Glück gehabt: Renault „Primaquatre“ von 1935

„Glück gehabt“ – so lautet der Titel meines heutigen Blog-Eintrags, und das aus mehreren Gründen.

Zuallererst muss man Glück haben, eine so schöne und technisch hochwertige Aufnahme von privat zu finden wie die, um die es heute geht. Dann hatte vor allem der einstige Besitzer des Wagens damit ganz offensichtlich Glück, jedenfalls macht er den Eindruck. Und außerdem kann man von Glück reden, wenn die Typansprache so einfach ist, obwohl der Wagen es einem auf den ersten Blick nicht leicht macht.

Genug der Vorrede – hier ist der angekündigte Glücklichmacher:

Renault „Primaquatre“ Cabriolet viersitzig; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An dieser Aufnahme gibt es wohl nur eines auszusetzen: dass die Umgebung noch winterlich trist wirkt. Doch scheinen der Fahrer dieses Wagens und der Fotograf Glück gehabt zu haben – es war trocken und vielleicht ein milder Vorfrühlingstag.

Da macht man das Verdeck herunter, klappt die Windschutzscheibe um und lässt sich blendend aufgelegt für’s Familienalbum aufnehmen. Wie bloß bekommt man spontan so eine Pose hin, ohne ein Profi zu sein?

Nun vielleicht war der Herr am Steuer ja einer – handelt es sich vielleicht um einen Schauspieler oder sonst eine Person, die es gewohnt war, im Rampenlicht zu stehen?

Wäre das ein ordinäres Familienfoto, hätte sich garantiert jemand gefunden, der den großzügigen Innenraum belebt – und sei es nur ein treuer Vierbeiner, wie man das so häufig auf Aufnahmen jener Zeit findet.

Immerhin haben wir es mit einem vier- bis fünfsitzigen Cabriolet zu tun. Der Einstieg nach hinten wurde durch Klappsitze erleichtert, worauf der gerade noch sichtbare Bügel an der Oberseite des Beifahrersitzes hindeutet – ein erstes Indiz für ein französisches Auto.

Das geschulte Auge erkennt hier einen Renault von der Mitte der 1930er Jahre, als sich die Marke von der zuvor eigenwilligen Formgebung verabschiedet hatte und sich der Stromlinien-Mode unterwarf – inspiriert durch Vorbilder von Chrysler und Ford.

Während die Marke Renault rasch identifiziert ist, bereitet die genaue Typansprache zunächst Schwierigkeiten. Eine vollständige und vor allem systematische Chronologie der enormen Typenvielfalt speziell der 1930er Jahre ist mir bislang nicht begegnet.

Erschwert wird die Orientierung durch die wenig eingängige Namensgebung. Beispielsweise stehen die Bezeichnungen Monaquatre, Primaquatre und Vivaquatre für unterschiedlich motorisierte Vierzylinder, während Monastella, Primastella und Vivastella parallel erhältliche Sechszylindertypen waren.

Zudem ähnelten sich die verschiedenen Varianten eines Jahrgangs recht stark. Die Angaben hinsichtlich markanter Merkmale wie der Zahl der Luftschlitze in der Haube variieren. Angaben dazu im Netz kann man nicht immer trauen.

Doch auch die Spezialliteratur zu Renault (z.B. „Renault – L’Empire de Billancourt“ von Jacques Borgé und Nicolas Viasnoff, 1977) hilft nur bedingt weiter.

Dort findet man auf Seite 198 ein nahezu identisches Fahrzeug wie auf meinem Foto. Einziger Unterschied ist die Zahl der Sitze (zwei statt vier bzw. fünf). Der in besagtem Buch abgebildete Wagen wird dort als Typ „Monaquatre“ von 1935 bezeichnet; dieser Typenname ist auch auf der Stoßstange mittig zu lesen.

Man könnte es dabei bewenden lassen und den Fall als geklärt ansehen, zumal Quellen im Netz für das etwas stärkere Modell „Primaquatre“ je nach Baujahr drei (1934/35) bzw. fünf (1935/36) Luftschlitze angeben, während „unser“ Renault vier aufweist.

Wir sind aber in der glücklichen Lage, es besser zu wissen. Denn der Renault auf dem heute vorgestellten Foto trägt ebenfalls seine Typbezeichnung auf der Vorderstoßstange.

„Primaquatre“ ist dort zu lesen – das wäre also die mittlere Motorisierung der Vierzylinderversionen um 1935. Tatsächlich finden sich mit einiger Mühe online weitere Fotos von Renaults dieses Typs mit identischer Gestaltung.

Das Beispiel zeigt, dass man mitunter weder der Literatur noch den oft darauf basierenden Angaben im Netz trauen kann. Wie im richtigen Leben gilt hier die bewährte Devise der Aufklärung: „Glaube nichts, prüfe alles, denke selbst!“

Mit etwas Glück gelangt man dann zu so schönen Ergebnissen, die nichts zu wünschen übrig lassen – wie dieser adrette Renault an einem Vorfrühlingstag vor 85 Jahren.

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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