1912: Große Torpedo-Offensive von Opel

Zugegeben: Der Titel meines heutigen Blog-Eintrags klingt recht martialisch – doch wie immer fasst er das Wesentliche zusammen, das ich vor dem geduldigen Leser ausbreite.

Geduld verlangt zunächst die Klärung des Begriffs „Torpedo“ im Zusammenhang mit Automobilen. Wer sich ein wenig Latein aus der Schulzeit bewahrt hat oder selbst ein Interesse an der römischen Antike entwickelt hat, kennt den „Torpedo“ möglicherweise aus einer ganz anderen Sphäre.

Als „Torpedo“ bezeichneten die Römer nämlich den Zitterrochen, der betäubende elektrische Schläge auszusenden vermag. Allgemeiner stand das Wort für Betäubung oder Lähmung.

Daran knüpfte man im 19. Jahrhundert an und bezeichnete als Torpedo Sprengwaffen, mit denen sich Schiffe außer Gefecht setzen ließen. Anfänglich zählten dazu auch Minen, doch später beschränkte sich der Gebrauch auf fischförmig gestaltete Unterwasserwaffen mit Eigenantrieb.

Die strömungsgünstige Form des Torpedos lieferte schließlich die Inspiration für die Bezeichnung der ab 1910 im Serienbau eingeführte „Windkappe“ oder „Windlauf“, die das erste aerodynamische Karosserielement darstellte.

Anfänglich war der Windlauf noch nicht organisch mit der davorliegenden Motorhabe verschmolzen, sondern wirkte häufig wie angesetzt oder übergestülpt wie hier:

Opel mit Torpedoaufsatz um 1911; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schlecht erhaltene Foto (das ich bereits besprochen habe) veranschaulicht anhand eines Opel-Tourenwagen, wie sich die Torpedokarosserie binnen kürzester Zeit zu einer vollkommen harmonischen Angelegenheit entwickelte.

Denn während auf obiger Aufnahme noch eine „Stufe“ zwischen Motorhaube und Windkappe zu erkennen ist und beide Elemente in der Seitenansicht keine gemeinsame Linie bilden, sah das bei Opel schon ein Jahr später – 1912 – ganz anders aus:

Opel ab 1912 mit Torpedokarosserie; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses Prachtstück ist auf einem historischen Foto festgehalten, das uns einmal mehr Leser Klaas Dierks großzügig zur Verfügung gestellt hat.

Bei der Gelegenheit sei daran erinnert, dass mein Blog nicht nur von meinem eigenen Fundus „lebt“, sondern auch von den Beiträgen Gleichgesinnter, die verstanden haben, dass es keinen Zweck hat, solche „Schätze“ ängstlich zu horten.

Doch zurück zu dem wunderbar harmonisch gestalteten Wagen auf dem Foto von Klaas Dierks. Die schräggestellten Luftschlitze, die die gesamte Länge der Motorhaube einnehmen, sind ein Indiz für einen mittleren bis schweren Opel.

Die fast gleichmäßig ansteigende Linie von Motorhaube und Torpedo in Verbindung mit den schrägstehenden Haubenschlitzen ist ein Kennzeichen der Modellfamilie von Opel ab 1912, die anlässlich des 50. Jubiläums der Marke kräftig ausgebaut wurde.

Bei dieser „Großoffensive“ bot Opel solche modernen Torpedokarosserien in folgenden Motorisierungen an: 10/24 PS, 13/30 PS, 18/40 PS, 24/50 PS, 34/65 PS und 40/100 PS. Die Hubräume reichten dabei von 2,6 Litern bis zu sagenhaften 10,2 Litern – durchweg mit vier Zylindern, wohlgemerkt.

Was ich bislang nicht herausfinden konnte ist, inwieweit bei Opel die Zahl der Luftschlitze – hier mindestens achtnähere Rückschlüsse auf die Motorisierung zulässt:

Generell lässt sich zwar sagen, das mit steigender Leistung auch der Kühlluftdurchsatz zunimmt, was sich tendenziell in der Zahl der Haubenschlitze niederschlagen sollte. Doch im vorliegenden Fall besteht diesbezüglich vielleicht nur ein loser Zusammenhang.

Zwar wies Opels bei der Torpedo-Offensive 1912 eingeführter Hubraumgigant 40/100 PS auf zeitgenössischen Prospektaufnahmen ebenfalls acht Luftschlitze auf.

Doch sicher sein kann man sich in solchen Fällen kaum, da unterschiedliche Motorisierungen auf identischem Chassis verfügbar waren und die Zahl der Luftschlitze wohl nur lose mit der Maximalleistung korrelierte.

So muss offenbleiben, was sich unter der Haube dieses herrlichen Opel-Tourenwagens verbarg, der auf jeden Fall auf die Zeit ab 1912 zu datieren ist. Eventuell lässt sich aber etwas zur Aufnahmesituation sagen:

Während der Fahrer ein ziviler Chauffeur zu sein scheint, dürfte es sich bei seinem Beifahrer um einen Soldaten gehandelt haben.

Da der Opel noch nicht die typischen Aufschriften trägt, die ab Beginn des 1. Weltkriegs die Zugehörigkeit von PKW zu einzelnen Armeeverbänden erkennen ließ, muss dieses Foto vor Kriegsausbruch entstanden sein – oder nach Kriegsende.

Auf ein Detail auf dem zuletzt gezeigten Ausschnitt möchte noch hinweisen: Der abgerundete Abschluss der hinteren Tür findet sich auf den mir vorliegenden Abbildungen von Opel-Wagen jener Zeit so nicht.

Von daher würde mich alle weiterführenden Hinweise zum genauen Typ und womöglich zu Lieferanten des Aufbaus sehr freuen. Dann ließe sich wenigstens dieser Vertreter von Opels großer Torpedo-Offensive 1912 genauer ansprechen…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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