Für feldtauglich befunden: NSU von 1912

Heute unternehme ich wieder einmal einen Ausflug in die Frühgeschichte von NSU – aber nicht auf dem Feld der heute noch wohlbekannten Zweiräder.

Ins Feld geht es dabei zwar auch, aber mit vier Rädern und das bereits vor weit über 100 Jahren, was für manchen Freund von NSU-Nachkriegsklassikern wie „Prinz“ und „RO 80“ eine Überraschung sein mag.

1905 hatte NSU damit begonnen, die ausgezeichneten Wagen der belgischen Marke „Pipe“ in Lizenz zu bauen. Doch parallel dazu entwickelte NSU einen kompakteren Vierzylinder mit 1,3 Litern Hubraum – den Typ 5/10 PS.

Aus dieser ganz frühen Eigenproduktion von NSU stammte der flotte Zweisitzer, den einst ein Dr. Eckard aus Bielstein (Bergisches Land) zu Patientenbesuchen fuhr:

NSU Zweisitzer, 1906-08; Foto aus einer Publikation des Heimatvereins Bielstein (via Walter Ruland)

Die charakteristische Form des Pipe-Kühlers hatte NSU bei diesen und allen weiteren Modellen übernommen.

Anfänglich schmückte ein annähernd ovales Emblem mit einer Geweihhälfte das Kühleroberteil, welches ansatzweise auch auf folgender Reklame von 1910 zu erkennen ist. Es scheint 1911 zuletzt Verwendung gefunden zu haben:

NSU-Reklame aus „Braunbecks Sportlexikon“, 1910

Ab 1912 jedenfalls findet man ein neues Markenemblem mit annähernd runder Grundform, das vom Schriftzug „NSU“ ausgefüllt wurde (siehe hier).

Der folgender Tourenwagen (Foto von Leser Klaas Dierks) vereint beide Elemente – die von Pipe entlehnte Kühlerform und das neue Markenemblem – hier jedoch in Wagenfarbe überlackiert, denn wir haben es mit einem vom Militär eingesetzten Fahrzeug zu tun:

NSU Tourenwagen von 1912; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese Herren scheinen mit der Feldtauglichkeit des NSU zufrieden zu sein – für sie war die Zeit des Marschs per pedes, zu Pferde oder mit dem Planwagen vorbei – im 1. Weltkrieg das Privileg eines nur kleinen Teils der Millionenheere bei allen Kriegsparteien.

Das Aufnahmedatum ist zwar nicht bekannt, aber zumindest das Auto lässt sich sehr genau datieren. Dass das neue Kühleremblem ab 1912 Standard war, hatte ich bereits erwähnt (es findet sich aber auch bereits vereinzelt 1911). Bekannt ist daneben, dass 1913 eine neuer ovaler Kühler Einzug bei NSU hielt.

Demnach ist dieser von deutschen Soldaten genutzte NSU sehr wahrscheinlich 1912 entstanden. Dazu passt ganz ausgezeichnet diese schöne zeitgenössische Reklame, die das zivile und das militärische Element auf sehr geglückte Weise verbindet:

NSU-Reklame von ca. 1912; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Formal unterscheidet sich der Tourenwagen auf dieser Reklame kaum von jenem auf dem Foto von Klaas Dierks – allerdings deuten die unterschiedlichen Proportionen auf eine abweichende Motorisierung hin.

1912 hatte NSU im wesentlichen Antriebe in drei Größenklassen im Angebot: Abgedeckt wurden die Steuer-PS-Klassen 5-6, 8-9 und 10-13. Damit waren Höchstleistungen zwischen 11 und 40 PS verbunden, verteilt auf sieben Modelle.

Die ganz kleinen (vorwiegend als Zweisitzer gebauten) Typen und die ganz großen Ausführungen mit Radständen von deutlich über drei Metern darf man ausschließen.

Am ehesten in Betracht kommen aus meiner Sicht die Tourerausführung des NSU 6/18 PS und der sich rasch etablierende neue mittlere Typ 8/24 PS, der bis 1915 gebaut wurde.

Genauer wird man es wohl nicht mehr ermitteln können, aber so oder so dürften die in Frage kommenden NSU-Wagen von 1912 bei der Musterung durch das Militär als uneingeschränkt tauglich abgeschnitten haben.

Bilder vom tatsächlichen Kriegseinsatz findet man allerdings meist nur von NSU-Wagen mit dem 1913 eingeführten birnenförmigen Kühler.

Vielleicht war diesem schon etwas älteren Exemplar auch ein eher ruhiger Dienst hinter der Front vergönnt – jedenfalls wirkt hier vom Mattgrau des Wagens abgesehen alles noch recht idyllisch (die Uniformjacken der Soldaten sind etwas farbenfroh geraten, das konnte ich auf die Schnelle nicht korrigieren):

Nachtrag von Leser Klaas Dierks: Der NSU war dem Immobilen Kraftwagen-Depot No 7 (Untertürkheim) bereitgestellt und diente wohl in einer Ersatz-Abteilung (EA) in der Heimat, da der Wagen ein Kennzeichen des stellvertretenden XIII. Armeekorps führte.

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Zu Besuch bei den Nassauern: NSU 5/15 PS

Woran denken Sie, wenn jemand als Nassauer bezeichnet wird? Der Begriff mag in der Alltagssprache kaum noch gebräuchlich sein, aber wer schon etwas länger auf Erden weilt, verbindet damit zumindest noch einen fragwürdigen Charakter.

Wer es nicht genauer weiß und sich wie ich sachkundig machen muss, absolviert bei der Gelegenheit eine hübsche Lernkurve – ein Bild, auf das wir noch zurückkommen.

Auf den Punkt gebracht: Ein Nassauer ist im Unterschied zum Schnorrer jemand, der nicht lediglich wahllos Gelegenheiten dazu nutzt, kleine Vorteile mitzunehmen, sondern systematisch und in größerem Stil auf Kosten anderer lebt.

Meine Vermutung ist, dass man im (außerhalb Chinas) größten Parlament der Welt mit Sitz in Berlin besonders gute Chancen hat, auf solche Trittbrettfahrer mit leistungslosem Einkommen (plus diverse „Nebeneinkünfte“…) zu stoßen.

Dazu passt ausgezeichnet, dass der Begriff des Nassauers aus dem Berliner Jargon zu stammen scheint, der für „umsonst“ das Synonym „nass“ kennt. Für die magische Anziehungskraft ihrer Stadt auf solche Kostgänger können die Berliner freilich nichts.

Die Bewohner der historischen Region Nassau in Hessen scheinen ebenfalls unschuldig zu sein, was die Untugend angeht, dauerhaft und ohne Nutzen zulasten Dritter sein Dasein zu bestreiten.

Solchermaßen belehrt können wir uns nun diesem schönen Foto zuwenden, das einst „in der Kurve von Nassau“ entstand – so steht es auf der Rückseite vermerkt:

NSU 5/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Opel-Freunde erfreuen sich hier natürlich vor allem am Anblick eines frühen 4 PS-Modells mit dem noch leicht spitz zulaufenden Kühler, welches in der Mitte dieser kleinen Ausflugsgesellschaft zu sehen ist.

Damit haben wir den frühesten Entstehungszeitpunkt dieses Fotos – 1924. Den brauchen wir auch, da der Wagen ganz vorne durchaus schon einige Jahre alt sein konnte, als der Kameraverschluss ausgelöst wurde.

Man meint zwar auf dem Markenemblem auf dem in Wagenfarbe lackierten Spitzkühler zwar nur ein „S“ zu sehen, doch auf dem Originalabzug ist klar „NSU“ zu lesen.

Die Neckarsulmer Fahrzeugwerke waren nach dem 1. Weltkrieg zunächst mit drei Vorkriegsmodellen angetreten – den Typen 5/15 PS, 8/24 PS und 13/35 PS. Sie wurden zunächst noch mit dem traditionellen eiförmigen Kühler ausgestattet:

NSU 5/15 PS Vorkriegsausführung; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Laut Literatur – empfehlenswert: „NSU Automobile“ von Klaus Arth“ – erhielten die NSU-Wagen erst 1921 einen Spitzkühler, wie er bei anderen deutschen Marken bereits seit 1913/14 in Mode war und allgemein bis etwa 1925 blieb.

Bei der Gelegenheit wurde die Leistung des Basismodells 5/15 PS auf 21 PS gesteigert, ohne dass die Bezeichnung geändert wurde. Warum das bei einem derartigen Leistungssprung unterblieb, ist mir nicht bekannt.

Vielleicht war es für die Käufer des gut eingeführten Typs weniger wichtig, da für ihre Zwecke ein solches Automobil ohnehin vollkommen ausreichend war. Vielleicht sollte auch nicht deutlich werden, dass der größere NSU 8/24 PS keinen PS-Zuwachs erfahren hatte.

Dieser sah übrigens praktisch genauso aus wie der NSU 5/15 PS, war aber wesentlich länger, etwas breiter und beträchtlich schwerer. Die allgemeinen Proportionen des Wagens auf dem Foto lassen vermuten, dass wir es mit dem kleinen Modell zu tun haben:

Die fünf Personen auf dieser Aufnahme waren wohl nicht alle Insassen des kleinen NSU, wenngleich es diesen außer als Zwei- bzw. Dreisitzer auch als Tourenwagen gab.

Da zum Aufnahmezeitpunkt niemand in dem Opel zu sehen ist, schätze ich, dass sich mindestens zwei Insassen desselben hier dazugesellt haben.

Der Ausschnitt erlaubt vielleicht noch eine nähere Eingrenzug des Baujahrs des NSU. So sind an Wagen dieses Typs von 1924/25 flache Windschutzscheiben zu sehen, während „unser“ Exemplar noch eine mittig geteilte und leicht pfeilförmige Frontscheibe besitzt.

Demnach haben wir es wohl mit einem NSU 5/15 PS der frühen 1920er Jahre zu tun. Dem Vergleich mit dem erst 1924 eingeführten Opel 4 PS-Typ hielt der ältere NSU mühelos stand, allerdings war er fertigungsbedingt auch wesentlich teurer.

Heute dürfte er eine große Rarität darstellen, wohingegen es vom Opel 4 PS-Modell zahlreiche Überlebende gibt. So könnte der Wagen hinter dem NSU, der einst beim Besuch dieser „Fahrgemeinschaft“ bei den Nassauern mit dabei war, heute noch existieren.

Ein überlebender NSU 5/15 PS wäre freilich aus meiner Sicht das weit spannendere Objekt, bei dem man gern einmal nicht nur „Trittbrettfahrer“ wäre…

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Botschaft aus alter Zeit: NSU 8/40 PS (Teil II)

Vor gut einem Monat hatte ich die Gelegenheit, eine eindrucksvolle NSU-Limousine der zweiten Hälfte der 1920er Jahre vorzustellen (hier).

Ermöglicht hatte mir das eine Französin namens Colette Wittich, die mich um Unterstützung bei der Bestimmung eines Autos auf einem alten Foto gebeten hatte, das sich im Nachlass ihres verstorbenen deutschen Ehemannes befand.

Ich konnte den Wagen seinerzeit als NSU identifizieren, wobei die Datierung der Aufnahme auf 1927 und die Größe des Wagens den Typ 8/40 PS in Betracht kommen ließen.

Hier zur Erinnerung die Aufnahme, die mir Colette Wittich im Anschluss vermacht hat:

NSU 8/40 PS Limousine; Originalfoto aus Familienbesitz (Colette Wittich)

Dieses Foto, das den NSU des Schwiegervaters von Colette Wittich mit ihrem Schwager Helmut am Steuer zeigt, hat eine erstaunliche Resonanz gefunden.

Mich bestärkt das in der Überzeugung, dass es neben den Automobilen der Vorkriegszeit die damit verknüpften persönlichen Geschichten sind, die solche Fotos zu Botschaftern aus alter Zeit machen, die uns immer noch bewegen – in technischer wie menschlicher Hinsicht.

Heute darf ich die Geschichte weitererzählen, die mit obigem Foto begann.

Die erste Reaktion auf die Vorstellung des NSU kam von Matthias Doht, seines Zeichens Geschäftsführer der Stiftung „Automobile Welt Eisenach“. Er wies mich auf die Ähnlichkeit des Aufbaus mit der Karosserie des Adler Standard 6 in der Ausführung ab 1927 hin.

Hier ein Foto aus meiner Sammlung, das einen solchen frühen Adler Standard 6 mit der damals von Ambi-Budd in Berlin zugelieferten Ganzstahlkarosserie zeigt:

Adler Standard 6 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sieht man von den anders gestalteten Rädern und den horizontalen statt senkrechten Luftschlitzen in der Motorhaube ab, erscheint der Aufbau tatsächlich nahzu identisch mit dem des NSU.

Man beachte etwa den Abstand der seitlichen Zierleiste zu den Seitenfenstern, den unteren Abschluss der Frontscheibe sowie das gerade verlaufende Dach mit feststehender „Sonnenblende“ am vorderen Ende.

Diese Übereinstimmung ist kein Zufall, sondern Hinweis darauf, dass der NSU mit dem gleichen Aufbau von Ambi-Budd ausgestattet wurde wie der Adler Standard 6 von 1927/28.

Das wirft nun die Frage auf, ob der NSU ebenfalls ein Sechszylinderwagen war. Ich hatte dies seinerzeit ausgeschlossen, da das erste NSU-Modell mit Sechszylindermotor der Typ 6/30 PS war, der erst 1928 zur Auslieferung kam.

Das Foto des NSU müsste demnach um ein Jahr zu früh datiert sein, wenn es einen solchen Sechszylinder-NSU des Typs 6/30 PS zeigen sollte. Möglich ist das durchaus.

Dafür spricht ein zweites Foto, das Colette Wittich mir übereignete, nachdem ich den NSU ihres Schwiegervaters vorgestellt hatte. Es ist umseitig auf ca. 1925 datiert, was nicht stimmen kann, da es damals weder den NSU 8/40 PS noch diese Form von Karosserie gab:

NSU 8/40 PS Limousine; Originalfoto aus Familienbesitz (Colette Wittich)

Vom NSU ist hier nicht viel zu sehen, aber der kleine Helmut am Steuer und der Hund auf dem Trittbrett verraten, dass die Aufnahme am selben Tag wie die erste entstanden ist.

Könnte auch bei dem ersten Foto die Datierung 1927 ebenso nachträglich geschätzt sein wie die Angabe 1925 bei diesem?

Dies würde die Möglichkeit eröffnen, dass der NSU kein 8/40 PS-Typ, sondern der erste Sechszylinderwagen der Marke war – nämlich der 1928 vorgestellte Typ 6/30 PS. Fast 6.000 Reichsmark waren dafür mit Limousinenaufbau zu berappen – das entsprach rund drei Jahresgehältern eines Durchschnittsverdieners im damaligen Deutschland.

Der Besitzer des NSU – Unternehmer Markus Wittich – muss eine glückliche Hand bei seinen Geschäften gehabt haben, um sich so einen Luxus leisten zu können. Wir sehen ihn auf obigem Foto ganz links in der Seitenansicht.

Er war bei einem Unfall im Jahr 1919 erblindet und verlegte sich zunächst auf die Produktion von Bürsten und Besen. Doch scheint er sich später ein lukrativeres Geschäftsfeld gesucht zu haben.

Hier sehen wir Markus Wittich, wie er mit der Hand die Qualität einer Stoffbahn prüft, die sein Gegenüber über der Schulter trägt:

Die Situation eröffnet einigen Interpretationsspielraum. Ich nehme an, dass Markus Wittich Ende der 1920er Jahre im Tuchhandel oder der Tuchverarbeitung tätig war. Dazu würde die ungewöhnlich feine, förmlich fließende Qualität seiner Anzugjacke passen.

Das Foto würde ihn hier quasi bei der Arbeit zeigen, nämlich beim Einkauf von Ware, die es weiterzuverarbeiten oder zu handeln galt. Hierzu würde auch passen, dass er für seine Geschäfte auf ein Automobil angewiesen war – für Besuche bei Lieferanten und Kunden.

Dafür hatte er einen Fahrer angestellt, dessen Namen leider nicht überliefert ist, den wir hier aber sehen – es ist der Mann mit Schirmmütze direkt neben Markus Wittich. Seine sanfte Geste zeugt von einem engen Vertrauensverhältnis zwischen den beiden, im wahrsten Sinne des Wortes ein berührendes Zeugnis.

Wie gesagt, ist der Name des Fahrers und Weggefährten von Markus Wittich nicht überliefert, wohl aber der des Hundes, der geduldig auf dem Trittbrett ausharrt, während so viele Menschen sich um den Wagen herum drängen, um mit auf das Foto zu gelangen:

„Hoppla“ soll der Hund geheißen haben, so schrieb mir Colette Wittich in ihrem zweiten Brief nach Veröffentlichung des Ausgangsfotos.

Auch zum Schicksal des kleinen Helmut wusste sie noch etwas zu berichten. 1919 war er auf die Welt gekommen. Er absolvierte Ende der 1930er Jahre sein Abitur und begann in Freiburg Medizin zu studieren.

In der Zwischenzeit hatte der Zweite Weltkrieg begonnen und Helmut Wittich meldete sich zum Dienst als Sanitäter an der Front. Im Rang eines Feldwebels gehörte er zu 3. Kompanie des Sturm-Regiments 14 (Teil der 78. Sturm-Division, aufgestellt in Ulm) und war in Russland eingesetzt.

Dort ereilte ihn 1943 im Alter von 24 Jahren während schwerer Kämpfe der Soldatentod – das Schicksal unzähliger junger Männer seiner Generation auf allen Seiten. Man hat einen anderen Blick auf das Foto von Helmut Wittich im NSU, wenn man das weiß.

Colette Wittich hat mir noch ein weiteres Foto zugesandt, auf dem abermals der NSU zu sehen ist, nun aber mit Verwandten von Markus Wittich in Böckingen:

NSU 8/40 PS Limousine; Originalfoto aus Familienbesitz (Colette Wittich)

Umseitig ist das Foto handschriftlich auf „ca. 1935“ datiert, was ebenfalls nur eine Schätzung sein dürfte wie im Fall der anderen Aufnahme.

Ich bin geneigt, die Entstehung deutlich früher anzusetzen, nämlich in den späten 1920er Jahren. Dafür spricht die Kleidung der jungen Frau auf dem Trittbrett, speziell die Ausführung des kurzen und zugleich ausladenden Rocks:

Auf diesem Ausschnitt sehen wir nun noch etwas, was die These von Matthias Doht unterstützt, wonach dieser NSU die gleiche Karosserie von Ambi-Budd aus Berlin besaß wie der Adler Standard 6 von 1927/28.

Hinter dem Ende der Motorhaube knapp oberhalb des Schwellers ist nämlich ein Emblem mit drei abgerundeten Ecken zu erkennen, wie es typisch für Ambi-Budd war.

Damit kommt neben dem Vierzylindertyp 8/40 PS auch das neue Sechszylindermodell 6/30 PS in Betracht, dessen Limousinenaufbau laut Literatur von Ambi-Budd stammte, vielleicht sogar dessen Nachfolger 7/34 PS, der noch im Herbst 1928 auf den Markt kam.

Die Aufnahme hat jedoch unübersehbar noch mehr zu bieten, nämlich ein ziemlich eindrucksvolles Motorrad – eine Ardie 500ccm:

Dieses Prachtstück lässt sich auf 1927/28 datieren. Gefertigt von Ardie in Nürnberg besaß es einen von JAP in England zugekauften Einzylinder-Viertakt-Motor, dessen 10 PS Leistung ein Tempo von 90 km/h erlaubten.

Das zylinderförmige Objekt vor dem Motor war der Karbidgasentwickler für den Scheinwerfer. Gegen Aufpreis war auch eine elektrische Bosch-Beleuchtung erhältlich.

Doch schon in der Basiversion war eine Ardie 500 ein für die meisten unerreichbares Gefährt. Der Preis von 1.140 Reichsmark entsprach deutlich mehr als der Hälfte des Jahreseinkommens eines durchschnittlichen Angestellten im Jahr 1928.

Auf heutige Verhältnisse gemünzt (Durchschnittsentgelt im Jahr 2021: 41.541 EUR) entspräche das einem Kaufpreis von mehr als 20.000 EUR! Der junge Bursche auf der Ardie muss sich einige Jahre tüchtig ins Zeug gelegt haben, um sich so etwas zu leisten.

Das Glück sollte nicht lange währen – er und der jüngere Bruder auf dem Sozius kehrten ebenfalls nicht mehr aus dem Krieg zurück.

Das ist ein bedrückender Abschluss der Geschichte, die ich hier erzählen durfte. Doch solange jemand diese Fotos betrachtet, die Gesichter auf sich wirken lässt und sich seine Gedanken dazu macht, so lange lebt etwas von dem längst vergangenen Dasein fort.

Und neben solchen Fotos gibt es noch etwas anderes, was die Zeiten überdauert hat, und das sind die alten Fahrzeuge, die einst die Leidenschaft unserer Vorfahren geweckt haben.

Das tun sie ganz offensichtlich nach über 90 Jahren immer noch wie diese originalgetreu erhaltene Ardie 500 aus der Zeit, in der die vorgestellten Aufnahmen entstanden:

Videoquelle: youtube.com; hochgeladen von krobtv

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Eine Botschaft aus alter Zeit: NSU 8/40 PS

Pünktlich zu Weihnachten 2020 erreichte mich ein Brief mit einer besonderen Gabe, die ich heute vorstellen möchte. Verfasst war das Schreiben von einer Französin in feiner Handschrift und in ausgezeichneten Deutsch.

Die Absenderin – Colette Wittich – hatte mich zuvor per E-Mail um Hilfe bei der Identifikation eines Autofotos gebeten, das sie im Nachlass ihres verstorbenen Mannes gefunden hatte, der Deutscher war.

Anhand der Bilddatei konnte ich ihr mitteilen, dass die Aufnahme eindeutig einen NSU aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zeigt, eventuell ein Modell 6/30 PS oder 7/34 PS.

Daraufhin bedankte sich Frau Wittich herzlich und überraschte mich sodann mit besagter Weihnachtspost, die das Foto im Original enthielt.

„Es gehört von nun an Ihnen und Sie können nach Belieben darüber verfügen. Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie es veröffentlichen.“

Selten hat mich eine Leserzuschrift so berührt. Mir wurde damit ein persönliches Andenken aus alter Zeit anvertraut, damit ich es aufbewahre und den Liebhabern von Vorkriegsautos eine Freude damit mache – und das tue ich gern:

NSU Typ 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger (aus Schenkung)

Bevor ich die Geschichte dieses Autos erzähle, wie sie mir Madame Colette berichtet hat, kurz ein paar Worte zur Identifikation des Typs.

Der Flachkühler mit dem dreieckigen oberen Abschluss nach Manier antiker Tempel (und Vorbild von Fiat) sowie das Emblem darauf verraten, dass wir hier einen NSU ab 1926 vor uns haben, übrigens mit Zulassung im Raum Heilbronn:

Die ebenfalls in Heilbronn ansässigen NeckarSUlmer Fahrzeugwerke verkauften damals vor allem das kompakte Modell 5/25 PS. Allerdings sehen wir auf dem Foto eine Sechsfenster-Limousine, wie sie es serienmäßig nicht auf Basis des NSU 5/25 PS gab.

Dafür kommt vielmehr der große Bruder 8/40 PS in Betracht, dessen 2-Liter-Motor eine damals beachtliche Höchstgeschwindigkeit von über 100 km/h ermöglichte.

Zwar hatte ich in meiner ersten Reaktion auf die Nachricht von Colette Wittich auch das Sechszylindermodell 6/30 PS bzw. den Nachfolger 7/34 PS in Betracht gezogen. Diese wurden jedoch erst ab 1928 gebaut, während auf dem Foto „1927“ vermerkt ist.

Daraus darf man schließen, dass diese schöne Aufnahme einen NSU 8/40 PS zeigt, wie er nur 1926/27 gebaut wurde. Was aber wissen wir noch über den Wagen?

Nun, dazu konnte mir Frau Wittich einiges verraten. Der NSU gehörte ihrem Schwiegervater Markus Wittich, der Unternehmer war.

Leider war er blind, und um seine Kunden besuchen zu können, ließ er sich von seinem Fahrer im NSU dorthin bringen – die Geschäfte müssen demnach sehr gut gelaufen sein.

Auf dem Foto sehen wir aber noch zwei weitere Persönlichkeiten:

Die eine posiert geduldig auf dem Trittbrett – leider ist der Name dieses vierbeinigen Familienmitglieds nicht überliefert.

Hinter dem Steuer sehen wir die andere Persönlichkeit, die damals noch ein Bub war. Es handelt sich um den Sohn Helmut, den älteren Bruder von Colette Wittichs Ehemann.

Die Aufnahme wirkt für sich genommen wunderbar heiter, aber der Eindruck verflüchtigt sich, wenn man weiß, dass das Leben des jungen Helmut schon 16 Jahre später endete – im Jahr 1943 als Soldat an der Ostfront.

Sein jüngerer Bruder, der später Colette Wittich aus Frankreich heiraten sollte, überlebte ihn 45 Jahre. In all dieser Zeit begleitete ihn dieses Foto seines Bruders.

Nun, da er selbst nicht mehr da ist, bin ich der Hüter dieses Dokuments und der Geschichte, die damit verbunden ist.

Für dieses wunderbare Geschenk sage ich „Merci beaucoup et bonne année, chère Madame Wittich!“

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Sportlich „frisiert“ und zuverlässig: NSU 5/25 PS

Heute knüpfe ich an einen Bildbericht an, den ich vor gut drei Jahren verfasst habe – seinerzeit in der Rubrik „Fund des Monats“. Für diese Kategorie reicht es heute zwar nicht ganz, dennoch lohnt es sich, bis zum Schluss „dranzubleiben“.

Zum Einstieg habe ich das Foto eines unbekannten Amateurs gewählt, das dieser zusammen mit einer Reihe weiterer 1925 beim Taunus-Rennen geschossen hat. Ich hatte diese Aufnahme in meinem seinerzeitigen Blog-Eintrag bewusst ausgespart, da ich vom selben Fahrzeug Fotos in besserer Qualität zeigen konnte.

Für meine heutigen Zwecke eignet sich das Dokument aber durchaus und so zeige ich es nun erstmals der Öffentlichkeit, nachdem es 95 Jahre in einem privaten Album schlummerte:

NSU 5/25 Werksrennwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der kleine Zweisitzer ohne Kotflügel und Scheinwerfer sowie außen an der Karosserie entlanggeführtem Auspuffrohr ist eines der beiden Siegerautos von NSU, mit denen die württembergische Marke 1925 beim Taunusrennen Furore machte (Buchtipp dazu: Holger Rühl, Die Automobilrennen im Taunus).

Dank der Zuverlässigkeit des Wagens gelang ein phänomenaler Doppelsieg gegen stärkere Konkurrenz. u.a. von Bugatti und Mercedes. Die ganze Geschichte dieses ruhmreichen Einsatzes ist in meinem früheren Blog-Eintrag hier nachzulesen.

Für heute genügt es zu wissen, dass der Motor des siegreichen Werksrenners von NSU auf dem Aggregat des gerade erst neu eingeführten 5/25 PS-Typs basierte.

Dem Serienmotor wurden durch klassisches „Frisieren“ mehr PS entlockt – also durch Überarbeitung des Ansaugtraktes und optimierte Ventilsteuerung. Vielleicht wurde auch die Kurbelwelle erleichtert und besser ausgewuchtet, um die Drehfreudigkeit zu erhöhen.

Außerdem wurde ein Roots-Kompressor verbaut, der für ein energiereicheres Gemisch und damit größere Leistungsausbeute sorgte. Die damit verbundene Mehrbelastung muss der 1300ccm Motor problemlos verkraftet haben – keine Selbstverständlichkeit.

Solchermaßen frisiert behielt der NSU seine sprichwörtliche Zuverlässigkeit – ein Faktor, der damals oft über Sieg oder Niederlage entschied.

Kein Wunder, dass der NSU 5/25 PS auch mit dem robusten Serienmotor und konventioneller Karosserie als zuverlässiger Partner von dieser jungen Dame geschätzt wurde, die sich ihrerseits sportlich „frisiert“ in Szene gesetzt hat:

NSU 5/25 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses schöne Dokument verdanke ich Leser Klaas Dierks, der nicht nur ein Auge für die technische Qualität solcher Fotos, sondern auch einen ausgeprägten Sinn für die ästhetische Wirkung hat und dem damit immer wieder Funde wie dieser gelingen.

Die Aufnahme lebt vom Charme der zierlichen jungen Dame, die ihren Arm lässig – beinahe zärtlich – auf das riesige Lenkrad vor ihr gelegt hat, über das sie kaum hinwegschauen konnte.

Es sind aber auch Unregelmäßigkeiten wie die verrutschte Startnummer auf der Motorhaube und die Reflektionen auf der glänzenden Flanke des Wagens, die diesem klassischen Tourer der 1920er Jahre Leben einhauchen.

Ohne diese Zutaten wäre der Wagen aus dieser Perspektive völlig beliebig – noch schlichter lässt sich ein solcher Tourer kaum gestalten.

Entsprechend schwierig war die Identifikation des Typs. Nach einigen Bildvergleichen landete ich bei den NSU-Wagen mit Flachkühler und Vorderradbremsen, wie sie ab 1926 gebaut wurden.

Einen praktisch identischen Tourenwagen findet man beispielsweise auf S. 86 von Klaus Arths famosem Buch über „NSU Automobile“ (Verlag Delius Klasing, 2. Auflage, 2015). Einzige Abweichung dort ist das als Zubehör erhältliche, seitlich montierte Ersatzrad.

Bleibt die Frage, ob man nun einen Typ 5/25 PS oder den parallel erhältlichen und weit stärkeren Typ 8/40 PS vor sich hat. Mein Eindruck ist der, dass sich beide hauptsächlich durch den um 50 cm differierenden Radstand unterschieden.

Infolgedessen war beim NSU 8/40 PS der Abstand zwischen den Türen wesentlich größer als auf dem Foto, das mir Klaas Dierks zur Verfügung gestellt hat.

Ansonsten fanden sich bei beiden Typen die Stahlspeichenräder mit fünf Radbolzen, die Vorderradbremsen, die vertikalen Luftschlitze, die langrechteckigen Türen ohne außenliegende Griffe und die Wartungsöffnung am hinteren Ende der Schwellerpartie, über die die vordere Blattfederaufhängung geschmiert werden konnte.

Über die Zahl der einst gefertigten Fahrzeuge des NSU 5/25 PS konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Viele werden es nicht gewesen sein, wenn ich die sehr geringe Zahl der historischen Fotos als Maßstab zugrundelege, die ich von diesem Modell (oder auch den zeitgleichen weiteren NSU-Typen) bislang finden konnte.

Offenbar vermochte man die im Renneinsatz bewiesene Zuverlässigkeit nur bedingt in Verkäufe von Serienwagen umzumünzen. Da NSU wie die meisten deutschen Hersteller auch nach 1925 noch weitgehend in Manufaktur produzierte, standen wohl die daraus resultierenden hohen Preise einem größeren Erfolg entgegen.

Umso wertvoller sind die wenigen Dokumente dieser Fahrzeuge, die einst so glänzenden Eindruck machten. So belegte der hier gezeigte NSU 5/25 PS ausweislich der Beschriftung des Abzugs bei der „Württembergischen Zuverlässigkeitsfahrt“ den zweiten Platz.

Zum anderen lässt sich hier die aufwendiger Handarbeit zu verdankende Güte der Lackierung gut nachvollziehen. Darin spiegelt sich nicht nur ein hell geschotterter Platz wider, sondern auch der Fotograf mit Dreibeinstativ, wenn ich mich nicht täusche:

So ist hier zumindest in Teilen die Person mitverewigt, der wir dieses Zeugnis einstiger Zuverlässigkeit und Frisierkunst aus württembergischen Landen verdanken…

Übrigens: Wer zeitgenössische Originalfotos der NSU-Automobile aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre sein eigen nennt, macht mir und meinen Lesern eine große Freude, wenn er diese zu detaillierten Würdigung in meinem Blog und Einreihung in meine noch ausbaufähige NSU-Galerie zur Verfügung stellt.

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Ein echter Doktorwagen: NSU-Zweisitzer

Man kann die Bedeutung des Automobils für unsere Zivilisation und unseren Wohlstand kaum überschätzen – weshalb Wachsamkeit angebracht ist, was ideologisch motivierte Versuche angeht, unter Vorwänden die automobile Bewegungsfreiheit einzuschränken.

Wohl niemand hat etwas gegen maßvolle und wirksame Schritte zur Verringerung tatsächlicher Umweltbelastungen, aber wie immer in der Politik ist eine Güterabwägung vorzunehmen, da auch Lebensinteressen der Bürger zu berücksichtigen sind.

Schon in der Frühzeit des Automobils gab es Versuche von Verbotsfetischisten, der neu gewonnenen Mobilität das Wasser abzugraben. Man denke nur an den Red Flag Act in England, der selbstfahrende Fahrzeuge bis 1896 zu Fußgängertempo verdammte.

Hätten sich diese reaktionären Kräfte durchgesetzt, wäre es zu einer der nützlichsten Anwendungen des Automobils nie gekommen – dem Doktorwagen!

Bei dem Stichwort denken sicher viele an den legendären Opel „Doktorwagen“ – hier ein Exemplar von 1908, das 2016 bei den Classic Days auf Schloss Dyck zu sehen war:

Opel „Doktorwagen“ von 1908; Bildrechte: Michael Schlenger

Natürlich war der „Doktorwagen“ kein exklusives Angebot von Opel – vielmehr wurden damit kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts generell offene Zweisitzer bezeichnet, die sich unter anderem für den Bedarf von Landärzten und Veterinären eigneten.

Die Konstruktion als Zweisitzer mit Faltverdeck war dabei keine besondere Anforderung der Herren Doktoren, sondern schlicht die billigste verfügbare Variante eines Automobils.

Auch wenn Ärzte vor über 100 Jahren in der Einkommenshierarchie höher angesiedelt waren als heute, war auch für sie die Anschaffung eines Autos eine kolossale Investition – daher musste die Einstiegsversion genügen, die genug Platz für den Doktor und seinen Arztkoffer bot.

Das Ergebnis sah dann typischerweise so aus:

NSU 5/10 oder 6/12 oder 8/15 PS vor 1910; Foto aus: „Bielstein in alten Bildern“, hrsg. vom Heimatverein Bielstein, 1980

Dieses schöne Foto verdanke ich Walter Ruland, der von mir wissen wollte, ob der Wagen tatsächlich ein NSU von 1912/13 sei. So ist es jedenfalls in einer 40 Jahre alten Publikation des Heimatvereins Bielstein (Bergisches Land) überliefert.

Nun, die Jahreszahl stimmt definitiv nicht, das Auto muss mangels „Windlauf“ zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe vor 1910 entstanden sein. Doch die Ansprache als NSU ist korrekt.

Bei der Einordnung hilft folgende Reklame, die einen NSU von 1910 zeigt, der bereits die neuartige, zuvor im Rennsport erprobte „Windkappe“ zeigt, die den Luftwiderstand verringerte.

NSU-Reklame aus Braunbeck’s Sportlexikon von 1910: Original aus Sammlung Michael Schlenger

Von besagter Windkappe (international damals auch als Torpedo bezeichnet) abgesehen stimmt die Frontpartie vollkommen mit der des Wagens in der Publikation des Heimatvereins Bielstein von 1980 überein.

Die markante Ausführung des Kühlers entspricht mit Ausnahme des ovalem Emblems derjenigen der belgischen Pipe-Wagen, für deren Produktion NSU 1905 eine Lizenz erworben hatte.

Besagtes Emblem ist auf folgendem Ausschnitt zu erahnen. Studieren lässt sich außerdem die von Pipe übernommene getreppte Gestaltung des Oberteils des Kühlergehäueses:

Reizvoll ist die weit vorn angebrachte Hupe, die über ein sehr langes, rechts an der Motrhaube vorbeiführendes Rohr vom Armaturenbrett aus bedient worden sein muss.

Als NSU-Motorwagen (Lizenz Pipe) bot man ab 1906 vor allem um einen für die damalige Zeit ziemlich leistungsfähigen 15/24 PS-Typ an. Doch parallel dazu entwickelte NSU unter Leitung von Walter Schuricht einen kompakteren Vierzylinder mit 1,3 Litern Hubraum – den Typ 510 PS.

Dieser war anfänglich nur als offener Zweisitzer verfügbar und möglicherweise war der NSU auf dem oben gezeigten Foto ein solcher NSU 5/10 PS-Typ. Daneben wurde ein 1,5 Liter Modell angeboten, das ab 1907 bereits 12 PS leistete, 1908 folgte ein 8/15 PS-Typ.

Alle drei waren als Zweisitzer erhältlich, wobei der Radstand von 2 Metern beim 6/10 PS bis 2,64 Meter beim 8/15 PS reichte.

Ich würde im Fall des NSU-Zweisitzers auf obigem Foto auf einen Radstand von 2 Metern tippen, womit nur die Typen 6/10 PS bis 6/12 PS von 1906 bis 1908 in Betracht kommen.

Was die Aufnahme des NSU-Zweisitzers aus der Publikation des Bielsteiner Heimatvereins so wertvoll macht, ist die Tatsache, dass der Besitzer des Wagens namentlich bekannt ist – sein Name war Dr. Eckard:

Damit haben wir es bei dem NSU-Zweisitzer mit einem echten Doktorwagen zu tun, auch wenn man in Neckarsulm diese Bezeichnung offiziell nicht verwendet zu haben scheint.

Wir wissen nicht, wievielen Menschen Dr. Eckard mit seinem treuen NSU-Zweisitzer einst Hilfe geleistet hat – oft genug zu nachtschlafener Zeit oder bei Wind und Wetter, wie es nun einmal von Hausärzten erwartet wird und denen wir dafür zu Dank verpflichtet sind.

Bei der Gelegenheit sei auch an die Arbeit der Veterinäre erinnert, die durch das Automobil ganz ähnliche Möglichkeiten der raschen Hilfe erhielten. Nur wenig später kamen Milchlieferanten dazu – die Feuerwehr und die Post nicht zu vergessen.

Und wieviele weitere Mitmenschen stiften uns täglich Nutzen durch das Automobil, all die fleißigen Spediteure und Handwerker, deren Kastenwagen auf der Autobahn gern verflucht werden, aber ohne die unsere Gesellschaft ebenso wenig funktionieren würde wie ohne die Schichtarbeiter, die sich des nachts mit dem Auto zuverlässig zur Tätigkeiten einfinden, ohne die wir weder sauberes Wasser noch Strom oder Nahrung hätten.

So gesehen steht der heute vorgestellte NSU-Doktorwagen für weit über 100 Jahre Gewinn an Wohlfahrt, Sicherheit und Lebensqualität – Dinge, die wir nicht dem Staat, sondern einer aus rein privaten Motiven entwickelten Technologie verdanken…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Klassenziel leider verfehlt: NSU 6/30 PS von 1928

Der von den großen US-Autoherstellern in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entfachte scharfe Wettbewerb auf dem deutschen Markt gehört zu den zuverlässig wiederkehrenden Themen in diesem Blog für Vorkriegswagen.

Der Verfasser hegt eigentlich keine besondere Sympathie für amerikanische Fahrzeuge, vor allem nicht, was die Nachkriegsproduktion angeht.

Doch ergibt sich bei unvoreingenommener Betrachtung, dass die US-Industrie in der Zwischenkriegszeit einheimischen Fabrikaten in fast jeder Hinsicht überlegen war.

Dadurch sollen die vielen reizvollen Wagen deutscher Provenienz keineswegs herabgewürdigt werden, sie müssen bloß in der damaligen automobilen Hierarchie richtig eingeordnet werden.

Das lässt sich heute anhand folgender Aufnahme mustergültig tun:

NSU_7-34_PS_und_Chevrolet_Halberstadt_1928_Galerie

NSU 6/30 PS und Chevrolet 11/30 PS Series AA; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese leider etwas unscharfe, doch ansonsten durchaus gelungene Aufnahme entstand vor 90 Jahren – im Jahr 1928 – in Halberstadt in Sachsen-Anhalt.

Die über 1200 Jahre alte Domstadt kann mit dem traurigen Rekord aufwarten, nur drei Tage vor der Besetzung durch amerikanische Streitkräfte im April 1945 von alliierten Bombern zu 80 % zerstört zu werden.

Die Reste der Altstadt fielen dem Modernisierungsfuror des neuen, statt braunen nunmehr roten sozialistischen Regimes weitgehend zum Opfer. So ist auch dieses alte Autofoto ein Rückblick in eine unwiderbringlich verschwundene Welt.

Einmal mehr ist hier Erstaunliches zu entdecken – ein kompakter überteuerter Sechszylinder neben einem großzügig dimensionierten preisgünstigen Vierzylinder.

Kenner ahnen bereits, wie die Sache ausgeht. Doch eins nach dem anderen:

NSU_7-34_PS_und_AFZ_Halberstadt_1928_Ausschnitt1

Hier haben wir einen NSU der späten 1920er Jahre vor uns, auch wenn das typische Emblem auf der ähnlich wie bei zeitgenössischen Fiats gestalteten Kühlermaske nur schemenhaft zu erkennen ist.

Bei der Limousine auf dem Foto von 1928 handelt es sich wohl um einen NSU 6/30 PS, da das äußerlich identische Modell 7/34 PS erst im November 1928 vorgestellt wurde.

Mit dem nur 1,6 Liter messenden 6-Zylinder hatte sich NSU alle Mühe gegeben, doch blieben zum einen Kinderkrankheiten an dem Aggregat. Zum anderen war der Wagen viel zu teuer geraten.

Dennoch bewarb NSU den 6/30 PS-Typ kühn als den „billigeren Wagen“:

NSU_6-30_PS_1928_Reklame_Galerie

Originalreklame für den NSU 10/30PS aus Sammlung Michael Schlenger

Selbst der in der Reklame hervorgehobene Preis der Basisversion von 5.550 Mark war nicht konkurrenzfähig.

So gab es von Opel zeitgleich das stärkere und größere Sechszylindermodell 7/34 PS, das in der Limousinenausführung nur 4.900 Mark kostete.

Vor allem aber gab es eine unschlagbare Konkurrenz aus Übersee, die auf dem eingangs gezeigten Foto neben dem NSU steht.

Ignorieren wir für einen Moment das Kürzel AFZ auf der Scheibe an der Scheinwerferstange:

NSU_6-30_PS_und_Chevrolet_Halberstadt_1928_Ausschnitt2

Die Gestaltung der Kühlermaske mit dem mittigen „Zipfel“ an der Oberseite des Kühlerausschnitts verweist auf einen Chevrolet des Modelljahrs 1927.

Dabei handelte es sich um einen Wagen mit 2,8 Liter großem Vierzylinder, für den je nach Quelle Leistungen bis 30 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h angegeben werden.

War auch der Kraftstoffverbrauch des Ami-Wagens mit 14 Litern/100 km/h höher als der des in etwa gleichstarken, doch weniger elastischen NSU (12 Liter), machte der Kaufpreis den entscheidenden Unterschied:

Der Vierzylinder-Chevrolet war in der Limousinenausführung 1928 hierzulande für 4.625 Mark erhältlich, war also noch günstiger als der erwähnte Opel Typ 7/34 PS, der freilich etwas größer und stärker war.

Auf unserem Foto ist die Überlegenheit des stämmigen „Amerikaner-Wagens“ unmittelbar ersichtlich:

NSU_6-30_PS_und_Chevrolet_Halberstadt_1928_Ausschnitt3

Wie konnte Chevrolet einen solchen Wagen trotz Transportkosten und Importzöllen auf dem deutschen Markt so günstig anbieten?

Die Antwort ist eine siebenstellige Produktionszahl, die enorme Kostenvorteile ermöglichte:

  • 1.193.212 Chevrolets entstanden von dem Wagen des Modelljahrs 1928
  • im Vorjahr 1927 waren es bereits 1.001.820 Fahrzeuge und
  • im Krisenjahr 1929 unfassbare 1.328.050 Stück.

Quelle: B.R. Kimes/H.A.Clark, Standard Catalog of American Cars, 1996

Diese Zahlen mögen das enorme Können der damaligen Entwickler, Logistiker und Arbeiter veranschaulichen, die heute nach kurzer Nachschulung vermutlich einen Flughafen in der Hauptstadt binnen zwei Jahren fertigstellen könnten…

Übrigens: 1929 bot Chevrolet dann auch ein Sechszylindermodell mit 46 PS an, das mit 4.800 Mark in der Limousinenausführung hierzulande immer noch erschwinglicher war als der laut Werbung „billigere Wagen“ von NSU.

Zu diesem Zeitpunkt war das Schicksal von NSU als unabhängigem Automobilhersteller längst besiegelt. 1928/29 wurde die Automobilfabrikation von NSU vom erfahrenen Großserienhersteller Fiat übernommen.

Was aber hat es mit dem Kürzel AFZ auf der Scheinwerferstange des Chevrolet auf sich? Nun, dem Verfasser ist nur die seit Ende des 19. Jh existierenden Publikation „Allgemeine Fleischer Zeitung“ in den Sinn gekommen…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ausflug mit den Schwiegereltern – im NSU 5/15 PS

Ein Auto mit nur 15 PS Höchstleistung – konnte man damit jemals die Schwiegereltern beeindrucken? Dieser Frage wollen wir heute anhand eines prachtvollen Originalfotos aus der Sammlung des Verfassers nachgehen.

Den Typ 5/15 PS des Neckarsulmer Fahrzeugherstellers, der 1906 mit der Autoproduktion begonnen hatte, haben wir vor längerer Zeit bereits hier vorgestellt. Doch dabei handelte es sich um einen viersitzigen Tourenwagen.

Nunmehr können wir den raren Sport-Zweisitzer zeigen, der zwar ebensowenig sportlich war wie der Tourer oder die Limousine, aber zumindest rasant aussah:

NSU_5-15_PS_Sport-Zweisitzer_Pk_08-1929_Galerie

NSU 5/15 PS Sport-Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

In dem hinter den Vordersitzen steil abfallenden Heck war – wie hier zu besichtigen – noch eine ausklappbare Notsitzbank untergebracht.

Bei voller Besetzung mit Gattin und Schwiegermutter in der zweiten Reihe war es natürlich mit der sportlichen Optik vorbei und die 15 PS hatten ihre liebe Not.

Doch bevor wir über den technischen Stand des Wagens lächeln, wollen wir ihn in den richtigen Kontext stellen. Dazu geht es über 100 Jahre zurück – vielleicht die erste Überraschung.

Denn auch wenn diese schöne Aufnahme auf einer Ende der 1920er versandten Postkarte erhalten geblieben ist, zeigt sie eindeutig ein Modell aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg – das verraten vor allem die gasbetriebenen Scheinwerfer:

NSU_5-15_PS_Sport-Zweisitzer_Pk_08-1929_Frontpartie

Elektrische Beleuchtung gab es zwar auch schon 1914 gegen Aufpreis – so auch bei diesem Wagen, der sich anhand der Kühlerplakette als NSU offenbart – doch auf zeitgenössischen Fotos sieht man so etwas nur ganz selten.

Ein weiterer Datierungshinweis ist die 1913 eingeführte birnenförmige Kühlermaske, die bei NSU erst nach dem 1. Weltkrieg einem schnittigen Spitzkühler wich wie bei so vielen Herstellern im deutschsprachigen Raum.

Anhand der Größe des Wagens können wir diesen als Basismodell 5/15 PS von NSU identifizieren. Es wurde ab 1914 gebaut, womit man auf die Konkurrenz der 1913 vorgestellten 5/12 PS Modelle von Wanderer und Opel reagierte.

Nachdem sich NSU zunächst mit Mittelklassewagen einen Namen gemacht hatte, konkurrierte man frühzeitig auch im Kleinwagensektor mit den etablierten deutschen Herstellern.

NSU-Reklame_Braunbeck_1910_Galerie2

NSU-Originalreklame aus Braunbecks Sportlexikon 1910

Dabei setzte NSU bereits ab 1909 auf kleine Hubräume von etwas mehr als 1 Liter – bemerkenswert, da viele Autos jener Zeit großvolumig angelegt waren. Selbst das legendäre Volksauto Model T von Ford mit 20 PS besaß fast 3 Liter Hubraum.

Der NSU Typ 5/15 PS, den wir auf dem Foto sehen, kam mit lediglich 1,2 Litern Hubraum aus und war mit Spitze 60 km/h kaum langsamer als das US-Pendant.

Der entscheidende Unterschied war der Preis: 1914 begann die Fließbandfertigung des Ford T-Modells und damit wurde es auf einmal für die Arbeiter erschwinglich, die es fertigten – genau das wollte der kühle Rechner Henry Ford erreichen.

Damit konnte keiner der deutschen Hersteller mithalten, von denen die meisten bis Ende der 1920er Jahre nicht begriffen, dass der Schlüssel zum Volksautomobil in einer streng rationellen Produktionsweise lag.

So blieb ein Automobil in Deutschland 1914 (und selbst noch 25 Jahre später) eine exklusive Angelegenheit, ganz gleich wie bescheiden die Leistung war. Entsprechend zufrieden schaut der Schwiegersohn hier drein:

NSU_5-15_PS_Sport-Zweisitzer_Pk_08-1929_Insassen

Der Ausschnitt lässt übrigens klar erkennen, dass das Verdeck bei einem Schauer die rückwärtigen Insassen buchstäblich im Regen hätte sitzen lassen.

Zudem hätten die Damen – eindeutig Mutter und Tochter – dann die Rückseite des Verdecks vor der Nase gehabt. Die beiden Herren waren also hier in privilegierter Position, ganz gleich wie das Kräfteverhältnis auch sonst ausgesehen haben mag.

Eine Sache mag noch erwähnenswert sein: Der adrette NSU Sport-Zweisitzer des Typs 5/15 PS scheint über eine Luxemburger Zulassung verfügt zu haben.

Bei einer Bevölkerung von etwas mehr als 250.000 vor 100 Jahren (Quelle) genügte in dem Zwergstaat damals offenbar ein vierstelliger Nummernkreis ohne ergänzende Buchstaben für alle dort zugelassenen Autos.

Über den Aufnahmeort wissen wir leider nichts. Das Foto mag irgendwann in den 1920er Jahren auf luxemburgischen Territorium entstanden sein, wo es durchaus mittelgebirgsartige Landschaften gibt.

Vom Leistungsvermögen her ist auch anderes denkbar: 1914 wurde ein serienmäßiger NSU 5/15 PS auf die 2.500 km lange Strecke von Neckarsulm ins spanische Barcelona geschickt, wo der Wagen nach Überwindung der Pyrenäen auch ankam…

Literatur: NSU Automobile, von: Klaus Arth, Verlag Delius-Klasing, 2. Auflage 2015

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NSU und Bugatti beim Hohensyburg-Rennen 1925

NSU und Bugatti – das klingt nach einer arg merkwürdigen Paarung.

Manch einer fragt sich vielleicht, ob denn die Neckarsulmer Fahrzeugwerke überhaupt schon vor dem Krieg Autos gebaut haben – und dann Sportwagen?

Ja, haben sie und das eine ganze Zeit mit beträchtlichem Erfolg. Tatsächlich haben wir genau solch eine Konstellation auf diesem Blog schon einmal besprochen.

Damals ging es um den Sieg eines aufgeladenen NSU 5/25/40 PS im Taunusrennen des Jahres 1925 gegen überlegene Gegner, darunter auch Wagen von Bugatti.

Wie es der Zufall will, zeigt das Foto, mit dem wir uns heute befassen, eine ganz ähnliche Situation, übrigens ebenfalls aus dem Jahr 1925:

NSU_Bugatti_Brescia_Hohensyburgrennen_1925_Ahlefelder_Galerie

NSU 8/24 PS und Bugatti „Brescia“; Originalfoto aus Sammlung Holger Ahlefelder

Diese reizvolle Aufnahme, die auf der Start-Ziel-Gerade des Hohensyburg-Rundkurses entstand, hat uns Holger Ahlefelder zur Verfügung gestellt. Regelmäßige Leser erinnern sich vielleicht an seinen wunderbaren Mercedes „Stuttgart“, den wir anhand mehrerer Originalfotos zeigen durften.

Die von 1925-37 ausgetragenen Hohensyburg-Rennen sagen wohl nur noch Kennern der deutschen Vorkriegssporteinsätze etwas. Hier haben wir eine zeitgenössische Abbildung des Rundkurses südlich von Dortmund:

Hohensyburg_Kurs

Start und Ziel sind eingezeichnet, sodass wir sagen können, wo genau das Foto einst entstand, auch wenn sich die Umgebung seither stark verändert hat. Zumindest scheint die heutige Bundesstraße 54 einem Teil der Strecke zu folgen.

Leider ist im „allwissenden“ Netz über die Hohensyburgrennen außer einem Zeitungsartikel kaum Gehaltvolles zu finden. Von daher wäre der Verfasser für einschlägige Buchtipps zum Thema ausgesprochen dankbar.

Nun aber zu den beiden Autos, die beim Eröffnungsrennen 1925 abgelichtet wurden. Das vordere ist eindeutig ein NSU – auch wenn das Kühleremblem nur auf dem Originalabzug gut zu erkennen ist:

NSU_Bugatti_Brescia_Hohensyburgrennen_1925_Ahlefelder_NSU_8-24

Markant ist an dem Wagen zweierlei: Zum einen verfügt dieser NSU noch über einen moderaten Spitzkühler, während das Kompressormodell, das 1925 das Taunusrennen gewann, einen Flachkühler besaß. Zum anderen wirkt der Wagen trotz des leichten Zweisitzeraufbaus „erwachsener“.

Dies legt nahe, dass wir es mit einer Sportversion des 1920 neu aufgelegten Vorkriegsmodells 8/24 PS handelte, das mittlerweile tatsächlich 32 PS leistete.

Hier eine Originalreklame der Serienausführung von 1921:

NSU-Reklame_um_1921_Galerie

NSU-Reklame von 1921; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Rasch entwickelte der NSU 8/24 PS ein sportliches Image. Dazu trug der zweite Platz des Sportmodells bei, das es beim Eröffnungsrennen der AVUS in Berlin 1921 errang.

Aus dem Jahr 1924 gibt es dann Fotos von Sportzweisitzern des Typs NSU 8/24 PS, die dem Wagen auf unserer Aufnahme stark ähneln. Siehe dazu „NSU Automobile“ von Klaus Arth (Delius-Klasing), Seite 70.

Dieses Modell wurde von Fahrern wie Adolf Wickenhäuser und seiner ebenso motorsportbegeisterten Gattin Hilda mit großem Erfolg eingesetzt.

Überliefert ist, dass der NSU 8/24 PS Sport auf dem Foto von einem Willy Erlenbruch aus Elberfeld bewegt wurde, der damit beim Hohensyburgrennen prompt den 2. Platz seiner Klasse belegte.

Diese Information verdanken wir Michael Müller, einem profunden Kenner der Bugatti-Renneinsätze. Er konnte daher auch zu dem zweiten Wagen auf dem Foto Erhellendes beitragen:

NSU_Bugatti_Brescia_Hohensyburgrennen_1925_Ahlefelder_Bugatti

Hier haben wir einen Bugatti des Typs 13 „Brescia“, benannt nach dem brillianten Abschneiden beim Brescia Grand Prix für Voiturettes 1921, wo das Modell die vier ersten Plätze belegte.

Die Geschichte des Bugatti Typ 13 beginnt aber schon 1910, als Ettore Bugatti nach Ende seiner Tätigkeit für Deutz in Köln erstmals ein Auto unter eigenem Namen vorstellte.

Der für die damalige Zeit hochmoderne Ventiltrieb mit königswellengesteuerter obenliegender Nockenwelle ermöglichte eine ideale Leistungsausbeute aus dem nur 1,4 Liter „großen“ Reihenvierzylinder.

In Verbindung mit einem Fahrzeuggewicht von nur wenigen hundert Kilogramm erlaubte das anfänglich 30 PS leistende Aggregat unerwartet souveräne Fahrleistungen.

Wie es scheint, wurden einige auf dem Bugatti Typ 13 basierende Wagen in Lizenz von der Rheinische Automobilbau AG (RABAG) in Düsseldorf gefertigt. 

Gut möglich, dass wir einen dieser raren Lizenz-Bugattis auf dem Foto sehen. Dank Michael Müller wissen wir sogar, wer diesen Wagen damals beim Hohensyburgrennen gefahren hat – Lokalmatador Carl Brackelsberg aus Milspe.

Schließen möchten wir aber mit einer weiteren Aufnahme des rassigen NSU 8/24 PS, der zum Zeitpunkt des Rennens 1925 deutlich mehr Leistung hatte, als es die traditionelle Bezeichnung verraten lässt:

NSU_5-24_PS_Hohensyburgrennen_1925_Ahlefelder

NSU 8/24 PS Sport; Originalfoto aus Sammlung Holger Ahlefelder

Das ist eine schöne Momentaufnahme, die viel vom Charakter dieses auf kaum befestigten Landstraßen stattfindenden Rennens verrät.

 

 

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Auch in „ziviler“ Version ganz schön flott: NSU 5/25 PS

Mit der Marke NSU verbinden selbst Freunde von Vorkriegsautos am ehesten Motorräder – erst recht, wenn es um sportlichen Einsatz geht.

Klar, aus der Nachkriegszeit kennt man die Krawallschachteln vom Schlage eines NSU „Prinz“ TT, die mit hervorragendem Leistungsgewicht punkteten. Dass NSU aber schon vor dem Krieg Autos baute, wissen die wenigsten.

Am ehesten bekannt sind die NSU-Fiats der 1930er Jahre, die jedoch mit NSU nur so viel zu tun hatten, dass sie im einstigen NSU-Werk in Heilbronn gefertigt wurden.

Tatsächlich gehörte NSU bis in die 1920er Jahre zu den bedeutendsten Automarken im deutschsprachigen Raum. Entsprechend häufig sind historische Fotos von NSU-Wagen –  auch auf diesem Blog sind einige vertreten.

In hiesigen „Oldtimer“-Magazinen wird man Vorkriegs-NSUs kaum finden. Noch weniger bekannt sein dürften die sportlichen Einsätze von NSU-Autos in der Zwischenkriegszeit.

Dabei hat einer der Rennboliden, mit denen NSU spektakuläre Erfolge einheimste, sogar überlebt – der bis zu 175 km/h schnelle NSU 6/60 PS mit Kompressor.

Im Archiv des Verfassers befinden sich Aufnahmen von Renneinsätzen des ebenfalls aufgeladenen Vorgängermodells NSU 5/25 PS. Eines davon haben wir hier als Fund des Monats gezeigt.

Hier nun ein weiteres Bild desselben Autos, das 1925 beim Taunusrennen den Gesamtsieg errang und damit diverse Bugattis bezwang:

NSU_5-25_PS_Kompressor_Taunusrennen_1925_Ausschnitt

NSU 5/25 PS Kompressor; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die unbedingte Zuverlässigkeit, der NSU diesen Sieg gegen eine überlegene Konkurrenz verdankte, ließ sich in Verkaufserfolge des „zivilen“ 5/25 PS Modells ummünzen, das von 1925-28 gebaut wurde.

Der neue Typ löst das 5/15 PS-Modell ab, das wir hier anhand einer schönen Originalaufnahme vorgestellt haben. Im ersten Produktionsjahr besaß der NSU 5/25 PS noch einen moderaten Spitzkühler wie der Wagen auf folgender Reklame:

NSU-Reklame_um_1920_Galerie

NSU-Reklame der frühen 1920er Jahre; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Doch schon 1926 erhielt der NSU Typ 5/25 PS einen Flachkühler und – was weit wichtiger war – Vierradbremsen als Extra.

Bis dahin wirkte die Fußbremse nur auf die Kardanwelle und musste durch Einsatz der auf die Hinterräder wirkenden Handbremse unterstützt werden.

Sportlich veranlagte Käufer konnten den NSU Typ 5/25 PS zudem mit längerer Hinterradübersetzung ordern, die eine höhere Endgeschwindigkeit als die offizielle Spitze von 75 km/h erlaubte.

Wer bei dieser Angabe lächelt, hat vermutlich die damaligen Straßenverhältnisse nicht bedacht und kann sich nicht vorstellen, wie schnell sich ein Tempo von 70-80 km/h in einem über 90 Jahre alten Automobil anfühlt.

Einen sportlich bewegten NSU des Typs 5/25 PS sehen wir auf folgender Aufnahme, auch wenn dies erst auf den zweiten Blick deutlich wird:

NSU_5-25_PS_1926_Dierks_Galerie

NSU 5/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses zauberhafte Dokument – so reizvoll sind nur historische Fotos von Vorkriegsautos – verdanken wir Klaas Dierks, der uns bereits einige Vintageaufnahmen aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt hat.

Nicht ausschließen können wir aus dieser Perspektive, dass es sich um ein Exemplar des parallel gebauten, aber deutlich stärkeren NSU Typ 8/40 PS handelt, der für eine Höchstgeschwindigkeit von über 100 km/h gut war.

Von vorne sahen die beiden Wagen praktisch identisch aus, soweit sich dies anhand der spärlichen Dokumente sagen lässt.

NSU_5-25_PS_1926_Dierks_Ausschnitt1

Die Wahrscheinlichkeit spricht aber für den gängigeren Typ 5/25 PS. Offenbar hat sich hier der Besitzer von den sensationellen Erfolgen der Werksrennwagen mit Kompressor zu eigenen wettbewerblichen Aktivitäten inspirieren lassen.

Auf der Motorhaube kann man die aufgepinselte Startnummer 130 erkennen, wenn nicht alles täuscht. Dazu passend weist der Wagen Spuren eines kürzlichen Einsatzes auf. Wie die Sache ausgegangen ist, wissen wir leider nicht.

Doch muss der Besitzer in Sektlaune gewesen sein, als er dieses Foto seiner zierlichen Partnerin schoss. Selbige scheint ebenfalls guten Mutes gewesen sein, denn auf dem Kühlergehäuse eines Autos balanciert man nicht so ohne weiteres:

NSU_5-25_PS_1926_Dierks_Ausschnitt2

Es gehört zu den Privilegien der Beschäftigung mit Vorkriegsautos auf alten Fotos, die einstigen Besitzer genauso zu erleben, wie sie mit diesen Fahrzeugen umgingen.

Generell kannte man keine Scheu, wenn es darum ging, sich möglichst vorteilhaft mit dem eigenen Wagen zu präsentieren – Bilder von Damen, die neckisch auf der Motorhaube posieren, gibt es aus jenen Zeiten zuhauf.

Doch so eine charmante Kühler“figur“, die jedem Modemagazin Ehre gemacht hätte, findet man auch auf Bildern von Vorkriegsautos nicht alle Tage.

Schon gar nicht heute, wo die Besitzer historischer Fahrzeuge hierzulande nur selten so stilbewusst unterwegs sind wie diese ansehnlichen Damen bei den Classic Days 2014 auf Schloss Dyck:

SchlossDyck_2014

Classic Days Schloss Dyck 2014; Bildrechte: Michael Schlenger

Na, meine Herren, wäre das nicht eine Anregung für die beste aller Beifahrerinnen bei der nächsten Ausfahrt?

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.