1930: Endlich ein „richtiges“ Auto von Hanomag!

Der Maschinenbaukonzern Hanomag hatte mit seinem ersten PKW-Modell – dem eigenwilligen 2/10 PS „Kommissbrot“ – Mitte der 1920er Jahre zwar eine gewisse Öffentlichkeitswirkung erlangt – doch mit einer Gesamtproduktion von nur 15.000 Exemplaren verfehlte man klar den Anspruch, ein Auto für’s Volk zu bauen.

Mittlerweile hatte Opels P4 einen großen Publikumserfolg erzielt – obwohl oder gerade weil er eine dreiste Kopie des Citroen 5 CV Typ C3 war. Gleichzeitig schickte sich DKW an, in der Kleinwagenklasse mitzuspielen. Wenn Hanomag mit dem PKW-Bau Erfolg haben wollte, musste man endlich ein vollwertiges Fahrzeug anbieten. Genau das gelang auf Anhieb mit den ab 1929/30 gebauten 3/16 PS bzw. 4/20 PS-Modellen.

Hier eine Originalreklame für das zuerst vorgestellte 2-Sitzer-Cabriolet mit „Schwiegermuttersitz“ im Heck:

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© Hanomag-Originalreklame um 1929/1930 aus Sammlung Michael Schlenger

Der hübsche Wagen bot zwar technisch nur Hausmannskost: Der wassergekühlte 4-Zylinder-Seitenventiler mit 800 ccm (später 1.000 ccm) leistete gerade einmal 16 PS (später 20 PS), doch das Höchsttempo von 75-80 km/h war für die damaligen Straßen ausreichend. Die Firma Hanomag bürgte für eine solide Konstruktion – Zuverlässigkeit war seinerzeit wichtiger als Spitzenleistung.

Zum Beweis wurde noch 1929 ein serienmäßiges Fahrzeug unter Aufsicht des ADAC über eine Strecke von 10.000 km geschickt, die im Wesentlichen die Geröllpisten diverser Balkanstaaten abdeckte. Der Wagen überstand diese Tortur glänzend und existiert noch heute unrestauriert in einer Privatsammlung.

1930 legte Hanomag nach und bot auch eine Limousine an. Davon zeugt die folgende zeitgenössische Werbung:

Hanomag_0002

© Hanomag-Originalreklame um 1930 aus Sammlung Michael Schlenger

Interessant ist zum einen der Hinweis auf ein Differential, die erste Serie musste noch ohne ein solches auskommen. Zum anderen ist die Angabe „3-4 Sitze „aufschlussreich. Sie bedeutet verklausuliert, dass nur Platz für 3 Erwachsene in dem Wagen ist, ein kleingewachsener Passagier aber noch mitgekommen werden kann.

Übrigens spiegelt die eigentümliche Schreibweise von Limousine und Cabriolet die Versuche zur Eindeutschung von Fremdwörtern wider, denen wir auch Schöpfungen wie die „Kekse“ (von engl. „cakes“)  und das Kuvert (von frz.“couvert“) verdanken.

Da Reklamebilder schon immer ein möglichst günstiges Bild der beworbenen Fahrzeuge zeichneten, werfen wir einen Blick auf ein Originalfoto einer Hanomag-Limousine des Typs 3/16 PS bzw. 4/20 PS (äußerlich nicht zu unterscheiden):

Hanomag_4-20PS_1930-31_a

© Hanomag 3/16 oder 4/20 PS, Anfang der 1930er Jahre, aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dem gestochen scharfen und gekonnt aufgebauten Foto wird deutlich, dass der Hanomag erwachsen wirkte, zumindest gemessen an der Körpergröße unserer Vorfahren. Zu dem Eindruck trägt sicher auch die Stoßstange bei, die wohl nachgerüstet wurde und möglicherweise von einem anderen Fahrzeug stammt.

Auch ohne Vergrößerung gut erkennbar sind der Kühlerüberzug, der bei Winterbetrieb unerlässlich und für alle gängigen Fahrzeuge als Zubehör erhältlich war. Sehr schön zur Geltung kommt auch die typische Kühlerfigur, die das Wappentier des Landes Niedersachsens zeigt, in dem Hanomag ansässig war.

Der Wagen macht auf dem Foto bereits einen gut gebrauchten, aber nicht heruntergekommenen Eindruck. Der Stolz des mutmaßlichen Besitzers ist unübersehbar. Wer sich für zeitgenössische Kleidung jener Zeit interessiert, sollte einen Blick auf folgende Ausschnittsvergrößerung werfen:

Hanomag_4-20PS_1930-31_Ausschnitt

Der gutgekleidete Herr trägt keineswegs Reitstiefel, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Stattdessen hat er zu seinen Halbschuhen passende Ledergamaschen angelegt. Damit ist eine ähnliche Optik erzielbar, ohne sich der Prozedur des Stiefelan- und -ausziehens unterziehen zu müssen. Dazu passend trägt er eine Kniebundhose mit seitlicher Schnürung und sicherlich Kniestrümpfe, sodass auch nach Ablegen der Gamaschen ein ordentliches Erscheinungsbild gewährleistet war.

Insgesamt hat man den Eindruck, dass es sich um eine Szene in ländlicher Umgebung handelt. Das Kennzeichen verweist auf eine Aufnahme in der Gegend von Braunschweig.  Wer Freude an so etwas hat, wird die handwerklichen Details an der Hausfassade im Hintergrund registrieren, die bei heutigen „Sanierungen“ oft ohne Not und ohne Gespür zerstört oder durch minderwertiges Material ersetzt werden…

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