Das ist ja ein dicker Hund! Ein 1931er Auburn

Sollte mir zu Vorkriegsautomobilen einmal nichts mehr einfallen – was angesichts der stetig wachsenden Menge an Material in diesem Leben nicht mehr passieren dürfte – dann schreibe ich einen Blog über Hunde auf alten Fotos.

Ich bevorzuge zwar bei Vierbeinern die Gesellschaft von Katzen, und ein Exemplar davon liegt öfters unter der wärmenden Schreibtischlampe, während ich mich zu nächtlicher Stunde anschicke, Autofotos etwas Philosophisches abzugewinnen.

Doch Hunde haben es mir durchaus angetan, und zwar vor allem dann, wenn sie stolz auf dem Kühler oder Trittbrett „ihres“ Automobils posieren. Mit solchen Motiven könnte ich ein ganzes Buch füllen und mehr oder minder geistreiche Gedanken dazu niederschreiben.

Heute beschränke ich mich aber auf eine Einzelfallbetrachtung und improvisiere ein wenig über eine robuste Redensart, die jeder kennt: „Das ist ja ein dicker Hund!“

Woher der Ausspruch stammt, lässt sich gewiss im Netz ermitteln, doch ich kann es mir selbst denken: Ein „dicker Hund“ war historisch etwas Ungewöhnliches, mit dem man nicht gerade rechnete.

Der älteste vierbeinige Begleiter des Menschen hatte die längste Zeit eine Aufgabe, die zuverlässig verhinderte, dass er allzusehr Gewicht ansetzen konnte: Schafe zusammenhalten, Wild hetzen oder ungebetene Gäste vom Hof jagen.

„Das ist ja ein dicker Hund“, das wurde vermutlich zum ersten Mal ausgerufen, als jemand einen arbeitslosen Schoßhund erblickte, der sich von Frauchen die Leckerli zustecken ließ.

Dazu musste erst einmal ein Zustand erreicht werden, in dem Frauchen sich nicht mehr von morgens bis abend im Haushalt abmühen musste, während sich die Männer einen schönen Tag im Bergwerk, beim Bauen von Straßen oder auf hoher See machten.

Ganz gewiss erreicht war dieser Zustand jedenfalls für die „happy few“ der Damen, die sich einst in einer solchen Situation ablichten lassen konnten:

Auburn Cabriolet von 1931; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Das Konterfei dieses dicken Hunds nebst Frauchen verdanke ich Leser Klaas Dierks, der zu den Sammlerkollegen zählt, deren stetiger Nachschub dazu beiträgt, dass die Beschäftigung mit dem alten Blech in Schwarz-Weiß als gesichert betrachtet werden kann.

Ein dicker Hund ist freilich nicht nur der selbstbewusst in die Kamera schauende Zottel auf dem Trittbrett des Autos, sondern auch dieses selbst.

Der Wagen wirkt aus obiger Perspektive etwas übergewichtig, was jedoch damit zu tun hat, dass die uns streng fixierende Dame daneben eher kleingewachsen war.

Zur wuchtigen Erscheinung tragen außerdem die arg grobschlächtig wirkenden Stahlspeichenräder bei – dieses Automobil hätte von filigranen Drahtspeichenrädern profitiert. Und damit findet man es auch auf den meisten Abbildungen.

Was ist das denn nun für ein schwerer Brocken? Die Vorderpartie bringt einen mit etwas Erfahrung auf die Idee, dass es sich um einen amerikanischen „Auburn“ handeln dürfte:

Tatsächlich entpuppte sich der Wagen als Auburn des Modelljahrs 1931. Soweit ich es beurteilen kann, sah der Wagen auch 1932 noch so aus, doch der sonst so detailversessene „Standard Catalog of American Cars“ (von Kimes/Clarke) ist ausgerechnet bei dieser zur Extravaganz neigenden Marke auffallend sparsam mit Informationen.

Vermutlich waren sich die Experten für Auburn zu fein (oder zu faul) dafür, zu dem monumentalen Sammelband über US-Automobile der Vorkriegszeit beizutragen. So etwas soll es auch hierzulande geben.

Dennoch lässt sich der Wagentyp genau ansprechen – und dass, obwohl man zunächst meinen könnte, der exzentrisch anmutende Aufbau als Zweifenster-Cabriolet müsse die Schöpfung eines exklusiven Blechkünstlers gewesen sein:

„Das ist ja ein dicker Hund“ – dachte ich, als ich feststellen musste, dass diese opulente Linienführung das Werk einer ordinären Blechpresse im Auburn-Werk in Indiana war.

Dort entstand diese als „Convertible Coupe“ bezeichnete Standard-Ausführung des 1931er Auburn, der mit einem rund 100 PS starken Achtzylinder auch antriebsseitig ein ziemlich dicker Hund war.

Wer nun aufgrund dieses Fotos die Ansicht vertritt, dass der Auburn vielleicht doch nicht so gelungen war, ist in dieselbe Falle getappt wie ich selbst. Denn tatsächlich wird diese Aufnahme bei allen Qualitäten dem Erscheinungsbild des Wagens nicht gerecht.

Zum Glück gibt es ein hübsches Videoporträt, anhand dessen man sich von der absolut meisterhaften Gestaltung des Auburn überzeugen kann. Was dort auf einem banalen Parkplatz irgendwo in den Staaten präsentiert wird – das ist wahrlich ein dicker Hund:

Videoquelle: youtube.com; hochgeladen von Garage Dream Auctions

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Ein Gedanke zu „Das ist ja ein dicker Hund! Ein 1931er Auburn

  1. Auburn … da denkt man wohl zuerst an den mit einem Zentrifugalkompressor ausgestatteten Boattail Speedster, der jedoch erst 5 Jahre später auf den Boulevards von Hollywood den anderen Verkehrsteilnehmern vorwiegend sein schickes Bootsheck präsentierte. Wenn ein Auburn aber schon 1931 ein schwerer Brocken war, dann orientiere ich mich ebenfalls zunächst an der Motorverkleidung, die mich aber in der seitlichen Betrachtung ob der vielen Möglichkeiten nicht weiterbrächte. Was ich dann erkenne, ist eine senkrechte Mittelstrebe im Kühlergrill, die mich an den Pontiac erinnert, der im Jahre 1931 die Modellbezeichnung 401 trug. Als Europäer käme man bei 401 gleich auf Peugeot, wie auch bei 301 – denn mit 301 wäre meine andere Idee bezeichnet – ebenfalls eine einstige amerikanische Marke, nämlich Oakland, dessen seitliche Luftschlitze aber ganz senkrecht verlaufen. Somit wäre ich beim „dicken Hund“ ratlos geblieben, denn Dodge und Ford hätten auch nicht gepaßt. Auburn fängt zwar mit A an, aber ich hätte wohl erst bei B wie Buick zu suchen begonnen.

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