Die Schöne und das Biest: Delahaye Type 122

Das Auto, das ich heute präsentiere, kennt hierzulande vermutlich kein Mensch – dennoch war der Hersteller so rasch identifiziert wie selten. Etwas länger dauerte es dann, bis der genaue Typ klar war.

Zeit nahm außerdem die Suche nach einer geeigneten Überschrift in Anspruch. Ich hätte es mir einfach machen und schlicht schreiben können: Ein Delahaye 10CV Type 122 von 1932/33 – denn genau darum handelt es sich bei dem Wagen.

Die späten Exemplare dieser legendären französischen Marke, sind tatsächlich dermaßen spektakulär, dass ihre Opulenz jede Beschreibung überflüssig macht:

Delahaye Cabriolet im Park von Schloss Chantilly, 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieser Delahaye der Enddreißiger war 2015 beim Concours d’Elegance auf Schloss Chantilly nördlich von Paris zu bewundern. Er hat außer dem Markennamen nichts mit dem Fahrzeug zu tun, das heute im Mittelpunkt steht.

So wirkt der Delahaye, den ich im Folgenden präsentiere, erschreckend nüchtern. Dennoch lässt die Aufnahme es nicht an Eleganz mangeln, bloß dass diese nicht von dem Wagen herrührt.

Dieser reizvolle Kontrast und die Enttäuschung der Erwartungen, die beim Markennamen Delahaye unweigerlich aufkommen, lieferten letztlich den Schlüssel zum Titel: „Die Schöne und das Biest“.

Nach dieser Vorrede ist es höchste Zeit für den eigentlichen Star des heutigen Blog-Eintrags:

Delahaye 10 CV Type 122 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Beim Erwerb des Originalabzugs (wie fast immer bei eBay Deutschland) hatte ich keinen blassen Schimmer, was für ein Auto darauf zu sehen ist. Nur dass es ein französisches Fabrikat um 1930 sein muss, war mir klar.

Schmale hohe und oben abgerundete Kühler wie hier finden sich bei einer Reihe französischer Wagen jener Zeit, darunter Citroen und Chenard-Walcker. Doch der leichte Abwärtsknick der oberen Kühlereinfassung sprach für einen anderen Hersteller.

Ich wäre nicht so bald darauf gekommen, fände sich nicht der Herstellername an prominenter Stelle:

Der an der Windschutzscheibe angebrachte Aufkleber mit dem Markennamen lässt vermuten, dass der Wagen brandneu war – auf die Dauer hätte man ihn wohl als störend empfunden, auch wenn er sich auf der Beifahrerseite befindet.

Stilistisch hätte ich den Wagen noch am Ende der 1920er Jahre angesiedelt, doch tatsächlich erwies er sich als deutlich jünger. Fündig wurde ich nach längerem Durchforsten der Delahaye-Typen beim Modell 10 CV Type 122 von 1932/33.

Dabei handelte es sich um einen technisch unauffälligen Wagen der oberen Mittelklasse mit 1,8 Liter-Vierzylindermotor, der 38 PS leistete – genug für Spitze 90 km/h.

Nur 800 Stück entstanden von dem Modell, das meist als Limousine verkauft wurde, deren Karosserie von SICAL zugeliefert wurde – einem Karosseriebauer, der vorwiegend für Citroen tätig war, aber auch Aufträge anderer Autofirmen annahm.

Kenner des Citroen C6 werden eine beträchtliche Ähnlichkeit mit dem Aufbau dieses Delahaye feststellen. Lediglich die in vier Gruppen angeordneten schrägstehenden Luftschlitze scheinen spezifisch für den Delahaye Typ 122 gewesen zu sein.

Besonders attraktiv wirkt der Wagen damit nicht, jedenfalls nicht auf dieser Aufnahme. Welchen Part er hier im Hinblick auf „Die Schöne und das Biest“ spielt, scheint eine ausgemachte Sache zu sein, nimmt man die junge Dame neben ihm in Augenschein:

Hach, was soll man zu soviel lässiger Eleganz sagen? Die Schöne hat sich in eine perfekt anmutende Pose begeben wie eine Diva, die das täglich macht.

Man beachte die gespreizte Linke, die Hals und Haaransatz berührt – eine raffinierte Geste, die in Vergessenheit geraten ist. Der rechte Arm ist hinter dem Rücken verborgen und gibt den Blick auf die Taille frei. Der lange Rock enthüllt in dieser Haltung mehr als er verbirgt – hier wusste jemand genau, wie man sich vorteilhaft in Szene setzt.

Der in sich ruhende Blick strahlt ein tiefes Selbstbewusstsein aus – das Bewusstsein der gewaltigen Macht, die weibliche Schönheit besitzt und die Männern verwehrt ist. An dieser Magie kann auch die kulturmarxistische Gender-Ideologie nichts ändern.

Offen bleiben muss jedoch die Frage, ob wir „Die Schöne und das Biest“ hier am Ende in Personalunion vereint sehen und der brave Delahaye nur eine Statistenrolle innehat…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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