1910/11: Opel nimmt Abschied von der Motorkutsche

Das Jahr 1910 markiert eine wichtige Zäsur in der gestalterischen Entwicklung des Automobils – vor allem im deutschsprachigen Raum.

Inspiriert von Entwicklungen im Rennsport ab etwa 1908 verbauten die meisten Hersteller auf einmal auch bei Serienwagen ein Karosserieelement, das den Luftwiderstand senken bzw. Verwirbelungen für die Insassen reduzieren sollte.

Die Rede ist vom sogenannten Windlauf – einst auch Torpedo genannt – der einen strömungsgünstigen Übergang von der Motorhaube zum Fahrerraum schafft.

Sehr gut zu erkennen ist dieses haubenartige Bauteil auf der folgenden Originalreklame von Opel von ca. 1908/09:

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Opel-Reklame aus Sammlung Michael Schlenger

Diese grafisch äußerst reizvolle Darstellung macht trotz gestalterischer Freiheiten die Funktion des Windlaufs augenfällig: Bei Sportwagen, die keine Frontscheibe besaßen, war der Fahrer damit besser vor Wind und Staub geschützt.

Gleichzeitig konnte die Luft besser über den Fahrerraum strömen, was höhere Geschwindigkeiten ermöglichte. Auch die minimalistischen Schutzbleche und die kleinen Positionslichter dienten der Verringerung des Luftwiderstands.

Was sich im Sporteinsatz bewährt hatte, hielt schon vor über 100 Jahren rasch Einzug in der Serienfabrikation. So dienten vor dem Ersten Weltkrieg die unzähligen Rennen und Langstreckenfahrten vor allem dem Nachweis, dass die noch junge Motorkutsche für Alltag und individuelle Fernreisen hervorragend geeignet war.

Wer sich damals eines der enorm teuren Manufakturautos leisten konnte, erwartete zurecht, dass ihm ausgereifte Technik bereitgestellt wurde, sonst hätte er weiterhin die Eisenbahn vorgezogen, die einst den letzten Winkel des Deutschen Reichs erschloss.

Interessant ist zu sehen, wie das neuartige Element des Windlaufs zunächst noch mit überkommenen Bauformen kombiniert wurde. Folgende Aufnahme macht deutlich, dass die formale Tradition des Kutschbaus 1910 noch nicht ganz überwunden war:

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Opel Doppel-Phaeton von 1910/11; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer übrigens meint, die Qualität des Fotos beanstanden zu müssen, sollte erst einmal den unretuschierten Originalabzug sehen…

Die zeitraubenden Korrekturen waren den Aufwand wert. So ist hier der Moment festgehalten, in dem bei Opel ein letztes Mal die formale Tradition des Kutschbaus dominiert, doch schon in Kombination mit dem modernen Element des Windlaufs.

Außerdem werden wir sehen, dass wir es hier mit einem ganz großen Modell des einst hochangesehenen Rüsselsheimer Herstellers zu tun haben.

Was aber verrät uns, dass wir überhaupt einem Opel vor uns haben? Dazu werfen wir einen näheren Blick auf die Frontpartie des eindrucksvollen Wagens:

Opel_Doppel-Phaeton_ab 1910_Frontpartie

Für einen Opel aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sprechen neben der Form des Kühlergehäuses vor allem die schräggstellten Luftschlitze in der Haube. Sieben davon sind zu erkennen, vermutlich sind hinter dem Kotflügel weitere verborgen.

Deutlich sieht man hier, wie der nach oben weisende Windlauf am hinteren Ende der Motorhaube nachträglich aufgesetzt ist. Das spricht für eine Entstehung dieses Opel im Jahr 1910 bzw. spätestens 1911, als das Element noch neu war.

Länge und Höhe der Motorhaube verweisen auf einen der Opels mit Hubräumen von gut vier bis über sieben Liter – alles Vierzylinder wohlgemerkt. Ob wir hier nun eines der damaligen Modelle mit 35, 50 oder 65 PS sehen, bleibt ungewiss.

Letztlich ist es auch unerheblich, weil alle diese Wagen souveräne Fahrleistungen boten, was damals vor allem bedeutete, vollbesetzt und am Berg schaltfaul unterwegs sein zu können. Idealerweise nutzte man die unteren Gänge nur zum Anfahren.

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf das Passagierabteil und die Insassen:

Opel_Doppel-Phaeton_ab 1910_Insassen

Eine beinahe identische Karosserie von 1911 findet sich auf S. 48 der Opel-Fahrzeugchronik, Band 1 von Barthels/Manthey, bloß ist der dort unten links abgebildete Wagen etwas kleiner.

Auffällig ist, wie niedrig die Einstiegstür zum Fahrerraum ist. Das findet sich in besagtem Buch ähnlich auf S. 40 bei einem Opel Doppel-Phaeton von 1910.

So spricht viel für eine Datierung des Wagens auf dem Foto ins Jahr 1910/11. Ab 1912 verschwanden die Kutschbau-Anleihen und die Opel-Aufbauten wurden glattflächiger. Mit dem hier abgebildeten Wagen sagte Opel der Ära der motorisierten Kutsche adieu.

Der Zukunft zugewandt war auch der Herr, der mit Zigarette im Mund lässig auf dem Trittbrett posiert. Er wäre noch in den frühen 1950er Jahren modisch nicht aufgefallen.

Ganz anders die sieben Damen im Opel. Sie erscheinen bis zur Halskrause eingepackt, wobei die Hüte und Tücher zum Schutz der aufwendigen Frisuren ihr Übriges tun. Da war man um 1800 schon liberaler und im wahrsten Sinne des Wortes offenherziger.

Doch die Befreiung der Frauen aus den Ganzkörperverkleidungen und von der Männerherrschaft sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen (Vorsicht: Ironie!):

Damenrunde_galerie

Leider kam vorher noch der Erste Weltkrieg dazwischen – der in jeder Hinsicht eine noch größere Zäsur markierte als das Jahr 1910, in dem man von der heraufziehenden Katastrophe in Europa nichts ahnte…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

Idyll mit Schattenseiten: Opel 4/12 PS von 1925

Der unverhoffte Besuch eines befreundeten Altopel-Fahrers am heutigen Sonntag gibt dem Verfasser willkommenen Anlass, sich einmal wieder einem der Vorkriegsmodelle der Rüsselsheimer Traditionsfirma zu widmen.

Dabei wird deutlich, dass selbst das bodenständigste Modell der Marke – der 1924 vorgestellte Typ 4/12 PS mit dem Spitznamen Laubfrosch – seinen Reiz hat, auch wenn es sich um ein dreistes Plagiat des erfolgreichen Citroen 5 CV handelte.

Wie so oft ist es die Aufnahmesituation, die selbst einem unspektakulären Massenfabrikat jener Zeit auf einmal Charakter verleiht. Ein schönes Beispiel dafür ist folgendes Profifoto, das wir bereits vor längerem vorgestellt haben:

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Opel 4/12 PS von 1924; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese charmante Aufnahme zeigt den Opel „Laubfrosch“ in seiner ursprünglichen Form – mit sieben breiten Haubenschlitzen und angedeutetem Spitzkühler.

Auf die Kühlerpartie kommen wir noch zurück. Bei der Gelegenheit präge man sich die Form des in Fahrtrichtung rechten Halters der Windschutzscheibe ein. Ansonsten genieße man die Linien dieses Zweisitzers mit Spitzheck.

Wie so oft war hier die Ausgangsbasis formal am überzeugendsten – später gingen Details wie die raffinierte Kühlermaske und die kühn geschwungenen Schutzbleche verloren – während die Scheibenräder bei den späteren Versionen beibehalten wurden.

Apropos Scheibenräder: Wie kam man eigentlich an die Reifenventile heran? Nun, auch das wird sich heute klären, obwohl dabei ein Foto herhalten muss, das unter nicht gerade idyllischen Umständen geschossen wurde.

Bevor wir dazu kommen, sei ein kleiner Einschub erlaubt, an dem Leser Helmut Kasimirowicz schuld ist, denn er stellte uns eine ungewöhnliche Aufnahme aus seiner Sammlung zur Verfügung, die ebenfalls einen Opel 4/12 PS zeigt:

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Opel 4/12 PS von 1925; Originalfoto aus Sammlung Helmut Kasimirowicz

Ein Foto eines Opel 4/12 PS aus dieser Perspektive dürfte ziemlich einzigartig sein. Es wird aus dem ersten Stock des Bauernhauses gemacht worden sein, auf dessen Areal der Wagen in einem Schuppen abgestellt war.

Während der Hof einen verwahrlosten Eindruck macht, schien man sich immerhin ein Automobil leisten zu können. Vielleicht gehörte der Opel aber auch einem Besucher, der seinen Wagen vor der Abfahrt noch einmal prüft.

Jedenfalls erkennen wir hier ebenfalls den moderat gepfeilten Kühler, nun aber in Kombination mit in zwei Feldern angebrachten insgesamt 12 Haubenschlitzen. Damit lässt sich der Opel auf das Baujahr 1925 datieren. Danach verschwand der Spitzkühler.

Ihren Reiz bezieht diese Aufnahme auch aus dem aufgespannten Verdeck, das den Wagen großzügiger wirken lässt als in der offenen Version.

Was oberhalb der geöffneten Tür herunterhängen zu scheint und das Licht spiegelt, könnte die seitliche „Scheibe“ sein – beim Tourenwagen ein in Segeltuch eingefasstes Zelluloidlement. Wer eine bessere Idee hat, nutze bitte die Kommentarfunktion.

Nun aber zum Hauptdarsteller des heutigen Blogeintrags:

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Opel 4/12 PS von 1925; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zu diesem bemerkenswerten Foto sei folgendes angemerkt: Normalerweise zeigt der Verfasser dieses Blogs Unfallwagen nur dann, wenn die Insassen wahrscheinlich mit dem Schrecken davongekommen sind.

Hier könnte die Sache weniger glimpflich ausgegangen sein. Man erkennt nämlich neben der Hand des rechten Schirmmützenträgers mit der markanten Nase die oben erwähnte Halterung der Frontscheibe – nur ist weit und breit kein Glas zu sehen.

Auch wenn die Frontpartie des Opel nur wenig beschädigt wirkt, scheint die Windschutzscheibe zerstört worden zu sein – vielleicht durch den Aufprall der Insassen selbst und damals gab es noch kein Sicherheitsglas…

Merkwürdig ist zwar die Stellung des Verdecks, die aber nicht dem Unfall geschuldet sein muss. Wie dem auch sei: Dieses Foto ist eines der wenigen, auf denen man einen Opel 4/12 PS in der Frontansicht studieren kann – nur deshalb zeigen wir es auch.

Hier sieht man sehr schön die aufwendig gestaltete Kühlermaske, die später einem sachlichen Nachfolger wich, der wiederum von einem Plagiat des Packard-Kühlers abgelöst wurde.

Die Ästhetik dieses Kühlers knüpft noch an Vorkriegstraditionen an, wie das bei anderen deutschen Herstellern jener Zeit der Fall war, beispielsweise Protos. Mit der eigenständigen Kühlergestaltung trat Opel übrigens dem Plagiatsvorwurf entgegen…

Interessant ist außerdem der freie Blick auf die Vorderachskonstruktion und die Innenseite der Räder – hier sieht man auch, wo die Reifenventile versteckt waren!

Opel_4-12_PS_Unfallwagen_Ausschnitt2

Was die Scheinwerfer angeht, so scheint derjenige in Fahrtrichtung rechts bei dem Unfall sein Glas verloren zu haben. Überhaupt ist diese Seite stark lädiert, möglicherweise fand eine Kollision mit einem Motorrad statt.

Über den Unfallhergang wollen wir nicht weiter spekulieren. Letztlich ist der Wagen bei zwei jungen Männern gelandet, die damit zufrieden zu sein scheinen.

Der eine zumindest lächelt entspannt. Der andere mag sich bereits überlegen, was hier alles zu reparieren ist – oder er hat den Opel in Gedanken bereits ausgeschlachtet.

Opel_4-12_PS_Unfallwagen_Ausschnitt

Wie es scheint, hält er in seiner linken Hand ein Werkzeug und in der rechten die Seitenscheibe des Opel in besagter Ausführung aus Segeltuch und Zelluloid.

Was aus dem einst so hübschen Opel „Laubfrosch“ wurde, wissen wir natürlich nicht. Doch ist in diesem Zeitdokument etwas festgehalten, was ganz im Gegensatz zu den idyllischen Szenen steht, in denen uns Vorkriegswagen so oft begegnen.

Der Leser des 21. Jh. mag bei der Betrachtung dieser unvollkommenen Gefährte darüber sinnieren, was davon zu halten ist, wenn heute der für jedermann bezahlbare PKW mit sparsamem Verbrennungsmotor und auf die Spitze getriebener Sicherheit von interessierter Seite als Umweltschädling, ja sogar als „Waffe“ verunglimpft wird…

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Vom Publikum skeptisch aufgenommen: Opel 10/40 PS

„Meistgefahrener deutscher Mittelklassewagen“ – so bezeichnete einst Automobilhistoriker Werner Oswald (1920-1997) in seinem Buch „Deutsche Autos 1920-45“ das Opel 10/40 PS-Modell der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.

An der Richtigkeit der Aussage gibt es kaum Zweifel. Anders stellte sich die Sache dar, wenn es hieße: „Deutschlands meistgefahrener Mittelklassewagen“.

Das könnte der brave Opel 10/40 PS mit seinem 2,6 Liter großen Vierzylinder kaum gewesen sein. Von ihm wurden in fast viereinhalb Jahren nur gut 13.000 Exemplare gebaut, also rund 10 Stück pro Tag wie in Zeiten der Manufakturfertigung.

Dabei wurden etwa 1928 knapp 120.000 Autos in Deutschland neu zugelassen. Weil die inländischen Hersteller unfähig waren, die Nachfrage zu stillen, machten vor allem US-Marken das Rennen. Auf fast 40 % belief sich die Importquote damals!

Während selbst amerikanische Nischenhersteller 6-stellige Produktionszahlen pro Jahr zuwegebekamen, blieb Opel weit hinter den Möglichkeiten zurück.

Für die skeptische Aufnahme des Opel 10/40 PS durch das Publikum hierzulande mag das Foto stehen, das wir heute vorstellen:

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Opel 10/40 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist eine Aufnahme, wie wir Altautofreunde sie lieben: Ein klassischer Wagen in reizvoller Situation schräg von vorne aufgenommen, Charaktertypen drumherum, satter Kontrast und gute Schärfe.

Zur Identifikation nur soviel: Die Zahl der Luftschlitze in der Haube verrät, dass wir keinen Kleinwagen des Typs Opel 4 PS „Laubfrosch“ vor uns haben. Das Fehlen seitlicher Ersatzräder und der gerade untere Abschluss der Kühlermaske schließen das größere Sechszylindermodell 12/50 PS aus.

Dass wir es mit einem Opel ab Baujahr 1927 zu tun haben, verrät folgender Aussschnitt:

Opel_10-40_PS_1927-29_Fahrt_nach_Finsterwalde_Frontpartie

Unverkennbar ist das teilweise abgedeckte Markenemblem – das berühmte Opel-Auge, das vor dem 1. Weltkrieg entworfen wurde.

Der abgestufte obere Abschluss des Kühlers, den Opel bei Packard abgekupfert hatte, erlaubt die früheste Datierung des Wagens in das Jahr 1927.

Erwähnenswert ist die auf dem Kühlergrill angebrachte stilisierte Eichel – ein markenunabhängiges Zubehör, das dem Betrachter sagen sollte, dass er einen deutschen Wagen vor sich hatte.

Diese unbeholfene Initiative der deutschen Autoindustrie lief natürlich ins Leere.

Erstens wusste auch so jeder an Autos Interessierte, woher die einzelnen Fahrzeuge kamen, und zweitens lassen sich echte Defizite nicht mit Propaganda kompensieren, sondern nur mit überzeugenden Gegenmaßnahmen.

So schätzte das damalige Publikum durchaus die formalen und konstruktiven Qualitäten des Opel-Mittelklassemodells 10/40 PS. Mit dem drehmomentstarken Antrieb, Vierradbremsen und Stoßdämpfern war das Modell an sich konkurrenzfähig.

Bloß brachte Opel damals – übertragen gesprochen – die Leistung nicht auf die Straße, wie unser Foto zu illustrieren scheint, das offenbar eine Reifenpanne zeigt:

Opel_10-40_PS_1927-29_Fahrt_nach_Finsterwalde_Detail

So ging den Rüsselsheimern nach Vorstellung des Typs Opel 10/40 PS buchstäblich die Luft aus – man brachte schlicht keine Massenproduktion zustande, die einen im Vergleich zu den US-Marken wettbewerbsfähigen Preis ermöglicht hätte.

Letztlich ist es wie bei den verzweifelt subventionierten Elektroautos von heute: Entweder bietet man mehr Mobilität zum selben Preis oder dieselbe Mobilität zum geringeren Preis – andernfalls erfolgt der Kauf allenfalls aus ideologischen Motiven.

Während Elektrovehikel nach wie vor zu teuer sind und vielfältige Mobilitätsdefizite aufweisen, war der Opel 10/40 PS zwar konkurrenzfähig, aber schlicht zu teuer. 

Das zeitlose Fazit daraus: Man sollte das sich im Kaufverhalten manifestierende Urteil eines Millionenpublikums nicht geringschätzen. Was keinen erkennbaren Mehrwert liefert, ist keinen Aufpreis wert. So einfach ist das ohne ideologische Brille…

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Einstieg in die Luxusklasse: Opel 24/50 PS von 1910

Heutige Opelbesitzer und selbst Fahrer klassischer Opel der 1930 bis 1950er Jahre haben oft keine Vorstellung davon, dass die Marke aus dem hessischen Rüsselsheim nach bescheidenen Anfängen ab etwa 1905 zu den Luxusherstellern gehörte.

Im Anschluss an mehrere Rennerfolge entwickelte man damals eine Reihe großvolumiger und leistungsfähiger Serienwagen, die zum Feinsten gehörte, was Automobilisten in Deutschland damals kaufen konnten.

Welches Prestige diese teuren Fahrzeuge besaßen, zeigen zeitgenössische Fotos mit stolzen Opel-Besitzern aus adligen Kreisen und den Spitzen der Wirtschaft.

Bekannt sind beispielsweise Aufnahmen, die den kunstsinnigen Großherzog Ernst Ludwig von Hessen mit Opel-Wagen zeigen (Bildbericht).

Doch nicht weniger interessant sind Originalfotos, die Oberklasse-Opels mit dem zu ihrem Betrieb notwendigen Personal zeigen – wie dieses hier:

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Opel 24/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Um das Ergebnis der Recherche vorwegzunehmen, haben wir hier wahrscheinlich einen Opel des Typs 24/50 PS von 1910 vor uns.

Dies war einer der Hubraumriesen, mit denen Opel einst sein breitgefächertes Angebot nach oben abgrenzte. Dabei handelte es sich durchweg um Vierzylinderwagen, im vorliegenden Fall mit satten 6,2 Liter Hubraum.

Wie gelangt man zu einer derart präzisen Ansprache eines Autos auf einem über 100 Jahre alten Foto? Dazu braucht man zweierlei:

  • Eine umfassende Bibliothek an gedruckten Autobüchern – das Netz ist bei einer offenen Suche nutzlos (was sollte man als Suchbegriff auch eingeben?),
  • Erfahrung in dem Sinn, dass sich beim Studium vieler bereits identifizierter Modelle bestimmte Erkennungsmerkmale im Gedächtnis eingeprägt haben.

Auf beides können wir beim heutigen Kandidaten zurückgreifen. Dazu werfen wir einen Blick auf den Vorderwagen des Autos auf dem Foto:

Opel_24-50_PS_1_FrontpartieDas Markenemblem auf der Kühlerfront ist zwar nicht lesbar, seine Form verweist aber auf das markante Opel-Auge, das auf eine Anregung des erwähnten Opel-Besitzers und -Förderers Ernst-Ludwig von Hessen zurückgeht.

Ebenfalls opeltypisch sind die leicht schräggestellten Luftauslässe in der Motorhaube. Die findet man auch bei zeitgenössischen Horch-Wagen, doch wich ansonsten deren Kühlerpartie deutlich ab.

Zu erwähnen ist außerdem die ansteigende Linie der Motorhaube, die auf eine senkrechte Schottwand trifft. Damit befinden wir uns in der Übergangsphase, in der die rechtwinklig aufeinanderstoßenden Linien von Haube und Schottwand durch eine strömungsgünstigeren Lösung ersetzt wurden.

Wir sehen hier also ein Vorstadium zum Windlauf – der nach oben ansteigenden Karosseriepartie, mit der ab 1910/11 allgemein der Übergang von Motorhaube zum Passagierraum gestaltet wurde.

Ein beinahe identisches Fahrzeug, das als Opel 24/50 PS angesprochen wird, ist auf S. 286 des Standardwerks „Deutsche Autos 1885-1920“ von Halwart Schrader abgebildet.

Dort finden sich auch Übereinstimmungen, was weitere Elemente des Aufbaus angeht – speziell die Gestaltung der Passagiertür hinter dem Fahrerabteil sowie der anschließenden Fenster- und Verdeckpartie:

Opel_24-50_PS_1_Seitenpartie

Vor der Einstiegstür steht ein selbstbewusst in die Ferne schauender Mann mit doppelreihigem Wintermantel und Handschuhen.

Gehört er zu dem Auto oder zum Empfangspersonal des herrschaftlichen Hauses, vor dem der Opel steht und von dem wir den Abschluss des Handlaufs der Treppe auf dem Foto rechts unten sehen?

Der Fahrer des Wagens scheint er nicht zu sein, denn am rechtsliegenden Lenkrad ist eine weitere Person zu sehen. Ob diese aber wirklich der Chauffeur der Opel-Besitzer war, erscheint bei näherer Betrachtung fragwürdig.

Darauf verweist eine weitere Aufnahme desselben Autos am gleichen Ort:

Opel_24-50_PS_2_Galerie

Opel 24/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dasselbe Auto – gewiss. Auch die Pose des Schnauzbartträgers neben dem Wagen ist nahezu identisch. Die kahlen Bäume im Hintergrund stimmen ebenfalls überein.

Doch hier sehen wir auch deutlich den Mann am Steuer – war das eher der Besitzer des Opels, der für diese Aufnahme das Lenkrad in die Hand nahm, während der eigentliche Fahrer mit Chauffeursmütze stoisch neben „seinem“ Auto steht?

Wir werden das kaum aufklären können wie einige Abweichungen auf diesem Foto:

Opel_24-50_PS_2_FrontpartieIm Unterschied zu ersten Aufnahme sind hier mit einem Mal Frontscheinwerfer sowie Positionsleuchten an der B-Säule montiert.

Dies weist auf die Vorbereitung zu einer Reise hin, bei der man auch nachts fuhr. Möglicherweise ist das Foto kurz vor der Abfahrt entstanden, während die erste Aufnahme vielleicht ein, zwei Tage älter ist.

Dass die Messinglampen mit dem bruchanfälligen Glas im Alltag oft weggelassen wurden, belegen viele Fotos und Berichte aus jener Zeit. Manche Autobesitzer schickten damals sogar die wertvollen Laternen gut verpackt per Bahn ans Reiseziel, während man selbst nur tagsüber dorthin reiste.

Werfen wir einen letzten Blick auf die beiden Männer in bzw. an dem Opel:

Opel_24-50_PS_2_Seitenpartie

Ja, der junge Mann mit dem opulent geschnittenen Mantel, den ledernen Stulpenhandschuhen und der modischen Schieberkappe könnte tatsächlich eher der Besitzerfamilie des Opels angehört haben.

Dann wäre da der Herr mit der markanten Adlernase – wo findet man solche Typen hierzulande eigentlich? – vermutlich doch der Fahrer des mächtigen Opel 24/50 PS.

Er wusste: Mit solch einem drehmomentstarken Wagen ließen sich auch anspruchsvolle Fernreisen mit steilen Straßenabschnitten bewältigen.

Motorleistung wurde vor über 100 Jahren nämlich nicht dazu benötigt, um möglichst schnell in den nächsten Stau hineinzufahren, sondern um auch bei voller Besetzung Steigungen möglichst ohne Schalten zu überwinden.

So ändern sich die Zeiten – wer würde nicht das individuelle Reisen im ganz persönlichen „Eisenbahnabteil powered by Opel“ den Zumutungen auf der modernen Autobahn oder gar in staatlichen Verkehrsmitteln vorziehen?

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Familienkutsche mit 6 Zylindern: Ein Opel von 1927

Wer heutzutage in die Verlegenheit kommt, eine Familie mit mehr als fünf Personen in seinem Auto unterzubringen, ohne gegen die Menschenrechte zu verstoßen, landet meist bei einem busartigen Gefährt von ernüchternder Funktionalität.

Diese hierzulande als „Van“ bezeichneten Wagen bieten viel Platz und Komfort, keine Frage – aber würde man sich damit anlässlich einer Ausfahrt ablichten lassen?

Wohl kaum, den Status als geschätztes Familienmitglied und nicht nur genutztes Arbeitspferd haben moderne Großraumlimousinen längst verloren.

Wie anders war das – und vieles mehr – vor rund 90 Jahren, als folgende Aufnahme bei einem Familienausflug entstand:

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Opel 12/50 oder 15/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michal Schlenger

Diesen schönen Schnappschuss hat einst auf einer Wiese irgendwo im Rheinland ein Familienvater fabriziert, für den natürlich auch das Auto mit auf’s Bild gehörte.

Solche Aufnahmen macht man schon lange nicht mehr – heute lädt man stattdessen eitle Selbstporträts („Ich vor der Elbphilharmonie“) im Netz hoch oder verschickt Fotos aus dem Sterne-Restaurant („Der Nachtisch, ein Traum“), die keiner bestellt hat.

Dagegen gibt es selbst auf banalen Abzügen aus dem Familienalbum wie auf der obigen Aufnahme jede Menge zu entdecken.

Ob es der (mutmaßliche) Chauffeur links im Hintergrund ist oder der facettenreiche Kleidungsstil der übrigen Personen – auf so einem Foto ist oft weit mehr festgehalten als nur ein altes Auto – weshalb wir genau solche Aufnahmen lieben.

Dabei ist im vorliegenden Fall der Wagen selbst durchaus beachtlich, auch wenn er auf den ersten Blick schwer identifizierbar scheint. Wer an ein US-Massenprodukt wie Chevrolet denkt, liegt gar nicht so verkehrt.

Das Auto ist zwar kein US-Fahrzeug, war aber stark von amerikanischen Wagen inspiriert, die in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre den Markt im deutschsprachigen Raum überschwemmten.

Zu den einheimischen Firmen, die den Stil der großzügigen und gut ausgestatteten Sechszylinderwagen aus US-Produktion zum Vorbild nahmen, gehörte Opel.

Speziell die ab 1927 gebauten Opel-Modelle 90 und 100 mit über 3 Liter Hubraum und 50 bzw. 60 PS sollten eine Antwort auf die Herausforderung aus Übersee darstellen. Dabei scheute man auch vor plagiatsverdächtigen formalen „Anleihen“ nicht zurück:

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Opel 12/50 oder 15/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme eines Opel 12/50 oder 15/60 PS haben wir bereits hier vorgestellt. Man erkennt gut den Kühler mit dem von Packard „inspirierten“ geschwungenen oberen Abschluss. 

Dieses Detail findet sich ab Herbst 1927 selbst bei den Einsteigermodellen von Opel und man muss sagen, dass es geschickt gewählt war, denn so wirkten die sonst formal unauffälligen Wagen weit raffinierter.

Was der „Packard“-Kühler ausmachte, wird auf unserem eingangs gezeigten Foto deutlich – es zeigt nämlich die erste Ausführung desselben Typs 12/50 bzw. 15/60 PS, die über einen schlichteren, oben abgerundeten Kühler verfügte:

Opel_12-50_oder 15-60_PS_früh_Frontpartie

Auf diesem leider unscharfen Ausschnitt erkennt man das augenförmige Opel-Emblem auf dem Kühler nur schemenhaft, doch die Ausführung der Scheibenräder mit sechs Radbolzen und feiner Zierlinie passt ebenso zu einem Opel-Sechszylinder von 1927 wie das seitliche Schwellerzierblech, auf dem man das Opel-Auge ahnen kann.

Dass wir hier nicht lediglich eine 6-Fenster-Limousine des Typs Opel 10/40 PS vor uns haben, verraten die schieren Dimensionen des Wagens, der eher über einen Radstand von 3,50 m als bloß 3,25 m wie beim Typ 10/40 PS verfügt haben dürfte.

Viel mehr wäre nicht zu sagen zu dieser frühen Ausführung des Opel 12/50 oder 15/60 PS, mit dem sich die Opel-Bildergalerie in diesem Blog weiter vervollständigen lässt.

Bemerkenswert bleibt, in welcher Wagenklasse Opel einst erfolgreich präsent war und welchen heute kaum denkbaren Stellenwert in den 1920er Jahren eine solche Limousine mit 6 Zylindern und Platz für eine Großfamilie hatte.

So vermittelt selbst eine unscheinbare Aufnahme wie diese eine Vorstellung davon, wie sehr sich die Zeiten in gerade einmal drei, vier Generationen geändert haben…

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Ganz was Feines! Ein Opel 4 PS in Baden-Baden

Nein, der Titel des heutigen Blog-Eintrags ist nicht ironisch gemeint – wir befassen uns tatsächlich mit einem Opel des ab 1924 gebauten Kleinwagentyps 4 PS.

Den auch als „Laubfrosch“ bekannten Typ hatten die Rüsselsheimer dem Citroen 5 CV „nachempfunden“, um es vorsichtig auszudrücken.

Wieso Opel – bis zum 1. Weltkrieg einer der führenden deutschen Automobilbauer mit Kompetenz vom Basismodell bis zur Luxuskarosse – seinerzeit nichts Besseres zustandebekam, bleibt rätselhaft.

Wenigstens hatte man den richtigen „Riecher“ bewiesen, das Plagiat Opel 4 PS sollte bis 1931 eine – für deutsche Verhältnisse – echte Erfolgsgeschichte werden. Über 100.000 Stück davon entstanden in Fließbandproduktion.

Ein nicht mehr ganz taufrisches Exemplar wurde 1935 etwas verwackelt abgelichtet:

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Opel 4/16 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir sehen hier einen Tourenwagen des Typs 4/16 PS mit dem bis 1927 verbauten oben abgerundeten Kühler, der offenbar gerade von einem Besuch bei Verwandten oder Freunden auf dem Lande aufbricht.

Ob die Begeisterung der Gastgeber dem damals bereits veralteten Auto oder eher der Tatsache geschuldet ist, dass nun wieder Ruhe auf dem Hof einkehrt, wissen wir nicht…

Auf der Rückseite trägt der Abzug neben der Jahreszahl 1935 den Vermerk „Radecker See Neumark“. Ganz schlau ist der Verfasser daraus nicht geworden – kann ein ortskundiger Leser helfen?

Natürlich ist das nicht das Foto, das heute im Mittelpunkt steht – der Einstieg ist aber bewusst gewählt. Viele Opel 4 PS-Modelle wurden so im Alltag „rangenommen“ und mussten auf oft unbefestigtem Grund jahrein, jahraus ihren Dienst verichten.

Dass dennoch viele davon bis heute überlebt haben, spricht für die robuste Konstruktion von Citroen die gute Verarbeitung bei Opel. Auf Veranstaltungen mit deutschen Vorkriegswagen ist der 4 PS „Laubfrosch“ jedenfalls ein häufiger Gast.

Zu welcher Verfeinerung dieses bodenständigen Modells man bei Opel am Ende der Produktionszeit fähig war, zeigt das folgende hervorragende Foto:

Opel_4-20_PS_um_1930_Ak_Baden-Baden_Galerie

Opel 4/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses erwachsen und gefällig wirkende Fahrzeug erinnert kaum noch an die bescheidenen Anfänge des Opel 4 PS-Modells als offener Zweisitzer mit gerade einmal 12 PS aus 950 ccm Hubraum.

Um es vorwegzunehmen: Hier sehen wir einen serienmäßigen Opel 4 PS der letzten Modellgeneration, die von Ende 1930 bis Mitte 1931 gebaut wurde.

Der geringfügig auf 1 Liter vergrößerte Motor dieses Typs leistete nunmehr 20 PS, was bei einem Gewicht von 750 kg (Viersitzer) eine damals ausreichende Leistungscharakteristik ermöglichte. Fast 80 km/h Spitze waren damit drin.

Was aber machte die letzte Variante des Opel 4 PS-Modells zu etwas „ganz Feinem“, wie es der Titel des heutigen Blogeintrags suggeriert?

Nun, dazu muss man nur genau hinschauen:

Opel_4-20_PS_um_1930_Ak_Baden-Baden_Frontpartie

Da wäre erst einmal der beim US-Luxuswagenhersteller Packard abgeschaute Kühler mit geschwungener Oberseite, deren Profil sich in der Motorhaube fortsetzt. Dieses Detail zeichnet alle Opel 4 PS-Modelle ab Herbst 1927 aus.

Auch die geschwungenen, der Form des Rads folgenden Vorderschutzbleche sind ein verfeinertes Merkmal, das 1928 bei den offenen Versionen auftaucht.

Erst ab Ende 1930 finden sich dann die Scheibenräder mit verchromter Nabenkappe – auf der man das Opel-„Auge“ erkennt – und zwei feinen Zierlinien.

Für sich genommen sind das unscheinbare Details, aber zusammen lassen sie den Opel 4/20 PS von 1930/31 weit raffinierter erscheinen.

Der Eindruck verstärkt sich, wenn man die Seitenpartie auf sich wirken lässt:

Opel_4-20_PS_um_1930_Ak_Baden-Baden_Seitenpartie

Sehr gefällig wirkt hier das heller abgesetzte Feld, das die sonst vielleicht arg schlichte Seitenlinie abwechslungsreich gestaltet und optisch niedriger macht.

Gut zu erkennen ist außerdem, dass Teile des Verdeckgestänges verchromt sind, auch das findet man bei den früheren Ausführungen des Opel 4 PS-Modells nicht.

Das durchbrochen ausgeführte, ebenfalls verchromte Blech unterhalb der Tür sorgt für einen willkommenen Akzent auf der Schwellerpartie und schützt außerdem den Lack beim Einsteigen.

Das Erstaunliche ist: Alle diese dem Wunsch nach formaler Verfeinerung von Opels Massenprodukt getriebenen Details waren 1930/31 beim offenen Viersitzer serienmäßig – wir haben also keine Spezialausführung vor uns.

Dieser letzte Opel aus der Reihe der 4 PS-Typen profitierte einfach von der beharrlichen Modellpflege der Rüsselsheimer. Und: Wie unser Foto verrät, war das Ergebnis sogar concours-tauglich!

Denn die schöne Aufnahme war einst Nr. 30 einer ganzen Reihe von Fotos, die bei einer Schönheitskonkurrenz im damals mondänen Baden-Baden entstanden.

Die Mode der schicken Damen im Opel und im Hintergrund spricht für eine Entstehung noch im Sommer 1931, als das Modell auslief. Später kamen die auf die 1920er Jahre verweisenden kappenartigen Hüte mit schmaler Krempe außer Mode.

Nun sind die geschätzten Leser an der Reihe: Es sollte doch in einschlägigen Magazinen jener Zeit dokumentiert sein, welche Fräuleins hier so selbstbewusst mit ihrem flotten Opel mit der Nr. 7 auf der Frontscheibe in Baden-Baden posieren.

Wer’s weiß, kann dies gern über die Kommentarfunktion kundtun, die Information wird dann naürlich in den Blogeintrag aufgenommen. Wäre nicht das erste Mal, dass sich so mehr über die Aufnahmesituation oder auch das Auto herausfinden ließe…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

1907 war noch alles möglich – auch ein 6,3 Liter Opel!

Das Jahr 2017 jagt seinem Ende entgegen. Der Verfasser verbringt die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr traditionell am Schreibtisch arbeitend.

Für andere ist es die Zeit „zwischen den Jahren“, in der sie einmal aus der Mühle des Alltags aussteigen. Die Besucherzahlen in diesem Blog verraten jedenfalls, dass viele Leser derzeit mehr Zeit für „Unnützes“ haben als sonst – es sei ihnen gegönnt.

Die vermehrte Aufmerksamkeit honorieren wir heute mit einer außergewöhnlichen Aufnahme. Sie entstand vor genau 110 Jahren, also im Dezember 1907.

Abgebildet ist darauf ein Opel. Wer an dieser Stelle die Augen verdreht, kann beim Verfasser auf Nachsicht hoffen.

  • Stark geprägt sind seine Opel-Erfahrungen von einem miserabel verarbeiteten D-Kadett mit Dieselmotor, der Mutters treuen Volkswagen Export von 1963 „ersetzte“, dem sagenhaft rostenden „Astra“ eines Studienkollegen und dem täglich im Straßenbild zu erduldenden Anblick einer Monstrosität namens „Mokka“.
  • Zu den besseren Erinnerungen gehörte der B-Kadett des Großonkels, in dem der minderjährige Verfasser seine ersten Meter am Lenkrad eines Autos zurücklegte.
  • Unvergessen auch der beherzt bewegte Opel Manta mit stets gut gefülltem Aschenbecher, in dem es Ende der 1980er Jahre einige Monate als Beifahrer zum abendlichen BASIC-Programmierkurs ging.

Doch erst die Beschäftigung mit den Rüsselsheimer Wagen der Vorkriegszeit ließ die Erkenntnis dämmern, auf welch‘ enormem Niveau man einst bei Opel Automobile baute.

Vor 110 Jahren – nur fünf (!) Jahre nach dem ersten selbstentwickelten Modell – sah das Ergebnis so spektakulär aus wie hier:

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Opel 24/40 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wenn nicht alles täuscht, handelt es sich um Opels damaliges Spitzenmodell 24/40 PS, das über einen 6,3 Liter großen Vierzylindermotor verfügte.

Zwar sind keine näheren Daten überliefert, aber wir dürfen uns die Leistungsentfaltung dieses Hubraumriesens als sehr souverän vorstellen.

Von den vier Gängen wird man die ersten drei nur am Berg öfters bemüht haben. Ansonsten konnte man im großen Gang dahingleiten und bis Schrittgeschwindigkeit darin verharren.

Da die Höchstleistung bereits bei 1.500 Umdrehungen pro Minute anfiel, können wir die Vorstellung eines angestrengten Motorengeräuschs oder gar des von manchen Zeitgenossen bei Veteranen vermuteten „Knatterns“ ad acta legen.

Für den Phaeton – d.h. den offenen Tourenwagen – des Opel 24/40 PS waren laut Literatur 17-18.000 Goldmark zu berappen – dafür konnte man sich anno 1907 locker ein hübsches Häuschen auf dem Lande kaufen – inklusive Stellplatz für’s Automobil:

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Bauernhaus bei Löcknitz in Vorpommern; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Genug der Daten – wie kann man eigentlich einen so alten Wagen so präzise ansprechen?

Dabei hilft dasselbe Gespür für stilistische Details, mit dem Archäologen ein antikes Fundstück einer bestimmten Kultur, Epoche und sogar Handwerkerschule zuordnen.

Ohne gedruckte Literatur ist man dabei freilich auch im Internetzeitalter aufgeschmissen. Nur dort findet man zielsicher ausreichend Vergleichsmaterial.

Opel Fahrzeugchronik 1899-1951 von Bartels/Manthey, Verlag Podszun, 2012

Machen wir uns lehrbuchartig ans Werk. Ausgangspunkt sind die Insassen des sechssitzigen Wagens:

Opel_Ak_Breslau_nach_Harmersdorf_Lk_Chemnitz_12-1907_Insassen

Vier Schnauzbartträger allein genügen noch nicht, um die „Besatzung“ als deutsch ansprechen zu können – Kaiser Wilhelm II. war keineswegs Erfinder dieser einst auch bei unseren Nachbarn verbreiteten Mode.

Ein Indiz für eine Aufnahme – und damit wahrscheinlich ein Auto – aus dem deutschen Sprachraum – ist die Prinz-Heinrich-Mütze des Fahrers, damals ein hierzulande verbreitetes Accessoire, das der segelbegeisterte und geschwindigkeitsberauschte Bruder des Kaisers populär gemacht hatte.

Gewissheit gibt uns aber das Erscheinungsbild des deutschen Militärangehörigen, der hier würdevoll in die Ferne blickt:

Opel_Ak_Breslau_nach_Harmersdorf_Lk_Chemnitz_12-1907_Offizier

Einem Spezialisten unter den Lesern verdanken wir den Hinweis, dass es sich um einen Vizefeldwebel handelt – erkennbar am Sergeanten-Knopf am Kragen, einem Ring am Ärmel und dem Portepee am Degen.

Demnach haben wir es mit einer Aufnahme aus Deutschland zu tun. Zwar gab es zum Entstehungszeitpunkt 1907 auch einige ausländische Marken, deren Autos sich hierzulande verkauften, sie blieben aber selten.

Deutsche Hersteller, die seinerzeit Wagen dieser Größenordnung herstellten, gab es nicht viele. In Frage kommen Adler, Audi, Benz, Daimler, Dürkopp, Hansa, Horch, NAG, NSU, Opel, Presto, Protos und Stoewer.

So geheimnisvoll diese Aufzählung überwiegend untergegangener deutscher Marken klingt, so vermeintlich banal ist die Lösung.

Die nach hinten geneigten (mindestens 12 Luftschlitze) in der Haube fanden sich damals nur bei Opel-Modellen ab 1906:

Opel_Ak_Breslau_nach_Harmersdorf_Lk_Chemnitz_12-1907_Frontpartie

Auf diesem Ausschnitt, der einen ziemlich großen Motor ahnen lässt, wollen wir auch dem mutmaßlichen eigentlichen Fahrer des Wagens würdigen.

Er musste wohl anlässlich der Aufnahme einem der Passagiere Platz machen, der im Unterschied zu ihm keine Fahrerbrille trägt und besser genährt wirkt. Doch gehört der Fahrer auf jeden Fall dazu – ein Standard der Autofotos jener Zeit.

Man wusste das besondere Können der Chauffeure zu schätzen, deren Status nicht mit dem heutiger Taxifahrer zu verwechseln ist. Sie mussten nicht nur ohne Navigationshilfen ans Ziel kommen, sie waren auch für die komplexe Wartung und ggf. Reparatur dieser frühen Automobile verantwortlich.

Was zeigt obiger Ausschnitt noch? Zwei entscheidende Dinge:

  • Die Haube stößt rechtwinklig auf die Schottwand. Erst ab 1910 gestaltete Opel wie andere deutsche Hersteller diesen Übergang gefälliger – mit nach oben ansteigendem Windlauf. Somit sind wir bei einer Datierung spätestens 1909.
  • Der Vorderkotflügel geht noch nicht ins Trittbrett über und schließt nach unten senkrecht ab. Das finden wir so nur beim Opel-Modell 24/40 PS von 1906/07.

Das Datum der Aufnahme (Dezember 1907) ist eine zusätzliche Bestätigung für das frühe Baujahr des abgebildeten Wagens.

Angesichts der spärlichen Bilddokumente zu den großen Opel-Wagen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg ist der Verfasser natürlich dankbar für alle ergänzenden oder auch korrigierenden Hinweise zur Identifikation des genauen Typs.

Nur dies steht für ihn außer Frage:

Die rasante technologische Entwicklung und die hervorragende Qualität des um 1900 Möglichen, das bspw. im Fall der Eisenbahninfrastruktur und unzähliger Bauten bis in das 21. Jahrhundert fortwirkt, vermisst man hierzulande zunehmend.

Sei es die planmäßige Fertigstellung von Flughäfen, der pannenfreie Betrieb von Neubaustrecken der Bahn oder die angemessene Ausstattung des Bildungswesens – man hat den Eindruck, dass das Können des heute maßgeblichen Personals und Wirtschaft und Politik keinen Vergleich mit den Verhältnissen vor 110 Jahren aushält.

Der abschüssige Weg der einst führenden Marke Opel in die Niederungen der Gegenwart mag sinnbildlich für einen eklatanten Verlust an Vorstellungsvermögen, Können, Willen und Ernsthaftigkeit stehen, der uns täglich vor Augen geführt wird.

Schon bei der Frage, ob die Laufzeit der Postkarte mit dem mächtigen Opel 24/40 PS anno 1907 vom schlesischen Breslau ins sächsische Harmersdorf bei Chemnitz damals länger war, als sie es heute wäre, beschleichen einen leise Zweifel, ob bei uns im Jahr 2017 wirklich alles zum besten steht…

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Ein Franzose aus Rüsselsheim: Opel Darracq 16/18 PS

Franzosen in Rüsselsheim – das ist keineswegs ungewöhnlich in der Geschichte der zwischen Mainz und Frankfurt am Main gelegenen Stadt.

Für bleibende Eindrücke im Stadtbild sorgten die französischen Besatzungstruppen, die während eines weite Teile Südwestdeutschlands verheerenden Feldzugs im Jahr 1688 die Festung Rüsselsheim sprengten.

Die bekannte Ruine des Heidelberger Schlosses ist ebenfalls Ergebnis dieses Vorläufers der Politik der Verbrannten Erde. Zum Glück wuchs immer wieder Gras über die Narben, die sich die Völker Europas über die Jahrhunderte geschlagen haben.

So gab es Anfang des 20. Jahrhunderts ein ausgesprochen fruchtbares Neben- und Miteinander französischer und deutscher Automobilhersteller.

Nachdem die Grundlagen für das Auto auf deutschem Boden geschaffen worden waren, griffen französische Ingenieure und Unternehmer die Idee auf. Ihnen ist im wesentlichen die Weiterentwicklung des Automobils bis etwa 1905 zu verdanken.

So kam es, dass am Anfang der Autoproduktion etlicher deutscher Hersteller eine Lizenzfertigung von Wagen französischer Marken wie De Dion, Panhard oder Darracq stand.

Mit Darracq schloss die Rüsselsheimer Firma Opel Ende 1901 ein Lizenz- und Lieferabkommen ab. Entsprechend wurden die von Opel ab 1902 montierten Wagen der Bauart „Darracq“ beworben:

Opel_Darracq

Originalreklame von 1902/03 aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar entwickelten die Opel-Ingenieure rasch eigene Automodelle auf dieser Basis. Doch bis zum Ende der Kooperation mit Darracq im Jahr 1906 entstanden in Rüsselsheim weitere den Darracq-Modellen entsprechende Wagen – womit wir bei besagten Franzosen aus Rüsselsheim wären.

Dazu gehörten übrigens auch großzügiger dimensionierte Darracq-Typen – Opel bot früh neben kompakten Wagen mit Erfolg durchaus repräsentative Modelle an. Von diesem Anspruch ist über 100 Jahre später nicht viel übriggeblieben.

Die Vielfalt der Darracq-Lizenztypen und der „Eigengewächse“ von Opel nach der Jahrhundertwende ist ziemlich verwirrend. Ein Opel-Automobil jener Zeit präzise ansprechen zu können, ist daher ein Glücksfall – und heute haben wir Glück:

Opel_Darracq_16_PS_1904-06_Galerie

Opel Darracq Typ 16/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun ja, mag man nun denken, das ist ein wirklich früher Wagen – aber wie um Himmels Willen lässt sich der als Opel Darracq 16/18 PS identifizieren?

Das, liebe Leser, ist tatsächlich möglich, man muss sich nur genau auf das Fahrzeug einlassen, es verrät uns dann alle notwendigen Details.

Hier hat der Fotograf mit einer großformatigen Plattenkamera bewaffnet eine günstige Perspektive gewählt. So können wir alle entscheidenden Details genau studieren:

Opel_Darracq_16_PS_1904-06_Vorderrad

Phänomenal, welche Details eine über 100 Jahre alte Aufnahme zu offenbaren vermag, obwohl das Einlesen im digitalen Scanner mit einigen Detailverlusten einhergeht. Wie bei Musikkonserven geht doch nichts über das analoge Original!

Wer den Kopf um fast 90 Grad nach links dreht, kann auf der Nabenkappe eindeutig den Schriftzug „OPEL“ lesen.

Engen wir nun die Entstehungszeit anhand der Details der Frontpartie weiter ein:

Opel_Darracq_16_PS_1904-06_Frontpartie

  • Ölbetriebene Positionsleuchten an der Schottwand – sie wurden ab etwa 1912 durch elektrische Lampen ersetzt – ein erster Datierungshinweis.
  • Die Motorhaube stößt rechtwinklig auf die Schottwand – ab 1910 wich diese Anordnung einem Windlauf, der einen strömungsgünstigeren Übergang herstellte.
  • Bienenwabenkühler nach Vorbild des Daimler „Mercedes“ von 1901; senkrechte Luftschlitze in den hinteren zwei Dritteln der Motorhaube.

Damit können wir nun die Bilder von Opel-Wagen zwischen 1902 und 1908/09 in der Literatur durchforsten. Fündig werden wir auf Seite 24 der „Opel Fahrzeug-Chronik Band I, 1899-1951“, Verlag Podszun, 2012.

Dort findet sich dasselbe Modell mit der Bezeichnung Opel Darracq 16/18 PS. Es basierte auf einem Darracq-Typ, der mit 14 PS-Zweizylinder und 16 PS-Vierzylinder verfügbar war.

Die beiden Versionen unterscheiden sich äußerlich durch die Form des Kühlers: beim Zweizylinder ist er leicht nach hinten geneigt, beim Vierzylinder steht er senkrecht.

Demnach haben wir auf dem Foto den größeren 16/18 PS Typ vor uns, der von Opel im Jahr 1904/05 gebaut wurde. Über 10.000 Mark waren dafür zu berappen – seinerzeit ein Vermögen.

Wer sich das leisten konnte, war auch in der Lage, einen Chauffeur zu beschäftigen:

Opel_Darracq_16_PS_1904-06_Insassen

Der Fahrer, der hier zufrieden neben seinem Brötchengeber mit Nadelstreifenanzug und Melone sitzt, könnte diesem zuvor als Kutscher gedient haben.

Auch wenn er nun Herr über 18 statt nur ein bis zwei Pferdestärken war, dürfte ihm zumindest die Sitzposition vertraut gewesen sein.

Von rechts ließen sich nämlich einst die Gäule bei Bedarf mit der Peitsche antreiben, mit rechts wurde die außenliegende Handbremse betätigt, und rechts musste man auf den Straßengraben oder einen für die Herrschaften geeigneten Ausstieg achten.

Das erklärt, weshalb praktisch alle frühen Automobile über Rechtslenkung verfügten. Meist mit der Rechten wurde seinerzeit auch die Ballhupe betätigt, die auf unserem Foto auf dem Schoß des Opel-Besitzers liegt.

Dieses Motiv ist fast schon ein Stereotyp aus der Frühzeit des Automobils: Der Besitzer vermochte sonst zwar nichts zum Betrieb des Wagens beitragen  – doch mit der Hupe Fußgänger, Hühner und Hunde weghupen, das ging allemal:

„Es ist doch wie im Geschäft – ohne mich wüsste keiner, wie es vorangeht!“ 

Der Chauffeur mag sich dagegen gedacht haben:

„Wenn der Herr Direktor wüsste, was das für eine Arbeit ist, ein Automobil zu steuern, von der Wartung ganz zu schweigen.“

Immerhin mussten beim 16/18 PS-Modell die Schmierstellen des Opel nicht mehr während der Fahrt mittels Handpumpe versorgt werden – eine automatische Ölpumpe übernahm das.

Und im Unterschied zur Pferdekutsche musste der Antrieb nicht auch im Ruhezustand gefüttert werden – nur im Betrieb flossen ca. 6,5 Liter Benzin durch den Vergasers des 3-Liter-Aggregats. Klingt auffallend wenig, aber bei einem Spitzentempo von 60 km/h relativiert sich das.

Hinter dem Armaturenbrett ging es noch ganz zu wie zu Zeiten der Pferdekutsche – eine aufwendig geschreinerte und von Hand lackierte Holzkarosse mit Klappverdeck, gesteppten Lederpolstern und Weidenkörben als Stauraum:

Opel_Darracq_16_PS_1904-06_Heckpartie

Nur der pneumatische Reifen – später verkürzt zum Pneu – verrät hier, dass wir es mit einem Automobil zu tun haben.

Wenn nicht alles täuscht, hatten die Franzosen auch in Sachen Luftreifen für Automobile auf dem Kontinent anfänglich die Nase vorn. So begann Michelin bereits 1889 mit der Produktion.

Der Opel Darracq auf unserem Foto besitzt aber bereits Reifen des deutschen Herstellers Continental (Fertigung ab 1898). 1904 – also zur Bauzeit des Wagens – zog Continental mit dem ersten profilierten Reifen der Welt an den Franzosen vorbei.

Damit transportiert uns diese Aufnahme in eine Zeit zurück, die von rasantem Fortschritt in allen Bereichen des Automobilbaus geprägt war. Fünf Jahre entsprachen damals eine ganzen Autogeneration.

Der nächste Opel aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, den wir besprechen wollen, hat schon eine deutlich modernere Anmutung, muss aber noch etwas warten…

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Unbekannte Größe: Opel-Feldpostkarte von 1916

Die Beschäftigung mit Vorkriegsautos hat durchaus ihre Schattenseiten. So ist die große Epoche edler und exaltierter Manufakturwagen längst Geschichte.

Immerhin gibt es überlebende Beispiele einstiger Karosseriebaukunst. Ist so ein Anblick nicht im wahrsten Sinne des Wortes erhebend?

Delahaye_Werks-Cabriolet_Chantilly_2015

Delahaye Cabriolet in Chantilly 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Für moderne Automobile hat man nur noch ein mildes Lächeln übrig, wenn man die Vielfalt an Marken, Typen und Konzepten der Vorkriegszeit zu erfassen beginnt.

Da gab es mehrere tausend Hersteller, die auf allen Feldern heftig konkurrierten, entsprechend rasante Fortschritte machte die technische Entwicklung.

Benzinkutschen, Dampfwagen, Elektroautos, sogar Hybridfahrzeuge – das gab es vor über 100 Jahren alles parallel, übrigens ganz ohne Zutun gefühlsgeleiteter Politiker/innen (muss an dieser Stelle sein), deren Kompetenz sich in einem erfolgreich abgebrochenen Theologiestudium erschöpft…

Übriggeblieben sind aus dieser Epoche des Aufbruchs in neue Dimensionen der Mobilität gut ein Dutzend Marken.

Einige wie BMW und Daimler gehören trotz mancher Verirrungen immer noch zur Speerspitze des Fortschritts. Andere wie Alfa und Fiat sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Irgendwo dazwischen lässt sich Opel ansiedeln.

Dabei geht es weniger um das heutige technische Können der Rüsselsheimer als vielmehr um die Preisgabe eines Marktsegments, in dem man vor über 100 Jahren selbstverständlich angesiedelt war – der Oberklasse.

Um diese heute kaum noch bekannte Positionierung der Marke Opel geht es nebenbei auf dem historischen Foto, mit dem wir uns heute befassen:

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Opel Tourenwagen um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme ist zugleich ein Lehrstück in punkto Identifikation früher Automobile, die gerade bei Modellen vor dem 1. Weltkrieg oft schwerfällt.

Die mäßige Qualität des Abzugs, die wohl einer zu kleinen Blendenöffnung des Objektivs geschuldet ist, hält uns nicht davon ab, uns dem großzügigen Tourenwagen so weit wie möglich zu nähern.

Stellen wir uns „janz dumm“ und beschreiben erst einmal allgemein, was wir vor uns sehen: Fünf militärisch wirkende Herren, die fast alle Schnauzbart tragen, in einem offenen Automobil.

In Verbindung mit dem Hoheitszeichen auf der rechten Wagenseite und der Aufschrift auf der Motorhaube spricht das für eine Aufnahme aus der Zeit des 1. Weltkriegs, und zwar auf deutscher Seite.

Tatsächlich wurde diese Aufnahme im Januar 1916 als Feldpostkarte eines an der Westfront stationierten „Oskar“ an seine Cousine „Paula“ verschickt.

Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass wir auch ein deutsches Auto vor uns haben, obwohl sich hin und wieder Fotos erbeuteter Fahrzeuge belgischer und französischer Marken finden.

Rücken wir unserem „Militärtransporter“ näher zu Leibe:

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Festzuhalten sind folgende Elemente:

  • Die Motorhaube stößt nicht rechtwinklig auf die Schottwand unter der Windschutzscheibe, vielmehr schafft eine Blechpartie – der sogenannte Windlauf – einen strömungsgünstigeren Übergang. Dieses Detail setzte sich bei den meisten deutschen Herstellern ab 1910 durch.
  • Der Wagen besitzt einen Flachkühler, der ab 1914 bei vielen Marken im deutschsprachigen Raum durch einen modischen Spitzkühler abgelöst wurde.
  • Zwischen dem Vorderschutzblech, dessen Form nicht mehr ganz dem Auslieferungszustand entspricht, und den beiden Ersatzreifen zeichnen sich vier bis fünf leicht nach hinten geneigte Luftschlitze in der Haube ab.

Stilistisch bewegen wir uns damit in der Zeit um 1912. Die Gestaltung der Luftschlitze verweist auf diverse Modelle der Marke Opel aus jener Zeit.

Bestätigen lässt sich diese Hypothese durch Vergleich mit zeitgenössischen Fotos von Opel-Wagen in der Literatur. Dort findet sich auch ein weiteres Detail:

Opel_evtl._24_PS_um 1912_Ak_Oskar_an_Cousine_Paula_01-1916_Heckpartie

Gemeint ist der durch eine Zierlinie akzentuierte Ausschnitt im unteren Bereich des Heckschutzblechs. Er gibt den Blick frei auf die vordere Aufnahme der hinteren Blattfeder.

Auch Form und Anordnung der Trittbretthalter sowie das Fehlen eines die Schwellerpartie abdeckenden Blechs sprechen für einen Opel um 1912.

Nicht „serienmäßig“ wirkt der starke Sturz des Hinterrads, der bei einer Starrachse eigentlich nicht möglich ist – außer, wenn sie gebrochen ist…

Was zeichnet sich eigentlich auf dem oberen Teil des Reifens ab? Leser René Förschner plädiert für Stricke, die nach Art einer Schneekette um die Hinterreifen gewickelt sind. Plausibel auch in Anbetracht des Datums des Fotos: Januar 1916.

Unterdessen gehen wir der Frage nach, ob sich ein Opel-Typ der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg identifizieren lässt, der mit „unserem“ Wagen übereinstimmt.

Da stoßen wir jedoch an unsere Grenzen – denn wie bei anderen deutschen Marken der Zeit vor dem 1. Weltkrieg unterschieden sich die Opel-Typen hauptsächlich durch ihre Dimensionen – formal waren sie weitgehend identisch.

Anhaltspunkte geben lediglich der Radstand, der mit wachsender Motorisierung tendenziell zunahm, und das Verhältnis von Karosseriekörper zu Insassen.

Konkret bedeutet das: Das Spitzenmodell von Opel, der Typ 40/100 PS mit über 10 Liter Hubraum (aus vier Zylindern…) ähnelte formal stark dem Kleinwagentyp 6/16 PS (mit 1,5 Liter-Motörle), war aber weit länger, höher und geräumiger.

So wie im richtigen Leben die Wahrheit oft in der Mitte (nicht im Mittelmaß) liegt, sind wir aufgrund der Proportionen gut beraten, den Opel auf Oskars Feldpostkarte an Paula in der Mittelklasse anzusiedeln.

Der Verfasser tippt auf einen Opel des Typs 8/20 PS, noch eher aber auf einen Typ 10/24 PS (ab 1913: 10/30 PS) mit rund 3 Meter Radstand.

Diese Wagen waren im Unterschied zu den Oberklassemodellen von Opel zwar um einiges langsamer, eigneten sich aber dank geringeren Gewichts und niedrigeren Verbrauchs eher für den Militäreinsatz.

Die sprichwörtliche Opel-Solidität boten sie ebenso wie die Spitzenmodelle. Damals durfte man bei einem Rüsselsheimer Klein- und Mittelklassewagen dieselben Verarbeitungsstandards wie bei den Premiummodellen erwarten.

Heute geht das schon deshalb nicht mehr, weil sich Opel vor Jahrzehnten aus der Oberklasse verabschiedet hat.

Kein Wunder, dass die Opel-Typen aus der Zeit vor der dem 1. Weltkrieg heute ebenso eine unbekannte Größe darstellen wie der Motor unter der Haube des Tourenwagens, in dem vor über 100 Jahren vermutlich unser Feldpostverfasser Oskar saß und mit dem er seine Cousine Paula beeindrucken wollte.

Hoffen wir, dass die Sache für ihn besser ausgegangen ist als die Geschichte von Opel in jüngerer Zeit…

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Der „Bauern-Buick“ von Opel und sein Vorbild

Wir hatten das Thema auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautos schon des öfteren: In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stand die deutsche Autoindustrie mit dem Rücken zur Wand.

Viele einheimische Hersteller hatten zu lang an veralteten Modellen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg festgehalten oder verschwendeten ihre Energie in der Entwicklung nicht massenmarktfähiger Nischenkonstruktionen.

Die sich auftuende Lücke füllten leistungsfähige, formal moderne, gut ausgestattete und dank Großserienproduktion relativ billige US-Wagen.

Ende der 1920er Jahre hatten Marken wie Buick, Chevrolet, Chrysler, Essex, Ford und Hudson einen heute unvorstellbaren Marktanteil in Deutschland. Selbst Hersteller der zweiten Reihe wie Graham oder Overland waren verbreitet.

Die Frankfurter Marke Adler reagierte mit US-Wagen nachempfundenen Konstruktionen wie dem „Standard 6“; der Chemnitzer Hersteller Presto versuchte sein Glück mit den 6-Zylindertypen F und G, die wir demnächst vorstellen werden.

Brennabor aus Brandenburg bemühte sich mit mäßigem Erfolg in derselben Klasse mit den A-Modellen, die ebenfalls über Sechszylinder verfügten. Auch sie kommen noch zu ihrem Recht.

Einen ähnlichen Versuch unternahm Opel mit dem folgenden Typ:

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Opel 12/50 PS oder 15/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden sich an diese eindrucksvolle Sechsfenster-Limousine mit sieben Sitzen erinnern, die wir anhand einer anderen Aufnahme vor einiger Zeit präsentiert haben.

Es handelt sich um einen Opel der Modelle 90 (12/50 PS) bzw. 100 (15/60 PS), die nur 1927/28 in wenigen tausend Exemplaren entstanden.

Der Volksmund fand für diese den US-Vorbildern technisch unterlegenen Opel-Typen die spöttische Bezeichnung „Bauern-Buick“.

Dass so ein „Bauern-Buick“ tatsächlich nicht immer in den besten Kreisen landete, zeigt die folgende Aufnahme aus Thüringen (Raum Bad Berka):

Opel_12-50_oder_15-60_PS_Fotoatelier_Bad Berka_Ausschnitt

Opel 12/50 oder 15/60 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Für diese Herrschaften scheint ein Opel Sechszylindertyp Ende der 1920er Jahre zwar erreichbar gewesen zu sein. Nur für die Instandhaltung des bäuerlichen Anwesens im Hintergrund reichten Mittel oder Wille offenbar nicht aus.

Beim Anbringen der zeitgenössischen Werbeschilder für diverse Lieferanten von Automobilzubehör- bzw. Betriebsstoffen hätte man sicher dem Holz des Fachwerks und der Tore etwas Farbe gönnen können.

Zurück zum Thema. Wie sah eigentlich ein echter Buick zu jener Zeit aus? Nun, da findet sich zum Beispiel diese Aufnahme eines Wagens mit Berliner Zulassung im Fundus des Verfassers:

Buick_Series_121_oder_129_1933_Galerie

Buick Series 121 oder 129; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist einer der Buick-Sechszylinderwagen in der ab 1929 gebauten Version, die mit zwei unterschiedlichen Radständen verfügbar war (Serie 121 und 129).

Identisch war die Leistung von etwas über 90 PS aus 5,1 Liter Hubraum. Bereits der parallel zu den Opel-Sechszylindern gebaute Vorgänger „Master Six“ leistete 80 PS aus 4,5 Litern.

Nebenbei besaßen die Buick-Aggregate schon strömungsgünstig im Zylinderkopf hängende Ventile, während die Opel-Modelle schlichte Seitenventiler waren.

Die Rüsselsheimer haben sich mit diesem Versuch, es den Amerikaner-Wagen nachzutun, nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die enttäuschenden Absatzzahlen deuten darauf hin, dass nicht einmal der sprichwörtliche Bauer einen solchen Möchtegern-Ami fahren wollte.

Auch auf dem Land scheint man dem Vorbild den Vorzug gegeben zu haben. Zumindest deutet darauf die rustikale Umgebung hin, in der 1935 dieser Sechszylinder-Buick des Typs 121 bzw. 129 abgelichtet wurde:

Buick_Series_121_oder_129_datiert_1935_Galerie

Buick Series 121 oder 129, Baujahr: 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob der Wagen mit Zulassung im Großraum Berlin tatsächlich auf dem Land zuhause war oder aber einem Besucher aus der Hauptstadt gehörte, ist ungewiss.

Jedenfalls handelte sich um eine Sechsfenster-Cabriolimousine, die vermutlich speziell für den deutschen Markt angefertigt worden war. Eventuell haben wir es auch mit einem Sedan-Cabriolet zu tun.

Die wie die Orgelpfeifen nach Größe davor angeordneten Kinder machen von der Kleidung her eher den Eindruck, dass sie aus der Stadt stammen, vielleicht wurden sie aber anlässlich eines Verwandtenbesuchs auch besonders herausgeputzt.

Auf jeden Fall ist dies eine schöne und ungewöhnliche Aufnahme, die einen echten Buick in bäuerischer Umgebung in Deutschland zeigt.

Welcher von den „Bauern-Buicks“ nun besser gefällt, das leistungsstarke US-Vorbild oder der brave Opel-Sechszylinder, ist Geschmackssache. Reizvolle Dokumente aus einer Zeit, in der US-Wagen das Maß aller Dinge waren, sind es beide.

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