Hier stimmt doch etwas nicht: Ein 1937er „DeSoto“

„Hier stimmt doch etwas nicht“ – das ist der Wahlspruch aller Skeptiker, die dem schönen Schein und selbst dem geschriebenen Wort nicht trauen.

Mit kritischem Blick und eigenem Urteil liegt man oft genug richtig – nicht nur bei den Biografien deutscher Politiker, unter denen sich immer mehr Berufslose, Studienversager, Promotionsvortäuscher und Kompetenzsimulanten zu tummeln scheinen.

Dass etwas mit dem scheinbaren Format nicht stimmt, trifft auch auf manches historische Vehikel zu, welches sich bei näherer Betrachtung als Mogelpackung erweist.

Auf folgendem Foto deutet auf den ersten Blick alles auf eine Herkunft aus dem Kölner Fordwerk hin – doch hinter der Fassade des fröhlichen Rheinländers verbirgt sich ein schlichter Charakter:

Ford „Taunus“ auf VW Kübelwagen-Chassis; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Hier stimmt doch etwas nicht“ – sagt der kritische Betrachter, der sich von der zeitgemäß wirkenden Oberfläche mit internationalem Touch nicht blenden lässt.

Dieser vermeintliche Ford-Buckeltaunus rollte nämlich einst auf der Ruine eines Wehrmachts-Kübelwagens. Jemand hatte das Chassis, welches sonst niemand mehr wollte, nach 1945 mit einem zeitgemäß wirkenden Aufbau versehen.

In diesem Fall von „Mehr Schein als Sein“ verweist die nachträglich angesetzte Ansaughutze am Hinterteil auf einen Heckmotor und die volkswagentypischen Felgen bestätigen die Resteverwertung aus Heeresbestand.

Anerkennung verdient freilich die Kreativität, mit der diese an sich unmögliche Kombination kurz nach Kriegsende zum Leben erweckt wurde und einen dankbaren Abnehmer fand.

Einige Jahre früher anzusiedeln ist eine andere Aufnahme, die ich erst kürzlich für sehr kleines Geld erwarb, da hiermit wohl die wenigsten Sammler etwas anfangen können:

DeSoto Exportversion von 1937; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ich bin mir sicher, dass auch abgebrühte Vorkriegs-Enthusiasten keine Vorstellung davon haben, was für ein Wagen hier abgelichtet ist. Insofern ist der skeptische Blick des Sanitätsunteroffiziers der deutschen Luftwaffe neben dem Auto geradezu symptomatisch.

Sicher werden die meisten noch auf ein US-Modell tippen, das den deutschen Streitkräften im Zuge des Westfeldzugs ab 1940 in die Hände gefallen war und welches dem eigenen Kraftfahrzeugpark einverleibt wurde.

Bestätigt wird dies ja auch durch den Schriftzug der amerikanischen Marke „DeSoto“, der sich gleich zweimal am Vorderwagen findet – einmal vertikal zwischen den beiden Hälften des Kühlergrills und einmal horizontal auf den seitlichen Luftschlitzen.

„Hier stimmt doch etwas nicht“, stellt man jedoch alsbald fest, wenn man nach einem entsprechenden Wagen dieser Marke aus dem Chrysler-Konzern sucht.

Keiner der im Netz oder in der Literatur abgebildeten DeSoto-Typen der 1930er Jahre scheint einen solchen, sich über die volle Höhe des Vorderwagens erstreckenden und oben abgerundeten Kühler aufzuweisen.

Der Skeptiker und Selberdenker wird jedoch irgendwann für seine Zweifel belohnt, nämlich dann, wenn er die eigentliche Substanz dessen erfasst, was ihm als Blendwerk vorkommt.

Im vorliegenden Fall haben wir es nämlich mit einer speziellen Exportversion für Europa zu tun, die im Modelljahr 1937 vom Chrysler-Konzern unter der gehobenen Marke DeSoto hergestellt wurde, hinter der sich aber im wesentlichen ein braver Plymouth verbarg.

Dieser DeSoto SP „Six“ verfügte über den seitengesteuerten 3,3 Liter-Motor des Plymouth P3 bzw. P4, welcher rund 80 PS leistete. Interessant an dem Modell sind neuartige Sicherheitselemente für die Passgiere sowie das erstmalig verbaute Ganzstahldach.

Was mag unser Luftwaffensoldat einst von diesem Beutefahrzeug gehalten haben? Sein Blick ist jedenfalls skeptisch:

„Tolles Auto, das ich jetzt für den Staffelführer in Schuss halten darf. Aber hier stimmt doch etwas nicht – wie können die dekadenten Amerikaner bloß soviele hervorragende Wagen bauen und auch noch haufenweise für den Export nach Europa übrighaben?“

Tatsächlich entstanden 1937 „nur“ rund 75.000 DeSotos, aber die Schwesterfirma Plymouth brachte es im selben Jahr auf eine halbe Million PKW. Die seinerzeit einzigartige Leistungsfähigkeit der US-Industrie sollte wenige Jahre später kriegsentscheidend sein.

Dass das einst – je nach Perspektive – weltweit geachtete oder gefürchtete Deutschland seinen Zenit längst überschritten hat, das wird dem skeptischen Zeitgenossen auch in unseren Tagen an mehreren Fronten vor Augen geführt.

„Hier stimmt doch etwas nicht“, mag man denken, was Anspruch und Wirklichkeit im „reichen Deutschland“ angeht, ob Bildungswesen, Infrastruktur, Vermögen der Bürger, innere Sicherheit oder – ganz aktuell – Krisenbewältigungskompetenz…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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