Der Clanchef gibt sich die Ehre: Benz 27/70 PS

Heute bietet sich die seltene Gelegenheit, sich dem Oberhaupt einer Familie anzunähern, deren Angehörige zwar immer wieder auffällig werden, deren Chef sich aber bislang dem Zugriff entziehen konnte.

Die Mitglieder dieses Clans zeichnen sich durch bemerkenswerte Ähnlichkeit aus, wie sie Ergebnis beharrlicher Inzucht ist. Auf Fahndungsplaketen sind sie nicht zufällig alle mit derselben spitz endenden, ansonsten vollkommen geraden Nase abgebildet:

Benz-Reklame aus „Motor“, Dezember 1917; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Solche Konterfeis lassen zwar die Familienzugehörigkeit auf Anhieb erkennen, zumal die Clanmitglieder ihren Namen stets stolz vor sich her tragen. Doch genügt das vorliegende Material nicht immer, die genaue Identität hinreichend zu bestimmen.

Es bedarf aussagefähiger Beweisfotos und einiger Erfahrung, um die einzelnen Angehörigen dieser Familie auseinanderzuhalten, die an ihrem Ursprungsort Mannheim heute auch Neubürger unter dem Namen Benç (gesprochen: „Benz“) kennen.

In einigen Fällen ist die Ähnlichkeit so groß, dass man nicht genau sagen kann, welches Familienmitglied nun genau vor einem steht, in anderen Fällen lassen sie sich an der Größe recht gut unterscheiden.

Beginnen wir beim Junior und lernen anschließend die wichtigsten Vertreter dieses Clans kennen, bis wir am Ende Bekanntschaft mit dem Chef der Familie höchstselbst machen.

Schon dem Nesthäkchen ist unverkennbar der Charakter des Clans ins Gesicht geschrieben, auch wenn er längst noch nicht ausgewachsen ist:

Benz 8/20 PS (Vierzylinder), frühe 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses halbstarke Mitglied des Benz-Clans mit dem Rufnamen 8/20 PS, besitzt nicht nur die markante Nase der Familie, sondern kommt wie die großen Brüder mit einem halbrunden Werkzeugkasten an der Flanke daher, über dessen Inhalt man spekulieren kann.

Nicht mehr so bubenhaft, sondern bereits ausgewachsen erscheint dagegen sein nächstgrößerer Bruder – in der Familie als Typ 10/30 PS bekannt. Er ist von kräftigerer Statur und legt erkennbar Wert auf eine sportliche Erscheinung, zumindest was das „Schuhwerk“ angeht:

Benz 10/30 PS (Vierzylinder) der frühen 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nur wenig unterscheidet diesen Typ vom nochmals größeren Familienmitglied, traditionell nur 11/40 PS geheißen.

Der hält sich für bedeutend vornehmer und legt erkennbar Wert auf mehr Diskretion, was nicht bedeutet, dass er nicht bei Bedarf die Muskeln spielen lassen kann. Die familientypische Nase erscheint hier noch länger und verrät, dass dieser Bursche seinen kleinen Brüdern einiges an Kraftreserven voraus hat – aber auch an Kultiviertheit:

Benz 11/40 PS (Sechszylinder) der frühen 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch so beeindruckend dieses Familiemitglied auch erscheint, so sind wir damit noch nicht an der Spitze des Clans angelangt.

Denn nochmals mehr Gewicht in die Waagschale wirft der nächste Vertreter – 16/50 PS geheißen – trotz seiner Größe nun wieder ein sportlich daherkommender Typ.

Er hat übrigens denselben Werzeugkasten bei sich wie der eingangs gezeigte Clan-Junior. Der kleine Bruder hat also auch in dieser Hinsicht grundsätzlich dieselben Anlagen wie Big Brother – er kann freilich nicht mit einer so beeindruckenden Statur aufwarten wie dieser:

Benz 16/50 PS (Sechszylinder) der frühen 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit diesem respekteinflößenden Typ befinden wir uns nun ganz in der Nähe des Familienoberhaupts. Allerdings gibt sich dieses nur selten die Ehre und lässt neugierige Zeitgenossen gerne warten.

Wir haben aber Zeit und machen unterdessen Bekanntschaft mit einem „Cousin“ des Typs 16/50 PS, der diesem in der Hierarchie der Familie kaum nachstehen dürfte.

Fast könnte es sich um einen Zwillingsbruder handeln, der indessen im Detail einen etwas verfeinerten Geschmack pflegt:

Benz 16/50 PS (Sechszylinder) der frühen 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie es scheint, hat ein auf derselben Ebene angesiedeltes Mitglied des Benz-Clans es geschafft, solide Kontakte mit der Polizei zu knüpfen. Das ist sogar offiziell dokumentiert.

So pflegt dieser „Cousin“ des Typs 16/50 PS freundschaftlichen Kontakt zum Chauffeur des Polizeipräsidenten. Solche Verbindungen in obere Kreise sind für einen Clan, der wirklich Erfolg haben will bei seinen Geschäften, natürlich unbezahlbar.

Benz 16/50 PS (Sechszylinder) der frühen 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Familie Benz, von der ich dank langjähriger Verbundenheit hier einige Mitglieder vorstellen kann, hat es in dieser Hinsicht bereits früh geschafft, trotz einfacher Herkunft das Vertrauen der Spitzen der Gesellschaft zu gewinnen.

Bereits der älteren Generation der Familie war es gelungen, sich sogar beim Militär beliebt zu machen, als man dort noch Wert auf tadelloses Äußeres und Verhalten legte.

Hier haben wir einen Clan-Vorfahren, der schon dieselbe spitze Nase besaß, welcher sich hochrangigen Chargen angedient hatte und dort große Wertschätzung genoss:

Benz 25/55 PS (Sechszylinder) ab 1914; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nachdem wir uns auf diese Weise der vollkommenen Ehrenhaftigkeit des Benz-Clans vergewissern konnten und die Bekanntschaft mit honorigen Vertretern desselben machen durften, kommen wir nun in den Genuss der seltenen Ehre, Bekanntschaft mit dem Familienoberhaupt zu machen.

Natürlich vereint der Clanchef alle Eigenschaften seiner Anverwandten auf das Vortrefflichste und vermag sie in jeder Hinsicht nochmals zu übertreffen.

So besitzt er die mächtigste und zugleich distinguierteste Erscheinung – er hat in jeder Hinsicht die markante und besonders großgeratene Nase vorn. Gleichzeitig legt er Wert auf eine gewisse Verschlossenheit und ihm geht Machtfülle klar vor Sportlichkeit:

Benz 27/70 PS (Sechszylinder) der frühen 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Da steht er nun vor uns, der Clanchef höchstselbst und ehrfüchtig flüstert alles das Codewort, das in der Familie Benz höchstes Ansehen genießt: 27/70 PS.

Auch im Vergleich zu den direkt darunter angesiedelten Mitgliedern des Benz-Clans ist „der Chef“ von überragender Statur und übertrifft alle mit Abstand an Souveränität, aber auch Raffinesse, die aus einer langen Tradition schöpft und kaum Konkurrenz kennt.

Damit wären wir am Ziel des heutigen Ausflugs in die Welt des Benz-„Clans“ der frühen 1920er Jahre angelangt. Dabei haben wir praktisch die ganze Palette an Modellen kennengelernt – vom 2,1 Liter Vierzylinder 8/20 PS bis hin zum monumentalen Sechszylinder 27/70 PS, der seine enorme Kraft aus 7,1 Litern Hubraum bezog.

Diese Palette markiert zugleich den Endpunkt der Benz-Familiengeschichte, denn 1926 schlossen sich Benz und Daimler bekanntlich zusammen, um eine gemeinsame Tradition der Exzellenz zu begründen.

Übrigens will ich nicht bei allen heute gezeigten Fotos die Hand dafür ins Feuer legen, dass die Typbezeichnungen 100%ig stimmen, aber die Tendenz sollte zutreffen.

Die genaue Typansprache ist bei Benz-Wagen vor und nach dem 1. Weltkrieg oft mit Unsicherheit behaftet, da die Familienähnlichkeit sehr groß war und Charakteristika wie die Zahl der Haubenschlitze und die Länge des Vorderwagens nur grob mit den Motorisierungen zu korrelieren scheinen.

Entscheidend ist aber, dass man die beeindruckende Bandbreite der Typen anhand solcher Dokumente veranschaulichen kann, auch wenn sich nicht mehr in jedem Fall ermitteln lassen wird, welches Aggregat genau sich unter der Motorhaube verbarg.

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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