Reizvolle Nebensache: Ein Pontiac „Eight“ von 1934

Dieser Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos speist sich aus einem über Jahrzehnte gewachsenen Fundus. Schon zu Studienzeiten hatte der Verfasser eine Schwäche für reizvolle historische Automobilaufnahmen, ohne je auf eine Marke aus zu sein.

Möglicherweise war ein alter Abzug aus dem Familienalbum der Auslöser einer Leidenschaft, die bis heute andauert und an der monatlich an die 1.500 Blogbesucher teilhaben:

Pontiac_Modell_1929_Galerie

Pontiac von 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Aufnahme dürfte entweder irgendwo in Schlesien oder in Berlin entstanden sein – genau kann das niemand mehr sagen. Auch wer genau aus Familie oder Bekanntenkreis darauf zu sehen ist, bleibt ein (bezauberndes) Geheimnis.

Sicher ist nur, dass die junge Dame mit sommerlichem Teint und körperbetontem Kostüm Anfang der 1930er Jahre neben einer auf den ersten Blick beliebigen Limousine posierte.

Lange hielt der Verfasser es für ausgeschlossen, dass sich der Wagentyp herausfinden lässt. Doch irgendwann präsentierte er das Foto auf www.prewarcar.com – in Europa „die“ Anlaufstelle für Vorkriegsfahrzeuge schlechthin.

Im angloamerikanischen Raum ist das Interesse an Vorkriegsfahrzeugen ungebrochen. So konnte im Nu ein Leser aus den USA den Wagen als Pontiac aus dem Jahr 1929 identifizieren. Möglich war dies anhand eines kleinen Details:

Pontiac_Modell_1929_Ausschnitt

Die markant profilierte Partie unterhalb der Fenster ist eine Eigenart der im Jahr 1929 gebauten Pontiacs – sie wird auch im einzigartigen „Standard Catalog of American Cars“ von Kimes/Clark (1996) ausdrücklich erwähnt.

Nebenbei: Von einer derart akribischen und umfassenden Arbeit können deutsche Vorkriegsautofreunde nur träumen – dabei haben sie es bloß mit ein paar hundert und nicht weit über 5.000 (!) Herstellern zu tun. Aber man ist auch in dieser Hinsicht müde und bequem geworden im einst so emsigen Volk der Dichter und Denker…

Zurück zum Pontiac: Von dem in rund 120.000 Exemplaren gebauten 6-Zylindertyp mit 60 PS gelangten offenbar auch einige nach Deutschland. Kein Wunder: Ende der 1920er Jahre entfielen 40 % der Neulassungen hierzulande auf Fremdmarken, vor allem aus den USA.

Bei Großserienfahrzeugen blieben die amerikanischen Hersteller auch in den 1930er Jahren global die Marktführer – nicht nur was die Stückzahlen angeht, sondern auch in technischer und vor allem formaler Hinsicht.

Welche aus heutiger Sicht unglaublichen Entwicklungssprünge sich damals binnen fünf Jahren vollzogen, können wir heute anhand einer weiteren Aufnahme eines Vorkriegs-Pontiac nachvollziehen.

Dieser Wagen wurde ebenfalls in Deutschland abgelichtet und auch er war für den Fotografen einst eine Nebensache – der Fokus lag auf den abgebildeten Personen:

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Pontiac „Eight“ von 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick mag diese Aufnahme enttäuschen – viel mehr als auf dem ersten Bild sieht man nicht von dem Wagen und sonderlich reizvoll ist die Situation auch nicht.

Doch gemach, wir haben noch ein zweites Bild desselben Wagens auf Reserve, das keine Wünsche offenlässt. Doch erst einmal gilt es, den Typ zu identifizieren.

Dass dies kein deutscher Wagen sein kann, sieht man auf Anhieb, denn da wären:

  • der breite verchromte Luftauslass in der Motorhaube,
  • die Speichenfelgen mit großen Chromradkappen,
  • die windschnittig wirkenden Sicken am Vorderschutzblech und:
  • der Aufbau als zweisitziges Cabrio mit Notsitzbank.

Zusammengenommen wirkt das alles sehr amerikanisch und ist es auch. Diese Details finden sich präzise am Pontiac des Modelljahrs 1934 wieder.

In den fünf Jahren seit Vorstellung des 1929er Pontiac war nicht nur formal eine neue Fahrzeuggeneration entstanden, auch technisch ging es rasant vorwärts.

Neben braven Sechszylindern bot Pontiac nun auch 8-Zylinder-Reihenmotoren mit fast 85 PS an. Damit war ein Maximaltempo von 150 km/h erreichbar, natürlich ein eher theoretischer Wert.

Bemerkenswerter war vielleicht das serienmäßig synchronisierte Getriebe, weniger eindrucksvoll dagegen die mechanischen Vierradbremsen, die jedoch für den Alltagseinsatz dieses Mittelklassewagens (nach US-Maßstäben) ausreichten.

So weit, so gut, mögen jetzt die Gourmets in der Leserschaft denken – aber umwerfend ist diese unscharfe Aufnahme des Pontiac ja wohl nicht. Stimmt, doch das Beste sollte man sich stets bis zum Schluss aufbewahren.

Dabei sei eines klargestellt: Auch auf dem zweiten Foto des Pontiac Eight von 1934 ist der Wagen bloß eine reizvolle Nebensache – im Fokus dagegen steht wiederum weiblicher Charme, ohne den der schönste Wagen nur ein Haufen Blech ist:

Pontiac_Eight_1934_in Frankreich_Galerie

Pontiac „Eight“ von 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ganz subjektiv betrachtet kommt diese Aufnahme dem perfekten Vorkriegsautofoto schon sehr nahe.

So instruktiv blitzsaubere Werksaufnahmen auch sind, fehlt ihnen doch das Leben. Und die meisten Privatbilder sind von eher mäßiger Qualität, wie bunt (im übertragenen Sinn) es darauf auch zugehen mag.

Hier haben wir einen der seltenen Fälle, wo alles passt:

  • eine reizvolle Situation – die Dame am Steuer ist nicht etwa am Telefonieren, sondern richtet im Rückspiegel die vom Fahrtwind zerzauste Frisur,
  • der Fokus liegt fast perfekt auf ihr,
  • der blitzsaubere, bärenstarke Wagen ist – eine wunderbare Nebensache.

Immerhin kann man den Schriftzug „Pontiac“ auf der Radkappe lesen und davon ausgehend gelang dem Verfasser auch die Identifikation des genauen Wagentyps.

Wenn jetzt noch einer wissen will, wo dieses großartige Bild entstanden ist, dann liefert uns der Abzug auf der Rückseite die Antwort:

„Irgendwo in Frankreich“ steht dort in schwungvoller Handschrift vermerkt. Das ist der Hinweis darauf, dass der Pontiac einst im deutschen Sprachraum zugelassen war.

Im Produktionsjahr des Pontiac Zweisitzer-Cabriolets war der Anteil ausländischer Marken an den deutschen PKW-Zulassungen auf rund 5 % eingebrochen. Zum einen hatten die heimischen Hersteller aufgeholt, zum anderen waren die US-Fahrzeuge mit ihren großen Hubräumen schlicht zu teuer im Unterhalt geworden.

Wer es sich leisten konnte, entschied sich dennoch für einen der souveränen Achtzylinder aus den Staaten, koste es, was es wolle – herrlich unvernünftig!

Wir Menschen des 21. Jahrhunderts staunen und sinnieren darüber, wie anders die Welt vor über 80 Jahren war, und das nicht nur in automobiler Hinsicht…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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