Ziemlich „Rekord“verdächtig: Hanomag „Kurier“

„Rekord“verdacht besteht im Fall des heutigen Gegenstands meines Vorkriegsauto-Blogs gleich in zweifacher Hinsicht.

Nicht nur sieht der Wagen, um den es geht, dem recht bekannten Hanomag „Rekord“ der 1930er Jahre verflixt ähnlich, auch die Zahl der Bilder davon, die ich hier zeige, ist ziemlich rekordverdächtig.

Tatsächlich handelt es sich um ein (auch in der Literatur) eher seltenes Modell des Hannoveraner Maschinenbauers, der PKWs nur nebenbei produzierte. Beginnen wir zur Einordnung gleich mit dem ersten Rekord:

Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dass dieses schöne Foto aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks einen Rekord darstellt, verrät schon der Schriftzug auf dem Kühlergrill. Auf den Hersteller Hanomag verweist das auffallende Markenemblem – ein geflügeltes „H“ – weiter oben.

Keine Frage: Hier haben wir einen von rund 18.000 Wagen des Typs Hanomag „Rekord“ vor uns, ein technisch unauffälliges, aber sehr robustes Fahrzeug mit 1,5 Liter-Vierzylinder (32 PS), hydraulischen Bremsen und Einzelradaufhängung vorn.

Passend zur Örtlichkeit der Aufnahme verfügt der Hanomag über einen Aufbau als Cabriolet – sehr wahrscheinlich auf Basis der Standardkarosserie „Jupiter“ von Ambi-Budd.

Denn dieses Foto wurde einst am Gardasee in Oberitalien aufgenommen – für viele ein Sehnsuchtsort bis heute und angesichts der mit dem Coronavirus begründeten Reiseverbote aktuell mehr denn je.

Rekordverdächtig zumindest unter den zahlreichen Fotos dieses Typs (siehe Hanomag-Galerie) ist die Strecke, die dieser Hanomag zurückgelegt haben muss. Rund 1.200 km sind es nämlich vom Zulassungsort in Oldenburg in Niedersachsen an den schönen Gardasee in Oberitalien.

Wohl mancher würde etwas darum geben, jetzt mit Spitzentempo 100 km/h auf staubigen Landstraßen gen Süden reisen zu dürfen – so schnell relativieren sich die Dinge.

Kaum weniger „rekord“verdächtig wirkt jedoch das folgende Fahrzeug, das in der niedersächsischen Heimat des weitgereisten Hanomag aufgenommen wurde:

Hanomag „Kurier“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sieht man von dem hier geschlossenen Aufbau ab, weist der Wagen eine auffallende Ähnlichkeit mit dem „Rekord“-Cabriolet am Gardasee auf.

Das liegt nicht nur daran, dass es sich ebenfalls um einen Hanomag handelt (auch wenn hier das Flügelemblem weiter oben sitzt). Das Auto basiert auch auf besagter „Jupiter“-Karosserie, die das Berliner Presswerk von Ambi-Budd an diverse Hersteller lieferte.

Für hinreichende Unterscheidbarkeit sorgten dabei marken- und typspezifische Feinheiten wie die Kühlermaske, Schriftzüge oder die Gestaltung der Motorhaube.

Im vorliegenden Fall ist zwar der Schriftzug auf dem Kühlergrill schwer lesbar, doch im Original kann man „Kurier“ statt „Rekord“ entziffern. Entkräftet wird der „Rekord“verdacht außerdem durch das Vorhandensein von Haubenschlitzen anstelle von seitlichen Luftklappen.

Auch wenn die mir zugängliche Literatur kein Wort darüber verliert, bin ich nach dem Studium von Originalaufnahmen zu dem Schluss gekommen, dass ein solcher Hanomag-Wagen mit vier Luftklappen immer ein „Rekord“ sein muss.

Mit den billiger herzustellenden Luftschlitzen war dagegen bei sonst identischem Blechkleid das parallel erhältliche Modell „Kurier“ versehen. Dabei handelte es sich um eine modernisierte Version des 1,1 Liter-Vorgängertyps „Garant“ mit 23 PS.

Hier haben wir eine zeitgenössische Prospektabbildung der Maschine, die deshalb sehenswert ist, weil dort auf dem Kurbelgehäuse noch das frühere Markenemblem – die stilisierte Silhoutte des PKW-Erstlings 2/10 PS „Kommissbrot“ – zu sehen ist:

Von dem kleineren Aggregat abgesehen, war der Hanomag „Kurier“ technisch weitgehend mit dem stärkeren „Rekord“ identisch.

Das mag erklären, warum man die beiden Typen nicht nur durch die abweichenden Haubenschlitze bzw. -klappen voneinander unterschied, sondern ihnen offenbar serienmäßig auch einen entsprechenden Schriftzug auf dem Kühler spendierte:

Hanomag „Kurier“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Hanomag „Kurier“ war offenbar im Landkreis Schleswig zugelassen – leider ist über die Örtlichkeit nichts bekannt, außer dass auf dem (größeren) Original im Hintergrund ein Schild mit der Aufschrift „Bäckerei und Conditorei Heinr. Fick“ zu sehen ist.

Dass der Wagen nur einen Scheibenwischer hat, ist keineswegs ungewöhnlich – das findet sich auch auf Fotos des teureren Typs „Rekord“. Offenbar war der zweite Wischer generell aufpreispflichtig.

Dafür wurde am teuren Chromschmuck nicht gespart, der sich bei den Modellen „Rekord“ und „Kurier“ nach meinem Eindruck nicht unterschied.

In beiden Fällen verweist die Montage von Scheibenrädern auf eine Bauzeit von 1934-36, ab 1937 gab es gelochte Räder:

Hanomag „Kurier“ ab 1937; originales Pressefoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie hier zu sehen ist, wich bei der Modellpflege des „Kurier“ (wie auch beim „Rekord“) zudem die bislang profilierte Stoßstange einer glattflächigeren Ausführung.

In dieser Form wurde der Hanomag „Kurier“ nur noch bis 1938 hergestellt – dann war der schwachbrüstige und gleichzeitig ziemlich teure Wagen wohl kaum noch verkäuflich. Etwas mehr als 10.000 Exemplare davon wurden gebaut.

Das klingt viel, doch würde es mich wundern, wenn davon noch mehr als ein paar Dutzend erhalten geblieben sind. Der „Rekord“ mit fast doppelt so hoher Stückzahl und angemessenerer Motorisierung hatte da besser Überlebenschancen.

So ist wohl eher die Zahl der noch existierenden Fotos von Hanomag-Wagen des Typs „Kurier“ rekordverdächtig – man findet immer noch auffallend viele davon.

Hier für heute eine letzte Aufnahme des Modells, die an Pfingsten 1935 irgendwo im Berliner Raum entstand, also ziemlich genau vor 85 Jahren:

Hanomag „Kurier“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von Bildaufbau und technischer Qualität her ist das – gemessen an vielen anderen Fotos dieses Typs – eine „rekordverdächtige“ Aufnahme, auch wenn die abgebildeten Personen nicht gerade mit Schönheit geschlagen sind.

Doch relativiert sich der Eindruck vermutlich, wenn man sich ein solches Familienfoto mit bravem Mittelklassewagen im Berlin des 21. Jahrhunderts vorstellt…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein Gedanke zu „Ziemlich „Rekord“verdächtig: Hanomag „Kurier“

  1. Sehr geehrte Verfasser!!

    Danke möchte ich Ihnen zunächst mal dafür sagen, dass Sie sehr umfangreich zu Hanomag-Pkw berichten und informieren. Anderswo gibt es solche Infos nur, wenn man teure Bücher kauft…

    Auf Sie gestoßen bin ich, weil ich dabei bin, einen Garant (BJ 36 od. 37) wieder auf die Straße zu bringen. Es ist meine dritte Baustelle nach einem 4/23 aus dem BJ 32 und einem Rekord Diesel aus dem BJ 38.
    Die Modellbezeichnung „Garant“ ist nach meiner bisherigen Kenntnis entstanden, nachdem im Mai 1933 die Kfz.-Steuer für Neufahrzeuge wegfiel. Nunmehr war die Angabe des Hubraums nicht mehr wichtig (siehe ‚4‘ bei 4/23 für 4 Steuer-PS = knapp 1100 ccm Hubraum). Der 4/23 wurde im Herbst 33 zum Typ 11 (1100 er Hubraum). Gleiches gilt für den Zwischentyp 15, der Vorläufer des Rekord mit ca. 1500 ccm. Vor einem solchen Fahrzeug habe ich auch mal gestanden.

    Ab Ende 1933 bekamen die Hanomag-Pkw ‚Namen‘. Der Typ 11 wurde zum Garant. Dabei sind die ersten Garant (typisch ist der Spitzkühler) baugleich mit dem Typ 11. Meist hatten sie 23 PS. Die 18 PS-/ 750 ccm-Motoren machten ja aufgrund der Steuerbefreiung kaum noch Sinn.
    Hanomag hat, wie sie schön beschreiben, die Ganzstahl-Karosserien von AmbiBudd verbaut. Parallel dazu hat man bei Hanomag, vielleicht weil Konkurrenz das Geschäft belebt und die Preise reguliert, noch die alte Gemischtbauweise, wie sie Karmann oder KW (Karosseriebau Weinsberg) verkauften, angeboten.
    In einem Beitrag haben Sie mal geschrieben, dass Sie es begrüßen würden, wenn jemand solch einen Pkw nur konservieren würde. Hierzu möchte ich mal bemerken, dass ich eigentlich zwei Garant habe. Die beiden Geschwister haben beide sehr maroden Hölzer, teilweise fehlt es oder es ist weg gebröselt. Die Bleche, zumindest jene, die Karmann selbst hergestellt und nicht von AmbiBudd gekauft hat (z.B. die inneren Radläufen) sind ‚nicht mehr so gut gewesen‘.

    Der Garant ab BJ 35 war eine komplette Neukonstruktion, wenn man den Typ 11 / Garant bis 1934 dagegen hält. Der Garant hatte, Gleichteile-Strategie a la Hanomag, baugleiche Fahrwerksteile wie der Kurier und der Rekord. Der Garant ist durchweg kürzer und leichter. Der 23-PS-Motor hatte mit dem Kurier eher Mühe. NUR der Garant war als Kabrio-Limousine zu haben, nicht aber der Kurier. Für diese Kabrio-Limousine gab es mindestens drei Hersteller, neben Karmann und KW habe ich noch ein Foto aus den 30ern. Da sind bei der Kabrio-Limousine die Fensterscharniere außen angebracht. Vielleicht haben Sie eine Idee, wer der Hersteller ist. Das Foto kann ich Ihnen gerne digital zusenden. Den Garant gab es auch als ‚Laster‘, so etwas gab es aber auch schon zum 4/23. Bemerkenswert ist hier eine ‚Selbstbau‘ eines Moselaners aus den 90er Jahren, quasi als Reblik…
    Auch zum Garant-Laster habe ich mir ein altes Foto besorgen. Hersteller dürfte hier Karmann gewesen sein.

    Mit freundlichen Grüßen

    Hans-Jürgen Wellmanns, 11.03.2021

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