Aalglatter Typ: Großer Opel-Tourer von 1914

Aalglatt – so nennt der Volksmund von altersher Typen, die sich jeder Festlegung entziehen, die einfach nicht zu greifen sind. Geschmeidig und gelackt kommen sie daher, doch mit wem man es wirklich zu tun hat, bleibt ungewiss.

Der Wagen, den ich heute vorstellen will, ist ein Paradeexemplar für einen solchen „aalglatten“ Typen – nicht nur wegen seiner glattflächigen Torpedooptik, sondern vor allem, weil es unmöglich scheinen will, ihn näher anzusprechen.

Nur, dass es ein Opel aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg ist, das ist klar ersichtlich. Auffallend viele Fotos in meiner Sammlung zeigen Rüsselsheimer Modelle jener Zeit, bei denen ein näherer Identifikationsversuch regelmäßig im Ungefähren endet.

Der Mangel an einem wirklich umfassenden und gut bebilderten Standardwerk zu den Opel-Wagen der Frühzeit macht die Sache nicht gerade besser.

So musste ich vor längerer Zeit das folgende Foto eines Opel der Zeit um 1912 unter dem Motto „Unbekannte Größe“ präsentieren:

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Opel Tourenwagen um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Ansprache als Opel aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg war Routinesache, doch ansonsten entzog sich dieser Tourenwagen einer genauen Identifikation.

Lediglich eine ungefähre Datierung auf 1912/13 war möglich. Folgende Indizien sprachen gegen eine spätere Entstehung:

  • nur rudimentäre Verkleidung zwischen Rahmen und Trittbrett,
  • kastig wirkende Vorderschutzbleche,
  • deutlich ansteigende Linie der Motorhaube mit etwas stärker geneigtem Windlauf.

Prinzipiell könnte dieser Opel auch etwas früher entstanden sein  – frühestens 1910/11, doch die elektrischen Positionsleuchten verweisen in jüngere Zeit.

Auch wenn mir eine genaue Typidentifikation bisher nicht gelungen ist, hilft die Betrachtung der Karosserieelemente des obigen Wagens bei der zeitlichen Einordnung der Aufnahme, um die es heute geht:

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Opel Tourenwagen von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses Prachtstück von einem Opel hat sich auf einem Foto aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks erhalten.

Im Unterschied zum vorherigen Wagen hat man es hier auf einmal mit einem „aalglatten“ Typen zu tun. Damit meine ich weniger den Fahrer, der angesichts der damals noch recht langen Belichtungszeiten ein Pokerface aufgesetzt hat.

Vielmehr fallen hier die mit einem Mal deutlich geglätteten Linien des Aufbaus auf. Motorhaube und Windlauf verlaufen annähernd waagerecht und scheinen beinahe zu verschmelzen. Die Schutzbleche meiden jeden übertriebenen Schwung und folgen streng der Rundung der Räder. Die Schwellerpartie ist komplett verkleidet.

Dass wir hier keinen Opel der frühen Nachkriegszeit vor uns haben, verrät nicht nur die Karbidgaslampe an der Front, sondern auch das Fehlen eines Spitzkühlers, der sich bei Opel noch während des Krieges durchsetzte.

Die mir vorliegende Literatur – hier vor allem zu nennen: „Opel Fahrzeug-Chronik Band 1, 1899-1951“ von E. Barthels und R. Manthey – liefert einige wenige Abbildungen ähnlicher Wagen.

Wie es scheint, tauchen solche glattflächigen und im vorderen Bereich fast horizontal abschließenden Karosserien bei Opel gehäuft erst 1914 auf. In Frage kommen sowohl mittlere als auch große Tourenwagen wie die Typen 20/45 PS und 29/70 PS.

Für die Freunde späterer Opel-Wagen ist oft schwer vorstellbar, in welchen Dimensionen sich die Rüsselsheimer Traditionsfirma damals bewegte.

Die genannten Modelle verfügten zwar meist nur über Vierzylinder-Aggregate, doch mit Hubräumen von 5 Liter, 7,5 Liter und im Fall des mächtigen 40/100 PS-Typs sogar über 10 Liter waren dies unglaublich kraftvolle, Steigungen ohne Schalten mühelos meisternde Wagen – darüber gab es in Deutschland kaum noch etwas.

Die Radstände dieser Giganten bewegten sich zwischen 3,50 und 3,60 Metern, was optisch recht gut zu dem Wagen auf dem Foto von Klaas Dierks zu passen scheint.

Genauer will ich mich nicht festlegen, ich meine aber, dass man mit der Einordnung „mittlerer bis schwerer Opel-Tourenwagen ca. 1914“ auf der sicheren Seite liegt.

Als Puzzlestück bei der Rekonstruktion der Typenpalette in meiner Opel-Fotogalerie spielt dieser Wagen eine wichtige Rolle als Bindeglied zwischen den noch archaisch wirkenden Typen von 1910-1912 und den schnittigen Spitzkühlermodellen, wie sie bei Opel bis fast Mitte der 1920er Jahre vorherrschen sollten.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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