Macht Appetit auf mehr: Talbot 11CV „Six“

Nanu, nach dem letzten Blog-Eintrag zum Citroen 8CV schon wieder etwas zu einem „Franzosen“wagen? Warum nicht – das Gefährt aus Kölner Produktion war ja fast schon ein deutsches Auto.

Außerdem habe ich als Besitzer einiger französischer Vorkriegsmobile durchaus ein Faible für die große Tradition unserer linksrheinischen Nachbarn. Da bekommt man schnell Appetit auf mehr.

Einige Leser erinnern sich bestimmt an diese charmante Aufnahme, die ich vor einiger Zeit hier besprochen habe:

Talbot DC10; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Solche historischen Fotos voller Leben sind das Salz in der Suppe für den Liebhaber von Vorkriegsautomobilen – da kann einem das technisch perfekteste Werksfoto gestohlen bleiben.

Bei dem Talbot mit der Reifenpanne handelte es sich um das Modell DC 10 der ersten Hälfte der 1920er Jahre. Es verfügte über ein Vierzylinderagreggat mit 1,6 Liter Hubraum, das dank hängender Ventile eine für damalige Verhältnisse lebhafte Charakteristik aufwies.

Wer dennoch Appetit auf mehr Leistung hat, kommt heute auf seine Kosten. Doch zuvor will das Thema anhand der folgenden Aufnahme vorbereitet und vertieft werden.

Zugegeben, auf den ersten Blick ist das eine etwas blass daherkommenden Limousine, die im September 1926 abgelichtet wurde:

Talbot Typ DC10; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nur mit Mühe ließ sich der Wagen anhand des schemenhaft erkennbare Kühleremblems als Talbot identifizieren. Die Historie der Marke, die zu den kompliziertesten überhaupt gehört, lasse ich heute außen vor, denn wir haben Appetit auf mehr Material.

Passend dazu hält der Bursche am linken Bildrand zwei prächtige Weißbrote im Arm – man kann sich auch nach fast 100 Jahren noch den Duft vorstellen, der ihm in die Nase steigt, wenn er gerade vom Bäcker gekommen ist.

Auf dem Heimweg hat er sich noch rasch auf das Foto geschmuggelt, sofern er nicht einen uns unbekannten Bezug zu dem Wagen oder seinen Insassen hatte.

Technisch verdrahtete Männergehirne mögen bei zwei Baguettes vielleicht die Assoziation zweier zusätzlicher Zylinder produzieren und nun entsprechenden Appetit verspüren.

Die Hirne hinter der Marke Talbot müssen ähnlich gedacht haben, denn 1927 brachte man einen 2-Liter-Typ auf den Markt, der nun sechs statt vier Zylinder aufwies und damit in Konkurrenz zu den US-Wagen trat, die damals auch am französischen Markt einschlugen.

Die offizielle Bezeichnung dieses neuen Typs M 67 lautete TALBOT 11 CV Six. Er wurde bis etwa 1930 kaum verändert gebaut, weshalb ich mich schwer damit tue, das Exemplar auf folgender Aufnahme zeitlich näher einzugrenzen:

Talbot 11CV „Six“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zur Identifikation muss ich in diesem Fall keine Worte verlieren, der Schriftzug auf dem Kühler sagt alles. Nicht immer hat man es so leicht, nicht immer auch will man es so leicht haben – doch ergibt man sich gern der Leichtigkeit, wenn sie so lässig daherkommt wie hier.

Der Talbot ist zwar bei dieser hübschen Picknick-Situation nur ein Statist, doch macht er auch als solcher so gute Figur, dass er unbedingt mit auf’s Foto musste.

Wir sind dem unbekannten Schöpfer dieses wohlinszenierten „Schnappschusses“ dankbar für seinen guten Geschmack und bekommen beim Anblick dieses Familienidylls vielleicht selbst Appetit auf mehr.

Leider kann ich derzeit nicht mehr auftischen, was Fotos dieses Sechszylindermodells von Talbot angeht, doch die Cousins Jarek und Maciek Peda aus Polen können einspringen.

Sie kauften nämlich 2016 ein unrestauriertes Exemplar eines Talbot 11CV Six, überholten das Cabriolet in zweijähriger Arbeit technisch, fertigten das weitgehend fehlende Interieur nach und konservierten das Äußere des Wagens lediglich (siehe hier).

Das Ergebnis ist ganz wunderbar und macht sicher nicht nur den Freunden von Vorkriegs-Talbots Appetit auf mehr: https://www.youtube.com/watch?v=wUjCetbUw6c

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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