„Kleiner“ 6-Zylinder aus Turin: Fiat 520

Freunde von Nachkriegs-Fiats haben es leicht – da gab es nur einen Fiat 500, ansonsten war bei den Klassikern aus Turin bis in die 1960er Jahre der Hubraum Bestandteil der Typenbezeichnung.

In der Vorkriegszeit dagegen gab es eine auf den ersten (und auch auf den zweiten) Blick verwirrende Typologie. Vom kompakten Vierzylinder-Fiat 501 der frühen 1920er Jahre – dem ersten Großserienerfolg der Marke – gab es bis zum Sechszylindertyp 527 der 1930er Jahre über 20 verschiedene Modelle, die als 500er Fiat firmierten.

Etliche davon wurden in diesem Blog für Vorkriegswagen anhand von Originalfotos vorgestellt, beispielsweise der Sechszylindertyp 521 der späten 1920er Jahre. Hier haben wir eine historische Originalaufnahme dieses großzüigen Modells:

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Fiat 521; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Fiat hatte jedoch bereits kurz zuvor – im Jahr 1927  – einen etwas schwächeren Wagen mit 6 Zylindern vorgestellt, den Typ 520. Er war der erste Fiat mit Linkslenkung, folgte aber stilistisch noch nicht so konsequent der US-Mode wie der große Bruder.

Die formalen Unterschiede waren im Detail erheblich und das Gesamtbild stellte sich grundlegend anders dar. Vielleicht am augenfälligsten ist das weniger massige Erscheinungsbild dank des niedrigeren und transparenter wirkenden Aufbaus: 

Fiat_520_3_Galerie

Fiat 520; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die zwei hochsommerlich gekleideten Damen scheinen sich auf dem Trittbrett des Fiat mit eleganter Zweifarblackierung sehr wohl zu fühlen. Offenbar war schon damals ein Fiat aus der 500er-Familie ein Favorit beim schönen Geschlecht.

Nun mag ein kritischer Geist einwenden: Woher wissen wir, dass das ein Fiat ist? Zugegeben: Aus dieser Perspektive wäre der Verfasser auch nicht darauf gekommen, obwohl es ein winziges Indiz dafür gibt.

Zum Glück wurde der Wagen am selben Tag und am selben Ort ein weiteres Mal fotografiert:

Fiat_520_2_Galerie

Hier haben wir auf einmal einen schlechtgelaunt dreinblickenden Pfarrer, eine weitere Dame mit Schäferhund und zwei Herren, die zwei ganz unterschiedliche Typen repräsentieren.

Außerdem können wir nun dem Wagen quasi ins Gesicht schauen – die Frontpartie war  bei Autos der 1920er Jahre der charakteristischste Part. So liefert die folgende Ausschnittsvergrößerung die entscheidenden Indizien:

Fiat_520_2_Ausschnitt

Die Kühlerform, das runde Markenemblem, die Ausführung der Scheinwerfer mit markant profiliertem Chromring und die Gestaltung der Frontschutzbleche – alles passt perfekt zu einem Sechszylinder-Fiat des Typs 520 (1927-29).

Wer genau hinschaut, erkennt auch, dass sich das einer antiken Tempelfront nachgebildete Profil der Kühlermaske in der Motorhaube fortsetzt. Deren hinterer Abschluss ist auf obigem Foto gerade noch zu erkennen.

Die Unterseite der Frontscheibe spiegelt nochmals die Kontur des klassischen Dreiecksgiebels wider, die die Gestaltung der Kühlermaske bestimmt:

Fiat_520_3_Frontpartie

Diese Details erlauben die Ansprache des Wagens als Fiat des kleinen Sechszylindertyps 520 mit 46 PS. Wer die Leistung dürftig findet, sei an zwei Dinge erinnert:

  • Ende der 1920er Jahre gab es kaum Straßen, auf denen sich dauerhaft ein Tempo von mehr als 80 km/h aufrechterhalten ließ.
  • Wichtiger war die Fähigkeit des Motors, ohne Schalten aus niedrigen Drehzahlen zu beschleunigen, und die Steigfähigkeit am Berg – beides Funktionen eines ausreichenden Hubraums (im Fall des Fiat 520 2,2 Liter).

Noch zehn Jahre später begnügte sich ein Mercedes des Typs 170V mit zahmen 38 PS aus 1,7 Litern Hubraum. Fiat bot damals übrigens den deutlich ehrgeizigeren Sechszylindertyp 1500 mit 45 PS an, aber das ist eine andere Geschichte

Übrigens entstand die Aufnahme in Deutschland – der Fiat trägt nämlich eine Zulassung im Regierungsbezirk Oberpfalz. Die hochwertigen Tourenwagen und Limousinen aus Turin waren in den 1920er Jahren keineswegs eine Seltenheit hierzulande – heute dagegen ist Fiat außer mit dem 500er praktisch nicht mehr präsent…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

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