1917 in Wilna: Hoher Besuch im Heeres-Mercedes

Auch wenn es noch zu früh für den Fund des Monats ist, wollen wir uns heute mit einer außerordentlichen Aufnahme beschäftigen, die für Freunde von Vorkriegswagen in vielerlei Hinsicht ein besonderer Genuss sein dürfte.

Die Mercedes-Fraktion – aber sicher nicht nur sie – wird mit einem prachtvollen Spitzkühlermodell verwöhnt, ebenso kommen die historisch am deutschen Kaiserhaus und am 1. Weltkrieg Interessierten auf Ihre Kosten.

Darüber hinaus ist es schlicht begeisternd, was sich aus einer über 100 Jahre alten Aufnahme an Details herauslesen lässt – dank eines Netzwerks an sachkundigen Lesern.

Nun aber erst einmal hinein ins pralle Leben:

Mercedes_Kaiser_Wilhelm_08-1917_Galerie

Mercedes mit Kaiser Wilhelm in Wilna; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Diese eindrucksvolle Aufnahme verschickte im August 1917 ein Vizefeldwebel Krienke als Feldpostkarte an seine Frau in Hamburg.

Der Karte ist der genaue Aufnahmeort nicht zu entnehmen, angegeben ist nur die Truppenzugehörigkeit des Absenders.

Er gehörte zu einer Munitionsversorgungseinheit der 10. Armee, die seit 1915 unter dem Kommando von Hermann von Eichhorn an der Ostfront eingesetzt war und dort die nach Ostpreußen eingebrochene russische Armee zurückgeworfen hatte.

Zum Zeitpunkt unserer Aufnahme zeichnete sich an der Ostfront bereits die endgültige Niederlage Russlands ab, die noch 1917 in einen Waffenstillstand münden sollte.

Vizefeldwebel Krienke verrät in den wenigen Zeilen an seine Frau, wer in dem Mercedes zu sehen ist – mit etwas Geschichtskenntnis hätte man es aber auch so erkannt:

Mercedes_Kaiser_Wilhelm_08-1917_Ausschnitt1

Wer sich hier gerade nachdenklich den Schnauzbart glattstreicht, ist unverkennbar Kaiser Wilhelm II.

Leser Klaas Dierks verdanken wir die Information, dass daneben sein Generaladjutant Generaloberst Hans von Plessen sitzt, der zum engsten militärischen Kreis um den Kaiser gehörte. Mit über 75 Jahren war er 1917 der älteste diensthabende deutsche Offizier.

Vor lauter Prominenz wollen wir aber den mächtigen Mercedes nicht vergessen, in dem der Kaiser hier chauffiert wurde:

Mercedes_Kaiser_Wilhelm_08-1917_Ausschnitt2

Zwar ist dies kein Wagen aus dem kaiserlichen Fuhrpark – doch natürlich hat sich das Armeekommando nicht lumpen lassen.

Laut Aufschrift auf der Haube handelte es sich um Wagen Nr. 3 des Fuhrparks der 10. Armee. Das dürfte eines der repräsentativsten und leistungsfähigsten Automobile gewesen sein, die vor Ort verfügbar waren.

Apropos Ort: Auch wenn wir (noch) nicht genau sagen können, was für ein Mercedes-Modell wir hier vor uns haben, wissen wir doch genau, wo diese Aufnahme entstanden ist.

Die Situation ist nämlich in mehreren Fotos dokumentiert. Es handelt sich um den Besuch Kaiser Wilhelms in der litauischen Hauptstadt Wilna ab Ende Juli 1917.

Unser Foto zeigt laut der Postkarte von Vizefeldwebel Krienke den Kaiser bei der „Abfahrt am Bahnhofsgebäude“, d.h. kurz bevor er in den Zug zurück nach Berlin umstieg, der ihn dorthin gebracht hatte.

Und da der Verfasser ein Faible für die Details solcher Aufnahmen – und besonders die ganz normalen Menschen darauf – hat, hier noch ein Ausschnitt, der beweist, dass dieses Foto einst wirklich am Bahnhof entstand:

Mercedes_Kaiser_Wilhelm_08-1917_Ausschnitt3

Während links einige Offiziere durchs Bild huschen, stehen rechts neben der gusseisernen Säule des Bahnhofsvordachs stoisch zwei Männer.

Der jüngere davon salutiert mit Karabiner und aufgepflanztem Bajonett – er dürfte ein Soldat der 10. Armee gewesen sein. Daneben steht ebenfalls stramm und würdevoll ein deutlich älterer Mann, den die Armbinde wahrscheinlich als Vertreter der Bahnhofs-Kommandantur ausweist.

Er trägt eine 1917 zumindest beim Heer veraltete Pickelhaube und präsentiert sich mit zwei Medaillen auf der Brust. „Oje, hoffentlich macht mir keiner der jungen Burschen Schande, wenn der Kaiser den Zug besteigt“, so mag er sich gedacht haben.

Ob er und der Soldat neben ihm wohl auch Postkarten mit dem Foto dieses Ereignisses in die Heimat schickten? Gut möglich, und vielleicht existieren sie nach über 100 Jahren noch irgendwo und regen ebenso wie unsere Aufnahme die Fantasie an.

Man sieht: Die Beschäftigung mit Vorkriegswagen auf alten Fotos bringt einen oft genug auf spannende Abwege – und dazu tragen auch die Leser dieses Blogs bei.

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

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