Bewährtes neu verpackt: Phänomen-Spitzkühlertypen

Es ist ein Phänomen! Wagen der gleichnamigen Marke aus Zittau in Sachsen wollten mir lange Zeit keine ins Netz gehen – auf alten Fotos, versteht sich.

Doch dieses Jahr sind mir etliche Funde gelungen – nicht zuletzt dank der Unterstützung von Sammlerfreunden aus aller Welt – mit denen sich eine bereits achtbare „Phänomen“-Galerie aufbauen ließ.

Von den zahlreichen dort abgebildeten Typen habe ich längst nicht alle besprochen, doch auch hier sind allmählich Fortschritte zu verzeichnen.

Heute stelle ich erstmals die Spitzkühlermodelle vor, mit denen Phänomen Ende des 1. Weltkriegs auf den Markt zurückkehrte, nachdem man zuvor hauptsächlich für das Heer produziert hatte. So fand ich diese Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1918:

Phänomen-Reklame von 1918; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Neben dem unverwüstlichen „Phänomobil“-Dreirad, das ich gelegentlich besprechen will, begegnet man auf der rechten Seite nun auch einem Phänomen-Wagen mit modischem Spitzkühler.

Alle früheren Modelle, die ich bislang vorstellen konnte, besaßen einen traditionellen Flachkühler – so etwa der Typ 16/45 PS, den ich zuletzt hier zeigen konnte.

In der Literatur („Pioniere des Automobils an der Neiße“, Zittauer Geschichtsblätter Nr. 48) fand ich auf Seite 125 eine Annonce, die „um 1917“ entstanden sein soll und ebenfalls einen Phänomen mit Spitzkühler zeigt, das scheint bis jetzt der früheste Hinweis zu sein.

Interessanterweise kann selbst das genannte hervorragende Werk mit keinen entsprechenden Fotos aufwarten – aber auch hier schließt mein Blog manche Lücke. So schickte mir Jason Palmer aus Australien schon vor längerem diese Aufnahme zu:

Phänomen 10/30 PS um 1920; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer (Australien)

Nur die rautenförmige Markenplakette auf dem Kühler verrät, dass wir hier einen „Phänomen“ vor uns haben – ansonsten hätte das alles Mögliche sein können.

Wie ordnet man nun einen solchen Wagen ein, wenn man keine Vergleichsfotos hat? Nun, zunächst schaut man, welche Typen überhaupt kurz nach dem 1. Weltkrieg in Frage kamen.

Die Literatur zu Phänomen stimmt darin überein, dass die beiden Vorkriegsmodelle 10/30 bzw. 16/45 PS noch einige Jahre technisch kaum verändert weitergefertigt wurden.

Der Hubraumunterschied – 2,6 Liter gegenüber 4,0 Liter – und der daraus resultierende Leistungsunterschied sind so groß, dass man davon ausgehen kann, dass er sich auch in den Größenverhältnissen wiederspiegelte.

Klein ist schon der Phänomen mit Spitzkühler auf dem Foto von Jason Palmer nicht, wobei die drei Sitzreihen schon bei mittelgroßen Modellen die Norm waren. Doch ganz ohne Vergleichsmaßstab steht man mit leeren Händen da.

Doch mit etwas Glück kommt man der Sache näher, so auch im vorliegenden Fall. Denn Leser Klaas Dierks konnte aus seiner Sammlung etwas beisteuern, was aus meiner Sicht eine Einordnung ermöglicht, nämlich diese hervorragende Aufnahme:

Phänomen 16/45 PS um 1920; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses Foto ist von so hoher Qualität, das sich hier auch eine Ausschnittsvergrößerung bezahlt macht, um einmal die Details der Frontpartie eines solchen Phänomen-Spitzkühlerwagens zu studieren.

Dabei erkennt man nicht nur das Markenemblem recht gut, sondern kann auch im Detail Abweichungen der Kühlerform gegenüber auf den ersten Blick sehr ähnlichen Ausführungen studieren, wie sie an Benz- und Simson-Wagen jener Zeit verbaut wurden:

Während die Zahl der Radspeichen identisch ist – es sind zwölf an der Zahl, fällt ein Hauptunterschied zu dem Phänomen auf dem ersten Foto sofort ins Auge: Dieses Exemplar besitzt sieben Haubenschlitze statt lediglich vier.

Während deren unterschiedliche Gestaltung für sich nichts besagt – sie kann vom Karosserielieferanten oder schlicht vom Baujahr abhängen, ist eine wesentlich höhere Zahl an Luftschlitzen in der Motorhaube oft ein Indiz für eine stärkere Motorisierung.

Das wäre aber auch der einzige Hinweis darauf, dass die beiden Fotos wahrscheinlich zwei unterschiedlich Typen zeigen – zunächst den 10/30 PS und dann den 16/45 PS.

Denn auch wenn der zweite Wagen auf den ersten Blick größer wirkt, ergibt ein Vergleich der Proportionen – nämlich Radstand zu Gesamtlänge und Haubenlänge zu Gesamtlänge – trotz unterschiedlicher Perspektive fast dieselben Verhältnisse.

Auch die spärlichen technischen Angaben in der Literatur deuten darauf hin, dass beide Modelle identische Abmessungen hatte. Nur dass beide auch dasselbe Gewicht besaßen, das kann man getrost ausschließen.

Möglich, dass Phänomen sich nach dem 1. Weltkrieg auf den Bau nur eines Chassis beschränkte, das für beide Motorisierungen ausreichend dimensioniert war. Dies würde zum Vereinheitlichungstrend passen, den damals einige deutsche Hersteller verfolgten.

Natürlich sind alle diese Überlegungen so lange nur vorläufiger Natur, wie keine weiteren Aufnahmen oder Prospektabbildungen auftauchen, auf denen eindeutig bestimmte Typen zu sehen sind.

Auch diese hübsche Reklame, die auf 1921 datiert ist, zeigt einen Phänomen mit etlichen Luftschlitzen, aber die Zahl kann künstlerischer Freiheit geschuldet sein und eine Typenangabe fehlt leider:

Phänomen-Tourenwagen; Originalreklame aus „Eichsfeldia Mitteldeutsche Volkszeitung“, 1921

Aber die beiden Puzzlesstücke des heutigen Blog-Eintrags tragen auf jeden Fall dazu bei, dass sich hier allmählich ein klareres Bild abzeichnet. In dem Zusammenhang bin ich für weitere Dokumente sowie Ergänzungen oder auch Korrekturen dankbar.

Der nächste „Phänomen“ wartet übrigens schon auf seinen Einsatz – aber den muss ich erst einmal für die Typengalerie herausputzen, da das Foto schlecht erhalten ist. Sicher ist nur, dass es sich um ein Taxi handelt, das einst vor der Oper in Frankfurt/Main auf Kunden wartete…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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