Eibsee 1931: DKW Front F1 gegen Amilcar und Bugatti

Die Überschrift des heutigen Artikels mag Argwohn wecken – wer soll so wahnsinnig gewesen sein, vor 85 Jahren in einem Halbliter-Zweitakter gegen Rennsportwagen von Amilcar und Bugatti anzutreten?

Nun, wir werden sehen. Die Geschichte ist dermaßen spannend, dass sie es verdient, in allen Facetten erzählt zu werden.

Am Anfang steht der Fund eines alten Fotos, das einen heruntergekommenen DKW zeigt. Dem Anbieter war nicht einmal die Marke bekannt und so hatte er versucht, mit der Bezeichnung „Beutefahrzeug Wehrmacht“ Interesse zu wecken. Das ging daneben, und das Bild war am Ende für einen symbolischen Preis zu haben.

Der Verfasser hatte gleich erkannt, dass es einer der ersten DKW Frontantriebswagen F1 war, von dem es nicht allzuviele Aufnahmen aus günstiger Perspektive gibt. Eigentlich sollte das Foto nur die DKW-Fotogalerie auf diesem Blog vervollständigen.

DKW_F1_Roadster_Schneider&Korb_Galerie

© DKW Front F1 Roadster 1931/32; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass der Wagen trotz Gebrauchsspuren gefällig wirkt, erleichterte die Entscheidung. Erst bei näherer Betrachtung des nur 4 x 5,5 cm messenden Abzugs dämmerte es, dass dies nicht irgendeiner der über 4.000 DKW F1 war, die 1931-32 gebaut wurden.

Tatsächlich zeigt diese unscheinbare Privataufnahme eine absolute Rarität und stellt damit selbst einen Glücksfall dar. Bevor wir das Geheimnis lüften, schauen wir uns den Wagen erst einmal gründlich an. Wir beginnen mit der Frontpartie:

DKW_F1_Roadster_Schneider&Korb_Frontpartie

Zwar fehlt das DKW-Emblem oben an der Kühlermaske. Dass das nur ein DKW Front F1 sein kann, verrät aber die Form der schräg verlaufenden Verkleidung vor der Vorderachse. 

Dieses Blech scheint den Kühlergrill optisch zu verlängern, ist aber bloß eine Abdeckung des Differentials. Deutlicher kann der Hinweis auf einen Frontantriebswagen kaum sein. Schön zu sehen ist auf der Ausschnittsvergrößerung auch die ebenfalls schräg verlaufende Halterung  des Nummernschilds mit der Kennung „V“ für Kreis „Zwickau“.

Die markante Vorderansicht dürfte beim ersten Fronttriebler von DKW beabsichtigt gewesen sein. DKW-Chef Rasmussen hatte 1930 den Ehrgeiz, den ersten deutschen Serien-Fronttriebler vorzustellen.

Zwar kam ihm Stoewer mit dem Modell V5 im Dezember 1930 um wenige Monate zuvor. Doch schaffte es DKW mit einer spektakulären Präsentation im Februar 1931, die Aufmerksamkeit des Publikums auf das neue Frontantriebsmodell zu lenken.

Damit kommen wir zum eingangs erwähnten Rennen, das traditionell im Winter auf dem zugefrorenen Eibsee unterhalb der Zugspitze stattfand. Dort trat DKW noch vor der offiziellen Vorstellung des F1 mit einem frisierten 500ccm-Roadster gegen weit stärkere Wagen von Amilcar und Bugatti an.

Zwar ging der 1,5 Liter Bugatti vom Typ 37 in Führung, musste sich aber in den vereisten Kurven der überlegenen Traktion des DKW geschlagen geben. Der auf den Geraden erarbeitete Vorsprung des Bugatti ging immer wieder verloren.

Bis in die vorletzte Runde leisteten sich die ungleichen Gegner ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen. Dann geriet der DKW aufgrund eines Fahrfehlers in eine Schneewehe und verlor dort wertvolle Zeit. Trotz anschließender Aufholjagd reichte es nur für den zweiten Platz, ganze sechs Sekunden hinter dem Bugatti.

Dieses Ergebnis war dennoch die beste Werbung für das neue Antriebskonzept. Tatsächlich sollte es die Marke DKW und nicht Stoewer sein, die in der Folge mit Fronttrieblern beim Kunden von Erfolg zu Erfolg eilte.

Wie aber sah der beim Eibsee-Rennen eingesetzte DKW-Roadster aus? Nun, DKW versah  seine ersten Frontantriebswagen mit einer 2-sitzigen offenen Karosserie von Schneider & Korb aus dem sächsischen Bernsbach.

Dieser Roadster verfügte im Unterschied zu den späteren Serienwagen über tiefe Türausschnitte und war komplett in Blech gearbeitet. Nach dem Beinahe-Sieg am Eibsee ließ DKW 1931/32 bei Schneider & Korb genau 166 solcher Roadster-Aufbauten fertigen.

Ja, liebe Leser – unser Foto zeigt einen dieser extrem raren Roadster: 

DKW_F1_Roadster_Schneider&Korb_Seitenteil

Auch wenn die Ansprache des Wagens eindeutig ist, bleiben einige Fragen: Wieso trägt das Auto Speichenfelgen und nicht die DKW-typischen Scheibenfelgen? Warum weist die Motorhaube keine Luftschlitze auf? Und weshalb ist der Scheibenrahmen im Unterschied zu anderen Exemplaren oben geschlossen?

Die Antwort liegt vermutlich im Kleinseriencharakter und im stark gebrauchten Zustand des Autos. Hier hat wohl jemand im Lauf der 1930er Jahre einen der seltenen frühen DKW-Roadster weiter zu „individualisieren“ versucht.

Denkbar ist sogar, dass es sich um eines der einst von DKW eingesetzten Vorserienautos handelt. Das seit 1928 zu DKW gehörende Audi-Werk in Zwickau war ja der Fertigungsort der DKW-Fronttriebler, auch wenn der Firmensitz Zschopau war. Die Zulassung im Raum Zwickau würde dazu perfekt passen…

Sollte hierzu jemand Näheres wissen, wäre der Verfasser für einen Hinweis dankbar. Ernsthaften Interessenten wird das Foto in hochauflösender Form zur Verfügung gestellt.

Literaturhinweise:

DKW Automobile 1907-1945, von Thomas Erdmann, hrsg. von Delius-Klasing, 1. Auflage 2012, S. 107-114

DKW-Fotoalbum 1928-1942, von Jörg Lindner, hrsg. von Johann Kleine-Vennekate, 1. Auflage 2010, S. 38, 41, 51

4 Gedanken zu „Eibsee 1931: DKW Front F1 gegen Amilcar und Bugatti

  1. Ah eine DKW NZ350, welch schönes Motorrad. Das Zschopauer Werk hat auch wirklich sehr gute Motorräder gebaut und war ja nicht umsonst mehrfach größter Motorradhersteller der Welt.
    Mein Urgroßvater hatte eine SB 200. Leider diente sie schon in den 60er Jahren meinem Vater als „Abenteuerspielplatz“ in einer Scheune und wurde danach irgendwann entsorgt. Das einzige was erhalten blieb, war der zerbrochene Vergaser…
    Aber den Hinweis mit den Fronttrieblern aus Zwickau musste ich als ehemaliger Zwickauer Student einfach geben, insbesondere da mein erstes Auto ein Trabant 601 war, welcher zum Teil noch in den gleichen Hallen zusammengedübelt wurde und vom Prinzip ja noch auf dem F1 fußte. 😉

    Lieber Michael, mach weiter so mit deinem Blog. Eine so tolle Fahrzeugbeschreibung der vielfältigen mitteleuropäischen Fahrzeugwelt an Hand von Originalfotos findet man sonst im Netz nirgends.
    Ich freue mich schon auf weitere spannende Geschichten hinter den Bildern und fiebere jeden Tag was es Neues an alten Autos gibt.

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  2. Besten Dank für den Hinweis, René! In der Tat haben die Zschopauer Entwickler unter Leitung von Richard Blau „nur“ die Vorarbeit geleistet, sodass die Audi-Leute in den vorgegebenen sechs Wochen den Prototypen fertigbekamen. Ich passe den Text in dem Punkt gern an. Als DKW-Motorradfahrer (NZ 350) verbinde ich nun einmal Zschopau mit der Marke, aber Dein Hinweis auf den Produktionsstandort Zwickau ist wichtig und korrekt.

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  3. Hallo Michael,
    ein sehr interessantes Foto vom kleinen Frontriebs-DKW mit einer tollen „Pressevorstellungsgeschichte“ auf dem Eibsee.
    Du schreibst häufig in deinem Blog zu DKW vom traditionsreichen Zschopauer Unternehmen oder auch von „gefällig gezeichneten 2-Takter aus Zschopau“. Dies ist bzgl. des reinen Firmensitzes von DKW und der Motorenproduktion vor dem Krieg auch völlig korrekt.
    Wichtig zu erwähnen ist jedoch, dass es in Zschopau keine direkte Pkw-Fabrikation von Serienautos gab (soweit mir bekannt ist). Alle Serien-DKW-Frontantriebswagen F1, F2,..bis zum F8 und F9 wurden im Audiwerk in Zwickau gebaut. Auch wurde der F1 vom Zwickauer Audi-Konstruktionsbüro entworfen, angeblich in Rekordzeit von 6 Wochen.
    Hintergrund für diese „Zusammenarbeit“ war die Übernahme von Audi durch DKW schon 1928, also noch vor dem Zusammenschluss zur Autounion und dem Auftrag zu einer sinnvollen Auslastung des Audiwerkes mit den boomenden einfachen Kleinwagen mit Zweitaktmotor durch den DKW-Chef Jörgen Skafte Rasmussen.
    Der im Foto abgebildete Wagen hat somit Zwickau nicht nur als reinen Zulassungsort sondern wurde auch dort gebaut. Die außergewöhnlichen Karosseriemerkmale, welche du schon beschrieben hast, könnten somit durchaus auf einen Vorserienwagen hinweisen.
    Auffällig sind jedoch wirklich die vorderen Holzspeichenräder, welche von Form und Speichenzahl sehr nach Hanomag 2/10 PS aussehen. Vielleicht war ja die Blechpresse für die Radtöpfe in den 6 Wochen Entwicklungszeit noch nicht fertig 😉

    Übrigens, alle Heckantriebs-DKW, also beginnend beim ersten P15 PS wurden in Berlin-Spandau in der ehemaligen Slaby-Beringer-Automobilgesellschaft „zusammengenagelt“. Aus Zschopau kamen auch in diesem Fall die Motoren.

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