PS-Schau in Paris 1905: Ein Renault 20CV

Die frühen Modelle von Renault, die den einstigen Weltruhm der französischen Marke begründeten, sind in meinem Blog bislang noch etwas unterbelichtet.

Nachdem sich eine ganze Reihe Exemplare aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg in meinem Fotofundus eingefunden hat und ich auch eine zumindest annähernde Vorstellung habe, um welche Typen es sich handelt, soll sich das ändern.

Den Auftakt markiert ein Prachtexemplar, das wahrscheinlich im Pariser Stadtpark „Bois de Boulogne“ aufgenommen wurde – anlässlich einer Schau der Pferdestärken, die damals noch ausgesprochen extravaganten Charakter hatte.

Interessanterweise stand dabei nur für den Fotografen das Automobil im Mittelpunkt, während die Passagiere einem anderen edlen Geschöpf zugewandt waren:

Renault 20CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

In dieser technisch hervorragenden Aufnahme entfaltet sich die ganze Opulenz einer untergegangenen Welt, die uns längst fremdgeworden ist.

Eine Ausfahrt im offenen Wagen mit Chauffeur, ausstaffiert mit extravagantem Kopfschmuck, eine Begegnung mit einem Militär hoch zu Pferde, Eleganz allerorten – im einst feinen Stadtpark Bois de Boulogne schon lange undenkbar – und nicht nur dort.

Für einen Moment ist das Automobil hier noch „horseless carriage“ – eine Kutsche ohne Pferde. Die gesellschaftliche Funktion ist noch dieselbe: sehen und gesehen werden unter seinesgleichen. Der Fahrer hört diskret weg, während sich die Herrschaften unterhalten und wartet auf Anweisungen:

Gute Figur macht er hier, der junge Fahrer, der vor bald 120 Jahren ein Mensch aus der Zukunft war. Mit der schmucklosen Jacke und dem dezenten Schnauzer hätte er auch in den 1940er Jahren noch eine alternde Diva in ihrem Wagen herumkutschieren können.

Er war einer der gefragten Spezialisten, die überhaupt imstande waren, ein solches neuartiges und komplexes Gefährt zu beherrschen, wozu damals auch aufwendige Wartung und die Kompetenz zu Reparaturen unterwegs gehörte.

Aber was genau war das für ein Wagen, der ihm von vermögenden Besitzern anvertraut worden war, um die Damen sicher wieder nach Hause zu bringen? Nun, die nach drei Seiten abfallende Motorhaube und der dahinterliegende Kühler verraten, dass wir hier einen Renault vor uns haben.

Sicher, es gab auch einige andere Hersteller, die eine solche eigenwillige Frontpartie besaßen, die die Engländer „coal scuttle“ nennen – weil sie an eine umgedrehte Kohlenschaufel erinnert – Komnick aus dem fernen Ostpreussen etwa.

Doch die genaue Gestaltung von Haube und Kühler fand sich so nur bei Renault. Dummerweise besaßen alle Renaults ab 1900 bis zum 1. Weltkrieg eine solche Frontpartie. Wir müssen uns daher zum einen an stärker der Mode unterliegenden Details orientieren, beispielsweise den freistehenden Vorderschutzblechen, die noch keinen Spritzschutz zum Rahmen und zur Haube hin besaßen. Bis etwa 1906 war das bei Renault üblich.

Ab 1907 änderte sich auch das Erscheinungsbild des Kühlers, wenn man der Literatur (Renault – L’Empire de Billancourt, Jacques Borgé/NicolasViasnoff, 1977) trauen kann. So war die Seite des Kühlergehäuses dann geschlossen und verbarg den Blick auf die Kühlkanäle.

Die frühesten Exemplare von Renault, die mit einer solchen Frontpartie und gepresstem Stahlrahmen gebaut wurden, scheinen aus dem Jahr 1904 zu stammen. Damals wurde in dieser Größenklasse der Renault 20CV angeboten, der bis 1906 das Spitzenmodell von Renault blieb.

Mit seinem 4,4 Liter großen Vierzylindermotor bot dieser Wagen großzügige Leistung, auch bei Montage eines schweren Limousinenaufbaus. Hier haben wir natürlich die damals oft noch bevorzugte Tourenwagenausführung, auch als Double-Phaeton bezeichnet, die eine Art der Kommunikation mit der Außenwelt ermöglichte, die heute im Verkehr undenkbar ist:

Man nehme sich Zeit, um hier die Ausführung der Sitze zu studieren, das verspielte Dekor auf den Seitenpaneelen – hier ist die Welt des 19. Jh. noch lebendig. Die Kutschbaukunst war das Maß aller Dinge, was die gesamte Partie hinter dem Fahrerabteil angeht.

Dieses spannende Nebeneinander einer jahrhundertealten Kontinuität und der mechanischen Innovation des Maschinenzeitalters begann nur wenige Jahre später, etwa ab 1910, einem Erscheinungsbild zu weichen, bei dem nun eine Gestaltung aus einem Guss erfolgte, wenngleich traditionelle Aufbauten wie das Landaulet noch bis in 1930er Jahre ein Nischendasein führten.

So ist auf dieser Aufnahme, die wohl um 1905/06 entstand, etwas festgehalten, was nur wenig später schon wieder „von gestern“ sein sollte – sieht man einmal von der Damenmode ab, die bis 1914 nur wenig Veränderung erfuhr.

Es ist das Wunder der Fotografie, das es uns ermöglicht, nach so langer Zeit nochmals einen Blick in diese Welt zu werfen, als seien wir selbst auf der Szene präsent.

Dabei sind alle die Geschöpfe, die diese Aufnahme so wunderbar machen – man beachte beispielsweise das prächtige Profil des geschmückten Pferdes links hinter dem Chauffeur – längst von der Erde verschwunden. Nur der Renault hatte eine gewisse Chance, bis in unsere Tage zu überleben.

Diese Funktion als authentischer Bote einer untergegangenen Welt – das unter anderem macht den Rang solcher frühen und bis unsere Tage erhaltenen Fahrzeuge aus.

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Tauchfahrt 1930: Renault Reinastella „Scaphandrier“

Heute unternehme ich eine „Tauchfahrt“ in die Wunderwelt obskurer Karosserieformen der Vorkriegszeit – anhand eines Renault-Modells, das an sich schon Exotenstatus besitzt.

Es würde mich wundern, wenn hierzulande mehr als nur einige Enthusiasten etwas mit dem Renault „Reinastella“ verbinden – dem 1928 vorgestellten Spitzenmodell der Marke aus Billancourt.

In dem Ort bei Paris baute Louis Renault 1898 in zwei Monaten sein erstes Auto – da war er 21 Jahre alt. Damit fuhr er am 24. Dezember desselben Jahres mit seinem Bruder in Paris vor einer Bar vor, um Heiligabend dort zu verbringen. Solche Geschichten gibt es heute nicht mehr.

Im darauffolgenden Jahr entsteht die Automobilfabrik „Renault Frères“. 1902 schlägt Renault bei der Wettfahrt von Paris nach Wien alle Konkurrenten, erstmals mit einem Wagen mit selbstentwickeltem Motor.

In weniger als fünf Jahren avancierte Renault so zu den weltweit führenden Autoherstellern. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Marke ihren Vorsprung, blieb aber eine feste Größe am französischen Markt, wo man alle Fahrzeuggattungen abdeckte.

Dazu gehörten sogar luxuriöse Achtzylinder-Modelle, die auf eine Kundschaft abzielten, die sich auch einen Rolls-Royce oder einen Hispano-Suiza hätte leisten können.

„Renahuit“ lautete die Bezeichnung dieser Wagen anfänglich – eine Wortschöpfung aus „Renault“ und „huit“ (frz. „acht“). Später verfiel man auf „Reinastella“, was aus dem spanischen Wort für „Königin“ und dem lateinischen Wort für „Stern“ zusammengesetzt ist.

Ein solches Prachtstück begegnete mir auf dem Titelblatt eines französischen Kunstmagazins aus dem Jahr 1930:

Renault Reinastella von 1930; zeitgenössisches Magazin aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Exemplar (der Zeitschrift, nicht des Wagens…) erwarb ich, da es eine Reihe von Fotos umfasst, die unter anderem Spezialkarosserien der Manufaktur Kellner zeigen. Anlass dafür war der Pariser Automobilsalon 1930, wo solche Unikate zu sehen waren.

Kellner war ebenfalls in Billancourt ansässig, sodass es nahelag, Renaults dort mit Spezialaufbauten auszustatten, wenn Kunden dies wünschten. So wurde die Karosserie des Reinastella auf dem Titelblatt ebenfalls von Kellner gefertigt.

Bevor ich mich den Besonderheiten dieses speziellen Blechkleids zuwende, wollen die technischen Meriten des Modells Reinastella gewürdigt werden.

Die Motorisierung verrät bereits, in welcher Liga man sich bewegte. Verbaut wurde ein 7,1 Liter großer Reihenachtzylinder, dessen 110 PS (später 130 PS) für ein Spitzentempo von 130-140 km/h gut waren.

Die Kühlung des Motors war thermostatgesteuert, die Bremsen waren servounterstützt, und die Hinterachse besaß hydraulische Stoßdämpfer. Der 110 Liter messende Tank ermöglichte ungeachtet des durstigen Aggregats eine Reichweite von mehreren hundert Kilometern.

Der 5,30 Meter lange Koloss brachte trotz reichlichen Einsatzes von Leichtmetall rund 2,7 Tonnen Gewicht auf die Waage – ein mächtigerer Renault sollte nie wieder gebaut werden. Solche Exzesse waren auch bei anderen Herstellern damals nicht unüblich.

Der Preis eines Reinastella war astronomisch – 140.000 Francs wurden 1932 dafür aufgerufen – doch ließ er sich mit einer Spezialkarosserie wie dieser noch steigern:

Renault Reinastella „Scaphandrier“ von 1930 (Karosserie Kellner)

Dass der Wagen hier nicht so gigantisch aussieht, wie es die Papierform erwarten lassen würde, liegt daran, dass keine Insassen darin abgebildet sind. Der Fahrer wäre hinter dem riesigen Lenkrad mit 50 cm Durchmesser verschwunden und die Passagiere wären im Heckabteil in üppigen Polstern versunken.

Besondere Schönheit ist dieser Karosserie nicht zu attestieren, doch in der Luxusklasse gab man einer gewissen Extravaganz gern den Vorzug. Außergewöhnlich ist bereits die Bezeichnung dieses speziellen Aufbaus als „Scaphandrier“.

Wie im Fall von „Reinastella“ handelt es sich hierbei um ein Kunstwort – bloß dass es weit älter ist. Geschaffen wurde es im 18. Jh. vom Erfinder einer Art Schwimmanzug, aus dem sich später ein Taucheranzug entwickelte.

Die Bezeichnung dafür setzte sich aus den griechischen Wörtern „skaphe“ und „andros“ zusammen – und beschreibt ein Mischwesen aus Boot und Mensch. Daraus entstand das französische Wort „scaphandre“, welches „Taucheranzug“ bedeutet.

Taucher trugen bis in die Neuzeit ein den ganzen Kopf umschließendes Oberteil, in das Glasscheiben eingelassen waren. Genau daran erinnert das vorne und seitlich aus Glas bestehende Passagierabteil, weshalb dieser Aufbau die eigentümliche Bezeichnung „Scaphandrier“ (frz. „Taucher“) erhielt.

Woher ich dieses Wissen beziehe, mag man sich fragen. Nun, vom „scaphandre“ habe ich heute ebenfalls zum ersten Mal gehört. Mit ordinärem Schulfranzösisch gelangt man nicht in solche Tiefen der prachtvollen Sprache unserer westlichen Nachbarn.

Auf die Karosseriebezeichnung „Scaphandrier“ stieß ich erst beim Eintauchen in das Standardwerk „Renault – L’Empire de Billancourt“ von J. Borgé und N. Viasnoff (1977).

Dort ist auf Seite 282 ein Renault Reinastella „Scaphandrier“ mit derselben Karosserie abgebildet, den niemand geringeres als Louis Renault selbst besaß. Er war damals immer noch Eigentümer der Marke und sollte es bis zu seinem mysteriösen Tod 1944 bleiben.

Damit schließt sich für heute der Kreis. Auf das Magazin „L’Art Vivant“ und einige darin abgebildete Ausstellungstücke des Pariser Automobilsalon 1930 komme ich jedoch zurück. Als Vorgeschmack darauf mag die Anzeige auf der Rückseite des Magazins dienen:

Reklame von Avions Voisin, Rückseite des Magazins „L’Art Vivant“ von Oktober 1930; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Wüsste man nicht, was sich hinter „Voisin“ (frz. für „Nachbar“) verbirgt, würde man ohne Französischkenntnisse kaum darauf kommen, dass es sich um eine Autoreklame handelt…

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Glück gehabt: Renault „Primaquatre“ von 1935

„Glück gehabt“ – so lautet der Titel meines heutigen Blog-Eintrags, und das aus mehreren Gründen.

Zuallererst muss man Glück haben, eine so schöne und technisch hochwertige Aufnahme von privat zu finden wie die, um die es heute geht. Dann hatte vor allem der einstige Besitzer des Wagens damit ganz offensichtlich Glück, jedenfalls macht er den Eindruck. Und außerdem kann man von Glück reden, wenn die Typansprache so einfach ist, obwohl der Wagen es einem auf den ersten Blick nicht leicht macht.

Genug der Vorrede – hier ist der angekündigte Glücklichmacher:

Renault „Primaquatre“ Cabriolet viersitzig; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An dieser Aufnahme gibt es wohl nur eines auszusetzen: dass die Umgebung noch winterlich trist wirkt. Doch scheinen der Fahrer dieses Wagens und der Fotograf Glück gehabt zu haben – es war trocken und vielleicht ein milder Vorfrühlingstag.

Da macht man das Verdeck herunter, klappt die Windschutzscheibe um und lässt sich blendend aufgelegt für’s Familienalbum aufnehmen. Wie bloß bekommt man spontan so eine Pose hin, ohne ein Profi zu sein?

Nun vielleicht war der Herr am Steuer ja einer – handelt es sich vielleicht um einen Schauspieler oder sonst eine Person, die es gewohnt war, im Rampenlicht zu stehen?

Wäre das ein ordinäres Familienfoto, hätte sich garantiert jemand gefunden, der den großzügigen Innenraum belebt – und sei es nur ein treuer Vierbeiner, wie man das so häufig auf Aufnahmen jener Zeit findet.

Immerhin haben wir es mit einem vier- bis fünfsitzigen Cabriolet zu tun. Der Einstieg nach hinten wurde durch Klappsitze erleichtert, worauf der gerade noch sichtbare Bügel an der Oberseite des Beifahrersitzes hindeutet – ein erstes Indiz für ein französisches Auto.

Das geschulte Auge erkennt hier einen Renault von der Mitte der 1930er Jahre, als sich die Marke von der zuvor eigenwilligen Formgebung verabschiedet hatte und sich der Stromlinien-Mode unterwarf – inspiriert durch Vorbilder von Chrysler und Ford.

Während die Marke Renault rasch identifiziert ist, bereitet die genaue Typansprache zunächst Schwierigkeiten. Eine vollständige und vor allem systematische Chronologie der enormen Typenvielfalt speziell der 1930er Jahre ist mir bislang nicht begegnet.

Erschwert wird die Orientierung durch die wenig eingängige Namensgebung. Beispielsweise stehen die Bezeichnungen Monaquatre, Primaquatre und Vivaquatre für unterschiedlich motorisierte Vierzylinder, während Monastella, Primastella und Vivastella parallel erhältliche Sechszylindertypen waren.

Zudem ähnelten sich die verschiedenen Varianten eines Jahrgangs recht stark. Die Angaben hinsichtlich markanter Merkmale wie der Zahl der Luftschlitze in der Haube variieren. Angaben dazu im Netz kann man nicht immer trauen.

Doch auch die Spezialliteratur zu Renault (z.B. „Renault – L’Empire de Billancourt“ von Jacques Borgé und Nicolas Viasnoff, 1977) hilft nur bedingt weiter.

Dort findet man auf Seite 198 ein nahezu identisches Fahrzeug wie auf meinem Foto. Einziger Unterschied ist die Zahl der Sitze (zwei statt vier bzw. fünf). Der in besagtem Buch abgebildete Wagen wird dort als Typ „Monaquatre“ von 1935 bezeichnet; dieser Typenname ist auch auf der Stoßstange mittig zu lesen.

Man könnte es dabei bewenden lassen und den Fall als geklärt ansehen, zumal Quellen im Netz für das etwas stärkere Modell „Primaquatre“ je nach Baujahr drei (1934/35) bzw. fünf (1935/36) Luftschlitze angeben, während „unser“ Renault vier aufweist.

Wir sind aber in der glücklichen Lage, es besser zu wissen. Denn der Renault auf dem heute vorgestellten Foto trägt ebenfalls seine Typbezeichnung auf der Vorderstoßstange.

„Primaquatre“ ist dort zu lesen – das wäre also die mittlere Motorisierung der Vierzylinderversionen um 1935. Tatsächlich finden sich mit einiger Mühe online weitere Fotos von Renaults dieses Typs mit identischer Gestaltung.

Das Beispiel zeigt, dass man mitunter weder der Literatur noch den oft darauf basierenden Angaben im Netz trauen kann. Wie im richtigen Leben gilt hier die bewährte Devise der Aufklärung: „Glaube nichts, prüfe alles, denke selbst!“

Mit etwas Glück gelangt man dann zu so schönen Ergebnissen, die nichts zu wünschen übrig lassen – wie dieser adrette Renault an einem Vorfrühlingstag vor 85 Jahren.

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Rätselhaft und reizvoll: Renault Viva/Nerva von 1935/36

Mit über 120 Jahren Geschichte gehört die französische Marke Renault zu den ältesten noch existierenden Automobilproduzenten. Zwar fällt mir zu den neuzeitlichen Modellen nach dem minimalistischen R4 nichts mehr ein, doch zum Glück gibt es ja die mal majestätischen, mal skurrilen Vorkriegstypen, an denen man sich abarbeiten kann.

Dabei stößt man auf eine sinneverwirrende Vielfalt an Typen und Bezeichnungen, die sich nur schwer erschließen. Dazu trägt das Fehlen überzeugender Literatur zu den Vorkriegsmodellen bei – auch das Netz hilft hier nur bedingt weiter.

Das ist schwer verständlich, denn Renault hat bis zum 2. Weltkrieg eindrucksvolle und sehr leistungsfähige Wagen entwickelt (siehe meinen Bericht zum Modell Grand Sport).

So ist eine genaue Ansprache mancher Renaults auf historischen Fotos oft kaum möglich – allenfalls das Baujahr lässt sich recht gut eingrenzen. Dies gilt auch im Fall der Aufnahme, die ich heute vorstelle, die zudem ein weiteres Rätsel aufgibt:

Renault Viva oder Nerva von 1935/36; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei diesem voluminösen Wagen ohne Trittbretter und mit halb im Karosseriekörper versenkten Schweinwerfern fühlte ich mich zunächst an die eigenwilligen Modelle eines anderen Urgesteins der französischen Automobilgeschichte erinnert: Panhard.

Doch Panhard konnte ich anhand des Standardwerks Panhard & Levassor: Entre tradition et modernité rasch ausschließen.

So blieb als zweiter Kandidat Renault, obwohl ich mich bislang nur mit den kompakten Limousinen der Marke einigermaßen vertraut gemacht hatte.

Der dicke Brocken auf obigem Foto dagegen musste in der gleichen Leistungsliga angesiedelt sein wie das erwähnte Modell „Grand Sport“. Zur Erinnerung das seinerzeit besprochene, in Salzburg aufgenommene Foto eines offenen Modells (rechts):

Renault Viva oder Nerva Grand Sport; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Ähnlichkeit der Frontpartie erlaubt allerdings nur eine zeitliche Einordnung.

So verweisen die mittig nach unten weisende Stoßstange und der annähernd ovale Kühler zusammen mit den fünf waagerechten Luftschlitzen auf eine Entstehung zwischen Herbst 1935 und Herbst 1936.

Für Motorisierung und Typenbezeichnung kommen dagegen etliche unterschiedliche Varianten in Betracht. Die Details der Frontpartie finden sich in praktisch identischer Form beim Sechszylindermodell „Viva“ und beim Achtzylindertyp „Nerva“.

Je nach Radstand und Aufbau kommen dann Varianten wie „Vivastella“, „Vivasport“ und „Viva Grand Sport“ sowie „Nervastella“, „Nervasport“ und „Nerva Grand Sport“ in Betracht.

Wenn ich es richtig sehe, besaßen die Sportversionen von Sechs- und Achtzylinder einen kürzeren Radstand als die Normalausführungen. Zudem unterschieden sich Sechs- und Achtzylinder in der Gesamtlänge – was ohne Vergleichsmaßstab nicht hilft.

Daher muss ich es bei der heutigen Aufnahme offenlassen, welche Variante des Renault „Viva“ oder „Stella“ von 1935/36 wir hier genau vor uns haben. Vielleicht hat ein Leser Zugang zu einer (ggf. auch französischen) Quelle, die weiteren Aufschluss liefert.

Fesselnd ist das Foto dennoch – und das aus gleich zwei Gründen. So ist aus meiner Sicht rätselhaft, wo es entstanden ist. Dabei sollte man sich nicht von dem Herrn mit Baskenmütze neben dem Renault in die Irre führen lassen.

Auf dem Originalabzug sind nämlich noch einige andere Herrschaften zu sehen:

Die seitlich im Hintergrund stehenden Männer tragen Pelzkappen, wie sie für osteuropäische Länder üblich waren, auch ihre rundlichen Gesichter wollen mir wenig französisch erscheinen, wenn eine solche Einordnung erlaubt ist.

Denkbar wäre eine Aufnahme in den Karpaten beispielsweise – leider gibt das Nummernschild des Renault in punkto Zulassung wenig her. Nicht auszuschließen ist, dass der Wagen und sein Besitzer Gäste aus Frankreich waren.

Vorschläge zur Erläuterung dieser für mich rätselhaften Situation sind willkommen, am besten über die Kommentarfunktion, dann haben auch andere Leser etwas davon.

Zum Abschluss möchte ich aber noch auf ein weiteres Detail eingehen, das vielleicht dem einen oder anderen Betrachter aufgefallen ist:

Weist die Heckpartie mit der Radverkleidung nicht eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit derjenigen der späteren „Ente“ von Citroen auf?

Tatsächlich wurzelt die Gestaltung des legendären „2CV“ in der Vorkriegszeit und ist so französisch wie das Erscheinungsbild der Renaults und Panhards der 1930er Jahre.

Vermutlich hat der brilliante Schöpfer der Linien der „Ente“ – Flaminio Bertoni – bewusst an solche Traditionen angeknüpft, wie es auch die freistehenden Vorderkotflügel zeigen, die bei Erscheinen des 2CV schon von gestern waren.

Ich habe lange gebraucht, um die wahren Qualitäten der „Ente“ zu begreifen, was mit dem ungepflegten Erscheinungsbild vieler Insassen zu tun hatte. So war das jedenfalls Ende der 1980er Jahre, als die „Grünen“ das Auto noch nicht ganz für tabu erklärt hatten und gern den Citroen „2CV“ fuhren, meist mit „Atomkraft? – nein danke“-Aufkleber.

Doch bei der Betrachtung dieses Renault, der einer ganz anderen Leistungsklasse entstammt, wird meines Erachtens deutlich, dass Citroens „2CV“ gestalterisch konservativ war und ich muss sagen, dass mir das nicht nur an der Ente gefällt…

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Stellt Horch in den Schatten: Ein Renault „Grand Sport“

Leser meines Blogs fragen mich bisweilen, woher ich die Fotos habe, die ich hier vorstelle, und wie ich bei der Suche vorgehe.

Der erste Teil der Frage ist leicht beantwortet:

  • Den überwiegenden Teil der Aufnahmen erwerbe ich in der deutschen Präsenz von eBay – so erfasse ich das volle Spektrum der in der Vorkriegszeit im deutschsprachigen Raum verbreiteten Automarken.
  • Daneben profitiere ich von Zusendungen von Lesern, die wissen wollen, in was für einem Wagen Uropa im 1. Weltkrieg als Fahrer unterwegs war oder vor welchem flotten Gefährt Großmutter in der Zwischenkriegszeit posierte.
  • Die dritte Kategorie sind Aufnahmen von „Stammgästen“, die sich über eine Besprechung besonderer Funde freuen oder Blog-Einträge mit Fotos ergänzen.

Bei meinen eigenen Erkundungen auf eBay achte ich darauf, Zeugnisse noch nicht in meinem Blog bzw. den Markengalerien enthaltener Hersteller oder Typen zu ergattern – denn langfristig soll hier ein möglichst umfassendes Abbild der umwerfenden Vielfalt an Vorkriegsautos im deutschen Sprachraum entstehen.

Gern kaufe ich auch Fotos, auf denen das Fahrzeug nicht auf Anhieb zu identifizieren ist und die überdies von mäßiger Qualität sind. Das hält den Preis niedrig und oft bieten solche Aufnahmen Überraschendes.

Da der allgemeine Bildungsstand auf dem absteigenden Ast ist, wissen viele Verkäufer nicht, was sie eigentlich im Angebot haben. Dann kann man für symbolische Preise Funde wie diesen machen:

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Kaiser Wilhelm II; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Originalabzug war von noch schlechterer Qualität, als es diese digitale Kopie vermuten lässt. Zudem ist von dem abgebildeten Wagen kaum etwas zu sehen.

Dennoch lässt sich diese Aufnahme als Schnappschuss eines der Benz- oder Mercedes-Wagen identifizieren, mit denen Kaiser Wilhelm II im 1. Weltkrieg seinen meist repräsentativen Aufgaben nachkam. Hier ist er beim Einsteigen festgehalten.

Viel zu sagen hatte er als formaler Repräsentant des Deutschen Reichs zwar nicht – Politik und Militär lagen von Verfassung wegen in der Hand von Reichstag und Reichskanzler – dennoch besaß der Kaiser neben dem Generalstab einen gewissen faktischen Einfluss und entfaltete während des Kriegs eine rege Reisetätigkeit.

Privataufnahmen wie diese, die als Ansichtskarte im Oktober 1915 versandt wurde, können selbst bei schlechter Qualität bedeutende Zeitzeugen sein.

So ist das auch bei der Aufnahme, die ich heute eigentlich vorstellen möchte. Nur steht hier keine historische Persönlichkeit im Mittelpunkt, sondern es geht um eine automobile Randerscheinung im Salzburg der 1930er Jahre:

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Salzburg, Residenzplatz; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme hatte ich ganz ohne zusätzliche Informationen erworben – auch hier ließ die Qualität des Originalabzugs zu wünschen übrig.

Angesichts des Nebeneinanders von gleißendem Licht und tiefen Schatten hatte sich jemand einst bei der Belichtung verschätzt und eine zu kurze Zeit gewählt. Zum Glück ließ sich das mit geringem Aufwand korrigieren.

Nach getaner Arbeit stellte ich fest, dass mir die Ansicht des weitläufigen Platzes mit dem barocken Brunnen in der Mitte und den bewaldeten Hügeln im Hintergrund bekannt vorkam.

Könnte das nicht in Salzburg aufgenommen worden sein? Tatsächlich, das Bauchgefühl trog mich nicht, obwohl ich nur einmal vor etlichen Jahren kurz dort verweilte.

Die genaue Örtlichkeit war schnell ermittelt- es handelt sich um den Residenzplatz, nebenbei ein Beispiel für die verlorengegangene Kunst, aus einem Ensemble von Gebäuden aus mehreren Jahrhunderten ein reizvolles Gesamtbild zu schaffen.

Uns interessiert dies aber nur am Rande, denn vor gut achtzig Jahren gab es dort noch Spannenderes zu besichtigen als den mächtigen Marmorbrunnen, dessen schwelgende Formen und Wasserfontänen dort seit über 350 Jahren die Besucher erfreuen:

Renault_Viva_oder Nerva_Grand Sport_1936_Salzburg_Residenzplatz_Galerie

Was hier Spektakuläres nebeneinander abgelichtet ist, erschloss sich mir erst nach und nach.

Zwar hatte ich bereits früh den Verdacht, dass es sich bei dem eleganten hellen Wagen mit der von der Stromlinie inspirierten Frontpartie um einen Renault von Mitte der 1930er Jahre handeln könnte.

Doch erst der Vergleich mit dem daneben im Schatten stehenden Fahrzeug, ließ mich die wahre Größe dieses Fundes erkennen.

Das dunkel gehaltene Cabriolet mit traditioneller Formgebung lässt sich anhand von Kühlergrill und -figur als Achtzylinder-Wagen der sächsischen Luxusmarke Horch identifizieren.

Die durchgehende Stoßstange findet sich ab 1932 bei den Modellen 500 B mit 5 Liter großem Achtzylinder sowie den Typen 710, 720 und 750 mit 4 bzw. 4,5 Litern Hubraum.

Einer genaueren Ansprache steht entgegen, dass die Haubenpartie mit den jeweils charakteristischen Luftschlitzen oder -klappen verschattet ist. So oder so handelte es sich um einen mächtigen Luxuswagen mit über 5 Meter Länge, von dem nur einige hundert Exemplare entstanden sind.

Was kann das nun für ein Renault sein, der ein solches Gefährt offenbar mühelos in den Schatten stellt?

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Die windschnittige Kühlerform in Verbindung mit der mittig v-förmig zulaufenden Vorderstoßstange taucht ab 1935 bei etlichen Renault-Modellen auf.

Zugegebenermaßen sind mir die damaligen Renault-Typen und ihre eigenwilligen Bezeichnungen nach wie vor nicht sonderlich vertraut.

Doch die halb in die Vorderschutzbleche eingelassenen Scheinwerfer und die fünf übereinanderliegenden seitlichen Chromleisten in der Haube finden sich nur bei den „Grand Sport“-Ausführungen, die Renault damals als Spitzenmodelle anbot.

Neben dem Sechszylindertyp Viva Grand Sport gab es den Nerva Grand Sport mit 8-Zylinder-Reihenmotor, der in der Ausführung von 1935 (Type ABM 5) dem hier abgebildeten Wagen den Details und der Proportion nach glich.

Das 5,5 Liter messende Aggregat erzielte eine Spitzenleistung von rund 110 PS, was von der Papierform her den Wert des Horch 500 B übertraf. Ganze 151 Fahrzeuge dieses mächtigen Typs entstanden bis Sommer 1936.

Noch mehr als damals sind diese großartigen französischen Achtzylinderwagen heute eine ganz große Rarität.

Einen Eindruck vom eigenwilligen Erscheinungsbild dieser im deutschsprachigen Raum kaum bekannten Luxuswagen vermittelt das folgende Video, das die etwas kleinere, aber äußerlich sehr ähnliche Sechszylinderversion Viva Grand Sport zeigt:

Urheber: Persecutrice; Videoquelle: http://www.youtube.com

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

Treuer Kamerad an allen Fronten: Renault Celtaquatre

Fotos von Zivilautos im Militäreinsatz spielen auf diesem Blog für Vorkriegsautos eine nicht unerhebliche Rolle – vielleicht sind ein paar Bemerkungen dazu angebracht:

  • Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war in Europa zu einem Großteil vom Krieg geprägt, wobei sich militärische Konflikte nicht auf die Weltkriege beschränkten.
  • Der Krieg hat also das Leben unserer Vorfahren in jener Zeit stark bestimmt und damit die Rolle des Automobils – man kommt auch als friedlich gesinnter Mensch (wohl schon immer die Mehrheit in allen Völkern) nicht daran vorbei.
  • Im 21. Jahrhundert gibt es keine offenen Rechnungen mehr in punkto Weltkrieg. Das Geschehen ist Geschichte, man kann sich damit ungezwungen beschäftigen.
  • Das gilt auch für im Krieg eingesetzte Automobile: requirierte Privatfahrzeuge, Beute-PKW oder auf zivilen Modellen basierende Kübelwagen für’s Militär.
  • Die überlebenden Fahrzeuge und die fotografischen Dokumente ihres Einsatzes sind historische Zeugnisse – es gibt keinen Grund dafür, sie auszublenden oder sie zu verteufeln. In dieser Hinsicht können wir viel von unseren Nachbarn lernen.

Nach dieser Vorrede beginnen wir ganz zivil, werden dann aber zunehmend „militant“, was die Auswahl der heutigen Fotos angeht:

Renault_Celtaquatre_ADC1_1935_Galerie

Renault „Celtaquatre“ Typ ADC1; Originalfoto  aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist eine schöne Aufnahme, auch wenn der Fotograf den Unterteil des Wagens abgeschnitten hat.

Vermutlich wollte er den bei damaligen Kameras üblichen Abbildungsfehler ausgleichen, der sich bei kurzen Distanzen aus der Position des Suchers oberhalb des Objektivs ergab. Man richtete die Kamera dazu etwas höher aus – hier wurde des Guten wohl zuviel getan.

Dennoch können wir den Wagen identifizieren. Oben auf der Kühlermaske zeichnet sich das rautenförmige Renault-Emblem ab. Die Ausführung des Kühlers verrät, dass wir es mit der Variante ADC1 des ab 1934 gebauten Mittelklassemodells zu tun haben.

Mit seinem 1,5 Liter-Vierzylinder konventioneller Bauart war dieses Automobil ausreichend motorisiert – 32 bis 34 PS genügten für rund 900 kg Wagengewicht.

Der Bursche, der die Fahrertür des Renault auf unserem Foto offenhält, wirkt mit seinen Schulterklappen militärisch, lässt aber sonst alle soldatischen Insignien vermissen. Die Schirmmütze besagt nicht viel – die trugen auch zivile Chauffeure.

Hat ein Leser eine Erklärung für die Situation?

Unterdessen schauen wir uns dasselbe Modell einige Jahre später an – nun im Dienst der deutschen Wehrmacht:

Renault_Celtaquatre_ADC1_1935_WH_Galerie

Renault „Celtaquatre“ Typ ADC1; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den selbstbewusst posierenden Infanterieunteroffizier würde der auf diesem Sektor nur oberflächlich bewanderte Verfasser als Feldwebel ansprechen – Präzisierungen und Korrekturen von sachkundigen Lesern sind wie immer willkommen!

Die Chromteile des Renault sind mattgrau überlackiert wie der übrige Wagen, der vermutlich im Zuge des Frankreichfeldzugs im Sommer 1940 erbeutet wurde.

Der freundlich in die Kamera schauende Gefreite (zu erkennen am Winkel auf dem Ärmel) dürfte der Fahrer des Unteroffiziers gewesen sein.

Sicher ist diese Aufnahme weit hinter der Front entstanden, leider gibt uns der Abzug keine Hinweise auf die Region, in der der Renault einst haltmachte.

Ebenfalls unbekannt ist der Ort, an dem dieser auf deutscher Seite eingesetzte Renault Celtaquatre abgelichtet wurde:

Renault_Celtaquatre_ADC2_WH_Galerie

Renault „Celtaquatre“ Typ ADC2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Verfasser ist geneigt, einen Aufnahmeort irgendwo in Südosteuropa zu vermuten.

Dass wir es mit einem Beutewagen der Wehrmacht zu tun haben, verrät die Aufschrift „WH“ („Wehrmacht Heer“)  auf dem in Fahrtrichtung linken Schutzblech. Das taktische Zeichen auf dem anderen Kotflügel ist unvollständig wiedergegeben.

An einem der Scheinwerfer fehlt der Tarnüberzug, der das Licht bei Nacht so weit dämpfte, dass es aus der Luft kaum sichtbar war- vermutlich war er verlorengegangen und in der Region war nicht mit gegnerischer Luftaufklärung zu rechnen.

Nun aber zum Wagentyp: Hier haben wir den Nachfolger des zuvor gezeigten Renault, nämlich den Typ ADC2, der ab 1936 gebaut wurde. Hauptunterschied zum Vorgänger war der stärker gepfeilt gestaltete Kühler.

An dem Wagen auf dem Foto fehlt ein Großteil der Mittelstrebe des Kühlers, schwer zu erklären angesichts der sonst unbeeinträchtigten Frontpartie.

Aber was wissen wir schon über das Schicksal dieser Wagen im Militäreinsatz, von denen wahrscheinlich nichts geblieben ist als diese über 80 Jahre alten Fotos, die deutsche „Landser“ irgendwo weit hinter der Front geschossen haben.

Übrigens haben wir eine Aufnahme eines ähnlichen Fahrzeugs bereits vorgestellt:

Renault_Celtaquatre_Wehrmacht_Ostfront_Galerie

Renault „Celtaquatre“ Typ ADC2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das taktische Zeichen und das Divisionskennzeichen auf dem linken Kotflügel verraten: Der Renault gehörte zur Panzerjäger-Abteilung 49, die Teil der 4. Panzerdivision war. Diese nahm ab Sommer 1941 am Russland-Feldzug teil.

Da das Divisionskennzeichen ab 1943 ein anderes war, entstand das Bild 1941 oder 1942 in Russland – dem Wuchs des Getreides und dem Schattenwurf nach an einem Frühsommertag um die Mittagszeit.

Die 4. Panzerdivision wurde 1943/44 fast völlig aufgerieben. Dabei dürfte auch der kleine Renault verlorengegangen sein, was aus der Besatzung wurde, wissen wir nicht.

Man sieht: Die Beschäftigung mit Vorkriegsfahrzeugen ist weit mehr als nur Technikgeschichte – sie konfrontiert einen mit menschlichen Schicksalen in einem gigantischen Ringen, von dem der Einzelne kaum etwas überblickte.

Für diese Männer, die sich ihr Los meist nicht ausgesucht hatten, sondern von der Schulbank oder aus der Ausbildung in den Krieg geschickt wurden, waren robuste Wagen wie der Renault Celtaquatre treue Kameraden in dick und dünn.

Wenn heute solch ein vom Militär eingesetztes Auto noch existiert oder wieder auftaucht, verdient es durchaus als Zeitzeuge gewürdigt zu werden.

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Reiz des Eigenwilligen: Renault KZ 10 CV von 1928

Viele französische Vorkriegsautos genießen hierzulande kein sonderliches Prestige.

Während für einen Mercedes 190 SL – ein schönes Auto, aber kein Meisterwerk – sechsstellige Beträge aufgerufen werden, ist eine der Ikonen des französischen Automobilbaus der 1930er immer noch erschwinglich: der Citroen 11 CV.

Das auch als Gangsterlimousine bekannte Modell ist technisch wie formal in einer Liga mit dem legendären Lambda von Lancia einzuordnen – beide Wagen waren ihrer Zeit enorm voraus und sind für Gourmets absolute Leckerbissen.

Citroen 11CV_Frankreich_Galerie

Citroen 11CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Preislich hat sich beim Citroen 11CV jedoch in den letzten Jahren nicht allzuviel getan. Er gehört immer noch zu den erschwinglichen Vorkriegsklassikern. Was könnte die Ursache sein: Ignoranz, Unsicherheit, Herdentrieb?

Man könnte es schon eher verstehen, wenn es um den Renault KZ 10 CV ginge – der war wirklich eigenwillig und technisch unspektakulär – schönsehen kann man ihn sich nicht.

Aber selbst solch ein „schräger Vogel“ von der anderen Seite des Rheins hat seinen Reiz:

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Renault Type KZ 10 CV; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

So charmant die (für die Aufnahme gestellte) Situation auch ist, die auf einer zeitgenössischen Postkarte festgehalten wurde, so fremdartig wirkt das Auto darauf, speziell die Frontpartie.

Kaum zu glauben, dass man bei Renault diesen eigenwilligen Typ mit nur wenigen Änderungen von 1922 bis Anfang der 1930er Jahre baute.

Es handelt sich um eine Variante des Renault KZ 10 CV mit konventionellem 2,1 Liter-Vierzylinder, von dem wir bereits zwei Beispiele vorgestellt haben.

In Frankreich waren diese braven und zuverlässigen Wagen als Taxi verbreitet, weshalb man sie auf zeitgenössischen Abbildungen recht häufig sieht. Hier eine Postkarte aus Paris, auf der man mindestens drei solcher Renaults sehen kann:

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Paris, Justizpalast und Sainte Chapelle; originale Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Ansichtskarte schickte in den 1920er Jahren eine junge Dame auf Reisen an die Familie in Deutschland – ein Aufenthalt in Paris war damals noch eine große Sache.

Zu der aufregend anderen Welt in der Seine-Metropole gehörte auch der dichte Autoverkehr, allenfalls im damaligen Berlin ging es ähnlich quirlig zu.

Zurück zum Renault Type KZ 10 CV: Technisch tat sich bei dem Modell über die Jahre nicht viel, aber formal wurde das Auto behutsam weiterentwickelt.

Das sieht erst bei genauem Hinsehen und im Vergleich mit früheren Versionen. Folgende Aufnahme zeigt die erste Variante, die von 1922-26 gebaut wurde:

Renault_1924_Galerie

Renault Type KZ 10 CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Haupterkennungsmerkmal ist das ovale Markenemblem an der Vorderseite der Motorhaube. Übrigens war der Renault Typ KZ 10 CV das erste Modell der Marke, bei dem der hinten angebrachte Kühler nicht mehr seitlich über die Haube hinausragte.

Ungewöhlich ist an diesem Wagen der hölzerne Nutzfahrzeugaufbau. Eventuell handelte es sich um eine Type KZ Colonial, der ab 1925 mit kurzem Radstand angeboten wurden.

Im Jahr 1926 tauchte erstmals das rautenförmige Markenemblem auf der Motorhaube auf, das auf folgendem Foto gut erkennbar ist:

Renault_Type_KZ_10_CV_1926_Galerie

Renault Typ KZ 10 CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Abgesehen vom geänderten Markenemblem und dem langen Radstand sind kaum Unterschiede zu erkennen – man merke sich bei der Gelegenheit die Höhe der Schwellerpartie und die Form der Vorderschutzbleche.

Im darauffolgenden Jahr 1927 erhielt der Renault Type KZ 10 CV Stoßstangen, sonst blieb alles beim alten. Erst 1928 ergaben sich größere Änderungen im Erscheinungsbild.

So schmiegten sich nun die Vorderschutzbleche näher an die Räder an, folgten also nicht mehr einer geraden Linie zum Trittbrett. Außerdem war das Chassis niedriger, was sich in einer flacheren Schwellerpartie bemerkbar machte:

Renault_Type_KZ_10_CV_Ak_nach Tschechien_AusschnittGut zu erkennen sind auch die kleinen Positionsleuchten auf den Kotflügeln, die bei den Vorgängermodellen noch nicht zu sehen waren. Auch die konzentrischen, hell abgesetzen Kreise auf den Scheibenfelgen scheinen hier erstmals aufzutauche.

Acht statt zuvor sieben (wenn nicht alles täuscht) Luftschlitze in der Motorhaube weisen ebenfalls auf eine nur behutsame Modellpflege hin.

Die Kundschaft schätzte offenbar die konservative Linie des Renault Type KZ 10 CV, dessen Frontpartie immer noch an die allerersten Modelle der Marke erinnert.

Außer dem rautenförmigen Markenemblem, das neuerdings wieder die Ausmaße der Vorkriegszeit erreicht, einnert heute bei Renault nichts mehr an diese Modelle.

Eigenwillig gestaltet sind die Wagen der Marke nach wie vor. Aber sie erscheinen längst nicht mehr konservativ, sondern auf beinahe brutale Weise progressiv. Die Kundschaft von heute scheint das zu mögen – so ändern sich die Zeiten…

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Reizvoll und rätselhaft – ein Renault von 1902/03

Freunde von Vorkriegsautos haben es gut – wofür sie sich begeistern, ist zwar ein „alter Hut“ – aber dafür gibt es schier unerschöpfliches Anschauungsmaterial.

Man kann sich in die faszinierende Welt der Manufakturaufbauten der 1920/30er Jahre versenken und dort ein handwerkliches und gestalterisches Können finden, das uns mit industrieller Massenware abgespeisten „modernen“ Menschen sprachlos macht.

Man kann aber auch in die Pionierzeit eintauchen, als in unfassbarem Tempo die Grundlagen des Automobils geschaffen wurden.

Vor bald 120 Jahren, im Dezember 1898, unternahm Louis Renault seine ersten Fahrten mit einem selbstkonstruierten Automobil. Gut, so etwas machten damals zahllose Ingenieure und Laien, aber Renault hatte etwas Besonders kreiert.

Sein Wagen war wahrscheinlich der erste, bei dem die Antriebskraft des Motors mit einer Kardanwelle, nicht einer Kette, auf die Hinterachse übertragen wurde.

Damit machte er sich eine Konstruktion zunutze, die in Form der kardanischen Aufhängung schon in der Antike bekannt war und vor 500 Jahren vom italienischen Gelehrten Gerolamo Cardano ausführlich beschrieben wurde.

Nach diesem Exkurs kommen wir zur eigentlichen Sache:

Renault_1902-03_Galerie

Renault von 1902/03; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den Wagen auf dieser alten Aufnahme schauen wir uns noch genauer an.

Doch schon der Abzug als solcher hat seinen Reiz – man meint wie durch ein Fenster in eine ferne Vergangenheit zurückzuschauen -und tatsächlich macht das den Zauber alter Fotos aus, wie unvollkommen sie mitunter sein mögen.

Im vorliegenden Fall hat der Zahn der Zeit schon zu nagen begonnen – leider ist ausgerechnet auf der Partie mit dem Auto eine größere Fehlstelle zu beklagen, die sich nur teilweise retuschieren ließ.

Doch von dem frontal fotografierten Wagen – in der automobilen Frühzeit  war das eine ungewöhnliche Perspektive – sieht man genug, um ihn als Renault aus der Zeit von 1902/03 ansprechen zu können:

Renault_1902-03_Ausschnitt

So fremdartig diese Ansicht wirkt, so bewusst ist sie bereits durchgestaltet.

Die Motorhaube wird nach unten breiter und fällt nach vorne schräg ab – wobei die pyramiden- oder eher glockenähnliche Formgebung durch blanke Messingpartien geschickt akzentuiert wird.

Auch die Frontklappe mit den drei Luftschlitzen folgt dieser Linienführung. Das ist ein schönes Beispiel für auf eine individuelle Form abzielende Gestaltung, die man nicht bei allen Automobilen der Pionierzeit findet.

Renault gelang damit sehr früh, seinen Fahrzeugen ein Markengesicht zu geben, das man dem Grundsatz nach erstaunlich lange beibehielt  – bis in die 1920er Jahre.

Aus dieser Perspektive sind auch die expressiv schräg nach oben geführten Vorderschutzbleche besonders wirkungsvoll – sie erinnern ein wenig an Flügel.

Was aber lässt sich zu dem genauen Typ sagen? Nun, da wird es schwierig wie bei vielen anderen Automobilen jener Zeit.

Parallel oder kurz aufeinanderfolgende Typen unterschieden sich äußerlich allenfalls durch die Proportionen – was unter der Haube arbeitete, war äußerlich meist nicht ersichtlich.

Im vorliegenden Fall kommt die frontale Perspektive erschwerend hinzu – dazu später. Immerhin lässt sich durch Vergleiche eine Entstehung im Jahr 1902/03 annehmen.

Damals hatte Renault eine Kleinwagenlinie (7 bzw. 8 CV) und eine Mittelklasselinie (14 CV) im Programm. Innerhalb dieser beiden Linien folgten aufgrund des rasanten Fortschritts drei Typen innerhalb eines Jahres (!) aufeinander.

  • Der Kleinwagen des Typs M 8 CV von Anfang 1903 besaß noch einen von DeDion zugekauften 1-Zylindermotor mit knapp 950ccm.
  • Er wurde nach wenigen Monaten vom Typ R 7 CV abgelöst, der einen von Renault konstruierten 900ccm-Einzylinder besaß.
  • Ende 1903 kam dann der nochmals im Detail verbesserte Typ T mit identischer Motorisierung heraus.

Grundsätzlich könnte der Wagen auf unserem Foto einer dieser drei Kleinwagentypen sein. Es könnte sich aber nach vorläufiger Einschätzung ebensogut um einen Renault der Kategorie 14 CV handeln.

  • Der erste davon – der Typ H 14 CV – kam 1902 heraus -sein Zweizylinder war der erste von Renault entwickelte Motor.
  • Noch 1902 folgte der verbesserte Typ N 14/20 CV, der wiederum 1903 vom Typ S 14/20 CV abgelöst wurde.

Die Typen der beiden Linien unterschieden sich äußerlich in einem markanten Detail, das wir auf unserem Foto nur schemenhaft erkennen können. Die Rede ist von den an beiden Haubenseiten angebrachten vertikalen Kühlelementen.

Die Kleinwagenbaureihe 7 bzw. 8 CV besaß pro Seite neun dieser Elemente. Bei den Mittelklassemodellen 14 CV waren es dagegen 18 pro Seite. Auf dem Foto lassen sie sich leider nicht zählen.

Letztlich ist es auch nicht entscheidend, den genauen Typ ansprechen zu können – was zählt, ist das aufgrund seiner Perspektive seltene Dokument eines der ersten „echten“ Renault überhaupt.

Wie so oft machen die einstigen Insassen einen erheblichen Teil des Reizes dieser Aufnahmen aus der Kinderstube des Automobil aus:

Renault_1902-03_Ausschnitt2

Die Dame trägt noch den opulenten Kopfschmuck der Jahrhundertwende – ein feines Tuch verhindert, dass er sich im Fahrtwind selbständig macht, und schützt außerdem die zeittypisch aufwendige Frisur.

Der vergnügt dreinschauende Passagier neben ihr – womöglich der Besitzer – verkörpert perfekt den Typus des „Herrn von Welt“ mit gezwirbeltem Schnauzbart, Vatermörderkragen und Melone.

Der ebenfalls freundlich in die Kamera schauende Herr neben dem Renault, trägt einen der atemberaubenden Pelzmäntel, die seinerzeit Ausweis des enthusiatischen Automobilisten waren und gern karikiert wurden.

Vielleicht war er der eigentliche Besitzer und der Fahrer war zum Fotografieren abkommandiert worden. Genaues werden wir nicht mehr erfahren.

Doch auch so ist eine derartige Aufnahme ein Vergnügen für alle, die sich für die Zeit begeistern können, in denen in rasendem Tempo die Grundlage für unsere heutige indiviuelle Mobilität gelegt wurde – eine Errungenschaft, die aktuell von kleinen, aber gut organisierten und einflussreichen „Pressuregroups“ mit fragwürdigen Behauptungen zunehmend aggressiv in Frage gestellt wird…

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Relikt aus einer anderen Welt: Renault „Suprastella“

Vor einiger Zeit erhielt der Verfasser dieses Oldtimerblogs persönlich an ihn adressierte Post von Renault Deutschland. 

Angepriesen wurde darin das Modell mit dem wohlklingenden Namen „Koleos“, das auf diesem Blog wiederholt als abschreckendes Beispiel für die Hervorbringungen zeitgenössischer Autobauer herhalten musste.

Offenbar hatte ein mit „künstlicher Intelligenz“ ausgestatteter virtueller Praktikant daraus gefolgert, dass der Verfasser sich besonders für dieses Gefährt interessiert, das einem der Schrottpresse gerade noch einmal entkommenen Panzer ähnelt.

Mit dieser brachialen gestalterischen Logik liegt die Firma Renault beim Verfasser ebenso daneben wie mit ihrem pseudopersonalisierten Anschreiben.

Lehnen wir uns zurück und genießen einfach, was wahre Könner einst hervorgebracht haben – auch im Hause Renault:

Renault_Suprastella_Buick_1938_Grindelwald_1951_Galerie

Renault Suprastella; Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir es ausnahmsweise nicht mit einer Privataufnahme zu tun, sondern mit einer Ansichtskarte von 1951.

Die Postkarte zeigt ein in bester Nachkriegsmanier „modernisiertes“ traditionsreiches Hotel in Grindelwald in der Schweiz. 

Das Erdgeschoss lässt noch Elemente aus dem 19. Jh. erkennen, seither haben mehrere sanierungsfreudige Generationen ihre Spuren an dem Bau hinterlassen.

Der eigentliche Star vor dieser Unterkunft ist der Renault „Suprastella“, der dort einst mit abgelichtet wurde. Vermutlich ahnte der Fotograf der Ansichtskarte, was für ein Klassefahrzeug dort stand und bezog es in die Bildgestaltung ein:

Renault_Suprastella_Buick_1938_Grindelwald_1951_Ausschnitt

Man mag gar nicht glauben, dass dieses zweisitzige Cabriolet ein Renault oder überhaupt ein französisches Fahrzeug sein soll.

Tatsächlich folgt der ab 1938 gebaute Wagen formal eng amerikanischen Vorbildern aus der Mitte der 1930er Jahre.

Typisch für diese Linie waren folgende Elemente:

  • V-förmig gestalteter, nach oben breiter werdender Kühlergrill,
  • ansatzweise mit den Kotflügeln verschmelzende Frontscheinwerfer,
  • den unteren Karosserieabschluss betonende Zierleiste,
  • strömungsgünstige Abdeckungen der Hinterräder.

Erstmals tauchen diese Details beim Lincoln „Zephyr“ von 1936 auf, den wir auf folgender Aufnahme (gespiegelt) sehen:

Lincoln_Zephyr_Werksfoto_Galerie

Lincoln „Zephyr“; Werksfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei diesem Wagen hatte die zum Ford-Konzern gehörende Marke formale Ideen von John Tjaarda aus den frühen 1930er Jahren sehr überzeugend verarbeitet (ausführlicher Bericht).

Der Lincoln „Zephyr“ war mit einem 12-Zylinder-Motor ausgestattet, der allerdings wie das Fahrwerk konstruktiv rückständig war. Damals begann sich die technische Stagnation der US-Autoindustrie abzuzeichnen, während sie in formaler Hinsicht noch einige Jahre tonangebend bleiben sollte.

Auf der Postkarte sieht man übrigens hinter dem Renault einen Buick von 1938, der bereits die nächste Stufe der Designentwicklung repräsentiert:

Renault_Suprastella_Buick_1938_Grindelwald_1951_Ausschnitt2

Demnach war Renault mit der gestalterischen Anleihe beim Lincoln „Zephyr“ zwar nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Doch hatte man offenbar bewusst diesen schnittigen Wagen zum Vorbild gewählt, mit dem Lincoln der Durchbruch im US-Luxussegment gelungen war.

Auch motorenseitig wollte Renault seine Kompetenz in der Oberklasse beweisen. So erhielt der „Suprastella“ einen 5,4 Liter großen Reihenachtzylinder, dessen 110 PS Spitzenleistung ein Tempo von bis zu 130 km/h ermöglichte.

In formaler Hinsicht überzeugt der Renault „Suprastella“ weniger als das amerikanische Vorbild, das leichter und eleganter daherkommt. Auch wurden bloß  einige Dutzend dieser Wagen mit verschiedenen Aufbauten gefertigt.

Doch im nachhinein betrachtet war das Luxusgefährt ein würdevoller Abschluss der Vorkriegsgeschichte der traditionsreichen Marke. Nie wieder sollte Renault einen Wagen dieser Klasse bauen.

1945 wurde die Firma, die im Krieg gute Geschäfte mit der deutschen Wehrmacht gemacht hatte, verstaatlicht. Fortan konzentrierte man sich auf Klein- und Mittelklassewagen, die sich zwar bestens verkauften, aber gestalterisch oft belanglos bis irritierend wirkten.

So erscheint der Renault Suprastella – ähnlich Spitzenprodukten anderer französischer Hersteller – heute wie ein Überbleibsel aus einer untergegangenen Welt.

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Auf die schiefe Bahn geraten – Renault Primaquatre

Der letzte Eintrag in diesem Oldtimerblog enthielt den Vermerk, dass manche ausländischen Vorkriegsautotypen am deutschen Markt so gut wie nicht präsent waren, aber später als Beutewagen der Wehrmacht „heim ins Reich“ geholt wurden.

Das gilt vor allem für britische und französische Modelle, von denen nur wenige nennenswerte Absatzerfolge in Deutschland erzielten. Ein solches Beispiel zeigt das Originalfoto, mit dem wir uns heute befassen:

Renault_Primaquatre_BDS2_WH_Griechenland_Ausschnitt

Renault Primaquatre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer angesichts der gepfeilten Kühlermaske an den Ford „Eifel“ in der ab 1937 gebauten Form denkt, liegt schon mal nicht schlecht.

Das Vorbild für die markante Frontpartie dieses Wagens lieferte nämlich die ebenfalls 1937 vorgestellte Version des legendären Ford V8, den wir hier irgendwann auch noch würdigen müssen.

Nicht nur die Ford-Modelle aus Köln bzw. Frankreich (Matford 13 bzw 21 CV) erhielten einen am Ford V8 orientierten Kühler, auch Renault übernahm das stilprägende Element.

Tatsächlich haben wir es auf dem Foto mit einem Renault zu tun, und zwar einem Wagen des Mittelklassetyps „Primaquatre“.

Der Renault Primaquatre war Ende 1930 als Nachfolger des urtümlichen Typs KZ vorgestellt worden. Bis zum 2. Weltkrieg wurde der technisch eher konventionelle, aber leistungsfähige Wagen stetig weiterentwickelt.

Die Motorleistung des Vierzylinders stieg auf zuletzt über 50 PS aus 2,4 Litern Hubraum. Die Höchstgeschwindigkeit des mit 1,5 Tonnen für die damalige Zeit recht schweren Wagens lag bei 120 km/h.

Der Motorleistung nicht angemessen und in dieser Klasse nicht mehr zeitgemäß waren die Seilzugbremsen und das Fahrwerk mit Starrachsen. Von seiner Konzeption her hätte der Wagen am deutschen Markt kaum Chancen gehabt.

Nach der Niederlage Frankreichs 1940 gelangten aber etliche Exemplare des Renault Primaquatre in den Fuhrpark der deutschen Wehrmacht.

Damit war in den meisten Fällen ihr Schicksal besiegelt, denn wie auch die in Deutschland massenhaft beschlagnahmten Zivil-PKW wurden sie in den anschließenden Feldzügen in Afrika, Griechenland und Russland verschlissen.

Im wahrsten Sinne des Wortes „auf die schiefe Bahn“ geraten war offenbar auch der Renault Primaquatre auf unserem Foto:

Renault_Primaquatre_BDS2_WH_Griechenland_Ausschnitt2 Der für das Baujahr 1938/39 typische Kühlergrill mit den waagerechten Streben hat schon ein wenig gelitten und die letzte Wagenwäsche liegt lange zurück.

Auf dem verdreckten Kennzeichen kann man zumindest den Anfangsbuchstaben „W“ lesen, auf den wohl ein „H“ folgte, das bei deutschen Militärfahrzeugen übliche Kürzel für „Wehrmacht Heer“.

Bislang nicht klären ließ sich, auf welche Einheit das Wappen auf dem Schutzblech verweist. Einschlägige Verzeichnisse liefern ähnliche Markierungen, aber ein hundertprozentiger Treffer ist noch nicht gelungen.

Rätselhaft sind auch die Klebestreifen auf den Scheinwerfern, die jedenfalls nicht den üblichen Tarnvorschriften entsprachen. Vermutlich wurde das Foto aber an einem Ort und zu einem Zeitpunkt gemacht, wo keine gegnerische Luftpräsenz (mehr) bestand, die eine nächtliche Verdunkelung erforderlich machte.

Dazu würde die umseitige Beschriftung des Abzugs passsen, wonach die Aufnahme einst in Griechenland entstand. Wer gerade nicht parat hat, was die Wehrmacht in Griechenland verloren hatte, dem kann geholfen werden:

Griechenland gehörte wie auch Nordafrika zu den Ländern, an denen die deutsche Führung eigentlich kein strategisches Interesse hatte – nach dem Sieg über Frankreich sollte im Frühjahr 1941 nämlich der Russlandfeldzug beginnen.

Doch hatte das verbündete Italien mit seiner ebenfalls von Großmachtsplänen beseelten Führung Ende 1940 versucht, sich auf dem Balkan auszubreiten. Der gegen den deutschen Willen gestartete Feldzug Mussolinis gegen Griechenland schlug dank des Eingreifens eines britischen Expeditionskorps fehl.

Um eine offene Flanke in Südosteuropa zu vermeiden, ordnete Berlin einen energischen Gegenstoß an. Dieser führte Ende April 1941 zum Sieg der deutschen Truppen über das britische Heer und der Besetzung Griechenlands.

Vielleicht ist unsere Aufnahme dort nach dem Ende dieses letzten erfolgreichen „Blitzkriegs“ der Wehrmacht entstanden.

Dass die Front weit weg war, verrät die friedensmäßige Kleidung des jungen Fahrers mit Schiffchen und einer hellen Arbeitsjacke aus Drillich, wie sie bei Instandhaltungsarbeiten getragen wurde:

Renault_Primaquatre_BDS1_WH_Griechenland_Ausschnitt.3jpg

Was Mensch und Maschine damals noch bevorstand, konnten die Beteiligten zum Zeitpunkt dieser Aufnahme nicht ahnen.

Doch aus heutiger Sicht wirkt die „festgefahrene“ Situation des Renault Primaquatre wie ein Menetekel des Kommenden.

Mit dem Scheitern der deutschen Offensive vor Moskau im Winter 1941 kamen die Dinge mit ungeheurer Dynamik ins Rutschen und begannen das alte Europa in einem Inferno unter sich zu begraben.

Wer einen Sinn für Geschichte hat, der spürt bei der Betrachtung solcher Fotos von Vorkriegsautos auch etwas von der Tragik des ungeheuren Kriegsgeschehens, das bis heute nachwirkt  – und sei es nur in der Trauer um das, was unwiederbringlich verloren ist und von dem nur noch ein paar alte Bilder erzählen…

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