Fund des Monats: Ein NAW „Colibri“ von 1908/09

Hochsommerlich – wie es sich gehört – ist der August des Jahres 2019 zuendegegangen. Höchste Zeit, den Fund des Monats vorzustellen!

Dazu begeben wir uns 110 Jahre zurück in die Vergangenheit und zugleich in eine Region, die nicht gerade als Heimat vieler Automobilhersteller bekannt ist – Norddeutschland.

Neben Hansa aus Varel und Lloyd aus Bremen ist mir nur ein weiterer Hersteller aus den nördlich gelegenen Gefilden unseres Landes in den heutigen Grenzen bekannt – NAW aus Hameln an der Weser.

Lesern meines Blogs wissen natürlich, wofür das Kürzel steht: Norddeutsche Automobil-Werke. Die Wahl des Namens verrät bereits, dass man in der wenig industriell geprägten Region mit keiner großen Konkurrenz im Fahrzeugbau rechnete.

Wenn überhaupt genießt das ab 1911 gebaute Modell „Sperber“ heute noch eine gewisse Bekanntheit unter den Freunden ganz früher deutscher Automobile. Einige Originalfotos dieses kompakten Vierzylindertyps habe ich schon vorgestellt.

Hier eine „neue“ Aufnahme dieses Modells, die mir ein kanadischer Enthusiast zur Verfügung gestellt hatte und der selbst nicht wusste, was er da hat:

NAW_Sperber_Scott_Turner_Galerie

NAW „Sperber“; Originalfoto aus Sammlung Scott Turner

Bis 1919 blieb dieses ausgezeichnet konstruierte Modell mit Motorisierung 5/15 bzw. 6/20 PS in Produktion. Es sollte das letzte dieser kurzlebigen Marke bleiben.

Doch heute soll der Erstling von NAW im Mittelpunkt stehen – der 1908 vorgestellte Typ „Colibri“.

Dabei handelte es sich um ein leichtes Fahrzeug mit Zweizylinder-Motor, das man in Frankreich der „Voiturette“-Klasse zugeordnet hätte. Gleichwohl wies es alle Merkmale eines Qualitätswagens auf:

  • Motor und Getriebe miteinander verblockt – damals noch unüblich,
  • Vergaser nach eigenem Entwurf,
  • Kardanantrieb – viele Hersteller boten noch Kettenantrieb an,
  • Differentialgehäuse aus Leichtmetall.

Wie es scheint, wurde der Zweizylindermotor anfänglich nur mit 400 ccm Hubraum und 5 PS Leistung angeboten. Doch rasch verdoppelte man den Hubraum, sodass nun 8 bis 9 PS anfielen, die 60 km/h Höchstgeschwindigkeit ermöglichten.

Die Ausführungen bis 1910 waren nur als Zweisitzer verfügbar und genau solch‘ ein NAW „Colibri“ ist mir vor einiger Zeit ins Netz gegangen:

NAW_Colibri_1908-10_Galerie

NAW „Colibri“ von 1908/09; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man mag angesichts der Dimensionen dieses Kleinwagens heute lächeln – vor 110 Jahren war dies für die allermeisten Deutschen ein unerreichbarer Luxusgegenstand.

Luxus ist auch das Foto selbst, das die stolze Besitzerfamilie zeigt, wie sie geduldig ausharrt, während sich in der Plattenkamera die Belichtung vollzieht. In der mir zugänglichen Literatur ist kein einziges historisches Foto dieses Typs zu finden.

Die dort wiedergegebenen Prospektaufnahmen und natürlich die Modellbezeichnung auf dem Kühler ermöglichen aber eine eindeutige Identifikation.

Sehr schön zu sehen ist hier die Schlechtwetterausstattung mit höhenverstellbarer Frontscheibe – im Sommer ließ man die gerne weg – seitlicher Lederverkleidung in den „Türöffnungen“ verbunden mit Kälteschutz für den Unterkörper, Staubmantel für den Fahrer und Reisekleid nebst tuchfixiertem Hut für die Dame.

Ja, so waren die Altvorderen mit ihren frühen Automobilen unterwegs und sie waren damit so privilegiert, wie es heute der Besitzer eines Privatflugzeugs ist.

Produktionszahlen des NAW „Colibri“ sind mir zwar nicht bekannt, aber es würde mich wundern, wenn davon mehr als einige hundert der frühen Zweizylinderversion entstanden. Bis 1912 wurde noch ein Vierzylindertyp gleichen Namens produziert.

Zumindest ein Exemplar des frühen Colibri muss überlebt haben. So findet sich in Halwart Schraders Standardwerk „Deutsche Autos 1885-1920“ die (falsch datierte) Aufnahme eines frühen Colibri aus dem Automuseum Hillers.

Offenbar ist die genannte, in Tremsbüttel ansässige Sammlung nicht mehr zugänglich, doch vielleicht weiß jemand etwas über den Verbleib des dort ausgestellten Colibri…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

Erster Serienwagen mit Spitzkühler: Metallurgique

Heute begebe ich mich auf die Spuren des ersten Serienwagens der Welt, der statt eines Flachkühlers über einen Spitzkühler verfügte.

Während spitz zulaufende Kühler bei deutschen Herstellern ab 1913/14 aufkamen und bis Mitte der 1920er Jahre in Mode blieben, war es die belgische Marke Metallurgique, die schon 1908 Spitzkühler bei Serienwagen verbaute.

Der auf Lokomotiven und Eisenbahnwagen spezialisierte Konzern baute 1900 sein erstes selbstentwickeltes Automobil. Richtig in Schwung kam die Entwicklung und Produktion ab 1903, als man den deutschen Ingenieur Ernst Lehmann verpflichtete, der sich zuvor unter anderem bei Daimler Verdienste erworben hatte.

Er legte die Grundlage für den Aufstieg von Metallurgique zu einem der führenden Autohersteller auf dem europäischen Kontinent. Bereits 1907 wurde der Automobilbau bei Metallurgique in ein eigenständiges Unternehmen ausgelagert.

Mit Sportmodellen, die bis zu 100 PS leisteten, trat Metallurgique bei etlichen Rennsportveranstaltungen an – beispielsweise beim Circuit des Ardennes, bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man und beim Kaiserpreisrennen in Deutschland.

Der 1907 beim Coupe de Liederkerke siegreiche Typ 26/32CV mit im Zylinderkopf hängenden Ventilen wurde ab 1908 in Serie angeboten. Es war dieses Modell, das als erstes Serienfahrzeug der Welt einen markanten Spitzkühler wie auf folgender Aufnahme aus meiner Sammlung erhielt:

Metallurgique_ca_1910_Galerie

Metallurgique-Tourenwagen um 1910; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn der Aufbau dieses Wagens eher auf 1910/11 zu datieren ist – ich komme noch darauf zurück – entspricht die Frontpartie fast vollkommen derjenigen einer Metallurgique-Sportversion von 1908, die sich in der Literatur findet.

Unverzichtbar für die Beschäftigung mit den zahlreichen belgischen Vorkriegsmarken – die in der „Oldtimer“-Presse in Deutschland weitgehend ignoriert werden – ist das  Standardwerk „Le Grand Livre de l’Automobile Belge“ von Kupélian/Sirtaine.  

Dieses 300 Seiten starke, umfassend bebilderte Buch ist zwar meines Wissens nur auf Französisch erhältlich (Stand: 2019), doch wenn man sich das technische Vokabular angeeignet hat, ist es auch mit Schulfranzösisch und etwas Geduld gut lesbar.

Nebenbei eine Gelegenheit, die schöne Sprache unserer Nachbarn zu pflegen, die in der Vorkriegszeit im deutschsprachigen Raum besser beherrscht wurde als heute.

In besagtem Standardwerk jedenfalls findet sich auf Seite 121 die zeitgenössische Abbildung eines bei einer Sportveranstaltung in Deutschland eingesetzten Metallurgique mit genau diesem Kühler, nur ohne Markenschriftzug:

Metallurgique_ca_1910_Kühlerpartie

Bei späteren Fahrzeugen – insbesondere nach dem 1. Weltkrieg – sollte der vorn abgerundete Kühler einer kantigeren Version weichen.

Als Gründe für die Einführung dieser Lösung nennt die Literatur zum einen eine bessere Windschnittigkeit (nicht umsonst lautete die französische Bezeichnung „radiateur coupe vent“). Zum anderen wird auf den besonders großen Kühlwasservorrat verwiesen, der im nach vorn abfallenden Oberteil Platz fand.

Entwickler und Hersteller dieses neuartigen Kühlers waren übrigens die Neuen Industrie-Werke (NIW) in Ulm. Überhaupt wiesen die Metallurgique-Wagen starke Verbindungen in den deutschsprachigen Raum auf.

So baute Bergmann aus Berlin – bis dahin ein Hersteller von Elektroautos – ab 1909 Metallurgique-Wagen in Lizenz. Außerdem produzierte 1910/11 die österreichische Tochtergesellschaft der Deutz-Werke von Metallurgique lizenzierte Modelle.

Die von Bergmann gefertigten Metallurgique-Wagen genossen einen hervorragenden Ruf und verkauften sich in Deutschland entsprechend gut. Dazu trug die Vermarktung der Sporterfolge von Metallurgique in ganz Europa bei:

Metallurgique_Reklame_01-1914_Galerie

Reklame von Bergmann-Metallurgique von Januar 1914; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Offen bleibt hier, welche Erfolge die belgischen Metallurgique-Werke errungen hatten und welche Wagen aus Berliner Produktion (eventuell die in Russland).

Mit dieser Reklame von 1914 bin ich nun etwas über’s Ziel hinausgeschossen, denn der Metallurgique auf meinem oben vorgestellten Foto ist einige Jahre früher entstanden, doch wann?

Wie gesagt entspricht die Kühlerpartie vollkommen derjenigen bei Modellen ab 1908. Doch ein Detail verrät, dass dieser Wagen wohl erst 1910/11 gebaut worden war. Die Rede ist von dem „Windlauf“blech zwischen Motorhaube und Passagierraum:

Metallurgique_ca_1910_Insassen

Hier ist das der Verbesserung des Strömungsverlaufs dienende Element noch unorganisch angesetzt. Doch scheint es seine Aufgabe so gut verrichtet zu haben, dass man sogar ohne Windschutzscheibe fahren konnte.

Schaut man sich die Gesichter der Insassen an, hat man nicht den Eindruck, dass sie mit ihrem Dasein in diesem komplett offenen Tourenwagen unzufrieden waren. Sicher, Hals und Haare sind sorgfältig gegen Zugwind geschützt, doch ansonsten genoss man den freien Blick in die Bergwelt, in der man unterwegs war.

Gut gefallen mir auf diesem Ausschnitt die drei Charaktere, die hier abgelichtet sind:

  • In der Mitte eine versonnen dreinschauende Dame mit feingeschnittenem Gesicht, die ihren Hut mit einem Tuch gesichert hat,
  • neben ihr ein in die Ferne schauender Mann mit Schiebermütze und typgerechtem Schnauzbart (kommt bestimmt bald wieder in Mode),
  • am Lenkrad ein bulliger, aber freundlich wirkender Herr, der ein Deutscher sein könnte – doch auch einen Engländer würde ich nicht ausschließen.

Tatsächlich scheint am Stander neben ihm der „Union Jack“ zu flattern, oder täusche ich mich? Das Kennzeichen ist jedenfalls kein britisches.

Wer sich übrigens bei diesem Ausschnitt über die verwaiste Hupe auf der Beifahrerseite wundert, möge zweierlei bedenken:

  • Erstens war der Beifahrer sicher die Person, die diese schöne Aufnahme vor über 100 Jahren für uns (unter anderem) gemacht hat.
  • Zweitens hatte der Fahrer mit der Bedienung von Handbremse und Schaltung rechts außen sowie der Regulierung des Zündzeitpunkts am Lenkrad bereits alle Hände voll zu tun.

Die Betätigung der Hupe war in der Frühzeit des Automobils oft Aufgabe des Beifahrers, der zudem die regelmäßige Versorgung der Schmierstellen des Wagens vom Armaturenbrett aus sicherzustellen hatte.

Soviel kann man letztlich einem alten Autofoto abgewinnen, was mich im vorliegenden Fall selbst ein wenig überrascht. Doch dieser Metallurgique ist mein Erstling, etliche weitere Fotos späterer Modelle werden nach und nach folgen…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Nichts ist unmöglich: Rider-Lewis Typ IV von 1910

Der Schwerpunkt meines Blogs für Vorkriegsautos auf alten Fotos liegt auf Fahrzeugen, die einst im deutschsprachigen Raum und im benachbarten Ausland gebaut oder verkauft wurden.

Ziel ist, auf lange Sicht ein möglichst umfassendes Bild der enormen automobilen Vielfalt auf dem europäischen Kontinent zu zeichnen, die sich damals aus dem Wettbewerb aberhunderter Marken ergab – trotz Zollgrenzen, Sprachbarrieren und weit weniger Kommunikationsmittel als heute.

Dabei stütze ich mich hauptsächlich auf zeitgenössische Fotos und Dokumente, die ich am hiesigen Markt erwerbe oder die mir Leser zur Verfügung stellen.

Gewissermaßen ein Abfallprodukt bei dieser Vorgehensweise sind Aufnahmen von Wagen, die außerhalb meines Rechercheraums entstanden, aber als Foto oder Postkarte an Verwandte hierhergelangten.

Meist handelt es sich um Dokumente aus den Vereinigten Staaten, wo viele deutsche Auswanderer ihr Glück machten, die dann zum Beweis Bilder ihrer Automobile in die alte Heimat sandten.

In vielen Fällen sind sie sogar deutsch beschriftet, doch meist fehlt die Angabe von Hersteller und Typ – irgendeinen Wagen zu besitzen, genügte bereits vollauf, um die Zurückgebliebenen sprachlos zu machen.

So war auch der folgenden Aufnahme keinerlei Hinweis zu entnehmen, was für ein Fahrzeug darauf zu sehen ist:

Rider-Lewis_Galerie

Rider-Lewis Typ IV; Originalfoto aus Sammlung von Michael Schlenger

Motiv des Erwerbs war hier nicht die Qualität des Abzugs und nicht einmal die Aussicht, jemals das Fahrzeug identifizieren zu können, dessen Frontpartie weitgehend verdeckt ist.

Mich reizte vielmehr die Situation mit den sechs Damen, die den Wagen in Beschlag genommen zu haben scheinen, während der Fahrer danebensteht.

Zwar entsprechen die langen Kleider und opulenten Hüte ganz der europäischen Mode vor dem 1. Weltkrieg, doch verweist die schlichte Holzbauweise des Hauses im Hintergrund klar auf die USA.

Der Wagen hätte vor diesem Hintergrund alles Mögliche sein können. Seinerzeit gab es praktisch in jeder größeren Stadt in den Vereinigten Staaten Automobilhersteller, deren Produkte zwar technisch unterschiedlichen Pfaden folgten, aber äußerlich kaum zu unterscheiden waren.

Selbst wenn die Kühlerpartie nicht verdeckt gewesen wäre, hätte ich anhand eigener Ressourcen keine Chance gehabt, das Auto zu identifizieren.

Doch im weltweiten Netz ist nichts unmöglich – dort ist heutzutage ein Wissen zu Vorkriegsfahrzeugen verfügbar, das früheren Generationen an Automobilhistorikern so kaum zugänglich war.

Auch wenn ich mich ansonsten aus Online-Netzwerken weitgehend heraushalte, da mir mein reales Dasein Abwechslung, Austausch und Anregung genug bietet, habe ich die Möglichkeit schätzen gelernt, das global zerstreut vorliegende Wissen zum Thema Vorkriegswagen im Netz in strukturierter Form anzapfen zu können.

Für meine Zwecke hat sich dabei insbesondere die Facebook-Gruppe „Cars of the 1900s to 1930s“ als ergiebig erwiesen. Dort sind mehr als zehntausend Freunde und Kenner von Vorkriegswagen angeschlossen, die vor allem ein kolossales Wissen zu den unzähligen Autoherstellern haben, die es einst in in den USA gab.

Und so präsentierte ich dort mein Foto in der leisen Hoffnung, dass sich da draußen jemand findet, der mir sagen kann, was für ein Wagen darauf zu sehen ist.

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis mir eines der kenntnisreichen Mitglieder besagter Gruppe – Varun Coutinho – die Lösung in Form dieser zeitgenössischen Ansichtskarte liefern konnte:

Rider-Lewis_Type_IV_1910_Galerie

Postkarte eines Rider-Lewis, digitale Kopie bereitgestellt von Varun Coutinho via Facebook

Bereits hier fiel mir die praktisch vollständige Übereinstimmung der beiden Fahrzeuge ins Auge – auch in Details wie dem markant geformten Kasten am Ende des Trittbretts, hinter dem sich die vordere Aufhängung der Blattfeder verbirgt.

Das Beste dabei ist natürlich, dass die zur Verfügung gestellte Postkarte den Hersteller und sogar den genauen Typ des Fahrzeugs nennt.

Demnach haben wir es mit dem Vierzylindermodell Type IV des Herstellers Rider-Lewis aus dem US-Bundesstaat Indiana zu tun, das laut dem „Standard Catalog of American Cars“ von Kimes/Clark nur 1910/11 gebaut wurde.

Die Firma wurde 1908 vom Konstrukteur Ralph Lewis und seinem Geldgeber George Rider gegründet und baute anfänglich einen 45 PS leistenden Sechszylinderwagen mit fortschrittlichen Details wie kopfgesteuerten Ventilen.

1910 folgte dann der Vierzylindertyp, den wir hier sehen, doch schon im selben Jahr wurde das von Anfang an defizitäre Unternehmen unter Gläubigeraufsicht gestellt. Im Jahr 1911 erfolgte dann die Liquidation.

Rund 250 Automobile sind in dieser Zeit von Rider-Lewis gefertigt worden, womit das Unternehmen das Schicksal tausender anderer teilte, denen nur ein kurzes Dasein vergönnt war.

Somit erwies sich das von mir aus ganz anderen Motiven erworbene Foto am Ende als veritable Rarität – zumindest hier in Europa. In den USA dagegen scheint es durchaus noch mehr solcher Dokumente zu geben.

So verwies mich Varun Coutinho auf diese zweite Aufnahme eines Rider-Lewis, die ein gewisser John Frankenberger vor längerem ins Netz gestellt hatte:

Rider-Lewis_Fotopost_von_John_Frankenberger_via_Varun_Coutinho_Galerie

Postkarte eines Rider-Lewis, hochgeladen von John Frankenberger (Ort unbekannt), digitale Kopie bereitgestellt von Varun Coutinho via Facebook

Hier finden sich weitere übereinstimmende Details wie zum Beispiel das geschwungene Profil der Motorhaube vor der Schottwand und die senkrechte Linierung des Federkastens am Trittbrettende.

Dass auf meinem Foto die Windschutzscheibe fehlt, will nichts besagen, sie war bei den damaligen offenen Fahrzeugen demontierbar. Für mich besteht jedenfalls kein Zweifel daran, dass die sechs Damen und der Fahrer einst mit einem Rider-Lewis posierten.

An diesem schönen Beispiel lässt sich gut illustrieren, welchen Nutzen globale Kontakte via Internet stiften können, wenn es um die Identifikation von Vorkriegsfahrzeugen geht, an denen man sich bislang die Zähne ausgebissen hat.

Dumm nur, dass sich m.W. für europäische Marken bislang keine vergleichbar große kritische Masse im Netz zusammenschließen konnte, um solche Fälle markenübergreifend zu lösen. Daher habe ich selbst eine solche Facebook-Gruppe ins Leben gerufen, in der alle Kenner der Vorkriegsszene in Europa willkommen sind.

Bevorzugte Sprache ist Englisch, aber ich moderiere/übersetze gern auch deutschsprachige Anfrage und Beiträge und freue mich über neue Mitglieder! Besonders interessante Rechercheergebnisse sollen auch in diesen Blog einfließen.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

Fette Beute: Ein Peugeot Type 146 von 1913

Erst kürzlich hatte ich mich in meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos mit einem eher kleinen Gefährt aus dem Hause Peugeot beschäftigt – dem Lion-Peugeot VC2 von 1909. Hier ein Foto eines solchen Wagens aus einem noch älteren Blogeintrag:

Lion-Peugeot_VC2_frz_Ak_1909_Galerie

Heute stelle ich einen Wagen vor, der vom Format her typischer für die Klasse ist, in der Peugeot sich damals bewegte.

Der Vergleich macht auch deutlich, was sich seinerzeit binnen nur vier Jahren an rasanter Entwicklung vollzog – nicht nur auf technischer Ebene, sondern vor allem in formaler Hinsicht.

Tatsächlich liegen Welten zwischen den beiden Peugeot-Typen – und nebenbei werden wir mit einer weiteren großen Zäsur konfrontiert, bei der das Automobil erstmals eine über das Privatvergnügen hinausgehende Rolle spielte, dem 1. Weltkrieg.

Hier haben wir nun das gute Stück auf einem Foto aus meiner Sammlung, für das ich einige Recherchen anstellen musste – ohne es erschöpfend interpretieren zu können:

Peugeot_Type_146_ab_1913_Gouvernement_Lille_Galerie

Peugeot Type 146; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass wir hier einen Peugeot vor uns haben, ist leicht an der markant verzierten Plakette am Oberteil des Kühlergehäuses zu erkennen.

Weit schwieriger ist dagegen die Identifikation des Typs, da Peugeot vor dem 1. Weltkrieg jedes Jahr neue Modelle herausbrachte, mitunter bis zu sechs an der Zahl, die oft nicht leicht auseinanderzuhalten sind.

In Frankreich mögen Kenner damit keine Probleme haben, doch hierzulande gibt es kaum Literatur mit brauchbaren Abbildungen zu den ganz frühen Peugeots. Ein rühmliche Ausnahme ist Wolfgang Schmarbecks Standardwerk „Alle Peugeot Automobile 1899 bis 1980“, das auch schon wieder bald vierzig Jahre alt ist.

Dort fand ich genügend Anhaltspunkte, um eine Typansprache zu wagen. Die Ausgangsbasis dabei die Kühlerform, die eine zeitliche Einengung erlaubt:

Peugeot_Type_146_ab_1913_Gouvernement_Lille_Frontpartie

Bis 1912 wurden bei Peugeot komplett flache Kühler verbaut, ab 1913 werden dann  solche mit abgerundetem Oberteil Standard. Damit kommen schon einmal nur Typen der Jahre 1913 und 1914 in Betracht.

Zwar baute Peugeot auch während des 1. Weltkriegs einige tausend Automobile, doch wurden vorerst keine neuen Typen mehr entwickelt. Für die Datierung bis 1914 spricht zudem die Tatsache, dass dieser Peugeot als Beutewagen im nordfranzösischen Lille eingesetzt wurde.

Die über Jahrhunderte immer wieder umkämpfte Festungsstadt im Grenzland zu Belgien war im Oktober 1914 von deutschen Truppen besetzt worden und blieb es bis 1918. Sicher kann ein sachkundiger Leser mehr zu der Bedeutung der Aufschrift auf der Motorhaube und dem Windlauf sagen.

Besagter Windlauf – also das Blech zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe – ist hier stark aufwärts geneigt. Das findet man so noch an Peugeots von 1913, aber kaum mehr an den ab 1914 gebauten Modellen.

Für mich ein Anlass, die weitere Recherche auf die Modelle des Jahres 1913 zu beschränken.  Hier kommen folgende Typen mit Limousinenaufbau in Betracht (allesamt Vierzylinder):

  • Type 144: 2,8 bzw. 3,2 Liter, 14 bzw. 16 PS, Radstand: 3,17 m
  • Type 146 bzw. 148: 4,5 Liter, 18 PS, Radstand: 3,48 bzw. 3,61 m
  • Type 147: 7,5 Liter, 40 PS, Radstand: 3,70 m

Diese Typen unterschieden sich in erster Linie in Hubraum und Leistung sowie im Radstand. Dies schlägt sich tendenziell in der Größe der Kühleröffnung und den Gesamtdimensionen nieder.

Den Hubraumgiganten Type 147 würde ich aufgrund der noch moderat erscheinenden Abmessungen des Wagens auf meinem Foto ausschließen.

Gegen den kleinen Typ 144 sprechen zwei Details: Zum einen scheint dieser über eine gerade Vorderachse verfügt zu haben (siehe hier), während der Peugeot aus Lille über eine in der Mitte geschwungene verfügt.

Zum anderen wurden alle genannten Peugeot-Typen bis auf den 144 im Werk Lille gebaut, waren also vor Ort wahrscheinlich gut verfügbar. Die Type 144 dagegen wurde im Werk in Audincourt an der Grenze zur Schweiz gefertigt.

Das ist sicher nur ein Indiz, doch passt die verbleibende Type 146 (bzw. die längere Version 148) letztlich gut zu dem, was uns dieses Bild an Informationen liefert. Tatsächlich konnte ich im Netz ein Foto finden, das einen noch existierenden Type 146 mit insgesamt sehr ähnlichen Details zeigt (hier).

Interessant ist nicht zuletzt die Übereinstimmung in folgender Partie:

Peugeot_Type_146_ab_1913_Gouvernement_Lille_Heckpartie

Man sieht hier unterhalb des rechten angewinkelten Beins des Fahrers (mit typischem Kragenspiegel) hinter dem Schaft des auf dem Trittbrett befestigten Karabiners den geschwungenen unteren Abschluss des Passagierabteils.

Das will für sich nichts besagen, da dies eine Karosserieelement ist, das tendenziell typ- und sogar markenunabhängig war. Doch ist es eben eine weitere Übereinstimmung so wie auch die große Nabenkappe an den Hinterrädern.

Hier findet sich aber zugleich eine hochinteressante Abweichung: Dieser Peugeot des (mutmaßlichen Typs 146) war hinten mit Zwillingsreifen ausgerüstet. Platz dafür war ausreichend vorhanden unter dem Schutzblech, wie der Vergleich zeigt.

Wahrscheinlich haben wir es hier mit einer Werksmodifikation zu tun, die wohl noch vor Ankunft der deutschen Truppen in Lille erfolgt ist.

Damit hätten die Besatzungssoldaten im doppelten Sinne „fette“ Beute gemacht. Denn auch mit „nur“ 18 PS war diese Chauffeur-Limousine ein repräsentatives Fahrzeug, das zuvor wahrscheinlich einem hohen französischen Militär gedient hatte.

Mit der Zwillingsbereifung bot der Peugeot dem neuen Besitzer eine bessere Traktion an der Hinterachse, in schlammigem Gelände sicher ein Vorteil.

Hier sieht man übrigens den zweiten Fahrer hinter dem Lenkrad:

Peugeot_Type_146_ab_1913_Gouvernement_Lille_Frontscheibe

Auf diesem Ausschnitt lassen sich zudem in wünschenswerter Deutlichkeit weitere Details studieren, die bei der Identifikation anderer Peugeot-Fotos hilfreich sein können:

  • der in das abgeschrägte Kühleroberteil eingelassene Kühlwassereinfüllstutzen mit oben pilzfömig abgerundetem Deckel und Griffmulden,
  • der im Windlauf schrägstehende Tankeinfüllstutzen,
  • die Ausführung des feststehenden Frontscheibenrahmens mit mittiger Unterteilung und ausstellbarem Oberteil

Insgesamt ist das ein ausgezeichneter Befund für einen über 100 Jahre alten Peugeot, auch wenn die Typansprache letztlich auf einer Reihe von Indizien beruht.

Wer mehr zu diesem speziellen Fahrzeug, seinem Einsatzort auf deutscher Seite oder gar zum möglicherweise prominenten Passagier sagen kann, möge dies über die Kommentarfunktion tun.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Fund des Monats: Maurer-Union Typ IVc um 1908

Heute reise ich über 110 Jahre zurück in die Vergangenheit – nach Nürnberg, um genau zu sein. Denn dort entstand einst der Union-Wagen, den ich anhand eines raren Fotos aus meiner Sammlung vorstellen darf.

Liebhaber deutscher Vorkriegsautos mögen beim Stichwort „Union“ an die Auto-Union der 1930er Jahre denken, unter der nicht nur die Traditionsmarken Audi, DKW, Horch und Wanderer zusammengefasst waren, sondern auch Rennwagen entstanden, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte und deren legendärer Ruf bis heute nachhallt.

Auf Fotos von Auto-Union-Rennwagen müssen die Leser meines Blogs noch ein wenig warten – es ist nicht einfach, auf diesem Sektor etwas „Neues“ hervorzuzaubern – doch einige kaum bekannte Bilder und Dokumente will ich gelegentlich zeigen.

Zu den „zivilen“ Marken der Auto-Union findet sich in meinem Blog natürlich einiges, wie ein Blick auf  die  Schlagwortwolke oder auch in die einschlägigen Galerien beweist.

Nein, die „Auto Union“, von der ich heute erzählen möchte, hat einen ganz anderen Hintergrund – sowohl was ihre Blütezeit als auch die Region angeht, wo sie einst angesiedelt war.

Der eine oder Kenner mag nun an die „Maurer-Union“-Wagen denken, die ab 1901 in Nürnberg entstanden. Mit diesen eigenwilligen Kleinwagen, die über einen wassergekühlten Einzylindemotor und einen Reibradantrieb (statt eines Getriebes) verfügten, kommen wir der Sache schon näher.

Maurer-Union_Reklame_um_1900_Galerie

Maurer-Union; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Der Konstrukteur des Gefährts, ein begabter Mechaniker namens Ludwig Maurer, hatte sich im Jahr 1900 mit der Nürnberger Motorfahrzeugefabrik Siebe und der Düsseldorfer Maschinenfabrik Union zusammengetan – die neugegründete Firma hieß nun Nürnberger Motorfahrzeugefabrik Union, System Maurer GmbH“.

Einige Jahre lang produzierte das Unternehmen erfolgreich Automobile nach Maurers Entwürfen, der übrigens zuvor Werkmeister bei der Motorradfirma Hildebrandt & Wolfmüller in München gewesen war, der ersten Motorradfabrik der Welt.

1904 wurde der Maurer-Union-Wagen mit einem Zweizylindermotor ausgestattet und 1905 folgte ein Vierzylinder der Mittelklasse, der Typ IIIc 14 PS.

Bei diesen größeren Modellen experimentierte Maurer mit allen möglichen technischen Lösungen, unter anderem einer Ventilsteuerung über obenliegende Nockenwelle mit Königswellenantrieb. 

Wie so oft, wenn der Erfindergeist nicht von kühler kaufmännischer Ratio eingehegt wird, stand Maurers ständiges Experimentieren einer rationellen Serienfertigung der Vierzylindertypen im Weg.

Angesichts fallender Absatzzahlen zogen die Kapitalgeber 1908 die Notbremse und Ludwig Maurer musste das Unternehmen verlassen.

Die bisherige GmbH wurde liquidiert und noch 1908 wurden alle Aktiva in die neugegründete Automobilwerke Union AG mit Sitz in Nürnberg überführt. Könnte die folgende Aufnahme bei diesem Anlass entstanden sein?

Union_Nürnberg_ab_1908_wohl_12-22_PS_Galerie1

Union-Wagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von der Datierung hier könnte das zumindest passen. Der Wagen mit seiner rechtwinklig auf die Armaturentafel treffenden Motorhaube ist mit Sicherheit nicht später als 1908/09 entstanden.

Von den Dimensionen her könnte es sich um einen Vierzylinder des Typs IVc 12-22 PS handeln, denkbar ist auch das Schwestermodell 18-33 PS mit Sechszylindermotor.

Man sieht: Aus der Kleinwagenproduktion der Maurer-Union waren am Ende erwachsene Fahrzeuge geworden, die zumindest äußerlich kaum von der Konkurrenz zu unterscheiden waren.

Zum Glück hatte man „Union Nürnberg“ auf den Kühlergrill gemalt, sonst wäre dieser Wagen wohl auf ewig ein Rätsel geblieben.

Union_Nürnberg_ab_1908_wohl_12-22_PS_Galerie2

Was die hier – überwiegend – in Sektlaune posierenden Herren und Damen zum Aufnahmezeitpunkt nicht wissen konnten, war dies:

Der erhoffte Erfolg ohne den alten Konstrukteur Maurer blieb aus und schon 1909 wurde die Nürnberger Union an einen neuen Investor – die Nürnberger Feuerlöschgeräte- und Maschinenfabrikweitergereicht.

Bis 1911 führte man den Fahrzeugbau dort noch fort, dann fand das Kapitel des Automobilbaus in Nürnberger Geschichte sein Ende. Insofern sehen wir in dem heute vorgestellten Foto den Abgesang einer zeitweilig durchaus bedeutenden Marke.

Was aber wurde aus Ludwig Maurer? Nun, ein Erfinder wie er konnte trotz Konkurrenzverbots von der alten Leidenschaft nicht lassen.

Nur drei Monate nach Ausscheiden aus der Nürnberger Union war er in einem auf den Namen seiner Frau angemeldeten Unternehmen wieder aktiv, zunächst im Autoreparaturgeschäft. Später baute er unter anderem einen Motorschlitten.

Nach Militärdienst im 1. Weltkrieg betätigte sich Maurer zeitweilig als visionärer Konstrukteur im Motorradsegment. In den frühen 1920er jahren entwickelte er die erste Zweitakt-Zweizylinder-Maschine Deutschlands mit 500ccm Hubraum.

Daneben experimentierte er abermals mit einem Kleinwagen, der aber nicht in Serie ging. Maurer starb 1936 und seine Kinder führten das Unternehmen fort. Zwar fielen die beiden Söhne im 2. Weltkrieg, doch die Familie Maurer hielt die Tradition im Fahrzeugbau bis 1971 aufrecht – zuletzt als Vertretung von Magirus-Deutz.

Soviel Geschichte kann in einem einzigen alten Autofoto stecken. Wer sich nun fragt, woher ich mein Wissen zu Maurer und seinen Konstruktionen beziehe, sei auf diese Quelle im Netz verwiesen – denn die gedruckte Literatur bleibt hier an der Oberfläche.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

 

Rarität aus Zwickau: Audi Typ B 10/28 PS Tourenwagen

Dem heutigen Audi-Besitzer gibt der Titel meines heutigen Blog-Eintrags womöglich Rätsel auf: Ein Audi aus Zwickau, nicht aus Ingolstadt? Und eine Rarität, kein Großserienwagen?

Nun, vor über 100 Jahren war so ziemlich alles anders in Deutschland, auch die Welt der Automobile, die damals noch jung und voller Tatendrang war:

1909 verließ ein gewisser August Horch das unter seinem Namen firmierende Unternehmen im sächsischen Zwickau aufgrund interner Querelen.

Rasch gelang es Horch, das Kapital für eine Neugründung einzusammeln. Brilliant war die Namensgebung der neuen Firma: „Audi“ bedeutet „Horch!“ auf Lateinisch, klingt außerdem nach „Auto“ und ist den meisten Sprachen mühelos auszusprechen.

Ab 1910 wurden die ersten Audis gebaut – natürlich in Zwickau, damals einer der wichtigsten Standorte der deutschen Autoindustrie. Die Stückzahlen blieben gering, Audi wollte von Anfang als Qualitätsmarke wahrgenommen werden.

Großes Ansehen brachten die Siege bei der gefürchteten Österreichischen Alpenfahrt 1911-14, die sich zuletzt über knapp 3.000 km mit 30 Alpenpässen erstreckte. So wundert es nicht, dass die hervorragend konstruierten Audi-Wagen einige Jahre lang dieselbe Exklusivität genossen wie die Autos von Horch.

Ein schöner Beleg dafür ist die folgende Originalreklame aus meiner Sammlung, die im Kriegsjahr 1915 publiziert wurde:

Audi_Typ_D_Reklame_1915_Galerie

Audi Typ D 18/45 PS; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Ein Ausschnitt daraus, der nur den Wagen zeigt, ist auf Seite 53 des Standardwerks „Audi Automobile 1909-1945“ (Verlag Delius-Klasing, 2. Auflage 2015) abgebildet.

Das Foto ist identisch, bloß ist die Beschriftung in dem sonst hervorragenden Werk fehlerhaft. Der Audi gehörte nämlich nicht dem sächsischen Kronprinzen, sondern dem König von Sachsen, der den deutschen Kronprinzen an der Westfront besuchte – wie aus der originalen Reklame eindeutig hervorgeht.

Zwar ein vernachlässigbarer redaktioneller Fehler, doch zeigt sich einmal mehr, dass man nicht alles für bare Münze nehmen sollte, was in der Literatur geschrieben steht.

Nach dem 1. Weltkrieg baute Audi zunächst die Vorkriegstypen weiter, so auch diesen Wagen, um den es heute geht:

Audi_Typ_B_10-28_PS_Nachkrieg_Galerie

Audi Typ B 10/28 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vielleicht erinnert sich einer meiner Leser daran, dass ich vor längerem bereits eine Vorkriegsversion des Audi Typ B 10/28 PS vorgestellt habe (hier).

Dort war die Kühlergestaltung noch eine andere, und das Audi-Emblem war plan in das Oberteil des Kühlergehäuses eingelassen:

Audi_Typ_B_Tourenwagen_vor_1914_Frontpartie

Auch Details wie der hoch aufragende Windlauf – das strömungsgünstige Blech zwischen Motorhaube und Frontscheibe – sind Hinweise auf eine frühe Entstehung dieses ab 1911 gebauten Audi mit 2,6 Liter messendem Vierzylindermotor.

Die Scheinwerfer und Positionsleuchten waren bei diesm Exemplar noch gasbetrieben und fehlen hier ganz – damals montierte man die empfindlichen Laternen mitunter nur für Nachtfahrten.

Gegen Ende des 1. Weltkriegs hatte sich elektrische Beleuchtung als Standard durchgesetzt, was für eine spätere Entstehung des Audis auf dem heute vorgestellten Foto spricht:

Audi_Typ_B_10-28_PS_Nachkrieg_Frontpartie

Weitere Unterschide sind die nun waagerecht verlaufende Motorhaube und der flacher ausgeführte Windlauf – außerdem das leicht nach unten geneigte „Audi“-Emblem, das zudem etwas in das Kühlernetz hineinragt.

Da das letztgenannte Detail auf dem obigen Ausschnitt nur schlecht zu erkennen ist, wenn man es nicht bereits woanders gesehen hat, habe ich folgende Aufnahme eines noch existierenden Audi des stärkeren Schwestermodells Typs C 14/35 PS eingefügt, der parallel zum Typ B verfügbar war und bis 1925 gebaut wurde:

Audi_Typ_C_ClassicDays_2017_Frontpartie

Audi Typ C 14/35 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Diese Aufnahme habe ich 2017 bei den Classic Days auf Schloss Dyck am Niederrhein angefertigt. Nebenbei ist das Foto ein Beleg für die außergewöhnliche Qualität der Fahrzeuge, die zum hierzulande einzigartigen Rang der Veranstaltung beiträgt.

Wann genau Audi zu dieser Gestaltung des Markenemblems überging, konnte ich bislang nicht genau ermitteln – die mir zugänglichen Fotos sprechen für das Jahr 1914.

Übrigens war es gar nicht so einfach, eine Belegaufnahme für den Audi Typ B 10/28 PS zu finden, die mit meinem Foto übereinstimmt. Dabei war jedoch nicht nur das genaue Studium der Kühlerpartie hilfreich, sondern auch ein Detail an der sonst meist wenig individuellen Karosserieflanke:

Audi_Typ_B_10-28_PS_Nachkrieg_Seitenpartie

Markant ist nämlich die Gestaltung des Kastens am hinteren Endes des Trittbretts, hinter dem sich die Aufnahme für die Blattfeder der Hinterachse befindet. Auch die Ausführung des Heckschutzblechs und die Platzierung der Tür finden sich genau so auf einer originalen Abbildung in einem Zeitungsartikel, der sich mit der Audi-Geschichte befasste.

Auch sonst stimmt der dort abgebildete Audi Typs B 10/28 PS vollkommen mit „meinem“ überein. Nur mit der Datierung auf das Jahr 1911 bin ich nicht einverstanden – vermutlich bezog sich die Angabe im Artikel auf den Baubeginn des bis 1917 hergestellten Typs (1911 entstand nur 1 Wagen des Modells).

Ganze 350 Stück sollen in dem Zeitraum vom Audi Typ B 10/28 PS gefertigt worden sein. Bislang ist nur ein überlebendes Exemplar bekannt, das sich im sehenswerten Horch-Museum in Zwickau befindet, wo für über 100 Jahren alles begann..

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

.

Nur 7 PS, aber schon lebensgefährlich: Apollo „Piccolo“

Der heutige Autofahrer, der so sicher, sauber und geräuscharm wie nie zuvor reisen kann, verdankt sein fast anstrengungs- und risikoloses Dasein dem Erfindungsgeist, dem Mut und Beharrungsvermögen von Pionieren aus über 120 Jahren.

Der Grad der Vollkommenheit moderner Kraftfahrzeuge wird jedoch oft entweder als Selbstverständlichkeit betrachtet oder von Lobbygruppen abgestritten, die ausgerechnet in den besten Autos aller Zeiten die Wurzel vielfältiger Übel sehen.

Die Konfrontation mit den Wagen der Frühzeit ist in beiden Fällen ausgeprochen heilsam. Die damaligen Standards in punkto Effizienz, Sicherheit und Umweltbelastung waren aus heutiger Sicht haarsträubend.

Für die frühen Automobilisten zählte vor allem eines: Zuverlässigkeit und Reichweite. Erst diese beiden Eigenschaften sorgten für die ersehnte Unabhängigkeit von Pferdekutsche, Eisenbahnfahplänen und Batterieladungen.

Dass die neugewonnene Autonomie oft auf Kosten der nicht motorisierten Mitmenschen ging, wurde lange in Kauf genommen. So gehörte das Motiv des von rücksichtslosen Benzinkutschern über den Haufen gefahrenen Fußgängers bis zum 1. Weltkrieg zum Repertoire von Karikaturisten.

Manche frühen Autobesitzer machten sogar scherzhafte Aufnahmen, die solche Situationen simulierten, etwas diese aus dem Jahr 1908:

unbek_evtl_frz_Ak_1908_Galerie

unbekanntes Automobil, Postkarte von 1908 aus Sammlung Michael Schlenger

Nebenbei: Wenn ein Leser eine Idee zum Hersteller dieses Wagens hat, würde ich mich über einen Hinweis freuen.

Doch lebten auch die Pioniere der Automobilität selbst nicht gerade ungefährlich: Leistungsfähige Bremsen oder splittersicheres Glas setzten sich erst ab Mitte der 1920er Jahre durch, Gurte und Knautschzonen erst ab den 1960er Jahren.

Vor diesem Hintergrund relativieren sich selbst die aus heutiger Sicht niedrigen  Geschwindigkeiten bei Kleinwagen, die bis vor dem 1. Weltkrieg oft keine 10 PS leisteten.

Dass man als Besitzer eines solchen „Geschosses“ durchaus gefährlich lebte, zeigt eine historische Originalaufnahme, die ich erst kürzlich erworben habe. Sie zeigt ein Fahrzeug, das ich bereits anhand eines Fotos von 1931 vorgestellt habe:

Apollo_Piccolo_7_PS_von_1907_Mai_1931_Galerie

Apollo „Piccolo“ von 1907; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei der damaligen Besprechung zeigte sich, dass das auf der Haube aufgemalte Baujahr „1902“ falsch sein muss. Denn es handelt sich um das erst ab 1907 in dieser Form verfügbare Modell „Piccolo“, das von den Automobilwerken Ruppe & Sohn im thüringischen Apolda gebaut wurde.

Da die Firma ab 1910 in „Apollo“ umbenannt wurde, sortiere ich die bisher aufgetauchten Originalaufnahmen solcher frühen Modelle ebenfalls unter „Apollo“ ein – es handelt sich dabei um Raritäten, wie sie die Literatur nur teilweise bietet.

Auch das Modell Piccolo mit seinem luftgekühlten Zweizylindermotor, das ab 1907 ganze 7 PS aus 800ccm leistete, ist in den einschlägigen Druckwerken fast nur in alten Prospektabbildungen vertreten.

Heute kann ich nun eine kurz nach dem 1. Weltkrieg entstandene Aufnahme zeigen, die auf scherzhafte Weise von den Gefahren erzählt, denen man einst als Pionier der motorisierten Kutsche ausgesetzt war:

Apollo_Piccolo_Angriff_Galerie

Apollo „Piccolo“ 7 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Natürlich ist dieser „Überfall“ sich aufgebracht gebender Fußgänger auf einen wackeren Automobilisten nur gestellt.

Die Situation hat etwas Theatralisches und die Männer, die den armen Fahrer hier scheinbar so entschlossen angehen, könnten von Mimik und Körperhaltung her Schauspieler sein.

Für einen spaßeshalber entstandenen Schnappschuss wirkt die Szene zu inszeniert. Möglicherweise war diese Aufnahme zur Publikation vorgesehen, in welchem Kontext auch immer.

Dass es sich bei dem Wagen tatsächlich um einen Typ „Piccolo“ aus dem Hause Ruppe & Sohn („Apollo“) handelt, belegt der Vergleich des Schriftzugs auf der Kühlerattrappe mit der Aufnahme eines auch sonst identischen Zweisitzers im verdienstvollen Standardwerk zu ostdeutschen Automarken „Ahnen unserer Autos“ von Gränz/Kirchberg (Verlag Transpress, 1975).

Im Unterschied zu sämtlichen mir bekannten Abbildungen dieses Typs ist hier eine höhenverstellbare Windschutzscheibe montiert. Was diese bei einem Unfall mit den Insassen anrichtete, stellt man sich besser nicht vor.

Ja, die Automobilisten der Pionierära lebten ausgesprochen gefährlich. Doch ihrem Mut und ihrer Leidensfähigkeit verdanken wir eine heute bis auf’s Äußerste verfeinerte Erfindung, ohne die unser moderner Lebensstandard nicht vorstellbar wäre.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ideal in jeder Kurve: NAG Typ C4 10/30 PS

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ – wer kennt nicht dieses Zitat? Man nutzt es gern, um sein Geschmacksurteil als ebenso legitim wie jedes andere zu rechtfertigen.

Ich meine: Wer Zitate irgendwelcher Geistesgrößen bemüht, hat eine schwache Position, da es ihm offenbar an eigenen Argumenten und damit an Urteilskraft mangelt.

Kurios wird es dann, wenn sich der vermeintliche Urheber universeller Weisheiten wie der genannten bei näherer Betrachtung verflüchtigt.

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ wird im deutschen Sprachraum gern Goethe zugeschrieben, der aber als Klassizist sehr resolute Vorstellungen davon hatte, was als schön gelten darf und was nicht.

In Großbritannien nennt man als Urheber wahlweise den schottischen Philosophen David Hume oder einen der zuverlässigsten Zitatelieferanten überhaupt: William Shakespeare (z.B. in „Love’s Labour’s Lost)“.

Wiederum andere schreiben die Sentenz den alten Griechen zu und verweisen auf sinngemäße Feststellungen von Platon oder Thukydides.

Gemeinsam ist ihnen: Keiner hat je ein Automobil erblickt und so fehlten ihnen die Maßstäbe, ein ästhetisches Urteil über eine Schöpfung wie zum Beispiel diese zu fällen.

unbek_Cabriolet_Dortmund_Galerie

unbekanntes Cabriolet der 1930er Jahre, aufgenommen in Dortmund

Ich wage die Behauptung, dass sich kaum jemand finden wird, der die Linien dieses bislang unidentifizierten Wagens als „nicht schön“ – also ausdrücklich als „hässlich“ –  bezeichnen würde.

Das hat meiner Überzeugung nach damit zu tun, dass die meisten Menschen organische, geschwungene Formen als angenehm empfinden. In der Natur, aus der wir stammen, gibt es nun einmal kaum gerade Linien, sondern fast nur Kurven.

Wer der Natur nicht völlig entfremdet ist, empfindet spontan Vertrautheit mit sanften Bögen, opulenten Rundungen und spannungsreichen Linien. Das ist ein uraltes Erbe, dass durch ein paar Jahrtausende Sesshaftigkeit nicht zunichtegemacht wurde.

Es mag ja mancher intellektuellen Zugang zum Diktat des rechten Winkels und der geraden Linie der Bauhaus-Ideologie gefunden haben. Mir ist diese in Deutschland besonders verbreitete Leidenschaft für unorganische Formen unheimlich.

Für mich entfaltet sich Meisterschaft in der Formgebung eines Industrieprodukts eher in Beispielen wie diesem:

Hanomag_1.3_Liter_1950_Galerie

Hanomag 1,3 Liter; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es fällt schwer, an diesem Hanomag auch nur eine gerade Linie zu finden und dennoch kommt seine von der Stromlinie beeinflusste Karosserie ganz ohne Zierrat aus.

Als schön würde ich den Wagen zwar nicht bezeichnen, dafür fehlt ihm schlicht die Länge, die es braucht, damit sich solche Formen voll entfalten können und am Ende schlüssig zueinanderfinden.

Doch ist dieser letzte Hanomag für mich ein gutes Beispiel für den plastischen Reiz, den organische Formen ausüben können. Eine derartige Dreidimensionalität und Dynamik kann nun einmal nicht von einem Ziegelstein auf Rädern ausgehen

Damit wäre ich beim eigentlichen Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags:

NAG_C4_Frontansicht_Kehre_Galerie

NAG Typ C4 10/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Tourenwagen, der hier aus außergewöhnlicher Perspektive abgelichtet wurde, verkörpert für mich idealtypisch das Konzept der von Bögen und Kurvaturen geprägten Karosserie, das in deutschen Landen bis in die 1920er Jahre fortlebte.

Der Wagen als solcher – ein NAG Typ C4 10/30 PS aus Berlin – stellt keineswegs eine Besonderheit dar. Er wurde in der ersten Hälfte der 1920er Jahre mit den unterschiedlichsten Karosserien gebaut.

Allein in meiner NAG-Galerie finden sich mehr als ein Dutzend Originalfotos dieses Typs und ich habe meine Zweifel, dass von diesem Modell wirklich nur „höchstens ca. 5.000 Exemplare“ entstanden, wie es in der älteren Literatur heißt (vgl. W. Oswald: Deutsche Autos 1920-1945).

Sicher bezieht dieses Modell einen Großteil seiner Wirkung aus der raffinierten Verwandlung des NAG-typischen Ovalkühlers in einen Spitzkühler, wie er seit 1913/14 Mode im deutschsprachigen Raum war.

Folgende Ausschnittsvergrößerung lässt ungewöhnlich gut erkennen, wie sich ausgehend von der ovalen Kontur des Kühlers die Karosseriesilhouette entlang der Motorhaube bis zum Fahrgastraum weiterentwickelt:

NAG_C4_Frontansicht_Kehre_Ausschnitt

Hier wird unmittelbar erkennbar, woher die Bezeichnung „Tulpenkarosserie“ für einen derartigen Aufbau herrührt – wie die Blüte einer Blume öffnet sich der Wagenkörper nach hinten immer weiter.

Aus dieser Perspektive mag deutlich werden, dass es der Kunst von Bildhauern bedurfte, um, eine derartige sich in drei Dimensionen kontinuierlich entfaltende Form aus Holz und Stahl zu schaffen.

Natürlich fielen auch die Vorderschutzbleche dieses NAG nicht aus einer seelenlosen Stanze – sie wurden von Hand über Holzformen aus dem Blech getrieben und man sieht ihnen an, dass sie keine exakten Spiegelbilder voneinander waren.

Wie bei einem schönen Gesicht die eine Hälfte nicht völlig der anderen entspricht, waren es kleine Abweichungen von der Symmetrie, die die Spannung und Persönlichkeit eines derartigen Fahrzeugs ausmachten.

Ein letztes Mal entfaltete sich solche Meisterschaft und organische Formgebung in den italienischen Manufakturkarosserien der 1960er Jahren. Auch dort kam außer spannungsreichen Bögen und schwellenden Formen fast kein Dekor zum Einsatz.

Wer je ein Auto jener Zeit mit individueller Karosserie restauriert hat, weiß um die Herausforderungen, die schon mit dem Einpassen des Kotflügels oder der Tür eines Spenderfahrzeugs verbunden sind.

Eigentlich passt nichts zusammen, weil jedes dieser Fahrzeuge eine eigene Linie, eine Persönlichkeit hatte. Das ist es – unter anderem – was seit damals verlorengangen ist.

Und das ist zugleich das Geheimnis der Magie früher Vorkriegsfahrzeuge wie zum Beispiel dieses Benz-Wagens von 1910, dessen Gestaltungslogik sich im NAG Typ C4 der frühen 1920er Jahre ein letztes Mal widerspiegelt:

Benz_Prinz_Heinrich_1910_Ausschnitt0

Benz von 1910; Bildrechte: Michael Schlenger

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Pionier des Fortschritts: Panhard & Levassor von 1908

Heute geht es in meinem Blog für Vorkriegsautos auf historischen Fotos 111 Jahre zurück in die Vergangenheit – ins Jahr 1908.

Dabei haben wir den seltenen Fall, dass sich nicht nur die Aufnahme datieren lässt – sie entstand im Oktober 1908 irgendwo in Frankreich – auch das Baujahr des darauf abgebildeten Wagens lässt sich auf das Jahr genau bestimmen – ebenfalls 1908.

Hier haben wir das Prachtstück:

Panhard_Pk_10-1908_Galerie

Panhard & Levassor von 1908; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Hersteller ist anhand des markanten Kühlergehäuses ebenfalls eindeutig zu bestimmen: Es handelt sich um ein Fahrzeug von Panhard & Levassor, dem ersten Hersteller eines Serienwagens mit Benzinmotor in Frankreich.

Kenner der Pionierära wissen, dass Panhard & Levassor zusammen mit De Dion-Bouton das in Deutschland von Daimler und Benz erfundene Auto so weit verbesserten, dass es anschließend seinen internationalen Siegeszug antreten konnte.

So wie Bertha Benz 1888 mit ihrer legendären Langstreckenfahrt im Auto ihres Mannes Carl den entscheidenen Impuls zur Marktreife der neuen Erfindung gegeben hatte, war es auch im Fall von Panhard & Levassor eine Frau, die im entscheidenden Moment das Richtige tat, und das ging so:

Emile Levassor, eine der beiden Inhaber des auf das Jahr 1846 zurückgehenden und seit 1886 als Panhard & Levassor fimierenden Maschinenbauunternehmens war mit einem belgischen Ingenieur namens Edouard Sarazin befreundet.

Sarazin verfügte über Kontakte zum deutschen Motorenhersteller Deutz, wo bis 1882 Gottlieb Daimler beschäftigt war. Nachdem Daimler sich selbständig gemacht hatte,  wurde Sarazin sein Vertreter bei der Sicherung seiner Patente in Frankreich.

Als Edouard Sarazin 1887 unvermittelt starb, trat seine Witwe Louise auf den Plan. Sie überzeugte Emile Levassor, den Kontakt ihres verstorbenen Mannes zu Daimler für die Zwecke von Panhard &  Levassor zu nutzen. 

Zusammen mit Levassor reiste Louise Sarazin 1888 zu Daimler nach Bad Cannstadt.  Dort stieß Levassor nicht nur auf den ihm bereits bekannten Einzylindermotor, sondern auch auf eine interessante neue Zweizylinderkonstruktion.

Panhard & Levassor erwarben eine Lizenz zum Nachbau dieses Zweizylinders und statteten damit ihren ersten Wagen aus – den Typ P2D 2 CV, der Ende 1890 fertig wurde.

Maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung von Panhard & Levassor, selbst Automobile zu bauen, hatte einmal mehr Louise Sarazin, die noch 1890 Levassor heiratete – ein weiteres Beispiel dafür, wie kluge Frauen vor über 100 Jahren subtil Macht ausübten.

Keine 20 Jahre später, als das oben präsentierte Foto von 1908 entstand, gehörte Panhard & Levassor zu den international bedeutendsten Automobilherstellern und hatte die deutsche Konkurrenz längst überflügelt.

Das Jahr 1908 war in zweifacher Hinsicht bedeutsam für die Automobile von Panhard: Zum einen setzte sich eine formale Lösung durch, die eine schrittweise weitere Verschmelzung bis dato unabhängiger Elemente des Aufbaus ankündigte.

So wurde ab dann das Vorderschutzblech, das zuvor vor dem Trittbrett weiter nach unten reichte, nun in den meisten Fällen so ausgeführt, dass es in elegantem Bogen an die Horizontale des Trittbretts anschloss.

Folgender Bildausschnitt lässt dies erkennen:

Panhard_Pk_10-1908_Ausschnitt1

Zu sehen sind in dieser Ausschnittsvergrößerung weitere reizvolle Details:

  • die facettierte Ausgestaltung der Kühlergehäuses, die durch feine, von Hand gezogene Zierlinien zusätzliche Plastizität erhält,
  • der markante Verschluss des Kühlwassereinfüllstutzens, dessen Gestaltung sich an klassischen Gefäßformen orientiert
  • die niedergelegte Windschutzscheibe mit poliertem Messingrahmen
  • die prachtvollen Positionsleuchten, die mit Petroleum betrieben wurden
  • die Halter der gasbetriebenen Frontscheinwerfer, die damals oft nur bei Nachtfahrten montiert wurden, um sie vor Steinschlag zu schützen.

Wer genau hinsieht, kann am in Fahrtrichtung linken Scheinwerferhalter ein herabhängendes Lederband erkennen. Dieses diente während der Fahrt der Fixierung der Anlasserkurbel.

Dass das Band auf dem Foto abgenommen ist, lässt erkennen, dass der Wagen im Anschluss an das Foto in Betrieb genommen werden sollte – sofern nicht vergessen worden war, es anlässlich der letzten Fahrt wieder zu fixieren.

Die andere bedeutende Veränderung neben der erwähnten Weiterentwicklung der Karosserieelemente betraf die Kraftübertragung auf die Hinterachse.

Nachdem gegen Ende 1907 erstmals ein Panhard & Levassor mit Kardan- statt Kettenantrieb vorgestellt worden war – das Modell 15 PS – kamen 1908 zwei weitere Kardanmodelle mit 10 und 18 PS hinzu.

Nur die beiden großen Modelle 24 PS und 35 PS wurden noch in nennenswerten Stückzahlen ausschließlich mit Kettenantrieb hergestellt.

Welche der insgesamt gut ein Dutzend gängigen Motorisierungen mit Hubräumen von 1,8 bis über 7 Liter „unser“ Panhard & Levassor aufwies, muss wohl offen bleiben.

Vermutlich wird es sich den Proportionen nach zu urteilen um eines der mittelgroßen Modelle 15 bis 24 PS gehandelt haben (3,5 bis 5,3 Liter Hubraum). Annähernd 700 solcher Fahrzeuge baute Panhard & Levassor 1908.

Der Wagen auf dem Foto dürfte frisch angeliefert worden sein und das Besitzerpaar posiert für das damals übliche Foto mit dem stolzen Ehemann am Steuer:

Panhard_Pk_10-1908_Ausschnitt2

Recht gut zu erkennen sind an der Schottwand vor der Lenksäule die senkrechten Druckknöpfe, über die wichtige Schmierstellen mit Öl versorgt wurden.

Übrigens verkörpert die Beifahrerin einen selbstbewussten und durchsetzungsfähigen Frauentyp, der im damaligen Großbürgertum nicht selten gewesen zu scheint.

Der junge Mann mit der Schirmmütze und dem fein geschnittenen Gesicht auf dem Rücksitz ist mit Sicherheit der Chauffeur und damit der eigentliche Herr dieses prachtvollen Panhard & Levassor.

Mit der Verantwortung für den zuverlässigen Betrieb dieses teuren Luxuswagens und die sichere Beförderung seiner Insassen genoss ein Fahrer damals eine außerordentliche Vertrauensposition. 

Die Beherrschung und Instandhaltung einer dieser neuartigen Fahrzeuge verlieh ihm eine herausgehobene Stellung. Hinzu kam, dass in den exklusiven Kreisen der damaligen Automobilisten perfekte Manieren erwartet wurden.

Wie so oft bei Betrachtung dieser Bilder aus längst vergangene Zeit fragt man sich, wie wohl der weitere Lebensweg der Menschen ausgefallen sein mag, die uns über den Abstand von weit mehr als 100 Jahren in die Augen schauen.

Leider werden wir nichts mehr darüber in Erfahrung bringen – es sei denn, man hat mit einem der seltenen Fälle zu tun, dass sich auf diesen Dokumenten einer untergegangenen Welt prominente Personen identifizieren lassen.

Sicher nicht prominent war die junge, schlicht gekleidete Dame, die mit Hund neben dem Panhard & Levassor posiert:

Panhard_Pk_10-1908_Ausschnitt3

Aufgrund der langen Belichtungszeit der damaligen Plattenkameras findet sich auf Aufnahmen jener Zeit selten ein spontanes Lächeln. Doch meine ich, dass um die Lippen dieser Unbekannten durchaus etwas Freundliches spielt.

Welche Rolle mag sie in dem Haushalt der Besitzer des eindrucksvollen Panhard & Levassor gespielt haben, dass sie ebenfalls auf dem Foto mitposieren durfte?

Wie immer sind Ideen und Anmerkungen dazu und auch zu anderen Details willkommen und finden gegebenenfalls Eingang in diesen Blogeintrag.

Einige weitere Fotos von Wagen der Marke Panhard & Levassor schlummern in meinem Fundus, doch erfordert eine genaue Ansprache noch einige Recherchen.

Unterdessen empfehle ich allen, die sich für die Markengeschichte interessieren, ein Buch, das für mich einen einzigartigen Rang einnimmt, da es jedes einzelne Baujahr umfassend abhandelt und dabei eine Fülle von Originalfotos (nicht nur Prospektabbildungen) zeigt wie kaum ein Buch zu deutschen Vorkriegsmarken:

Bernhard Vermeylen: Panhard & Levassor – Entre Tradition et Modernité, Verlag ETAI, 2005, ISBN: 2-7268-9406-2

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Exklusives Arbeitsumfeld: Ein Opel Landaulet von 1909

Es gibt Zeitgenossen, die die 5-Tage-Arbeitswoche, 6 Wochen bezahlten Urlaub und x Feiertage pro Jahr ernsthaft für einen Anschlag auf die „Work-Life-Balance“ halten.

Interessanterweise hört man solches kaum von Arbeitern bei der Müllabfuhr, im Garten- und Landschaftsbau oder im Baugewerbe. Gejammert wird vorzugsweise von Insassen beheizter und klimatisierter Büros mit einer EDV-Ausstattung, deren Leistungsfähigkeit den effektiven Arbeitsaufwand auf ein Minimum reduziert.

Ich gehöre selbst zur Fraktion dieser Schreibtischtäter und weiß, dass auch konzentrierte Kopfarbeit und der Umgang mit einer großen Informationsfülle unter Zeitdruck Kraft kosten und einen am Ende eines Tages ausgelaugt zurücklassen kann.

Aber zu behaupten, das „Leben“ komme beim heutigen Umfang an Freizeit zu kurz, erscheint kühn, abgesehen davon, dass die Arbeit Teil unseres Daseins ist. Heilsam ist da die Konfrontation mit den Lebensverhältnissen unserer Vorfahren in der Frühzeit des Automobils.

Ein Beispiel dafür ist Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags und man mag daran ermessen, wie exklusive Arbeitsplätze vor 110 Jahren aussahen, nämlich wie auf folgendem Originalfoto aus meiner Sammlung:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Galerie

Opel Landaulet von ca. 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den meisten Freunden von Vorkriegsautos ist zwar klar, dass es sich hierbei um ein frühes Automobil handeln muss. Doch wie es einzuordnen ist oder wie Hersteller und Baujahr herauszufinden sind, das ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln.

In der Tat ist die Akribie eines Archäologen gefragt, der kleinsten Details Beachtung schenkt und eine Vorstellung von der Chronologie bestimmter Merkmale hat.

Auch im heutigen Fall ist es entscheidend, alle mit dem Foto verknüpften Informationen auszuwerten und Vergleichsstücke in die Betrachtung einzubeziehen.

Wertvolle Hinweise, wo wir mit der Suche beginnen sollten, geben Absender, Adressat und Datum der Postkarte, auf der dieser Wagen einst abgebildet war. So lief diese Karte im August 1909 vom hessischen Darmstadt ins knapp 60 Kilometer entfernte Städtchen Langenselbold bei Hanau.

Damit haben wir ein starkes Indiz – wenn auch keinen Beweis – dafür, dass der abgebildete Wagen von einem deutschen Hersteller stammt. Des weiteren besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass das Fahrzeug in der Region hergestellt wurde – auch wenn das natürlich nicht zwingend der Fall sein muss.

Vielversprechend erscheint daher eine nähere Betrachtung zeitgenössischer Wagen von Adler aus Frankfurt am Main und Opel aus Rüsselsheim.

Beginnen wir zu Vergleichszwecken mit folgendem vom Aufbau fast identischen Adler, der 1908 in Wandlitz aufgenommen wurde:

Adler_30_bis_40PS_ca._1907_1_aufgenommen_in_Wandlitz_1908_Galerie

Adler Landaulet von ca. 1907; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vorgestellt habe ich dieses Fahrzeug zwar noch nicht, aber das wird bei Gelegenheit nachgeholt – im Fundus schlummert noch einiges an Originalmaterial in dieser Hinsicht.

Zwei Dinge springen sofort als abweichend ins Auge: Das für Adler typische Kühlergehäuse mit oben waagerechtem Abschlusss des Kühlernetzes und die senkrecht stehenden Luftschlitze in der Seite der Motorhaube.

Bei näherem Hinsehen unterscheiden sich außerdem die Ausführung des Kühlwasseinfüllstutzens und der Gestaltung der Nabenkappe an den Vorderrädern.

Speziell die schrägstehenden Haubenschlitze sind ein recht zuverlässiger Indikator für zeitgenössische Opel-Wagen, was bereits zur Identfikation des folgenden Typs von 1907 beitrug (Bildbericht):

Opel_Ak_Breslau_nach_Harmersdorf_Lk_Chemnitz_12-1907_Galerie

Opel 24/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier stoßen Motorhaube und die Schottwand zum „Innen“raum genau rechtwinklig aufeinander – bei Fahrzeugen aus dem deutschsprachigen Raum ein recht zuverlässiger Hinweis auf eine Entstehung vor 1910.

Aber: Die Vorderschutzbleche folgen hier – wie übrigens beim Adler auch – noch der Radform und ihr unterer Abschluss reicht deutlich unter das Niveau des Trittbretts.

Genau dieses Detail stellt sich beim heute vorgestellten Opel anders dar:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Frontpartie.jpg

Während die Ausführung der Radnabe bis ins Detail derjenigen beim Opel 24/40 PS von 1907 entspricht, löst sich die Linie des Vorderkotflügel hier mit einem Mal von der Radform und strebt im unteren Abschnitt auf die Horizontale des Trittbretts zu.

Diese Detaillösung, bei der bislang aneinandergesetzte Elemente der Karosserie miteinander eine organische Verbindung einzugehen beginnen, ist stilistisch etwas später anzusetzen.

Laut datierten Abbildungen in der Literatur ist diese Entwicklungsstufe bei Opel auf 1908/09 zu datieren. 1910/11 folgte der nächste, weit größere Schritt, als nämlich der Übergang von der Motorhaube zur Schottwand mit einem „Windlauf“ kaschiert wurde wie bei diesem Opel-Taxi, das ich hier ausführlich besprochen habe:

Opel_Taxi_um_1911_Galerie

Opel von ca. 1911; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nach der Lage der Dinge lässt sich der majestätisch wirkende Opel auf der eingangs gezeigten Postkarte recht genau auf 1908/09 datieren – für ein derartig frühes Automobil mit dünner Evidenz in der gedruckten Literatur ein achtbares Ergebnis.

Lässt sich aber auch die Motorisierung ähnlich genau ermitteln? Leider nein, aber eine zufriedenstellende Annäherung erscheint möglich. Welcher Motor sich unter der Haube verbarg, ist bei diesen frühen Automobilen nur selten genau zu bestimmen.

Zum einen war ein und derselbe Aufbau oft mit mehreren Motorisierungen erhältlich, die sich äußerlich kaum bemerkbar machten. Zum anderen fällt es bisweilen schwer, die Dimensionen abzuschätzen, die bei der Einengung auf wenige Motorenvarianten helfen.

Betrachten wir zunächst die 1909 von Opel in Verbindung mit Landaulet-Aufbau verfügbaren Motorisierungen mit den jeweils überlieferten Radständen:

  • Am unteren Ende rangierte der „Doktorwagen“4/8 PS mit 1,0 Liter-Zweizylinder, der über einen Radstand von nur 2,13 m verfügte.
  • Das obere Ende der Palette markierte der Opel 35/60 PS mit 8,9 Liter-Vierzylinder und Radstand von 3,54 m.
  • Dazwischen gab es mehr als ein halbes Dutzend weitere Motorisierungen von 6/12 PS bis 30/50 PS.

Anhand der Proportionen der langgestreckten Haube mit ihren mindestens 15 Luftschlitzen lassen sich alle kleinen und mittleren Typen ausschließen. Gegen die ganz großen Modelle spricht der noch moderate Radstand des abgebildeten Wagens.

Unterstellt man bei dem Diener, der neben dem Opel steht, eine Körpergröße von 1,65 bis 1,70 m, lässt sich ein Radstand von gut 3 Meter ansetzen, aber nicht wesentlich mehr:

Opel_Ak_Darmstadt-Langenselbold_08-1909_Seitenpartie

Die Spitzenmodelle mit Radständen von 3,24 bzw. 3,54 Meter kann man demnach ausschließen. Sie verfügten zudem über zwei Seitenfenster, nicht nur eines wie hier.

In Frage kommen am ehesten die Modelle 15/24 PS, 18/32 PS und 21/45 PS, die alle einen Radstand von rund 3,15 Metern aufwiesen. Genauer lässt sich die Motorisierung vermutlich nicht mehr angeben.

Letztlich ist das auch zweitrangig, da sich alle in Frage kommende Typen in einer Preisregion von weit über 10.000 Goldmark bewegten, wofür man damals auch ein Eigenheim kaufen konnte.

Damit ist auch klar, in welch‘ exklusiven Kreisen die beiden Männer auf den Vordersitzen sowie der erwähnte Diener angestellt waren – Haushalten sehr vermögender großbügerlicher oder auch adliger Familien.

Obwohl man aus heutiger Warte schnell dazu neigt, das Schicksal solcher „Bediensteten“ zu bedauern, muss man sich vergegenwärtigen, dass sie auf der sozialen Stufenleiter der damaligen Gesellschaft deutlich höher angesiedelt waren als die weit überwiegende Mehrheit ihrer Mitbürger, die in der Landwirtschaft, im Handwerk oder der Industrie harten und oft gefährlichen Tätigkeiten nachgingen – 10-12 Stunden täglich von Montag bis Samstag und oft ohne nennenswerte Urlaubsansprüche.

Die Männer, die sich hier stolz und würdevoll der Kamera präsentieren, wussten gewiss um ihre exklusiv zu nennenden Arbeitsplätze, die ihnen neben Fachwissen nicht zuletzt sichere Umgangsformen abverlangten, die die Oberschicht erwartete.

Von dieser Position war mit Fleiß und Bildungswillen ein weiterer gesellschaftlicher Aufstieg möglich, der der Masse der Bevölkerung speziell in der (heute zu Unrecht  romantisch verklärten) kaum maschinisierten Landwirtschaft verschlossen blieb…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.