Merkwürdig kommt einem ja fast täglich einiges vor – bisweilen denkt man: „Das meinen die jetzt nicht ernst, oder?“ Doch Anlass zu dergleichen Stirnrunzeln gibt heute ausnahmsweise kein aktuelles Tagesgeschehen, sondern ein bald 90 Jahre altes Dokument.
Es zeigt einen Mercedes-Benz 230 – den ich mit Cabriolet-Aufbau durchaus gelungen finde – wie ich überhaupt meine, dass die offenen Wagen der Marke in den 1930er Jahren am harmonischsten gestaltet waren.
Die folgende, bisher unpublizierte Aufnahme ist ein Beispiel dafür:

Man muss hier nur über das unnötig hoch aufgetürmte Verdeck hinwegsehen, welches wohl einer nachlässigen Fixierung des Überzugs geschuldet war.
Übrigens bin ich mir gar nicht sicher, dass wir es wirklich mit dem Typ 230 zu tun haben, der 1937 den arg untermotorisierten 200er ablöste. Jedenfalls konnte ich kein exaktes Vergleichsfoto finden.
Ein Detail spricht aber aus meiner Sicht stark für den 230er – und damit wären wir schon bei den angekündigten Merkwürdigkeiten.
Denn alle Werksausführungen dieses Typs scheinen die eigentümlichen seitlichen „Schürzen“ am Vorderkotflügel besessen zu haben, die einen unmotivierten Knick statt einer Rundung aufweisen und auch nicht so weit herunterreichen, wie man das erwarten würde (und bei anderen Typen in aller Regel praktizierte).
Wie unentschlossen und unglücklich das wirkte, wird anhand der Limousinen-Ausführung deutlich, die im Mittelpunkt der heutigen Betrachtung steht:

Bevor wir uns weiteren formalen Merkwürdigkeiten zuwenden, noch ein Satz zur Motorisierung des 230er Mercedes. Gegenüber dem nur 40 PS leistenden Vorgänger 200, der nicht einmal Spitze 100 km/h schaffte, war ein spürbarer Fortschritt zu verzeichnen .
Aber auch das nunmehr 55 PS leistende Aggregat war lediglich solide Mittelklasse. Der kreuzbrave Hanomag „Sturm“ war damals identisch motorisiert und auch sonst technisch auf demselben Niveau.
Nur die hintere Pendelachse machte den Mercedes moderner, was die Konstruktion angeht. Die Marke mit dem Stern war damals im Serienbau ausgesprochen konservativ ausgerichtet, um es freundlich auszudrücken.
Immerhin konnte man sich jetzt auch auf die Autobahn trauen, wo man allerdings immer noch vom Fiat 1500 überholt wurde – dem damals effizientesten 6-Zylinder-Serienwagen seiner Hubraumklasse am deutschen Markt (gebaut in Heilbronn).
Zurück zu den formalen Qualitäten des Mercedes. Ob die Fixierung des Reserverads wirklich an so prominenter Stelle angebracht werden musste, wage ich zu bezweifeln. Die riesige Rändelmutter wirkt trotz Verchromung wie die Lösung an einer Landmaschine.
Auch die auffallend gestaltete Aussparung im Trittbrett für den Wagenheber erscheint mir wie von einem bösen Geist inspiriert, der partout die Schönheit der Linie stören will. Immerhin findet man diese Greueltat regelmäßig am 230er, was die Ansprache erleichtert.
Großes Lob verdient unterdessen die elegant nach hinten abfallende Gürtellinie der Limousine, die in einem verspielten Aufwärtsschwung endet. Das lässt den schweren viertürigen Aufbau leichter und raffinierter wirken – sehr schön! Damit kam die schlichte Ganzstahlkarosserie der erwähnten Hanomag „Sturm“-Limousine nicht mit
Allerdings verließen die Geister des guten Geschmacks die Gestalter dann auch wieder.
Denn am Heck wurde ein rucksackartiger Kofferraum angesetzt, der formal so gar nicht zum übrigen Wagen passen will. Merkwürdig auch die zusätzliche seitliche Chromlasche – sollte die Kofferraumhaube nicht durch mittig unten angebrachtes Schloss hinreichend fixiert sein?
Sie sehen nun, warum ich mich zum heutigen Titel genötigt sah. Man kann das alles natürlich auch anders sehen und ganz großartig finden, wie das bei den vom Stern Besessenen oft der Fall ist.
Man kann die Sache aber auch ebenso leidenschaftlich differenzierter angehen, meine ich…
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Bis auf die nachgerüsteten Blinker und Außenspiegel erscheint mir dieser 230 aus der Baureihe W143 baugleich :
https://www.classicdigest.com/cars/mercedes-benz/230-w143-w153/135998
Kotflügelknick und Reserveradhalterung wie auch die C-Säule und die beidseitigen Öffner des Kofferraumdeckels stimmen überein; wenn hier tatsächlich der kürzere Radstand vorläge, wäre dies der seltene 230N aus dem Jahre 1937.