Sechs Fenster, sechs Zylinder: Adler 10/50 PS

Fast auf den Tag zwei Jahre ist es her, dass ich erstmals ein historisches Foto des Adler-Modells besprechen konnte, um das es in diesem Blog-Eintrag geht. Dass es so lange dauerte, bis sich wieder eine Gelegenheit dazu ergab, hat mit der Seltenheit dieses Typs zu tun, von dem ab 1925 nur wenige hundert Exemplare entstanden.

Zur Erinnerung nochmals das Foto, das ich seinerzeit präsentieren konnte und das ich nach einigen Mühen als Adler Typ 10/50 PS identifiziert habe:

Adler Typ 10/45 oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Eines der Elemente, die letztlich die Ansprache als Adler dieses Typs ermöglichten, war das verchromte (oder vernickelte) Schutzblech am Schweller unterhalb der vorderen Tür.

Ins Bild passten dann auch Details wie die senkrecht stehenden Türklinken, die Drahtspeichenräder und die Bremstrommeln an den Vorderrädern, die eine Entstehung ab 1925 wahrscheinlich machten.

Der Abgleich mit dem Auto auf folgender Aufnahme von Adler-Sammler Rolf Ackermann brachte mich dann auf den Adler des Typs 10/50 PS:

Von diesem Typ findet sich in der mir bekannten Literatur genau ein Foto, das einen überlebenden Tourenwagen zeigt. Umso erfreulicher, dass ich heute mit einem weiteren Dokument aufwarten kann, das wahrscheinlich eine Limousine desselben Typs zeigt.

Der Adler 10/50 PS war ein Sechszylindertyp, der 1925 zunächst mit 10/45 PS-Spezifikation das Licht der Welt erblickt hatte.

Ganz ähnlich wie beim Nachfolgetyp Standard 6 wurde ihm ein Vierzylindertyp zur Seite gestellt, der nur geringfügig kleiner war. Ich gehe aber aufgrund des repräsentativen Erscheinungsbilds davon aus, das mein heute präsentierter Fotofund die sechszylindrige Variante zeigt:

Adler Typ 10/45 PS oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir das gute Stück mit damals seltenem (weil enorm teuren) Aufbau als Sechsfenster-Limousine. Die schwere Karosserie wird auch der Grund dafür gewesen sein, dass man statt der filigranen Drahtspeichenräder stabilere Stahlspeichenräder montierte.

Die Literatur nennt für das Modell beeindruckende Abmessungen, die die des Nachfolgetyps Standard 6 und sogar die des mächtigen Standard 8 übertreffen:

  • Radstand: 3,35 m
  • Länge: 4,65 m
  • Höhe: 1,93 m

Das erklärt, weshalb der Fahrer hier relativ klein wirkt. Tatsächlich dürfte er mindestens 1,70m groß gewesen sein, und zwar auch ohne die typische Chauffeursmütze. Leider ist der Abzug nicht scharf genug, um das Emblem auf der Mütze erkennen zu lassen.

Eine nähere Betrachtung verdient auf jeden Fall die Frontpartie des raren Wagens:

Allein schon die Höhe der Haubenlinie vermittelt einen Eindruck davon, was für eine kolossale Erscheinung dieser Wagen einst gewesen sein muss.

Dank der feinen Gestaltung der Entlüftungsschlitze in der Motorhaube wirkt die Masse des Vorderwagens dennoch nicht brachial. Auch der feine Schwung der Kühlermaske lässt die Frontpartie durchaus gefällig erscheinen.

Für Auflockerung sorgt außerdem die Kühlerfigur, die einen sich in die Luft schwingenden Adler zeigt. Adler-Kenner werden dieses von wiederholten Änderungen betroffene Detail sicher genau datieren können.

Leider ist mir weder in der Literatur noch im Netz bisher eine Chronologie der Adler-Embleme und Kühlerfiguren begegnet. Das sollte sich doch eigentlich machen lassen und wäre eine große Hilfe bei der Ansprache früher Adler-Modelle.

Zum Entstehungsort des Fotos kann ich leider nichts sagen. Das Kennzeichen verweist zwar auf Berlin als Zulassungsbezirk, aber das muss nichts heißen. Erkennt vielleicht jemand das Gebäude mit der Hausnummer 112 im Hintergrund?

Das Portal verweist auf eine Entstehung um die Jahrhundertwende und dürfte den Dimensionen nach zu einem öffentlichen Bau gehört haben. Könnte es zu einem Forschungsinstitut gehört haben, das einen Vorlesungssaal mit hohen Fenstern besaß?

Auch wenn die Architektur nichts Regionaltypisches aufweist, ist sie doch wie viele Bauten jener Zeit hinreichend individuell, um wiedererkannt zu werden. Von daher bin ich zuversichtlich, dass sich die Frage des Entstehungsorts noch klären lässt.

Vielleicht können auch die Spezialisten für Adler-Modelle der 1920er Jahre etwas zu dem Wagentyp auf meinem Foto sagen. Kann man an bestimmten Details erkennen, ob es nun ein Typ 10/45 PS von 1925/26 oder ein Typ 10/50PS von 1927 ist?

Oder kommt gar der stärkere und noch größere Sechszylindertyp 18/80 PS in Frage, der parallel erhältlich war? Dann ließe sich in meiner laufend wachsenden Adler-Galerie ein weiteres Puzzlestück einfügen…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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