Tradition, Technik & Trend: Benz-Trio um 1920

Den „Benz Trio“ kannte ich noch nicht gar nicht – das mögen jetzt Leser denken, die meinen Blog vielleicht mit ernsthafter Automobil-Archäologie verwechseln.

Dabei soll die Beschäftigung mit den Vorkriegswagen ja vor allem Spaß machen – mir und Ihnen. Das erklärt manchen Kalauer, manchen erfundenen Dialog, manche spöttische Bemerkung (die nicht jedem gefällt, aber so ist das mit der Toleranz, nicht wahr?).

Manchmal wird schon die Überschrift Opfer meines Übermuts. Dabei trifft sie diesmal recht gut, worum es geht – wenngleich Sie keinen „Benz Trio“ erwarten dürfen. Ein Benz-Trio dagegen schon – dergleichen Unterscheidungen machen die deutsche Sprache aus.

Das Benz-Trio hat ganz von selbst zueinander gefunden, keine Casting-Show und kein Manager war dazu erforderlich. Wenn sich die Dinge beim abendlichen Sichten des Fotofundus plötzlich von alleine ordnen, dann weiß ich: Das ist ’ne Story, los geht’s!

Zur Marke Benz – vor dem Zusammenschluss mit Daimler – liegen mir Dutzende interessante noch unpublizierte Aufnahmen vor, teils aus meiner eigenen Sammlung, teils aus dem Fundus von Sammlerkollegen.

Das Material ist so umfangreich, dass ich meist davor zurückschrecke, eine Auswahl zu treffen. Doch heute war ich wild entschlossen, dass wieder einmal Benz an der Reihe ist. Da über diese Marke alles gesagt und alles publiziert ist (kleiner Scherz), ist es nicht einfach, den über etliche Motorisierungen hinweg sehr ähnlichen Autos etwas Neues abzugewinnen.

Doch heute will ich’s wagen! Also: Bekanntlich taucht bei Benz (wie bei Daimler und anderen deutschen Automarken) ab 1913/14 der modische Spitzkühler auf, den wir auf dieser Reklame aus dem 1. Weltkrieg besichtigen können:

Benz-Reklame aus: Der Motorfahrer, Dezember 1917; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Der Spitzkühler blieb bis in die frühen 1920er Jahren typisch für Benz, wenngleich konservative Kunden weiterhin auch den weniger auffälligen Flachkühler ordern konnten.

Wie vielschichtig sich der Stil dieser Benz-Wagen kurz nach dem 1. Weltkrieg unter dem Einfluss von Tradition, Technik und Trend darstellen konnte, das will ich heute anhand eines entsprechenden Trios illustrieren.

Dabei bleibt ausnahmsweise außen vor, um welche Typen es sich jeweils handelt – das zu sagen ist oft auch nur näherungsweise möglich (Ausnahmen bestätigen die Regel). Vor allem bieten die Mitglieder meines heute präsentierten Benz-Trios weit Interessanteres.

Beginnen wir mit Nr. 1 – was nicht als Rang zu verstehen ist:

Benz Tourenwagen, aufgenommen 1928; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Der Fahrer dieses Tourenwagen mag vielleicht tief im Sitz versunken oder schlicht sehr klein gewesen sein – so oder so war das ein ziemlich imposantes Auto.

Die Länge der Frontpartie, die fast die Hälfte des Wagens auszumachen scheint, wird durch die durchgehend gerade Linie von Motorhaube und Windlauf akzentuiert. Das findet man nach meinem Eindruck so konsequent bei Benz-Wagen erst ab 1918.

Die nach innen abgeschrägte Oberkante des übrigen Aufbaus – die sogenannte Schulter – ist ebenfalls ein typisches Merkmal deutscher Automobile jener Zeit.

Erst etwas später setzt ein radikaler Wandel ein – die „Schulter“ verschwindet völlig und weicht einer radikal reduzierten Kante. Bevor wir uns gleich ein Beispiel dafür anschauen, sei auf die vorne nachträglich angebrachte Stoßstange verwiesen.

Während der Spitzkühler nach dem 1. Weltkrieg die Tradition verkörpert und die „Schulter“ einen kurzlebigen Trend, ist die Stoßstange das Einzige, was den Fortschritt in der Technik repräsentiert, denn Benz-Wagen boten nach dem 1. Weltkrieg sonst kaum Neues.

So, jetzt aber zum nächsten Mitglied unseres Benz-Trios, welches nicht nur auf den ersten Blick kaum etwas mit dem eingangs gezeigten Wagen gemein hat:

Benz Tourenwagen; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Ist doch irre, dieses Auto, oder? Hier kommt alles in einer wiederum völlig anderen Mischung zusammen: Tradition, Technik, Trend.

Beginnen wir mit letzterem: Der wannenformig gestaltete Passagierraum ist aufs Äußerste reduziert, jedenfalls was die reine Architektur betrifft. So extrem simpel kamen viele deutsche Tourenwagen ab Mitte der 1920er daher.

Der Besitzer bzw. Auftraggeber wollte der vollkommenen Beliebigkeit dieser Blechpartie jedoch offenbar dadurch entrinnen, indem er ein traditionelles Korbflechtmuster aufbringen ließ – eigentlich ein Gestaltungskonzept aus der Zeit weit vor dem 1. Weltkrieg.

Die sich daraus ergebende lebendig wirkende Fläche macht diese Partie nicht nur erträglich, sie lässt den Wagen geradezu exzentrisch erscheinen.

Dass hier jemand etwas ganz Eigenes haben wollte, ist auch daran ersichtlich, dass der als Basis dienende Benz höchstwahrscheinlich noch aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg bzw. dessen Ende stammte. Dafür spricht die Gestaltung der Luftschlitze.

Solche Neuaufbauten auf hochkarätigen Automobilen waren weder selten noch ein aus Kostengründen eingegangener fauler Kompromiss. Ein derartiger Manufakturaufbau war enorm zeitaufwendig und entsprechend kostspielig.

Gleichzeitig legte der Besitzer Wert auf technische Innovation im Detail. Denn hier sehen wir nun die modernste damals verfügbare Stoßstange überhaupt:

Ganz offensichtlich gab diese Stoßstange bei „Feindberührung“ etliche Zentimeter nach und absorbierte über einen Federmechanismus einen Teil der Aufprallenergie, den Rest verkraftete im Regelfall der in Längsrichtung hochfeste Rahmen.

Genial, nicht wahr? Darauf war aber keiner der nach dem 1. Weltkrieg überwiegend im Tiefschlaf verharrenden etablierten deutschen Autobauer gekommen, sondern irgendein findiger Entwickler von intelligentem Zubehör.

Wenn ich mich recht entsinne, wurden ohne Verformung stoßabsorbierende Stoßstangen in den USA irgendwann in den 1980er Jahren Standard, was hektische und hässliche Umbauten bei deutschen Exportmodellen nach sich zog (dabei gab es das doch längst).

Nun mag manchem die Nr. 2 in unserem Benz-Trio zu exaltiert erscheinen und die Nr. 1 zu bieder. Daher kommt jetzt Nr. 3 ins Spiel, und zumindest für mich ist hier eine besondere Harmonie aus Tradition, Technik und Trend realisiert worden:

Benz Tourenwagen; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Ein geräumiger Tourenwagen mit trendiger Bootsheckkarosserie, die „Schulter“ nach hinten ansteigend und breiter werdend, am Vorderwagen noch viel Tradition mit den alten Luftschlitzen und dem Spitzkühler der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg, und nicht zuletzt wiederum neue Technik in Form der Stoßstange – hier findet das Benz-Trio für mich seinen harmonischsten Ausdruck.

Was meinen Sie? Welcher Benz aus diesem Trio wäre Ihr Favorit? Und was fehlt Ihnen oder stört Sie daran? Vielleicht findet sich ja etwas im Fundus für das nächste Mal – denn Benz-Automobilen lässt sich auch nach 100 Jahren noch manche Facette abgewinnen…

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

3 Gedanken zu „Tradition, Technik & Trend: Benz-Trio um 1920

  1. Besten Dank! An eine auf Reibung beruhende Lösung hatte ich auch gedacht. Aber die konkrtee Umsetzung konnte ich mir nicht vorstellen, speziell die Rückstellung ohne Feder. Ich meine auch, dass diese Teile eher kleine Rempler im Stadtverkehr abpuffern sollten. Vielleicht hat ja jemand Unterlagen dazu, das wäre interessant! Zu den erwähnten Parkleuchten – die kannte ich auch nur von Wagen vor dem 1. Weltkrieg – hier mögen Sie jemandem gefallen haben, der sie an seinem neuen oder modernisierten Wagen angebracht hat. An meinem 1984er Jaguar habe ich auch das blind gewordene Plastikschild „XJ6“ durch ein älteres Chromteil ersetzt, das mir besser gefällt. So etwas hat man also schon immer so gemacht.

  2. Bei mir wäre die Nr.1, also der Sechszylinder mit den 18 oder doch 20 Luftschlitzen aus dem Bild von 1928 der Auserkorene. Interessant ist aber auch die stoßabsorbierende Spezialstoßstange von Nr.2 , die womöglich auch bei Nr.1 verbaut ist, jedoch nur bei Frontalaufprall optimal wirksam würde. Häufiger sind aber Unfallsituationen, bei denen einer der Dämpfungsholme ungleich stärker und v.a. auch seitlich belastet würde. Gleichwohl ein tolles Benz-Trio, das so die Mannheimer Sechszylinder bis zur Fusion mit Daimler präsentiert !

  3. Mangels engerem Bezug zu Benz- Wagen dieser Generation beachten wir die Pereferie des ersten Fotos:
    Das ältere Ehepaar mit seinen etwas überreifen, freundlich blickenden Töchtern hält gerade
    vor einem Audflugslokal. Der Anbau an dem akkurat aus Tuffstein gemauerten Stallgebäude bietet grade Platz „für Damen“ und „für Herren“.
    Diese über der Jauchegrube angeordneten Örtchen als „Trocken- toilette“ zu bezeichnen scheint mir kaum gerechtfertigt!
    Das gestochen scharfe Foto des hellen Wagens zeigt auch hier eine Augenweide für detailversessene Betrachter.
    Dieses um 45 grad versetzte Doppel- Kreuzgeflecht hatte den Vorteil großer Flexibilität bei hoher Festigkeit und war deshalb lange Zeit als Sitzbe- spannung der Wiener Kaffeehausstühle unschlagbar, bestand wohl aus feinen Bamusstreifen und war auch im bürgerlichen Wohnbereich bis in die Sechziger anzutreffen – auch bei uns, denn 4 von 12 Esszimmerstühlen hatten ’45 die 50 (Besatzungs-)“Neger“ überlebt, wie Oma das nannte.
    Weshalb dieses Rattan- Geflecht
    als Dekor beliebt – bis hin zum R 4 Parisienne 1964 – war erschließt sich mir nicht.
    Diese „Stoßstange“ im ursprünglichen Sinne, die auch am letzten Beispiel vertreten war; ein echter choc absorber und keineswegs gefedert (man stelle sich die genickbrechende
    Rückfeder- Kraft vor ! ) sondern man arbeitete damals mit Reibung. Wurde diese durch überwiegende Kräfte in Längsrichtung überwunden brauchte man nur die Klemmschrauben lösen und stellte die „Stange“ wieder auf Markierung zurück, Anziehen der Schrauben nach Drehmoment oder Feingefühl des Schlossers
    nicht vergessen!
    Wagen drei mit seinen gepfeilt verglasten Zusatzleuchten erinnert mich an den April ’90, als ich in Sebnitz/ Sächs. Schweiz vor dem 35 PS- Mercedes – Knight von Herrn Zenker stand. Der hatte ebensolche Leuchten!
    Das Auto seines Vaters hatte dort in der Werkstatt seit den Dreißiger gestanden, mit kurzer Unterbrechung, als die Russen die mechanische Werstatt ’45 beschlagnahmt hatten.
    In seinem 93. Lebensjahr hatte der Alte an den verrenteten Ing. Zenker übergeben. Als ich ihn besuchte bearbeitete er gerade, 74- jährig, große Ringe „für den Brunnenbau“.
    Der Wagen sollte dann einige Jahre später die nötigen Invest- Mittel bringen, da Herr Zenker große Hoffnungen In den Enkel
    setzte – der Sohn war aus der Art geschlagen als Theologe !
    Doch den erschlug bei einer Wanderung im Gebirge der Blitz
    !!! , sodaß er im Schmerz den Wagen an die nächtbeste Adresse in seinem Zettelkasten verkaufte… Nun war alles aus!
    Für den netten Herrn Zenker und auch meine eingefädelte Vermittlung in interessierte „Kreise“ lief leider ins Leere.
    So was gab’s damals – nach 45 Jahren Stillstand !

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