In Zeiten von Dekadenzerscheinungen an deutschen Schulen wie „Wir schreiben nach Gehör“ und „Schriftliches Dividieren ist zu schwer!“ bin ich womöglich mit dem Konzept der Hausaufgaben völlig von gestern – aber das passt ja perfekt zum heutigen Thema.
Jedenfalls bin ich auch nach über zehn Jahren Selbststudium in Sachen Vorkriegsauto noch längst nicht überall so weit, dass „ich weiß, wo’s langgeht“.
Interessanter gibt es gerade bei einem vermeintlich erschöpfend abgehandelten deutschen Modell wie dem Typ D10/45 PS von NAG noch einige Hausaufgaben zu erledigen.
Fleißige Besucher meines Online-Unterrichts wissen natürlich, dass es sich dabei um die weiterentwickelte Version des NAG Typ C10/30 PS handelt, der nach dem 1. Weltkrieg zu den meistgebauten Autos in Deutschland überhaupt zählte – hier ein typisches Exemplar:

Mitte der 1920er Jahre war es jedoch nicht nur Zeit für Vorderradbremsen, sondern auch für eine angemessenere Motorisierung, während die markante Kühlerpartie beibehalten wurde.
So wich der Seitenventiler einem fast gleich großen Aggregat (2,6 Liter), das dank im Zylinderkopf hängender Ventile eine weit bessere Leistungsausbeute (45 PS) erlaubte und zudem langhubiger ausgelegt war.
Äußerlich zu erkennen ist dieser Typ D 10/45 PS vor allem an den Trommelbremsen an der Vorderachse, außerdem an der nun bis kurz vor die Windschutzscheibe reichenden Motorhaube und etwas anders gestalteten Luftschlitzen:

Zudem findet sich bei der überarbeiten Version durchweg auch eine auffallend tief ausgeschnittene Vordertür und entsprechend niedrigere Gürtellinie in Verbindung mit einer weniger ausgeprägten Schwellerpartie.
Jedenfalls kann man anhand dieser Details den Typ D 10/45 PS recht gut vom Vorgängermodell C 10/30 PS unterscheiden, wie ein Blick in meine umfangreiche NAG-Fotogalerie zeigt – die größte frei zugängliche ihrer Art überhaupt.
Nun könnte man meinen, dass ich diesbezüglich meine Hausaufgaben wahrlich gemacht hätte, kaum einen anderen deutschen Vorkriegswagen habe ich so gut dokumentiert.
Doch schon seit einiger Zeit ist mir nicht ganz wohl bei der Sache. Denn immerhin weiß ich, dass NAG kurz nach Mitte der 1920er Jahre auch ein 6-Zylindermodell D6 12/60 PS anbot.
Neben einem obskuren Glasnegativ, das eine gezeichnete Version so eines Geräts zeigt, konnte ich kaum etwas Eindeutiges in der Hinsicht ausfindig machen.
Ein versteckter Hinweis findet sich quasi im Kleingedruckten auf dieser Typentafel von 1927:

Der in Klammern erwähnte NAG 12 PS muss das erwähnte Modell D 12/60 PS sein, bloß wird nicht klar, ob der genauso aussah wie der abgebildete Typ D 10/45 PS.
Eventuell besaß die Sechszylinder-Version eine längere Motorhaube, was zu einigen Exemplaren in meiner NAG-Galerie passen würde, die mir doch sehr lang vorkommen.
Das kann aber auch eine optische Täuschung sein, die aus der bereits genannten Tatsache resultiert, dass die Motorhaube nun bis kurz vor die Frontscheibe reichte.
Kurioserweise besaßen alle bisher von mir identifizierten NAG-Wagen des überarbeiteten Typs D 10/45 PS eine klassische Tourerkarosserie, obwohl ab Mitte der 20er zumindest bei gehobenen deutschen Autos geschlossene Aufbauten gängiger wurden.
Immerhin das hat sich jüngst geändert, denn mir ist diese Limousine ins Netz gegangen, die ich ebenfalls als NAG D 10/45 PS ansprechen würde:

Interessant ist hier, dass der Ausschnitt der Vordertür identisch ist mit dem des Tourers – sehr wahrscheinlich war dort auch keine Seitenscheibe angebracht.
Das würde dem Konzept einer klassischen Chauffeur-Limousine entsprechen, das der Zeit vor dem 1. Weltkrieg entstammte. Konservative Käufer mögen so etwas auch im Deutschland zur Mitte der 1920er Jahre noch goutiert haben.
Aber das unterstreicht nur, dass die altehrwürdige NAG aus Berlin damals den Anschluss an die Moderne verpasst hatte – auch der traditionelle Spitzkühler war ab 1925 selbst am deutschen Markt von gestern, so sehr er das Gesicht dieser Wagen geprägt hatte.
Während andere Hersteller längst verstanden hatten, wo es langging in Sachen Optik, Leistung und Austattung, musste NAG erkennbar noch die Hausaufgaben machen – was 1926/27 mit den völlig neu gestalteten neuen Sechszylinderwagen geschah.
Die selbstbewusst der Zukunft gewandten jungen Damen auf dem Kühler des heute vorgestellten NAG D 10/45 PS mit Limousinenaufbau bringen das im Folgenden – KI-unterstützt – zum Ausdruck, werden aber von den Realitäten gleich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt:
Hier habe ich besondere Sorgfalt auf die Kolorierung des NAG verwendet, während ich nicht verhindern konnte, dass die von mir genutzte KI-Software zu einer wundersamen Vemehrung und Verwandlung der Mädels auf dem Kühler gesorgt hat.
Mir gefällt das Ergebnis trotzdem, zumal es mich daran erinnert, dass es in Sachen NAG Mitte der 20er noch einige Hausaufgaben zu erledigen gibt.
Wenn jemand von Ihnen, lieber Leser, etwas im Hinblick auf das ominöse Modell 12/60 PS mit Spitzkühler beisteuern kann, wäre ich entzückt – denn diese Wissenslücke muss geschlossen werden, auch da bin ich ganz „alte Schule“!
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Wie immer danke für Ihren Kommentar, Herr Weigold! – Ich bin der Überzeugung, dass wir uns hier wie im „realen“ Alltag auch über alles austauschen können, was uns sonst gerade beschäftigt. Das ist doch völlig normal im Leben und ich finde es generell reizvoll, sich mit anderen Sichtweisen auseinanderzusetzen, sehe das durchaus sportlich. Das kann ja niemanden ernsthaft beeinträchtigen, sonst dürfte man die Zeitung nicht aufschlagen, kein Interview hören oder ein Gespräch mit Zufallsbekanntschaften führen. Vor allem aber: Diesen Blog mit seinen offenbar für viele attraktiven Inhalten gäbe es gar nicht, wenn ich ihn nicht genau so betriebe, wie mir das konveniert. Der Spaß kostet mich immerhin einen vierstelligen Betrag pro Jahr und jeder kann alle Inhalte völlig kostenlos und werbefrei konsumieren. Das alles für selbstverständlich zu nehmen, sich dann aber an Geschmacksfragen oder subjektiven Sichtweisen zu stoßen, finde ich ehrlich gesagt merkwürdig dünnhäutig – denn wie erwähnt: Wir sind im Alltag überall mit kontroversen Perspektiven und Wertungen konfrontiert, wenn man nicht reine Naturwissenschaft betreibt. Wenn jeder anfängt, seine Privatsicht zum Maßstab des kommunikativ „Erlaubten“ zu erheben, dann ist kein vernünftiges und erbauliches Miteinander möglich. Wer es nicht erträgt, dass auch ich meine durchaus eigenwillige Perspektive habe und aus dieser heraus mich den Dingen (bisweilen umständlich) zu nähern pflege – nun, dem kann ich nicht den Gefallen tun, einem abweichenden, aber wiederum notwendig subjektiven Profil zu entsprechen. Ich lasse mir meine Themen und meine Herangehensweise von niemandem vorschreiben, so wie ich mir auch weiterhin vorbehalte, jede Menge Flüchtigkeitsfehler bei der meist sehr spontanen Erstellung meiner Blog-Einträge zu produzieren, welche ich meist erst am nächsten Tag (mitunter auch gar nicht) korrigiere. Wer daran Anstoß nimmt, hat als Perfektionist in der Sache zwar recht, nur ändert es nichts daran, dass ich weiterhin Fehler mache und dass es vermutlich wenige Alternativen zu meiner Form der Auseinandersetzung mit dem Thema gibt, das in der Unterzeile lautet: „Marken, Modelle, Menschen – die ganze Geschichte“. Darin klingt eigentlich schon das Programm an, das viel weiter gefasst ist als eine herkömmliche Betrachtung, die sich in technischen Daten, Stückzahlen und drögen Beschreibungen erschöpft und bestenfalls generische oder „etablierte“ Wertungen vornimmt. Insofern kann ich nur hoffen, dass Sie auch weiter trotz mancher rein verbal erlittener Pein „durchhalten“ – denn ich schätze Ihre Repliken sehr, gerade wenn sie mir eine andere Sicht vermitteln oder diese ergänzen.
Es wäre vielleicht besser (für alle aktiv oder passiv an diesem Blog beteiligten),sich auf dessen „Kernanliegen“ zu konzentrieren, anstatt auf sach- und themenfremde Belange unseres alltäglichen Daseins abzuschweifen. Für mein Teil habe ich das bis jetzt so durchgehalten, ungeachtet mancher diskussionwürdiger „Einleitungen“ oder pauschal entschuldigter Flüchtigkeits- fehler unseres Blogwartes – und
Ich habe gelernt, daß willkürlich untergeschobene Fehler der Textkorrekrur nur durch , oft mehrmaliges, Durchlesen des Geschriebenen auszuschließen wären….
Herr Leischner, die Berufung auf „die Wissenschaft“ höre ich bei allen Schulexperimenten ebenfalls schon seit 50 Jahren und es gibt immer neue „bahnbrechende“ Erkenntnisse von Experten, weil es ihr Job ist, so etwas zu produzieren. Dem steht schlicht die (vermutlich seit Jahrhunderten bewährte und keinen ernsthaft überfordernde) Praxis gegenüber und die klassische Divisionsmethode aus der Grundschule ist nun einmal so banal (und zugleich klar und – wichtig: sicher), dass dort schlicht kein Handlungsbedarf besteht (sicher gibt es Studien, die das Gegenteil behaupten und solche, die wiederum das Gegenteil davon behaupten, weshalb am Ende der praktische Hausverstand gefragt ist, mit dem wir alle ausgestattet sind). Meine „anekdotische“ Evidenz ist schlicht die von Generationen, die früher alles ohne Taschenrechner rechnen mussten und ich wüsste gern eine Quelle, wo dokumentiert ist, dass die gängigen Methoden ein Hindernis für unsere Altvorderen geschaffen hätten, für die sicheres Rechnen und möglichst fehlerfreies Schreiben einen viel höheren Stellenwert im Alltag hatten als in unseren Tagen. Eines noch: Reine Werturteile müssen nicht eigens „begründet“ werden, man hat sie und darf sie haben. Sie stehen in Konkurrenz zu anderen und entziehen sich definitionsgemäß einer objektiven Beurteilung. Zur Relevanz von Kant für einen Blog könnte ich jetzt noch einiges sagen, aber das führt mir zu weit…
Für 24 : 3 = 8 brauche ich keinen schriftlichen Rechenweg, das geht auch im Kopf. Aber 608 : 16 ist ohne Notieren der Zwischenschritte doch anspruchsvoller, während ich in umgekehrter Richtung 16 x 38 eher im Kopf bewältige, wenn ich zuerst die 380 nehme und dann 190 + 38 = 228 hinzuzähle. Und wie Integralrechnung endete, ohne jeden einzelnen Rechenschritt lesbar vor sich zu haben, weiß ich noch sehr genau – aus der 1 im Kopfrechnen der 4. Klasse wurde mitunter 1 Punkt in der 12. Klasse …
Zu den NAG-Typen C und D fallen mir jetzt irgendwie die aktuellen SUV ein, denen auch ein Schutzpanzereffekt nachgesagt wird. Zum ominösen 12/60 in D6-Form fiele mir noch der C4b ein, was die Motorhaubenproportionen betrifft. Es ist auch hier wieder die m.E. interessanteste Epoche von 1925 bis 1930, da man einen NAG 16/80 direkt neben den Buick von vorgestern stellen könnte ! Warum NAG und Brennabor, aber auch andere, die 1930 technisch auf der Höhe der Zeit waren, den Kfz-Bau trotzdem einstellen mußten, war wieder eine Frage des Rechnens …
Herr Schlenger, auch ich habe kein Problem damit, dass andere Sichtweisen geäußert werden, auch wenn ich nicht damit einverstanden bin. Aber begründet sollten sie schon sein. Und Ihre ganz persönliche Erfahrung als Schüler für fachkundiger zu halten als wissenschaftliche Expertise, dass halte ich in der Tat für unreflektiert. Womit ich nicht sagen will, dass Wissenschaft nicht kritisiert werden soll.
Sie halten sich als ehemaliger Schüler vor 50 Jahren für kompetenter als heutige Lehrer und Bildungsforscher? Genausogut könnten, um ihr Beispiel aufzugreifen, die Leute, die einen Schaltwagen fahren, sich für kompetenter für Getriebe halten als Fahrzeugmechaniker und Automobilkonstukteure, meinen Sie nicht? Oder 80 Mio. Deutsche für bessere Fußballnationaltrainer.
Kant fordert im kategorischen Imperativ, stets so zu handeln, dass die Maxime des Handelns für alle jederzeit Gültigkeit haben könnte. Das bedeutet m.E. unter anderem auch, dass Werturteile (Dekadenz!) begründet werden und dass statistische Betrachtung beim Urteil stärker ins Gewicht fallen sollten als individuelle anekdotische Evidenz.
Danke für Ihren Kommentar, Herr Leischner. Sehen Sie, ich betrachte mich als ehemaliger Schüler per se bereits als fachkundig. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass etwas so Banales wie schriftliches Dividieren irgendjemanden irgendwann vor größere Probleme gestellt hätte. Man lernt die Regeln einmal und wendet sie dann an – wie zahllose andere auch. Die meisten Leute fahren einen Schaltwagen, ohne überhaupt zu wissen, was sie da tun, wenn mir das Beispiel erlaubt ist. Für die Grundrechnerei wie das solide Beherrschen der Rechtschreibung braucht es keine besondere Intelligenz, Begabung oder gar „Gefühl“ – da gibt es nichts zu erfinden und auszuprobieren. Ich kenne diese ganzen albernen bis verantwortungslosen Experimente mit „innovativen“ Methoden schon aus dem Hessen der 70/80er Jahre und habe eine klare, begründete Meinung zu jüngeren Versuchen in dieser Hinsicht, die ihre Bestätigung in den schwindenden Grundqualifikationen und Kompetenzen jüngerer Generationen in Deutschland finden. Es geht also nicht um Glaubenssätze, wie Sie es einfach unterstellen. Wenn Sie meine Bezüge zur Akualität nicht gutheißen und (einigermaßen kühn) für „unreflektiert“ halten, kann ich es nicht ändern und es stört mich nicht. Ich selbst habe mit unterschiedlichen (auch exotischen) Sichtweisen kein Problem und bin der reflektierten Überzeugung, dass sie auch dann geäußert werden sollten, wenn sie anderen nicht schmecken. Das gehört zum menschlichen Miteinander – jeder muss ständig und überall Kompromisse machen, weil die Welt und die Mitmenschen nie so sind, wie sich das der Einzelne vielleicht wünschen mag.
Lieber Herrr Schlenger,
Sie bezeichnen aktuelle Änderungen von Lehrmethoden als Dekadenzerscheinungen. Offenbar verwenden Sie beim Treffen solcher apodiktischen Urteile nicht dieselbe Recherchesorgfalt wie bei der Identifizierung alter Autos. Sonst wäre Ihnen sicher nicht entgangen, dass es nicht darum geht, dass schriftliches Dividieren zu schwer sei. Vielmehr soll halbschriftliche Division länger geübt werden, bevor schriftliche Division gelehrt wird. Es geht darum, dass die Kinder verstehen, wie die Division funktioniert und ein Gefühl für Zahlen entwickeln, statt stur unverstandene Regeln anzuwenden. Gegen mehr Kopfrechnen haben Sie doch sicher nichts einzuwenden, oder? Sie können das übrigens z.B. in der Süddeutschen Zeitung vom 13.1.26 nachlesen („Kein Grundschulkind muss die schriftliche Division beherrschen“, Kommentar von Vinzent-Vitus Leitgeb).
Mir erscheint es vielmehr dekadent, dedizierte Urteile zu fällen, ohne Hintergründe recherchiert zu haben und althergebrachte Glaubenssätze bis in alle Ewigkeit weiterzutradieren. Ich finde Ihre Recherchen zu den alten Autos faszinierend, die durchaus launig geschrieben sind. Die unreflektierten Bezüge zur aktuellen Politik vergällen mir allerdings bisweilen die Lektüre.