Mit den richtigen Zutaten ganz schön sexy: Opel 4/14 PS

Zugegeben: Titel und Inhalt meines heutigen Blog-Eintrags sind gewagt – und in der Tat geht es um eine verwegene Mischung aus Reetdach und Pfeifenrauch, jungen Burschen beim Putzen, Weißwandreifen und schönen Frauen.

Das alles in Verbindung mit dem braven Opel 4/PS-Modell der 1920er Jahre – kann das gutgehen? Wir werden sehen…

Am Anfang steht eine technisch herausragende Aufnahme – sicher die Arbeit eines Profis – auf der die erste Ausführung des legendären Opel 4 PS „Laubfroschs“ zu sehen ist:

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Opel 4/12 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Langjährige Leser meines Blogs kennen die Aufnahme bereits – doch ist mir bisher keine bessere zugelaufen, die den von Citroens 5CV-Modell „inspirierten“ Opel-Kleinwagen in der Ursprungsversion von 1924 zeigt.

Mit diesem Opel 4/12 PS – erkennbar an den sieben breiten Luftauslässen in der Motorhaube – begann eine bis 1931 anhaltende Erfolgsgeschichte, der sich immer neue Facetten abgewinnen lassen – so auch heute.

Dank fortlaufender Modellpflege konnte Opel von seinem ersten in Großserie gebauten Wagen in rascher Abfolge verfeinerte Ausführungen liefern.

Schon ein Jahr nach Einführung stieg die Motorleistung von 12 auf 14 PS. Äußerlich unterschied sich der Opel 4/14 PS vom Vorgänger durch die nunmehr 12 schmalen, in zwei Gruppen angeordneten Luftschlitze:

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Opel 4/14 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie diese 1928 bei Wilhelmshaven entstandene Aufnahme zeigt. wurde ansonsten am äußeren Erscheinungsbild festgehalten:

  • flügelartig lang nach hinten auslaufende Vorderkotflügel,
  • fast waagerecht endendes Heckschutzblech,
  • moderat spitz zulaufender Kühler,
  • schmucklose Scheibenräder mit vier Radbolzen,

Der pfeiferauchende Fahrer sitzt hier noch auf der rechten Seite, wie das bis Mitte der 1920er Jahre auch auf dem europäischen Kontinent üblich war.

Die hübsche junge Dame vor dem typisch norddeutschen Haus mit Ziegelmauern und Reetdach war ihrer Zeit dagegen modisch fast ein wenig voraus – ihre Wellenfrisur wäre auch in den 1930er Jahren noch aktuell gewesen.

Unterdessen bemühte sich Opel laufend darum, sein 4 PS-Modell optisch auf den neusten Stand zu bringen. Folgendes Foto von Leser Claus Wappler zeigt die späte Ausführung des 4/14 PS-Modells mit dem 1926 eingeführten Flachkühler:

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Opel 4/14 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Claus Wappler

Man sieht, dass die Haubenschlitze der Zahl und Anordnung nach vorerst unverändert blieben – doch nur kurze Zeit. Der Opel, den hier drei Burschen mit Hingabe putzen, muss ein Exemplar aus dem Frühsommer 1926 gewesen sein.

Die Kombination aus Flachkühler, auf zwei Felder verteilten Luftschlitzen und außen vor der Frontscheibe befindlichem Tankstutzen gab es nämlich bloß bis August 1926. Offenbar läuft außerdem das Heckschutzblech nicht mehr waagerecht aus.

Wie bei der Vorgängerausführung kommen auch hier die Scheibenräder vollkommen schmucklos daher. Einziger optischer Reiz ist die Zweifarblackierung.

Interessanterweise konnte ich in der Standardliteratur keine Abbildung eines entsprechenden Opel 4/14 PS von Mitte 1926 finden, die einen Wagen mit genau diesen Details zeigt.

Leider gibt es kein umfassendes Standardwerk zu Opel-Vorkriegswagen , das der einstigen Bedeutung der Marke gerecht wird. Mein Maßstab sind dabei die alle Veränderungen minutiös beschreibenden Werke zu den einstigen Auto-Union-Marken.

Die zeitgenössischen Fotodokumente lassen jedenfalls ahnen, dass es einst mehr Vielfalt auf Basis des braven Opel 4 PS-Modells gegeben haben muss. Wie „sexy“ so ein Kleinwagen aus Rüsselsheim bei Frankfurt/Main ausfallen konnte, wird hier deutlich:

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Wie eigentlich immer, macht hier die Anwesenheit einer adretten jungen Frau einen nicht unerheblichen Teil der Anziehungskraft des Wagens aus.

Darin liegt ein Unterschied zum Pferd, dessen Schönheit nicht der Vervollkommung durch den Reiter bedarf. Das Automobil dagegen ist eine menschliche Schöpfung, deren Zweck nicht in sich selbst besteht, sondern darin, Mobilität zu ermöglichen.

Obige Aufnahme erzählt geradezu ideal von der Souveränität, die der Mensch durch das Automobil erlangt, und gleichzeitig von der Harmonie, die aus dem Nebeneinander von Technik und Schönheit entsteht.

Dabei verleihen das raffinierte Dekor auf den Scheibenfelgen und die Weißwandreifen dem Opel geradezu etwas Mondänes.

Weißwandreifen wurden in der Vorkriegszeit an sich kaum verwendet – sie galten und gelten als geschmacklich grenzwertig. Nur selten profitiert die Optik eines Vorkriegsautos von diesem Accessoire, doch hier ist das eindeutig der Fall.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Aalglatter Typ: Großer Opel-Tourer von 1914

Aalglatt – so nennt der Volksmund von altersher Typen, die sich jeder Festlegung entziehen, die einfach nicht zu greifen sind. Geschmeidig und gelackt kommen sie daher, doch mit wem man es wirklich zu tun hat, bleibt ungewiss.

Der Wagen, den ich heute vorstellen will, ist ein Paradeexemplar für einen solchen „aalglatten“ Typen – nicht nur wegen seiner glattflächigen Torpedooptik, sondern vor allem, weil es unmöglich scheinen will, ihn näher anzusprechen.

Nur, dass es ein Opel aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg ist, das ist klar ersichtlich. Auffallend viele Fotos in meiner Sammlung zeigen Rüsselsheimer Modelle jener Zeit, bei denen ein näherer Identifikationsversuch regelmäßig im Ungefähren endet.

Der Mangel an einem wirklich umfassenden und gut bebilderten Standardwerk zu den Opel-Wagen der Frühzeit macht die Sache nicht gerade besser.

So musste ich vor längerer Zeit das folgende Foto eines Opel der Zeit um 1912 unter dem Motto „Unbekannte Größe“ präsentieren:

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Opel Tourenwagen um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Ansprache als Opel aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg war Routinesache, doch ansonsten entzog sich dieser Tourenwagen einer genauen Identifikation.

Lediglich eine ungefähre Datierung auf 1912/13 war möglich. Folgende Indizien sprachen gegen eine spätere Entstehung:

  • nur rudimentäre Verkleidung zwischen Rahmen und Trittbrett,
  • kastig wirkende Vorderschutzbleche,
  • deutlich ansteigende Linie der Motorhaube mit etwas stärker geneigtem Windlauf.

Prinzipiell könnte dieser Opel auch etwas früher entstanden sein  – frühestens 1910/11, doch die elektrischen Positionsleuchten verweisen in jüngere Zeit.

Auch wenn mir eine genaue Typidentifikation bisher nicht gelungen ist, hilft die Betrachtung der Karosserieelemente des obigen Wagens bei der zeitlichen Einordnung der Aufnahme, um die es heute geht:

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Opel Tourenwagen von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses Prachtstück von einem Opel hat sich auf einem Foto aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks erhalten.

Im Unterschied zum vorherigen Wagen hat man es hier auf einmal mit einem „aalglatten“ Typen zu tun. Damit meine ich weniger den Fahrer, der angesichts der damals noch recht langen Belichtungszeiten ein Pokerface aufgesetzt hat.

Vielmehr fallen hier die mit einem Mal deutlich geglätteten Linien des Aufbaus auf. Motorhaube und Windlauf verlaufen annähernd waagerecht und scheinen beinahe zu verschmelzen. Die Schutzbleche meiden jeden übertriebenen Schwung und folgen streng der Rundung der Räder. Die Schwellerpartie ist komplett verkleidet.

Dass wir hier keinen Opel der frühen Nachkriegszeit vor uns haben, verrät nicht nur die Karbidgaslampe an der Front, sondern auch das Fehlen eines Spitzkühlers, der sich bei Opel noch während des Krieges durchsetzte.

Die mir vorliegende Literatur – hier vor allem zu nennen: „Opel Fahrzeug-Chronik Band 1, 1899-1951“ von E. Barthels und R. Manthey – liefert einige wenige Abbildungen ähnlicher Wagen.

Wie es scheint, tauchen solche glattflächigen und im vorderen Bereich fast horizontal abschließenden Karosserien bei Opel gehäuft erst 1914 auf. In Frage kommen sowohl mittlere als auch große Tourenwagen wie die Typen 20/45 PS und 29/70 PS.

Für die Freunde späterer Opel-Wagen ist oft schwer vorstellbar, in welchen Dimensionen sich die Rüsselsheimer Traditionsfirma damals bewegte.

Die genannten Modelle verfügten zwar meist nur über Vierzylinder-Aggregate, doch mit Hubräumen von 5 Liter, 7,5 Liter und im Fall des mächtigen 40/100 PS-Typs sogar über 10 Liter waren dies unglaublich kraftvolle, Steigungen ohne Schalten mühelos meisternde Wagen – darüber gab es in Deutschland kaum noch etwas.

Die Radstände dieser Giganten bewegten sich zwischen 3,50 und 3,60 Metern, was optisch recht gut zu dem Wagen auf dem Foto von Klaas Dierks zu passen scheint.

Genauer will ich mich nicht festlegen, ich meine aber, dass man mit der Einordnung „mittlerer bis schwerer Opel-Tourenwagen ca. 1914“ auf der sicheren Seite liegt.

Als Puzzlestück bei der Rekonstruktion der Typenpalette in meiner Opel-Fotogalerie spielt dieser Wagen eine wichtige Rolle als Bindeglied zwischen den noch archaisch wirkenden Typen von 1910-1912 und den schnittigen Spitzkühlermodellen, wie sie bei Opel bis fast Mitte der 1920er Jahre vorherrschen sollten.

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6-Zylinder-Dickschiff: Opel 12/50 und 15/60 PS

Heute kehre ich in meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos zu einem Fahrzeug zurück, das einst zwar nicht der Gipfel der Raffinesse am deutschen Markt war, doch gemessen an heutigen Verhältnissen ziemlich sensationell anmutet.

Die Rede ist vom großen Sechszylinder-Opel, den die Rüsselsheimer ab 1927 auf Kiel legten, nachdem der Erfolg des Vierzylindertyps 10/40 PS – und die heftige Konkurrenz US-amerikanischer Wagen – Mut und Lust auf mehr geweckt hatten.

Das eine oder andere Exemplar dieser eindruckvoll dimensionierten Opels habe ich bereits vorstellen können -hier ein Potpourri der bisherigen Belegaufnahmen:

Mit einem Radstand von 3,50 m und Gesamtlänge von 4,70 m war Opels neuer fließbandgefertigter Sechszylinder ein ziemlich eindrucksvolles Geschöpf.

Nur vereinzelt waren zuvor in Manufaktur noch größere Opel-6-Zylinder der Typen 21/0 bzw. 21/60 PS und 30/75 bzw. 30/80 PS entstanden, die auf historischen Aufnahmen kaum zu greifen sind.

Diese über 5 Meter messenden Riesen gehören im wahrsten Sinne des Wortes zu den großen Unbekannten in der abwechslungreichen Opel-Historie, doch hoffe ich, früher oder später auch eines dieser Dickschiffe dingfest machen zu können.

Einstweilen lassen wir es bei der folgenden Aufnahme aus meiner Sammlung bewenden, die die Seefahrer-Weisheit „Länge läuft“ bereits anhand des Opel 12/50 bzw. 16/50 PS aus den späten 1920er Jahren eindrucksvoll illustriert:

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Opel 12/50 oder 15/60 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die technisch hochwertige Aufnahme mag es an gestalterischer Rafinesse mangeln lassen, doch eines wird hier noch deutlicher als in den bislang gezeigten Bildern dieses Opel-Sechszylindertyps:

Mit dieser Karosserie konnte Opel formal mit den „Amerikanerwagen“ mithalten, die im Deutschland der späten 1920er Jahre zeitweise mehr als ein Drittel der Autonachfrage stillten.

Das Kühlergehäuse folgte dem Vorbild von Packard und auch die an sich veralteten trommelförmigen Scheinwerfer waren Reflex einer vorübergehenden Modeerscheinung in den Vereinigten Staaten:

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Die Scheibenräder mit sechs Radbolzen und verchromter Radkappe finden sich auch am parallel angebotenen Vierzylindertyp Opel 10/40 PS. Doch die seitlich montierten Reserveräder weisen eher auf den großen Bruder 12/50 oder 15/60 PS hin.

Übrigens wurden die beiden Sechszylindertpen mit 3,2 bzw. 3,9 Liter Hubraum und vollkommen konventioneller Konstruktion als Typ 90  bzw. 100 angeboten – was ein Hinweis auf die jeweilige Höchstgeschwindigkeit war.

Viel mehr war auf Deutschlands damaligen Straßen ohnehin nicht drin und viele US-Wagen boten ebenfalls keine wesentlichen Leistungs- oder Preisvorteile. Doch waren sie oft besser ausgestattet und vor allem waren sie in den benötigten Stückzahlen verfügbar.

Man kann daher die marktbeherrschende Stellung der US-Hersteller Ende der 1920er Jahre hierzulande schlicht damit begründen, dass diese aufgrund ihrer rationelleren Fertigungsmethoden und überlegenen Logistik imstande waren, Autos in einer Klasse zu liefern, die einige inländischen Hersteller prinzipiell zwar ebenfalls im Programm hatten, aber nicht in ausreichender Stückzahl bauen konnten.

Ganze 3.500 Stück konnte Opel von 1927 bis 1928 von seinem an US-Vorbildern geschulten Sechsyzlinder-Dickschiff absetzen. Das erklärt auch, weshalb man jede Menge von Fotos jener Zeit findet, die amerikanische Wagen vergleichbaren Kalibers in Deutschland zeigen, aber kaum einen Opel dieser Klasse.

Damit bleibt das heute vorgestellte Foto eine ausgesprochene Rarität, zumal in dieser technischen Qualität. Aufgenommen wurde es übrigens in Schöna – wofür diverse Orte in Ostdeutschland in Frage kommen.

Vielleicht kann ein Leser etwas zum Kontext dieses Dokuments sagen, das auf mich wie eine Werksaufnahme oder zumindest ein für Pressezwecke angefertigtes Foto wirkt.

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Exklusives Arbeitsumfeld: Ein Opel Landaulet von 1909

Es gibt Zeitgenossen, die die 5-Tage-Arbeitswoche, 6 Wochen bezahlten Urlaub und x Feiertage pro Jahr ernsthaft für einen Anschlag auf die „Work-Life-Balance“ halten.

Interessanterweise hört man solches kaum von Arbeitern bei der Müllabfuhr, im Garten- und Landschaftsbau oder im Baugewerbe. Gejammert wird vorzugsweise von Insassen beheizter und klimatisierter Büros mit einer EDV-Ausstattung, deren Leistungsfähigkeit den effektiven Arbeitsaufwand auf ein Minimum reduziert.

Ich gehöre selbst zur Fraktion dieser Schreibtischtäter und weiß, dass auch konzentrierte Kopfarbeit und der Umgang mit einer großen Informationsfülle unter Zeitdruck Kraft kosten und einen am Ende eines Tages ausgelaugt zurücklassen kann.

Aber zu behaupten, das „Leben“ komme beim heutigen Umfang an Freizeit zu kurz, erscheint kühn, abgesehen davon, dass die Arbeit Teil unseres Daseins ist. Heilsam ist da die Konfrontation mit den Lebensverhältnissen unserer Vorfahren in der Frühzeit des Automobils.

Ein Beispiel dafür ist Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags und man mag daran ermessen, wie exklusive Arbeitsplätze vor 110 Jahren aussahen, nämlich wie auf folgendem Originalfoto aus meiner Sammlung:

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Opel Landaulet von ca. 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den meisten Freunden von Vorkriegsautos ist zwar klar, dass es sich hierbei um ein frühes Automobil handeln muss. Doch wie es einzuordnen ist oder wie Hersteller und Baujahr herauszufinden sind, das ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln.

In der Tat ist die Akribie eines Archäologen gefragt, der kleinsten Details Beachtung schenkt und eine Vorstellung von der Chronologie bestimmter Merkmale hat.

Auch im heutigen Fall ist es entscheidend, alle mit dem Foto verknüpften Informationen auszuwerten und Vergleichsstücke in die Betrachtung einzubeziehen.

Wertvolle Hinweise, wo wir mit der Suche beginnen sollten, geben Absender, Adressat und Datum der Postkarte, auf der dieser Wagen einst abgebildet war. So lief diese Karte im August 1909 vom hessischen Darmstadt ins knapp 60 Kilometer entfernte Städtchen Langenselbold bei Hanau.

Damit haben wir ein starkes Indiz – wenn auch keinen Beweis – dafür, dass der abgebildete Wagen von einem deutschen Hersteller stammt. Des weiteren besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass das Fahrzeug in der Region hergestellt wurde – auch wenn das natürlich nicht zwingend der Fall sein muss.

Vielversprechend erscheint daher eine nähere Betrachtung zeitgenössischer Wagen von Adler aus Frankfurt am Main und Opel aus Rüsselsheim.

Beginnen wir zu Vergleichszwecken mit folgendem vom Aufbau fast identischen Adler, der 1908 in Wandlitz aufgenommen wurde:

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Adler Landaulet von ca. 1907; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vorgestellt habe ich dieses Fahrzeug zwar noch nicht, aber das wird bei Gelegenheit nachgeholt – im Fundus schlummert noch einiges an Originalmaterial in dieser Hinsicht.

Zwei Dinge springen sofort als abweichend ins Auge: Das für Adler typische Kühlergehäuse mit oben waagerechtem Abschlusss des Kühlernetzes und die senkrecht stehenden Luftschlitze in der Seite der Motorhaube.

Bei näherem Hinsehen unterscheiden sich außerdem die Ausführung des Kühlwasseinfüllstutzens und der Gestaltung der Nabenkappe an den Vorderrädern.

Speziell die schrägstehenden Haubenschlitze sind ein recht zuverlässiger Indikator für zeitgenössische Opel-Wagen, was bereits zur Identfikation des folgenden Typs von 1907 beitrug (Bildbericht):

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Opel 24/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier stoßen Motorhaube und die Schottwand zum „Innen“raum genau rechtwinklig aufeinander – bei Fahrzeugen aus dem deutschsprachigen Raum ein recht zuverlässiger Hinweis auf eine Entstehung vor 1910.

Aber: Die Vorderschutzbleche folgen hier – wie übrigens beim Adler auch – noch der Radform und ihr unterer Abschluss reicht deutlich unter das Niveau des Trittbretts.

Genau dieses Detail stellt sich beim heute vorgestellten Opel anders dar:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Frontpartie.jpg

Während die Ausführung der Radnabe bis ins Detail derjenigen beim Opel 24/40 PS von 1907 entspricht, löst sich die Linie des Vorderkotflügel hier mit einem Mal von der Radform und strebt im unteren Abschnitt auf die Horizontale des Trittbretts zu.

Diese Detaillösung, bei der bislang aneinandergesetzte Elemente der Karosserie miteinander eine organische Verbindung einzugehen beginnen, ist stilistisch etwas später anzusetzen.

Laut datierten Abbildungen in der Literatur ist diese Entwicklungsstufe bei Opel auf 1908/09 zu datieren. 1910/11 folgte der nächste, weit größere Schritt, als nämlich der Übergang von der Motorhaube zur Schottwand mit einem „Windlauf“ kaschiert wurde wie bei diesem Opel-Taxi, das ich hier ausführlich besprochen habe:

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Opel von ca. 1911; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nach der Lage der Dinge lässt sich der majestätisch wirkende Opel auf der eingangs gezeigten Postkarte recht genau auf 1908/09 datieren – für ein derartig frühes Automobil mit dünner Evidenz in der gedruckten Literatur ein achtbares Ergebnis.

Lässt sich aber auch die Motorisierung ähnlich genau ermitteln? Leider nein, aber eine zufriedenstellende Annäherung erscheint möglich. Welcher Motor sich unter der Haube verbarg, ist bei diesen frühen Automobilen nur selten genau zu bestimmen.

Zum einen war ein und derselbe Aufbau oft mit mehreren Motorisierungen erhältlich, die sich äußerlich kaum bemerkbar machten. Zum anderen fällt es bisweilen schwer, die Dimensionen abzuschätzen, die bei der Einengung auf wenige Motorenvarianten helfen.

Betrachten wir zunächst die 1909 von Opel in Verbindung mit Landaulet-Aufbau verfügbaren Motorisierungen mit den jeweils überlieferten Radständen:

  • Am unteren Ende rangierte der „Doktorwagen“4/8 PS mit 1,0 Liter-Zweizylinder, der über einen Radstand von nur 2,13 m verfügte.
  • Das obere Ende der Palette markierte der Opel 35/60 PS mit 8,9 Liter-Vierzylinder und Radstand von 3,54 m.
  • Dazwischen gab es mehr als ein halbes Dutzend weitere Motorisierungen von 6/12 PS bis 30/50 PS.

Anhand der Proportionen der langgestreckten Haube mit ihren mindestens 15 Luftschlitzen lassen sich alle kleinen und mittleren Typen ausschließen. Gegen die ganz großen Modelle spricht der noch moderate Radstand des abgebildeten Wagens.

Unterstellt man bei dem Diener, der neben dem Opel steht, eine Körpergröße von 1,65 bis 1,70 m, lässt sich ein Radstand von gut 3 Meter ansetzen, aber nicht wesentlich mehr:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Seitenpartie

Die Spitzenmodelle mit Radständen von 3,24 bzw. 3,54 Meter kann man demnach ausschließen. Sie verfügten zudem über zwei Seitenfenster, nicht nur eines wie hier.

In Frage kommen am ehesten die Modelle 15/24 PS, 18/32 PS und 21/45 PS, die alle einen Radstand von rund 3,15 Metern aufwiesen. Genauer lässt sich die Motorisierung vermutlich nicht mehr angeben.

Letztlich ist das auch zweitrangig, da sich alle in Frage kommende Typen in einer Preisregion von weit über 10.000 Goldmark bewegten, wofür man damals auch ein Eigenheim kaufen konnte.

Damit ist auch klar, in welch‘ exklusiven Kreisen die beiden Männer auf den Vordersitzen sowie der erwähnte Diener angestellt waren – Haushalten sehr vermögender großbügerlicher oder auch adliger Familien.

Obwohl man aus heutiger Warte schnell dazu neigt, das Schicksal solcher „Bediensteten“ zu bedauern, muss man sich vergegenwärtigen, dass sie auf der sozialen Stufenleiter der damaligen Gesellschaft deutlich höher angesiedelt waren als die weit überwiegende Mehrheit ihrer Mitbürger, die in der Landwirtschaft, im Handwerk oder der Industrie harten und oft gefährlichen Tätigkeiten nachgingen – 10-12 Stunden täglich von Montag bis Samstag und oft ohne nennenswerte Urlaubsansprüche.

Die Männer, die sich hier stolz und würdevoll der Kamera präsentieren, wussten gewiss um ihre exklusiv zu nennenden Arbeitsplätze, die ihnen neben Fachwissen nicht zuletzt sichere Umgangsformen abverlangten, die die Oberschicht erwartete.

Von dieser Position war mit Fleiß und Bildungswillen ein weiterer gesellschaftlicher Aufstieg möglich, der der Masse der Bevölkerung speziell in der (heute zu Unrecht  romantisch verklärten) kaum maschinisierten Landwirtschaft verschlossen blieb…

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Glamouröser Auftritt im Hinterhof: Opel 8/40 PS

Die letzten Einträge in meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos widmeten sich eher exotischen Gefährten. Zwar ist Material genug vorhanden, um in diesem Stil weiterzumachen – nicht zuletzt aufgrund vermehrter Einsendungen von Lesern.

Dennoch will ich nicht nur außergewöhnliche Fahrzeuge und Modelle zeigen, sondern das ganze automobile Spektrum im deutschen Sprachraum dokumentieren.

So kommt es, dass heute mal wieder ein Großserienhersteller an der Reihe ist: Opel. Wobei Großserie bei dem Typ, um den es geht, eigentlich eine Übertreibung ist.

Keine 20.000 Exemplare entstanden vom Sechszylindermodell Opel 8/40 PS in den Jahren 1928-30. Bei US-Massenproduzenten entsprach das einer Monatsproduktion und deshalb bestimmten sie damals auch in Deutschland das Geschäft.

Rückblende: Ende 1927 stellte Opel mit dem Modell 7/34 PS einen kleinen Sechszylinder (1,7 Liter Hubraum) vor, um neben dem teuren 12/50 PS Typ eine preisgünstigere Alternative bieten zu können (Porträt hier):

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Opel 7/34 PS bzw. 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das war trotz der eher mäßigen Motorisierung ein ausgewachsenes Auto mit viel Platz für die rückwärtigen Passagiere in Verbindung mit 6-Zylinder-Laufkultur.

Den entscheidenden Hinweis darauf, dass das obige Foto überhaupt einen Opel zeigt, liefert die charakteristische Form des verchromten Trittschutzblechs am Schweller unterhalb der Einstiegstüren.

Die Scheibenräder mit vier Radbolzen und die Proportionen erlauben die Abgrenzung vom größeren Schwestermodell Opel 10/50 PS.

Ab 1928 war dasselbe Auto nur noch als 8/40 PS Typ verfügbar.

So hatte man den Motor bei gleicher Grundkonstruktion (Seitenventiler) auf einen Hubraum von 1,9 Liter (statt zuvor 1,7 Liter) gebracht. Die Höchstgeschwindigkeit blieb zwar bei 90 km/h, doch hatte sich das Anzugsvermögen spürbar verbessert.

Äußerlich unterscheiden ließ sich der Opel 8/40 PS vom Vorgänger 7/34 PS praktisch kaum. Mitterweile vermute ich, dass der Typ 7/34 PS noch ohne Chromradkappen auskommen musste und die erwähnten Schutzbleche in traditioneller Form trug.

Der ab Frühjahr 1928 verfügbare Nachfolger scheint dann bereits Chromradkappen und anders gestaltete Schwellerschutzbleche besessen zu haben wie dieser hier:

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Opel 7/34 PS oder 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ausschließen können wir allerdings nicht, dass die Chromradkappen (und auch die  hier erkennbaren konzentrischen Zierlinien auf den Scheibenrädern) lediglich Kennzeichen einer Sonderausstattung waren.

Dafür würde auch der nicht serienmäßige Koffer am Heck sprechen. Festzuhalten sind außerdem zwei weitere Details:

  • Die seitlichen Luftschlitze in der Motorhaube sind Teil eines aufgenieteten Blechs
  • Am Windlauf –  die Partie zwischen hinterem Haubenende und Frontscheibe – sind keine Positionslampen montiert.

Auf der folgenden Aufnahme, die eindeutig ebenfalls einen Opel zeigt, stellen sich diese Details anders dar:

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Opel 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die seitlichen Luftschlitze sind nun direkt in die Motorhaube eingeprägt, was sie deutlich dezenter wirken lässt.

Am Windlauf erkennt man Positionslichter mit Chromring.

Die Scheibenräder mit vier Radbolzen und Chromradkappe sowie konzentrischer Linierung sehen zwar identisch aus, doch finden sich an der Frontpartie zwei weitere Besonderheiten, die bei den bisherigen Aufnahmen nicht zu erkennen waren:

Opel_8-40_PS_Luxus-Limousine_1930_Frontpartie

Hier haben wir eine abgerundete Kühleroberseite und eine entsprechend glattflächige Motorhaube, während die zuvor gezeigten Wagen einen vom US-Hersteller Packard kopierten, oben geschwungenen Kühler aufwiesen,  dessen Kontur sich in der Haube nach hinten fortsetzte.

Auf den ersten beiden Fotos ist in der Haube eine Einbuchtung zu erahnen, die verrät, dass diese Wagen noch den bis Herbst 1929 gebräuchlichen Packard-Kühler besaßen.

Neben der vereinfachten Kühlerform sind außerdem die schüssel- statt trommelförmigen Scheinwerfer untrügliche Merkmale des Opel 8/40 PS, wie er nur von Oktober 1929 bis September 1930 gefertigt wurde.

Die Positionsleuchten dürften ebenso wie der am Heck montierte Koffer Merkmale einer luxuriöser ausgestatteten Version gewesen sein, wie sie Opel anbot.

Leider gibt die spärliche Literatur zu den Opel-Wagen der 1920er Jahre in diesem Punkt nicht viel her. Auch zeitgenössische Prospekte sind diesbezüglich nur bedingt hilfreich, da sie nicht immer das zeigen, was tatsächlich im Werk gebaut wurde.

Umso interessanter (u.a. für Restaurateure) sind solche Originalfotos selbst bei vermeintlichen „Brot-und-Butter“-Wagen, da sie die einstige Wirklichkeit abbilden.

Für viele Liebhaber von Vorkriegswagen – mich eingeschlossen – sind aber die auf solchen Fotos abgebildeten Menschen und das Drumherum das Salz in der Suppe:

Opel_8-40_PS_Luxus-Limousine_1930_Seitenpartie

Auf dem Ausschnitt mit der Frontpartie des Opel waren im Hintergrund einige Ölfässer zu sehen – die Heckpartie wird profan von aufgehängter Wäsche eingerahmt.

Mehr großstädtische Hinterhofatmosphäre geht kaum noch. Und doch hatte man ausgerechnet dieses Ambiente für das Foto des Opel 8/40 PS auserkoren.

Der großzügige Sechszylinderwagen mag Anlass dieser Aufnahme gewesen sein – eventuell gehörte er dem modisch gekleideten Paar auf dem Trittbrett. Doch war er wohl nur Staffage für ein Erinnerungsfoto anlässlich eines Besuchs von Verwandten.

Datieren lässt sich die Aufnahme anhand der Kleidung der Damen auf 1929/30. Der Schnitt des Kleids der zweiten Dame von links ist typisch für die 1920er Jahre, als man im Streben nach Neuem die Gürtellinie auf Hüfthöhe rutschen ließ – keine gute Idee.

Der neuwertige Zustand des Opel würde zu dieser Datierung passen. Übrigens spricht auch die niedrige Schwellerpartie für ein Modell 8/40 PS ab 1929.

Sicher ist jedenfalls, dass der hier vorliegende Abzug fast 90 Jahre in einem Fotoalbum geschlummert hat und uns Nachgeborenen von vergangenem Leben und glücklichen Momenten mit einem Opel-Automobil erzählt…

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Groß in Szene: Opels kleine 6-Zylinder 7/34 und 8/40 PS

Bei der Dokumentation der Vorkriegs-Modelle von Opel anhand historischer Originalfotos bin ich mittlerweile in den späten 1920er Jahren angelangt.

Keine Sorge: Es wird auch immer wieder reizvolle Rückblicke in die Frühzeit der Rüsselsheimer Automobilproduktion geben – es ist noch einiges an Material speziell aus der Ära bis zum 1. Weltkrieg vorhanden.

Doch heute will ich erst einmal ein Modell vorstellen, das bislang in meinem Blog noch keine Rolle spielte. Es erschien ab 1927 parallel zu den großen Sechszylindertypen mit 50 bzw. 60 PS Leistung, von denen ich schon das eine oder andere Foto gezeigt habe.

Folgende Aufnahme zeigt eines dieser großen Modelle mit besonders geschmackvoller Lackierung, die das mächtige Fahrzeug relativ leicht erscheinen lässt:

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Opel 12/50 oder 15/60 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit ihren Hubräumen von über 3 Litern waren diese starken und soliden Sechszylinder auf den ersten Blick ernstzunehmende Konkurrenten der damals massenhaft am deutschen Markt vertretenen US-Wagen.

Doch letztlich erzielte Opel damit nur einen Achtungserfolg, weniger als 3.500 Stück davon sollten bis Produktionsende 1929 entstehen.

Besser entwickelte sich der Absatz der kleineren und leichteren, aber ebenfalls mit Sechszylindermotoren ausgestatteten Modelle 7/34 PS und (ab 1928) 8/40 PS.

Abgesehen von den Proportionen sind sie nur anhand weniger Details von den großen Sechszylindertypen zu unterscheiden. Dazu zählt die Zahl der Radbolzen (vier statt fünf) und die schlichtere Gestaltung der Scheibenräder.

Kühler, Haube und Aufbau glichen einander weitgehend, weshalb für die Betrachtung des Opel 7/34 bzw. 8/40 PS-Modells Fotos wie das folgende ausreichen:

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Opel 7/34 oder 8/40 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Gestaltung von Kühler, Trommelscheinwerfern, Luftschlitzen, Kotflügeln und Schwellerpartie mit den typischen Trittschutzblechen ist fast völlig identisch mit der bei den großen Sechszylindern.

Doch die simplen Scheibenräder ohne Zierlinien und Chromradkappen sowie die vier Radbolzen lassen erkennen, dass dieser Opel zwischen dem kleinen 4/16 bzw. 4/20 PS mit Vierzylinder und den großen Sechszylindertypen angesiedelt war.

Zu einem kleinen Sechszylindermodell 7/34 bzw. 8/40 PS passt auch der Radstand von knapp 2,90 m – beim großen Bruder waren es beeindruckende 3,50 m.

Reizvoll ist hier der Blick ins Innere mit plüschbezogenen Sitzen und für heutige Verhältnisse luxuriösem Beinraum im Passagierabteil. Deutlich wird auch, dass der Ein- und Ausstieg weit bequemer war als bei vielen heutigen flach bauenden Wagen.

Weil es so schön ist, schauen wir uns eine weitere Aufnahme desselben Wagens an:

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Opel 7/34 oder 8/40 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben die beiden Damen die Rückbank verlassen und der Fahrer präsentiert sich nun am vorderen Wagenende.

Verschwunden ist der ernst schauende Herr mit Melone – eventuell hat er dieses zweite Foto geschossen. Bleibt die Frage, wer für die erste Aufnahme verantwortlich war. Sie könnte mit Stativ und Selbstauslöser enstanden sein,

Auch wenn die nunmehrige Aufnahme leicht verwackelt ist, lässt sie einiges von dem Opel erkennen, das zuvor verborgen war.

Zum einen sieht man das aufgenietete Blech mit den schlichten schmalen Luftschlitzen in der Haube. Zum anderen kann das Auge nun den horizontalen Zierleisten folgen, die die Seitenlinie des Aufbaus strukturieren – ebenso die dunkle Partie entlang des Fensterrahmens.

Diese Gliederung der Flanke bewirkt in Verbindung mit der Zweifarblackierung ein angenehmes Erscheinungsbild der großen und annähernd ebenen Blechfläche.

Noch Anfang der 1920er Jahre bedurfte es solchen Aufwands nicht. Damals sorgte die plastische Gestaltung der Karosserie für genügend Spannung, wie man am Beispiel dieses Benz mit tulpenförmigen Aufbau sieht:

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Benz 8/20 oder 10/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese noch aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg schöpfenden Aufbauten brauchten weder Zierleisten noch Mehrfarblackierungen. Hier sorgten gewölbte Flanken und für unterschiedliche Lichtreflektion sorgende Knicke im Blech für Abwechslung.

Man kann daran gut nachvollziehen, welche Entwicklung sich in formaler Hinsicht in den 1920er Jahren vollzog – begleitet von technischen Fortschritten wie innenliegender Schaltung, elektrischem Anlasser, Vierradbremse, Stoßdämpfern usw.

So konnte man sich Ende der 20er auch mit einem kleinen Sechszylinder von Opel ganz auf der Höhe der Zeit zeigen.

Ohnehin gehörte man im damaligen Deutschland zu einer verschwindend kleinen Schicht, wenn man überhaupt ein motorisiertes Gefährt mit Dach überm Kopf besaß.

Autofahren hatte noch etwas Mondänes an sich und viele Leute inszenierten sich entsprechend – wie auf diesem schönen Beispiel:

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Opel 7/34 PS oder 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier haben wir einen der kleinen Sechszylinder-Opel vor uns. Ich vermute, dass das veränderte Trittschutzblech – jetzt kantig und ohne Opel-„Auge“ – sowie die verchromten kleinen Radkappen mit dem Übergang von der 8/34 PS- zur 8/40 PS-Motorisierung auftauchten.

Leider schweigt die mir zugängliche, ohnehin für eine Marke wie Opel dürftige Literatur zu Details wie diesen. Möglicherweise hat ein Leser eine Quelle, die diesbezüglich für Aufklärung sorgen kann.

So oder so ist es die gekonnte Art und Weise, mit der sich die Insassen dieses Opels vor rund 90 Jahren in Szene setzten, die die Aufnahme faszinierend macht:

Opel_7-34_oder_8-40_PS_3_Ausschnitt

Wäre diese Aufnahme nicht von sehr mäßiger Qualität, könnte man glatt an ein Foto für irgendein Magazin denken, in dem es um Mode und Lebensart ging. 

Jedenfalls wussten die Vier, wie man sich nach Art von Filmschauspielern bei einem Fototermin gab, und auch in modischer Hinsicht war ihr Erscheinungsbild perfekt.

Heute macht niemand mehr solche Fotos und das liegt nicht nur daran, dass die Autos unserer Zeit meist lieblos gestaltete Alltagsgegenstände sind, denen man keine besondere Bedeutung mehr beimisst.

In nur zwei, drei Generationen verlorengegangen ist auch das Empfinden dafür, wie man sich in der Öffentlichkeit würdevoll und mit Rücksicht auf die Mitmenschen angenehm präsentiert.

Wer als Besitzer eines Vorkriegsautos heute noch einen solchen Auftritt hinbekommt, darf sich der Sympathie der Zeitgenossen sicher sein – und wenn er „nur“ einen kleinen Sechszylinder-Opel fährt…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Glücksfall! Opels großer Sechser als Tourenwagen

Heute käme der Wagen, um den es in diesem Blog-Eintrag geht, einem Sechser im Lotto gleich. Man wird im 21. Jahrhundert nämlich eher einem Mercedes, Horch oder Maybach der späten 1920er Jahre begegnen als diesem Gefährt.

Dabei ist die Rede bloß von einem Opel, der als „Bauern-Buick“ verspottet wurde.

So bezeichnete der Volksmund die großen Sechszylinder-Typen, die Opel ab 1927 anbot, in der Hoffnung, sich aus dem hierzulande von amerikanischen Marken dominierten Marktsegment ein Scheibchen abzuschneiden.

Um es vorwegzunehmen: das Scheibchen blieb sehr überschaubar…

Aus heutiger Sicht machte Opels großer Sechser aber durchaus Eindruck. Hier haben wir eine Limousine mit Motorisierung 12/50 PS (Modell 90) oder 15/60 PS (Modell 100):

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Opel 12/50 PS oder 15/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vom optisch fast identischen kleinen Sechszylindertyp 10/40 PS (Modell 80) unterschieden sich die stärkeren Varianten durch die serienmäßigen Ersatzräder auf den Vorderkotflügeln und den bei Limousinen größeren Radstand von 3,50m.

Die beim US-Hersteller Packard abgekupferte Kühlermaske kennzeichnete die ab 1927 gebauten Exemplare – das galt auch für die parallel verfügbaren kleineren Typen 10/40 PS und 4/16 bzw. 4/20 PS.

Ende der 1920er Jahre begannen die bis dato am deutschen Markt dominierenden offenen Tourenwagen an Attraktivität zu verlieren. Immer noch waren sie die billigste Möglichkeit, ein Automobil zu fahren, doch je alltäglicher die Nutzung wurde, desto eher bevorzugten die Käufer einen wetterfesten Aufbau.

So ist ein zeitgenössisches Originalfoto eines Opel 12/50 oder 15/60 PS in Tourenwagenausführung ein echter Glücksfall:

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Opel 12/50 oder 15/60 PS Tourer von 1927/28; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger(

Diese stimmungsvolle Aufnahme wurde bei tiefstehender Sonne aufgenommen, vielleicht am Ende eines herbstlichen Ausflugs, wie man ihn heute bei Sonnenschein in der hessischen Wetterau unternehmen konnte, bevor starker Regen einsetzte.

Sehr schön eingefangen ist hier der in den letzten Sonnenstrahlen aufleuchtende Aufbau, dessen helle Lackierung das große Automobil leichter wirken lässt als die massive Limousine. Die in Wagenfarbe lackierten Scheibenräder mit umlaufenden Zierlinien unterstreichen den Effekt.

Die Kombination aus Packard-Kühler und Trommelscheinwerfern verweist auf eine Entstehung ab Mai 1927. Auch die großen Türausschnitte gab es erst ab 1927. Die seitlichen Ersatzräder sind ein Indiz für einen „großen Sechser“ von Opel.

Über Ort und Anlass dieser Aufnahme wissen wir nichts Genaues. Das Kennzeichen verrät, dass dieser Opel einst in der deutschen Provinz Pommern („IH“) im Landkreis Swinemünde (Nummernkreis 35501-36500) zugelassen war.

Die sechs großen und kleinen Insassen scheinen die Ausfahrt genossen zu haben:

Opel_12-50_PS_oder_stärker_ab_1927_Tourer_Insassen

Dass dieser Opel in einer dünn besiedelten Gegend unterwegs war, darauf weist der Reservekanister auf dem Trittbrett hin, der wohl 10 Liter Kraftstoff fasste.

Die großen Hubräume des Opel (3,2 bzw. 3,9 Liter) verlangten nach reichlich Benzinzufuhr, weshalb 10 Liter Reserve je nach Fahrweise und Topografie nur eine Reichweite von rund 70km ermöglichten.

Im pommerschen Flachland dürfte das ausgereicht haben, um von einem Ausflug heil wieder heimzukehren, auch wenn sich unterwegs keine Tankstelle fand.

Der Popularität des Opel dürfte indessen weniger der hohe Kraftstoffkonsum entgegengestanden haben als die überlegene Konkurrenz aus Übersee. In der folgenden zeitgenössischen Reklame von Opel für die großen Sechser klingt das an:

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Opel-Reklame von 1928; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Wenn ein Autohersteller in seiner Reklame darauf hinwies, dass sein Fabrikat kein Massenprodukt ist und an die Gesinnung appellieren musste, war das ein sicheres Zeichen dafür, dass das Produkt nicht wettbewerbsfähig war.

Ähnliches ist heute beim „innovativen“ Elektroauto der Fall – es ist ein alter Hut, in der bisherigen Form den etablierten Verbrennern unterlegen und wird verzweifelt mittels Subventionen von Abgabenzahlern gestützt, die sich garantiert keines leisten können.

So wie einst arrogante Anordnungen wie „Fahren Sie deutsche Wagen – fahren Sie Opel“ wirkungslos verhallten, wird es wohl dem Elektromobil ergehen, solange es nicht mindestens dieselbe Mobilität zum vergleichbaren Preis wie der Verbrenner bietet…

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Ein Urahn des Opel „Laubfrosch“: Typ 6/16 PS

Heute kommt es in diesem Blog für Vorkriegsautos zu einem ungewöhnlichen Familientreffen.

Auf den ersten Blick mag es sich um eine eher theoretische Begegnung handeln, denn die beiden Opel-Generationen, um die es geht, trennen fast 15 Jahre. In der Vorkriegszeit war das in automobiler Hinsicht eine Ewigkeit.

Unsere kleine Studie beginnt im Sommer vor 90 Jahren – also: 1928 – und führt uns zunächst nach Unterfranken in den Hammelburger Forst:

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Opel 4/16 PS von 1926/27; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Über den Hersteller dieses Tourenwagens müssen wir dank des Opel-„Auges“ auf der Kühlermaske nicht eigens nachdenken.

Aufgrund des kompakten Formats kommt nur Opels Basismodell mit 4 Steuer-PS in Frage, hier in der Ausführung ab Oktober 1926, was die Linkslenkung verrät.

Der ab 1924 in Fließbandfertigung gebaute 4 PS-Opel war ein großer Wurf – allerdings begann seine Karriere nicht erst in Rüsselsheim. Vielmehr wurde ab 1922 in Paris das Auto gebaut, welches das Vorbild des Opel 4 PS abgab: der Citroen 5 CV.

Der weitsichtige Firmengründer André Citroen hatte noch vor Ende des 1. Weltkriegs die Konstruktion eines großserientauglichen Kleinwagens angeordnet, um seine Munitionsfabrik auch im Frieden auslasten zu können.

Mit dem Citroen Typ A machten die Franzosen ab 1919 Furore, denn er war der erste in Großserie gebaute europäische Wagen.

Der vor dem Krieg so erfolgreiche Autobauer Opel verlegte sich stattdessen auf Oberklassewagen, für die der deutsche Markt trotz kurzer Scheinblüte viel zu klein war, um ausreichende Erträge für das Werk abzuwerfen.

Erst mit dem Plagiat des Citroen 5CV gelang Opel ab 1923 der Anschluss an die Entwicklung. Dieser dreiste Schritt, der prompt juristische Auseinandersetzungen nach sich zog, verwundert doch.

Denn längst hatte Opel eigene Erfahrung im Bau von Kleinwagen. So entstand 1909 das Modell 6/12 PS, das (hier) bereits vorgestellt wurde:

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Opel 6/12 PS; Originalfoto von 1910 aus Sammlung Michael Schlenger

Ab 1911 gab es dann ein weiteres Kompaktmodell, den Typ 5/12 PS bzw. 5/14 PS – im Volksmund als „Puppchen“ bezeichnet.

Im Unterschied zum 6/12 PS von 1909, der nur einen Zweizylindermotor (1,5 Liter) besaß, kam das „Puppchen“ mit einem modernen Vierzylinder (1,2 bis 1,4 Liter) daher. Ein besonders reizvolles Foto eines solchen frühen 5 PS-Opel folgt gelegentlich.

Ebenfalls 1911 stellte Opel den etwas stärkeren Kleinwagentyp 6/16 PS vor. Solch ein Fahrzeug  – wenn auch mit etwas späterem Baujahr – zeigt das folgende Foto, das einst in Jauer in Niederschlesien (heute Polen) entstand:

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Opel 6/16 PS von ca. 1913, aufgenommen in Jauer (Niederschlesien); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer nun in den Standardwerken zu frühen deutschen Wagen von Schrader und seinem Vorläufer von Fersen nachschlägt, wird dort nahezu nichts zum Opel 6/16 PS-Modell finden – kein Bild, keine Prospektabbildung, keine technischen Daten.

Dieser Mangel ist nur eines von vielen Beispielen für den Bedarf nach Nachfolgern dieser stark veralteten und oft fehlerhaften Werke (die dennoch unverzichtbar sind).

Angesichts der Ausgangsituation mag man sich fragen, wie der Verfasser auf die Zuschreibung „Opel 6/16 PS“ gekommen ist. Dazu werfen wir erst einmal den üblichen Blick auf die Frontpartie:

Opel_6-16_PS_Tourer_Foto_Gorski_Jauer_Frontpartie

Auch wenn das ovale Emblem auf dem Kühler nicht lesbar ist, sprechen zwei Merkmale für ein kleines Modell von Opel aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg:

  • birnenförmiger Kühler mit markentypischem Verschlussdeckel
  • leicht angeschrägte Luftschlitze in der kurzen Motorhaube

Form der Nabenkappe, Zahl der Radbolzen und Trittbretthalterung am Rahmen entsprechen ebenfalls vollkommen den Verhältnissen bei Opel-Vorkriegsmodellen.

Irritierend sind auf den ersten Blick die vor 1918 unüblichen elektrischen Scheinwerfer. Sie sprechen wie die Gestaltung der Werbung für „Auto Nitsche“ im Hintergrund dafür, dass dieses Foto nach dem 1. Weltkrieg entstanden sein muss.

Das Auto selbst ist aber ganz klar ein Vorkriegsmodell. Zum einen begann Opel schon 1914, seine Wagen mit dem modischen Spitzkühler auszustatten, der nach Kriegsende einige Jahre Standard bleiben sollte.

Zum anderen verweisen die geschwungene seitliche Linienführung und das Fehlen eines Schwellerblechs ebenfalls auf die Zeit vor 1914:

Opel_6-16_PS_Tourer_Foto_Gorski_Jauer_Seitenpartie

Könnte das aber nicht eines der erwähnten „Puppchen“-Modelle 5/12 bzw. 5/14 PS sein, die von 1911 bis 1915 gebaut wurden?

Nun, die Ähnlichkeit ist vorhanden, aber einige Details passen nicht. Zu nennen ist vor allem die zweigeteilte Frontscheibe. Auf Abbildungen des Puppchens ist nach Kenntnis des Verfasser stets nur eine einteilige Scheibe zu sehen.

Des weiteren scheint der Opel auf dem Foto geräumiger und komfortabler ausgestattet zu sein. Nicht zuletzt wirken seine Vorderschutzbleche kräftiger.

Dumm nur, dass selbst die treffliche Opel-Fahrzeugchronik (Bartels/Manthey, Podszun-Verlag 2012) nur Bilder von 6/16-Modellen von 1911/12 zeigt, deren Aufbauten formal traditioneller waren als die Karosserie auf unserem Foto.

Zum Glück lieferte jedoch die Bildersuche im Netz auf der Website der Alt-Opel IG einen vollkommen entsprechenden Wagen des Typs Opel 6/16 PS.

Das ist ein schöner Erfolg und zeigt, wie sich Lücken in der Dokumentation bedeutender Automarken auch anhand historischer Fotos schließen lassen. Eines haben wir uns noch für den Schluss aufgehoben:

Betrachtet man das Erscheinungsbild des wohlgenährten Herrn am Lenkrad, denkt man an eine Entstehung des Fotos in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Damit wären wir in derselben Zeit wie auf dem Foto des eingangs gezeigten Opel 4/16 PS.

Die beiden 16 PS-Opels hätten sich einst also durchaus begegnen können, obwohl ihre Entstehungszeit rund 15 Jahre auseinanderlag. Vergleichen wir doch einmal die Modelle in der Papierform:

  • Beide haben auf den ersten Blick dieselbe Leistung, der Opel 6/16 PS leistet aber tatsächlich 18 PS bei lediglich 1.750 Umdrehungen gegenüber 16 PS beim späteren Typ mit 4 Steuer-PS, der dafür 2.800 Umdrehungen benötigt.
  • Der 6/16 PS verfügt über 1,5 Liter Hubraum, der jüngere 4/16 PS über lediglich 1 Liter, womit er steuerlich vorteilhafter war.
  • Beide Modelle besitzen seitlich stehende Ventile, was bis in die 1930er Jahre Standard bei Kleinwagen bleiben sollte.
  • Ob die Batteriezündung des späteren 4/16 PS-Modells einen Vorteil gegenüber der batterielos funktionierenden Magnetzündung des 6/16 PS-Typs darstellte, mögen Kenner der Materie entscheiden.
  • Erwachsener war sicher die 4-Gang-Schaltung des frühen 6/16 PS-Opels; der „Laubfrosch“ musste zeitlebens mit 3 Gängen auskommen.

Dass der Opel 4/16 PS letztlich doch das modernere Auto war, ist an den Vierradbremsen, der höheren Endgeschwindigkeit (70 km/h ggü. 60 km/h) und dem weit geringeren Benzinverbrauch festzumachen (6,5 ggü. 9,5 Liter/100 km).

Trotzdem musste sich Ende der 1920er Jahre der gemütliche Besitzer des „Veteranen“-Opel 6/16 PS von ca. 1913 nicht vor dem fast 15 Jahre jüngeren „Jungspund“ aus Rüsselsheim mit seinem französischem Einschlag verstecken.

Man fragt sich, weshalb Opel angesichts der Erfahrung und des Erfolgs mit Kleinwagen  – der 6/16 PS wurde nach dem 1. Weltkrieg bis 1920 weitergebaut – später nicht imstande war, auf dieser Basis selbst einen moderneren Wagen zu entwickeln.

In der dem Verfasser zugänglichen Literatur findet sich dazu kein Wort. Hatte Opel kriegsbedingt fähige Konstrukteure verloren oder waren diese zu anderen Marken abgewandert?

Bemerkenswerterweise bemühte sich Opel beim 4 PS-Modell auch formal – von der etwas anderen Kühlermaske abgesehen – nicht um Eigenständigkeit. Oder entsprachen Fahrwerk und Antrieb im Detail vielleicht gar nicht so sehr dem Citroen, wie es heißt?

Wer hierzu Näheres beizusteuern weiß, kann dazu gern die Kommentarfunktion nutzen. Vielleicht erfahren wir ja so doch noch etwas mehr über die dunklen Seiten der  Familiengeschichte des Opel 4 PS-Modells…

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Raffinierter geht’s nicht: Opel 4/20 PS Zweisitzer

Beim Opel 4 PS-Modell der zweiten Hälfte der 1920er Jahre denkt der Kenner in erster Linie daran, dass die Rüsselsheimer damit zunächst nur ein Plagiat des erfolgreichen Citroen 5 CV-Kleinwagens ablieferten.

Für eine Traditionsmarke, die bis zum 1. Weltkrieg zu den führenden Herstellern Europas in allen Leistungsklassen gehörte, war dies ein Eingeständnis verlorengegangener Kompetenz.

In welcher Liga die heutige Brot-und-Butter-Marke Opel einst spielte, versinnbildlicht folgender Grand Prix-Wagen von 1913 – ja : Opel baute einst auch Rennwagen!

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Opel Grand-Prix Wagen von 1913 bei den Classic Days auf Schloss Dyck 2011; Bildrechte Michael Schlenger

Woran es lag, dass Opel – wie den meisten deutschen Herstellern – nach dem 1. Weltkrieg lange Zeit kein Anschluss an die internationale Automobilentwicklung gelang, ist eine spannende Frage.

Der Verfasser ist geneigt, den verlorenen Krieg – genauer: den von den USA gewonnenen Krieg – als Grund dafür anzunehmen, dass die meisten deutschen Marken die in den Vereinigten Staaten vorangetriebenene Rationalisierung der Autoproduktion aus falsch verstandenem Patriotismus ablehnten.

Dass die Anwendung „kapitalistischer Produktionsmethoden“ im Ergebnis dem „Proletariat“ eine Teilhabe am bis dato nur Vermögenden vorbehaltenen Luxusgut Automobil ermöglichte, störte im Mutterland der als Marxismus bekannten Geistesverwirrung kaum jemanden (Ausnahme: Brennabor).

Erst als sich die Konkurrenz anschickte, den deutschen Markt mit preisgünstigen Autos aus Massenproduktion zu überfluten, erkannten die mit Manufakturmethoden vor sich hin bastelnden Hersteller hierzulande die Zeichen der Zeit.

Opel kommt immerhin das Verdienst zu, mit dem ab 1924 gebauten 4 PS-Typ eine Antwort auf die Herausforderung gefunden zu haben. Vom französischen Original entfernte man sich während der bis 1931 reichenden Produktionsdauer zusehends.

Ende der 1920er Jahre bot Opel den in über 40.000 Exemplaren gebauten 4 PS-Typ in einer raffinierten Variante an, die nur wenig mit dem Ausgangsmodell zu tun hatte:

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Opel 4/20 PS Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die sechs Herren auf diesem Schnappschuss wussten vielleicht gar nicht, auf welcher Rarität sie da herumturnten.

Nur die Scheibenräder, die Form des Zierblechs auf dem Schweller und die Gestaltung des Windschutzscheibenrahmens deuten hier auf einen 4/20 PS-Opel in der ab 1929 gebauten Version hin.

Für den Verfasser überraschend ist, dass in der gängigen Literatur kein exaktes Vergleichsstück zu diesem Opel-Zweisitzer zu finden ist.

Das von der Frontscheibe ausgehende dunkel abgesetzte seitliche Band ist in genau dieser Ausführung – unterhalb der Türoberkante und ganz leicht nach hinten abfallend so gut wie nicht dokumentiert.

Im Netz finden sich zwar einige wenige überlebende Fahrzeuge mit diesen Details, doch historische Belegstücke sind wie gesagt Mangelware.

Zum Glück kann sich der Verfasser dieses Blogs auf einige Foto“lieferanten“ verlassen, die ein ausgezeichnetes Auge für Qualität und seltene Modelle haben. Einer davon ist Klaas Dierks, dem wir bereits zahlreiche exzellente Fotodokumente verdanken.

Aus seiner umfangreichen Sammlung hochwertiger Vintagefotos stammt auch das folgende, das man in der Literatur zu Opel-Wagen vergeblich suchen wird:

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Opel 4/20 PS Zweitsitzer von 1929/30; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hier sehen wir denselben Opel 4/20 PS-Typ wie auf der vorherigen Aufnahme, bloß ist dieser anhand der Frontpartie mit von Packard abgekupfertem Kühler eindeutig identifizierbar.

Eine raffiniertere Version des Opel 4/20 Modells, das zuletzt eine Höchstgeschwindigkeit von über 75 km/h ermöglichte und eine Reichweite von fast 400 Kilometern bot, wird man schwerlich finden.

Kein Wunder, dass sich die einstigen Besitzer, über die wir leider sonst nichts wissen, vor bald 80 Jahren stolz mit dem Opel (und mit Hund) ablichten ließen.

Heute macht das kein Mensch mehr mit seinem Opel, der ein belangloses Alltagsvehikel geworden ist – und genau in dieser veränderten Sicht auf das Automobil liegt der Reiz von Vorkriegsautos auf alten Fotos

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1910/11: Opel nimmt Abschied von der Motorkutsche

Das Jahr 1910 markiert eine wichtige Zäsur in der gestalterischen Entwicklung des Automobils – vor allem im deutschsprachigen Raum.

Inspiriert von Entwicklungen im Rennsport ab etwa 1908 verbauten die meisten Hersteller auf einmal auch bei Serienwagen ein Karosserieelement, das den Luftwiderstand senken bzw. Verwirbelungen für die Insassen reduzieren sollte.

Die Rede ist vom sogenannten Windlauf – einst auch Torpedo genannt – der einen strömungsgünstigen Übergang von der Motorhaube zum Fahrerraum schafft.

Sehr gut zu erkennen ist dieses haubenartige Bauteil auf der folgenden Originalreklame von Opel von ca. 1908/09:

Opel-Reklame_vor_1914_galerie

Opel-Reklame aus Sammlung Michael Schlenger

Diese grafisch äußerst reizvolle Darstellung macht trotz gestalterischer Freiheiten die Funktion des Windlaufs augenfällig: Bei Sportwagen, die keine Frontscheibe besaßen, war der Fahrer damit besser vor Wind und Staub geschützt.

Gleichzeitig konnte die Luft besser über den Fahrerraum strömen, was höhere Geschwindigkeiten ermöglichte. Auch die minimalistischen Schutzbleche und die kleinen Positionslichter dienten der Verringerung des Luftwiderstands.

Was sich im Sporteinsatz bewährt hatte, hielt schon vor über 100 Jahren rasch Einzug in der Serienfabrikation. So dienten vor dem Ersten Weltkrieg die unzähligen Rennen und Langstreckenfahrten vor allem dem Nachweis, dass die noch junge Motorkutsche für Alltag und individuelle Fernreisen hervorragend geeignet war.

Wer sich damals eines der enorm teuren Manufakturautos leisten konnte, erwartete zurecht, dass ihm ausgereifte Technik bereitgestellt wurde, sonst hätte er weiterhin die Eisenbahn vorgezogen, die einst den letzten Winkel des Deutschen Reichs erschloss.

Interessant ist zu sehen, wie das neuartige Element des Windlaufs zunächst noch mit überkommenen Bauformen kombiniert wurde. Folgende Aufnahme macht deutlich, dass die formale Tradition des Kutschbaus 1910 noch nicht ganz überwunden war:

Opel_Doppel-Phaeton_ab 1910_Galerie

Opel Doppel-Phaeton von 1910/11; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer übrigens meint, die Qualität des Fotos beanstanden zu müssen, sollte erst einmal den unretuschierten Originalabzug sehen…

Die zeitraubenden Korrekturen waren den Aufwand wert. So ist hier der Moment festgehalten, in dem bei Opel ein letztes Mal die formale Tradition des Kutschbaus dominiert, doch schon in Kombination mit dem modernen Element des Windlaufs.

Außerdem werden wir sehen, dass wir es hier mit einem ganz großen Modell des einst hochangesehenen Rüsselsheimer Herstellers zu tun haben.

Was aber verrät uns, dass wir überhaupt einem Opel vor uns haben? Dazu werfen wir einen näheren Blick auf die Frontpartie des eindrucksvollen Wagens:

Opel_Doppel-Phaeton_ab 1910_Frontpartie

Für einen Opel aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sprechen neben der Form des Kühlergehäuses vor allem die schräggstellten Luftschlitze in der Haube. Sieben davon sind zu erkennen, vermutlich sind hinter dem Kotflügel weitere verborgen.

Deutlich sieht man hier, wie der nach oben weisende Windlauf am hinteren Ende der Motorhaube nachträglich aufgesetzt ist. Das spricht für eine Entstehung dieses Opel im Jahr 1910 bzw. spätestens 1911, als das Element noch neu war.

Länge und Höhe der Motorhaube verweisen auf einen der Opels mit Hubräumen von gut vier bis über sieben Liter – alles Vierzylinder wohlgemerkt. Ob wir hier nun eines der damaligen Modelle mit 35, 50 oder 65 PS sehen, bleibt ungewiss.

Letztlich ist es auch unerheblich, weil alle diese Wagen souveräne Fahrleistungen boten, was damals vor allem bedeutete, vollbesetzt und am Berg schaltfaul unterwegs sein zu können. Idealerweise nutzte man die unteren Gänge nur zum Anfahren.

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf das Passagierabteil und die Insassen:

Opel_Doppel-Phaeton_ab 1910_Insassen

Eine beinahe identische Karosserie von 1911 findet sich auf S. 48 der Opel-Fahrzeugchronik, Band 1 von Barthels/Manthey, bloß ist der dort unten links abgebildete Wagen etwas kleiner.

Auffällig ist, wie niedrig die Einstiegstür zum Fahrerraum ist. Das findet sich in besagtem Buch ähnlich auf S. 40 bei einem Opel Doppel-Phaeton von 1910.

So spricht viel für eine Datierung des Wagens auf dem Foto ins Jahr 1910/11. Ab 1912 verschwanden die Kutschbau-Anleihen und die Opel-Aufbauten wurden glattflächiger. Mit dem hier abgebildeten Wagen sagte Opel der Ära der motorisierten Kutsche adieu.

Der Zukunft zugewandt war auch der Herr, der mit Zigarette im Mund lässig auf dem Trittbrett posiert. Er wäre noch in den frühen 1950er Jahren modisch nicht aufgefallen.

Ganz anders die sieben Damen im Opel. Sie erscheinen bis zur Halskrause eingepackt, wobei die Hüte und Tücher zum Schutz der aufwendigen Frisuren ihr Übriges tun. Da war man um 1800 schon liberaler und im wahrsten Sinne des Wortes offenherziger.

Doch die Befreiung der Frauen aus den Ganzkörperverkleidungen und von der Männerherrschaft sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen (Vorsicht: Ironie!):

Damenrunde_galerie

Leider kam vorher noch der Erste Weltkrieg dazwischen – der in jeder Hinsicht eine noch größere Zäsur markierte als das Jahr 1910, in dem man von der heraufziehenden Katastrophe in Europa nichts ahnte…

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