London to Brighton 1946 – Rennen fällt leider aus…

Heute ist der 5. November 2016. Morgen bei Sonnenaufgang starten die ersten von rund 400 Veteranenautos bis Baujahr 1905 im Londoner Hyde-Park zur 120. Auflage der 60-Meilen-Fahrt von der britischen Hauptstadt ins Seebad Brighton.

Die älteste Autoausfahrt der Welt feiert die Aufhebung des „Red Flag Act“ im Jahr 1896, der das Höchsttempo selbstfahrender Straßenfahrzeuge auf Schrittgeschwindigkeit begrenzt hatte.

Nur in Kriegszeiten fiel der London to „Brighton Veteran Car Run“aus. Doch halt, ganz stimmt das nicht. Denn nach dem 2. Weltkrieg lag die englische Wirtschaft derart am Boden, dass die Fahrt aus Treibstoffmangel bis 1947 ausfallen musste.

Man muss sich das vorstellen: England gehörte zu den Kriegsgewinnern – dank Eintritts der USA 1941 – litt aber bis Mitte der 1950er Jahre unter sozialistischer Plan- und Mangelwirtschaft. Im vom Krieg verheerten Deutschland fand das erste Motorsportrennen im Juli 1946 statt…

Eine Weile mussten die Briten also noch auf die Tradition der Veteranenfahrt von London nach Brighton verzichten. Doch den traditionellen „Seaside Trip“ ließen sich die Herrschaften auf folgendem Foto von 1946 offenbar nicht nehmen:

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© Brighton 1946; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir können davon ausgehen, dass die beiden schick gekleideten Ladies und der Nadelstreifenträger der „besseren Gesellschaft“ aus London angehörten, die nicht auf Lebensmittelkarten und Benzinzuteilungen angewiesen waren.

Sie haben es sich in Liegestühlen an der „seafront“ in Brighton bequem gemacht und genießen die Sonne. Zu welcher Jahreszeit die Aufnahme entstand, wissen wir nicht. Hier ist alles Mögliche denkbar, denn Engländerinnen frieren noch lange nicht, wenn junge Männer hierzulande sogenannte Funktionsjacken und Schal anlegen…

Übrigens ist im Hintergrund rechts eine 3-Fenster-Limousine des Herstellers Standard zu sehen. In so einem schlichten Vorkriegsgefährt sind unsere wohlsituierten Liegestuhlinsassen aber sicher nicht angereist.

Zu der Reisegruppe aus der britischen Metropole gehörten außerdem diese beiden Herrschaften:

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© Brighton 1946; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im Zweireiher mit Fliege und Einstecktuch wird man heute niemanden mehr am Strand von Brighton antreffen. Der Pullunder unter dem Anzug ist „very british“. Die Regeln formaler Kleidung kennen und im Detail gezielt dagegen verstoßen, das hat Stil und wird in England nach wie vor beherrscht.

Heute setzen sich hierzulande Leute in kurzen Hosen und Baseballmütze in Vorkriegsautos und merken nicht, dass sie damit bloß amerikanische Unterschichtenkultur imitieren. Als ob es in Europa nichts Eigenes gäbe…

Anyway, wir erfreuen uns an den beiden historischen Aufnahmen, die einen sonnenbeschienenen, glücklichen Moment vor 70 Jahren bewahren.

Auf dem zweiten Foto sieht man übrigens im Hintergrund einen Vauxhall 10-4. Auch dieser einst populäre Wagen war für Londoner Banker und Anwälte klar unter Niveau. Doch beim Genuss der „seafront“ in Brighton waren alle Besucher gleich.

Nur auf das Eintreffen der Veteranen aus London am „Madeira Drive“ in Brighton musste man 1946 verzichten. Erst 1948 wurde die Fahrt wieder veranstaltet und seither jedes Jahr. Das ist Tradition, und da haben uns die Briten viel voraus.

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