Original? Nicht ganz, aber authentisch: Horch 10/50 PS

Was bei historischen Fahrzeugen als original gelten kann und was nicht, darum tobt ein wohl nie endender Streit zwischen mehreren Fraktionen:

  • Extremisten lassen nur ein Fahrzeug in unberührtem, aber quasi fabrikneuem Zustand als original durchgehen, was es von wenigen Ausnahmen kaum gibt – schon gar nicht bei Vorkriegswagen.
  • Dann gibt es die Verfechter des über Jahrzehnte der Nutzung (oder auch Vernachlässigung) entstandenen Zustands mit viel Patina auf Lack, Chrom und Leder. Diese Auffassung hat in England und Frankreich viele Anhänger.
  • Die Mehrheit der „Oldtimer“freunde hierzulande (und in den USA) hängt einer dritten Philosophie an: Original ist demnach ein restaurierter Zustand, der der Situation bei Auslieferung nahekommt oder diesen sogar übertrifft.

Wie beim Thema Tempolimit scheint mir eine pragmatische Sichtweise angebracht zu sein – will heißen: es kommt auf die jeweilige Situation an. 

Dass man je nach vorgefundenem Zustand des Wagens zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, will ich heute anhand dreier historischer Originalfotos zeigen, die jeweils einen Horch Typ 10/50 PS zeigen.

Wer normalerweise reflexartig zu wissen meint, was an einem Vorkriegswagen „original“ ist und was nicht, wird hier erst einmal kleinlaut.

Denn während auf nahezu jeder hochkarätigen Klassikerveranstaltung einer der herrlichen Horchs der Achtzylinder-Ära zu bestaunen ist, sagt die Bezeichnung 10/50 PS mit Sicherheit nur den wenigsten etwas.

Das hat zwei Gründe: Zum einen handelt es sich „nur“ um ein Vierzylindermodell – die Anführungszeichen sind bewusst gesetzt, ich komme noch darauf zurück. Zum anderen war der Wagen speziell als Tourenwagen formal von ernüchternder Sachlichkeit:

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Horch 10/50 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier haben wir ein ganz seltenes Beispiel für einen erhaltenen Horch des von 1924-26 gebauten Typs 10/50 PS – ausgestellt auf den Classic Days auf Schloss Dyck 2018.

Dass die Leute von Audi Tradition diesen auf den ersten Blick so unscheinbaren Wagen mitgebracht haben, unterstreicht die Ernsthaftigkeit und zugleich die Leidenschaft, mit der man in Ingolstadt und in Zwickau Traditionspflege in Bezug auf die Marken der einstigen Auto-Union betreibt.

Tatsächlich war der Horch Typ 10/50 PS der bis dato erfolgreichste Wagen der seit 1900 aktiven sächsischen Marke überhaupt: Mehr als 2.300 Exemplare entstanden von Dezember 1924 bis Dezember 1926.

Das war gemessen an den unfassbaren Produktionszahlen der damals tonangebenden US-Hersteller verschwindend wenig, doch Horch bot mit dem 10/50 PS etwas Besonderes.

Paul Daimler konstruierte den 2,6 Liter Vierzylindermotor des Wagens, dessen im Kopf hängende Ventile über eine Königswelle gesteuert wurden. Der Motorblock bestand aus einer Aluminiumlegierung, die Kolben waren aus Vollaluminium, die Oberflächen aller bewegten Teile wurden nach neusten Methoden gehärtet.

Diese feine Aggregat soll laut Literatur imstande gewesen sein, den je nach Aufbau um die 2 Tonnen schweren Horch auf 100 km/h zu beschleunigen. Das war zwar in der Praxis auf damaligen Straßen kaum erreichbar, verrät aber etwas von den Kraftreserven, die der Motor bot – wichtig vor allem an Steigungen.

Bei Horch war man zurecht stolz auf dieses Modell, das dementsprechend auch das erste war, das das neue Marken-Emblem auf der Front des Kühlergehäuses trug:

Horch_10-50_PS_Schloss_Dyck_2018_Kühler

Das vom Gestalter Prof. Ernst Böhm geschaffene Emblem zeigt den Horch-Schriftzug wie die Zacken einer Krone auf dem H thronend – schlicht und doch visionär, was den künftigen auf die Oberklasse abzielenden Anspruch des Hauses anging.

Nun mag ein Vertreter der „Echt ist nur fabrikneu“-Auffassung sagen, dass dieser wohl in Zwickau restaurierte Horch 10/50 PS doch am ehesten als „original“ anzusehen sei. Gewiss wird Audi-Tradition bei diesem Wagen keine Mühe gescheut haben und nur beste Handwerker das stolze Stück wiederherrichten haben lassen.

Aber: Sie haben sicher die Blinker an der Vorderkante der Kotflügel gesehen – nicht original. Dasselbe gilt natürlich für die Gummimischung der Reifen, die Ausführung der Birnen in den Scheinwerfern, die Struktur und Gerbung des Leders, die Zusammensetzung des Lacks usw.

Damit wir uns nicht falsch verstehen – all‘ das lässt sich kaum umgehen und das Ergebnis kommt dem einstigen Original sicher sehr nahe. Wer aber schon einmal die an Emaille erinnernde Glätte und Tiefe eines gut erhaltenen Nitrolacks studiert hat, weiß um die Grenzen, die einer modernen Restauration auferlegt sind.

Auf den ersten Blick vollkommen original dürfte dagegen der Horch 10/50 PS auf folgender Aufnahme sein:

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Horch Typ 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier schimmert der Lack tiefschwarz (vermutlich), als sei der Wagen gerade erst ausgeliefert worden. Zwar erzählen die abgefahrenen Reifen eine andere Geschichte – ihr Profil ist dennoch originaler als das auf dem restaurierten Horch, oder?

Blinker sind nirgends zu sehen, auch keine Winker (die wurden erst später Vorschrift). Könnte dieser Horch 10/50 PS, dessen Konterfei im August 1926 auf einer Postkarte von Reutlingen nach Aalen reiste, die maximale Annäherung an das Original sein?

Sicher, das ist ein Horch sehr nahe am Auslieferungszustand – aber wie sahen andere Exemplare desselben Typs in den späten 1920er Jahren aus? Beispielsweise so:

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Horch Typ 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser prachtvollen Aufnahme, die laut Leser Ansgar Czilwik vor dem Trusetaler Wasserfall im Thüringer Wald entstand, wird noch deutlicher, wie wenig charakteristisch der Horch 10/50 PS in der Tourenwagenausführung aussah.

Hier hatte die Ideologie der radikalen Sachlichkeit ganze Arbeit geleistet – doch fand diese Phase ihr baldiges Ende, sonst wären die grandiosen Karosserieschöpfungen der 1930er Jahre nicht möglich gewesen.

Dieser Wagen wäre kaum zu identifizieren gewesen, wäre da nicht ein kleines Detail, das überhaupt nicht original scheint. Dazu werfen wir einen Blick auf die Kühlerfigur des Wagens auf folgendem Bildausschnitt:

Horch_10-50_PS_Rs_Daniela Schmidt_Eisenach_evtl_1929_Galerie

Dort ist mit etwas gutem Willen ein geflügelter Pfeil auf einer vertikalen Stütze zu erkennen.

Das ist der in Fachkreisen so bezeichnete „Hadank-Pfeil“ – benannt nach Prof. Oskar Hadank, der ab 1927 für die Gestaltung der Horch-Modelle verantwortlich war.

Tatsächlich war die Produktion des Horch 10/50 PS bereits 1926 ausgelaufen. Offenbar hatte der Besitzer dieses Wagens die markante Kühlerfigur nachträglich montiert. Nur sie ist es, die dem Horch in dieser Ansicht Charakter verleiht.

Was ist dazu unter Originalitätsaspekten zu sagen? Nun, für die Verfechter des Neuzustands geht diese Figur am Horch 10/50 PS natürlich gar nicht – also weg damit!

Darf aber ein nachgerüstetes Zubehör an einem zum Aufnahmezeitpunkt gerade einmal zwei oder drei Jahre alten Vorkriegsauto nicht auch als „original“ gelten?

Ich tendiere dazu, zeitgenössisches Zubehör oder zeitgenössische Modifikationen ebenfalls als original anzusehen, bevorzuge aber die Bezeichnung „authentisch“, um fruchtlose Diskussionen mit Anhängern des – aus meiner Sicht unerreichbaren – „Neuzustands“ zu vermeiden.

So gesehen liefern historische Fotos wie das des Horch 10/50 PS mit nachträglich montiertem „Hadank-Pfeil“ auf dem Kühler wertvolle Informationen, was den Umgang mit Restaurierungsobjekten angeht.

Dokumentierte zeitgenössische Modifikationen sollten meines Erachtens bei der Konservierung oder auch beim ggf. erforderlichen Neuaufbau beibehalten werden, sie verleihen dem Fahrzeug authentischen Charakter, der sie von anderen abgrenzt.

Schwieriger ist die Entscheidung, wenn es um die Frage geht, ob man starke Spuren des Gebrauchs oder gar deutliche Beschädigungen erhalten oder beheben soll. Diese müssen übrigens keineswegs erst Folge der Kriegs- und Nachkriegszeit sein.

Hier haben wir ein Beispiel für so einen Fall – wiederum einen Horch 10/50 PS, diesmal jedoch als mächtige 6-Fenster-Limousine:

Horch_10-50_PS_Pk_Vaters_Geb_03-1933_Galerie

Horch 10/50 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zunächst ist das trotz der Knickspuren im Abzug eine ganz wunderbare Aufnahme, wie sie heute unwiederholbar wäre.

Hier hat sich eine aus jungen Burschen bestehende Blasmusikkappelle vor einem schon ziemlich angejahrten Horch 10/50 PS versammelt – Anlass war laut umseitiger Beschriftung „Vaters Geburtstag, März 1933“.

Die Aufschrift auf dem Backsteingebäude lässt sich zu „BADEANSTALT“ ergänzen – ein kurioser Ort für eine Geburtstagsfeier. Doch uns interessiert der Wagen mehr:

Horch_10-50_PS_Pk_Vaters_Geb_03-1933_Frontpartie

Beeindruckend, welche Präsenz der Horch in der geschlossenen Version entfaltet, dabei handelt es sich eindeutig ebenfalls „nur“ um den Vierzylindertyp 10/50 PS.

Der erste 8-Zylinder-Horch (Typ 303 ab 1927) wies bei ähnlicher Kühlerpartie anders gestaltete Luftschlitze in der Motorhaube auf.

Ins Auge fällt hier neben dem reichlichen Straßenschmutz an der Frontpartie die Decke, die über der Verbindungsstange zwischen den Scheinwerfern hängt. Es muss damals ein recht kalter Märztag gewesen sein und vermutlich sollte die Decke vor dem Kühler dafür sorgen, dass der Motor schneller seine Betriebstemperatur erreichte.

Der versonnen in die Ferne schauende Herr hinter dem Horch dürfte der Fahrer dieses noch rechtsgelenkten Wagens gewesen sein. Erst im letzten Quartal 1926 stellte Horch beim Typ 10/50 PS kurz vor Produktionsende auf Linkslenkung um.

Könnte am Ende der Fahrer das Geburtstagskind gewesen sein? So ergäbe die Aufnahme in Verbindung mit der Beschriftung des Abzugs einen Sinn.

Es ist aber ein anderes Detail, dem wir zum Abschluss unsere Aufmerksamkeit widmen sollten: Der in Fahrtrichtung linke Vorderkotflügel hat infolge von „Feinberührung“ einen Riss und ist an der entsprechenden Stelle verbogen.

Dies ist nicht das einzige Foto aus meiner Sammlung, auf dem ein hochkarätiges Auto in solch einem Gebrauchtzustand zu sehen ist. Offenbar störte sich einst niemand daran, man fuhr den Wagen einfach weiter.

Würde man heute einen solchen Horch genau in dem Zustand vorfinden wie auf dem Foto und wäre er in allen Teilen vollständig, was würde man damit machen?

Ich würde ihn nur technisch überholen, behutsam reinigen und Korrosionsansätze stoppen. Alles übrige würde ich so lassen, einschließlich des Risses im Schutzblech – sofern dieser sich nicht durch Vibrationen beim Fahren erweitert.

Denn genau so hätte der Horch in unserem Gedankenexperiment die längste Zeit seines Lebens existiert, also über 85 Jahre. Das ist aus meiner Sicht ein Beispiel für einen authentischen Zustand, der erhalten zu werden verdient.

Jetzt fehlt „nur“ noch das Glück, einen solchen Horch zu finden…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

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