Auf in die Schlammschlacht: Ein Horch anno 1914

Wer dieser Tage die politischen Ereignisse in Deutschland verfolgt, wird Zeuge einer Schlammschlacht ohnegleichen. Die Wortwahl ist schmutzig, wenn es darum geht, unliebsame Gegner auszuschalten, doch auch von Säuberungen ist die Rede.

Mir ist nicht wohl bei dieser Zuspitzung der Rhetorik in der politischen Sphäre unserer Tage – vor allem dann nicht, wenn der Gegner verbal zum Objekt degradiert wird.

Vermintes Gelände – besser zieht man sich zurück. Damit war man auch vor über 100 Jahren gut beraten, wenn es darum ging, den eigenen Hals zu retten. Glücklich, wer nicht in vorderster Front den Kopf hinhalten musste für eine an sich belanglose Episode.

So wurde schon anno 1914 aus einer Sache von regionaler Bedeutung ein Flächenbrand, der nicht mehr zu löschen war. Den einen galt es, offene Rechnungen zu begleichen, anderen, unliebsame Konkurrenten aus dem Weg zu schaffen.

Selbst wer sich redlich und aufrichtig wähnte, fand sich binnen kurzem im größten Schlamassel wieder. Dann noch die Contenance zu wahren fällt schwer, wenn man sich Anfechtungen ausgesetzt sieht, deren Ursache man kaum begreift.

Das ist vielleicht die Botschaft dieser Aufnahme, die im 1. Weltkrieg entstand:

Horch14/40 PS oder 18/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Umgeben von Dreck und wohl unweit der Schlachtfelder der Westfront hat sich hier ein junger Fahrer ablichten lassen.

Ihm war es wichtig, für Verwandte und Nachwelt am Steuer eines mächtigen Wagens festgehalten zu werden, über den zu gebieten ein heute unvorstellbares Privileg war.

Dieses exklusive Automobil war gleichzeitig eine Art Lebensversicherung, denn damit blieb man meist hinter den Linien, wo die Altersgenossen auf beiden Seiten von den Mächtigen am grünen Tisch ins Feuer geschoben wurden wie Holzscheite in einen Ofen.

Auch ohne den teilweise zu erkennenden „Horch“-Schriftzug auf dem Kühlergitter ließe sich dieser Tourenwagen einwandfrei identifizieren:

Der birnenfömige Kühler mit dem Überstand am oberen Ende – daher auch die Bezeichnung „Schnabelkühler“ – sowie die drei schrägstehenden Luftschlitze in der Haube sind typisch für die Horch-Modelle 14/40 PS und 18/50 PS ab 1913.

Diese beiden Vierzylindertypen mit 3,6 bzw. 4,7 Litern Hubraum wurden ab 1915 mit Lichtmaschine und elektrischer Beleuchtung angeboten. Von daher wird der Horch auf dem Foto 1913 oder 1914 entstanden sein, da er noch Gasscheinwerfer besitzt.

Auch der steile Anstieg des Windlaufblechs zwischen Motorhaube und Frontscheibe spricht für eine frühe Entstehung.

Etwas mehr als 500 Exemplare der beiden Typen sind bis in die frühen 1920er Jahre gebaut worden. Man kann deshalb annehmen, dass ein solcher Horch im 1. Weltkrieg ein eher seltener Anblick war.

Bezieht man man den zeitgleichen „kleinen“ Horch Typ 8/24 PS ein, der mir jedoch in der Literatur mit Schnabelkühler noch nicht begegnet ist, hat man es mit deutlich mehr Wagen zu tun, die im Krieg „Dienst“ unter dem Zeichen des preußischen Adlers taten:

Der geduldig das Foto abwartende Fahrer kannte natürlich die Motorisierung seines Horch genau – auch wenn ihn in diesem Augenblick andere Dinge bewegt haben mögen.

Möglicherweise dachte er an die Familie daheim, die schon nach einigen Tagen dieses Konterfei des „Bubs“ per Feldpost erhalten und gewiss mächtig über seine automobile Karriere staunen würde.

Vermutlich waren sie erleichtert darüber, dass es ihn zu einem Kraftfahrerkorps verschlagen hatte und nicht zu den Infanterieeinheiten, aus denen laufend neue Gefallenennachrichten in der Nachbarschaft eingingen.

Auf jedem deutschen Dorffriedhof finden sich noch heute die Namen der jungen Männer, die ihr Leben für eine Sache hergeben mussten, zu der sie nie befragt wurden. Man kann dort ab und an haltmachen und ihres kurzen Daseins gedenken.

Über entscheidende Fragen ihrer Existenz die abstimmen zu lassen, auf deren Kosten sich die „Eliten“ profilieren wollen, das wäre wahre Volksherrschaft, meine ich. Auch auf solche Gedanken kann man bei der Betrachtung alter Autofotos kommen…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Typenkunde: Wanderer W3 5/12 & 5/15 PS

Der erste in Serie gebaute Wagen der Marke Wanderer aus Chemnitz – intern als Typ W3 bezeichnet – war schon öfters zu Gast in meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos.

Die Vorgeschichte des im Volksmund „Puppchen“ genannten Kleinwagens will ich an dieser Stelle nicht wiederholen – ich habe sie hier bereits erzählt.

Heute will ich mich an einer möglichst umfassenden Darstellung der serienmäßig gebauten Varianten des W3 bis Ende des 1. Weltkriegs versuchen. Neben Dokumenten aus meinem eigenen Fundus kann ich dabei auf etliche interessante Originalaufnahmen von Lesern und Sammlerkollegen zurückgreifen.

Diese Form der Online-Zusammenarbeit hat sich als äußerst ertragreich erwiesen, da sie Bildmaterial zutagefördert, das dem Einzelnen früher kaum zugänglich war.

Dass davon auch gedruckte Werke profitieren können, mache ich demnächst anhand der Rezension der Neuauflage von Werner Oswalds Klassiker „Deutsche Autos 1920-1945“ anschaulich.

Nun aber zurück zum Wanderer W3, dessen Fertigung nach zweijähriger Erprobungsphase im Frühjahr 1913 im Chemnitzer Stadtteil Schönau begann. Der lange Vorlauf sollte sich als segensreich erweisen, denn so fand der kleine Vierzylinder mit anfänglich 12 PS aus 1150 ccm Hubraum auf Anhieb guten Anklang.

Angeboten wurde er in zwei Karosserievarianten – zunächst mit zwei Sitzen hintereinander (Version H) und kurze Zeit später außerdem mit zwei nebeneinanderliegenden Sitzen (Version N).

Beide sind in folgender Reklame von 1913/14 genannt – abgebildet ist die Version H (Tandemanordnung):

Wanderer-Reklame für den Typ W3 5/12 PS von 1913/14; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die Abbildung des Wanderer ist erstaunlich genau, nicht nur im Hinblick auf die Proportionen, sondern auch die für die erste Serie entscheidenden Karosseriedetails:

  • drei senkrechte Entlüftungsschlitze in der Motorhaube,
  • steil ansteigender Windlauf zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe
  • der Karosserieform folgend unten bogenförmig abschließende Windschutzscheibe
  • waagerecht auslaufende Heckschutzbleche

Genau diese Details finden sich am folgenden Wanderer W3 5/12 PS wieder, der ebenfalls zwei Sitze hintereinander aufweist (Version H):

Wanderer Typ W3 5/12 PS (Version H) von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Gut zu erkennen ist hier auch, dass der automobile Erstling von Wanderer noch ohne Spritzschutzblech zwischen Trittbrett und Rahmen und ohne Spritzschutz an den freistehenden Kotflügeln auskommen musste.

Laut Literatur wurde das Spritzschutzblech erst bei weiteren Überarbeitungen des Aufbaus im Jahr 1915 eingeführt.

Interessant ist nun, dass es aber schon früher offenbar einzelne Fahrzeuge der ersten Serie gab, die wohl nachträglich mit einem Spritzschutz ausgerüstet wurden:

Wanderer Typ W3 5/12 PS (Version H) von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Obige Aufnahme entstand im 1. Weltkrieg und zeigt einen noch zivilen Wanderer W3 5/12 PS (Version H) mit Spritzschutz aus Kunstleder an den Vorderschutzblechen sowie zwischen Rahmen und Trittbrett.

Auch wenn wir hier die Haubenschlitze nicht sehen können, ist die Ausführung von Windschutzscheibe und hinteren Kotflügeln ein klarer Hinweis auf die erste Serie des Wanderer W3 von 1913/14.

Leser Matthias Schmidt aus Dresden verdanke ich nicht nur die beiden obigen Fotos, sondern auch diese seltene Aufnahme der Heckpartie des frühen Wanderer W3:

Wanderer W3 5/12 PS (Version H) von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese rückwärtige Ansicht zeigt zudem ein Detail, das bei Autos der Frühzeit kaum zu sehen ist – eine am Heck angebrachte Petroleumlampe. Angesichts der niedrigen Verkehrsdichte vor über 100 Jahren wird sie vor allem als Standlicht gedient haben.

Übrigens bekam der Wanderer W3 5/12 PS kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs noch eine Leistungsspritze – durch leichte Vergrößerung des Hubraums konnten drei zusätzliche PS aus dem nun 1,2 Liter messenden Aggregat gekitzelt werden.

Die Typbezeichnung lautete ab dann intern W3/II, vermarktet wurde der Wanderer als Typ 5/15 PS.

In dieser Ausführung wurde der Wagen ab Kriegsbeginn praktisch nur noch für das Militär gebaut, das rasch von den Vorzügen eines kompakten, leichten und sparsamen Fahrzeugs für Aufklärungszwecke und Kurieraufgaben überzeugt werden konnte.

Bereits im August 1914 veröffentlichte Wanderer die folgende Reklame, die andernorts meist nur in Ausschnitten zu sehen ist, hier aber im vollständigen Original gezeigt werden kann – und noch ganz im Stil des späten Jugendstils gehalten ist:

Reklame für den Wanderer W3 5/15 PS von August 1914; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Rund 500 Exemplare pro Jahr lieferten die Wanderer-Werke den Krieg über von ihrem Typ W3/II, weshalb Fotos dieses Autos im militärischen Einsatz recht häufig zu finden sind.

Nachfolgend ein Exemplar, das den Entwicklungsstand ab Frühjahr 1915 repräsentiert:

  • unten gerade (nicht mehr gebogene) und bündig mit der Karosserie abschließende Frontscheibe
  • gerundete statt waagerecht auslaufende Heckschutzbleche
  • vorerst weiterhin drei Luftschlitze pro Haubenseite
Wanderer W3/II 5/15 PS (Version H), ab Frühjahr 1915; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Was an diesem Wagen neben den großen Scheinwerfern und dem Reservekanister in zeittypischer Dreiecksform auffällt, ist der nach wie vor recht steile Anstieg des Windlaufs zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe.

Infolgedessen liegt die Gürtellinie auf Höhe des Fahrers weit über dem Haubenniveau. Dies wich entgegen der Darstellung in der Literatur (Erdmann/Westermann, Wanderer-Automobile, Verlag Delius Klasing, S. 34) erst nach den erwähnten übrigen Änderungen einer niedrigeren „Schulterlinie“.

Das Ergebnis sah dann so aus wie auf der folgenden Aufnahme eines sonst ganz ähnlich ausgestatteten Wanderer W3/II 5/15 PS (Version H):

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version H); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wo aber bleibt die eingangs erwähnte, parallel verfügbare Version „N“ des Wanderer W3, also mit nebeneinander angeordneten Sitzen?

Nun, auch dazu liegen mir einige zeitgenössische Fotos vor, wenngleich ich den Eindruck habe, dass Aufnahmen der Tandemversion „H“ häufiger zu finden sind.

Folgendes hervorragendes Beispiel zeigt einen Zweisitzer in der im Lauf des Jahres 1915 vorgestellten Ausführung:

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version N); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Hier kann man den glättenden Effekt der optischen Überarbeitung nachvollziehen. Mit einem Mal ist die Karosserie ein Ganzes, dessen Bestandteile unauffällig ineinander übergehen.

Im Unterschied zum Zweisitzer in der Ursprungsversion (hier fehlt mir noch ein Foto) besitzt die Ausführung ab 1915 keinen angesetzten Koffer mehr, sondern einen im nunmehr leicht schräg abfallenden Heck integrierten Gepäckraum.

Besser erkennbar ist die Heckpartie auf der folgenden Aufnahme, die im Unterschied zum obigen Foto noch während des Kriegs entstanden ist:

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version N); Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Übrigens gab es ab 1917 eine weitere, ganz ähnlich aussehende Ausführung mit einem dritten Sitzplatz im Heck.

Ich kenne davon nur eine Prospektabbildung aus der Literatur, der man entnehmen kann, dass dort, wo sich der Ellbogen des uns anschauenden gemütlichen Soldaten ganz links auf dem obigen Foto befindet, das Oberteil des dritten Sitzes zu sehen sein müsste.

Nachtrag: Leser Martin Möbus hat ein Foto genau dieses Typs aus seiner Sammlung beigesteuert (auf die ungewöhnliche Zahl der Luftschlitze gehe ich weiter unten ein):

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version Nv); Originalfoto aus Sammlung Martin Möbus

Noch sind wir nicht am Ende mit der Typenkunde zum Wanderer W3. Denn irgendwann nach der Überarbeitung der Karosserie im Frühjahr 1915 ging Wanderer dazu über, die Motorhauben mit sechs statt drei Luftschlitzen pro Seite zu versehen.

Ein Beispielfoto, auf dem man dies ansatzweise erkennt, ist das folgende, das treue Leser bereits aus einem früheren Porträt des Wanderer W3 kennen:

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version H); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sieht man zwar nur den oberen Abschluss von vier Luftschlitzen, doch die mittleren zwei werden vom Vorderschutzblech verdeckt.

Die Literatur, soweit ich sie kenne, legt sich nicht fest, was das Datum der Einführung der sechs statt drei Luftschlitze angeht. Man könnte es anhand zweier zeitlich nahe beieinander liegender datierter Fotos (z.B. Fotopostkarten) sicher sehr genau bestimmen.

Auch diesbezüglich würde ich mich über einschlägige Aufnahmen freuen, mit denen sich die Chronologie der ganz frühen Wanderer-Modelle vervollständigen ließe.

Was die Sache noch spannender macht, ist das Auftauchen von gleich zwei Fotos, die Wanderer des Typs W3 mit neun seitlichen Luftschlitzen zeigen!

Das erste ist auf Februar 1916 datiert und entstand wohl irgendwo an der Ostfront. Wie man sieht, war Schnee damals offenbar auch gerade Mangelware:

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version N); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dass es sich um einen Wanderer W3/II handelt, steht außer Frage – bis auf die Zahl der Luftschlitze stimmt bei diesem Zweisitzer alles. Zudem hat man uns vor über 100 Jahren den Gefallen getan, auch den Spitznamen „Puppchen“ auf die Haube zu malen.

Interessanterweise findet sich in der mir zugänglichen Literatur kein vergleichbares Foto eines Wanderer W3/II mit neun Luftschlitzen, diese Variante wird auch nirgends erwähnt.

Kurioserweise war aber der Prototyp des Wanderer W3 von 1911/12 ebenfalls mit neun statt später serienmäßigen drei bzw. sechs Luftschlitzen ausgestattet.

Die einzige Erklärung, die ich dafür habe, ist die, dass Wanderer für den erschwerten Einsatz im Krieg ab einem bestimmten Zeitpunkt auch oder nur noch Fahrzeuge mit besserer Entlüftung des Motorraums lieferte.

Laut Literatur blieb die Motorleistung den Krieg über konstant, sodass von daher kein zusätzlicher Kühlungsbedarf bestanden haben kann. Mag jedoch sein, dass man an der Balkanfront und an der Ostfront im Sommer mit Überhitzung zu kämpfen hatte.

Oder bot Wanderer doch schon während des Kriegs eine leistungsstärkere Version an, wie sie ab 1921 in Form des W8 gebaut wurde? Klar ist nur, dass es sich bei obigem Wanderer W3/II 5/15 PS mit neun Haubenschlitzen um kein Einzelstück handelte.

Denn hier haben wir gleich das nächste Belegfoto, das ohne Parallele in der Literatur ist:

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version N); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wiederum haben wir es mit einem Wanderer W3/II 5-15 PS in der Ausführung mit zwei Sitzen nebeneinander zu tun, auch wenn hier die Frontscheibe fehlt. Von den Haubenschlitzen abgesehen, entspricht alles übrige den Abbildungen in der Literatur.

Diese Aufnahme könnte übrigens die These von einer speziellen Version für heiße Gegenden stützen, denn dem Erscheinungsbild der Soldaten nach zu urteilen, entstand diese Aufnahme an der Balkanfront (in Rumänien beispielsweise).

Wenn ich es richtig sehe, haben wir hier Männer der deutschen und der österreichisch-ungarischen Armee vor uns, die es sich fernab der Front gutgehen lassen und offenbar auch für ein vierbeiniges Maskottchen Muße haben:

Mit dieser so friedlich anmutenden Aufnahme, die doch mitten im 1. Weltkrieg entstand, will ich diesen Abriss über die Erscheinungsformen des Wanderer W3 „Puppchen“ für heute beenden.

Einige Details wie die Zahl der Luftschlitze sind noch zu klären, wie man sieht. Von daher hoffe ich, eines Tages mit „neuem“ Material zu dieser „Baustelle“ zurückkehren zu können…

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Klein, aber oho! Ford Eifel Cabrio von Gläser

Den Freunden von Vorkriegs-Fords etwas Besonderes zu präsentieren, ist nicht ganz einfach – zu groß waren die Stückzahlen ab Einführung der Massenproduktion beim legendären und bis heute stark verbreiteten Model T.

Dessen Nachfolger – das ab 1928 gebaute Model A – begegnet einem auf alten Fotos ebenfalls auf Schritt und Tritt – auch in Deutschland. Hier eine Limousine von 1928/29 – erkennbar am noch nicht lackierten Unterteil der Kühlereinfassung – mit Zulassung im Raum Wuppertal:

Ford Model A von 1928/29; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auffallend sind an diesem Wagen die großen Radkappen – denkbar, dass der Besitzer Räder vom Nachfolger Model B montiert hatte, die allerdings einen kleineren Durchmesser hatten (18 statt 19 Zoll).

Vielleicht wurden die originalen Drahtspeichenräder auch gegen passende Scheibenräder eines anderen Wagens getauscht – hat jemand eine Erklärung parat?

Der nächste große Wurf von Ford am deutschen Markt war – nach geringen Erfolg des arg primitiven Models „Köln“ (abgeleitet aus dem britischen Ford Y-Type) der ab 1935 gebaute „Eifel“ (abgeleitet aus dem ebenfalls in England entwickelten Ford Model C).

Die folgende Cabrio-Limousine des Ford „Eifel“ in der frühen Ausführung von 1935-37 habe ich bereits hier präsentiert:

Ford „Eifel“ von 1935-37; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Eine ganze Reihe Fotos weiterer konventioneller Exemplare des Ford „Eifel“, darunter auch solche des späteren Modells (1937-39) waren vor längerer Zeit Gegenstand eines ausführlichen Porträts des Typs.

Beendet hatte ich die damalige Darstellung mit einem schönen Foto von Leser Klaas Dierks, das eine besonders feine Ausführung des Ford „Eifel“ zeigt, die nach dem Zweiten Weltkrieg an der See abgelichtet wurde:

Ford „Eifel“ Roadster von 1938/39; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Bei dieser schnittigen offenen Ausführung wird es sich um den Roadster oder das 2-Fenster-Cabriolet gehandelt haben, das von der Kölner Karosseriebaufirma Deutsch zugeliefert wurde.

Es gab zwar ein ganz ähnliches Cabriolet auch von Gläser aus Dresden (Beispiel hier); aufgrund von Details wie der Frontscheibeneinfassung tendiere ich im obigen Fall aber zu Deutsch.

Bei der Aufnahme, auf die sich der Titel meines heutigen Blog-Eintrags „Klein, aber oho!! bezieht, lässt sich dagegen eindeutig sagen, dass sie einen Ford „Eifel“ mit Gläser-Karosserie zeigt:

Ford „Eifel“ Cabriolet von Gläser; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese hübsche Privataufnahme ist zwar, was das Auto angeht, nicht ganz vollständig. Doch war die Identifikation als Ford nicht schwierig. So ist auf den Radkappen der oval eingefasste Markenschriftzug zu ahnen.

Die Verwendung von Drahtspeichenräder spricht für ein Modell vor 1938, da ab spätestens dann alle in Deutschland gefertigten Ford-Modelle Scheibenräder besaßen. Die geringe Größe des Autos lässt an den Ford „Eifel“ denken – der parallel verfügbare Typ „Rheinland“ und die diversen Versionen des V8 waren wesentlich größer.

Tatsächlich findet sich in der Literatur (Werner Oswald, Deutsche Autos 1920-45) und im Netz ein ganz ähnlicher Wagen, der als Ford Eifel mit Gläser-Karosserie identifiziert ist. Dieser ist bis auf ein Detail identisch – die Ausführung der seitlichen Haubenschlitze.

Tatsächlich gab es von Gläser aber auch eine Version des 2-Fenster-Cabriolets auf Basis des Ford Eifel mit einer Reihe kurzer und leicht schrägstehender Luftauslässe:

Ford „Eifel“, 2-Fenster-Cabriolet von Gläser; Bildquelle: https://www.coachbuild.com/forum/download/file.php?id=69150&mode=view

Abgesehen von der Hinterradverkleidung stimmt dieser Ford „Eifel“ mit klar erkennbarer „Gläser“-Plakette am unteren Ende der A-Säule vollkommen mit dem Wagen auf meinem Foto überein.

Man darf sich von dessen mattgrauer Lackierung – die Aufnahme ist offenbar im 2. Weltkrieg entstanden – nicht täuschen lassen. So trägt der Wagen denselben üppigen Chromschmuck, der unlackiert blieb, was für eine frontferne Verwendung spricht.

Dass es sich um ein für die Wehrmacht requiriertes Privatauto handelt, lässt auch die armeetypische Vorgabe für den Reifenluftdruck am Kotflügel erkennen, die von Hand oder mittels Schablonen aufgetragen wurde – vorn ist sie schon halb abgeschabt, hinten ist sie dagegen gut lesbar:

Hier zeichnet sich nun auch die ovale „Gläser“-Plakette ab, die allerdings ebenfalls übertüncht wurde – sie war dem Nutzer des Wagens offenbar nicht so wichtig.

Ich vermute, dass dieser Ford „Eifel“ einem in der Heimat stationierten Offizier zur Verfügung stand, der das Auto auch privat nutzen konnte.

Bei einer solchen Gelegenheit muss dieses Foto entstanden sein, auf dem Sohnemann an dem kleinen Flitzer „Hand anlegen“ durfte.

Über Ort, Datum und sonstige Umstände der Aufnahme ist leider nichts überliefert. Wenn der Ford nicht in der Spätphase des Kriegs doch noch an der Front gelandet ist oder bei einem Bombenangriff zerstört wurde, hatte er passable Überlebenschancen.

Während vom Zweifenster-Cabriolet in der von Deutsch gelieferten Version einige Exemplare überlebt haben, wäre es interessant zu wissen, ob das auch für diese wohl deutlich seltenere Ausführung von Gläser gilt.

Wer etwas dazu beitragen kann, benutze dazu bitte die Kommentarfunktion, damit alle Leser und Liebhaber solcher Raritäten etwas davon haben.

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Ein Bild von einem Mann: Der General fährt Benz

Nach längerer Abstinenz kommt heute wieder einmal die altehrwürdige Marke Benz zu ihrem Recht. Der Wagen, um den es geht, ist zweifellos sehr eindrucksvoll, doch wird er von einem einstigen Passagier förmlich in den Schatten gestellt.

Man muss das Handwerk, das dieser Mann einst ausübte, nicht mögen – er war Berufssoldat und war ab 1910 General in der Bayerischen Armee – doch die Zeiten vor über 100 Jahren waren andere als im Deutschland des 21. Jahrhunderts.

Wie man noch sehen wird, verdiente er jedenfalls auf seine Weise Respekt. Die Rede ist von der Persönlichkeit, die das folgende Foto aus meiner Sammlung beherrscht:

Benz Tourenwagen mit General Felix von Bothmer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wer sich vorrangig für den Tourenwagen interessiert, der den Großteil dieser Aufnahme ausfüllt, wird die eindrucksvolle Erscheinung des Offiziers daneben bemerken.

Der großgewachsene Mann mit Bart und Schutzbrille, der soeben dem Wagen neben ihm entstiegen sein dürfte, war „General von Bothmer“ – so ist von alter Hand auf der Rückseite dieses Abzugs vermerkt, leider ohne Ortsangabe und Datum.

Doch bin ich zuversichtlich, dass ein Kenner anhand der Auszeichnungen des hochdekorierten Generals zumindest den frühestmöglichen Zeitpunkt nennen kann, ab dem diese Aufnahme entstanden sein muss.

Zunächst jedoch sei das Automobil näher betrachtet, der sich hier mit schlammbedeckten Reifen präsentiert:

Zweifellos handelt es sich um einen Benz – die Marke begegnet einem in Fotos aus dem 1. Weltkrieg neben Adler ,Opel, Hansa und Protos sehr oft.

Leider bereitet die genaue Typansprache häufig Schwierigkeiten, so auch hier. Die parallel erhältlichen Benz-Typen unterscheiden sich meist nur in der Größe.

Allenfalls die Zahl der Radspeichen gibt einen groben Hinweis auf die Motorisierung. Die 12 Speichen des Wagens auf obiger Aufnahme finden sich nicht bei den kleinen Benz-Typen der 20- bis 30-PS-Klasse, wenn man zeitgenössische Aufnahmen zugrundelegt.

Ab 1912 bot Benz mehrere Mittelklassetypen mit 40 bis 60 PS an, die offenbar meist 12 Radspeichen aufwiesen, sofern sie keine sportlichen Drahtspeichenräder besaßen.

1912 halte ich auch als Baujahr des Benz von General Bothmer für wahrscheinlich – davor ragte die Windkappe (auch „Windlauf“) zwischen Motorhaube und Frontscheibe steiler nach oben und danach verlief sie fast in einer Ebene mit der Haube.

Die elektrischen Positionsleuchten verweisen ebenfalls auf eine Entstehung ab 1912/13, zuvor erfüllten Petroleumleuchten den Zweck des nächtlichen „Standlichts“.

Damals hatte die PKW-Produktion von Benz ihren Höchststand erreicht. So entstanden 1912 über 3.000 Wagen, Konkurrent Daimler brachte es auf nur knapp 1.900 Stück. Das erklärt die weit größere Verbreitung von Benz-Wagen als Offiziersauto auf Fotos aus dem 1. Weltkrieg.

Leider lässt sich zu dem Benz-Tourer, mit dem General von Bothmer unterwegs war, aus meiner Sicht nicht mehr sagen. Dafür wissen wir über den General einiges. Hier haben wir ihn in einer Ausschnittsvergrößerung, auf der er zweifellos gute Figur macht:

Zum Zeitpunkt der Aufnahme muss der 1852 geborene Felix von Bothmer mindestens 62 Jahre alt gewesen sein. Für einen Mann seines Alters muss er in sehr guter Form gewesen sein. Nur der graue Bart ist verräterisch – die zahlreichen Orden ebenso.

Der aus niedersächsischem Uradel stammende von Bothmer wurde in München geboren und schlug wie viele seiner Vorfahren die Militärlaufbahn ein – in seinem Fall bei der Armee des Königreichs Bayern.

Ab März 1915 zeichnete er sich als kühl kalkulierender Taktiker an der Ostfront aus und hatte die Führung eines Großverbandes inne, der als Korps Bothmer bezeichnet wurde. Der Durchbruch der russischen Stellungen in der Ukraine brachte ihm den Orden „Pour Le Mérite“ ein, den von Bothmer auf dem heute vorgestellten Foto trägt.

Diese militärisch wichtigen Erfolge waren natürlich vor allem dem Einsatz und Mut der „kleinen Leute“ zu verdanken, die den schmutzigen Teil des Kriegshandwerks verrichten mussten. Einer dieser namenlosen und meist ohne Orden und Rang gebliebenen Männer kehrt uns auf dem Bild den Rücken zu.

In den Folgejahren war es dem Geschick von General von Bothmer und seinen Männern zu verdanken, dass die aus deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen gebildete Südarmee russischen Vorstößen widerstand.

Das brachte ihm 1916 und 1917 wiederum Orden ein – das Großkreuz zum Militär-Max-Joseph-Orden und das Eichenlaub zum Orden Pour le Mérite. Ob von Bothmer diese Auszeichnungen auf dem hier gezeigten Foto trägt, kann ich nicht beurteilen.

Nachtrag: Ein sachkundiger Leser weist mich darauf hin, dass die Orden eine Datierung des Fotos auf den Zeitraum Juli 1915 bis Anfang November 1916 erlauben, der Vegetation nach zu urteilen eher bis Spätsommer 1916.

Dass die im Osten blutig erkämpften Erfolge gegen die russische Armee und am Ende auch der Friedensvertrag mit Russland, der Polen, Litauen und Kurland ihre Selbstbestimmung wiedergab, letztlich vergeblich waren, konnte damals keiner wissen.

Jedenfalls schied General von Bothmer Ende 1918 aus dem Dienst aus, nicht ohne zuvor weitere Orden erhalten zu haben, mit denen ich meine Leser nicht langweilen will.

1937 starb von Bothmer in München mit 85 Jahren. Gegen den Willen seiner Familie wurde vom nationalsozialistischen Regime ein Staatsbegräbnis arrangiert. Immerhin beschränkte sich der Fahnenschmuck auf alte kaiserliche und königliche Flaggen.

So ist das heute präsentierte Foto ein Dokument einer längst untergegangenen Welt. Felix von Bothmer war noch im Kutschzeitalter großgeworden und hatte als junger Mann die Erfindung und Ausbreitung des Automobils erlebt.

Im 1. Weltkrieg leisteten ihm ein großzügiger Benz und ein unbekannter Fahrer treue Dienste. Über beide würde man gern erfahren, doch das wird nichts mehr.

Was von den Mühen und Opfern geblieben ist, ist ein Stück altes Papier. Doch auch bei pazifistischer Einstellung wird man zugeben müssen: es zeigt „ein Bild von einem Mann“.

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Sinn für's Detail: Mercedes-Benz 290 Cabriolet D

Mancher Leser meines Blogs für Vorkriegsautos auf alten Fotos mag sich fragen, warum ich die Marke Mercedes-Benz eher selten streife. Nun, das ist keineswegs einer Abneigung geschuldet.

Es ist bloß für mich als Universalisten ausgesprochen schwer, bei einer hervorragend dokumentierten Marke etwas Interessantes oder Neues zu bieten, was nicht andernorts längst aufbereitet wurde.

Doch mitunter mache ich Fotofunde, die auch Mercedes-Kennern eine außergewöhnliche Sicht auf ihre Lieblinge eröffnen. Und bisweilen ist es die schiere Schönheit eines Mercedes, die Erholung von anstrengenden Besprechungen wirklicher Exoten erlaubt.

Heute kann ich mit ein und demselben Mercedes-Typ gleich beides bieten. Den Anfang macht eine Aufnahme von hervorragender Qualität, die einen Mercedes-Benz 290 nicht gerade dort zeigt, wo man ihn so prominent festgehalten erwarten würde:

Mercedes-Benz 290 Cabriolet D; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob diese von Könnerhand sorgfältig komponierte Aufnahme während einer Militärübung oder im Zweiten Weltkrieg entstanden ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Leider sind keine Informationen zu Aufnahmeort und -datum überliefert.

Zwei Dinge bewogen mich zum Kauf dieser in automobilhistorischer Hinsicht eher unbedeutenden Aufnahme.

Zum einen ist der nicht mehr ganz junge Offizier, den wir hier im Profil sehen, meinem Paderborner Großonkel Ferdinand aus dem Gesicht geschnitten – auch wenn der es nur bis zum Unteroffizier gebracht hat:

Das Band im Knopfloch der Uniformjacke weist den Offizier, der hier wohl Meldungen von Unteroffizieren entgegennimmt, als Träger des Eisernen Kreuzes aus.

Denkbar ist, dass er es bereits als junger Mann im 1. Weltkrieg erhalten hat, dann könnte es sich in der Tat um eine Manöveraufnahme aus Friedenszeiten handeln.

Vielleicht kann ein sachkundiger Leser aber auch anhand von weiteren Details bestimmen, ob dieses Foto erst nach Kriegsbeginn 1939 entstanden ist.

So oder so fällt die außergewöhnliche Qualität der Aufnahme auf. Dies ist kein Schnappschuss eines Landsers, der in einer Marschpause auf Fotorpirsch war. Er hätte auch eher das Auto ins Visier genommen als die Vorgesetzten.

Man fragt sich, was den unbekannten Fotografen dazu bewogen hat, in diese Szene das Heck eines Mercedes-Benz Cabriolets einzubeziehen.

Wollte er der Situation eine interessante Note geben oder gefielen ihm schlicht die gestalterischen Details des Mercedes?

Die Identifikation als Mercedes gelingt auch dem Laien anhand des dreizackigen Sterns auf der Radkappe.

Doch wer den genauen Typ ermitteln will, muss Sinn für’s Detail haben – und über umfassende Literatur zu den Mercedes-Typen der 1930er Jahre verfügen.

Letztlich sind es vier Details, die zusammengenommen am Ende eine eindeutige Identifikation ermöglichen:

  • der am Ende des Trittbretts liegende Ausschnitt für die Wagenheberaufnahme, bei der die Abdeckung derselben fehlt – vermutlich ging diese oft verloren
  • die weit nach hinten reichende Tür, die auf eine viertürige Version schließen lässt
  • die wie ein Kometenschweif auslaufende seitliche Zierleiste, die kurz vor dem hinteren Kotflügel abbricht
  • der wie angesetzt wirkende große Kofferraum, der nicht der allgemein abfallenden Linie der Heckpartie folgt

Diese Details sind es, die eine genaue Ansprache des Typs erlauben, so unwahrscheinlich dies auf den ersten Blick erscheint. So handelt es sich bei dem Mercedes in mattgrauer Wehrmachtslackierung um ein Cabriolet D (lang) auf Basis des Modells 290.

Der Mercedes-Benz 290 mit Sechszylindermotor war 1933 dem neu eingeführten Vierzylindertyp 200 zur Seite gestellt worden. Wie dieser bot er mit Ausnahme der vorderen Einzelradaufhängung technisch kaum Neues.

Der anfänglich nur 60 PS leistende Motor war ein konventioneller Seitenventiler und war mit dem Wagen überfordert. Das galt umso mehr für die über 1,8 Tonnnen schweren Karosserieversionen auf verlängertem Chassis.

Hinzu kam, dass selbst ein achtzylindriger Horch günstiger zu haben war als ein solcher Mercedes 290. Der umwerfend leistungsfähige Ford V8 kostete gar nur die Hälfte und war damals einer der schnellsten Wagen auf Deutschlands Autobahnen.

Doch muss für die Käufer eines solchen Mercedes das dürftige Spitzentempo von etwas mehr als 100 km/h durch andere Qualitäten mehr als ausgeglichen worden sein.

Ohne ein besonderer Mercedes-Kenner zu sein,vermute ich, dass es neben der aufwendigen Innenausstattung die eleganten Manufakturaufbauten waren, die Mercedes-Käufer alle Vernunft fahren ließen.

Hier haben wir ein besonders schönes Exemplar – diesmal ein Cabriolet B auf Basis Mercedes-Benz 290 (lang):

Mercedes-Benz 290 Cabriolet B (lang); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier ist mit Sinn für’s Detail und aussagefähigen Vergleichsfotos eine eindeutige Identifikation möglich.

Dazu zählen die seitlichen „Schürzen“ an den Vorderschutzblechen, die noch wie nachträglich angebracht erscheinen – dieses Detail taucht überhaupt erst 1932 beim legendären Graham „Blue Streak“ auf und setzt sich ab 1933 allgemein durch.

Weitere Elemente sind die leicht geneigte Kühlerpartie, die flache und schrägstehende Frontscheibe sowie die hinten angeschlagenen langen Türen, über die hinweg eine geschwungene Chromleiste läuft, die dem Wagen eine hinreißende Seitenlinie gibt.

Der große Abstand zwischen hinterem Türabschluss und Radhaus ist ein klarer Hinweis darauf, dass dieses Cabriolet B auf dem ab Herbst 1934 verfügbaren langen Chassis entstand.

11.500 Reichsmark rief Daimler-Benz für diese Schönheit auf. Das entsprach in etwa dem siebenfachen Jahreseinkommen eines sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmers mit durchschnittlichem Verdienst.

Auf die heutigen Verhältnisse umgemünzt (Durchschnittsentgelt ca. 40.500 EUR p.a.) entspräche dies über 280.000 EUR und damit dem Gegenwert eines kleinen Hauses oder einer einfachen Eigentumswohnung außerhalb der Ballungsgebiete.

Kein Wunder, dass vom Mercedes 290 mit langem Chassis bis 1937 nur 3.900 Stück gebaut wurden. Viele davon sind als Offizierswagen (siehe erstes Foto) im Krieg eingesetzt und meist zerstört oder verschlissen worden.

Heute ist ein solches Cabriolet auf Basis Mercedes-Benz 290 erst recht ein Traum und etwas für Menschen, die sich nicht für Leistungswerte auf dem Papier interessieren, sondern Sinn für’s schöne Detail haben…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

„Frontimprovisation“: Ein Rex-Simplex 10 PS-Modell

Der Begriff „Frontimprovisation“ in diesem Blog-Eintrag ist bewusst doppeldeutig angelegt. Vermutlich klingt er für manche Leser ähnlich geheimnisvoll wie der Name der Marke, um die es heute geht: Rex-Simplex.

Es handelt sich um einen der zahlreichen deutschen Hersteller der Frühzeit, die längst in Vergessenheit geraten sind, doch einst beachtliche Bekanntheit genossen.

Der Ursprung der Marke liegt wie so oft in einer Fahrradproduktion – die im vorliegenden Fall 1888 von Friedrich Hering im thüringischen Gera gegründet wurde.

Zeittypisch ist auch, dass man die ersten tastenden Schritte im Automobilbau (ab 1902) in Anlehnung an die damals führenden französischen Konstruktionen unternahm und Motoren von De Dion-Bouton verbaute.

Die ersten nach dem Firmenumzug nach Ronneburg gebauten Typen wurden als Rex-Motorwagen vertrieben, später mit dem Zusatz „Simplex“, mit dem bereits die Daimler Motoren-Gesellschaft ihren legendären Mercedes-Wagen bezeichnete.

Die in Teilen der Literatur zu findende „Übersetzung“ von Rex Simplex als „König der Einfachheit“ ist bereits mit Schullatein als abwegig erkennbar. Vorrangig ging es um einen wohlklingenden Markennamen mit hohem Wiedererkennungswert.

Beflügelt vom Verkaufserfolg begann das mittlerweile als „Automobilwerk Hering & Richard“ firmierende Unternehmen ab 1908 selbstentwickelte Motoren zu montieren.

Rex-Simplex_vor_1910_Galerie

Rex-Simplex Originalreklame von ca. 1908 aus Sammlung Michael Schlenger

Binnen weniger Jahre arbeitete man sich in die obere Mittelklasse vor. Diesem Segment gehört auch der Rex-Simplex an, den ich heute als ersten einer ganzen Reihe von Typen vorstellen möchte, von denen mir zeitgenössische Fotos vorliegen:

Rex-Simplex_angebl_10-28_PS_1913_Feldpost_05-1916_Galerie

Rex-Simplex 10 PS-Modell; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme ist auf einer Feldpostkarte von Mai 1916 erhalten geblieben. Auf einen Blick wird auch klar, was hier unter „Frontimprovisation“ zu verstehen ist:

Die ab Werk verbaute Frontscheibe war offenbar zerstört worden – vielleicht war sie auch für zu niedrig befunden worden.

Jedenfalls haben hier handwerklich versierte Soldaten eine größere, zweigeteilte und teilweise ausstellbare Scheibe fabriziert, die vermutlich in einen Holzrahmen  eingesetzt war, der wiederum an den ursprünglichen Montagepunkten fixiert war.

Die höhere Ausführung dürfte den Vorteil gehabt haben, dass bei schneller Fahrt auch die rückwärtigen Passagiere vor Luftzug geschützt waren.

Es wirkt aber noch etwas anderes improvisiert an der Front dieses Rex-Simplex, dessen typisches Markenemblem hier leider nur schemenhaft zu erkennen ist:

Rex-Simplex_angebl_10-28_PS_1913_Feldpost_05-1916_Frontpartie

Der Windlauf – also die Blechpartie zwischen Motorhaube und Frontscheibe – wirkt wie nachträglich aufgesetzt – jedenfalls besteht keine harmonische Verbindung mit dem Vorderwagen.

Dies ist aber tatsächlich eine werksseitige Lösung, wie sie ab 1909/10 bei deutschen Automobilen vorübergehend zu finden ist.

Während französische und britische Hersteller bis zum 1. Weltkrieg an dieser Gestaltungsweise festhielten, findet man bei Wagen im deutschsprachigen Raum ab 1912 fast durchweg einen harmonisch gestalteten Übergang von (nunmehr leicht ansteigender) Motorhaube und daran anschließenden Windlauf.

Als Beispiel dafür mag folgender Opel 6/16 PS Tourer dienen, den ich vor längerem hier besprochen habe:

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Opel 6/16 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vor diesem Hintergrund würde ich den Rex-Simplex auf dem heute vorgestellten Foto auf 1910/11 datieren. Ab 1912 findet man eigentlich nur noch die Gestaltung von Windlauf und Haubenpartie wie beim obigen Opel.

Doch zusammen mit dem Foto des Rex-Simplex auf der Feldpostkarte war die Information überliefert, dass es sich um das Modell 10/28 PS handele.

Dieses wurde aber erst 1912-14 gebaut. Eine Aufnahme in der Literatur (H. von Fersen, Autos in Deutschland 1885-1920) zeigt einen solchen Rex-Simplex 10/28 PS von 1914, der die damals übliche durchgehende Linie von Motorhaube und Windlauf besitzt.

Da es sich dabei laut Gränz/Kirchberg (Ahnen unserer Autos) (um die leistungsgesteigerte Version des Typs 10/20 PS von 1910 handelt, könnte ich mir vorstellen, dass im Jahr 1912 nicht nur die leistungsgesteigerte Ausführung des 10 PS-Typs eingeführt wurde, sondern auch die modernisierte Frontpartie.

Unser Rex-Simplex könnte die Nahtstelle dieses Umbruchs repräsentieren, in der sich gestalterisch wie leistungsseitig einiges tat im deutschen Automobilbau.

Ob nun 10/20 PS von 1910-11 oder 10/28 PS von 1912 – dieser Rex-Simplex gehörte den Dimensionen nach zu urteilen auf jeden Fall der gehobenen Mittelklasse an:

Rex-Simplex_angebl_10-28_PS_1913_Feldpost_05-1916_Passagiere

Das Platzangebot, das diese beiden Soldaten auf der Rückbank genossen, spricht  für einen beträchtlichen Radstand. Auch Größe der Räder und Zahl der Speichen (12) passt passen zu einem sehr ordentlich motorisierten Wagen jener Zeit.

Trotz der mangelhaften Qualität der über 100 Jahre alten, aus der Bewegung heraus entstandenen Aufnahme ist dies damit ein eindrucksvolles Dokument der Klasse, in der die Marke Rex-Simplex einst angesiedelt war.

Anhand weiterer, erheblich besserer Aufnahmen späterer Modelle werde ich dieses hier noch ein wenig „improvisierte“ Bild nach und nach untermauern…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Familiengeschichte: Hansa Typ C 8/20 PS und 8/24 PS

Zu  den unaufgearbeiteten Kapiteln der deutschen Automobilgeschichte gehört aus meiner Sicht die Produktion von Hansa vor dem 1. Weltkrieg.

Im letzten Blog-Eintrag, der sich damit beschäftigte, habe ich auf die widersprüchlichen Angaben zu den Abbildungen früher Hansa-Wagen in der Literatur hingewiesen.

Mittlerweile dürfte meine Hansa-Galerie die umfangreichste allgemein zugängliche Dokumentation der Typen bis 1914 darstellen. Leider lassen sich bislang nur wenige der zahlreichen Modelle präzise ansprechen.

Am gesichertsten ist wohl die Identifikation des in der Literatur erwähnten Typs D 10/30 PS, der auffallend oft in Fotos aus dem 1. Weltkrieg festgehalten ist.

Hier ein Potpourri der bisher in meinem Blog vorgestellten Aufnahmen dieses Typs:

Ob in der um 1912 gebauten Flachkühlerausführung oder der 1913/14 eingeführten Version mit Schnabelkühler – der Hansa Typ D 10/30 PS ist stets an den sechs Luftschlitzen zu erkennen, meist im hinteren Teil der Motorhaube.

Über Typen und Baujahr hinweg markenspezifisch sind die beiden Griffmulden im Seitenteil der Motorhaube. Man findet sie teils nach außen, teils nach innen gewölbt bei den meisten Hansa-Modellen bis in die 1920er Jahre.

Wer in meinem Blog schon länger mitliest, erinnert sich eventuell an die folgende Aufnahme aus meiner Sammlung, die den ersten frühen Hansa zeigt, mit dem ich mich beschäftigt habe:

Hansa_Typ_C_8-24_PS_Galerie

Hansa Typ C 8/24 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme einer Familie, die Anfang der 1920er Jahre mit ihrem Vorkriegs-Hansa unterwegs war, zeigt mit großer Wahrscheinlichkeit einen Typ C 8/24 PS.

Im Unterschied zum stärkeren D-Typ 10/30 PS war hier die Motorhaube kürzer und besaß dem geringeren Kühlungsbedarf gemäß nur fünf statt sechs Luftschlitze (auf dem Foto sind nur vier sichtbar, doch die Literatur zeigt Aufnahmen eines identischen Wagens mit fünf Luftschlitzen).

Der Hansa C-Typ mit 2,1 Liter-Vierzylinder wurde bereits 1911 eingeführt. Anfänglich leistete der Seitenventiler allerdings nur 20 PS und wies noch einen Flachkühler auf.

Der oben gezeigte Hansa Typ C mit „Schnabelkühler“ wurde dagegen erst ab 1913/14 gebaut und leistete dann bei identischem Hubraum 24 PS.

Die mir zugängliche Literatur zeigt keinen einzigen Hansa Typ C in der anfänglichen Ausführung als 8/20 PS-Modell. Doch ist mittlerweile eine hervorragende Aufnahme aufgetaucht, die meines Erachtens genau einen solchen Wagen zeigt:

Hansa_Typ_ C_8-24_PS_1913-14_Wk1_1918_Dierks_Galerie

Hansa Typ C 8/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Wie so oft bei deutschen Wagen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg verdanke ich diesen Fund der glücklichen Hand von Leser Klaas Dierks.

Die Identifikation als Hansa Typ C 8/20 PS stützt sich zum einen auf die fünf Luftschlitze in der Motorhaube, die auch der leistungsgesteigerte Typ 8/24 PS besaß, zum anderen auf den Flachkühler mit ansatzweise erkennbarem Markenschriftzug, der in dieser Form spätestens 1914 durch einen Schnabelkühler abgelöst wurde.

Die beiden Luftschlitze in der Karosserieflanke hinter der Haube – dem sogenannten Windlauf oder Torpedo – dienten übrigens der Belüftung des Fußraums, in dem sich bei längerem Betrieb die Abwärme von Motor und Getriebe staute.

Während ich mir bei der Ansprache des Wagens als Hansa Typ C 8/20 PS um 1912 ziemlich sicher bin, weist das Fahrzeug zwei Besonderheiten auf:

Zum einen besitzt dieser im 1. Weltkrieg eingesetzte Tourer bereits Stahlspeichenräder, zum anderen befinden sich Schalt- und Handbremshebel im Innern der Karosserie:

Hansa_Typ_ C_8-24_PS_1913-14_Wk1_1918_Dierks_Ausschnitt

Das ist ein interessanter Befund, da bei deutschen Autos oft bis Mitte der 1920er Jahre an außenliegenden Hebeln für Gangschaltung und Bremse festgehalten wurde.

Es gibt allerdings auch andere Beispiele für eine frühzeitige Verlegung nach innen, auf die mitunter Modelle mit wiederum außen angebrachten Hebel folgten.

Festzuhalten ist hier zudem, dass die Positionsleuchten wie bei Automobilen vor 1913/14 allgemein üblich noch nicht elektrisch, sondern mit Petroleum betrieben waren. Diejenige auf der Fahrerseite fehlt auf dieser Aufnahme.

Die Kennung unterhalb der Windschutzscheibe verrät, dass dieser Hansa Typ C 8/20 PS zur 7. Armee gehörte, die den 1. Weltkrieg über an der Westfront eingesetzt war.

Der Fahrer dieses Wagens befand sich in der vergleichsweise glücklichen Lage, nicht direkt an der Front als Infanterist eingesetzt zu sein.

Dennoch konnte auch er nicht sicher sein, gesund in die Heimat zurückzukehren, als er diese Aufnahme anfertigen ließ, die vor nunmehr über 100 Jahren wohl vor einem Schloss irgendwo in Belgien oder Frankreich entstand.

Dokumente wie dieses geben bei aller Freude über die großartigen Automobile jener Zeit auch Anlass innezuhalten und sich zu vergegenwärtigen, wie dünn das Eis war, auf dem sich unsere Vorfahren damals bewegten.

Unabhängig von der Historie der frühen Hansa-Automobile vielleicht ein Anlass, anhand solcher alten Fotos wieder einmal in die eigene Familiengeschichte einzutauchen…

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Charakterkopf von Hebmüller: Hanomag Sturm Cabrio

Nach längerer Abstinenz widme ich mich heute wieder einmal dem Hanomag „Sturm“ – dem 6-zylindrigen Spitzenmodell des berühmten Maschinenbauers aus Hannover, der den PKW-Bau eher nebenher betrieb.

Auch wenn den Hanomag-Wagen jede Kühnheit der Konstruktion abging, überzeugten sie etliche Kunden mit ihrer Ausstrahlung unbedingter Solidität, die sie im Alltag ja auch bewiesen.

Ab Werk mied man formal ebenfalls alle Experimente und ließ für den „Sturm“ die Karosserie des parallel produzierten Vierzylindermodells „Rekord“  vom Lieferanten des Standardaufbaus – Ambi-Budd – um 20, später 30 cm verlängern.

Äußerlich erkennbar war der ab 1934 gebaute Hanomag Sturm daher eigentlich nur an der längeren Haubenpartie mit fünf statt vier seitlichen Luftklappen und dem Typenschriftzug im Kühlergrill.

Hier ein bisher unpubliziertes Foto, das einen Hanomag „Sturm“ mit dem typischen Limousinenaufbau zeigt:

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Hanomag „Sturm“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die auf 1939 datierte Aufnahme aus Niedersachsen ist vom Erhaltungszustand nicht die beste, lässt aber alle wesentlichen Elemente des Typs erkennen. Hier ist am unteren Ende der Motorhaube hinter dem Haubenfeststeller (mit verchromtem Zugring) die dreieckige „Ambi-Budd“-Plakette zu sehen.

Da der Wagen nur etwas mehr als 1,60 m hoch war, müssen die beiden im Einsteigen begriffenen Personen recht groß gewesen sein. Doch offenbar bot der Hanomag „Sturm“ auch für Insassen mit Hut bzw. „hoher Stirn“ ausreichend Kopffreiheit.

Szenenwechsel. Kurz nach Entstehung dieser Aufnahme begann mit dem Angriff Deutschlands und Russlands auf Polen im September 1939 der Zweite Weltkrieg.

Private PKW wurden damals in Deutschland zum größten Teil für die Zwecke des Militärs eingezogen. Wer seinen Wagen nicht zwingend zur Ausübung seines Berufes benötigte wie Ärzte, Veterinäre, Unternehmer – und Parteifunktionäre – sah sich einem „unwiderstehlichen“ Abfindungsangebot gegenüber, das m.W. nie erfüllt wurde.

Ausgenommen blieben Fahrzeuge der 1920er Jahre, deren Alter und Ersatzteilversorgung sie als ungeeignet erscheinen ließ. Paradoxerweise haben dadurch zahlreiche Wagen jener Epoche den Krieg überstanden.

Für die robusten und zuverlässigen Hanomag-Wagen der 1930er bedeutete der Kriegsausbruch dagegen fast durchweg, dass sie eingezogen wurden. Das blieb auch den „Sturm“-Modellen mit ihrem durstigen 2,2 Liter-Motor nicht erspart:

Hanomag_Sturm_SdKfz10_Galerie

Hanomag „Sturm“ Cabriolet und SdKfz10; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir einen in grau gespritzten Hanomag „Sturm“ -vermutlich mit Cabrio-Aufbau von Ambi-Budd – an einem unbekannten Ort zusammen mit einem leichten Halbkettenfahrzeug SdKfz10 in der Ausführung mit 2cm-Flugabwehrgeschütz.

Vom Vierzylindermodell „Rekord“ liegen mir weit mehr solcher Aufnahmen aus dem 2. Weltkrieg vor, was dessen höhere Stückzahl (ca. 19.000 ggü. weniger als 5.000) widerspiegelt.

Das bislang einzige weitere Foto eines Hanomag „Sturm“ im Kriegseinsatz, das ich bisher erwerben konnte, zeigt ausgerechnet eine der extravaganten offenen Varianten mit Manufakturkarosserie, wie sie vor allem Hebmüller lieferte.

Auf den ersten Blick sieht man hier von dem Wagen nicht viel:

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Hanomag „Sturm“ Cabriolet von Hebmüller; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Situation dürfte zu Beginn der kalten Jahreszeit beim Russlandfeldzug (ab 1941) entstanden sein. Die beiden Soldaten im Vordergrund sind Offiziere, die vielleicht schon den Ersten Weltkrieg als junge Männer mitgemacht haben.

Im Detail zeigen sich für Kenner interessante Unterschiede, was Kopfbedeckung, Mantelkragen und Koppel angeht. Hier scheint mancher seinen eigenen Vorlieben entsprechend nicht mehr aktuelle Stücke „aufgetragen“ zu haben.

Eine Wissenschaft für sich sind auch Details wie der Inhalt der ungewöhnlich kleinen Pistolentasche des rechten Offiziers – so waren neben deutschen Fabrikaten auch bewährte ausländische Modelle verbreitet.

Doch uns interessiert natürlich in erster Linie der Wagen, von dem außer dem Hanomag-Emblem auf dem Kühlergill nicht viel zu erkennen ist, wie es scheint.

Die im Winter übliche Kühlermanschette aus Kunstleder verdeckt ihrem Zweck gemäß einen beträchtlichen Teil des Grills, um das Erreichen und Halten der Betriebstemperatur in der kalten Jahreszeit zu unterstützen.

Dennoch sieht man genug, um elektrisiert zu sein:

Hanomag_Sturm_Hebmüller_Cabrio_WH_Ausschnitt

Die eigentümliche Kühlerfigur am Vorderende der Haube ist nämlich ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die Herren Offiziere hier nicht irgendeinen Hanomag zur Verfügung hatten.

Dieses Detail gab es ab Werk nicht – es  war einer Spezialkarosserie vorbehalten, die die Karosseriefirma Hebmüller auf Basis des Hanomag „Sturm“ anbot.

Mehr als drei Jahre ist es her, dass ich mich ausführlich genau mit einem solchen Wagen beschäftigt habe. Die merkwürdige Kühlerfigur ist mir in Erinnerung geblieben, weshalb mir die obige Kriegsaufnahme spontan ins Auge fiel.

Hanomag_Sturm_Hebmüller_Cabriolet_Werksfoto_Galerie

Das Porträt dieses Hebmüller-Cabriolets einschließlich einer Stilkritik findet sich hier. Erkennbar ist die wohl einzigartige Kühlerfigur, deren Bedeutung sich mir nicht ganz erschließt – vielleicht hat jemand eine Erklärung.

Nun stellt dieses Werksfoto nicht zwangsläufig die Lösung der Frage dar, was für ein Hanomag genau einst in der kalten Jahreszeit auf dem Foto mit den beiden Offizieren zufällig (?) mit abgelichtet wurde.

Denn erst kürzlich fand ich eine weitere Abbildung, die einen ganz ähnlichen, aber nicht völlig identischen Hanomag zeigt:

Hanomag_Sturm_Hebmüller_Cabrio_Kfz_Handel_und_Bewirtschaftung_17-02-1939_Galerie

Hanomag „Sturm“ Cabriolet von Hebmüller; Abbildung aus „Kfz-Handel und -Bewirtschaftung“ vom 17.02.1939, Original aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir es mit einer gedruckten Version eines mutmaßlichen weiteren Werksfotos eines Hanomag „Sturm“ Cabriolets zu tun, die wie das erste vor dem großartigen Rathaus in Hannover entstanden ist.

Die abweichende Gestaltung der seitlichen Luftschlitze in der Motorhaubewaagerecht und in zwei übereinanderliegenden Reihen – ließ mich zunächst an Gläser aus Dresden denken, doch letztlich erwies sich auch diese Karosserie als Hebmüller-Aufbau (zum Vergleich siehe hier).

Ob dieser Wagen genau dieselbe eigentümliche Kühlerfigur wie das erste Hebmüller-Cabrio und das von der Wehrmacht eingesetzte Fahrzeug trug, ist nicht ganz klar.

Kurioserweise entdeckte ich in meinem Fundus noch eine Reklame von Hanomag, die ganz sicher ein „Sturm“ Cabriolet mit Hebmüller-Karosserie zeigt, aber die Gestaltung der Luftschlitze offenlässt:

Hanomag_Sturm_Hebmüller_Cabrio_Reklame_Galerie

Hanomag-Reklame für das Hebmüller-Cabriolet auf Basis des Hanomag Sturm; Originalanzeige aus Sammlung Michael Schlenger

Kann es sein, dass das Werk hier mit einer Retusche dafür gesorgt hat, dass gar keine Luftschlitze zu sehen sind?

Sollte der Aufbau so besonders puristisch erscheinen oder spiegelt die Darstellung schlicht die Möglichkeit einer unterschiedlichen Ausführung der Luftschlitze wider, die man dem Kundengeschmack überließ?

So oder so haben wir hier ein Dokument aus Friedenszeiten, das ein Hebmüller-Cabriolet genau aus der Perspektive zeigt, aus der einst der Hanomag „Sturm“ mutmaßlich an der Ostfront fotografiert wurde.

Was aus dem Auto wohl geworden sein mag? Hat es den Krieg überstanden? Liegen seine Reste noch irgendwo in den Weiten der Ukraine oder Russlands? Ziert vielleicht wenigstens der Kühler oder eine Radkappe heute noch eine private Sammlung?

Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass ein solches Auto spurlos verschwunden sein soll. Doch hunderttausende Kriegsteilnehmer auf beiden Seiten sind ebenfalls bis heute verschollen – und das ist eine Tragik von ganz anderem Ausmaß.

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Gestern und heute: Neues vom Protos Typ „G“

Beinahe kommt es mir wie gestern vor, dass ich einen Blog-Eintrag zum G-Typ der einstigen Berliner Marke Protos gemacht habe (hier).  Tatsächlich war das bereits im Frühjahr 2018 – nun haben wir Herbst 2019…

Doch war es ganz sicher heute, dass mich eine Nachricht zu genau diesem Vierzylindermodell erreichte, das 1910-14 in zwei Varianten erhältlich war: als Typ G1 6/18 PS mit 1,6 Liter bzw. Typ G2 8/21 PS mit 2,2 Liter Hubraum. 

Wie bei fast allen deutschen Marken ist die Dokumentation bei Modellen vor dem 1. Weltkrieg auch bei Protos äußerst dünn – eines der Motive, die zur Entstehung dieses Blogs und der umfangreichen Bildergalerien beigetragen haben.

Mittlerweile sind hier mehr originale Dokumente zum Protos G-Typ versammelt als in der gesamten Literatur. Das ist freilich keine Kunst – es gibt kaum etwas zur frühen PKW-Produktion dieser 1899 gegründeten und 1908 von Siemens weitergeführten Marke von einst internationalem Rang.

So konnte ich zu den formalen Unterschieden zwischen den beiden G-Typen von Protos bislang nicht mehr in Erfahrung bringen, dass sie in den Dimensionen voneinander und ebenso von den noch größeren Sechszylindermodellen abwichen.

Dadurch ist es ausgesprochen schwer, einen Protos der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg ohne Größenmaßstab einem bestimmten Typ zuzuordnen. Das gilt auch für dieses Dokument, das kürzlich Eingang in meine Sammlung gefunden hat:

Protos_Typ_G2_8-21_PS_1912_Galerie

Originaler Zeitschriftenausschnitt aus Sammlung Michael Schlenger

Aus der Bezeichnung als „leichte“ Wagen kann man zwar ableiten, dass es sich wahrscheinlich um einen der Vierzylindertypen handelte und nicht um einen der großen Sechszylinder, wie ihn u.a. der deutsche Kronprinz fuhr.

Aber ob hier der G1 oder sein – bei gleicher Grundskonstruktion – etwas längerer und stärkerer Bruder G2 zum Einsatz kam, ist offen. Vielleicht habe ich aber Glück und einer der in Sachen Wettbewerb versierten Leser meines Blogs weiß mehr.

Auch wenn es auf den ersten Blick wie eine Startnummer aussieht, stand die Zahl auf dem Protos G-Typ auf folgender Aufnahme sicher für etwas anderes:

Protos_Typ_G1_oder_G2_um_1912_Wk1_Galerie

Hier haben sich deutsche Soldaten im 1. Weltkrieg eine Pause gegönnt und sich von einem entsprechend bewaffneten „Kamera“den ablichten lassen.

Zwei tragen am oberen Knopf der Uniformjacke ein Band, das sie als Träger des Eisernen Kreuzes ausweist – ein klarer Hinweis darauf, dass wir hier keine Manöversituation zu Friedenszeiten mehr vor uns haben.

So berührend solche Details sind – noch heute kündet jeder Dorffriedhof hierzulande und bei den einstigen Gegnern von den Opfern, die der 1. Weltkrieg forderte – steht für uns doch der Tourenwagen mit dem unverkennbaren Protos-Kühler im Mittelpunkt, der im Hintergrund auf einem Waldweg wartet:

Protos_Typ_G1_oder_G2_um_1912_Ausschnitt1

Dass der Protos hier sehr kompakt wirkt, ist der Aufnahmeperspektive und dem Abstand zum Objektiv der Kamera zuzuschreiben.

Doch darf man einen der großen und seltenen Sechszylindertypen ausschließen und hier einen Protos G-Typ annehmen. Dem Nummernschild nach zu urteilen, gehörte er zur VI. Armee aus Bayern und war dort Wagen 106 im Fuhrpark.

Die VI. Armee war ab 1914 an der Westfront eingesetzt und blieb bis 1918 in Frankreich. Wo genau die Aufnahme entstanden ist, wird sich nicht mehr klären lassen. Das ist das Schicksal solcher Fotos, wenn die Alben der längst verstorbenen Kriegsteilnehmer, aus denen sie stammen, heute zerfleddert werden.

Die groß aufgemalte Ziffer 6 dürfte auf eine Untereinheit verweisen, deren Erkennbarkeit aus irgendwelchen Gründen wichtig war. Vielleicht kann ein sachkundiger Leser mehr dazu sagen.

Bemerkenswert ist nebenbei die Präzision, mit der dieser weit im Hintergrund stehende Protos auf dem über 100 Jahre alten Abzug festgehalten ist:

Protos_Typ_G1_oder_G2_um_1912_Ausschnitt2

Dass der Protos hier noch im Schärfebereich liegt, die beiden gutgelaunten Soldaten im Vordergrund aber nicht, war wohl kaum beabsichtigt, kommt uns aber entgegen.

Selbst die feinen Strukturen der Kühlerwaben sind hier zu erkennen, außerdem natürlich der einzigartige Protos-Kühler mit seinem vom Jugendstil inspirierten, exotisch wirkenden Ornament auf der Oberseite.

Einen Datierungshinweis geben die beiden elektrischen Positionsleuchten im Windlauf – also dem ansteigenden Blech zwischen Motorhaube und Frontscheibe. Sie waren bei deutschen Wagen in der Regel kaum vor 1914 verbreitet.

Der übrige Aufbau weist keine marken- oder typspezifischen Details auf – so sahen praktisch alle Tourenwagen etablierter Hersteller im deutschsprachigen Raum aus.

Dennoch zählt bei den schlecht dokumentierten Wagen aus der Frühzeit von Protos jedes Originalffoto. Möglicherweise bergen diese Aufnahmen doch winzige Details, die irgendwann bei der genauen Typansprache und Chronologie helfen.

Nach diesem Ausflug ins Gestern, das unseren Vorfahren unvorstellbare Härten zumutete und die alle von verwöhnten Nachkriegsgenerationen beklagten Probleme als Lappalien erscheinen lässt, ist es ausgerechnet ein Dokument aus dem Heute, das uns die tatsächliche Schönheit dieser Wagen wirklich begreifen lässt.

Lässt man sich auf die reiche Formenwelt des ausgehenden Jugenstils ein – nach der Renaissance die facettenreichste und phantasievollste Kunstepoche (für mich zudem die letzte überhaupt) – und sieht dann einen überlebenden Wagen jener Zeit im Original, weicht der erste Eindruck der Fremdartigkeit dem Begreifen der Harmonie dieser am Vorbild der Natur geschulten geschwungenen Linien:

Protos_Typ_G2_Rajmund_Engwer_Galerie

Protos Typ G2; Originalfoto von Rajmund Engwer (Polen)

Dieses wunderbare Automobil gehört Rajmund Engwer aus Polen und ist seiner Aussage nach einer von drei noch existierenden Protos-Wagen des Typs G2 weltweit.

Hier begreift man, wo die bei den Blechkisten der Gegenwart, die oft keiner erkennbaren Gestaltungslogik mehr folgen, immer noch verwendete Vokabel Kot“flügel“ ihren einst berechtigten Ursprung hat.

Formal wie handwerklich ein Genuss sind selbst rein technische Elemente wie die hinteren Blattfedern, die keineswegs kaschiert wurden, sondern wie nahezu alle Teile des Wagens klar in ihrer Funktion hervortreten – nicht seelenlos aus der Stanze gefallen, sondern erkennbar von Könnerhand entworfen und geformt.

Ich kann jedem nur empfehlen, einmal die Zeit zu nehmen, sich solch ein Manufakturautomobil aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg genau anzusehen.

Die Präsenz und Opulenz dieser Zeugen einer untergegangenen Welt ist unbeschreiblich und das Können derer, die so etwas heute wieder in alter Pracht entstehen lassen, verdient größte Achtung.

Übrigens wird der Eigner dieses wunderschönen Protos Typs G2 demnächst einen Artikel zu dem Modell in einer polnischen Klassikerzeitschrift verfassen – garniert mit Originaldokumenten aus diesem Blog.

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Offen für alles: Cabriovarianten des Hanomag „Rekord“

Zu den treuen Begleitern seit den Anfängen meines Blogs für Vorkriegsautos auf alten Fotos gehört ein deutsches Modell, das schon dadurch auffällt, dass es sich – gemessen an der überschaubaren Produktionszahlsehr oft auf zeitgenössischen Aufnahmen erhalten hat.

Das mag damit zusammenhängen, dass es ein gut aussehendes klassisches Automobil der 1930er Jahre ohne Fehl und Tadel war. Zum anderen besaß es eine außergewöhnliche Dauerhaftigkeit, die anderen Wagen jener Zeit fehlte.

Die Rede ist vom „Rekord“ des Maschinenbauers Hanomag, der in den 1920er Jahren erste Gehversuche mit dem kuriosen Typ 2/10 PS machte, der vom Volksmund unter anderem „Kommissbrot“ genannt wurde.

Hier haben wir eine bisher unveröffentlichte Aufnahme dieses Kleinwagens, dessen wohl einziger bleibender Verdienst in der Verwendung einer damals ultramodernen Pontonkarosserie bestand:

Hanomag_2-10_PS_datiert_ca_1929_Galerie

Hanomag 2/10 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von der Optik abgesehen blieb das im Vergleich zu ausländischen Kleinwagen technisch primitive Fahrzeug eine Sackgasse.

Doch binnen weniger Jahre gelang Hanomag aus eigener Kraft der Einstieg in den Bau zeitgemäßer Automobile.

Dabei machte ab 1929 das formal noch etwas biedere, jedoch erwachsen wirkende 3/16 bzw. 4/20 PS-Modell den Anfang. Hier eine bislang unveröffentlichte Aufnahme von mäßiger Qualität:

Hanomag_3-16_oder_4-20_PS_Limousine_09-1932_Galerie

Hanomag 3/16 oder 4/20 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Identifikation war hier letztlich nur anhand der Kühlerfigur – ein sich aufbäumendes Pferd – und des schemenhaft zu erkennenden Markenemblems mit den seitlichen Umrissen des Hanomag „Kommissbrot“ möglich.

Es ist erstaunlich zu sehen, dass ein Hersteller wie Hanomag, der den PKW-Bau nur nebenher betrieb, schon im nächsten Schritt ein Automobil schuf, das zwar technisch unspektakulär war, aber äußerlich vollkommen den Zeitgeschmack traf.

Damit wären wir beim Hanomag „Rekord“ angelangt, der 1934 debütierte:

Hanomag_Rekord_Ausflug_Galerie

Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Hannoveraner verzichteten beim „Rekord“ auf Experimente und gaben den Stand der Technik deutscher Mittelklassenwagen wieder: Der seitengesteuerte Vierzylinder mit 1,5 Litern Hubraum leistete solide 32 PS, die Vorderräder waren achslos aufgehängt und die Vierradbremse wurde hydraulisch betätigt. 

Dabei muss Hanomag dem „Rekord“ jedoch im Detail eine Solidität der Konstruktion und Verarbeitung mit auf den Weg gegeben haben, die dem Überleben in den folgenden schweren Jahren zugutekam.

Nachdem ich hier zuletzt eine Reihe von Fotos geschlossener Versionen des Hanomag „Rekord“ gezeigt habe, sind heute Cabriolet-Ausführungen an der Reihe.

Auch diese erwiesen sich in den folgenden turbulenten Jahren ungewollt als „offen für alles“. Den Anfang meiner kleine Zeitreise im Hanomag „Rekord“ Cabriolet macht dieser schöne Wagen mit Sonderaufbau von Hebmüller:

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Hanomag „Rekord“ Cabriolet (Hebmüller); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es gibt noch eine weitere – leider sehr schlecht erhaltene – Aufnahme desselben Wagens, vor Schloss Eisenbach im Vogelsberg – also nicht allzuweit von der Wetterau, in der ich wohne  – und noch heute unter Kennern ein beliebtes Ausflugsziel in der Region.

Mit etwas Fleiß kann der interessierte Leser meinen Blog-Eintrag ausfindig machen, in dem ich diese zweite Aufnahme vorgestellt habe – das ist freilich schon etliche Jahre her.

Weiter geht es mit einer anderen Aufnahme eines Hanomag „Rekord“ Cabriolets, die nicht in ländlicher Idylle entstand, sondern im Trubel der Großstadt – vor dem Olympiastadion in der Reichshauptstadt Berlin im Juli 1938:

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Hanomag „Rekord“ Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wenn ich mich nicht täusche, haben wir hier Soldaten der deutschen Luftwaffe vor uns, die sich auf einer „Dienstfahrt“ haben ablichten lassen, damit die Angehörigen ordentlich ins Staunen kommen.

Das Fehlen der verchromten Radkappen könnte ein Hinweis darauf sein, dass dies kein Privatwagen, sondern ein direkt an die Luftwaffe geliefertes Auto sein könnte.

Die ungelochten Scheibenräder verraten, dass dieser Hanomag aus der ersten Serie stammt, die bis 1936 gebaut wurde. Interessanterweise verzichtete man beim „Rekord“ bis Produktionsende 1938 auf die sich ab 1934 verbreitenden Kotflügelschürzen.

Die nächste Aufnahme eines Hanomag „Rekord“ Cabriolets transportiert uns bereits in den 2. Weltkrieg – hier wohl ins Jahr 1940, als der Frankreichfeldzug stattfand:

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Hanomag „Rekord“ Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme zeigt zwei Unteroffiziere und einen Gefreiten (erkennbar am Winkel auf dem Ärmel) neben einer pferdespannten Kolonne, die hinter der Front Nachschub transportiert.

Im 1. Weltkrieg sah das Bild an der Westfront nicht viel anders aus. Der Motorisierungsgrad war auch 1940 im Hinterland noch gering und Automobile waren so selten, dass sie gern fotografiert wurden, wenn es die Lage erlaubte.

Der hier abgebildete Hanomag „Rekord“ muss schon einiges mitgemacht haben, wie der unter der matten Wehrmachtslackierung wieder hervorlugende Chrom an Stoßstange und Frontscheibe verrät. Ansonsten ist er aber noch gut beieinander.

Das sollte sich mit zunehmender Dauer des Kriegs ändern – man sieht den beim Militär eingesetzten Wagen immer deutlicher an, dass sie für Zwecke eingesetzt wurden, für die sie nicht vorgesehen waren.

Hier haben wir das nächste Hanomag „Rekord“ Cabriolet, das mehrere Jahre nach Produktionsende immer noch unverdrossen Dienst bei der Wehrmacht schiebt:

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Hanomag „Rekord“ Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es spricht für die Nehmerqualitäten der Hanomag-Wagen, dass sie offenbar noch im Einsatz waren, als sich längst die Wende im Kriegsgeschehen abzeichnete.

Dieses Exemplar ist mit einer mehrfarbigen Tarnlackierung versehen, die erst ab 1943 gängig wurde, nachdem die deutschen Truppen und ihre Verbündeten an der Ostfront die Luftüberlegenheit eingebüßt hatten.

Nunmehr waren Fahrzeuge vermehrt der Gefahr eines Angriffs gegnerischer Kampfflugzeuge ausgesetzt, worauf mit solchen Tarnlackierungen reagiert wurde. Wie sehr sich die Verhältnisse geändert hatten, wird auch an der zusammengewürfelten „Uniform“ des Soldaten neben dem Wagen deutlich.

So trägt er den normalen Waffenrock des Infanteristen zusammen mit einer Reiterhose und entsprechenden Stiefeln. Als Träger des Eisernen Kreuzes – erkennbar am Ordensband an der Knopfleiste – konnte er sich solche Freiheiten wohl erlauben.

Am Hanomag fällt auf, dass die gerippte Chromstoßstange links außen abgerissen ist und die darunterliegende Halteschiene zutagetritt. Bemerkenswert ist der Stollenreifen am linken Vorderrad, während rechts noch ein „ziviles“ Profil montiert ist.

Dieses Foto ist das späteste mir bislang begegnete, das einen Hanomag „Rekord“ im Kriegseinsatz zeigt. Es lässt deutlich den Verschleiß erkennen, dem die deutsche Militärmaschinerie zu diesem Zeitpunkt unterlag.

Doch selbst das sich ab 1943 zuspitzende Kriegsgeschehen müssen etliche Hanomag-Wagen des Typs „Rekord“ verkraftet haben, wie die zahlreichen Fotos überlebender Fahrzeuge in meiner Sammlung zeigen.

Hier haben wir einen solchen Veteranen, der noch in den 1950er Jahren seinen Besitzern wertvolle Dienste leistete:

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Hanomag „Rekord“ Cabriolet“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick könnte das glatt der Wagen sein, den wir zuvor in Tarnlackierung irgendwo an der Ostfront gesehen haben. So ist auch bei ihm das linke Ende der Stoßstange abgerissen.

Aber: Es muss sich dabei um die frühere, bis 1936 gebaute Version des „Rekord“ gehandelt haben, bei der das Flügelemblem an der Oberseite des Kühlers lag.

Nicht täuschen lassen darf man sich von der gelochten Felge am Vorderrad, die auf die Ausführung von 1937/38 hindeutet. Diese dürfte nachgerüstet worden sein – vielleicht noch bei einer Instandsetzungseinheit der Wehrmacht.

An der Hinterachse jedenfalls ist das zur Kühlergestaltung passende ungelochte Scheibenrad zu sehen.

Man sieht an diesen Zeitzeugnissen letztlich, dass die Cabriolets des Hanomag „Rekord“ im wahrsten Sinne des Wortes „offen für alles“ sein mussten, was das Überleben unter heute unvorstellbaren Bedingungen angeht.

Auch wird einem bewusst, dass sich der „Originalzustand“ bei den meisten Automobilen jener Zeit überhaupt nicht eindeutig bestimmen lässt – wie im Moment der Auslieferung war jedenfalls keiner dieser Wagen lange unterwegs.

Dem heutigen Besitzer eröffnet dieser Befund ein weites Feld von Möglichkeiten – nur: Wo sind all die schönen Hanomag „Rekord“ Cabriolets geblieben? Ich habe nämlich noch nie eines zu Gesicht bekommen…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.