1909: Ein Lion-Peugeot VC2 im Crashtest beim Barras

Der Titel meines heutigen Blog-Eintrags ist ebensowenig ernst gemeint wie das Foto, das ich darin vorstelle. Wer übrigens mit „Barras“ nichts anzufangen weiß, dem sei gesagt, dass es sich um einen Begriff aus der Soldatensprache handelt.

Dessen Herkunft ist zwar ungeklärt, doch sprach man seit dem späten 19. Jh. im Deutschen Reich vom „Barras“, wenn man das Militär meinte, in dem alle wehrdiensttauglichen Männer zwei bis drei Jahre zu dienen hatten – eine heute unvorstellbare Inanspruchnahme.

Dort hatten die meisten jungen Männer – die ab 17 Jahren eingezogen werden konnten – erstmals Kontakt mit der noch jungen Automobiltechnik. Entsprechend oft finden sich gestellte Aufnahmen, die Soldaten mit den ihnen anvertrauten Wagen zeigen und mit denen man die Angehörigen oder die Verlobte beeindrucken konnte.

Ein sehr frühes Beispiel für eine solche Aufnahme zeigt das folgende Foto aus meiner Sammlung, das handschriftlich auf 1909 datiert ist:

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Lion-Peugeot Typ VC2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses aufwendig inszenierte Foto wurde als Postkarte in Deutschland versandt (nach Zeitz in Sachsen-Anhalt). Dies lässt zunächst vermuten, dass auch der abgebildete Wagen aus heimischer Produktion stammt, zumal er deutsche Soldaten zeigt.

Doch vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser an einen nahezu identischen Wagen, den ich vor einigen Monaten erstmals vorgestellt habe – einen Lion-Peugeot Typ VC2 von 1909/10.

Lion-Peugeot war eine von der Firma Automobiles Peugeot formell unabhängige Marke, die zwischen 1906 und 1916 in Beaulieu eigenständige Kleinwagen fertigte, die unterhalb der in Audincourt und Lille gebauten größeren Peugeots angesiedelt waren.

Hier zum Vergleich der Lion-Peugeot, den ich seinerzeit (hier) vorgestellt habe:

Lion-Peugeot_VC2_frz_Ak_1909_Galerie

Lion-Peugeot Typ VC2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von der (demontierbaren) Frontscheibe abgesehen stimmen die beiden Fahrzeuge praktisch in allen Details überein.

Den entscheidenden Hinweis auf den Hersteller gibt in beiden Fällen der oben abgerundete Kasten vor dem Hinterrad, hinter dem sich die vordere Aufnahme der Blattfeder befindet. Das dort angebrachte gelochte Blech ist typisch für Lion-Peugeot.

So erwachsen das Fahrzeug auf den ersten Blick wirkt, so bescheiden waren die Leistungsdaten. Unter der Motorhaube verbarg sich ein 9 PS-Einzylinder mit 1 Liter Hubraum, der je nach Hinterradübersetzung eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 45 km/h ermöglichte.

Knapp 1.200 Exemplare wurden von diesem Typ VC2 in den Jahren 1909/10 gebaut – für damalige Verhältnisse war das eine ganze Menge. Nun mag man sich fragen, wie ein solcher Lion-Peugeot, für den in Frankreich ein großer Markt vorhanden war, beim deutschen Militär landete.

Gehen wir davon aus, dass die handschriftliche Datierung auf das Jahr 1909 zutrifft – garantiert ist das nicht, wie die Erfahrung zeigt – dann handelt es sich nicht um ein Beutefahrzeug aus der Zeit des 1. Weltkriegs, zumal es dann veraltet gewesen wäre.

Meine Erklärung ist die, dass das Foto im Elsass entstand, das nach dem 1870 von Frankreich angezettelten (und verlorenen) Krieg wieder einmal zu Deutschland gehörte – historisch wechselte das Elsass bekanntlich öfters den „Besitzer“, zum Leidwesen seiner Bevölkerung, die eigentlich einen Autonomiestatus verdient hätte.

Vielleicht kann ein Leser Näheres zu der Infanterieeinheit sagen, die sich anlässlich dieser Aufnahme einen makabren Spaß mit dem Lion-Peugeot VC2 erlaubt hat.

Ich meine, auf den Schulterklappen einiger der Männer eine „108“ zu erkennen – vermutlich die Regiments-Nummer. Dann hätten wir es mit einer Einheit der Königlich-Sächsischen Armee zu tun – und meine schöne Elsass-These wäre hinfällig.

Wie immer bin ich dankbar für sachkundige Hinweise, die dann auch in den Blog-Eintrag einfließen. Jedenfalls interessiert mich brennend, wo und wie dieser Lion-Peugeot einst zum simulierten „Crashtest“ eingesetzt wurde…

Nachtrag:

Leser und Wk1-Kenner Klaas Dierks bestätigte mir, dass die Schulterklappen der Soldaten auf das Schützen-Regiment 108 aus Sachsen verweisen. Bei den Männern handelt es sich um Unteroffiziere, die zum dunklen Waffenrock wahrscheinlich weiße Drillichhosen tragen, wie sie zu Arbeiten in der Kaserne angeordnet werden konnten. Somit hatte es den Lion-Peugeot tatsächlich nach Sachsen verschlagen…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

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