Es muss einige Leute geben, die einen „Brezelkäfer“ heute für eine Seltenheit halten und deshalb jedes historische Autofoto, auf der eine geteilte Rückscheibe zu sehen ist, reflexartig in diese Schublade einordnen und auf heftiges Interesse hoffen.
Dumm nur, dass die VW-Fraktion nicht anbeißt, wenn auf der Aufnahme etwas ganz anderes zu sehen ist. Für den Verfasser, der meist auf „freier Jagd“ im Netz unterwegs ist, sind solche Fehlzünder dagegen interessant, zumal sie für kleines Geld zu haben sind.
So entpuppte sich vor kurzem ein aufmerksamkeitsheischend als „Brezelkäfer“ titulierter Wagen als in Paris aufgenommener Peugeot 203 – keine schlechte Alternative.
Mit einem ähnlichen Fall haben wir es heute wieder zu tun:

© Lancia Aprilia und Fiat 500 C in Brunnen (Schweiz), Mai 1958; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger
Auf diesem Originalfoto sah der Anbieter ebenfalls einen „Brezelkäfer“.Dabei entging ihm nicht nur der rechts zu sehende „Volkswagen“ italienischer Herkunft. Er hatte auch keine Vorstellung davon, dass das bucklige Auto mit der geteilten Heckscheibe im Unterschied zum Käfer aus Wolfsburg eine ausgesprochene Rarität darstellt.
Bei dem Wagen links handelt es sich nämlich um einen Lancia Aprilia, der von 1937 bis 1947 in weniger als 30.000 Exemplaren gebaut wurde. Trotz der niedrigen Stückzahl verdient der seinerzeit hochmoderne Typ in mehrfacher Hinsicht Anerkennung.
Werfen wir zunächst einen näheren Blick auf die Karosserie:

Der Wagen war erkennbar von der in den 1930er Jahren von vielen Firmen erprobten Stromlinienform geprägt und weist formale Gemeinsamkeiten mit so unterschiedlichen Typen wie dem Tatra 77, dem Crossley-Burney und dem Volkswagen auf.
Der Lancia Aprilia war das letzte Modell, das noch unter Aufsicht von Firmengründer Vincenzo Lancia entwickelt wurde. Markentypisch war der 1,5 Liter messende Vierzylinder in kompakter V-Form, der knapp 50 PS leistete. Dank im Windkanal optimierter Form erreichte der Wagen eine Höchstgeschwindigkeit von 125 km/h.
Der Überlieferung nach war Vincenzo Lancia bei einer Mitfahrt im noch schnelleren Prototypen zunächst skeptisch. Nachdem er selbst das Steuer übernommen hatte, zeigte er sich begeistert vom Fahrverhalten des Wagens, der neben Einzelradaufhängung an der Hinterachse innenliegende Bremsen aufwies, die die ungefederten Massen reduzierten.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Viertürer, der dank fehlender Mittelsäule einen besonders bequemen Einstieg ermöglichte, praktisch unverändert weitergebaut.
Übrigens gebührt dem Lancia Aprilia das Verdienst, der einzige Zivil-PKW zu sein, der in einem am 2. Weltkrieg teilnehmenden europäischen Land durchgängig produziert wurde – wenn auch zeitweise in winzigen Stückzahlen.
Wer wissen möchte, wie der Lancia Aprilia von vorne aussah, wird in einem anderen Bildbericht auf diesem Blog fündig, in dem das Modell zufällig ebenfalls zu sehen ist
Nun noch ein Seitenblick auf den Wagen, der rechts auf unseren Bild zu sehen ist:

Es handelt sich um ein Exemplar des ab 1949 gebauten Fiat 500 C – eine Weiterentwicklung des bereits 1936 vorgestellten legendären „Topolino“. Die Frontpartie erscheint eigenwillig, vermutlich war der Kühlergrill nicht serienmäßig.
Das Nummernschild mit der Buchstabenkombination „SZ“ gefolgt von vier schwarzen Ziffern auf weißem Grund gab zunächst Rätsel auf. Ein aufmerksamer Leser gab den Hinweis, dass es wahrscheinlich ein schweizerisches „Kontrollzeichen“ ist, wobei das Kürzel „SZ“ für den Kanton Schwyz stünde. Da die laufenden Nummern damals noch recht niedrig waren, konnte die Schrift größer ausfallen als heute.
Dies passt zum Entstehungsort des Fotos. Laut umseitigem Vermerk wurde das Bild im Mai 1958 in Brunnen (Schweiz) gemacht. Das dortige Gasthaus „Ochsen“ sieht heute noch fast genauso aus. Nur so attraktive Autos wird man vergeblich suchen…
Vielen Dank – mir fällt ebenfalls auf, dass meine Bildergalerien immer öfter als Referenz genutzt werden – auch von KI-gestützten Tools. Es gibt aber noch viele Lücken zu schließen und geeignetes Material ist nach wie vor reichlich verfügbar.
Obwohl noch 5 länger her als Assisi habe ich an Brunnen (jetzt zu Ingenbohl gehörig) am Vierwaldstätter See die bessere Erinnerung. Beherbergt waren wir nah am Ufer, also am Beginn der Axenstraße, während das Gasthaus Ochsen am anderen Ortsende steht. Auf Anhieb erkannt hätte ich den Lancia Aprilia zwar nicht, aber wie man auf dieser so deutlichen Aufnahme einen Brezelkäfer ausmachen will – was man vor 10 Jahren durch Vergleich mit mengenmäßig noch weitaus weniger Internetbildern und dann eben der Fachliteratur ermittelte, scheint nun oftmals per KI zu erfolgen. Aber manche Bildanbieter wissen nun wohl doch, wo die zuverlässigsten Informationen zu finden sind ! Denn Ihr Blog ist die beste Quelle zur Ermittlung des exakten Fahrzeugtyps, wie ich auch aufgrund meiner eigenen ebay-Aktivität im letzten halben Jahr feststellen konnte. Ob Opel oder Chrysler, ob Hupmobile oder Hanomag – hier finden sich die richtigen Anhaltspunkte für weitere ebay-Entdeckungen ! Daher meinen allerbesten Dank dafür, was Sie hier in einem Jahrzehnt aufgebaut und so auch zu meiner zwar kleinen, aber doch zielgerichteten Oldtimerbildsammlung beitrugen !
Gut beobachtet, der Ponton-Mercedes wurde erst 1953 vorgestellt!
Links neben dem Lancia sind ein Amischlitten und wohl auch noch ein Mercedes zu erkennen, die nahelegen, die Aufnahme wohl eher in die Mitte der 1950er Jahre zu datieren.
Herzlichen Dank für den Hinweis. Habe mir mal die historischen Kontrollschilder der Schweiz angesehen und finde Ihren Vorschlag überzeugend. Text ist entsprechend angepasst!
Das Nummernschild beim Fiat könnte ein Schweizer sein, und zwar steht SZ für den Kanton Schwyz. Das Foto ist nicht sehr deutlich, aber das Format könnte etwa stimmen, heute sind die Ziffern etwas kleiner.