Kontrastprogramm: Gesichter des Ford „Rheinland“

Bei der Betrachtung meiner Blogeinträge der letzten Wochen könnte man den Eindruck gewinnen, ich beschäftigte mich verstärkt mit Exotenmarken aus der automobilen Frühzeit. 

Tatsächlich habe ich in kurzer Abfolge einen Maurer-Union, einen Lion-Peugeot, einen Windhoff und einen Rider-Lewis besprochen – nebenbei allesamt Fahrzeuge, über die man in deutschsprachigen „Oldtimer“-Gazetten leider kaum noch etwas erfährt.

So sehr mich selbst solche Wagen untergegangener Nischenhersteller faszinieren, so sehr liegen mir Großserienwagen am Herzen, die letztlich das Antlitz unserer Städte und das eher überschaubare motorisierte Treiben auf den Landstraßen prägten.

Während man bei Raritäten wie den obengenannten nehmen muss, was man kriegen kann, erlaubt es einem das große Angebot an fotografischen Zeugnissen gängigerer Typen, eine Auswahl auch nach ästhetischen Aspekten treffen zu können.

Als Kontrastprogramm zu den jüngst präsentierten Exoten zeige ich heute eine Reihe von Aufnahmen eines Modells, das einst nicht wirklich selten war, aber dennoch von großem Reiz ist – vor allem wenn es in der fesselnden Schwarzweiß-Optik von anno dazumal daherkommt.

Als denkbar kontrastreicher Einstieg bietet sich diese Aufnahme an:

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Ford „Rheinland“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An Ostern in Berlin entstand dieses Foto einst – und gefühlt ist man im bisher recht unterkühlten August 2019 mit Nachttemperaturen auf dem Land von gerade einmal 10 Grad nicht allzuweit davon entfernt – die üblichen Wetterkapriolen eben.

Immerhin ist der Schnee auf dieser Aufnahme schon wieder so weit geschmolzen, dass er den Schriftzug „Rheinland“ auf dem Kühlergrill freigibt.

Hinter der deutschen Bezeichnung verbirgt sich tatsächlich ein uramerikanisches Fahrzeug, das Model von C von Ford. Dabei handelte es sich um einen in den USA nur 1933/34 gebauten Vierzylinderwagen im Gewand des legendären Ford V8.

In den Kölner Ford-Werken dagegen wurde derselbe Typ mit seinem 3,3 Liter-Motor mit 50 PS unter der Bezeichnung „Rheinland“ von 1934 bis 1936 gefertigt. Etwas über 5.000 Exemplare wurden davon hierzulande gefertigt.

Das ist nicht sonderlich viel, dennoch finden sich immer wieder Dokumente dieses Ford-Typs, die einen reizvollen Kontrast zu den Brot- und-Butter-Autos darstellten, die seinerzeit in deutschen Landen unterwegs waren:

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Ford „Rheinland“ Cabriolet und Opel 2 Liter Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ohne den Liebhabern von Vorkriegs-Opels nahetreten zu wollen, gibt der „Rheinland“ mit seinem schnittigen Kühler, der geschwungenen Stoßstange und der Linienführung der Schutzbleche aus meiner Sicht hier das elegantere Bild ab.

Zu dem Eindruck tragen die helle Lackierung und die niedrige Dachlinie des Cabriolets einen erheblichen Teil bei.

Mit dunkler Farbgebung und Limousinenaufbau dagegen wirkt auch der Rheinland auf einmal massiv und behäbig. Da helfen die vollverchromten Scheinwerfer und die filigranen Drahtspeichenräder nicht viel, wie das folgende Beispiel zeigt:

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Ford „Rheinland“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gewiss, der Eindruck eines düsteren und aufgedunsenen Karosseriekörpers ist zum Teil der unglücklichen Perspektive geschuldet.

Wohl aus fertigungsrationellen Gründen wurde beim Model C darauf verzichtet, die dynamische Linienführung des Vorderwagens auf den Passagierraum zu übertragen. Dieser wurde stattdessen weitgehend vom Vorgängermodell B übernommen. 

Unglücklich ist zudem der Verzicht auf eine farbliche Akzentuierung der Linien des Aufbaus, wie sie Standard in den späten 1920er und in den 1930er Jahren war.

Was dagegen eine geschickte Farbgebung auch beim Ford „Rheinland“ bewirken konnte, zeigt die folgende Aufnahme, die den Wagen im wahrsten Sinne des Wortes in ganz anderem Licht erscheinen lässt:

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Ford „Rheinland“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier wirkt der helle Karosseriekörper wahre Wunder, nicht zuletzt, weil er die Schatten der Haubenschlitze kontrastreich hervortreten lässt.

Die Schutzbleche mit ihrer schwungvollen Linienführung setzen sich dank dunkler Lackierung deutlich vom Hintergrund ab und verhindern, dass der Aufbau zu monolithisch und massig wirkt.

Warum man nicht auch die horizontale Zierleiste unterhalb der Fenster entsprechend farblich absetzte, bleibt dagegen unverständlich – zumal dies ein Standardelement bei den klassischen Aufbauten jener Zeit war.

Vielleicht mochte man bei Ford in Köln zum damaligen Zeitpunkt jedoch nicht mehr klassische Tugenden vorführen, sondern in Maßen „modern“ daherkommen. Einen rechten Gewinn mag ich darin freilich nicht erkennen.

Für ein ausgesprochen reizvolles Kontrastprogramm sorgen aus meiner Sicht ohnehin eher die beiden Personen, die vor dem Ford abgelichtet wurden:

Ford_Model_C_Rheinland_Galerie2

Ist das nicht ein wundervolles Dokument, das schlicht eine Frau und einen Mann zeigt, die vollkommen bei sich zu sein scheinen? Würde man diesen beiden prachtvollen Individuen unterstellen, dass sie sich nur einer von bösen Mächten oktroyierten Rolle unterworfen haben?

Wer sich in unseren Tagen progressiv gibt und die beiden Geschlechter in marxistischer Tradition bloß für ein „soziales Konstrukt“ hält, dürfte hier in  Erklärungsnot geraten. Übrigens habe ich meine ganz eigene Theorie, wer von den beiden Ford-Passagieren wirklich „die Hosen anhatte“.

Man unterschätze nicht die faktische Bedeutung und den subjektiven Reiz der Kontraste – auch das scheint mir eine Botschaft dieser Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus längst vergangener Zeit zu sein…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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