Hoffnungsloser Fall? Von wegen… Mathis Typ M

Ein Mathis Typ M – was ist das denn? Diese Frage werden sich wohl viele meiner Leser stellen. Ich bin ihm ja selbst auch erst gerade begegnet.

Dabei wartet das Auto, oder besser: sein fotografisch festgehaltenes Ebenbild, nun schon fast 100 Jahre darauf, wiederentdeckt zu werden.

Das gilt auch für die Marke als solche, die im elsässischen Straßburg beheimatet war und trotz der neuen Grenzziehung nach dem 1. Weltkrieg in deutschen Landen präsent blieb. Bloß heute finden sich Mathis-Wagen bei uns praktisch gar nicht mehr.

Ein hoffnungsloser Fall? Nicht, solange es Dokumente gibt, die an die Präsenz von Mathis erinnern. Nicht, solange Leser Interesse daran finden, etwas über Nischenhersteller wie diesen zu erfahren. Solange lohnt es sich, etwas gegen das Vergessen zu tun.

Beginnen möchte ich heute mit einem Foto, das viele wohl als hoffnungslosen Fall ansehen würden. Zugleich soll es illustrieren, dass man nicht bei der ersten Gelegenheit die Flinte ins Korn werfen sollte:

Mathis Typ M 7CV Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Viel zu sehen ist hier auf Anhieb nicht, außer einer jungen Frau am Steuer eines Tourenwagens der frühen 1920er Jahre – das Ganze auch noch leicht verwackelt.

Doch dieses Foto ist kein missglückter Schnappschuss – hier hat sich jemand etwas dabei gedacht. Das ist eine Inszenierung, bei das Auto ein Nebenrolle spielt. Wichtig ist nur die Person, die das Lenkrad fest in Händen hält und scheinbar kurz zur Seite schaut, während sie dem Wagen die Sporen gibt.

Als hätte jemand ein vorbeisausendes Automobil gerade noch mit der Kamera eingefangen, so wirkt das Ganze: Eine Frau allein am Steuer eines offenen Wagens, die den Passanten mit einem kurzen Seitenblick würdigt, bevor sie am Horizont verschwindet.

Mir gefällt diese Aufnahme bei allen Mängeln der Ausführung und Erhaltung sehr. Schon deshalb hätte ich das Foto aufgehoben. Ob es für sich genommen auch die Chance beinhaltet hätte, den Wagen zu identifizieren?

Schwer zu sagen. Die Scheibenräder mit vier Radbolzen und die ungewöhnlich niedrigen Haubenschlitze finden sich in der Kombination bei keinem deutschen Fabrikat, sodass hier einiges anderes in Frage käme.

Doch glücklicherweise hat sich ein zweites Foto desselben Wagens erhalten, das am selben Tag und am selben Ort entstanden ist. Es liefert den Schlüssel zur Identifikation der Marke, könnte aber vom Charakter her kaum einen größeren Kontrast darstellen:

Mathis Typ M 7CV Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was soll man sagen? Es hilft wenig, wenn man nun alles von dem Tourenwagen sieht, was zu dessen Identifikation nötig ist, wenn davor zwei Menschen so unglücklich posieren.

Der junge Mann im tadellosen Zweireiher schaut verloren in die Ferne und verschränkt die Hände vor sich – immerhin versenkt er sie nicht in den Hosentaschen, wie das der derzeitige Außenministerdarsteller unserer Republik gerne tut.

Für sich genommen wäre das alles hinnehmbar, wäre da nicht der sauertöpfische bis bösartige Blick der Dame daneben. Vielleicht ist ihr bewusst, dass das unvorteilhaft geschnittene Kleid und der zu klein geratene Hut sie wenig fotogen erscheinen lassen.

Wahrscheinlicher ist hingegen eine Abneigung gegen die Person hinter der Kamera. Dass wir hier die Schwiegermutter der adretten jungen Dame vor uns haben, die wir zuvor am Steuer gesehen haben, wäre eine naheliegende Erklärung.

Wenden wir uns nun dem erbaulicheren Thema zu – dem hier abgebildeten Autotyp:

Kenner französischer Vorkriegsautos werden hier auf Anhieb die Marke Mathis ins Spiel bringen – ich selbst besitze auf diesem Sektor bloß Oberflächenwissen und wäre nicht ohne weiteres darauf gekommen.

Allerdings erinnerte ich mich an ein Foto, das ich vor längerer Zeit hier besprochen habe. Dieses verdanke ich Leser und Sammlerkollege Klaas Dierks, dem immer wieder Funde gelingen, die ohne Weiteres publikationstauglich wären.

Im vorliegenden Fall hatte er einen Mathis des Typs GM 10 CV an Land gezogen, der einst in Schlesien zugelassen war (Porträt hier). Heute erweist uns das Foto über seinen ästhetischen Reiz hinaus nochmals wertvolle Dienste:

Mathis Typ GM 10 CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die leicht abfallende Haube, die gesamte Kühlerpartie, die vorderen Kotflügel und die Scheibenräder entsprechen fast genau den Verhältnissen bei dem Wagen, mit dem wir uns heute befassen.

Doch wer noch einmal einen Blick auf das Ausgangsfoto wirft, stellt dort Abweichungen bei der Gestaltung der Türen fest. Zwar haben wir es in beiden Fällen mit einem Mathis der 1920er Jahre zu tun, aber der obige Typ GM 10CV ist etwas jünger und war auch stärker motorisiert.

Hier ein Werksfoto dieses Modells, wie es auf der Website zu Mathis-Automobilen von Francis Roll zu finden ist:

Mathis Typ M 7CV Tourenwagen; Prospektabbildung von 1925 (Quelle)

Auf derselben Website, die man sich in solcher Ausführlichkeit und Vollständigkeit für etliche deutsche untergegangene Hersteller wünschen würde, ist auch das ein Jahr zuvor eingeführte, etwas schwächere Modell M 7 CV dokumentiert.

Es musste statt mit einem 1,6-Liter-Aggregat, dessen 25 Pferdestärken immerhin 80 km/h Spitze erlaubten, mit einem 1-Liter-Motörchen auskommen, mit dem gerade einmal rund 65 km/h drin waren.

Auch dieses einfachere Modell ist auf der Mathis-Website von Francis Roll mit einem originalen Werksfoto dokumentiert:

Mathis Typ M 7CV Tourenwagen; Prospektabbildung von 1923 (Quelle)

Der Hauptunterschied zwischen den beiden Typen – in optischer Hinsicht – besteht in Zahl und Ausführung der Türen.

Der stärkere Mathis Typ GM besaß vier Türen, die an der Unterseite abgerundet waren und damit einen willkommenen Kontrast zu den sonst vollkommen geraden Linien des Wagens darstellen.

Das Modell M musste nicht nur mit weniger Leistung, sondern auch mit bloß drei Türen auskommen, die obendrein simpler gestaltet waren. Der Fahrer musste also auf der Beifahrerseite aussteigen, wie das zu Zeiten so war, als rechts außen noch Schalt- und Handbremshebel im Weg waren.

Nicht zuletzt unterscheiden sich beide Typen durch die Gestaltung der Luftschlitze in der Haube. Bevor es zu abstrakt wird, kehren wir zur konkreten Anschauung zurück, und zwar anhand einer weiteren Aufnahme, die ebenfalls einen Mathis Typ M 7CV zeigt:

Mathis Typ M 7CV Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir genau so einen Tourenwagen wie auf dem eingangs gezeigten Foto, an dessen Identifikation kein Zweifel bestehen kann.

Das runde Mathis-Emblem auf dem typischen Spitzkühler wird hier nicht durch die Scheinwerfer verdeckt. Die durchgehende Reihe an Haubenschlitzen ist nur auf dem Originalabzug zu erkennen, während die Türgestaltung klar auf den Typ M hindeutet.

Leider ist kein Nummernschild zu erkennen, dennoch spricht eines dafür, dass diese Aufnahme nicht in Frankreich entstanden ist, sondern ebenfalls auf deutschem Boden. „Unser erstes Auto“ steht fein säuberlich von alter Hand auf dem Abzug geschrieben.

Demnach haben wir hier einen weiteren Mathis des Typs M 7CV, der in der ersten Hälfte der 1920er Jahre deutsche Käufer fand.

Mittlerweile haben sich weitere Fotos von Mathis-Wagen jener Zeit eingefunden, die eine eigene Mathis-Galerie rechtfertigen. Auch aus dieser Sicht ist festzustellen: „Ein hoffnungsloser Fall? Von wegen…“.

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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