Ganz schön knifflig: Opel 8/25 oder 9/25 PS?

Wenn uns die gegenwärtige Krise – ausgelöst durch ein neues Coronavirus – etwas lehrt, dann das: Alles vermeintliche Experten“wissen“ ist nur vordergründig, vorläufig und veränderlich. Die Suche nach „der Wahrheit“ ist nie zuende, auch wenn immer wieder Zeitgenossen eine Diskussion gern für beendet erklären oder ganz unterbinden würden.

Nicht viel anders sieht das beim Versuch aus, Ordnung und Klarheit in die Welt der Vorkriegsautos zu bringen. Oft zeigt sich, wie wenig wirklich als gesichert angesehen werden kann und wieviel Weisheit der älteren Literatur sich als überholt zeigt.

Während das bei Nischenmarken fast der Normalzustand ist, mag es erstaunen, dass selbst bei bedeutenden und gut dokumentierten Marken immer noch einiges im Ungewissen liegt. Das zeige ich heute anhand eines Opel-Modells der frühen 1920er Jahre.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser an diese hervorragende Aufnahme:

Opel 8/25 PS (8 M 21) Tourenwagen; Originalfoto von 1926 aus Familienbesitz (Lutz Heimhalt)

Hier sehen wir den Großvater von Buchhändler Lutz Heimhalt aus Hamburg, der mir diese Aufnahme freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Das Foto ist im September 1926 entstanden, doch der abgebildete Wagen – am ovalen Emblem auf dem Kühler als Opel zu erkennen – war damals schon ein paar Jahre alt.

Ich hatte den Wagen seinerzeit anhand von Vergleichsfotos als Opel Typ 8/25 PS von 1921/22 identifiziert und würde daran prinzipiell auch weiterhin festhalten.

In der Zwischenzeit haben sich weitere Aufnahmen ganz ähnlicher Opel-Wagen mit einem solchen Spitzkühler und gepfeilter Windschutzscheibe eingefunden. Darunter sind weniger gut erhaltene Aufnahmen wie diese:

Opel 8/25 PS (8 21 M) Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von der abweichenden Position der beiden Ersatzräder abgesehen entspricht dieser Wagen vollkommen dem Auto, in dem sich einst Fritz Heimhalt hat ablichten lassen. Selbst die filigrane Verbindungsstange am oberen Ende der Scheinwerfer stimmt überein.

So dürfte sich auch unter der Haube dieses Wagens der seitengesteuerte 2-Liter-Motor verborgen haben, den Opel in der Klasse mit 8 Steuer-PS 1921 neu einführte.

Ab hier wird die Sache knifflig. Denn schon 1919 gab es einen Opel 8/25 PS, der jedoch einen merklich größeren Hubraum von 2,2 Litern aufwies. Dass die beiden Modelle derselben Steuerklasse angehörten, war schlicht rundungsbedingt.

Die von weltfremden Bürokraten ersonnene Steuerformel, die sich nicht um tatsächlichen Hubraum, Leistung, Verbrauch oder Kosten eines Automobils scherte, konnte bei Wagen mit 2 bzw. 2,2 Litern gerundet zum selben Ergebnis führen. Noch bizarrer: Sie konnte auch bei fast identischem Hubraum und identischer Leistung zur Einordnung in eine unterschiedliche Steuerklasse führen.

Genau das war beim Opel 8/25 PS mit 2,2 Liter Hubraum der Fall. Eine Änderung von Bohrung und Hubweg führte 1921 zu einer gut 5%igen Hubraumvergrößerung auf 2,3 Liter, aber zur Klassifizierung als 9/25 PS-Modell, was eine um 12,5 % höhere Steuerbelastung nach sich zog. Weiß jemand, was Opel zu dieser für den Käufer nachteiligen Anpassung bewogen haben könnte?

Wer sollte 1921 einen Opel 9/25 PS mit 2,3 Liter Hubraum kaufen, wenn parallel der neue 8/25 PS mit 2 Liter Hubraum erhältlich war? Zudem wird in der Literatur das gleichstarke, steuergünstigere 8/25 PS-Modell als sportlicher bezeichnet (wohl weil es leichter war).

Optisch scheint es keinen Unterschied zwischen dem Opel 9/25 PS und dem neuen 8/25 PS (intern: 8 M 21) gegeben zu haben. In beiden Fällen findet man auch Ausführungen mit flacher Windschutzscheibe, sodass diese als Unterscheidungsmerkmal ausfällt.

Hier eine bislang noch nicht gezeigte Aufnahme eines solchen Opel 8/25 oder 9/25 PS mit flacher Frontscheibe:

Opel 8/25 PS oder 9/25 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch der Radstand war mit 3,09 Metern (9/25 PS ab 1919) bzw. 3,15 Metern (8/25 PS von 1921/22) kein hinreichendes Unterscheidungsmerkmal. Die Ausführung der Stahlspeichenräder mit fünf Radbolzen war ebenfalls identisch.

Auch ein sportlich anmutender Zweisitzer war der Literatur nach bei beiden Typen erhältlich. Einen davon hatte ich vor einiger Zeit anhand des folgenden Fotos vorgestellt, das einst in einem ovalen Rahmen montiert war:

Opel 8/25 PS (8 M 8/25 PS) Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Könnte das nicht genauso gut ein Opel 9/25 PS von 1921/22 gewesen sein? Und nochmals die Frage: Was bezweckte man mit dem Angebot zweier identisch aussehender Modelle, die sich bei gleicher Leistung nur im Hubraum und (im einen Fall zum Nachteil des Käufers) in den Steuer-PS unterschieden?

Erst 1923 verpasste Opel dem 9 PS-Typ eine Leistungsspritze, sodass dieser nunmehr 30 PS Spitzenleistung aufwies und mit starken Konkurrenten wie dem Presto Typ D 9/30 PS mithalten konnte. Zu dem Zeitpunkt hatte man den Opel 8/25 PS bereits eingestellt.

Freunde der Opel-Spitzkühlermodell jener Zeit werden möglicherweise über solche Detailfragen hinweggehen, denn diese Wagen machten unabhängig von der Motorisierung Eindruck.

Das illustriert auch das folgende Foto, das ich über Wolf-Dieter Ternedde aus Seesen im Harz erhalten haben:

Opel 8/25 PS oder 9/25 PS Tourenwagen; Originalfoto via Wolf-Dieter Ternedde

Auch diese Aufnahme war oval beschnitten und wer genau hinsieht, wird feststellen, dass ich den Gebäudeteil rechts oben teilweise dazuerfunden habe, um dies zu kaschieren. So kann sich das Auge ganz auf die Linien dieses Opel-Spitzkühlermodells konzentrieren.

Ich neige dazu, diesen Wagen ebenfalls als Opel 8/25 PS oder 9/25 PS von 1921/22 anzusprechen. Doch will ich nicht ausschließen, dass es sich um ein stärkeres Modell jener Zeit handelt, worauf die größere Neigung der Motorhaube und der länger wirkende Radstand hindeuten könnten.

Beim Typ will ich mich hier nicht festlegen, zumal da es in der Literatur kaum erwähnte, aber ganz ähnliche Opel-Spitzkühlerwagen wie diesen Typ 14/38 PS von 1918 gab:

Opel 18/34 PS von 1918, angeboten im April 2020 von Hyman Ltd; Fotoquelle: www.prewarcar.com

Ich hätte dieses Auto ebenfalls als Opel 8/25 oder 9/25 von 1921/22 angesprochen. Tatsächlich ist dokumentiert, dass es 1918 als 18/34 PS-Modell nach Nordschweden ausgeliefert wurde, wo es bis 1939 fuhr und bemerkenswert original erhalten geblieben ist.

Mich lehrt dieses Beispiel, dass Vorsicht bei der Typenansprache angezeigt ist, wenn es um Opel-Spitzkühlermodelle der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg geht. Hier scheint mir auch unter den Markenexperten und in der Literatur (bei allen Verdiensten) das letzte Wort noch nicht gesprochen zu sein.

Denkbar ist, dass sich die Opel-Modelle jener Zeit ohne Blick unter die Haube auf alten Fotos überhaupt nicht konkret identifizieren lassen, wie das auch bei den Spitzkühlertypen von Adlern der frühen Nachkriegszeit ähnlich ist.

Tragisch wäre das nicht, denn auch so haben diese Wagen ganz besonderen Charme und mein Fundus gibt in der Hinsicht noch einiges her…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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