Zu schön, um wahr zu sein: Horch 350 von Reutter

Der Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags ist auf den ersten Blick ein vertrauter Anblick – rund ein halbes Dutzend Exemplare des Horch 350 habe ich mittlerweile anhand originaler Fotos aus der Vorkriegszeit vorgestellt:

 

Bei diesem mächtigen Automobil handelte es sich um eine weiterentwickelte Variante des 1927 vorgestellten Achtzylinderwagens der sächsischen Premiummarke.

Musste sich der erste Horch 8 (Typ 303) noch mit 60 PS aus 3,1 Liter Hubraum begnügen, wurde im selben Jahr bereits der Typ 305 mit 65 PS und 3,4 Litern Hubraum vorgestellt. Er war zugleich der erste Horch mit einem der Klasse des Wagens angemessenen luxuriösen Erscheinungsbild.

Offenbar erwies sich auch der Typ 305 angesichts eines Gewichts von annähernd 2 Tonnen rasch als untermotorisiert, sodass Horch schon 1928 nachlegte.

Für den neuen Typ 350 war der Achtzylinder auf 4 Liter Hubraum vergrößert worden, was eine Leistungssteigerung auf standesgemäße 80 PS mit sich brachte. Die aufwendige Motorenkonstruktion mit zwei obenliegenden Nockenwellen und Königswellenantrieb blieb erhalten.

Fahrwerksseitig waren hydraulische Stoßdämpfer Standard und erstmals bei Horch wurde splitterfreies Glas verbaut. Wie schon der Typ 305 trug der Horch 350 einen geflügelten Pfeil als Kühlerfigur.

Gleichzeitig war der Horch 350 mit einer enormen Karosserievielfalt verfügbar. Heute kann ich eine hier bisher noch nicht gezeigte Version präsentieren:

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Horch 8 Typ 350, Karosserie Reutter; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn keine Person mit abgebildet ist, vermittelt diese hervorragende Aufnahme eine Ahnung von den Abmessungen dieses Luxuswagens: Genau 5 Meter lang war diese Kreation und 1,90 Meter hoch.

Diese Aufnahme lässt einen verstehen, dass man in ein solches Automobil auch mit Hut und Abendgarderobe mühelos einsteigen konnte.

Eventuell würde auch der „grüne“ Ministerpräsident Baden-Württembergs – der frühere (?) Mao-Verehrer Kretschmann – diesen Horch für standesgemäß halten, der seine vom Steuerzahler finanzierte Mercedes-S-Klasse für zu klein befand (Quelle).

Soviel zum Zynismus der Herrschenden in unseren Tagen. Ein Grund mehr, sich mit dem Studium einstiger Größe zumindest in automobiler Hinsicht abzulenken. Dazu bietet der mächtige Horch 350 vom Ende der 1920er Jahre reichlich Gelegenheit:

Horch_350_wie im_Horch-Buch_S_241_Retusche_Schuler_Stuttgart_Ausschnitt1

Schlicht raffiniert, wie hier die schiere Höhe der Türen durch ein breites, dunkel abgesetztes Band unterhalb der Fenster optisch reduziert wurde.

Sehr schön auch, wie dieses Band am vorderen Ende in Richtung Motorhaube spitz ausläuft und dem Aufbau eine Dynamik gibt, die ihm sonst vielleicht fehlen würde.

Beinahe malerisch, wie die Spitze besagten Zierbandes vorn leicht nach unten zu weisen scheint, als habe hier eine menschliche Hand den Pinsel geführt.

In der Tat ist das zu schön, um wahr zu sein, wie ein Blick in die einschlägige Horch-Literatur zeigt.

So findet sich in Peter Kirchbergs und Jürgen Pönischs Standardwerk „Horch – Typen, Technik, Modelle“ (Verlag Delius Klasing, 2. Auflage, 2011) auf Seite 241 eine Abbildung genau dieser Horch 350 mit Aufbau von „Reutter“ aus Stuttgart.

Nur weicht die dort wiedergegebene Werksaufnahme in entscheidenden Details von  dem Fotos aus meiner Sammlung ab.

Am markantesten ist, dass für „meinen“ Abzug die gesamte Leiste wegretuschiert wurde, die von erwähntem Zierband entlang der Motorhaube nach vorne lief.

Wer auf folgendem Ausschnitt genau hinschaut, kann in dieser Partie Spuren von Retuschen erkennen, die dem Verlauf der ursprünglich vorhandenen Leiste oberhalb des Blechs mit den senkrechten Luftschlitzen folgen:

Horch_350_wie im_Horch-Buch_S_241_Retusche_Schuler_Stuttgart_Ausschnitt2Hier erkennt man auch, dass das vordere Ende des dunkel abgesetzten Zierbandes aufgemalt wurde.

Auf dem Foto in der Literatur läuft das Band steiler aus und ist über eine leicht nach vorn abfallende Leiste mit der horizontalen Zierleiste entlang der Haube verbunden.

Für den Leser, der nicht wie ich gerade neben sich das erwähnte Horch-Buch aufgeschlagen liegen hat, mag dies alles arg abstrakt klingen.

Doch eine Möglichkeit gibt es nachzuweisen, dass meine Aufnahme des Horch 350 mit Manufakturaufbau von Reutter letztlich Ergebnis einer gezielten Retusche ist.

Dazu begeben wir uns in die Werkstatt des Vorkriegsauto-Bloggers und werfen einen Blick auf das Ausgangsmaterial. Dieses präsentiert sich von der Vorderseite so:

Horch_350_Reutter_1928_Vorderseite

Horch 8 Typ 350, Karosserie Reutter (1928); Originaldokument (Vorderseite) aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist ein auf Pappe in den Maßen 30 x 21,5 cm aufgezogenes Foto, das mit zeitgenössischem halb durchsichtigem Albumpapier geschützt ist.

Der Ausschnitt ist deutlich größer als bei dem im erwähnten Buch abgebildeten Foto – für den Fall, dass jemand meint, ich habe lediglich die dortige Aufnahme verwendet.

Interessant wird es auf der Rückseite, denn hier erfahren wir, dass dieser Abzug Ergebnis einer Retusche ist, die bei der Graphischen Kunstanstalt August Schuler aus Stuttgart in Auftrag gegeben wurde:

Horch_350_Reutter_1928_Rückseite

Horch 8 Typ 350 Karosserie Reutter, Baujahr: 1928; Originaldokument (Rückseite) aus Sammlung Michael Schlenger

Damit erweist sich „mein“ Abzug des mutmaßlichen Reutter-Werksfotos des Horch 350 als hochinteressantes Dokument damaliger Vermarktungsformen.

Offenbar wollte man die Ausführung der Reutter-Karosserie in einer schlichteren – von Zierrat befreiten – Variante bewerben, die aus meiner Sicht die überzeugendere ist.

Denn auf dem Foto im genannten Horch-Buch verläuft die wegretuschierte Zierleiste entlang der Haube genau waagerecht. Dadurch wird das Auge vom tatsächlich nach vorne abfallenden Verlauf der gesamten Haubepartie abgelenkt.

Mir gefällt die retuschierte Variante deutlich besser, da sie eine Parallele zum oberen Abschluss des Blechs mit den vertikalen Luftschlitzen vermeidet:

Horch_350_wie im_Horch-Buch_S_241_Retusche_Schuler_Stuttgart_Ausschnitt2

Zugegebenermaßen war das schwere Kost, wenn man nicht gerade über die Literatur verfügt, die sich über die Jahre in meiner automobilen Studierstube angesammelt hat.

Doch mag das Beispiel eine Vorstellung davon vermitteln, worauf es bei der Analyse solcher Originaldokumente ankommt, die die Grundlage meines Blogs darstellen – sei es aus meinem eigenen Fundus oder dem anderer Sammler.

Für die Detailfetischisten (und Besitzer des Horch-Buchs) noch eine Ausschnittsvergrößerung der Partie um die Türgriffe des Horch 8 Typ 350 mit Reutter-Aufbau:

Horch_350_wie im_Horch-Buch_S_241_Retusche_Schuler_Stuttgart_Ausschnitt3

Beim Vergleich mit der Abbildung dieses Wagens in der Literatur registriert man, dass die dort vorhandenen (hellen) Fehlstellen bzw. Kratzer für meinen Abzug in der Farbe der Umgebung nachgearbeitet wurden.

Für mich ist dieser Befund an sich nicht überraschend. Auch die Fotos, die ich hier zeige, werden von mir in den meisten Fällen ebenfalls mehr oder minder umfangreich „bearbeitet“. Dies gilt allerdings nur in Bezug auf Verschmutzungen oder Fehlstellen.

Im vorliegenden Fall haben wir die Situation, dass jemand eine Karosserieversion geschaffen hat, die es in Wirklichkeit nicht gab. Oder vielleicht doch?

Kann es sein, dass meine retuschierte Aufnahme von Reutter selbst in Auftrag gegeben wurde, um einem Kunden eine alternative Karosserievariante schmackhaft zu machen?

Hinweise in dieser Richtung nehme ich gern auf (bitte dazu die Kommentarfunktion nutzen).

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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