt eher eilig, doch diesmal wollte ich erproben, mit wie wenig Sprit sich die Strecke zur Not absolvieren lässt. Bei Tempo 100 wäre das zwar mit 5 Liter möglich, aber man will ja kein Verkehrshindernis sein.

Als guter Kompromiss erwies sich ein Marschtempo zwischen 115-120 km/h, so ergab sich ein Verbrauch von rund 6 Litern. Für einen Benziner dieser Größe und Leistung ein bemerkenswertes Ergebnis und zugleich Ausweis der Effizienz eines erschwinglichen modernen Wagens. Wer in solchen Verbrennern heute noch ernsthaft ein Problem sieht, hat keine Ahnung von den Verbräuchen und Abgaswerten von früher.

Ich lege also nicht nur äußerlich auf einen sauberen Auftritt wert – man ist ja schließlich nicht allein auf der Welt, ich reise auch mit sauberem Gewissen in meinem Verbrenner, der in ferner Zukunft gewiss nicht als rollender Sondermüll enden wird wie die Batteriekutschen.

Nachdem wir das alles sauber abgehandelt haben und in der hessischen Heimat der Winter immer noch nicht ganz überwunden scheint, dachte ich, dass man durchaus noch einmal ein passendes Vorkriegsfoto bringen könnte, bevor es wirklich Frühling wird:

Chrysler Modelljahr 1926/27; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Sauber – da erkennt man ja gar nichts!“ – könnte jetzt einer meinen.

Nun, zum einen fällt auf, wie glänzend dieses zweitürige Cabriolet hier trotz unverkennnbar winterlicher Gefilde daherkommt. Zum anderen ist genug zu sehen, um den Hersteller und auch die Entstehungszeit dieses Wagens ermitteln zu können.

Den ersten Hinweis gibt der Kühlwasserdeckel mit seitlichen Flügeln – das findet sich so bei Wagen der US-Marke Chrysler ab Mitte der 1920er Jahre. Der zweite Hinweis ist die glänzende Abdeckung der Öffnung für die (nur zur Not) vorgesehene Anlasserkurbel, die von der damals im Winter üblichen Kühlerabdeckung freigelassen wird.

Die Gestaltung der Vorderkotflügel wich bei Chrysler Ende der 20er Jahre einer glatten Ausführung, sodass sich dieses Exemplar auf ca. 1926/27 datieren lässt. Das deutsche Kennzeichen ist dabei keineswegs ungewöhnlich – Sie werden einige Vergleichsexemplare aus Deutschland in meiner Chrysler-Galerie finden.

„Sauber – endlich sind die US-Autofotos ebenfalls nach Marken sortiert“, mag jetzt einer denken. Stimmt, das gehört zu den vielen kleinen Verbesserungen, die laufend in dieses Projekt einfließen, das ich seit nunmehr über 10 Jahren verfolge.

Erfreulich nicht zuletzt, dass der heute in winterlichem Umfeld präsentierte Chrysler über einen typisch deutschen Cabrio-Aufbau verfügte – dafür spricht die Ausführung der Türpartie mit extrabreiter Zierleiste.

Nicht so sauber lässt sich das Kennzeichen erkennen – hier scheint die entscheidende Kennung aus römischer Ziffer und einem Buchstaben verschmutzt oder mit Schnee bedeckt zu sein.

Egal, am Reiz des Fotos ändert das nichts – so ein Chrysler war auch in der Mitte der 1920er Jahre noch verbreiteten Vierzylinder-Version ein ausgezeichneter Begleiter in allen Lebenslagen – das Versprechen des Automobils heute wie vor 100 Jahren…

Copyright: Michael Schlenger, 2026. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Gefällt als Gefährt und Gefährtin: 1929er Pontiac

Es kann gut sein, dass ich die heutige Story schon einmal in ähnlicher Form erzählt habe, aber nicht jeder, der jetzt hier mitliest, wird sie kennen. Ich habe auch keine Zeit, um mir etwas völlig Neues auszudenken.

Morgen in der Frühe geht es wieder zurück aus dem teilweise noch verschneiten Italien nach Deutschland – knapp 1200 Kilometer sind zu absolvieren. Mein vierrädriger Gefährte auf diesen Touren ist nun schon im fünften Jahr ein Dacia „Duster“.

Das ist zwar kein Vorkriegsauto, ist mir aber so ans Herz gewachsen, wie das bei den Autos der Altvorderen der Fall war, als man zu seinem Wagen eine innige Beziehung pflegte.

Mit 150 PS-Benziner ist der in Rumänien gebaute Franzose mit Nissan-Allradantrieb eine bunte Mischung, aber das Beste, was ich mir für meine Zwecke in der mittleren Preisklasse vorstellen kann und der erste und vermutlich letzte Neuwagen meines Daseins.

Über 70.000 pannenfreie Kilometer im Ganzjahresbetrieb sind keine Selbstverständlichkeit, wenn man auf neuzeitliches German Over-Engineering hereinfällt. Für einen „Duster“ dagegen ist das gerade erst der Anfang einer wunderbaren Freundschaft.

Was einen auf so langen Strecken treu, komfortabel und bei Bedarf mit Tempo 200 kutschiert, ist mehr als nur ein fahrbarer Untersatz – es ist ein Gefährte, der mir mein Dasein angenehm und (im positiven Sinne) abenteuerlich macht.

Genau so sollte das auch mit der zweibeinigen Gefährtin sein, und in der Beziehung habe ich ebenfalls die richtige Wahl getroffen. Schon als Student und Käfer-Fahrer hatte ich mir nämlich diese adrette Begleiterin zugelegt:

Pontiac von 1929; Originalfot: Sammlung Michael Schlenger

Klaglos, stets perfekt gestylt und immer gut gelaunt machte sie einige Umzüge und berufliche Neubeginne mit. Vermutlich hat sie mir heimlich und beharrlich die Faszination für die völlig andere Welt des Vorkriegsautos angehext.

Jedenfalls war sie – wenn ich mich recht entsinne – der Anfang meiner Foto-Sammelleidenschaft, was wirklich alte Autos angeht.

Lange hatte ich keine Ahnung, mit was für einem Wagen meine flotte Gefährtin sich einst hatte ablichten lassen. Tatsächlich bekam ich es erst vor ein paar Jahren heraus, als sich genügend Vergleichsmaterial angesammelt und sich mein Blick für die Details von Vorkriegswagen geschärft hatte.

Dieses Leserfoto lieferte mir über die Gestaltung der Räder den entscheidenden Hinweis:

Pontiac von 1929; Originalfoto: Sammlung Reinhard Sudhoff

Ein paar Vergleiche mit anderen Aufnahmen im Netz unter besonderer Berücksichtigung der Zierleiste unterhalb der Seitenscheibe räumten jeden Zweifel aus:

Meine langjährige Gefährtin hatte sich – bevor wir uns kennenlernten – für einen 1929er Pontiac entschieden.

Sie hatte ein gutes Gespür bewiesen, was die Wahl des Gefährts angeht. Für weniger als 900 Dollar bot die noch junge Marke Pontiac damals einen 60 PS starken und dank 3,3 Liter Hubraum drehmomentstarken 6-Zylindermotor, der für über 100 Stundenkilometer gut war.

Der Wagen ließ sich schaltfaul fahren, besaß aber schon ein teilsynchronisiertes Getriebe, was in der unteren Mittelklasse (nach US-Standards) noch nicht selbstverständlich war.

Davon wurden 1929 kolossale 120.000 Exemplare gebaut – genug, um auch die Exportmärkte in Europa abzudecken.

So ein Gefährt ließ – wie eine gute Gefährtin – wenig zu wünschen übrig, weshalb diese Wagen lange auf den Straßen blieben. Einer dieser Pontiacs hatte es sogar geschafft, ein unfreiwilliger,. wenn auch angesehener Insasse der DDR zu werden:

Pontiac von 1929; Originalfot: Sammlung Michael Schlenger

Dank der rührigen ostdeutschen Oldtimerszene, die sich lange vor der in der Bundesrepublik formiert und staatlich hatte absegnen lassen, blieben dort viele der einst in Deutschland allgegenwärtigen US-Wagen der späten 1920er Jahre erhalten.

Diese Fahrzeuge waren für ihre Besitzer wertvolle Gefährten in einer Welt des Mangels und (von Ausnahmen abgesehen) erbärmlicher Standards, was Gestaltung, Verabeitungsqualität, Platzangebot und Leistungsfähigkeit betrifft.

Ich bin fast sicher, dass der 1929er Pontiac auf dem wohl um 1970 entstandenen Foto aus DDR-Zeiten noch existiert.

Ein schönes Beispiel dafür, wie gefällig so ein Gefährt nach so langer Zeit noch wirken kann. Das kann man zwar nicht von jeder Gefährtin sagen, doch kann zumindest ich sagen: meine hat sich gut gehalten…

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Einst ein 6-Zylinder für kleine Leute? Opel 8/40 PS

Baut heute eigentlich noch jemand in Deutschland 6-Zylinder-PKW? Ich könnte es ja jetzt „Groken“ statt wie einst „Googeln“, aber mir ist’s eigentlich egal.

Die Zeiten sind ohnehin vorbei, in denen ein 6-Zylinder mit seiner bauartbedingten Geschmeidigkeit des Laufs als erstrebenswert für alle galt, die bisher in den Niederungen von 4-Zylinder-Aggregaten ihr automobiles Dasein fristeten.

Ende der 1920er Jahre war die erste große Phase der 6-Zylinder-Kultur im PKW-Segment – ausgehend von den USA. Das Phänomen erstreckte sich dort bis weit in die Mittelklasse, beschränkt sich aber in Deutschland meist auf das gehobene Segment.

Ein wohl ziemlich einzigartigen Versuch, einen Mittelklassewagen mit 6-Zylinder bei kleinem Hubraum zu etablieren, unternahm ausgerechnet Opel – ein Hersteller, der nach dem 1. Weltkrieg nicht gerade durch eine besonders raffinierte Modellpolitik aufgefallen war.

Angespornt vom wachsenden Interesse deutscher Käufer an eingermaßen bezahlbaren Wagen mit „amerikanischen“ Qualitäten, was Optik und Leistung angeht, führten die Rüsselsheimer 1927 den nur 1,7 Liter messenden Sechszylindertyp 7/34 PS ein

Der folgte allerdings vom Erscheinungsbild noch dem veralteten Opel-Standard und war ab 1928 der Konkurrenz billiger und zugleich stärkerer Wagen ausgesetzt. Man reagierte darauf bemerkenswert rasch und brachte noch im selben Jahr den Wagen mit 8/40PS-Motorisierung heraus.

Als dann noch 1929 die schwerfällige Optik einem dem Zeitgeschmack entprechenden Erscheinungsbild wich, das sich eng an den führenden US-Vorbildern orientierte, war die Grundlage für einen achtbaren Markterfolg geschaffen.

Opel 8/40 PS, Bauzeit: 1929/30; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Auf diesem Foto, das ich schon einmal vorgestellt habe, wird deutlich, dass der Opel trotz seines äußerst kompakten Sechszylinders weit davon entfernt war, ein Wagen für kleine Leute zu sein.

Otto-Normalverbraucher konnte sich im Deutschland der Vorkriegszeit nämlich überhaupt kein Auto leisten, erst recht keinen Sechszylinderwagen.

Und doch wurde der Opel 8/40 PS von kleinen Leuten durchaus geschätzt, wenn auch auf anderer Weise, als man erwarten würde. Diese Erkenntnis vermittelt ein „neues“ Foto dieses Modells, welches ich kürzlich erworben habe.

Es ist auch deshalb bemerkenswert, weil hier der Blick auf den Niederrahmen gelenkt wird, der ein Kennzeichen des „Facelifts“ des Opel 8/40 PS war:

Opel 8/40 PS, Bauzeit: 1929/30; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Jetzt wissen Sie schon einmal, wie das mit den kleinen Leuten gemeint war – wie so oft nicht ganz ernst, doch in gewisser Weise zutreffend.

Indessen mag es spannender sein, der Sache mit dem erwähnten Niederrahmen nachzugehen. Selbiger ist an der geringen Höhe der Schwellerpartie zwischen Trittbrett und Aufbau zu erkennen.

Ist Ihr Blick ebenfalls an dem dort angebrachten Schild hängengeblieben? Nun, wir wollen sehen, ob wir dort etwas erkennen können, was zumindest ein Indiz zur Herkunft dieses Opels liefern kann – also schauen wir genauer hin:

Ich kann hier sicher zwei Wörter entziffern, das erste und das letzte: „Auto….Stuttgart“. Was aber steht dazwischen – Staiger, Singer oder etwas anderes in der Richtung?

Sicher findet es ein Leser heraus und kann uns darüber aufklären, von wem genau dieser Opel einst verkauft wurde. Leider werden wir sonst kaum mehr über die „kleinen Leute“ erfahren, in deren Fotoalbum diese Aufnahme die Zeiten überdauert haben dürfte.

Wie so oft ist alles, was wir hier sehen, vergangen und vergessen – weshalb die Frage umso reizvoller ist, wieviele der einst immerhin 20.000 Opel-Sechszylinder überlebt haben, die Ende der 1920er Jahre einen zumindest für deutsche Verhältnisse achtbaren Erfolg hatten..

Nachtrag: Mehrere Leser nannten das traditionsreiche Stuttgarter Autohaus „Staiger“ als Kandidaten – Klaas Dierks konnte sogar eine zeitgenössische Reklame beisteuern:

Reklame für den Stuttgarter Opelhändler Staiger aus dem Adressbuch von 1930 (via Klaas Dierks)

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Neues von Porsche! Ein Austro-Daimler AD6-17

Wie ich zuletzt hier schrieb, bin ich gerade in Mittelitalien (Umbrien) auf der Suche nach dem Frühling, der sich dieses Jahr indessen auch dort rar macht.

Immerhin schien heute den ganzen Tag die Sonne und nach getaner Schreibtischarbeit (die mich auf allen meinen Wegen begleitet) setzte ich mich ins Auto und fuhr quer durch die Valle Umbra in der Hoffnung, auf der anderen (westlichen) Seite den Frühling zu erhaschen.

Der Blick von oben auf 500 Metern Höhe war im wahrsten Sinne erhebend, aber die Farben des Frühlings waren noch nicht zu sehen. Schauen Sie selbst:

Hier geht der Blick von Süden nach Nordwesten, über das zauberhafte Spello und den mächtigen Monte Subasio bis zum grandiosen Assisi, das am Ende in der Ferne leuchtet.

Der Ort, von dem ich heute diesen Blick genoss, ist einer der vielen antiken Stätten auf den Hügeln beiderseits der Valle Umbra, die meist an die 2500 Jahre alt sind. Dieser jedoch ist einer der wenigen, die heute nicht mehr besiedelt sind.

So findet man sich heute auf dem Bergplateau von „Urvinum Hortense“ meist alleine inmitten einiger Ruinen – der Großteil der seit dem 3. Jh. vor Christus blühenden Stadt liegt noch im Boden verborgen. Erst in den 1930er Jahren wurde sie wiederentdeckt.

Nach dem Winter, bevor die Vegetation wieder alles überwuchert, bekommt man dort einen guten Eindruck von der Ausdehnung der Stadt, die über der Valle Umbra thronte und in der römischen Epoche alle Annehmlichkeiten bot:

Eine öffentliche Therme, eine große Zisterne zur Wasserversorgung der Häuser im Sommer, ein Theater und einen Tempel am höchsten Punkt der Stadt.

An den Fundamenten dieses Tempels genoss ich heute die Frühlingssonne, über die Vergänglichkeit allen Menschenwerks sinnierend:

Urvinum Hortense (Umbrien) im März 2026; Bildrechte: Michael Schlenger

Auf dem Rückweg von dort begegnete mir dann die Inspiration zum heutigen Blog-Eintrag.

Von der Anhöhe, auf der einst Urvinum Hortense stand, geht es einen steilen Weg hinunter auf einen Bergsattel, wo sich der Besucherparkplatz befindet.

Gegenüber sieht man die Befestigung des kleinen Orts Collemancio, der im Mittelalter unter Verwendung des Steinmaterials der römischen Stadt entstand. Zauberhaft, nicht wahr?

Collemancio (Umbrien) im März 2026; Bildrechte: Michael Schlenger

Unten angekommen stieß ich dann auf etwas, was ich hier nicht erwartet hatte, aber freudig begrüßte. Denn dort stand nicht nur mein Auto, das mir Zeitreisen wie diese ermöglicht, weshalb ich es immer wieder als verlässlichen Gefährten meines Daseins personalisiere.

Dort stand in der Sonne auch etwas, das ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, früher geringgeschätzt hatte und nun auf einmal in seiner zeitlosen Qualität wiederentdeckte.

Auch hier sage ich: Schauen Sie selbst und fragen Sie sich, ob Sie nicht einsteigen wollten, um die Wunder der Welt am Steuer zu erfahren, auch wenn das kein Vorkriegswagen ist:

Porsche 924 in Collemancio (Umbrien) im März 2026; Bildrechte: Michael Schlenger

Da parkte doch tatsächlich ein Porsche 924, der vor gut 50 Jahren auf den Markt gekommen war. Das Teil wurde von vielen damals nicht ernst genommen, doch war es ein genialer Wurf, der so heute nicht mehr möglich wäre.

Ein anfangs 125 PS leistender Vierzylinder von VW, Transaxle-Getriebe, gut 1 Tonne Leergewicht und über 200 Spitze – verpackt in einer modernen Karosserie ohne jeden Bezug zu Porsche-Historie, das war ziemlich kühn, wurde aber vom Markt belohnt.

Stetige Modellpflege, stärkere Motoren und behutsame optische Verbesserungen bescherten dem 924er ein langes Leben – erst 1988 endete die Produktion. Man kann an diesem Wagen erkennen, was der deutschen Autoindustrie verlorengegangen ist.

Erfrischend Neues von Porsche oder VW in dieser Hinsicht darf man nicht mehr erwarten. So geht alles irgendwann seinem Ende entgegen, das gilt nicht nur für antike Stätten in Italien.

Umso faszinierender ist die Begegnung mit einem Porsche, als der Name zwar schon gut bekannt, aber noch unverbraucht war. So entwarf Ferdinand Porsche als Mittvierziger nach dem 1. Weltkrieg für die Premiummarke Austro-Daimler den Typ AD6-17, den ich im Blog schon einige Male anhand alter Fotos präsenieren durfte.

Mit seinem 4,4 Liter großen 6-Zylindermotor, der dank direkter Ventilsteuerung über obenliegende Nockenwelle 60 PS leistete, markiert der Austro-Daimler AD6-17 einen beeindruckenden Neubeginn des österreichischen Fabrikats:

Austro-Daimler AD6-17; Originalfoto: Sammlung Jason Palmer (Australien)

Das Imperium war zwar Geschichte, doch mit so einem Austro-Daimler konnten solvente Besitzer weiterhin Eindruck machen – und sei es vielleicht nur mit einem Leihwagen zur Hochzeit.

Leider ist zu den Insassen und zur Örtlichkeit nichts überliefert – eventuell hat ja ein Leser eine zündende Idee, der Hintergrund könnte einen Hinweis geben.

Mehr fällt mir dazu heute nicht ein, es handelt sich ja auch um einen eher spontanen Bericht, den ich mit heißer Nadel um das Thema „Neues von Porsche“ gestrickt habe.

Immerhin hat so die Suche nach dem Frühling das eine oder andere Resultat gezeitigt, an dem man sich erwärmen kann, auch wenn die weiteren Aussichten wenig erbaulich sind…

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Die haben gut lachen! Fiat 508A Cabrio-Limousine

Auf den Titel meines heutigen Blog-Eintrags kam ich unter anderem deshalb, weil ich derzeit südlich der Alpen weile.

Nachdem ich es mit einer Tankfüllung (55 Liter) aus der hessischen Wetterau knapp bis nach Como geschafft hatte – für einen Benziner-SUV nicht schlecht, wie ich finde – kam ich in den Genuss der italienischen Kraftstoffpreise.

Selbst an der Autobahn 30 Cent weniger pro Liter als in der Heimat! Natürlich sind einzelne Preise länderübergreifend nur schwer vergleichbar – Kaufkraft, Wettbewerbsgrad und das Ausmaß der Trittbrettfahrerei des Fiskus wirken sich unterschiedlich aus.

Dennoch kann ich vermelden, dass die Italiener gut lachen haben, was die Energiepolitik angeht. Beispiel: Eigene Erdgasförderung, Gaslieferanten in mehreren Ländern und Neubau einer Pipeline von der nördlichen Adria nach Mittelitalien, aktuell doppelt so hohe Speicherstände wie in Deutschland – das zeugt von politischer Verantwortung und Infrastrukturkompetenz.

„Die haben gut lachen“ – darüber werden Italiener dennoch nur den Kopf schütteln. Für sie gibt es nicht das kindische Konzept von „Vater Staat“, sondern man beäugt das Geschehen in Rom von jeher skeptisch bis verächtlich.

Das hat auch mit den Erfahrungen der 1930/40er Jahre zu tun, als sich Italien unter dem Alt-Kommunisten Mussolini anschickten, erst größenwahnsinnig auf den Spuren des römischen Imperiums zu wandeln und sich dann mit den noch größenwahnsinnigeren National-Kollektivisten in Germanien (ausgerechnet!) zusammenzutun.

In diese Zeit einer politisch fatalen Allianz faschistischer Staatsapparate fällt indessen eine Phase fruchtbarer Zusammenarbeit immerhin in einer Hinsicht.

Der Autokonzern Fiat – schon seit den frühen 1920ern ein weltweit agierendes Unternehmen mit Massenfabrikation nach US-Vorbild – nutzte die Angebotslücke in Deutschland, um sich neben anderen Importeuren aus den USA, Österreich und Frankreich den Teil des Markts zu sichern, den die heimischen Hersteller nicht abzudecken vermochten.

Ende der 20er Jahre übernahm Fiat die einstige Autofabrik von NSU in Heilbronn und baute dort bis in die 60er praktisch alle Modelle der Kleinwagen- und Mittelklasse.

Dazu zählte auch das 1-Liter-Modell 508 „Balilla“, das Anfang der 30er das untere Ende der Modellpalette markierte – hier die offene Werksausführung „Spyder“:

Fiat 508 „Spyder“; Originalfoto der frühen Nachkriegszeit: Sammlung Michael Schlenger

Der 1932 eingeführte simple, aber gefällige Wagen mit Fiat-typischen Nehmerqualitäten wurde ab 1934 in der verfeinerten Variante 508A angeboten – mit modernisierten Karosserien, spürbarer Leistungsspritze, 4-Gang-Getriebe und Hydraulikbremsen.

Beide Ausführungen waren schon des öfteren Gast in meinem Blog und sind entsprechend zahlreich auch in meiner Fiat-Galerie zu finden. Auf alten Fotos findet man sie oft mit deutscher Zulassung, auch mit Aufbauten, wie so nur in Deutschland entstanden.

Speziell offene Ausführungen (abgesehen vom Roadster oder „Spyder“) waren eine Domäne des deutschen Fiat-Werks, in Zusammenarbeit mit diversen Karosserielieferanten.

Ein besonders schickes Exemplar habe ich heute im Angebot:

Fiat 508A Cabriol-Limousine; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Die haben gut lachen„, nicht wahr? So eine flotte Ausführung als Cabrio-Limousine gab es südlich der Alpen nicht, dieses Konzept war eine deutsche Spezialität.

Auf weitere deutsche Spezialitäten jener Zeit an dem Wagen brauche ich nicht eigens aufmerksam zu machen, sie sind nun einmal Teil dieses Zeitdokuments und meine Leser wissen, dass ich jede Form von Sozialismen strikt ablehne, ganz gleich, welchen Teil der Farbpalette sie sich zueigen machen.

Mir ist aber auch bewusst, dass es albern wäre, jeden einst mit dergleichen Symbolen abgelichteten Zeitgenossen als Systemsympathisanten oder gar Täter abzuqualifizieren.

Um eine Gesellschaft zu beherrschen, zu terrorisieren und sie zu anzustacheln, genügt eine straff organisierte und willensstarke Minderheit mit Zugang zu den Spitzen von Militär, Konzernen, Kirchen – und ganz wichtig: Massenmedien.

Ohne eifrige Mitläufer wird es freilich nichts, wenn es darum geht, die Masse gefügig zu machen – auch das ist bekannt und ein Muster, das sich immer wieder neu zeigt.

Nach dieser notwendigen Bemerkung ist es erlaubt, sich an dem heute vorgestellten Zeitzeugnis in Sachen Vorkriegs-Fiat aus deutscher Produktion zu erfreuen und sich auch von den beiden ziemlich harmlos wirkenden Damen anstecken zu lassen (ich weiß, das sind u.U. die schlimmsten…) – auch wenn es aktuell nicht viel zu lachen gibt…

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Vom Prof zum Profi: Adler „Standard 6“ Ambi-Budd

Meine heutigen Betrachtungen knüpfen an den vorherigen Blog-Eintrag an – auch wenn es da nur um den arg primitiven Ford „Köln“ der 1930er Jahre ging.

Denn dank einer Doppelbelichtung erschien uns da geradezu gespenstisch der mächtige Adler „Standard 6“ der späten 20er Jahre mit Limousinenaufbau – zu erkennen an dem ungewöhnlich weiten Lochkreis der Räder mit sieben Radbolzen:

Ford Köln und Adler Standard 6 Limousine; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Ich hab es zwar nicht so mit dem Übernatürlichen – doch nahm ich diesen Zufall als Aufforderung, endlich einmal wieder ausführlich dem Adler „Standard 6“ zu widmen.

An Material zu diesem bis 1934 gebauten Oberklassemodell der Frankfurter Adlerwerke herrscht kein Mangel, ganz gleich, um was es für einen Aufbau sich handelt.

Um der aufgelaufenen Menge an Fotos irgendwie Herr zu werden, beschloss ich, zur Abwechslung einmal halbwegs strukturiert an die Sache heranzugehen.

Daher werden Sie heute nur Exemplare des frühen Adler „Standard 6“ mit Limousinenaufbau von Ambi-Budd (Berlin) zu sehen bekommen. Was langweilig klingt, wird sich indessen als reizvolle Reise durch die Welt derer erweisen, die einst so ein Fahrzeug bewegten – vom Prof zum Profi!

Auf den Prof brachten mich zwei Dinge. Zum einen kann ich mir diesen Herrn, der sich hier zwischen zwei jüngeren Damen paschamäßig präsentiert, durchaus als Universitätsprofessor vorstellen:

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Was den Prof über die professionelle Ebene hinaus mit den Ladies verband, muss ungeklärt bleiben – alles war und ist bekanntlich auf diesem Sektor möglich.

Gesichert ist indessen, dass der Prof einen Adler Standard 6 mit Limousinenaufbau von Ambi-Budd fuhr. Verwiesen sei dazu auf die typische Kühlerfigur, die bereits erwähnte Gestaltung der Räder mit sieben Radbolzen und die beiden weit auseinanderliegenden Zierleisten entlang der Flanke.

Letztere sind gewissermaßen das Leiltmotiv dieser Standardkarosserie von Ambi-Budd, die außer bei Adler auch bei anderen deutschen Herstellern verbaut wurde.

Hier haben wir ein vom fehlenden Suchscheinwerfer abgesehen fast identisches Exemplar:

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto. Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Übrigens ging der ursprüngliche Entwurf für den Adler „Standard 6“ der Überlieferung nach auf einen Professor zurück, der von den Adlerwerken beauftragt worden war.

Die Story klingt für einen Traditionshersteller ziemlich verwegen, konnte doch damals selbst ein chronisch klammer Nischenhersteller wie Stoewer sogar Achtzylinder in einem Marktsegment platzieren, das stark von preisgünstigen. leistungsfähigen und gut ausgestatteten US-Fabrikaten geprägt war.

Angeblich verfiel der Prof auf die Idee, kurzerhand einen solchen Amerikaner-Wagen mehr oder weniger zu kopieren. Etwas in der Richtung hätten wohl auch Nicht-Akademiker am abendlichen Autostammtisch empfohlen.

Bloß muss eine Kopie entweder besser oder billiger als das Vorbild sein, um sich Marktanteile erobern zu können. Mit dergleichen Marketingüberlegungen tat man sich in deutschen Landen damals traditionell schwer, weshalb Dutzende von Manufakturmodellen an der Kundenrealität vorbeientwickelt wurden, anstatt ein in großem Stil skalierbares Produkt mit eigenem Prof-Fil zu lancieren.

Mit dem Standard 6 wäre Adler ebenfalls beinahe gescheitert, doch gelang es, die Kopfgeburt des Prof von echten Profis zu einem halbwegs konkurrenzfähigen 6-Zylinderwagen mit moderater Motorisierung (45, später 50 PS) zu entwickeln.

So sind zeitgenössische Fotos dieses auch formal gelungenen Wagens, der seine Identität äußerlich aus der markanten Vorderpartie bezog, keineswegs rar. Heute bekommen Sie einige „neue“ davon gezeigt:

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto. Sammlung Michael Schlenger

Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass die bisher gezeigten Exemplare nicht nur die Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd und die auffallenden Räder gemeinsam hatten, sondern auch die Doppelstoßstange nach US-Vorbild?

Letztere war offenbar serienmäßig, denn mir ist noch kein Foto dieses Typs begegnet, auf dem sie fehlt. Optionales Zubehör findet sich dagegen in Gestalt gelochter und verchromter Schutzbleche an der Schwellerpartie unterhalb der Türen:

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto. Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Der Reservekanister auf dem Trittbrett stammte wohl aus dem Zubehörhandel, er fällt meist unterschiedlich aus.

Übrigens findet sich an diesem Exemplar auch die standardmäßige Montage der Ersatzräder am Heck.

Sie sind beim folgenden Wagen ebenfalls dort zu vermuten, der zudem die erwähnten Trittschutzbleche aufweist – und als weiteres Extra eine in einer Raute eingefasste „6“ auf der Scheinwerferstange:

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Noch eine optionale Zutat findet sich an einigen anderen Exemplaren des Standard 6 aus dem Hause Adler.

Die Rede ist von den seitlich in den Vorderkotflügeln angebrachten Ersatzrädern mit prächtig gestalteter Abdeckung – für mich ist so ein Adler jener Zeit erst damit „komplett“:

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr die Wirkung eines dieser Wagen von der Körpergröße der damit abgelichteten Personen abhängt.

Hier ist es der wohlgenährte und recht große Herr in der Mitte, welcher den Adler beinahe kompakt erscheinen lässt.

Beeindruckender wirkt die immerhin 1,82 Meter hohe Limousine auf der folgenden Aufnahme, auch wenn man hier die genannten Extras vermisst:

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Allerdings ist in diesem Zusammenhang ein weiterer Faktor zu berücksichtigen. So bot Adler den Standard 6 mit zwei Radständen an, die sich um immerhin 30 Zentimeter unterschieden.

Die kürzere Ausführung war von den Proportionen fast identisch mit dem nur 35 PS leistenden Vierzylinder-Schwestermodell „Favorit“, der nur über 5 Radbolzen verfügte.

Das könnte erklären, warum etwa dieses Exemplar eines Standard 6 gar nicht mehr so repräsentativ wirkt, es kann aber auch am Aufnahmewinkel liegen:

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Hingegen erscheint der Adler auf der folgenden Aufnahme majestätisch dimensioniert, obwohl der Herr davor nicht gerade kleinwüchsig war.

Zumindest die Schirmmütze lässt ihn recht groß wirken, was ein durchaus erwünschter Effekt dieser Kopfbedeckung war.

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Interessant ist hier wieder die individuelle Kombination der Extras: seitlich montierte Erstzräder, aber keine „6“ auf der Scheinwerferstange und wohl auch keine Trittschutzbleche am Schweller, dafür wieder ein individueller Reservekanister.

Wir bewegen uns in diesem Fall nun in der Welt der Profis, denn der zuletzt gezeigte Adler wurde von einem Chauffeur der deutschen Reichspost bewegt.

Vermutlich ebenfalls ein professioneller Fahrer war der Herr auf der nächsten Aufnahme. welche zusätzlichen Reiz aus der eher seltenen farblichen Hervorhebung von Reifenmarke und -typ bezieht:

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Damit wären wir für heute fast am Ende, obwohl in meiner Adler-Galerie – der größten allgemein zugänglichen im Netz überhaupt – noch weitere Kandidaten schlummern.

Doch die passen nicht so recht zum heutigen Thema „Vom Prof zum Profi“. Am Ende will ich aber noch einmal zum Ausgangspunkt zurückkehren. Denn unser mutmaßlicher Professor wirkt bei näherer Betrachtung nicht mehr ganz so akademisch.

Zwar hat er auf sämtliche Extras an seinem Adler verzichtet, wie es scheint, doch weiß er sich mit diesen beiden Trophäen in bester Gesellschaft und hat am Ende alles richtig gemacht:

Adler Standard 6 Limousine (Ambi-Budd); Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Das war’s für heute in Sachen Adler „Standard 6“ mit Ambi-Budd-Limousinenaufbau. Künftige weitere Porträts des Typs werden sich den offenen Versionen, aber auch den optischen Eigenheiten späterer Ausführungen widmen…

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Früh an der Spitze! Brennabor Typ P 8/24 PS

Vor allem zwei Dinge machen für mich den Reiz der Beschäftigung mit Vorkriegsautos aus:

Zum einen lernt man nie aus, ganz gleich, wieviele Fachbücher man konsumiert hat (so wie im richtigen Leben). Entweder lernt man aus der eigenen Betrachtung oder man lernt von anderen, die Dinge wissen, welche es (noch) nicht in die Literatur geschafft haben.

Zum anderen kommt man in Kontakt mit Zeitgenossen, die einem unvermittelt und aus heiterem Himmel etwas zukommen lassen, was einen begeistert und dankbar macht.

Genau das widerfuhr mir dieser Tage nicht zum ersten Mal – aber wieder so großartig, als es sei es das erste Mal. In meiner Post fand ich einen großen Umschlag von einem Absender, dessen Name mir nichts sagte. Den hob ich mir, wie ich das zu tun pflege, als letzten auf und sah erst einmal die anderen Sendungen durch.

Dann kam besagter Umschlag an die Reihe, in dem ich das persönliche Schreiben von Hartmut Hohmann und dieses schöne Foto im Original vorfand:

Brennabor Typ P 8/24 PS; Originalfoto: Schenkung von Hartmut Hohmann (Elsdorf)

Ich schicke Ihnen dieses Foto als Geschenk zu und hoffe, dass SIe es nutzen können. In meiner Familie gibt es leider niemanden, der Interesse daran hat„, stand da geschrieben.

Gerührt von so viel Großzügigkeit, dachte ich: „Spitze, endlich mal wieder eine der ganz frühen Ausführungen des Brennabor Typ P 8/24 PS aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg – und dann noch mit familiärem Hintergrund.

Die Marke aus Brandenburg an der Havel hatte sich damals an die Spitze der deutschen Automobilfabrikation gesetzt, indem sie ganz auf Großserienproduktion setzte, wie das sonst in Europa nur Citroen, Fiat und Austin taten.

Dem Typ P 8/24 PS begegnet man auf alten Fotos auf Schritt und Tritt – meine wohl einzigartige Markengalerie bestätigt, dass die Brennabor-Modelle Anfang der 1920er Jahre zu den meistgebauten deutschen Wagen zählten.

Vor allem die Flachkühlerausführung wurde vieltausendfach gebaut und entsprechend selbstbewusst beworben:

Brennabor Typ P 8/24 PS; Reklame aus der AAZ, 08-1925; Original: Sammlung Michael Schlenger

Während diese Werbeanzeige aus dem letzten Produktionsjahr des Typs P 8/24 PS stammt, repräsentiert die Version auf dem Foto, das mir Hartmut Hohmann vermacht hat, aus der Anfangsphase der Produktion.

Wohl nur 1919/20 – genau kann man das nirgends nachlesen – wurde der Brennabor noch mit einem Spitzkühler gebaut, wie er seit 1913/14 bei deutschen Fabrikaten Mode war.

Hier haben wir ein solches Exemplar, das wie der Wagen auf dem eingangs vorgestellten Foto ohne Luftschlitze in der Motorhaube daherkommt, aber eine mittig unterteilte Windschutzscheibe und eine Verkleidung dort aufweist, wo sich der vordere Anlenkpunkt der hinteren Blattfeder befindet:

Brennabor Typ P 8/24 PS; Original: Sammlung Michael Schlenger

Die Ausführung ohne unterteilte Scheibe und ohne die erwähnte Verkleidung der Blattfederaufnahme habe ich bisher nur ein einziges Mal gefunden, während ich die späteren Versionen inwzischen dutzendfach dokumentieren konnte.

Meine Vermutung ist die, dass nur ganz frühe Wagen dieses Typs – noch vor Beginn der Großserienfertigung bei Brennabor – eine Gestaltung wie das Exemplar auf dem Foto von Hartmut Hohmann aufwiesen.

In meinem eigenen Fundus fand sich bislang nur dieses Beispiel:

Brennabor Typ P 8/24 PS; Original: Sammlung Michael Schlenger

Das Foto, das mir dieser Tage von Herrn Hohmann übereignet wurde, zeigt genau so einen Brennabor des Typs P 8/24 PS in der wohl urspünglichen Ausführung.

Auf jeden Fall bewegen wir uns hier in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg – das verrät nicht nur die durchweg verbaute elektrische Beleuchtung mit ergänzenden kleinen Kurvenlichtern unterhalb der großen Hauptscheinwerfer.

Auch die Kleidung der Insassen verweist ausnahmslos auf die Zwischenkriegszeit – im Fall des heute neu vorgestellten Foto mindestens auf die Mitte der 20er Jahre. Dafür spricht vor allem die Beinfreiheit der jungen Dame ganz rechts.

Einsender Hartmut Hohmann (81) hat mir verraten, dass der Herr vor dem Brennabor sein Großvater Ernst Schmidt aus Atzendorf bei Magdeburg war. Als selbständiger Metzger hatte er es zu Geld gebracht und stand als Autobesitzer in den 1920er Jahren früh an der Spitze.

Das kleine Mädchen auf dem Rücksitz war übrigens seine Tochter – also die Mutter von Herrn Hohmann. Sie war 1921 geboren worden und dürfte auf dem Foto im Grundschulalter gewesen sein.

Ich habe mir unterdessen erlaubt, die Situation auf dem Foto ein wenig näher ins Hier und Jetzt zu bringen – jedenfalls, was die Farben angeht:

Brennabor Typ P 8/24 PS; Originalfoto: Schenkung von Hartmut Hohmann (Elsdorf); KI-basierte Kolorierung: Michael Schlenger

So sind uns doch die Altvorderen doch gleich viel näher, und auch der Brennabor wirkt bei aller Schlichtheit – auf Glanzteile wurde weitgehend verzichtet – weit präsenter.

Ich habe den Wagen im Rahmen der KI-gestützten Kolorierung bewusst etwas gealtert dargestellt, da er zum Zeitpunkt der Aufnahme schon einige Jahre auf dem Buckel gehabt haben muss.

Auch wenn das Auto nicht mehr ganz taufrisch war, gilt: Mit so einem Brennabor Typ P 8-24 PS war man im Deutschland der 1920er Jahre an der Spitze der Wohlhabenden, die sich mit einem Automobil eine Freiheit erkaufen konnten, welche damals für die allermeisten Deutschen unerreichbar war.

Das zeitlose Versprechen des Automobils als einzigartiger Erweiterer des Horizonts und Überschreiters von Grenzen – das ist es, was die Faszination dieser großartigen Maschine ausmacht, die wir heute für selbstverständlich nehmen – sie ist es aber nicht, auch das erzählen uns die Bilder von einst…

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