Ahnenforschung: Varianten des Brennabor 6 PS-Typs

Erstaunlich: Da rühmt man sich hierzulande, dass das Automobil in Deutschland erfunden wurde, doch in der Historie etlicher Marken klaffen seit Jahrzehnten jede Menge Lücken.

Nicht nur, dass es keine zeitgemäße, wirklich umfassende Standardliteratur zu Marken wie Apollo, Ley, NAG, Phänomen, Presto, Protos oder Simson gibt.

Selbst der nach dem 1. Weltkrieg anfänglich bedeutendste deutsche Autohersteller harrt bis heute einer Aufarbeitung. Leser meines Blogs wissen, wovon die Rede ist: Brennabor aus Brandenburg.

Zwar gibt es Ansätze zu einer Darstellung der Automobilproduktion von Brennabor, etwa im Buch von Hans-Georg Kohnke „Von Brennabor zu ZF“, 2016, oder in der Dokumentation „Brennabor-Werke Brandenburg/Havel“ von Kreschel/Mertink, 1995 (danke an Helmut Kasimirowicz in dem Zusammenhang).

Doch eine detaillierte Chronologie der einzelnen Brennabor-Typen ist bislang nicht verfügbar. Auch im Netz gibt es derzeit nur eine lückenhafte Bilddokumentation ohne nähere Beschreibung (hier).

Dabei gibt es jede Menge Bildmaterial zu Brennabor-Fahrzeugen – selbst ohne spezielle Suche konnte ich bereits zahlreiche Fotos dingfest machen, die in meiner Brennabor-Galerie zu finden sind.

Auf welche Schwierigkeiten man bei der näheren Bestimmung von Brennabor-PKW auf historischen Fotos stößt, will ich heute anhand von Brennabor-Wagen in der 6 PS-Steuerklasse zeigen.

Als Einstieg eignet sich dieses Exemplar:

Brennabor_Typ_C_1910-12_Dresden_1962_Galerie

Brennabor Typ C 6/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme entstand bei einer Veteranenveranstaltung in der „DDR“ im Jahr 1962 – also vor mehr als einem halben Jahrhundert. Das Auto selbst war damals ebenfalls bereits rund 50 Jahre alt.

Der Spitzkühler und die Gestaltung der Vorderkotflügel lassen vermuten, dass der Wagen kurz vor dem 1. Weltkrieg entstand. Dabei gibt der Kühler Rätsel auf.

In der mir zugänglichen Literatur und im Netz gibt es keine vergleichbare Abbildung. Denkbar ist, dass dieser Kühler nur kurzzeitig verbaut wurde (ab 1914) oder auch, dass er ein zeitgenössisches Zubehörteil darstellte, mit dem man dem Wagen ein modischeres Aussehen geben konnte.

Das Auto selbst dürfte ein Brennabor der 6 PS-Steuerklasse gewesen sein. Mit dem Modell 6/12 PS, das von 1908-10 gebaut wurde, bot Brennabor einen selbstentwickelten Vierzylinder mit 1,6 Liter-Motor – genau in dieser Klasse betreiben wir heute ein wenig „Ahnenforschung“.

Schon 1912 stieg die Höchstleistung dieses 6 PS-Typs auf 18 PS – in der Literatur firmiert der Wagen als Modell L4. Damit dürften wir es auf dem Foto zu tun haben.

Die parallel verfügbaren Brennabor-Autos der Steuerklassen 8 und 10 PS waren deutlich größer, wie das Exemplar auf dieser Reklame von 1913:

Brennabor_Typ_F_10-28_PS_1913_Galerie

Brennabor Typ 10/28 PS; originale Reklamemarke aus Sammlung Michael Schlenger

Nach dem 1. Weltkrieg beschränkte sich Brennabor auf Motorisierungen der Steuerklassen 6 und 8 PS. Dabei erwies sich durch Anwendung rationeller Fertigungsmethoden nach US-Vorbild vor allem der Typ P 8/24 PS als Erfolg.

Doch auch in der 6 PS-Klasse erzielte Brennabor soliden Absatz, wie eine ganze Reihe von Fotos aus meiner Sammlung bezeugen.

Hier haben wir ein Exemplar des von 1922-25 gebauten Typs S 6/20 PS:

Brennabor_Typ_S_Sauerland_1924_Galerie

Brennabor Typ S 6/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Merkmale dieses Nachkriegs-Brennabor der 6 PS-Klasse sind die in Wagenfarbe lackierte, schlicht gehaltene Kühlermaske und die acht weit auseinanderliegenden seitlichen Luftschlitze in der Motorhaube.

Für eine eher späte Entstehung spricht auf dieser Aufnahme die Linkslenkung – dazu passt die Datierung des im Sauerland entstandenen Fotos auf das Jahr 1924. Bemerkenswert sind bei einem Auto dieser Klasse nebenbei die Weißwandreifen.

Im Lauf des Jahres 1925 wurde der etwas stärkere Nachfolgetyp R 6/25 PS eingeführt, der auch optisch überarbeitet worden war:

Brennabor_Typ_R_Thüringen_Galerie

Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Abgesehen von der nunmehr verchromten bzw. vernickelten Kühlermaske wirkte das neue Modell karosserieseitig weit funktioneller als der Vorgänger.

Das elegant geschwungene, an das Trittbrett anschließende Vorderschutzblech war hier einem simplen, der Radform folgenden Teil gewichen, das fast rechtwinklig auf das Trittbrett stieß.

Anstelle der Speichenräder waren nun unfertig wirkende Scheibenräder montiert. Die Vorderschutzbleche waren aus zwei Elementen zusammengeheftet. Es mag sein, dass dies der neu eingeführten Fließbandfertigung geschuldet war.

Auffallend auch die Verringerung der Zahl der seitlichen Haubenschlitze auf fünf. Möglicherweise hatte sich dies als ausreichend erwiesen, doch war damit ein formaler Akzent an der Flanke verlorengegangen.

Man gewinnt den Eindruck, als habe Brennabor bei der weiteren Modellfpflege wieder stärkeres Augenmerk auf ein ansprechendes Äußeres gelegt:

Brennabor_Typ_R_6-25_PS_Galerie

Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen auf diesem reizvollen Foto entspricht an der Frontpartie dem Auto auf der vorherigen Aufnahme.

Unterschiedlich ist aber die Zahl und Ausführung der Luftschlitze in der Motorhaube. Die hohen und schmalen Schlitze deuten aus meiner Sicht auf eine späte Ausführung des Brennabor Typ R 6/25 PS hin.

Hier haben wir eine weitere – bisher unpublizierte – Aufnahme eines solchen modellgepflegten Brennabor R 6/25 PS, nun mit seltenem Limousinenaufbau:

Brennabor_6-25_PS_spät_Galerie

Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger 

Neben der identischen Frontpartie haben wir hier auch wieder die 14 schmalen Luftschlitze, die übrigens dezent nach innen geprägt sind.

Dummerweise weisen gleich zwei auf 1926 – das letzte Baujahr des Brennabor R 6/25 PS – datierte Aufnahmen in der Literatur (Werner Oswald: Deutsche Autos 1920-45) noch die fünf niedrigen Luftschlitze wie auf dem ersten Foto auf.

Zur Erklärung gibt es folgende Möglichkeiten:

  • Zahl und Ausführung der Luftschlitze beim Typ R 6/25 PS sind ohne Bedeutung – bei einem in Serie gefertigten Fahrzeug eher unwahrscheinlich
  • Die Datierung in der Literatur ist unzutreffend – angesichts der zahlreichen Mängel im Buch von Werner Oswald durchaus möglich
  • Bei den Fahrzeugen mit 14 schmalen und hohen Luftschlitzen handelt es sich um frühe Exemplare von 1925 – das wäre aus formaler Hinsicht überraschend
  • Die Brennabor-Wagen des Typs R 6/25 PS mit hohen und schmalen Luftschlitzen wurden über das Jahr 1925 hinaus weitergebaut, parallel zum Nachfolgemodell Z /25 PS – darauf würden die Zeitangaben im „Oswald“ hindeuten (bis 1928).

Dies mag die Schwierigkeiten veranschaulichen, vor denen man mangels hinreichender Dokumentation der Brennabor-Typen öfters steht.

Immerhin sind die Verhältnisse beim Nachfolgetyp Brennabor Z 6/25 PS klarer, den wir auf der folgenden, sehr reizvollen Aufnahme sehen:

Brennabor_Typ_Z_Foto_Mittweida_Galerie

Brennabor Typ Z 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir den letzten Brennabor-Wagen der Steuerklasse 6 PS vor uns – wie die Vorgänger mit 1,6 Liter-Motor und seit dem Typ R unveränderter Leistung.

Die Karosserie zeigt sich in vielen Details modernisiert:

  • Die Kühlermaske ist nun „pointierter“ ausgeführt – speziell, was die Einfassung des Brennabor-Emblems angeht. Von Laien werden Brennabor-Wagen mit dieser Frontpartie gern als Bentley angesprochen.
  • Die Vorderschutzbleche wirken nun (fast) wie aus einem Guss – nicht mehr wie aus zwei Teilen zusammengeschustert.
  • Die zuvor primitiv erscheinenden Räder sind feiner gestalteten Scheibenrädern mit verchromter Nabenkappe gewichen.
  • Statt senkrechter Luftschlitze gibt es nun waagerechte, angeordnet in zwei Gruppen zu je fünf (wie anderen Aufnahmen zu entnehmen ist).

Damit sind wir am – vorläufigen – Ende dieser oberflächlichen „Ahnenforschung“ in Bezug auf die 6-PS-Modelle von Brennabor angelangt.

Da ich kein Markenspezialist bin, sondern mich als Universalist in Bezug auf Vorkriegswagen aus dem deutschen Sprachraum verstehe, bin ich für Korrekturen und Ergänzungen seitens Brennabor-Kennern dankbar.

Letztlich geht es mir nur darum, anhand neu aufgetauchter historischer Aufnahmen den Kenntnisstand in punkto deutsche Vorkriegsautos weiterzuentwickeln.

Von daher ist mir jeder konstruktive Kommentar oder auch Prospekt- und Bildmaterial hochwillkommen, womit sich Wissenslücken schließen und Fehler bereinigen lassen.

Gerade die Marke Brennabor hat es aus meiner Sicht verdient, dass aus den vielen verfügbaren Quellen endlich eine angemessene Würdigung entsteht – vielleicht eine Aufgabe für die Kenner der Marke für das Jahr 2019?

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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