Mag sein, dass der heute vorgestellte Wagen Anlass zu kontroversen Interpretationen gibt – meine Leser wissen, dass ich genau das schätze. Ich habe zwar wie jeder gerne recht, lasse mich aber ebenso gern vom besseren Argument überzeugen.
Schauen wir mal, was sich diesmal für eine Diskussion entfaltet – nur an der Einordnung als Fund des Monats besteht für mich kein Zweifel.
Letztere Klassifizierung mag sich nicht sofort erschließen, aber die folgende Aufnahme ist ja nicht die einzige des Wagens, um den es geht:

Hellauf begeistert kann man hier noch nicht sein, auch wenn der Fahrer uns hier mit (noch) strahlendweißem Mantel ein erstes Mal begegnet.
Ungemütlich hell dagegen ist die überbelichtete Partie des Fotos – die vielleicht auf einen defekten Balgen an der verwendeten Kamera zurüzuführen war. So konnte Licht an der Blende vorbei unbemerkt ins Gehäuse und auf den darin befindlichen Film gelangen.
Was ich da beschreibe, ist freilich heute beinahe so von gestern wie das abgebildete Automobil – offenbar ein Fahrzeug der 1920er Jahre.
Der Aufbau als offener Zweisitzer mit niedriger, in der Mitte v-fömig unterteilter Windschutzscheibe wirkt sportlich und dürfte ein heute kaum vorstellbar niedriges Gewicht gehabt haben. Dieser Aspekt wird noch von Bedeutung sein, wenn es um die mutmaßliche Motorisierung geht.
Die Karosserie lief am Heck wie ein Sportboot aus und wurde durch minimalistische Kotflügel notdürftig vor Straßenschmutz und Spritzwasser geschützt. Hier haben wir den Wagen in der Rückansicht:

Aha, der kleine Flitzer war also in der Schweiz zugelassen, sicher kann ein Leser sagen, wo genau.
Die Aufnahme entstand aber mitnichten auf einem schweizerischen Alpenpass, wie man vermuten könnte. Vielmehr ist auf der Rückseite der Flexenpass in Österreich als Ort vermerkt.
Auf dieser Route gelangt man ins obere Lechtal. Dort wurde folgende Situation für uns festgehalten wurde, nun vermutlich mit der zweiten Kamera an Bord, welche von der Dame auf dem vorherigen Bild bedient wurde, wenn ich die Situation richtig interpretiere:

Als Aufnahmeort habe ich übrigens das Örtchen Stockach ermittelt – dort bietet sich die Kirche heute noch genau so dar.
Der Wagen bleibt indessen ein Mysterium,wenngleich man allmählich eine klarere Vorstellung von seiner exzentrischen Gestaltung bekommt.
Auch bei der nächsten Gelegenheit gibt das Auto seine Identität nicht preis – im Gegenteil: hier wurde sogar versucht, seine Spuren zu verwischen. Denn auf der Rückseite steht doch tatsächlich „Friedberg im Taunus“ und das kann unmöglich stimmen.
Erstens gibt es nur ein Friedberg „am Taunus“ und das ist mein Nachbarort, in dem ich die Schule besucht habe – daher muss ich es wissen.
Zweitens ist das kein beschauliches Dorf, sondern eine (einst) stolze Kaufmannsstadt, gegründet in römischer Zeit und im Hochmittelalter Freie Reichsstadt. Auch die Topografie passt nicht annähernd:

Hat jemand eine Idee, wo dieses Foto wirklich entstand?
Ich vermute, dass es auf einer Reise nach Deutschland gemacht wurde, denn irgendeinen Bezug dorthin muss unser Paar aus der Schweiz gehabt haben – sonst wäre der Lapsus mit „Friedberg im Taunus“ kaum zustandegekommen.
Dessen ungeachtet müssen wir jetzt wieder in schweizerische Gefilde zurückkehren – nach Pontresina im Engadin, um genau zu sein. Jedenfalls ist das die Ortsangabe auf der Rückseite des Abzugs:

So, jetzt kommen wir endlich der Identität des Wagens näher. Welcher Eingebung ich folgte, weiß ich nicht mehr – die Wege der Hirnwindungen sind mitunter sonderbar – aber etwas in mir brachte mich auf die Idee, dass die Kühlerpartie die eines Talbot sein könnte.
In den frühen 1920er Jahren firmierten diese Wagen noch als Talbot-Darracq, was der komplizierten Geschichte dieser englisch-französischen Marke geschuldet war. Mit den Einzelheiten will ich Sie nicht langweilen, das kann eine KI Ihres Vertrauens weit besser für Sie aufarbeiten.
Jedenfalls brachte mich die Kühlerform in Verbindung mit der Gestaltung der Motorhaube und dem sportlichen Aufbau auf die Idee, dass wir es mit einer Variante des Modells DC zu tun haben, das in den frühen 20ern einige Zeit lang erfolgreich gebaut wurde.
Der 1,6 Liter-Motor mit 30 PS war per se unspektakulär, sorgt aber in Verbindung mit einer dermaßen leichtgewichtigen Karosserie wie hier durchaus für eine gewisse Agilität.
Ein Vergleichsexemplar, anhand dessen Sie meine Überlegungen nachvollziehe können oder auch nicht, finden Sie hier hier. Der Aufbau dieses Talbot DC ist zwar weniger exzentrisch, geht aber in eine ähnliche Richtung – außerdem sieht man hier die Übereinstimmung von Kühler und Haubenpartie, behaupte ich.
Gut und schön, mögen Sie jetzt denken – selbst wenn die Identifikation zutrifft, lassen einen diese Aufnahmen irgendwie kalt.
Die Qualität ist einfach zu schlecht und man erkennt kaum etwas von dem Umfeld, in dem das hochinteressante Auto doch einmal bewusst fotografiert wurde.
Nun, zumindest hier ist Abhilfe möglich. Ich dachte, dass die Aufnahme aus dem Lechtal am ehesten geeignet ist, um uns in die Situation von einst zu versetzen.

Ich meine, dass der Talbot in einem typisch französischen Blauton formidabel in die hochsommerliche Szenerie passt.
Das Nummernschild ist bei der KI-basierten Kolorierung zwar etwas in Mitleidenschaft gezogen worden – aber der Gesamtwirkung tut dieses Detail keinen Abbruch.
Vielleicht ist diese in die Gegenwart geholte Erscheinungsform des Talbot von vor 100 Jahren ein Weg, dem Sommer 2026 stilvoll adieu zu sagen…
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