Lang, lang ist’s her: Minerva Type AC 30CV

Von „himmlischen Längen“ war in meinem Blog zuletzt die Rede bei der Besprechung eines Brennabor Typ ASL. Dasselbe ließe sich über den wahrhaft majestätischen Wagen sagen, den ich heute vorstellen darf.

Doch damit es nicht zu „lang“weilig wird, habe ich mich in diesem Fall für den Titel eines schönen alten Volkslieds entschieden – „Lang, lang ist’s her“.

Begegnet ist mir die schlichte Melodie in meiner Frühzeit als mäßig begabter Klavierschüler und ich kann mich erinnern, dass meine Paderborner Großtante Henriette das Lied mochte, bei der ich als Schüler ab und zu die Ferien zubrachte.

Sie war eine formidable Frau – 1897 geboren – und mit einer robusten Konstitution gesegnet, die sie über 100 Jahre alt werden ließ. Ich erinnere mich noch, wie sie mit fast 90 am Herd mit offener Gasflamme wirbelte – ohne sich je die Ärmel der Seidenblusen anzusengen, die sie trug.

Ein so langes selbstbewusstes Leben, das sie als vergnügte Witwe im eigenen Haus beendete, konnte trotz zwei Weltkriegen wohl als glücklich bezeichnet werden.

Besagte Großtante war noch keine 30, als irgendwo dieses Automobil abgelichtet wurde, das sich ebenfalls durch Souveränität und phänomenale Länge auszeichnete:

Minerva Type AC 30 CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man findet nicht alle Tage ein solches Automobil, bei dem der Vorderwagen so lang ist wie der Rest des Fahrzeugs. Tatsächlich befindet sich die Windschutzscheibe genau in Wagenmitte.

Die Drahtspeichenräder und die lange Motorhaube ließen mich anfänglich an einen Sechszylinderwagen von Austro-Daimler oder Gräf&Stift der 1920er Jahre denken. Doch fanden sich in der Literatur keine vergleichbaren Modelle dieser Marken.

Die oben leicht abgeschrägte Kühlerpartie ließ mich irgendwann in einer anderen Richtung forschen, in der ich dann auch fündig wurde:

Auch wenn die markentypische Einbuchtung in der Motorhaube hier nur zu ahnen ist, erwies sich die Frontpartie als die eines belgischen Minerva.

Zur Geschichte dieser einst hochangesehenen Marke habe ich mich bereits bei anderer Gelegenheit ausgelassen (hier), sodass ich mich heute ganz auf die Besprechung des abgebildeten Modells konzentrieren kann.

Die Länge der Haube ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich darunter nicht lediglich ein Vierzylindermotor verbirgt, wie ihn Minerva Mitte der 1920er Jahre als Modelle 16 CV (2,3 Liter) und 20 CV (3,6 Liter) ebenfalls im Angebot hatte.

Nein, hier muss ein mächtiger Sechszylindermotor die Länge zwischen Kühler und Schottwand zum Passagierraum ausfüllen. Das kann aber kaum das von Minerva ab 1923 angebotene „kleine“ 6-Zylinder-Aggregat mit 3 Litern Hubraum gewesen sein.

In Betracht kommt vielmehr der 5,4 Liter messende Sechszylinder, der seit 1920 im Minerva Typ 30 CV zu finden war. Dieser Hubraumriese leistete in der Ausführung AC Mitte der 1920er Jahre rund 75 PS, was für ein Spitzentempo von 120 km/h gut war.

Damit konkurrierte Minerva seinerzeit mit europäischen Spitzenprodukten und konnte sogar in den USA trotz der dort weit moderneren Automobilindustrie hunderte Fahrzeuge des Modells 30 CV absetzen.

In England galt ein Minerva-Wagen dieses Kalibers als preisgünstige Alternative zu Rolls-Royce. Auch im deutschsprachigen Raum fanden die hervorragend verarbeiteten und dank Hülsenschiebermotoren (Knight-Patent) laufruhigen Wagen ihre Freunde.

In Deutschland oder Österreich mag auch das Foto des heute präsentierten Minerva entstanden sein. Die phänomenale Länge des Wagens bot der jungen Besitzerfamilie reichlich Platz (auch für künftigen Nachwuchs) – offenbar war auch die nach hinten verbannte Schwiegermutter hochzufrieden mit den gebotenen Perspektiven:

Wer sich fragt, was sich hinter der Abdeckung am Ende des Schwellers mit den beiden Drehknöpfen verbarg, dem sei an dieser Stelle nur dies gesagt: eine Blattfederung nach dem Cantilever-Prinzip.

Auf diese interessante Variante der Hinterachsfederung komme ich bei Gelegenheit zurück. Eine entsprechende Betrachtung würde den heutigen Blog-Eintrag über Gebühr in die Länge ziehen.

Damit komme ich abschließend zum titelgebenden „Lang, lang ist’s her“ zurück. Überraschend mag nicht nur die Länge dieses mächtigen Minerva sein, auch die Herkunft des vermeintlichen deutschen Volkslieds fällt unerwartet aus.

Tatsächlich handelt es sich um eine Mitte des 19. Jh entstandene Adaption des Lieds „Long, long ago“ des englischen Komponisten Thomas Haynes Bayley (1797-1839). Das habe ich auch erst heute nebenbei gelernt.

So will ich auch mit dem Original schließen, hier in einer freizügigen Interpretation von Jazz-Altmeister Louis Armstrong von 1941:

Videoquelle: Youtube; hochgeladen von OnlyJazzHQ

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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