Spitzkühler mit eigenem Profil: Presto D-Typ 10/30 PS

Nach dem 1. Weltkrieg führte eine ganze Reihe deutscher Autohersteller die 1913/14 aufgekommene Spitzkühlermode mit bemerkenswerter Beharrlichkeit fort.

Adler aus Frankfurt baute bis 1924 den Typ 9/24 bzw. 9/30 PS mit markanter Frontpartie wie im Fall des hier abgelichten Taxis:

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Adler Typ 9/24 oder 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Leider ist bei dem Foto trotz günstiger Perspektive etwas schiefgelaufen – vermutlich ist bei der Aufnahme von einer Seite unbeabsichtigt Licht in das Kameragehäuse eingetreten.

Während Adler erst ab 1925 konsequent Flachkühlermodelle fabrizierte, fiel das Erscheinungsbild in der frühen Nachkriegszeit bei Benz differenzierter aus. Wie bereits vor dem Krieg boten die Mannheimer ihren Kunden parallel beide Versionen an.

Ein Kuriosum in dieser Hinsicht fand sich auf der folgenden Aufnahme:

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Benz Typ 8/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An der Front ist eindeutig ein Benz-Spitzkühler montiert, man kann auf dem Original den Markenschriftzug einwandfrei lesen. Doch will der Kühler nicht so recht zur daran anschließenden Motorhaube passen.

Da der übrige Wagen Vorkriegsmodellen von Benz des Kompakttyps 8/20 PS gleicht, darf man annehmen, dass hier jemand nach dem 1. Weltkrieg seinen schon älteren Wagen auf diese Weise modernisiert hat.

Dazu wurde die Motorhaube auf rustikale Weise dem abweichenden Profil des Spitzkühlers „angepasst“. Man sieht deutlich den nachträglich angebrachten Falz oberhalb des ursprünglichen Knicks zwischen Ober- und Seitenteil der Haube.

Für konservative Kunden wurden bei Benz aber auch bei Nachkriegsmodellen weiterhin Flachkühler angeboten – womit sie ihrer Zeit letztlich voraus waren, denn der Spitzkühler verschwand später zumindest bei den Volumenmodellen.

Eine eigene Spitzkühlervariante zeichnete die Nachkriegsmodelle der Berliner Firma NAG aus. Dort verwandelte man den markentypischen Ovalkühler in einen Spitzkühler, ohne dass der Wiedererkennungswert verlorenging:

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NAG Typ C4 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir den Typ C4 10/30 PS, den NAG bis 1924 als einziges Modell anbot, in einer aufwendigen Spezialversion anlässlich des Besuchs von Reichspräsident Paul von Hindenburg in Leer Ende der 1920er Jahre (Bildbericht).

Noch eigenständiger war der Spitzkühler, den das Nachkriegsmodell C 10/30 PS der ebenfalls in Berlin ansässigen Firma Protos bis 1924 trug.

Formal lebte darin etwas vom gestalterischen Reichtum der Vorkriegszeit fort, ein Unikum in den sonst meist sehr sachlich daherkommenden 1920er Jahren:

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Protos Typ C 10/30PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ornamentale Element auf der Oberseite des Kühlers erinnert an die ausgebreiteten Schwingen des altägyptischen Horus-Falken – tatsächlich war es ein Überbleibsel des Jugendstils, der sich aus vielen Quellen speiste.

Noch beim Nachfolgertyp C1 10/45 PS, der bis 1927 gebaut wurde, stößt man auf das exotisch anmutende Ornament – ein Foto zeigen wir davon gelegentlich.

Bevor wir uns dem Spitzkühlertyp zuwenden, um den es heute eigentlich geht, noch ein weiteres Beispiel für einen Vertreter dieses Trends – ein Stoewer des Typ D3 8/24 PS:

Stoewer_D3_Tourenwagen_Galerie

Stoewer D3 8/24 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Typisch für den Spitzkühler der Stoewer D-Typen war, dass die Vorderkante leicht nach hinten geneigt war, was die Stettiner Wagen etwas dynamischer wirken ließ. Man nimmt dies auf obigem Foto kaum war, was mit dem Aufnahmewinkel zu tun hat.

Dieselbe Idee – jedoch in Verbindung mit einem oben tropfenförmig auslaufenden Kühlerabschluss und bis zu den vorderen Rahmenauslegern reichenden Schutzblechen – findet man bei diesem eindrucksvollen Tourenwagen:

Presto_D-Typ_mit_Dame_Galerie

Presto Typ D 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir nun ein Prachtexemplar des Typs D 10/30 PS des einstigen Herstellers Presto aus Chemnitz vor uns.

Diese großzügigen Qualitätswagen wurden mit nur geringen Änderungen bis 1925 gebaut und waren damals recht verbreitet. Entsprechend viele davon sind in der Presto-Galerie in diesem Blog dokumentiert.

Technisch blieben die Presto-Wagen stets unauffällig – ein konventioneller Vierzylinder mit knapp 2,4 Liter Hubraum und seitengesteuerten Ventilen musste wie im Fall vieler einheimischer Konkurrenten genügen.

Vom Nachfolgetyp E 10/40 PS unterschied sich der D-Typ außer durch die geringere Leistung durch das Fehlen von Vorderradbremsen.

Presto_D-Typ_mit_Dame_Frontpartie

Auch wenn die Kühlerpartie teilweise verdeckt ist, erkennt man die leichte Neigung der Vorderkante. Hier wird auch der Unterschied zu den Kühlern der zeitgleichen Stoewer D-Typen deutlich:

Der Kühlerausschnitt ist annähernd eckig, nicht abgerundet und das Oberteil ist tropfenfömig, fast fühlt man sich an die Schnabelkühler der Vorkriegszeit erinnert – eine wenig ansprechende Lösung, die zeitweilig selbst bei Horch zu finden war.

Für die Identifikation wichtig sind außerdem die sechs kiemenartigen Luftschlitze in der hinteren Haubenhälfte. Bei einigen Presto-Wagen dieses Typs scheinen sie jedoch eher mittig angebracht zu sein – weiß jemand etwas dazu?

Zumindest ahnen kann man die vorn dreieckig, nicht abgerundet auslaufenden Schutzbleche – auch dies ein eigenwilliges Detail, das sich bei manchem deutschen Wagen der Zeit nach dem 1. Weltkrieg findet.

Man sieht: Kein einzelnes dieser grundsätzlichen Elemente war typspezifisch, erst eine bestimmte Kombination und Anordnung erlaubt eine sichere Identifikation.

Nur wenig hilft dagegen in aller Regel die Partie ab der Windschutzscheibe:

Presto_D-Typ_mit_Dame_Seitenpartie

Viel klarer kann die Linienführung eines Tourenwagens der 1920er Jahre kaum sein. Dennoch wirkten diese Aufbauten in der Realität nicht langweilig.

Was auf dem Foto schwer nachzuvollziehen ist, ist die tatsächlich spannungsreiche Gestaltung des Karosseriekörpers oberhalb der Schwellerpartie.

So erreicht der Aufbau seine größte Breite zwischen der ersten und zweiten Tür – dort ist die Seitenlinie annähernd vertikal. Nach hinten wird die Karosserie im unteren Bereich immer schlanker, während die Seitenneigung stark zunimmt. 

Wir raffiniert so etwas aus einem etwas anderen Blickwinkel wirkt, demonstrieren wir bei Gelegenheit anhand eines großartigen Adler-Fotos.

Übrigens findet sich dieselbe Gestaltung der Schwellerpartie mit einem großen Fach und zwei Knebelverschlüssen auf einem anderen Foto eines Presto D-Typs, das wir vor längerem einmal gezeigt haben:

Presto_D-Typ_Ausschnitt

Presto Typ D 10/30 PS

Doch findet sich auch hier ein deutlicher Unterschied – die Kühlermaske ist lackiert und nicht verchromt bzw. vernickelt. Könnte das ein Hinweis auf eine frühe Entstehung sein?

Da diese großzügigen Wagen trotz guten Absatzes in Manufaktur gefertigt wurden, wird es während der mehrjährigen Bauzeit des Typs immer wieder Abweichungen in solchen Details gegeben haben.

Leider scheint es bislang keine genaue Chronologie der Presto-Wagen zu geben, die auf solche Unterschiede eingeht – ein bedauerlicher Zustand wie bei etlichen untergegangenen deutschen Herstellern der Zwischenkriegszeit…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

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