Botschaft aus alter Zeit: NSU 8/40 PS (Teil II)

Vor gut einem Monat hatte ich die Gelegenheit, eine eindrucksvolle NSU-Limousine der zweiten Hälfte der 1920er Jahre vorzustellen (hier).

Ermöglicht hatte mir das eine Französin namens Colette Wittich, die mich um Unterstützung bei der Bestimmung eines Autos auf einem alten Foto gebeten hatte, das sich im Nachlass ihres verstorbenen deutschen Ehemannes befand.

Ich konnte den Wagen seinerzeit als NSU identifizieren, wobei die Datierung der Aufnahme auf 1927 und die Größe des Wagens den Typ 8/40 PS in Betracht kommen ließen.

Hier zur Erinnerung die Aufnahme, die mir Colette Wittich im Anschluss vermacht hat:

NSU 8/40 PS Limousine; Originalfoto aus Familienbesitz (Colette Wittich)

Dieses Foto, das den NSU des Schwiegervaters von Colette Wittich mit ihrem Schwager Helmut am Steuer zeigt, hat eine erstaunliche Resonanz gefunden.

Mich bestärkt das in der Überzeugung, dass es neben den Automobilen der Vorkriegszeit die damit verknüpften persönlichen Geschichten sind, die solche Fotos zu Botschaftern aus alter Zeit machen, die uns immer noch bewegen – in technischer wie menschlicher Hinsicht.

Heute darf ich die Geschichte weitererzählen, die mit obigem Foto begann.

Die erste Reaktion auf die Vorstellung des NSU kam von Matthias Doht, seines Zeichens Geschäftsführer der Stiftung „Automobile Welt Eisenach“. Er wies mich auf die Ähnlichkeit des Aufbaus mit der Karosserie des Adler Standard 6 in der Ausführung ab 1927 hin.

Hier ein Foto aus meiner Sammlung, das einen solchen frühen Adler Standard 6 mit der damals von Ambi-Budd in Berlin zugelieferten Ganzstahlkarosserie zeigt:

Adler Standard 6 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sieht man von den anders gestalteten Rädern und den horizontalen statt senkrechten Luftschlitzen in der Motorhaube ab, erscheint der Aufbau tatsächlich nahzu identisch mit dem des NSU.

Man beachte etwa den Abstand der seitlichen Zierleiste zu den Seitenfenstern, den unteren Abschluss der Frontscheibe sowie das gerade verlaufende Dach mit feststehender „Sonnenblende“ am vorderen Ende.

Diese Übereinstimmung ist kein Zufall, sondern Hinweis darauf, dass der NSU mit dem gleichen Aufbau von Ambi-Budd ausgestattet wurde wie der Adler Standard 6 von 1927/28.

Das wirft nun die Frage auf, ob der NSU ebenfalls ein Sechszylinderwagen war. Ich hatte dies seinerzeit ausgeschlossen, da das erste NSU-Modell mit Sechszylindermotor der Typ 6/30 PS war, der erst 1928 zur Auslieferung kam.

Das Foto des NSU müsste demnach um ein Jahr zu früh datiert sein, wenn es einen solchen Sechszylinder-NSU des Typs 6/30 PS zeigen sollte. Möglich ist das durchaus.

Dafür spricht ein zweites Foto, das Colette Wittich mir übereignete, nachdem ich den NSU ihres Schwiegervaters vorgestellt hatte. Es ist umseitig auf ca. 1925 datiert, was nicht stimmen kann, da es damals weder den NSU 8/40 PS noch diese Form von Karosserie gab:

NSU 8/40 PS Limousine; Originalfoto aus Familienbesitz (Colette Wittich)

Vom NSU ist hier nicht viel zu sehen, aber der kleine Helmut am Steuer und der Hund auf dem Trittbrett verraten, dass die Aufnahme am selben Tag wie die erste entstanden ist.

Könnte auch bei dem ersten Foto die Datierung 1927 ebenso nachträglich geschätzt sein wie die Angabe 1925 bei diesem?

Dies würde die Möglichkeit eröffnen, dass der NSU kein 8/40 PS-Typ, sondern der erste Sechszylinderwagen der Marke war – nämlich der 1928 vorgestellte Typ 6/30 PS. Fast 6.000 Reichsmark waren dafür mit Limousinenaufbau zu berappen – das entsprach rund drei Jahresgehältern eines Durchschnittsverdieners im damaligen Deutschland.

Der Besitzer des NSU – Unternehmer Markus Wittich – muss eine glückliche Hand bei seinen Geschäften gehabt haben, um sich so einen Luxus leisten zu können. Wir sehen ihn auf obigem Foto ganz links in der Seitenansicht.

Er war bei einem Unfall im Jahr 1919 erblindet und verlegte sich zunächst auf die Produktion von Bürsten und Besen. Doch scheint er sich später ein lukrativeres Geschäftsfeld gesucht zu haben.

Hier sehen wir Markus Wittich, wie er mit der Hand die Qualität einer Stoffbahn prüft, die sein Gegenüber über der Schulter trägt:

Die Situation eröffnet einigen Interpretationsspielraum. Ich nehme an, dass Markus Wittich Ende der 1920er Jahre im Tuchhandel oder der Tuchverarbeitung tätig war. Dazu würde die ungewöhnlich feine, förmlich fließende Qualität seiner Anzugjacke passen.

Das Foto würde ihn hier quasi bei der Arbeit zeigen, nämlich beim Einkauf von Ware, die es weiterzuverarbeiten oder zu handeln galt. Hierzu würde auch passen, dass er für seine Geschäfte auf ein Automobil angewiesen war – für Besuche bei Lieferanten und Kunden.

Dafür hatte er einen Fahrer angestellt, dessen Namen leider nicht überliefert ist, den wir hier aber sehen – es ist der Mann mit Schirmmütze direkt neben Markus Wittich. Seine sanfte Geste zeugt von einem engen Vertrauensverhältnis zwischen den beiden, im wahrsten Sinne des Wortes ein berührendes Zeugnis.

Wie gesagt, ist der Name des Fahrers und Weggefährten von Markus Wittich nicht überliefert, wohl aber der des Hundes, der geduldig auf dem Trittbrett ausharrt, während so viele Menschen sich um den Wagen herum drängen, um mit auf das Foto zu gelangen:

„Hoppla“ soll der Hund geheißen haben, so schrieb mir Colette Wittich in ihrem zweiten Brief nach Veröffentlichung des Ausgangsfotos.

Auch zum Schicksal des kleinen Helmut wusste sie noch etwas zu berichten. 1919 war er auf die Welt gekommen. Er absolvierte Ende der 1930er Jahre sein Abitur und begann in Freiburg Medizin zu studieren.

In der Zwischenzeit hatte der Zweite Weltkrieg begonnen und Helmut Wittich meldete sich zum Dienst als Sanitäter an der Front. Im Rang eines Feldwebels gehörte er zu 3. Kompanie des Sturm-Regiments 14 (Teil der 78. Sturm-Division, aufgestellt in Ulm) und war in Russland eingesetzt.

Dort ereilte ihn 1943 im Alter von 24 Jahren während schwerer Kämpfe der Soldatentod – das Schicksal unzähliger junger Männer seiner Generation auf allen Seiten. Man hat einen anderen Blick auf das Foto von Helmut Wittich im NSU, wenn man das weiß.

Colette Wittich hat mir noch ein weiteres Foto zugesandt, auf dem abermals der NSU zu sehen ist, nun aber mit Verwandten von Markus Wittich in Böckingen:

NSU 8/40 PS Limousine; Originalfoto aus Familienbesitz (Colette Wittich)

Umseitig ist das Foto handschriftlich auf „ca. 1935“ datiert, was ebenfalls nur eine Schätzung sein dürfte wie im Fall der anderen Aufnahme.

Ich bin geneigt, die Entstehung deutlich früher anzusetzen, nämlich in den späten 1920er Jahren. Dafür spricht die Kleidung der jungen Frau auf dem Trittbrett, speziell die Ausführung des kurzen und zugleich ausladenden Rocks:

Auf diesem Ausschnitt sehen wir nun noch etwas, was die These von Matthias Doht unterstützt, wonach dieser NSU die gleiche Karosserie von Ambi-Budd aus Berlin besaß wie der Adler Standard 6 von 1927/28.

Hinter dem Ende der Motorhaube knapp oberhalb des Schwellers ist nämlich ein Emblem mit drei abgerundeten Ecken zu erkennen, wie es typisch für Ambi-Budd war.

Damit kommt neben dem Vierzylindertyp 8/40 PS auch das neue Sechszylindermodell 6/30 PS in Betracht, dessen Limousinenaufbau laut Literatur von Ambi-Budd stammte, vielleicht sogar dessen Nachfolger 7/34 PS, der noch im Herbst 1928 auf den Markt kam.

Die Aufnahme hat jedoch unübersehbar noch mehr zu bieten, nämlich ein ziemlich eindrucksvolles Motorrad – eine Ardie 500ccm:

Dieses Prachtstück lässt sich auf 1927/28 datieren. Gefertigt von Ardie in Nürnberg besaß es einen von JAP in England zugekauften Einzylinder-Viertakt-Motor, dessen 10 PS Leistung ein Tempo von 90 km/h erlaubten.

Das zylinderförmige Objekt vor dem Motor war der Karbidgasentwickler für den Scheinwerfer. Gegen Aufpreis war auch eine elektrische Bosch-Beleuchtung erhältlich.

Doch schon in der Basiversion war eine Ardie 500 ein für die meisten unerreichbares Gefährt. Der Preis von 1.140 Reichsmark entsprach deutlich mehr als der Hälfte des Jahreseinkommens eines durchschnittlichen Angestellten im Jahr 1928.

Auf heutige Verhältnisse gemünzt (Durchschnittsentgelt im Jahr 2021: 41.541 EUR) entspräche das einem Kaufpreis von mehr als 20.000 EUR! Der junge Bursche auf der Ardie muss sich einige Jahre tüchtig ins Zeug gelegt haben, um sich so etwas zu leisten.

Das Glück sollte nicht lange währen – er und der jüngere Bruder auf dem Sozius kehrten ebenfalls nicht mehr aus dem Krieg zurück.

Das ist ein bedrückender Abschluss der Geschichte, die ich hier erzählen durfte. Doch solange jemand diese Fotos betrachtet, die Gesichter auf sich wirken lässt und sich seine Gedanken dazu macht, so lange lebt etwas von dem längst vergangenen Dasein fort.

Und neben solchen Fotos gibt es noch etwas anderes, was die Zeiten überdauert hat, und das sind die alten Fahrzeuge, die einst die Leidenschaft unserer Vorfahren geweckt haben.

Das tun sie ganz offensichtlich nach über 90 Jahren immer noch wie diese originalgetreu erhaltene Ardie 500 aus der Zeit, in der die vorgestellten Aufnahmen entstanden:

Videoquelle: youtube.com; hochgeladen von krobtv

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

2 Gedanken zu „Botschaft aus alter Zeit: NSU 8/40 PS (Teil II)

  1. Vielen Dank wieder einmal für die tollen Bilder. Ich denke, das Embleme ist eindeutig von AMBI-Budd.
    Die These wird m.E. auch noch gestützt durch den Eintrag auf https://www.wikiwand.com/de/NSU_6/30_PS. Dort wird zumindest für die Ganzstahlkarosserie des NSU 6/30PS eindeutig AMBI-Budd als Hersteller benannt. So scheint das auch beim NSU 8/40 PS der späteren Baujahre, wie auf den Fotos, möglich. Als Quelle ist das Buch von Peter Schneider: Die NSU Story, 2012 benannt. Leider kenne ich das Buch nicht.

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