Keine typische Studentenkiste: Ein Selve Tourer

Auf Fotos der Nachkriegszeit findet man öfters Automobile der 1920/30er Jahre, die – in die Jahre gekommen und geringgeschätzt – für allerlei Schabernack herhalten mussten.

Als Beispiel dafür mag diese Aufnahme dienen, die wahrscheinlich einen Benz 8/20 PS der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg zeigt, der entweder beim Karneval oder einem Studentenulk zum Einsatz kam:

Benz Tourenwagen (wohl Typ 8/20 PS); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Für die Studententhese könnte der angeklebte Rauschebart eines der Insassen sprechen – entweder eine Anspielung auf einen Professor oder den an deutschen Universitäten von Kommunisten bis heute verehrten Spinner, Schnorrer, Ehebrecher und Misanthropen Karl Marx.

Wie dem auch sei, die Stimmung auf dieser Aufnahme ist ziemlich ausgelassen, wobei sich die beiden Herren im kurzen Kleidchen ausgesprochen wohl zu fühlen scheinen…

Vielleicht zwanzig Jahre älter mag die folgende Aufnahme sein, die einen mit Studenten vollbesetzten Tourenwagen zeigt – die zwar ebenfalls (überwiegend) gut aufgelegt sind, aber dennoch die guten Sitten zu wahren wissen – zudem ist kein Frauensvolk anwesend:

Selve Tourenwagen, vermutlich Typ 8/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Tourenwagen war mit Sicherheit kein billiger Untersatz für irgendeinen Studentenulk. Typisch für seine Zeit war er zwar schon, aber er blieb doch eine ziemliche Rarität, wie wir noch sehen werden.

Anfänglich hielt ich dieses Auto mit seinem ausgeprägten Spitzkühler und den sechs Luftschlitzen in der Haube für einen D-Typen mit 9/30 PS Motorisierung, der in der ersten Hälfte der 1920er Jahre von Presto in Chemnitz in größerer Zahl gebaut wurde.

Hier zum Vergleich ein solcher Presto Typ D auf einem Foto von Leser Klaas Dierks:

Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Auf den ersten Blick ist die Ähnlichkeit in der Tat recht groß. Der zweite Blick offenbart dann aber doch eine ganze Reihe Unterschiede:

Beim Presto weist die Kühlermaske auf der Innenseite eine ausgeprägte Sicke auf, die sechs Luftschlitze sitzen weiter hinten und statt fünf Radbolzen sind deren sechs zu sehen. Vor allem aber besitzt der D-Typ von Presto praktisch immer sehr markant ausgeführte, vorn spitz zulaufende Vorderkotflügel, und die beiden vorderen Rahmenenden sind mit einem Blech verbunden.

All‘ das fehlt dem Wagen auf dem Bild mit den wackeren Studenten, was auf einem zweiten Foto desselben Wagens noch deutlicher wird:

Selve Tourenwagen, vermutlich 8/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sind die jungen Herren schon deutlich wagemutiger, doch die untergelegte Decke zum Schutz der Motorhaube verrät, dass das keine heruntergerittene Studentenkiste war.

Vermutlich hatte sich einer der Burschen das Auto von seinem alten Herrn ausgeliehen oder einer Freundin aus begütertem Hause ausgespannt – leider wissen wir nichts über Ort, Jahr oder Anlass der Aufnahme.

So bleibt uns als Studienobjekt nur das Auto und das Wissen, dass es sich – trotz der großen Ähnlichkeit – um keinen Presto handeln kann. Aber was ist es dann?

Nun, den Schlüssel zur Lösung liefert bei allen technischen Mängeln ein Detail der Kühlerpartie auf dem zweiten Foto:

Hier sieht man nicht nur die erwähnte Decke zur Schonung des Lacks der Motorhaube, sondern auch, dass auf der Spitze der Kühlermaske ein großes, schrägliegendes Emblem angebracht ist.

Beim Presto D-Typ war das Emblem deutlich kleiner und stärker nach vorn geneigt, wie folgende Ausschnittsvergrößerung einer weiteren (noch unveröffentlichten) Aufnahme aus meinem Fundus mit wünschenswerter Deutlichkeit erkennen lässt:

Das reizvolle Komplettfoto dieses Wagens stelle ich gelegentlich ebenfalls vor – zusammen mit einer unkonventionellen Ausführung des Presto Typs D 9/30 PS.

Nun aber zur Auflösung welcher deutsche Tourenwagen besaß die erwähnten Details an der Frontpartie, die sich von denen des Presto D-Typs unterscheiden?

Die Antwort findet sich auf einer Aufnahme, die ich mit freundlicher Genehmigung der Werkzeugfirma Hazet zeigen darf, denn sie stammt aus deren Firmenarchiv.

Ich hatte einst das Vergnügen, eine ganze Reihe von Autos auf Fotos aus dem Hazet-Firmengeschichte zu identifizieren, darunter dieses:

Selve Typ 6/20 PS oder 6/24 PS; Originalfoto aus dem Archiv der Hazet GmbH & Co. KG

Auf dieser Aufnahme, die wahrscheinlich einen Typ 6/20 PS oder 6/24 PS zeigt, der Anfang der 1920er Jahre vom Selve-Werk in Hameln gebaut wurde, erkennt man das oben erwähnte, beinahe flach auf dem Kühlervorderteil liegende große Markenemblem.

Im Unterschied zu unserem „Studienobjekt“ besitzt dieser Selve nur vier statt sechs Luftschlitze in der Motorhaube. Das lässt bei aller Ähnlichkeit der übrigen Vorderpartie vermuten, dass die Studenten den parallel verfügbaren deutlich stärkeren Typ 8/30 PS (später: 8/32 PS) für ihre Zwecke „besetzt“ hatten.

Dabei handelte es sich um einen Zweiliterwagen, der 90 statt nur 70 kmh erreichte und merklich länger war als das 1,6 Liter-Modell. Beide besaßen übrigens bereits Innenschaltung, Anfang der 1920er Jahre keineswegs selbstverständlich.

Woher beziehe ich dieses Wissen? Nun, da muss ich sagen, dass das mir zugängliche Material zu den Selve-Wagen, die nur zwischen 1919 und 1929 gebaut wurden, ziemlich dünn und womöglich auch nicht sonderlich zuverlässig ist.

Da mir inzwischen weitere zeitgenössische Aufnahmen von Selve-Wagen zur Bestimmung vorliegen, bei denen mir eine zuverlässige Ansprache ebenfalls schwerfällt, bin ich für alle Hinweise auf Fotos oder Dokumente gesichert datierter und identifizierter Wagen dieser interessanten Nischenmarke dankbar (siehe Kommentarfunktion).

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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