Ganz schön großzügig: Opel Typen 90 und 100

Es hat einen bestimmten Grund, weshalb ich heute wieder ein Exemplar der Opel-Sechszylindertypen 12/50 PS (Modell 90) bzw. 15/60 PS (Modell 100) von 1927/28 auf einem zeitgenössischen Foto zeige.

Denn diese mächtigen Wagen verkörpern etwas, was man bei Opels jener Zeit vielleicht nicht erwarten würde: Großzügigkeit, die einen fast sprachlos macht. Hier ein Beispiel, das ich vor geraumer Zeit vorgestellt habe:

Opel Modell 90 (12/50 PS) oder 100 (15/60 PS); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie viele solcher Werksfotos wirkt die Situation etwas steril, daher sind derartige Aufnahmen nicht meine Favoriten, doch bekommt man eine Ahnung von den enormen Dimensionen dieser nur kurze Zeit gefertigten Opel-Automobile.

Großzügigkeit, die man nicht für möglich gehalten hätte, das ist das Leitmotiv meines heutigen Blog-Eintrags. Dazu unternehme ich einen Ausflug in meinen Alltag, der regelmäßige Besuche auf der örtlichen Postfiliale umfasst.

Dort unterhalte ich ein Postfach, das für geschäftliche Sendungen reserviert ist. So vermeide ich es, dass mein Briefkasten mit noch mehr Werbung und kostenlosen „Zeitungen“ vollgestopft wird.

Dieses Kalkül ist zwar aufgegangen, der Nachteil ist aber, dass sich die Mitarbeiter der Postfiliale nicht davon abbringen lassen, auch alle nicht an das geschäftliche Postfach adressierten privaten Sendungen dort hineinzustopfen.

Diese Praxis ist durch die Nutzungsbedingungen abgedeckt, wie ich herausgefunden habe, ein Ärgernis ist sie aber allemal. Der Ökonom in mir sagt zwar, dass einen dies mangels Wettbewerbs bei der Briefpost nicht überraschen darf.

Dennoch meine ich als zur Ordnung und Gründlichkeit erzogener Mensch, dass es auch ohne die Peitsche der Konkurrenz so etwas wie ein Arbeitsethos geben sollte, das einen von sich aus das Interesse seiner Kunden mitbedenken lässt.

In Zeiten, in denen Arbeit oft als Zumutung betrachtet und nach kostenloser Versorgung durch eine kleiner werdende Schar fleißiger Mitmenschen geschielt wird (das „Grundeinkommen“ lässt grüßen), muss man das zur Kenntnis nehmen.

So landen auch die Fotos und sonstigen Dokumente, die ich privat zu Automobilen der Vorkriegszeit erwerbe, um sie in diesem Blog dem Vergessen zu entreißen, in besagtem geschäftlichem Postfach.

An einem Tag wie heute kann ich aber gern über so etwas hinwegsehen, überwog doch die Freude darüber, was ich im Postfach vorfand. Da hatte mir ein Leser meines Blogs tatsächlich einen schönen alten Schraubenschlüssel mit dem legendären Opel-Auge zugeschickt, den er vor dem Schrott gerettet hatte.

„Wer schmeißt so etwas weg?“ so lautete die rhetorische Frage des Absenders. Natürlich habe ich mich über das großzügige Geschenk mächtig gefreut, gehört doch das Sammeln solcher Vorkriegs-Accessoires ebenfalls zu meinen Leidenschaften.

Vergleichbare alte Werkzeuge mit Aufschriften von Benz, Fiat, Peugeot und Stoewer (mein besonderer Stolz) besitze ich unter anderem, doch ein solches Teil von Opel war mir bisher noch nicht zugelaufen.

So hat besagter Leser genau ins Schwarze getroffen und mir nebenbei ein Kompliment zu meinen Blog-Beiträgen gemacht, an denen ihm „besonders auch die Anmerkungen zu früherem und aktuellem Zeitgeist“ gefallen. Das höre ich nicht zum ersten Mal…

Dafür möchte ich mich nun meinerseits bedanken – mit einer Aufnahme eines Opel (natürlich!), die zwar nicht annähernd so vollkommen ist wie die oben wiedergegebene Werksaufnahme, ganz im Gegenteil.

Doch kündet sie ebensogut (oder noch mehr) von der Großzügigkeit, die die Sechszylindermodelle 90 und 100 auszeichnete, und vor allem ist das ein Zeugnis, das die Welt der Vorkriegsautos für einen Moment wieder auferstehen lässt:

Opel 12/50 PS (Modell 90) oder 15/60 PS (Modell 100); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gekauft habe ich diese Aufnahme in erster Linie wegen der Personen darauf, die dem Auto Leben verleihen und seine eindrucksvollen Proportionen anschaulich machen. Was für ein Fahrzeug darauf abgebildet ist, war erst einmal zweitrangig.

Bei näherer Betrachtung stellte ich fest, dass es sich um eines der großen Opel-Modelle aus den fortgeschrittenen 1920er Jahren handeln musste, die bis heute im Schatten des populären 4 PS Modells „Laubfrosch“ stehen und in weit geringeren Stückzahlen entstanden als dieser.

Ein erstes Indiz dafür lieferte der markant profilierte „Packard-Kühler“ in Verbindung mit den sechs Radbolzen, die es beim 4 PS-Modell nicht gab. Hier haben wir zum Vergleich einen Opel des Typs 10/40 PS (Modell 80), der ebenfalls den ab Herbst 1927 gebräuchlichen Kühler nach Vorbild des US-Herstellers Packard besaß:

Opel Typ 10/40 PS (Modell 80); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto, das vorzustellen ich bislang noch keine Gelegenheit hatte, zeigt ebenfalls eine großzügige Sechsfenster-Limousine mit sechs Radbolzen an den Scheibenrädern.

Sollte es sich bei dem weiter oben gezeigten Foto ebenfalls um ein solches Vierzylindermodell gehandelt haben? Im ersten Moment dachte ich: ja, das dürfte passen. Doch dann fiel mir auf, wie lang der Vorderwagen auf folgendem Bildausschnitt ausfällt:

Hier reicht das Reserverrad nur bis zum Ende der Motorhaube, während es auf Fotos des Opel 10/40 PS deutlich weiter hinten endet.

Zum Vergleich ein Foto von Leser Klaas Dierks, das einen Vierzylinder-Opel 10/40 PS (Modell 80) als Tourenwagen zeigt – man sieht dort deutlich, dass die Motorhaube wesentlich kürzer ausfällt und das Reserverad daher fast an die Vordertür reicht:

Opel 10/40 PS (Modell 80) Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Vom abweichenden Kühler darf man sich hier nicht irritieren lassen, er verweist auf eine frühere Entstehung (vor Herbst 1927).

Dass wir einen Opel vor uns haben, beweisen die markentypisch geformten Trittschutzbleche (mit Opel-Auge) unterhalb der Türen. Die sechs Radbolzen gab es auch am Typ 10/40 PS.

Die aufwendigere Lackierung der Scheibenräder ist neben der Länge der Haube jedoch ein weiteres Indiz dafür, dass der Opel auf dem heute neu vorgestellten Foto wahrscheinlich einer der beiden neben dem Vierzylindertyp 10/40 PS angebotenen Sechszylindertypen 12/50 oder 15/60 PS war, deren Modellbezeichnungen „90“ und „100“ auf die jeweilige Höchstgeschwindigkeit verwiesen.

Zu guter letzt soll noch die junge Dame gewürdigt werden, die uns kurz vor dem Einsteigen freundlich anlächelt:

An ihr wirkt die mitunter eigentümliche Damenmode jener Zeit so, wie sie von ihren Schöpfern wohl gedacht war – markante geometrische Muster sorgen für eine gewisse Strenge, die durch die schiere (kostspielige) Stoffülle wieder gebrochen wird.

Der schlichte kappenartige Hut steht in denkbar großem Gegensatz zu den oft extravaganten Pendants der Zeit vor dem 1. Weltkrieg; gleichzeitig rahmt er auf gefällige Weise das Gesicht ein und betont so letztlich wieder das Feminine.

Die kurze Rocklänge, die zehn Jahre zuvor noch als „skandalös“ empfunden worden wäre (vermutlich vor allem von weniger ansehnlicher weiblicher Konkurrenz) und die eleganten, halboffenen Schuhe verleihen diesem Outfit eine wunderbare Leichtigkeit.

Diese Kombination aus Lässigkeit, Eleganz und einer feinen Prise Sex-Appeal wird man heute schwerlich finden – aber das gilt für die grandiosen (wenn auch gegen die US-Konkurrenz chancenlosen) Opels ebenso.

Apropos Opel: Direkt unterhalb des hinteren Abschlusses der geöffneten Tür erkennt man am Schweller eines der markentypisch geformten Bleche, die Lackbeschädigungen beim Einsteigen verhindern sollten.

So findet sich am Ende dieser Betrachtung im Detail eine weitere Bestätigung dafür, dass es sich um einen großen Opel und nicht um einen „Amerikanerwagen“ jener Zeit handelt.

Was von der heute vorgestellten Aufnahme bleibt, ist der Eindruck einer kurzen, opulenten Blüte, die ein jähes Ende fand – nicht nur in Bezug auf Opels Ambitionen, sondern auf die gesamte Welt von gestern, die mit dem 2. Weltkrieg zugrundeging.

Doch sollte bei aller Trauer über das Verlorene die Freude daran überwiegen, dass wir uns heute – im 21. Jahrhundert – immer noch an den großartigen Hervorbringungen jener Zeit erfreuen können und diese mit Gleichgesinnten teilen können.

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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