Thüringer 6-Appeal: Spitzkühler-Loreley von 1914

Bestimmte Orte besitzen eine kaum erklärliche Magie – in deutschen Landen ist einer davon sicher der Loreley-Felsen am Mittelrhein.

Die dramatische Landschaft an der engsten und für die Schiffer einst gefährlichsten Stelle des Rheins war für frühe Automobilisten in der Region ein beliebtes Fotomotiv.

Hier haben wir eine solche Aufnahme:

unbek_an_der Loreley_Galerie

Tourenwagen um 1920 am Loreley-Felsen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Unter den unzähligen zeitgenössischen Aufnahmen vom selben Ort ist diese besonders reizvoll. Rätselhaft ist bis heute, was für ein Tourenwagen darauf abgebildet ist.

Das Fahrzeug mit seinem kolossalen Radstand bot ohne weiteres sechs bis sieben Personen auf drei Sitzbänken Platz. Doch scheint es nur einen weiteren Passagier transportiert zu haben – der wohl dieses exzellente Foto anfertigte.

Wenn ein Leser eine Idee hat, worum es sich bei diesem vermutlich Anfang der 1920er Jahre entstandenen Automobil handelt, freut sich der Verfasser über eine Nachricht.

Für die bis heute anhaltende Faszination der Loreley steht auch das Fahrzeug, um das es heute eigentlich geht. Gebaut wurde es wohl 1914 in Thüringen – im altehrwürdigen Handelszentrum Arnstadt.

Dort begann die Maschinenfabrik Rudolf Ley 1902 mit der Entwicklung eines Automobils, das 1905 vorgestellt und ab 1906 gebaut wurde. 

An dieser Stelle ist leider festzustellen, dass die diesbezüglichen Darstellungen in der veralteten Standardliteratur zu deutschen Vorkriegswagen (H. von Fersen und H. Schrader) grob fehlerhaft sind.

Der dort als Initiator der Autoentwicklung genannte Rudolf Ley war seit 1901 tot und der Konstrukteur war nicht dessen Bruder Albert, sondern der Sohn Alfred Ley (Quelle: http://www.ley-automobile.de).

Richtig ist hingegen, dass sich die unter dem Markennamen Loreley angebotenen Wagen rasch einen ausgezeichneten Ruf erarbeiteten. Praktisch zeitgleich mit Adler aus Frankfurt/Main verband man erstmals Motor und Getriebe in einem Block.

Außerdem gehörte die Firma Ley zu den Pionieren des Sechszylindermotors in Deutschland. Diese kultivierte Antriebsform bot man schon ab 1907 an – auch in Kombination mit kleinem Hubraum.

Später traten größerer Vier- und Sechszylinder mit bis zu 2,6 Litern Hubraum hinzu. 1913 stellte sich das Angebot der Loreley-Wagen wie folgt dar:

Loreley_6-18_PS_1913_2_Galerie

Hier haben wir einen der wohl kleinsten in Deutschland jemals gebauten Sechszylinder vor uns –  mit 1,6 Liter Hubraum war der Motor des Loreley Typ J 6A noch kompakter als der des Mercedes-Benz 170 von Anfang der 1930er Jahre.

Man behalte hier die Ausführung der dünnen, zur Verstärkung mit umlaufenden Sicken versehenen Vorderschutzbleche im Hinterkopf.

Äußerlich kaum unterscheidbar war das stärkere 8/24 PS-Modell mit 2,1 Liter messendem Vierzylinder:

Loreley_8-24_PS_1913_Galerie

Nebenbei war das damals einer der Wagen mit der höchsten Leistung in dieser Hubraumklasse am deutschen Markt.

Kein Wunder, dass sich die Loreley-Wagen auch international ausgezeichnet verkauften. Laut einer Anzeige in der Zeitschrift Motor von Oktober 1913 betrug der Exportanteil weit über 50 %!

Auch hier sei auf die dünne Ausführung des Vorderschutzblechs verwiesen. Doch nun werden wir eine blechmäßig wie motorenseitig stärkere Version kennenlernen:

Loreley_10-28_PS_1913_Galerie

Im direkten Vergleich mit den Abbildungen der kleinvolumigen Modelle fällt hier neben der längeren Motorhaube vor allem die stärkere und gewölbte Ausführung der Vorderschutzbleche auf.

Genau dieses Detail findet sich auf folgender Originalaufnahme, die zu Anfang des 1. Weltkriegs entstanden ist:

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Loreley Typ K6 10/28 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vom Spitzkühler darf man sich nicht täuschen lassen – dieser war ab 1914 bei den meisten deutschen Automobilen optional oder als Standard verfügbar.

Oberhalb des in Fahrtrichtung links befindlichen Scheinwerfers erkennt man den Buchstaben „L“ auf dem Oberteil eines sonst verdeckten Emblems.

Das gab es so nur bei Wagen der Maschinenfabrik Ley (die beiden übrigen Buchstaben  waren auf den beiden unteren „Armen“ des dreigeteilten Emblems abgebildet.

Dass wir hier einen Wagen von Ley vor uns haben, daran besteht kein Zweifel – bloß findet sich in der dem Verfasser bekannten Literatur keine Aufnahme eines solchen Spitzkühlermodells.

Von daher ist es nur eine von der Ausführung der Vorderschutzbleche ausgehende Vermutung, dass es sich um einen Wagen des 6-Zylindermodells K 6 10/28 PS handelt, das wir auf der oben gezeigten Abbildung von 1913 gesehen haben.

Nur eines wissen wir genau: Der junge Soldat auf dem Beifahrersitz ließ sein Leben irgendwann im 1. Weltkrieg – „gefallen im Juni im Osten“ steht auf der Rückseite geschrieben. Vielleicht haben wir hier die letzte Fotografie von ihm vor uns:

Ley_um_1914_gefallen_Ende_Juni_im_Osten_Ausschnitt

Das Grab dieses unbekannten Soldaten wird schon längst abgeräumt worden sein, wenn er nicht einer der unzähligen Vermissten war, die niemals bestattet wurden.

Immerhin hat es sein Konterfei auf dieser Aufnahme ins 21. Jahrhundert geschafft. Das hätte sich unser junger Loreley-Insasse vor über 100 Jahren nicht träumen lassen.

Loreley  – das war der Markenname einer thüringischen Automobilmanufaktur, von der wir künftig mehr berichten werden. Etliche Originalfotos aus der Sammlung des Verfassers und von Lesern warten darauf, dem Vergessen entrissen zu werden.

War aber nicht in der Überschrift dieses Blogeintrags im Zusammenhang mit Loreley von 6-Appeal die Rede? Nun, da gibt es etwas, was zwar nichts mit Vorkriegsautos zu tun hat, aber dennoch sehenswert ist.

Im Film „Blondinen bevorzugt“ von 1953 trat nämlich einst Marilyn Monroe als „Loreley“ zusammen mit Jane Russell auf und die beiden dürfte damit gleichnamige Spitzkühlermodelle in punkto 6-Appeal locker übertroffen haben…

© Videoquelle YouTube; hochgeladen von ThatGirlMarilyn; Urheberrecht: 20th Century Fox Corporation

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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