Einst ein „Ideal“: Brennabor Typ N 7/30 PS von 1929

Heute haben wir das Vergnügen, uns anhand eines historischen Automobilfotos einem „Ideal“ der späten 1920er Jahre anzunähern – das ist keineswegs im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich gemeint.

Vermutlich wird jetzt auch bei Kennern der Vorkriegsszene nicht sofort der Groschen fallen. Dabei geht es offiziell um ein Massenprodukt, zumindest nach den bescheidenen Maßstäben der deutschen Autoindustrie jener Zeit.

Ideal aus Sicht eines Freundes von Vorkriegsautos ist schon einmal die Aufnahmesituation – genau so stellt man sich einen Veteranenwagen zur Zeit der Weltwirtschaftskrise vor:

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Brennabor „Ideal“ Typ N 7/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gemessen an den Proportionen und dem üppigen Chromeinsatz an Kühler, Scheinwerfern und Stoßstangen könnte das in der Tat irgendein amerikanischer Großserienwagen der zweiten Hälfte der 1920er Jahre sein.

Das Nummernschild mit der seit 1906 gängigen Kennung für die Hansestadt Bremen spricht keineswegs gegen ein US-Fahrzeug. Der Marktanteil amerikanischer Automobile in Deutschland war in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre kolossal.

Doch tatsächlich haben wir es mit einem Produkt eines deutschen Herstellers zu tun, der sich kurz nach dem 1. Weltkrieg die US-Autoindustrie zum Vorbild nahm und zeitweise Deutschlands größter PKW-Fabrikant war: Brennabor aus Brandenburg.

Das „B“ im Kühleremblem spricht diesbezüglich eine eindeutige Sprache, auch wenn manche Anbieter solcher Fotos etwas von „Bentley“ fabulieren…

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Der luxuriöse Eindruck des Wagens wird von dem verchromten Steinschlaggitter vor den Kühlerlamellen unterstützt, das als passgenaues Zubehör für viele damalige Modelle verfügbar war.

Auch bei der Doppelstoßstange hat man an Chrom nicht gespart – im Zusammenspiel mit der glänzenden Zweifarblackierung war das Auto eine „blendende Erscheinung“.

Man sollte meinen, dass es bei einer solchen Aufnahme aus günstiger Perspektive und in guter Auflösung ein Kinderspiel sei, den Typ zu identifizieren. Dem ist aber nicht so.

Die dem Verfasser zugängliche – im wahrsten Sinne des Wortes „dünne“ – Literatur zeigt zwar eine Reihe ähnlicher Brennabor-Wagen der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.

Einen davon haben wir bereits näher besprochen (Bildbericht):

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Brennabor Typ Z 6/25 PS

Dieser Brennabor Typ Z 6/25 PS weist aber einige formale Unterschiede auf.

Entscheidend sind nicht etwa die fehlenden Chromelemente, diese waren oft ausstattungsabhängig. Vielmehr ist es die starke Profilierung der Vorderschutzbleche, die auf ein älteres Modell verweist.

Der eingangs gezeigte Brennabor verfügt dagegen bereits über elegant geschwungene Kotflügel „aus einem Guss“ mit schwächer ausgeprägter umlaufender Sicke.

Alles übrige erscheint dagegen sehr ähnlich ausgeführt, auch die in zwei Gruppen angeordneten Luftschlitze. Allerdings besaß der Brennabor Typ Z 6/25 PS nur zweimal fünf Luftschlitze pro Seite, wie hier zu sehen ist:

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Brennabor Typ Z 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Brennabor, dem dieser Blogeintrag gewidmet ist, verfügt aber über zweimal zehn Luftschlitze, wenn nicht alles täuscht. Dies spricht für eine stärkere Motorisierung.

Dumm nur, dass sich in der Literatur bislang kein einziges Vergleichsfoto auftreiben ließ, auf dem ein Brennabor mit genau diesen Details zu sehen ist. Im Netz gibt es immerhin ein historisches Foto eines solchen Brennabor (hier).

Der dort abgebildete Wagen wird als Brennabor „Ideal“ angesprochen, das ist die Verkaufsbezeichnung des Typs N 7/30 PS, der als Nachfolger des Typs Z 6/25 PS von 1929-33 gebaut wurde. Könnte er das gesuchte Modell sein?

Tatsächlich findet sich auf der Website der Brennabor-IG eine zeitgenössische Prospektabbildung, die einen „Ideal“ 7/30 PS mit denselben Merkmalen zeigt, die auch „unser“ Wagen aufweist.

Nach der Lage der Dinge ist das heute präsentierte historische Originalfoto eines der ganz wenigen, die einen Brennabor „Ideal“ zeigen. Dabei entstanden von dem Typ einst angeblich rund 10.000 Exemplare.

Allerdings werden für etliche Brennabor-Modelle der 1920er Jahre auffallend runde Produktionszahlen wie 10.000 oder 20.000 genannt. Dies lässt vermuten, dass es sich um grobe Schätzungen, vage Erinnerungen oder schlicht Mutmaßungen handelt.

Einigermaßen gesichert scheinen die wichtigsten technischen Daten des Brennabor „Ideal“ sein: Bei leicht vergrößertem Hubraum (1,6 Liter) leistete der Vierzylinder 5 PS mehr als der Vorgänger, das Spitzentempo stieg auf 75 km/h.

Dass er aber eine geringere Batteriekapazität und schwächere Leistung von Anlasser und Lichtmaschine als der Vorgänger aufgewiesen haben soll (vgl. Werner Oswald: Deutsche Autos 1920-1945, S. 74), dürfte ein Irrtum sein.

Mit stehenden Ventilen war der Brennabor Typ N 7/30 PS um 1930 nicht ganz „Ideal“. Überhaupt scheint Brennabor damals nicht mehr ganz auf der Höhe gewesen zu sein, wenn man von der erstaunlichen (und unwirtschaftlichen) Modellvielfalt absieht.

Angesichts der äußerst raren Fotos des Typs – wir haben hier schon seltenere Wagen jener Zeit anhand mehrerer Originalaufnahmen besprochen – könnte die genannte Produktionszahl von 10.000 für den Brennabor „Ideal“ zu hoch gegriffen sein.

Vielleicht erbarmt sich einmal jemand aus der Automobilhistorischen Gesellschaft (AHG) und liefert die ausstehende Gesamtschau der Automobilproduktion eines der bedeutendsten deutschen PKW-Hersteller der Zwischenkriegszeit.

Der Verfasser stellt gern Brennabor-Originalfotos aus seinem Fundus zur Verfügung. Andere Sammler sollten dasselbe tun, anstatt ihre Schätze unpubliziert zu horten…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Besuch aus Hamburg: Ein Brennabor in Friedberg

Heute haben wir es mit einem ganz besonderen Foto zu tun – zumindest aus Sicht des Verfassers. Doch vielleicht macht die Aufnahme auch dem einen oder anderen Freund von Vorkriegsautos aus dem Norden der Republik Freude.

Auf den ersten Blick sieht man nichts Spektakuläres und denkt vielleicht: „Naja, irgendein offener Wagen der späten 1920er Jahre irgendwo auf einer Landstraße, noch dazu unvorteilhaft schräg von hinten festgehalten.

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Brennabor Typ AK oder ASK; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch das so unscheinbare und nicht sonderlich gut erhaltene Dokument hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich.

Eigentlich hatte der Verfasser diesen Abzug nur aus lokalpatriotischen Motiven erworben und dachte lange nicht, dass auch das Auto darauf eine nähere Betrachtung wert sei, geschweige denn sich identifizieren lasse.

Auf Anhieb klar war, dass die Aufnahme die Ansicht von Friedberg im Wetteraukreis zeigt, die sich einem darbietet, wenn man von Rosbach vor der Höhe (d.h. dem Taunus) kommend auf die einstige Freie Reichstadt (mit römischen Wurzeln) zufährt.

Das verrät dem Einheimischen die unverwechselbare Silhouette der mächtigen gotischen Hallenkirche mit dem auffallend kurzgeratenen Turm:

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Das für einen Ort mit weniger als 30.000 Einwohnern ungewöhnlich große Bauwerk kündet von der einstigen Bedeutung der hochmittelalterlichen Kaufmannsstadt und überragt noch heute die Silhouette der Stadt.

Nur die großzügigen Bürgerhäuser des frühen 20. Jahrhunderts, die man auf dem Foto im Vordergrund sieht, sind inzwischen durch moderne Bebauung verdeckt.

Leider ist die gut erhaltene spätmittelalterliche Altstadt heute durch an Primitivität schwer zu überbietende „Geschäfte“ oft bis ins erste Geschoss verschandelt und lässt kaum mehr etwas vom Einzelhandel ahnen, der noch intakt war, als der Verfasser hier in den 1980er Jahren die Augustinerschule besuchte.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme des Fotos war Friedberg dagegen ein wohlhabendes Zentrum des Bürgertums inmitten der von kleinteiliger Landwirtschaft geprägten Wetterauregion.

Mag sein, dass die Zeugen der fast 2.000-jährigen Geschichte von Friedberg einst die Reisenden anzogen, die sich hier bei einem Halt kurz vor der Stadt ablichten ließen:

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Das Kennzeichen bedarf wohl keiner Erklärung – hier waren tatsächlich unerschrockene Herrschaften aus der Hansestadt Hamburg in einem offenen Zweisitzer-Cabrio mit „Schwiegermuttersitz“ unterwegs.

Der aufmerksame Betrachter wird die kahlen Bäume und die Schneereste am Straßenrand registriert haben – was die Gäste aus dem Norden nicht davon abhielt, mit offenem Verdeck zu fahren.

Während heute Ende März bei 12 Grad Plus und Sonnenschein vor allem junge Zeitgenossen noch mit Wollmützen und geschlossenen „Funktionsjacken“ unterwegs sind, waren unsere Altvorderen hinreichend abgehärtet und trugen bei Bedarf wirklich wärmende Kleidung aus Wolle statt Kunststoff.

Nur so waren solche Touren an der frischen Luft in der kalten Jahreszeit auszuhalten. Mit zwei Passagieren im Heckabteil blieb einem auch nichts anderes übrig, da diese bei geschlossenem Verdeck kaum etwas von der Gegend mitbekommen hätten.

Was aber war das für ein 2+2 Cabriolet, mit dem einst die wackeren Hamburger Jungs und Mädel(s) unterwegs waren?

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Nun, ein paar Anhaltspunkte haben wir: geschüsselte Scheibenräder mit vier Radbolzen, trommelförmige, lackierte Frontscheinwerfer und zwei auffallend weit auseinanderliegende Zierleisten an der Flanke.

Opel und andere Verdächtige waren rasch ausgeschlossen. Übrig blieb nur ein Brennabor des Sechszylindertyps AK bzw. ASK von 1928/29, an dem sich alle genannten Details wiederfinden.

Der massige Wagen (über 1,5 Tonnen Leergewicht) wurde auf kurzem Radstand (daher das „K“ in der Typbezeichnung) mit 2,5 Liter und mit 3 Liter Hubraum (45 bzw. 55 PS) angeboten. Verfügbar war auch eine Langversion mit Pullman-Aufbau (Typ AL bzw. ASL), die noch schwerer und behäbiger war.

Das zweisitzige Cabrio mit 2 Notsitzen gab es nur in der Kurzversion, daher die Ansprache als  Typ AK oder ASK. Die Ausführung ist in der spärlichen Literatur zu Brennabor erwähnt, aber fotografisch kaum dokumentiert.

So gesehen hat es diese schöne Aufnahme vielleicht auch für die Freunde der einst so erfolgreichen Automarke aus Brandenburg an der Havel „in sich“. Ansonsten kommen hier die Hamburger wie die Wetterauer Lokalpatrioten auf ihre Kosten…

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Erstaunlich vielseitig: Der Brennabor Typ P 8/24 PS

Den ersten Volumenerfolg eines deutschen Autoherstellers nach dem 1. Weltkrieg landete keineswegs Opel, wie man meinen könnte.

Nach Stückzahlen führend war Anfang der 1920er Jahre vielmehr die Marke Brennabor aus Brandenburg an der Havel.

Dass die Autoproduktion der einst so vielseitigen Firma heute kaum noch bekannt ist, dürfte auch daran liegen, dass ein überzeugendes Standardwerk dazu bislang fehlt.

Im Internet finden sich ebenfalls nur wenige in die Tiefe gehenden Informationen und Originalfotos. Die äußerlichen Veränderungen der Brennabor-Typen während ihrer Produktionsdauer sind daher für Außenstehende nur mühsam nachzuvollziehen.

Dass es solche Veränderungen gab, liegt bei einer bis 1927 dauernden Produktion des ersten Nachkriegstypen „P“ auf der Hand. Wenn der Eindruck nicht täuscht, gab es nicht nur Unterschiede in der Motorisierung (8/24 und 8/32 PS), sondern auch in Details wie Ausführung und Zahl der Luftschlitze, Scheinwerferform usw.

Von daher dürfte jedes „neue“ Foto eines solchen P-Typs, von dem immerhin rund 10.000 Exemplare entstanden, auch für die Brennabor-Freunde ein Gewinn sein. Wie vielseitig dieses Modell daherkommen konnte, sehen wir beispielsweise hier:

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Brennabor Typ P; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar ist auch auf dem Originalabzug die Kühlerplakette nicht eindeutig zu erkennen. Doch deren Platzierung und Größe sowie das geschwungene Oberteil der Kühlermaske sprechen stark für einen Brennabor.

Einen Hinweis auf die genaue Datierung könnten die trommelförmigen Scheinwerfer, die demontierbaren Felgen, die Form des Vorderschutzblechs und die mindestens acht Luftschlitze in der Haube geben:

Brennabor_Typ_P_Lieferwagen_Kleemann_Koffer_Leipzig_Frontpartie

Für konkrete Hinweise von Brennabor-Spezialisten wäre der Verfasser ausgesprochen dankbar. Von den Dimensionen und dem Erscheinungsbild her tippt er auf einen Typ P 8/24 PS der frühen 1920er Jahre.

Dabei handelte es sich um ein technisch konventionelles Modell mit 2,1 Liter großem Vierzylindermotor.

Immerhin ist dokumentiert, dass es den Typ P auch in Nutzfahrzeugvarianten gab wie der hier abgebildeten. Der Beschriftung nach diente das Auto einst dem Leipziger Koffer- und Lederwarenhersteller Kleemann als Lieferwagen.

Viel war über die Firma nicht herauszufinden. Sie wurde 1842 gegründet und scheint in der Zwischenkriegszeit als F.C. Kleemann GmbH an der repräsentativen Adresse Brühl 37 existiert zu haben.

Vielleicht weiß ein Leser, was aus der Firma nach dem Krieg wurde – heute scheint sie jedenfalls nicht mehr zu existieren. Der besondere Reiz dieser Aufnahme liegt aus Sicht des Verfassers ohnehin in einem anderen Detail:

Brennabor_Typ_P_Lieferwagen_Kleemann_Koffer_Leipzig_Insassin

Wann hat man in einem so profanen Gefährt eine so hübsche und gutgekleidete junge Dame gesehen? War sie vielleicht eine Büroangestellte der Firma Kleemann, die in der Mittagspause auch einmal in einem Automobil posieren wollte?

Der Verfasser hat einen anderen Verdacht: Dies könnte die Tochter des Firmeninhabers gewesen sein, denn einer Angestellten hätte man vermutlich nicht die Mitnahme eines kleinen Hunds erlaubt.

Wer ihn übersehen hat, darf noch einmal nachsehen, er sitzt tatsächlich auf ihrem Schoß – mit einer überdimensionierten Hundemarke um den Hals.

Nicht zuletzt sind es solche liebenswerten Details, die die Magie historischer Originalaufnahmen von Vorkriegsautos ausmachen. Da ist es manchmal gar nicht so wichtig, auch noch den genauen Wagentyp herauszufinden…

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Selbstbewusster Auftritt 1929: Brennabor „Juwel 6“

Zu den einst bedeutenden deutschen Automarken, von deren Modellpalette keine überzeugende Gesamtdarstellung vorliegt – weder in Buchform noch im Netz – gehört der traditionsreiche Hersteller Brennabor aus Brandenburg.

Selbst mancher Kenner von Vorkriegsfahrzeugen aus dem deutschen Sprachraum ist sich des Rangs von Brennabor nicht bewusst: Nach dem 1. Weltkrieg war die Firma kurzzeitig der nach Stückzahlen bedeutendste Autohersteller Deutschlands.

Fast zeitgleich mit Opel installierte man eine Fließbandfertigung nach amerikanischem Vorbild – die entscheidende Voraussetzung für eine wirtschaftliche Produktion.

Leider blieb Brennabor der Erfolg von Opel versagt – aufgrund einer wenig durchdachten Modellpolitik. Denn was bietet sich für eine Massenproduktion besser an als ein erschwingliches und doch vollwertiges Einsteigerfahrzeug?

Diese Lehre aus dem US-Vorbild zog man bei Brennabor im Unterschied zu Opel leider nicht. Stattdessen verzettelte man sich nach vielversprechendem Anfang zunehmend mit nicht marktfähigen Konzepten, darunter auch 6- und 8-Zylinderwagen.

Mit einem dieser Modelle aus der Spätphase der Automobilproduktion von Brennabor befassen wir uns heute anhand der folgenden Aufnahme:

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Brennabor „Juwel 6“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist ein Bild ganz nach dem Geschmack des Verfassers – und sicherlich vieler Leser dieses Blogs für Vorkriegsautos: Hier haben wir keine sterile Werksaufnahme, keine fade Prospektabbildung und kein modernes Foto eines restaurierten Fahrzeugs.

Nein, das ist ein Dokument, wie es lebendiger kaum sein kann. Der Wagen dient dabei eigentlich nur als Staffage für die Inszenierung der einstigen Besitzer und Fahrgäste.

Kein Mensch würde heute mehr vor seinem Wagen derartig posieren – schon allein deshalb nicht mehr, weil moderne Autos banale Erfüllungsgehilfen im Alltag und keine Prestigeobjekte mehr sind.

Vor rund 90 Jahren dagegen – die Aufnahme entstand um 1930 – gehörte man als Autobesitzer hierzulande noch zu einer hauchdünnen Schicht – das galt selbst für den primitivsten Kleinwagen.

Wie stolz müssen die Leute erst auf einen solchen Brennabor gewesen sein! Man sieht es nicht auf Anhieb, aber es handelt sich immerhin um das 6-Zylindermodell „Juwel“.

Das 45 PS starke Fahrzeug ist an den drei Feldern horizontaler Luftschlitze in der Motorhaube zu erkennen, außerdem an der darunterliegenden Griffmulde:

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Die Scheibenräder mit vier Radbolzen „passen“ ebenfalls zu dem pünktlich zur Weltwirtschaftskrise 1929 aufgelegten kleinen Sechszylinder mit 2,5 Liter Hubraum.

Brennabor hatte seit 1928 einen 3,1 Liter messenden Sechszylinder mit 55 PS im Programm – den Typ AS. Parallel dazu gab es zwar auch schon ein kurzlebiges 45 PS-Modell – den Typ A, dessen Aggregat sich aber in Bohrung und Hub von dem des nachfolgenden Brennabor „Juwel“ unterschied.

Man ahnt hier etwas von der unübersichtlichen Modellpolitik bei Brennabor, mit der man letztlich auf keinen grünen Zweig kam.

In technischer Hinsicht waren die genannten Brennabor-Wagen allesamt konventionell – also brave Seitenventiler mit 3-Gang-Getriebe und mechanisch betätigten Bremsen.

Gemessen an vergleichbaren Typen deutscher Hersteller war der Brennabor „Juwel“ recht günstig zu haben – etwas mehr als 5.000 Mark kostete die Limousine.

Doch was half das, wenn ein Chevrolet Series AC mit 45 PS starkem Sechszylinder am deutschen Markt für deutlich weniger Geld zu haben war?

So blieb es bei wenigen tausend Exemplaren des Brennabor „Juwel 6“ bis zum Ende der Fertigung im Jahr 1932. Mit solchen Stückzahlen war man beinahe wieder bei der Manufakturfertigung angelangt.

Ein Jahr später – 1933 – endete der Automobilbau bei Brennabor für immer. Was bleibt, sind einige schöne Zeugnisse, die an diese erloschene Tradition erinnern.

Die flotte junge Dame auf dem Trittbrett steht sinnbildlich für den einst so selbstbewussten Auftritt der Marke aus Brandenburg:

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Schon diese Pose wäre bei heutigen Autos unmöglich – auch deshalb lieben wir Vorkriegswagen – weil sie so vollkommen anders sind.

Die Liebe zum historischen Automobil hat vielleicht in Situationen wie dieser ihre Wurzeln – die frühen Wagen standen für eine neue, unbeschwerte Lebensart, die den meisten vom Alltag absorbierten Zeitgenossen vorenthalten blieb.

Wer einst so einen Wagen besaß, hatte im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Stufe des Daseins erklommen. Das stilvolle und repräsentative Erscheinungsbild der meisten Vorkriegsautos spiegelt noch heute ihren gesellschaftlichen Stellenwert wider.

Wem das zu hochgegriffen erscheint, möge sich einmal bewusst mit der ans Groteske grenzenden oder schlicht belanglosen Gestaltung moderner Alltagsautos vor der Haustür auseinandersetzen…

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25 PS genügten einst zum Glück: Brennabor Typ Z

Hand auf’s Herz: In was für Autos sieht man heute noch glückliche Menschen sitzen?

In einem der PS-Monster, die im Dauerstau auf deutschen Autobahnen die linke Spur plattstehen? Oder in einem der „SUVs“, die mit ihrem Spähpanzerformat Dorfstraßen verstopfen, die jahrzehntelang ausreichend dimensioniert waren?

Mal abgesehen von der Verlotterung der Sitten im Straßenverkehr – Verzicht auf Blinken, Missachten der Vorfahrt, ständiges Schielen auf’s Mobilgerät usw. – ist zu beklagen, dass die Leute kaum noch Freude am Fahren haben.

Wie anders war und ist das im historischen Automobil:

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„Classic Days“ auf Schloss Dyck 2014; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieser mit einer Digitalknipse entstandene Schnappschuss – die Dinger wollen auf solche Situationen eingestellt werden, wofür hier keine Zeit war – ist zwar nicht preisverdächtig, drückt aber das aus, worum es heute geht: Freude am Fahren.

In den 1920er Jahren stellte sich selbige hierzulande fast automatisch ein, wenn man sich einen vierrädrigen Untersatz mit Verbrennungsmotor leisten konnte – egal wie unvollkommen er war.

Auch vor 90 Jahren fuhren Bus und Bahn keineswegs jedes Dorf an – schon gar nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit, wenn es vielleicht gerade besonders pressierte.

Unsere Vorfahren waren auf dem Land noch auf Pferdefuhrwerke oder Schusters Rappen angewiesen. Wer ein Fahrrad oder Moped besaß, war schon „privilegiert“, wie das Leuten bezeichnen, denen es nicht passt, wenn nicht alle gleich arm sind.

Was in den Vereinigten Staaten damals selbstverständlich war – dass sich fast jeder Farmer oder Fabrikarbeiter ein Automobil leisten konnte, war im Deutschland der Zwischenkriegszeit undenkbar.

Das erklärt, weshalb sich damals bei uns Leute oft vor fremden Wagen ablichten ließen, um sich wenigstens einmal als „Autobesitzer“ geben zu können. Wie sich die wenigen echten Automobilisten gefühlt haben, drückt folgendes Foto besonders schön aus:

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Brennabor Typ Z 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Lebendiger und sympathischer könnte so ein altes Autofoto kaum sein – man weiß gar nicht, was einem besser gefallen soll: der Wagen oder das bestens gelaunte Besitzerpaar.

Auch regelmäßige Leser dieses Blogs für Vorkriegsoldtimer werden das Modell vermutlich nicht direkt ansprechen können – obwohl es einst keineswegs selten war.

Immerhin haben wir uns mit dem identisch motorisierten Vorgänger bereits beschäftigt. Das war der Typ R der Firma Brennabor aus Brandenburg an der Havel:

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Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese reizvolle Aufnahme aus dem Rheinland haben wir hier ausführlich besprochen.

Der abgebildete Wagen weist abgesehen vom „B“ auf der Kühlermaske äußerlich keine Ähnlichkeit mit „unserem Brennabor“ auf. Doch unter der Haube beider Fahrzeuge befand sich derselbe Vierzylindermotor mit 1,6 Liter Hubraum und 25 PS.

Mit dem Nachfolgertyp Z sorgte man bei Brennabor ab 1928 für ein zeitgemäßes Erscheinungsbild, technisch blieb aber alles beim alten. Offenbar scheint den Käufern die Leistung von 25 PS damals genügt zu haben.

Damit wären eigentlich ohne weiteres 90 km/h Spitze möglich gewesen, doch laut Literatur begrenzte man bei Brennabor die Höchstgeschwindigkeit auf 70-75 km/h. Vergessen wir nicht: Damals gab es noch kein Autobahnnetz, und auf dem Land fährt man auch heute im Schnitt kaum schneller.

Trotz der kurzen Bauzeit (1928-29) unterscheiden sich Brennabor-Wagen des Typ Z mitunter in einigen Details:

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Brennabor Typ Z aus „Die Motorfahrzeuge“ von Paul Wolfram, 1928

Hier fallen vor allem der Lufteinlass im Seitenteil hinter der Motorhaube und die nach vorne schwungvoll auslaufende A-Säule auf – beides Elemente, die bei dem Wagen auf unserem Foto fehlen.

Ansonsten stimmt alles überein: zwei Paare waagerechte Luftschlitze in der Haube, trommelförmige Scheinwerfer und flach gehaltene Scheibenräder.

Das merkwürdige Gerät auf dem Batteriekasten auf unserem Brennabor-Foto ist lediglich eine dort abgestellte Mittelformatkamera mit ausklappbarem Balgen:

Brennabor_Typ_Z_Foto_Mittweida_FrontpartieDer Verfasser vermutet, dass die oben erwähnten Karosseriedetails bei den späten, also 1929 gebauten Exemplaren des Brennabor Typ Z wegfielen – vielleicht weiß ein Leser Genaueres.

Auf das eichelförmige Emblem im unteren Bereich des Kühlernetzes gehen wir irgendwann näher ein – es ist nicht markenspezifisch und durchaus interessant.

Übrigens können wir auch mit einer raren historischen Aufnahme der Heckpartie des Brennabor Typ Z aufwarten:

Brennabor_Typ_Z_6-25_PS_Ak_nach_Zoppot_an_Hr_v.Hartmann_Galerie

Diese Aufnahme, auf der man schön die konzentrischen Zierlinien auf den Felgen erkennen kann, versandte einst der sächsische Besitzer als Postkarte an einen Herrn von Hartmann im Seebad Zoppot bei Danzig (heute zu Polen gehörig).

Hier ist gut nachvollziehbar, wie wenig eigenständig die Heckansichten von Autos vor 1930 waren – sie folgten noch ganz klassischen Kutschenaufbauten.

Einen in die Karosserie integrierten Kofferraum kannte man damals noch nicht. Stattdessen gab es einen häufig demontierbaren separaten Gepäckkoffer, der mit Kunstleder bespannt oder auch ganz in Blech ausgeführt war.

Auch das ist ein Detail, das erkennen lässt, wie grundlegend anders und spannend Vorkriegsautos aus heutiger Sicht sind. Leider haben von den einst so verbreiteten Brennabor-Wagen nicht sehr viele überlebt.

Hier haben wir eine Aufnahme eines Brennabor Typ Z aus Zeiten der „Deutschen Demokratischen Republik“ – entstanden wohl um 1960:

Brennabor_Typ_Z_Cabriolimousine_1928-29_Galerie

Brennabor Typ Z 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses bis auf die Felgen mit „unserem“ Brennabor identische Fahrzeug hatte in Ostdeutschland das nationalsozialistische „tausendjährige Reich“ überstanden – damit besaß es gute Chancen, auch dessen rotlackierte Fortsetzung ab 1945 zu überdauern.

Mit etwas Glück existiert das Auto noch heute – es sollte sich anhand des speziellen Kennzeichens für historische Fahrzeuge aus DDR-Zeiten identifizieren lassen.

Apropos Glück –  hier noch ein Blick auf das Besitzerpaar des eingangs gezeigten Brennabor Typ Z:

Brennabor_Typ_Z_Foto_Mittweida_Besitzer So sahen einst glückliche Autofahrer aus – und zugleich sympathische Persönlichkeiten, die in einer zeitgenössischen Werbung gute Figur gemacht hätten.

Die beiden scheinen nebenbei recht groß gewachsen gewesen zu sein – zum Vergleich: für den Brennabor Typ Z ist eine Höhe von 1,75 m überliefert.  

Wer damals in Deutschland ein Automobil besaß, hatte es auch sonst zumindest in materieller Hinsicht überdurchschnittlich gut getroffen. Das war und ist kein Garant von Glück – aber angenehmer leben ließ und lässt es sich mit so einem Wagen schon…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

Ein rarer Überlebender: Brennabor Typ C 6/18 PS

Es ist schon merkwürdig: Da gab es einst eine hochangesehene Automobilmarke, die nach dem 1. Weltkrieg kurzzeitig Deutschlands größter Autohersteller war, als eine der ersten eine rationelle Produktionsweise nach amerikanischem Vorbild startete, im Rennsport Erfolge feierte, 6- und 8-Zylindermodelle anbot – und dennoch heute fast völlig vergessen ist.

Die Rede ist von Brennabor aus Brandenburg an der Havel. Die Fahrrad- und Motorradproduktion des Herstellers ist zwar recht gut dokumentiert. Doch zu den Brennabor-Automobilen gibt es kaum brauchbare Literatur.

Immerhin gibt es im Netz die Brennabor-Präsenz von Mario Steinbrink, auf der alle Brennabor-Autotypen dokumentiert sind. Doch auch ihm macht der Mangel an Dokumenten und Fotos zu den ganz frühen Modellen zu schaffen.

Sicher, es gibt einige Abbildungen von Brennabor-Wagen der Pionierzeit in der älteren Literatur, zum Beispiel diese hier:

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Brennabor 8 PS-Modell von 1909; Abbildung aus „Braunbecks Sportlexikon“ von 1910

Das ist der erste Vierzylinderwagen von Brennabor aus eigener Produktion, den der Leiter der Automobilabteilung und Mitinhaber des Unternehmens, Carl Reichstein jr., selbst im Jahr 1909 in etlichen Wettbewerben einsetzte.

Obige Abbildung entstand anlässlich des VI. Deutschen Motorfahrertages in Sachsen. Laut Literatur nahm Reichstein mit seinem Brennabor auch an der Prinz-Heinrich-Fahrt 1909 erfolgreich teil.

Brennabor entwickelte in der Folge etliche neue, leistungsfähigere Typen, die sogar im Ausland Absatz fanden. Dazu trugen Sporterfolge bei wie der Sieg bei der Fernfahrt von Königsberg (Ostpreußen) nach Riga (Lettland) im Jahr 1911.

Für die Distanz von über 1.000 km wurde ein Brennabor des neuen Typs F 10/28 PS eingesetzt. Der Wagen mit seinem 2,5 Liter messenden Vierzylinder und 80 km/h Höchstgeschwindigkeit bewältigte die Fahrt über die damals kaum ausgebauten Straßen klaglos.

Anschließend wurde der Typ F 10/28 PS in diversen Reklamen beworben:

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Brennabor Typ F 10/28 PS von 1913; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

So stilisiert der Wagen hier erscheint, so präzise ist er im Detail wiedergegeben.

Seien es die markant geformten Frontscheinwerfer, die Linienführung von Kühler, Motorhaube und Vorderschutzblech, die Ausführung der Positionsleuchten, die Form der Türen oder der Schwung des Heckkotflügels – all‘ das findet sich genau so auf einer Abbildung des Typs F 10/28 PS in Hans-Heinrich von Fersens Standardwerk „Autos in Deutschland 1885-1920“ auf Seite 100 wieder.

Dasselbe Modell ist auch der folgenden Reklame aus der Zeit um 1913/14 zu sehen:

Brennabor_Typ_F_10-28_PS_1914_Reklame_Galerie

Die Signatur „Fries“ findet sich übrigens auf etlichen Automobilreklame jener Zeit.

Solche Darstellungen wurden im Original noch von kundiger Hand gemalt, bevor sie in Druck gingen – die handwerkliche Entstehung trägt sehr zum großen Reiz dieser alten Grafiken bei.

Aber halt – es geht es auf diesem Blog doch vorrangig um Vorkriegsautos auf alten Fotos! Sicher, nur wäre es schade, wenn man nicht auch diese schönen Werbedarstellungen mit einflechten würde.

Hier nun die Aufnahme eines Brennabor aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, um die es heute eigentlich geht:

Brennabor_Typ_C_1910-12_Dresden_1962_Galerie

Brennabor Typ C 6/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man sollte meinen, dass dies ein leichter Fall ist – immerhin steht schon einmal „Brennabor“ schräg auf dem Kühlergrill.

Doch damit kommen wir nicht viel weiter. Die spärliche Literatur liefert einfach keine entsprechende Darstellung, zumal der Wagen aus ungewöhnlicher Perspektive aufgenommen wurde.

Der Spitzkühler, das Fehlen von Vorderradbremsen, die zur Windschutzscheibe ansteigende Motorhaube sowie die außenliegenden Schalt- und Bremshebel legen immerhin eine Entstehung zwischen 1912 und 1920 nahe.

Tatsächlich konnte erst Brennabor-Spezialist Mario Steinbrink den mutmaßlichen Typ benennen: Es handelt sich wahrscheinlich um einen Typ C 6/18 PS, der um 1912 gebaut wurde und einen 1,6 Liter-Motor besaß.

Das kompakte Fahrzeug rundete das Angebot von Brennabor nach unten ab. Rund 60 km/h Spitzentempo waren damit möglich. Wichtiger war aber, dass es ein jeder Hinsicht vollwertiges Automobil war, kein improvisiertes Gefährt.

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass das Foto des Wagens einst anlässlich der Veteranen-Rallye Dresden 1962 entstanden ist, also rund ein Jahr nach dem Bau der Berliner Mauer, mit der das sozialistische Großgefängnis „DDR“ seinen „krönenden Abschluss“ erhielt.

Der Verfasser besitzt etliche Fotos historischer Automobile aus den Jahrzehnten, in denen unseren ostdeutschen Landsleuten im Namen einer wahnhaften Ideologie elementare Grundrechte verwehrt wurde.

Offenbar konnte das kontroll- und verbotsbesessene Regime in Ostberlin den Leuten nicht die Freude an unvernünftigen Betätigungen wie dem Erhalt vorgestriger benzingetriebener Gefährte austreiben.

Und so sind in Ostdeutschland besonders viele rare Vertreter der Pionierära erhalten geblieben, über die wir uns heute freuen. Wahrscheinlich gibt es den alten Brennabor auf dem Foto heute ebenfalls noch.

Man könnte meinen, dass die besonders rührige Oldtimerszene im einstigen Arbeiter- und Bauern-Paradies auch mit der „Qualität“ der von der staatlichen Planwirtschaft beförderten bzw. behinderten Form der Mobilität zu tun hatte.

Es hat fast immer fatale Ergebnisse gezeitigt, wenn der Realität enthobene und schlecht beratene Politiker glauben, technische Entwicklungen vorausschauen oder gar lenken zu können. Meist wird Murks daraus, ein offenbar zeitloses Thema…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

Achtungserfolg mit 6 Zylindern: Brennabor A-Typ

Gestern erst befassten wir uns auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautos mit Opels gescheitertem Versuch, ab 1927 den enorm erfolgreichen 6-Zylinderwagen aus den USA Paroli zu bieten.

Keine 3.000 Stück konnten die Rüsselsheimer bis 1928 von ihren optisch eindrucksvollen, doch technisch primitiven Typen 12/50 und 15/60 PS absetzen.

Interessanterweise gelang der Konkurrenz aus Brandenburg an der Havel gleichzeitig ein Achtungserfolg in derselben Liga.

Die Rede ist von den ebenfalls ab 1927 gebauten A-Typen der heute kaum noch bekannten Firma Brennabor – die nebenbei bemerkt nach dem 1. Weltkrieg kurze Zeit Deutschlands größer Autohersteller war.

Den Impuls, sich mit den 6-Zylinderwagen von Brennabor zu beschäftigen, gab Leser Klaas Dierks, dem wir einige interessante Dokumente verdanken.

Er zwar mit dem folgenden Foto aus seiner Sammlung in technischer Hinsicht nicht glücklich, wollte aber zumindest wissen, was für ein Brennabor darauf zu sehen ist:

Brennabor Typ ASK 12/55 PS, Bauzeit: 1928-29

Brennabor A-Typ; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Die Aufnahme ist verwackelt, hat aber ihren Reiz. Allein anhand der Anordnung der Personen lässt sich nachvollziehen, wie radikal anders Vorkriegswagen in formaler Hinsicht waren als die glattgelutschten Gefährte unserer Zeit.

Man versuche einmal heute, die Beifahrerin zu ermutigen, für ein Foto die Motorhaube zu erklimmen – ein aus der Pistole geschossenes „Spinnst Du?“ wäre einem sicher. Denn da gibt es heute nichts mehr, auf das man sich so setzen könnte.

Derartige Fotos aus der Vorkriegszeit gibt es zuhauf – es waren also nicht nur besonders verwegene Damen, die sich für einen Ritt auf dem Automobil hergaben. Des Verfassers Favoritin in dieser Hinsicht sehen wir hier:

DKW_V800_4=8_Galerie

Diese flotte Schlesierin scheint sich einst auf der Haube eines DKW Typ V800 so sicher gefühlt zu haben, dass sie erst einmal den Schminkspiegel bemühte, um das Makeup zu kontrollieren. Deutlich reizvoller, als auf das Smartphone zu starren…

Zurück zum Foto von Leser Klaas Dierks. Klar war ihm, dass es sich um einen Brennabor handelt. Weniger gut informierte Zeitgenossen fassen das „B“ auf dem Kühleremblem dagegen gern als Hinweis auf einen Bentley auf…

Auf dem Originalabzug nicht leserlich war aber die geschwungene Aufschrift auf dem Kühlergrill:

Brennabor_AL_05-1929_Sammlung Klaas_Dierks_Ausschnitt

Immerhin ist die römische „V“ auf dem Nummernschild gut zu erkennen, wonach der Brennabor im Raum Zwickau zugelassen war, damals einer der wichtigsten Standorte der deutschen Automobilindustrie.

Überliefert ist übrigens, dass der Schnappschuss der ausgelassenen Brennabor-Insassen im Mai 1929 entstand.

Der Zufall wollte es, dass sich in der Sammlung des Verfassers eine Aufnahme des gleichen Brennabor-Modells fand, jedoch in weit besserer technischer Qualität:

Brennabor_AL_Pfingsten_1927_Galerie

Brennabor Typ AL 10/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen mit seinem Aufbau als Sechsfenster-Limousine und mit Holzspeichenrädern scheint in allen formalen Details dem Brennabor auf der vorangegangenen Aufnahme zu entsprechen.

Allerdings ist das Foto früher später entstanden, nämlich an Pfingsten 1927, wie die Beschriftung auf der Rückseite des Abzugs verrät. Das ist sehr hilfreich, denn damit lässt sich der genaue Typ präzise ansprechen.

1927 bot Brennabor erstmals ein Sechszylindermodell an, das als A-Typ bezeichnet wurde. Anfänglich gab es nur eine lange Version als Pullman-Limousine, die entsprechend als Brennabor Typ AL firmierte.

Der Wagen verfügte über einen Reihensechszylinder konventioneller Bauart – die Ventile waren also seitlich neben dem Motorblock stehend angebracht. So ließen sie sich direkt von der untenliegenden Nockenwelle steuern, ihre Lage war aber strömungstechnisch ungünstig und beeinträchtigte so die Leistungsausbeute.

45 PS leistete das 2,5-Liter-Aggregat des Brennabor – beachtlich verglichen mit dem parallel von Opel angebotenen Modell 90, dessen 6-zylindriger Seitenventiler immerhin 3,2 Liter Hubraum hatte, aber nur sparsame 50 PS abwarf.

Bei Brennabor war man auf den kompakten Sechszylinder so stolz, dass man einen entsprechenden Hinweis auf dem Kühlergrill anbrachte:

Brennabor_AL_Pfingsten_1927_Ausschnitt3

Die geschwungene „6“ umspielt hier das großgeschriebene Wort „CYLINDER“.

Die Ornamente auf dem oberen Teil der Kühlermaske, die archaisch wirkende zweiteilige Ausführung der Vorderschutzbleche, Form und Anordnung der Luftschlitze – alles wie bei dem Brennabor auf dem Ausgangsfoto.

Dennoch ist nicht gesagt, dass jener ebenfalls ein früher AL-Typ ist, es könnte auch ein Wagen der ab 1928 angebotene ASL-Version sein, die einen stärkeren Motor mit 55 PS aus 3,1 Liter Hubraum besaß.

Ob sich der leistungsgesteigerte Brennabor AS, den es ebenfalls in einer Ausführung mit kürzerem Radstand (ASK) gab, äußerlich vom Vorgängertyp unterschied, ließ sich mangels ausreichender Dokumentation bislang nicht klären.

Überhaupt sind Quellenlage und Literatur zu dieser einst so bedeutenden deutschen Automarke dürftig. So ist auch der runden Zahl von angeblich 10.000 gebauten Exemplaren der A-Typen von Brennabor kaum zu trauen.

Stimmt diese Zahl annähernd, hätte Brennabor im Vergleich zu Opel mit seinen Sechszylinderwagen Ende der 1920er Jahre immerhin einen Achtungserfolg erzielt.

Ansonsten hatten die Rüsselsheimer die Brandenburger längst überflügelt, was vor allem den kleinen und erschwinglichen Vierzylindertypen zu verdanken war.

Zum Schluss ein Blick auf die Gesellschaft, die einst vor 90 Jahren mit dem im Raum Hamburg zugelassenen Brennabor AL und einem weiteren Wagen unterwegs war:

Brennabor_AL_Pfingsten_1927_Galerie2

Brennabor Typ AL; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das müssen recht wohlhabende Leute gewesen sein, denen es an nichts fehlte.

Für die sechsfenstrige Limousine ist ein Preis von 7.700 Reichsmark überliefert. Der etwas stärkere Opel 12/50 PS kostete fast 8.000 Reichsmark.

Trug dieser Preisvorteil zum weit besseren Absatz des Brennabor-Sechszylinders bei? War es der weit geringere Verbrauch? Oder stimmen am Ende die Zahlen gar nicht und der Brennabor war ebenso ein Flop wie der Opel?

Die geringe Zahl verfügbarer Originalaufnahmen von Brennabor-Wagen der A-Typen stimmt nachdenklich. Weiß ein Leser mehr dazu?

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Die drei von der Tankstelle: Brennabor Typ R 6/25 PS

Zu den vielen Motivationen für diesen Oldtimerblog, der sich auf Vorkriegsautos aus dem deutschen Sprachraum konzentriert, gehören die Lücken in der Dokumentation einst bedeutender Marken.

Es ist ja nachvollziehbar, dass bisher niemand die Autoproduktion von Herstellern der zweiten Reihe wie Dürkopp oder Presto so umfassend aufgearbeitet hat, wie das etwa für die Marken der einstigen Auto-Union der Fall ist.

Doch sprachlos macht die Tatsache, dass es bislang kein ernstzunehmendes Buch über die anfänglich größte, später zweitgrößte Automobilfabrik Deutschlands der 1920er Jahre gibt.

Die Rede ist von Brennabor aus Brandenburg an der Havel – einer Marke, die vielen allenfalls für ihre Fahr- und Motorradproduktion bekannt ist.

Weitgehend in Vergessenheit geraten ist, dass unter dem Namen Brennabor einst auch rund 70.000 Automobile gebaut wurden. Das ist gemessen an anderen deutschen Herstellern eine stolze Zahl und einige Dutzend Wagen existieren noch.

Doch abgesehen von der verdienstvollen Typenübersicht auf Mario Steinbrinks Brennabor-Website, einem Artikel in Heft 2/2016 der Mitgliederzeitschrift des Veteranen-Fahrzeug-Verbands und einem Abriss in Ulrich Kubischs Buch „Automobile aus Berlin“ von 1985 ist dazu keine Literatur verfügbar.

Noch schwerer wiegt, dass es von den zahlreichen Autotypen, die bei Brennabor zwischen 1908 und 1933 entstanden, viel zu wenige Vergleichsfotos gibt.

Da sich in letzter Zeit einige historische Originalfotos von Brennabor-Autos in der Sammlung des Verfassers gefunden haben, gibt es hier inzwischen auch eine kleine Galerie bislang noch nicht publizierter Brennabor-Aufnahmen.

Ein besonders reizvolles Exemplar daraus stellen wir heute vor:

Brennabor_Typ_R_6-25_PS_Galerie

Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Entstanden ist diese schöne Aufnahme in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre an einer Tankstelle in einem beschaulichen Ort irgendwo in der „Rheinprovinz“.

Auf diese alte preußische Region, deren Bestandteile nach 1945 an Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz fielen, verweisen jedenfalls die Kennzeichen der Fahrzeuge mit dem Kürzel „IZ“.

Dass die Wagen und ihre Insassen sich an einer Tankstelle befinden, ist an der Säule im Hintergrund zu erkennen. Dort steht auf einem umlaufenden Band ganz oben „Benzin“ und in dem hellen Feld darunter nochmals „Deutsches Benzin“.

Wer darüber die Stirn runzelt, übersieht zwei Dinge:

Erstens gab es damals noch eine beträchtliche Ölförderung und Benzinproduktion im Deutschen Reich. Zweitens wusste der Kunde hier, dass dieser Kraftstoff nicht mit knappen Devisen bezahlt worden war.

Angesichts der erdrückenden Reparationszahlungen, die die Sieger des Ersten Weltkriegs Deutschland im Versailler Vertrag auf Jahrzehnte hin auferlegt hatten, tat man alles, um unnötige zusätzliche Devisenabflüsse zu vermeiden.

Mit dem guten Gewissen ausgestattet, die Wagen mit heimischem Benzin aufgetankt zu haben, ließen sich diese gut aufgelegten „Drei von der Tankstelle“ von einer  weiteren Person fotografieren.

Brennabor_Typ_R_6-25_PS_Ausschnitt2

Während die beiden Herren mit ihren geschlossenen Mänteln gediegene Seriosität ausstrahlen, gefällt sich die junge Dame in einer neckischen Pose.

Ein Arm ist in die Hüfte gestemmt, der Mantel zu Seite geschoben und das rechte Bein frech auf’s Trittbrett gestellt. Wen sie zum Aufnahmezeitpunkt anschaut, werden wir wohl nicht mehr erfahren. Auch die beiden Männer schauen nicht in die Kamera. Machte da vielleicht gerade eine weitere Person Faxen im Hintergrund?

Nun, das bleibt der Fantasie überlassen. Wir wenden uns abschließend den Fakten zu und werfen einen genaueren Blick auf den Brennabor:

Brennabor_Typ_R_6-25_PS_Ausschnitt1 Das schwungvolle „B“ auf der Kühlermaske erlaubt auf Anhieb die Identifikation der Marke. Übrigens werden Fotos, die ein solches B auf der Front erkennen lassen, von ahnungslosen Anbietern gern als Aufnahme eines Bentley angepriesen…

Die eigenwillige Kühlerform und die wie abgeschnitten wirkenden Kotflügel sprechen für den Brennabor 6/25 PS Typ R, wie er von 1925-28 gebaut wurde.

Von diesem konventionellen Vierzylindermodell mit 1,6 Liter Hubraum scheint es während der Produktionszeit einige Untertypen gegeben zu haben, die sich in Details unterschieden.

So fällt auf unserem Foto etwas auf, das auf keiner der dem Verfasser bekannten Aufnahmen des Brennabor R-Typs zu sehen ist: die Reihe hoher und engstehender Luftschlitze in der Haube.

Vielleicht kann ein Kenner etwas Erhellendes dazu sagen. Die übrigen Elemente einschließlich der kuriosen dreiteiligen Stoßstange mit der weiter auskragenden Mittelleiste scheinen jedenfalls zum R-Typ zu passen.

Der Brennabor 6/25 PS Typ R wurde übrigens zeitgleich zum Adler 6/25 PS angeboten, von dem wir hier schon etliche Aufnahmen vorgestellt haben.

Beim Vergleich fällt folgendes auf: Die Motorleistung war zwar identisch, doch war der Adler schneller (80 km/h Spitze ggü. 70 km/h). Gleichzeitig war der offizielle Verbrauch des Adler mit 10 Litern/100 km etwas geringer.

Auch die (mechanische) Vierradbremse sprach klar für den Adler, beim Brennabor wirkte die Fußbremse nur auf die Hinterräder.

Doch ausschlaggebend für die Käufer war etwas anderes: der Preis! Adler verlangte für die Tourenwagenversion des 6/25 PS-Modells fast 6.000 Reichsmark. Den Brennabor R-Typ bekam man bei ähnlichen Abmessungen für unter 5.000 Mark.

So ist es kein Wunder, dass den nur 6.500 gefertigten Wagen des Typs Adler 6/25 PS im gleichen Zeitraum rund 20.000 des Brennabor R-Typs gegenüberstanden. Die rationellere Fertigungsweise bei den Brandenburgern trug hier Früchte.

Bereits 1924 hatte Brennabor eine Fließbandmontage eingerichtet, die wegen Streiks erst 1925 in Betrieb genommen werden konnte. Deshalb konnte sich Opel den Erfolg der ersten Fließbandfertigung auf deutschem Boden ans Revers heften…

So spannend kann die Beschäftigung mit den unverdient in Vergessenheit geratenen deutschen Automarken der Zwischenkriegszeit sein – und mit historischen Originalfotos bekommt die Sache einen ganz eigenen Reiz.

In Sachen „Brennabor“ wartet übrigens noch einiges Material auf Veröffentlichung.

Wer etwas zur Würdigung dieser einst stolzen Marke in Form bisher unbekannter Aufnahmen und Dokumente beitragen möchte, kann sich dazu an den Verfasser wenden. Ebenso stellt dieser seine Materialien gern kostenlos für Buchprojekte und Ausstellungen zu Brennabor zur Verfügung.

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Brennabor-Automobile: Eine Annäherung…

Leser dieses Oldtimerblogs für Vorkriegsautos wissen: Hier werden neben den üblichen Verdächtigen von Adler, Benz, Horch und Mercedes immer wieder auch deutsche Marken der zweiten Reihe vorgestellt.

Wagen von NAG, Presto, Protos und Stoewer sind regelmäßige Gäste – und zwar stets in Form zeitgenössischer Originalfotos. Doch um einen Hersteller haben wir bislang einen Bogen gemacht: Brennabor.

Unter den hunderten hier präsentierten Vorkriegswagen stammte bisher nur ein Fahrzeug von der seit 1905 im Automobilbau tätigen Firma aus Brandenburg.

Das ist bemerkenswert, denn bis in die zweite Hälfte der 1920 Jahre war Brennabor nach Opel der zweitgrößte Autohersteller Deutschlands. Bis 1925 war die im Besitz der Gründerfamilie Reichstein befindliche Firma sogar die Nummer 1.

Auch international war man erfolgreich, wie diese selbstbewusste Reklame von 1914 unterstreicht:

Brennabor_Reklame_01-1914_Galerie

Brennabor-Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz der einst großen Verbreitung ist es schwierig, an zeitgenössische Fotos von Brennabor-Wagen zu kommen, obwohl diese noch vor Opel am Fließband gefertigt wurden. Mitte der 1920er Jahre baute die Firma an der Havel rund 100 Autos am Tag – für deutsche Verhältnisse ein enormer Wert.

Inzwischen liegt dem Verfasser genug zeitgenössisches Material vor, um ein weiteres Brennabor-Modell aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen. Dabei nähern wir uns dem Fahrzeug in reizvollen Schritten:

Brennabor_1927_1_Galerie

Nun ja, viel sieht man hier noch nicht, aber das Paar mit Dackel auf obigem Foto scheint schon einmal recht stolz auf sein Automobil zu sein.

Die breiten, aber kurzen Luftschlitze in der Motorhaube, die ausgeprägte Sicke an deren Unterseite und die Blechverkleidung der Rahmenausleger sind außergewöhnlich.

Markant ist auch die Form der Rahmenspitzen selbst, die aufallend steil nach unten gebogen sind. Diese Details behalten wir im Hinterkopf.

Mit welchem Hersteller wir es zu tun haben, verrät das zweite Foto desselben Wagens:

Brennabor_2_Galerie

Die Decke und der Dackel auf der Motorhaube sowie das Nummernschild der Hansestadt Bremen – alles identisch.

Dank einer verborgenen Kühlerfigur oder eines Kühlwasserthermometers gibt die Decke den Blick frei auf ein rundes Emblem mit einem „B“ – eindeutig ein Brennabor.

Gut erfassen lässt sich hier auch die Form des Kühlers mit dem bogenförmigen Ausschnitt oben und den abgerundeten Ecken unten. Auffällig ist, wie klein die Lampen wirken – Zufall? 

Schauen wir, ob sich eine Aufnahme findet, auf der sich diese Details wiederfinden. Auf folgendem Dokument einer Ausfahrt der 1920er Jahre werden wir fündig:

Brennabor_Typ_S_6-20_PS_Benz_Galerie

Brennabor und Benz; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Neben beiden Spitzkühlerwagen von Benz steht links ein kleiner, aber moderner wirkender Tourenwagen – auf den ersten Blick könnte das alles mögliche sein.

Wir schauen genauer hin und erkennen vertraute Elemente wieder:

Brennabor_Typ_S_6-20_PS_Benz_Ausschnitt

Nur schemenhaft zeichnet sich das Kühleremblem ab, doch in Verbindung mit der Kühlerform und dem unteren Abschlussblech können wir sicher sein – das ist ebenfalls ein Brennabor.

Hier begegnen uns auch die kleinen Scheinwerfer wieder – ein Merkmal dieses Typs. Kurios, dass das Kennzeichen ebenfalls auf eine Hansestadt verweist – Hamburg in diesem Fall.

Statt „HH“ wäre zwar auch „IH“ für Pommern denkbar, doch die beiden Benz mit Kennzeichen für Hamburg bzw. Schleswig-Holstein sprechen dagegen. Das scheint eine regionale Ausfahrt im hohen Norden gewesen zu sein.

Nach so viel Detektivarbeit haben wir uns eine Belohnung verdient und schauen uns endlich einen solchen Brennabor in voller Pracht an:

Brennabor_Typ_S_Sauerland_1924_Galerie

Brennabor Typ S 6/20 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Viel besser kann ein historisches Automobilfoto kaum sein: Aufnahmewinkel, Belichtung, Kontrast, Schärfe – alles perfekt.

Wer Zweifel an der Zuschreibung der bisher gezeigten Fotos hatte, kann hier alle Details nachvollziehen. Nicht nur die Kühlerpartie und der vordere Rahmenabschluss sind identisch, auch Form, Größe und Zahl der Luftschlitze in der Haube stimmen überein.

Die hintere Partie des Wagens dagegen bietet nichts Eigenständiges – hier finden sich nur allgemeine Tourenwagenelemente.

Wir sehen aber genug, um diesen Brennabor als Typ S 6/20 PS zu identifizieren, der von 1922-25 gebaut wurde. Der daneben verfügbare Typ P 8/24 PS hatte einen deutlich größeren Radstand (3,20 m ggü. 2,60 m).

Technisch wies der Brennabor Typ S keine Auffälligkeiten auf:

Der seitengesteuerte Vierzylindermotor mit 1,6 Litern Hubraum genügte für ein Höchsttempo von 70 km/h. Das war solider Standard für einen deutschen Wagen der unteren Mittelklasse, ebenso die Hinterradbremse.

Im Unterschied zum größeren Brennabor Typ P, der seit 1919 in rund 10.000 Exemplaren entstand, blieb der Typ S relativ selten. Die Literatur nennt hier eine Stückzahl von lediglich 3.000 Autos.

Auch der Nachfolger Typ R 6/25 PS war mit rund 20.000 Wagen ein weit größerer Erfolg. Vielleicht war der kleine Typ S am deutschen Markt noch zu teuer.

Erst Opel gelang ab 1924 mit dem preisgünstigeren, aber anfänglich auch weit schwächeren 4 PS „Laubfrosch“ ein breiter Publikumserfolg.

Ungeachtet der geringen Stückzahlen dürfte aber das eine oder andere Exemplar des Brennabor Typ S 6/20 S die Zeiten überdauert haben.

Ein Indiz dafür ist die folgende Aufnahme der 1960er Jahre:

Brennabor_1926_Berlin-Pankow_Galerie

Brennabor Typ S 6/20 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Das Foto entstand einst bei einem Oldtimertreffen im Ostberliner Stadteil Pankow. Vor dem Kühler sieht man das in der DDR übliche Sonderkennzeichen für historische Fahrzeuge.

Auffallend sind an diesem Wagen die deutlich größeren Scheinwerfer, doch das will nicht viel heißen. Schwer einzuschätzen ist die Länge des Wagens. Könnte es auch ein Brennabor des Typs P 8/24 PS sein?

Vielleicht weiß das ein Kenner dieser heute weitgehend vergessenen, doch einst so erfolgreichen Marke, die 1933 die Autoproduktion aufgeben musste.

Jedenfalls ist anzunehmen, dass der Brennabor auf dieser Nachkriegsaufnahme noch existiert, wenn er in den 1960er Jahren so hervorragend dastand…

Literatur zu Brennabor-Automobilen:

  • Werner Oswald; Deutsche Autos 1920-45, 1. Auflage 2001
  • Mario Steinbrink: Übergang zur Fließbandproduktion in den Brennabor-Werken, Beitrag im Clubmagazin des Veteranen-Fahrzeug-Verbands VFV, Heft 2/2016, S. 24-27
  • Internet: Interessengemeinschaft Brennabor Brandenburg

 

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„Brennabor“-Tourenwagen Typ P der 1920er Jahre

Die Verfügbarkeit historischer Fotografien klassischer Automobile ist nicht nur eine Funktion der einstigen Verbreitung der Fahrzeuge. Entscheidend ist auch, ob eine Marke im kollektiven Bewusstsein noch präsent ist.

So genießen unter den deutschen Autoherstellern nicht mehr existierende Marken wie Adler, DKW und Horch noch einen gewissen Bekanntheitsgrad. Das liegt entweder daran, dass sie nach dem Krieg noch eine Weile weiterbestanden, wenn auch nicht immer als Autoproduzent (wie Adler). Oder es hat damit zu tun, dass die Produkte so herausragend waren, dass sie immer noch begehrt sind (Bsp. Horch).

Schlecht sieht es dagegen bei Herstellern eher unspektakulärer Fahrzeuge aus, die um 1930 untergingen. Meist wird für das Massensterben europäischer Automarken in jener Zeit die Weltwirtschaftskrise verantwortlich gemacht. Doch fast immer waren eine verfehlte Modellpolitik und unwirtschaftliche Produktion die Ursache.

Ein Beispiel dafür ist die Marke Brennabor aus Brandenburg, die von 1908 bis 1933 mit wechselndem Erfolg Automobile baute. Nach dem 1. Weltkrieg war Brennabor kurze Zeit der Hersteller mit der höchsten Autoproduktion in Deutschland.

Folgendes Originalfoto zeigt einen Brennabor-Tourenwagen der späten 1920er Jahre, wahrscheinlich einen Typ P 8/32  PS:

Brennabor_Tourenwagen_Galerie

© Brennabor Typ P Tourenwagen, ca. 1925; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf ein solches Bild zu stoßen, ist reine Glückssache. Denn die Marke Brennabor kennt kaum mehr jemand, und der Tourenwagen könnte bei oberflächlicher Betrachtung alles Mögliche sein.

Im vorliegenden Fall wusste der Anbieter aber, was er da hat. Denn das Foto war von alter Hand rückseitig mit „Brennabor“ beschriftet. Wir haben keinen Grund, an der Richtigkeit zu zweifeln. Das in den 1920er Jahren rund 10.000mal gebaute 4-Zylindermodell der Marke mit 2,1 Liter Hubraum und 24 bzw. 32 PS sah genau so aus.

Zum Nachvollziehen und für Vergleichszwecke zwei Detailaufnahmen:

Brennabor_Tourenwagen_Frontpartie

Trotz Beschädigungen des Fotos, die einige Retuschen erforderten, lassen sich die schlichten Formen der Frontpartie gut erkennen. Interessanterweise sind keine Luftschlitze in der Motorhaube zu sehen.

Detailgenau abgebildet ist die geteilte, im Oberteil ausklappbare Windschutzscheibe. Ob sie auch komplett nach vorne umlegbar war, muss offen bleiben. Beeindruckend wirkt die Größe des Lenkrads. Schalt- und Handbremshebel liegen bei diesem Modell noch außen, was für eine Entstehung Anfang der 1920er Jahre spricht. Gebaut wurde der Typ als solcher bis 1927.

Brennabor_Tourenwagen_Heckpartie

Am Heck lässt sich die Gestaltung der hinteren Rahmenausleger, des Tanks und der Holzspeichenräder samt Nabenkappe schön studieren. Modelltypisch ist der markant gestaltete Werkzeugkasten am Trittbrettende. Ihn findet man in identischer Form auf der Abbildung einer Brennabor-Limousine des Typs P in Werner Oswalds Buch „Deutsche Autos 1920-45“.

Anhand dieser Details sollten sich die sonst wenig spezifische Tourenwagen von Brennabor auch auf anderen Fotografien identifizieren lassen. Nun noch ein Blick auf die Gesellschaft auf unserer Aufnahme:

Brennabor_Tourenwagen_Insassen

Besonders malerisch ist diese Dreiergruppe auf der Decke. Die beiden Damen lächeln versonnen, offenbar war es für sie ein glücklicher Tag. Der Herr mit den Schnürstiefeln wirkt durch den militärischen Haarschnitt etwas streng, macht aber ebenfalls einen entspannten Eindruck.

Übrigens: Zusammen mit dem Fotografen haben wir es mit insgesamt sechs Personen zu tun und darauf war der fast viereinhalb Meter lange Brennabor-Tourenwagen auch ausgelegt.

Der Zeitpunkt der Aufnahme dürfte in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre anzusiedeln sein. Der Kiefernwald und der sandig erscheinende Boden sprechen für einen Aufnahmeort in Brandenburger Raum. Doch auch eine Entstehung an der Ostseeküste ist denkbar. Näheres wissen wir leider nicht.